» Vorschreiben wird er dir nicht , wieviel Butter oder Schmalz du ins Gemüse tun sollst und wieviel Kaffeepulver in die Kanne , wird dir weder die Eier nachzählen noch das Mehl kellenweise messen ; so kannst du immer das rechte Maß halten , wie du es vor Gott und Menschen zu verantworten meinst . Verliere den Mut nicht , sonst ist alles verloren . Laß dich auch nicht unterdrücken in Gram und Sorgen , daß du lauter trübselige Gesichter machst und lauter maßleidige Worte von dir gibst . Dann hat es auch gefehlt . Ich meine nicht , du sollest jubilieren wie ein Hagspatz oder ein Buchfink , das klänge wie Trotz und würde Uli ärgern ; aber freundlich sollst du sein , lieblich fragen und antworten , kein bös Wort aus deinem Munde lassen . Sieh , in solcher Trübsal sollte die Frau immer die Haussonne vorstellen . Du weißt ja , wie wohl einem Kranken , welcher das Fieber hat oder die Auszehrung , die Sonne tut , wie er sich gestärkt fühlt und halb gesund , wenn er eine Stunde daran gesessen ist . So geht es auch einem Menschen , der an der Seele krank ist und das Bessere in ihm die Auszehrung hat ; Freundlichkeit und gute Worte tun ihm doch wohl , sie alleine vermögen zu erhalten das Bessere , bringen wieder gute Stunden , mildes Hauswetter , die vergangene Traulichkeit , habe das vielhundertmal erfahren . Ich sagte Joggeli wohl harte Worte , so hart , wie er sie ertragen mochte , aber waren sie gesagt , so wars vorbei . Ich gab guten Bescheid , zeigte guten Mut , dann war er auch wohl dabei und froh , mit mir ein vertraulich Wort reden zu dürfen . Das machte , daß er mir nicht von Hause schlug und ich immer wußte , was er tat und wollte . Mag einer die Freundlichkeit nicht mehr ertragen , macht sie ihn nur böser oder flieht er sie , dann steht es schlecht , dann hat seine Seele die beste Handhabe verloren , und zumeist schlägt er auch von Hause . « Die Weiber mögen urteilen , ob der Rat der Base richtig oder unrichtig war ; Vreneli glaubte daran und versuchte ihn , wenn er auch schwer war in seiner Ausführung . Das Andauernde , Stätige ist viel schwerer als einzelne Heldentaten , oft Früchte flüchtiger Aufwallungen . Schwer ists , immer liebenswürdig zu bleiben , wenn das Herz voll Leid und Kummer ist . Man stoße sich nicht etwa am Worte liebenswürdig ; wir halten dafür , Weib sei Weib , stehe es am Herde oder im Tanzsaale , manöveriere es im Salon oder vor dem Schweinestall , und meinen , es könne und solle allerwärts wahrhaft liebenswürdig sein . Denn die wahre Liebenswürdigkeit hängt nicht am seidenen Kleide oder an himmlisch gekämmten Haaren , sondern am Herzen , welches sich auf einem freundlichen Gesichte spiegelt . Man halte es auch nicht für Heuchelei , wenn man ein freundlich Gesicht mache , während das Herz voll Leid und Kummer ist . Leid und Kummer sind Zustände , welche man immer zu überwältigen , ihr Weitergreifen zu verhindern hat . Jeder Zoll Haut , welche man von ihnen befreit , ist großer Gewinn . Gewinnt man ihnen gegenüber ein ganz freundliches , gesundes Gesicht ab , so hat man nicht bloß ihnen etwas abgenommen , sondern man hat eine Macht gegen sie gewonnen . Denn solange man ein freundlich Gesicht macht , fühlt man Leid und Kummer weniger , sie verlieren ihre Schärfe , milder wird ihr Schmerz . Und die Kraft , welche man zu einem freundlichen Gesichte braucht , ist ja eben auch die Kraft , welche Kummer und Leid verzehrt , welche zu der Stärke führt , welche spricht : Der Herr hat es gegeben , der Herr hat es genommen , der Name des Herrn sei gelobt ! Kömmt einmal der Mensch dazu , diese Kraft zu suchen und zu versuchen , dann ist das Bessere in ihm erwacht , der erste Schritt zur Genesung getan . Nun ist auf der Welt nichts vollkommen , vor allem alle Anfänge nicht , und nichts Böses weicht aus dem Menschen ohne den hartnäckigsten Widerstand . Es geschah Vreneli , daß das zurückgepreßte Weh unwillkürlich ausbrach , daß es weinen mußte die hellen Tränen , es mochte wollen oder nicht . Dann machte es , wie es sein soll , den Pfarrer und versuchte sich selbst tapfer abzukanzeln , daß es so nötlich tue . Es sei ihnen doch eigentlich gar kein Unglück begegnet , kein Kind sei ihnen gestorben , keine Krankheit habe sie geschlagen , Not sei keine da , wenn auch das Jahr ein ungünstiges sei ; das wisse man ja zum voraus und müsse sich darauf gefaßt machen , daß gute Jahre mit bösen wechseln , und sie vermöchten es doch zu ertragen , Rückstände hätten sie ja keine , sondern Geld im Vorrat . Und wenn sie schon Verdruß von den Dienstboten hätten , so sei das allerwärts , wo man solche habe , das sei nicht wohl anders zu machen , in einem andern Jahr sei es vielleicht besser . Aber es ging Vreneli mit seinem Predigen , wie es vielen andern Pfarrern auch geht ; wie schön und richtig es auch predigte , es wollte doch nicht anschlagen , der böse Feind nicht weichen . So sei es wohl , sagte der Teil in ihm , welcher nicht den Pfarrer machte , aber es könne in Gottes Namen nicht helfen . Nicht Geld und Not liege ihm im Herzen , sondern was ganz anderes , es könne fast nicht sagen was . Aber es sei nicht mehr wie ehedem , es sei , als tappten sie im Nebel , wüßten nicht mehr Steg und Weg und fänden ihn nimmermehr . Wie man in einen bösen Luft kommen könne , man geschwollen werde über und über , daß man die Augen nicht mehr sehe , so müßte auch an sie ein böser Luft gekommen sein , aber an ihre Seelen , daß sie einander selbst nicht mehr kennten , und seien sie doch Mann und Frau . Dann liege ihm so schwer auf dem Herzen ein Bangen , es wisse nicht vor was , aber vor einem großen Unglück . Es sei ihm , als stehe vor ihm eine große schwarze Wolke und in der Wolke ein grausig Etwas , es wisse nicht was , aber es erwarte mit Zittern und Beben , daß es herausfahre und ihns verschlinge und alles alles mit . Dieses Weinen , Predigen , Bangen versteckte Vreneli bestmöglichst vor allen , aber am Neujahrstage vermochte es dieses nicht , die Brunnen der Tiefe brachen unwillkürlich auf . Wie der liebe Gott größere und kleinere Lichter gemacht hat am Himmel , welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den Menschenkindern , so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefühl in die Seele gelegt , welches die schwindenden Tage mit Bangen zählt und mit Zagen jedes neu zugemessene Jahr betrittet ; denn am Ende der Tage ist der Tod , und im neu angetretenen Jahre kann man treten auf diesen Tod . Es ist überhaupt jedes Jahr , welches kömmt mit seinen 365 Tagen , eine dunkle Wolke , schwanger mit Tod und Not , mit Freude und Lust . Wie diese Wolke tritt in die Zeit hinein , wird es lebendig in ihrem Schoße ; die Wolke glüht , speit Blitze aus , zahllos , ununterbrochen , blitzt ins ohnmächtige