Kindes und küßte die zarten blauen Äderchen , die sie in Melanie ' s Augenwinkeln entdeckte . Weg , weg mit diesen Sorgen , rief sie , sei heiter , Melanie ! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen . Die gefeierten Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht , als wenn Du dem Lieutenant von Aldenhoven gesagt hättest , er gliche dem Adonis . Was willst du mit dieser Eroberung ? Melanie verzog ihre ernsten , schmachtenden und erschöpften Mienen zu einem Lächeln , dem ein wehmüthiger Zug beigemischt war . Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten , lenkte sie das Gespräch wieder auf Hackert zurück . Gern wollt ' ich beruhigt sein , sagte sie , beruhigt über Alles , was uns Hackert Schlimmes etwa anthun könnte , wenn ich ihn nur überzeugen könnte .... Wovon ? Wovon , Kind ? fragte die Mutter erstaunend . Kehrst Du wieder auf diesen unheimlichen Gegenstand zurück ? Melanie gab anfangs keine Antwort , dann aber sagte Sie : Ich thue Niemanden gern weh . Aber ich bitte Dich , Kind , Erklärungen ! Erklärungen gegen einen solchen Menschen ! Ein halbes Thier ist dieser Hackert .... Mutter ! Ja Melanie ! ... Die Mutter ließ sich in ihrer Auffassung nicht stören und hob absichtlich das an Hackert Ungefällige hervor - ja , Melanie , es ist ein Mensch von einer Unreife , die mir ein Grauen einflößt . Dies Haar , dieser Gang , diese Magerkeit ! Und diese Bosheit , dies verruchte Herz - Du übertreibst .... Nein , Kind , Das ist ein Wesen , wie ich mich entsinne , einst in einer Gesellschaft gehört zu haben , zu der mich Frau von Trompetta mitnahm . Wie hieß das Stück , das der berühmte Dichter vorlas , das Stück , wo ein so unfertiger Halbmensch vorkommt , den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt ? Der Sturm ! Der Sturm , liebe Mutter ! Der Sturm ! Und der böse Gast , den der Zauberer auf der wüsten Insel findet - Caliban ! Caliban ! Das ist ' s ! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz , fähig , seine eigenen Geschwister ... zu verzehren , wenn ihn grade Hunger triebe ! Ein Halbmensch , ohne Gemüth , ohne Liebe , ohne einen Funken edler Hingebung ! Nur sinnlich , nur ein Wesen , das blindlings seinem Instincte folgt .... Er ist krank ... Durch sich selbst ! Die Zerrüttung seiner Nerven , wer verschuldet sie ? Sein Nachtwandeln ist erst über ihn gekommen , als man ihn so grausam verstieß . Als man ihn vollends mishandelte , als Lasally - Nein , die Wuth , der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen .... O Mutter ! Ich weiß , was ihn nicht schlafen läßt ! Ich lasse mich nicht irremachen . Ich habe nachgedacht über Fritz . Ich habe über ihn geweint . Das ist der Mensch , wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne den Sonnenschein des Geistes aufwächst - Ja ! Ja ! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel , als der Sturm vorgelesen und Caliban ' s Charakter erörtert wurde ? Mit diesen Betrachtungen , meinte Melanie , schwatzen wir unser Unrecht nicht weg . Wenn ich ihm sagen könnte : Fritz - Melanie , fiel die Mutter ein , Du wirst doch keine Erörterungen mit ihm herbeiführen , seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen ? Der Schein , Lasally ' s empörendes Benehmen zu billigen , drückt mich .... Nimmermehr ! Wie geht Das ! entgegnete die Mutter besorgt . Die Mißhandlung , die ihm Lasally angethan hat , war roh , aber sie brachte gute Folgen . Sind wir nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben ? Konnten wir sonst einen Schritt vorm Thore , im Park thun , ohne ihn aus den Büschen heraustreten zu sehen ? Konnten wir das Theater besuchen , ohne beim Nachhausefahren ihn im Gedränge der Menschen an unserer Seite zu finden ? Seit einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal , daß er sich wieder in unsere Nähe wagt . Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen zum zweiten male in Acht nehmen .... Erinnere mich nicht , fuhr Melanie entsetzt auf , an diese brutale Scene ! Sie hat mir Eugen , den ich seines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu schätzen im Begriffe stand , aufs tiefste entfremdet . Ich gestehe , daß ich an Lasally Gefallen hatte . Gerade , daß er als geborener Israelit nicht eine einzige der Eigenschaften zeigte , die man sonst an diesem Volke tadelt oder lächerlich finden will , hatte mich zu ihm hingezogen . Sein trockener Witz ist ganz anders als der Witz seiner Glaubensgenossen . Er gibt sich für beschränkter , ununterrichteter als er ist . Er will , während alle seine Glaubensgenossen nach Geist streben , keinen Geist haben und hat ihn . Wie er mich reiten lehrte , that er es mit soviel Bonhommie , soviel Humor , daß ich ihm wahrhaft gut war . Was soll aus mir werden ? Eine Königin ? Eine Herzogin ? Eine Offiziersfrau ? Eine Frau Assessorin ? Ah ... Bah ! Ich konnte mir denken , der Vater stellt dem Eugen durch meine Mitgift seine Finanzen wieder her , wir bauen eine prächtige Arena , den Tummelplatz der ganzen eleganten Welt , wir verbinden sie mit einer glänzenden Erleuchtung , mit Lauben , mit Treibhäusern für Die , welche nach dem Ritte sich erholen wollen . Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen bürgerlichen Sphäre , in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war , der Gedanke , durch die Verbindung mit Lasally könnt ' ich die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt fesseln , mit den schönsten Damen , den elegantesten Männern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln , bis ich freilich durch die größere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugen ' s , der mich in sie eingeführt hatte , ihrer überdrüssig wurde und es bald bemerkte , wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten würde . Es war eine Verirrung . Und doch währte es lange , bis sich meine Phantasie von Lasally , dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen , dem galanten kühnen Reiter und gesuchten , bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter , lossagte . Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Thore , wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muß : Gott , da ist schon wieder Hackert über den Zaun gestiegen ! das Bellen der Hunde Eugen ' s und Hackert ' s klägliches Geheul hörte , als Lasally selbst , wie ein Rasender , seine ganze Kaltblütigkeit aufgebend , nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muß , wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally , Eugen Lasally selbst , ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade über den Kopf hieb , während die Hunde seine Kleider zerrissen - Rege Dich nicht auf ! sagte die Mutter . Laß die Erinnerung , Melanie ! Es ist ein Jahr her . Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt , weil ich glaubte , Du würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen . Ihr verschwiegt mir , daß Hackert auf den Tod lag , sagte Melanie . Der Vater ließ für ihn sorgen .... Ich erfuhr später Alles , fuhr Melanie erregter fort . Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen . Doctor Hammer , der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft begegnete , erzählte mir , daß er Anfälle von Raserei hätte . Wie ein wüthendes Thier schlüge er dann um sich , fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschöpfung , die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge haben würde .... Es ist traurig . Aber was läßt sich thun ? sagte die Mutter bestimmt , jedoch ohne Kälte . Und der Vater handelt edel an ihm .... Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln - in großer Gesellschaft - vor aller Welt ... Meine Verzweiflung , Das anhören zu müssen ! Ich hätte in die Erde sinken mögen - Schon bei uns hieß es , er wandle bei Nacht ! Nie ! sagte Melanie bestimmt . Woher kannst Du Das so bestimmt versichern ? Nie ! sag ' ich ! wiederholte sie der staunenden Mutter . Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon ! Melanie schwieg und warf sich auf die Seite , den Kopf tiefer in das Kissen wühlend . Die Mutter , des Justizraths » gutes Hannchen « , gehörte zu den Wesen , denen nichts unbequemer war , als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen , die nur auf Unerfreuliches führen konnten . Sie war eine durchsichtige , verständige , scharfblickende Frau . Sie ahnte durch Inspiration rascher Etwas , als manche schwerfällige Untersuchung langsam ergab . Aber sie liebte es , sich über Das , was ihr möglich , ja wahrscheinlich dünkte , dennoch keine Rechenschaft abzulegen . Sie wollte das Geschick immer nur en profil , nie en face sehen . So ließ sie denn auch über dies sonderbare » Nie « getrost den Schleier fallen . Sie wußte , daß in ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von dessen zügelloser Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war , von denen das aufgeregte , ebenso über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch » zur rechten Zeit « wie der Vater damals sagte , befreit wurde .... Und so alles Unangenehme vertuschend , verwischend , beschwichtigend sprach sie mit heiterm Ton : Laß Das nun gehen , Kind ! Wir hätten einen solchen Caliban nie ins Haus nehmen sollen ! Es geschah . Es sollte so sein . Wir hatten Mitleid mit dem ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings , hielten ihn höher , als wir ihn hätten halten sollen , und müssen uns vorwerfen , daß wir nicht strenger wachten , als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und sich und Andere zu verderben . Geliebt kann er dich nie im Ernste haben ; denn seine Aufführung bewies es nicht . Es kam später Alles zu Tage , was er war und wie er auf die Zerstörung seiner Jugend wüthete ! Jeannette hat viel gebeichtet . Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag . Am Bureau neben dem Vater schlief er mit offenem Auge . Da mußte er in den Nächten wol mit geschlossenen Augen wachen . Die Lection , die ihm Lasally gab , war nicht nach unserm Sinne , sie war grausam ; aber sie hat ihm gezeigt , daß wir ihn nicht fürchten , mag er auch noch soviel drohen , noch soviel mit seiner Kenntniß der Geheimnisse des Vaters prahlen . Wir boten ihm , wenn er uns nicht mehr belästigen wollte , Geld an ; er nahm nicht mehr , als wir ihm früher schon ausgesetzt hatten , bis er eine Stelle fand . Und doch , sagt man , soll er so träge sein , daß er nicht die geringsten Anstalten trifft , seine Zukunft von der Abhängigkeit , die ihn an den Vater fesselt , zu befreien . Ach ! Kind , es war immer eine böse Natur ! Bald Verschwender , bald geizig . Bald offen , bald hinterlistig . Und welche maßlose Eitelkeit ! Ich will nicht davon sprechen , daß er mit seiner abschreckenden Figur , seinem rothen Haar , seinen abgerissenen Stiefeln und seiner unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann , noch einen Eindruck auf Dich zu machen .... Ist es nicht die tollste Eitelkeit , daß er uns hat sagen lassen , er schone den Vater bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre , wo ihm Dieser versprochen hätte , ihm das Geheimniß seiner Geburt zu entdecken ? Der Vater weiß darum , sagte Melanie . Nicht ein Wort weiß der Vater , sagte ihre Mutter . Er hat einzelne Anzeichen , einzelne kleine Zufälligkeiten entdeckt ( z.B. einen zerbrochenen , bei dem Findelkinde gefundenen Ring ) , die auf ein nicht ganz gewöhnliches Herkommen dieses Menschen schließen lassen ; aber die wenigen Worte , die der Vater einmal bei guter Laune darüber fallen ließ , haben ihm so den Kopf verwirrt , daß er sich einbildet , sicher ein Baron zu sein . Genug von ihm ! Steh ' nun auf ! Sei heiter ! Genieße das himmlische herrliche Wetter ! Sieh ! Sieh ! Die goldene Sonne ! Damit riß die Mutter die Vorhänge auf , der lichte Sonnenschein fiel in das dunkle , plötzlich erhellte Zimmer . Auf ! Auf ! Tummle dich , Melanie ! ermüdete die Mutter nicht zu rufen . Nimm an mir ein Beispiel ! Schon war ich im Bade ! Schon trank ich Wasser an der frischen Quelle im Garten . Wasser , Sonne , Luft , Licht , Blumen ! ... Mädchen , weißt du denn nicht mehr , was schön und jung macht , schön und jung - Erhält ! fiel Melanie schmeichelnd ein , wandte sich und reichte der frisch und rosig strahlenden Mutter die Hand . Indem klopfte es . Wer klopft ? Eine Stimme wisperte am Schlüsselloch : Darf ich ? Jeannette ? Nein , sagte die Justizräthin ; es ist Bartusch . Stör ' ich ? rief Bartusch durch das Schlüsselloch . Kommen Sie heraus ! Es sind merkwürdige Briefe vom Justizrath da . Vom Vater ? Die Mutter ging hinaus . Nach einigen Secunden kam sie wieder und rief : Melanie ! Denke dir , wer angekommen ist ? Erschrecke mich nicht ! Ich rathe nicht gern . Meine Nerven sind angegriffen ... Der Prinz Egon ! So ? Das wissen wir ja schon . Prinz Egon von Hohenberg ! Angekommen ? In der Residenz ? Nein , hier ! Hier auf dem Schlosse . Sonderbar , wie diese Worte auf Melanie wirkten ! Sie kannte den Prinzen nicht und mußte eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein , als dabei interessirt , ihn gerade hier zu sehen , wo sie Alle von seinem Eigenthum fast Besitz genommen hatten .... Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette , ließ Hackert Hackert sein , kümmerte sich nicht mehr um Lasally , nicht um den Intendanten , vergaß die Nacht , vergaß ihr Kopfweh , vergaß ihre Schlaflosigkeit und trieb nur die Mutter an , ihr zur nothdürftigsten Toilette beizustehen . Wie ihre Füße in die seidenen Pantöffelchen schlüpften , die leichten Nachtgewänder abgeworfen wurden , wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit Angesicht und Nacken benetzte , wie sie dazwischen an dem Schellenzug riß , um den Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frühstücks zu geben ... man hätte nicht glauben sollen , daß Dies dasselbe Wesen war , das noch eben wie leblos , ganz in Träumerei und Erinnerung versunken , zwischen den grünseidenen Couverten des Bettes gelegen hatte . Das einzige Wort : Ein Prinz , der Prinz Egon , ist hier auf Hohenberg ! hatte sie elektrisirt . Sie herzte die Mutter und tröstete sie mit den Worten : Laß es nun gut sein , sonst muß ich über mich selbst lachen ! Ja ! Ja ! Wasser ! Luft ! Sonnenschein ! Die Mutter hat Recht . Damit drängte sie die kleine runde Mama , die schon so frisch , so sauber ausschaute , durch die Thür und hüpfte ihr mit den Worten nach : Nun guten Morgen , Bartusch , was haben Sie ? Was schreibt Papa ? Wo ist hier ein Prinz ? Wer hat den Prinzen ? Her mit ihm ! Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette . Einfach , aber sauber . Weiße Halsbinde , weißes Vorhemd , schwarze Weste , grauer Überrock , weite lichte Beinkleider , Schuhe mit grauen Kamaschen . Er wiederholte die Zeichen , die Stillschweigen bedeuten sollten , mit um so größerm Nachdruck , als ein Diener in Schlurck ' s geschmackvoller Livree eintrat und das Frühstück beim offenen Fenster auf einem runden Tische auftragen wollte , an dem zwei Sessel standen . Bartusch ließ ihn gewähren . Als er gegangen war und einige kleine Befehle , die Melanie ' s Ungeduld folterten , für die Wirthschaft mitgenommen hatte , schloß Bartusch wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief , der diesen Morgen von der Residenz mit einem Expressen angekommen war , viele geschäftliche Anweisungen des Justizraths und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt : » Schließlich , liebster Bartusch , mach ' ich Sie auf ein merkwürdiges Gerücht aufmerksam , das hier zu meiner Kenntniß gelangte . Prinz Egon ist vor einigen Tagen hier angekommen und hat sich , wie man für gewiß behauptet , in einer Verkleidung nach Hohenberg begeben . Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt . Wenn er wirklich streng incognito reist , um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich Hohenbergs Zustände anzusehen , würde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner Person , die ich nicht einmal ganz geben kann , wenig nützen . Doch dürfte es immer rathsam sein , wenn Sie sich merken wollten , daß Prinz Egon mir allgemein jetzt als ein ziemlich schlankgewachsener , doch nicht übergroßer junger Mann von mehr lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird . Seine Augen wären braun , seine Hände und Füße zierlich , was weiß ich von den Schönheiten allen , die er besitzen soll und über die man am besten thäte , erst bei den schönen Frauen in Paris Erkundigungen einzuziehen . « Überflüssige Anmerkung , die wol von Ihnen kommt ? unterbrach Melanie den schmunzelnden Vorleser ... Dieser fuhr fort : » Das Beste an der Sache ist , daß ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf seiner Incognitoreise gesehen habe . Im Heidekruge , bei dem ehrlichen Manne , dem Volksfreunde Justus , der mich mit seiner Verwendung für meine schönauer Wahl betrügen und sich selbst wählen lassen wird , lernt ' ich einen jungen Mann kennen , dessen Äußeres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht . Er fiel mir im Gespräch sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf , und da er liberale Ansichten aussprach , bin ich überzeugt , daß es der Prinz war , den die diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Communisten bezeichnet hat . Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne , hatte dieser Fremde hellbraunes Haar , trug sich mit einem der modernen Bärtchen , deren Namen ich nicht kenne , war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach höchst angenehm und fertig . Folgen Sie diesem Signalement . Forschen Sie Egon ' s Schritten nach . Begierig bin ich , was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt . Möglich , daß seine geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen könnte , die Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Gläubigern seines Vaters abzufinden . Sie fühlen , daß mir mit einem solchen Entschlusse wenig gedient sein kann , denn er würde meine Administration aufheben , die doch , so Gott will , bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreißig Jahre über mein kühles Grab noch hinausdauern könnte . Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in unserm Verhalten zu ihm den Weg ein , der Ihnen der nützlichste scheint . Entdeckt er sich nicht , so wär ' es am gerathensten , ihn harmlos von selbst aufzusuchen und unter irgend einem Vorwande im Schlosse anständig zu fesseln , ohne daß man dabei sein Incognito verletzt . Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge Melanie ... « Helfen ? Ich ? sagte Melanie fast erröthend . » Melanie « , fuhr Bartusch zögernd fort ; » der ich übrigens wünschen muß ... « Die Mutter nahm den Brief , den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte , zögernd . Melanie , gespannt und ungeduldig wie sie war , wollte kein Geberdenspiel und sagte , indem sie den goldenen Kaffeelöffel vom Munde absetzte und in die Tasse senkte : Was soll es denn mit der guten klugen Melanie ? Was ist ihr zu wünschen ? Sie kann es hören , meinte die Mutter , die weiter gelesen hatte . Ich sagte ihr ja schon , welche Belästigungen uns bevorstehen , da sich Hackert erlaubt hat , hierher zu folgen . Der Vater warnt uns vor ihm , da er ihn auf dem Heidekruge gesehen hätte und vermuthen müsse , er würde die Dreistigkeit haben , sich hierher zu begeben . Er bedauere , schreibt er , nicht gefragt zu haben , auf welche Veranlassung Hackert im Heidekrug wäre ... Lassen wir Das , sagte Melanie , und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen . Was weiß man von ihm ? Ist Jemand angekommen , der dem Signalement ähnlich sieht ? Schöne Kennzeichen sind das ! Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten zurecht ? Lichtbraunes Haar , zwischen blond und braun in der Mitte spielend - ein unglaubliches Phänomen ! Und die kleinen Hände und Füße , der namenlose Bart und die Französinnen , die Papa wol hätte auslassen können ! Er meint die Gräfin d ' Azimont , von der ich schon gehört habe .... Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken , es fände sich in dem wider Schlurck ' s Gewohnheit sehr langen , aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung begründeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum . Wie in einem Frauenzimmerbriefe ? sagte Melanie . Während sie ihr feines von der alten Brigitte jeden Morgen frisch gebackenes Weißbrot zerkrümelte , las Bartusch : » Nachträglich noch eine Notiz für die Erkennung des Prinzen . Soeben war Frau von Trompetta bei mir , um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu sammeln . Sie antwortete mir auf meine Frage , ob sie nichts Genaueres über die Äußerlichkeit des Prinzen Egon wisse , er ähnele , sie sagte es freilich mit sonderbarer Neckerei , dem jungen schönen Maler Siegbert Wildungen .... « Siegbert ? unterbrach Melanie erstaunend .... » Siegbert Wildungen , den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Thee gesehen zu haben . Und in der That .... « Sie erfinden da Etwas , Bartusch , sagte Melanie und riß den Brief an sich . Sie konnte nun selbst weiter lesen : » In der That entsinne ich mich , daß mein räthselhafter Fremder im Heidekrug , nach dessen näherm Reisezweck , Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider zu erkundigen vergessen habe , mir den Eindruck einer großen Ähnlichkeit mit Jemanden machte , den ich erst kürzlich mußte gesehen haben . Möglich , daß sich mir die Gesichtszüge des jungen Malers Wildungen von den kleinen Theegesellschaften eingeprägt haben . Ich könnte Ihnen von Egon ' s hiesigem Auftreten mancherlei Wunderliches erzählen , besonders von seinem Reisebegleiter , einem Franzosen , Namens Louis Armand ; doch verspar ' ich Das auf Eure Rückkunft . Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei , Kinder , daß der Haß , mit dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt , sich mildere und die ungemein wichtige Verständigung , die ich mit ihm durchführen muß , vernünftig abläuft .... In großer Eile ! « .... Siegbert Wildungen ! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer Gesichtszüge , der vielleicht sagen sollte : Wie mischt sich dieser reine Name in meine Lust und meinen Frohsinn ? Diese Trompetta ! sagte sie zur Mutter . Es ist kein Wort wahr , daß Prinz Egon dem Maler Siegbert Wildungen ähnlich sieht ; sie wollte mir nur den Stich geben : Bedenke , wen du schonen solltest ! Bedenke , wer dich zu lieben vorgiebt ! Der sanfte gute Siegbert ! Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier . Ich wette , diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen : Melanie , verlieb dich nicht in den Prinzen , nicht in die Excellenz , den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder , sondern denk ' an Siegbert ! ... Bei all ihrer Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf . Und , Fräulein Melanie , sagte Bartusch , hier ist noch eine frühere Stelle des Briefes , die wir übersehen hatten . Ich will nun nichts mehr wissen , antwortete das Mädchen träumerisch , von der Erwähnung Siegberts erschreckt . Vorher noch , fuhr Bartusch fort , ohne sich irremachen zu lassen , vorher noch , sagte der Justizrath - die Erwähnung des Fritz machte , daß wir die Stelle übersprangen .... Welche denn ? » Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen . Die Trompetta hätte erzählt , er wäre darüber bis aufs äußerste entrüstet . Frau von Trompetta hätte bemerkt , man beabsichtige bei Hofe vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren , als Anerkennung für ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes .... « Der Vater schriebe Das ? rief Melanie lachend ; von dieser blonden Magdalena ? Das sind satyrische Arabesken ! Sie nahm den Brief , fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu : Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen , auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten ? Gebt Acht , Das wird eintreffen ! Ihm raubt ein liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter . Der alte Fürst , der Alles verspielt und vergeudet hat , opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes . Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung , und statt sie dem Sohne zurückzugeben , schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine , die es darauf anlegt , eine geschichtliche Person zu werden . Das seh ' ich vor mir ! Der Prinz bittet um die Erlaubniß , bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen . Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und küßt die Stickereien , und vergißt sich und küßt auch die Hand der Flottwitz , die ihn erobern wird mit Gott für den König , das Vaterland und für - sich ! Nein , nein , diese Verschwörung ist entdeckt , die Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so , daß der Prinz Egon nicht der Gräfin d ' Azimont , nicht der Flottwitz gehört , sondern zu unserer Fahne schwört , und Das gleich . Fort Bartusch , holen Sie ihn nur her ! Wo ist der Prinz ? Die Mutter rief lachend : Gemach ! Gemach ! Es ist mein Ernst , sagte Melanie , sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf , daß die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten . Nur ruhig ! Nur behutsam , bitt ' ich , meinte Bartusch , der gewohnt war , sich immer streng an des Justizraths Befehle zu halten . Discretion ! Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht , bemerkte die Mutter , ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist . Darüber , sagte Bartusch pfiffig , darüber kann ich Bericht erstatten .... Rasch ! Bartusch ; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf ! Muß ich nicht ? Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Gründlichkeit ... Nichts von Gründlichkeit ! Die Mutter erläßt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage ! Also ... ? Erstens hätt ' ich denn zu melden , fing Bartusch behaglich an , daß die alte braune Kuh , die Frau Justizräthin so lieb haben ... Was ? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee . Fort doch mit der alten braunen Kuh ! Laß ihn nur , meinte lächelnd die Mutter . Es ist besser , in solchen Dingen nichts zu übereilen . Du weißt , wieviel dem Vater an der Administration liegen muß .... Aber die alte braune Kuh ! ... Die vorgestern vom grünen Abhang fiel , ist wiederhergestellt ; der blinde Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmüthige Justizräthin . Weiter ! Zweitens , die kranke Frau Müllerin - Bartusch ! Ich sterbe ... Laß doch Kind ! Was ist mit der Frau Müllerin ? Sie will nicht aus der Mühle ... Wirklich nicht ? Sie will da sterben , wo sie gelebt hat . In dem dumpfen , feuchten Gemäuer ? Bei dem ewigen Klappern der Räder ? Bei dem Schaume , der fast auf ihre Betten spritzt ? Wie kann da die Frau je gesund werden ? Hannchen Schlurck war wirklich außer sich über diese hartnäckigen Gewohnheitsmenschen ; aber Bartusch sagte : Leben in der Mühle und sterben in der Mühle . Doctor Reinick meinte auch : Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen . Melanie konnte über die Spannung , in der sie Bartusch erhielt , nicht entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen , die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste für das Einathmen einer gesunden Luft thun .... Drittens , der Bauer Sandrart ... Ach ! Ach ! schmachtete Melanie , fast verzweifelnd . Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen , vor uns die Mütze abzunehmen , wenn wir in den Ullagrund fahren . Warum nicht ? sagte die Mutter aufwallend . Der Justizdirector meint , es wäre nun einmal der reichste , freieste und impertinenteste Mensch im ganzen Fürstenthum .... Jetzt , da sein Sohn in der Garde sogar Sergeant geworden wäre , käm ' ihm Keiner gleich , es wäre denn der Fürst von Hohenberg selbst .... Egon