Menschengeschlecht hinein Not und Tod , Lust und Freude , Millionen fallen , Millionen weinen , Millionen jauchzen auf , verstummen wieder , wenn von entgegengesetzter Seite her millionenfacher Jubel schallt . Als nun früh am Neujahrsmorgen Vreneli erwachte , berührt sich fühlte von der schwarzen Wolke Rand , war es ihm , als höre es das Schmieden der Blitze , welche fahren sollten durch sein Herz , es füllen mit Not und Tod . Ein unendlich Bangen ergriff ihns , ein unaussprechlich Weh , in lautes Schluchzen brach es unwiderstehlich aus . Uli erwachte darob , fragte bestürzt : » Vreneli , was hast , was fehlt « Lauter noch schluchzte Vreneli , aber Worte fand es nicht . Uli ward angst , er wollte Licht machen , wollte nach Hoffmannstropfen gehen , endlich konnte Vreneli sagen : » Ach , Uli , mein Uli , es ist mir so bang , so angst , aber Tropfen helfen nichts . Es ist nicht mehr wie ehemals , die böse Welt kam über uns und zwischen uns , und mir ists , als stehe vor uns ein groß groß Unglück ; noch ist Nacht darum , ich höre wohl sein Schnauben , aber seine Gestalt sehe ich nicht . Wie soll das gehen , wie wollen wir es ertragen , wenn wir einander nicht mehr verstehen , du so mißtrauisch , so unzufrieden bist mit mir , allen Andern mehr glaubst als mir Ach Uli , mein Uli , das dauert mich so sehr , drückt mir fast das Herz ab . « Uli war nicht hart , stieß das sich öffnende Herz nicht wieder zu , und warum ? Weil Vreneli nicht alle Tage jammerte , weil dieser unwillkürliche Ausbruch der erste dieser Art war , welchen Uli erlebte . Wer alle Tage Pillen schlucken muß , den widern sie entweder so an , daß er das Gesicht jämmerlich verzieht oder kaltblütig schluckt , als ob es gewöhnliche Brotkügelchen wären . Uli war auf eine gewisse Weise freudig erschrocken . Er hatte Vrenelis Freundlichkeit nicht begriffen , sie nicht selten für Gleichgültigkeit , Leichtsinn oder gar Bosheit genommen . Es geht so , wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder nicht in einem Höhern den Einklang findet . Es geht so in der Richtung dieser Zeit , wo jeder Lümmel jeden , der nicht in sein Horn bläst , nicht bloß für einen Esel , sondern für seinen Todfeind hält , in der Richtung dieser Zeit , wo der dreckigste Kuhjunge oder der vierschrötigste Bärenwirt mit Dolch und Pistolen umherfährt und jeden ersticht und dann erschießt , der nicht Gax nachsagt , wenn er Gix vorgesagt ; es geht so bei der zunehmenden Dummheit , welche man für Weisheit hält , welche aber nichts ist als die eintönigste Janitscharenmusik , verbunden mit Spießen , Hängen und Kopfrunter , wenn einer einen Ton fehlt . Es reißt eine Intoleranz ein , gegen welche die der Pharisäer ein Liebkosen war , welche alle Gebärden der französischen Revolutionsmänner nachäfft . Es ist aber kurios , wenn mal dieser Wind weht , man heißt ihn den Zeitgeist , so wird alles davon ergriffen mehr oder weniger , jeder in seinem Verhältnis . Wer hat schon einen großen Wirbel in einem Flusse gesehen , oder wenn man will einen Wasserfall , den Rheinfall zum Beispiel ? Da kommen die Wasser angezogen , klar , ruhig , majestätisch . Wie sie in Bereich des Wirbels kommen , werden sie unruhig , verlassen den natürlichen Lauf , müssen in den Wirbel hin , ein , müssen schäumen , sich drehen , müssen auf den Grund . Allmählich löst sich der Zwang , sie werden frei , ziehen weiter , aber noch schäumend , kochend , bis allmählich die Ruhe wiederkehrt , der feierliche Gang , die majestätische Haltung . Solche Wirbel sind auch im Strome der Zeiten , und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers erscheint , so ist es im Zwange dieser Wirbel , und dieser Zwang herrscht nicht bloß in der Mitte der Strömung , wo die hohen Häupter schwimmen , die sogenannten Lichter des Jahrhunderts . Ach nein , und dieses ist eben das Erbärmliche und Demütigende : ins gleiche Loch werden gewirbelt die Größten , die Kuhjungen , die Irländer , die Waadtländer und Hausväter , welchen die Weiber nicht Gix nachsagen wollen , wenn sie Gax vorgesagt , und Hausweiber , welche Zeter schreien , wenn der Mann nicht alle anspuckt , welche ihns angrännen . Um Politik bekümmerte sich nun Uli nichts , aber der Wirbel hatte ihn doch erfaßt , der Wirt hatte die Verbindung vermittelt . Darum war er diesmal um so teilnehmender und meinte : » Jä , ja lueg , es ist mir auch schon lange bange und es freut mich , daß es dir auch kömmt . « Nun mußte Vreneli freilich sich erläutern , und das ist nicht leicht bei solchen Umständen und bedarf einer zarten Hand . Indessen diese hatte Vreneli , und indem es Ulis Bangen nicht schnöde und radikal zurückwies , sondern in seinem Werte gelten ließ , fand es auch mehr oder weniger Geltung für das seine , fand ein schönes Neujahrkindlein , fand eine freundliche Verständigung , hatte einen milden Tag , und doch wollte die Beklommenheit nicht von ihm weichen , das Weinen war ihm immer zuvorderst . Es war ihm , als sollte es von jemand Abschied nehmen , und wußte nicht von wem . Hatte es das kleine Vreneli auf dem Schoße , so meinte es , es gelte dem , und küßte es , bis auch ihm das Weinen kam . Hatte es den Johannes , so war es ihm ebenso und es machte es ihm gleich . Es ging ihm mit der Base so , ließ sie aber nicht , bis Beide die hellen Tränen weinten und die Base endlich sagte : » Nimm dich zusammen und tue es aus dem Kopf ! Du machst mir sonst Angst , solches bedeutet manchmal etwas und manchmal nichts , aber was nützt es , wenn man vorher so ängstet und sich grämt ? An der Sache macht man doch nichts . Am besten ists immer , man sei zweg auf alles und nehme unterdessen , was kömmt , mit Dank . Komm , ich habe ein Kaffee zweg , nimm ein Kacheli , es bessert dir dann ums Herz . « Es ist wohl nichts auf der Welt und von der Welt , was einem Weibsbilde so wohl macht und so guten Trost gibt , als ein Kacheli guten Kaffee . Vierzehntes Kapitel Von Verträgen und allerlei Künsten und Kniffen Drei Jahre waren bald verflossen , seit Uli die Pacht angetreten hatte . Der Akkord war ziemlich vorsichtig geschlossen , dank dem Bodenbauer , welcher in solchen Dingen Erfahrung hatte . Es ist wohl nichts schwerer , als solche Akkorde so abzufassen , daß nicht jeder Artikel ein Tor zu Mißhelligkeiten oder zu einem Prozesse wird . Es gibt Spitzbuben von Lehenherren , hohe und niedere , welche eine eigene Kunstfertigkeit im Abschließen solcher Verträge haben , eine Kunstfertigkeit ähnlich der , welche Katzenhändler haben sollen . Es soll nämlich solche geben , welche so geschickt eine gekaufte Katze zu enthäuten wissen , daß dieselbe lebendig davonläuft und unversehens ihren frühern Eigentümern vor der Türe sitzt . Also Pachtherren gibt es , welche regelmäßig alle ihre Pächter enthäuten , so daß diese sich noch glücklich preisen , wenn sie endlich mit dem nackten Leben entrinnen können . Solche Pachtherren hat man nicht bloß in Irland , sondern auch in der Schweiz , und zwar Liberale von Farbe ! Kurios ! Oder aber der Akkord wird in holdseliger Stimmung geschlossen . Man ist gut Freund oder verwandt oder hat sich endlich gegenseitig gefunden in süßer Liebe . Der Pächter sagt dem Lehnsherrn , er sei ein Engel , der Lehnsherr sagt dem Pächter , er sei ein halber Engel , sie reden vom ewigen Frieden ; und nicht selten ists , daß sie wirklich zu singen anfangen , und wenn sie auch nicht singen wie die Engel im Himmel , so meinen sie es doch . In einer solchen Stimmung findet man hundert Dinge nicht nötig auf das Papier zu bringen . Bald sagt der : » Das versteht sich von selbst , ich müßte mich ja schämen , « bald sagt es der Andere . Ja es würde nichts zu Papier gebracht , wenn es nicht wäre wegen dem allgemeinen Gebrauch oder wegen Leben und Sterben , was aber Beide nicht zu erleben hoffen , wie sie sagen . Ja , aber Stimmungen sind veränderlich , besonders wo Weiber dabei sind und eine Pacht im Spiel , wenn allerlei Produkte zu entrichten sind und allerlei Vettern und Basen ab- und zugehn . Stimmungen sind gar wunderlich ; was uns lieblich dünket in einer Stimmung , kömmt in einer andern uns schauerlich vor , der Mensch , mit dem wir sangen in himmlischer Harmonie als wie die Engel , kann uns später als das bockfüßigste Untier erscheinen , mit Lastern gespickt ärger als der alte Hiob mit Eiterbeulen . Dann geht erst das Jammern an . » Ei nein aber , dem hätte ich es doch nicht angesehen , wie man sich doch täuschen , wie ein Mensch sich verstellen kann ! Ei nein aber , das hätte ich doch niemand geglaubt ! « Nach dem Jammern kömmt das Zanken und endlich das Prozedieren . Wo liegt der Fehler Gewöhnlich auf beiden Seiten , wie man zu sagen pflegt . In ihrer holdseligen Stimmung hatte jeder dem Andern das Beste verheißen , im Grunde aber jeder auf des Andern Gutmütigkeit spekuliert , von ihr viel größern Vorteil erwartet als von geschriebenen Bedingungen ; der ganzen schönen Geschichte lag also eigentlich Eigennutz zugrunde , freilich Vielen unbewußt , und wenn Eigennutz an Eigennutz wächst , so gibt es Reibungen , Zank , und endlich geht es ans Prozedieren . Nun , auf solch wandelbarem Fundamente ruhte Ulis Akkord nicht , aber nicht durch seine Schuld , sondern der Bodenbauer hatte Vorsehung getan . Einen Punkt hatte er jedoch nicht umgehen können , den Joggeli ausdrücklich begehrte und wider den Uli nichts hatte , weil er ihn für sich selbst vorteilhaft erachtete . Der Akkord war auf sechs Jahre gestellt , aber im dritten Jahre hatten beide Teile das Recht , aufzusagen , wenn es ihnen nicht mehr anständig sei . Joggeli dachte , wenn er sehe , daß es Uli zu gut gehe oder zu schlecht , so könne er zu rechter Zeit das Heft wieder zur Hand nehmen . Uli dachte , wenn es ihm übel gehe , er sein Auskommen nicht hätte , könnte er das Joch abschütteln , ehe er ganz zugrunde gerichtet sei . Nun ward Joggeli von seinen beiden Kindern gerupft , viel ärger als eine Gans von ihrer Meisterfrau . Eine Frau rupft ihre Gans doch selten mehr als zweimal im Jahre , wartet , bis Flaum und Federn einigermaßen nachgewachsen sind . Der arme Joggeli konnte kaum zählen , wie oft des Jahres an ihm gerupft wurde . Man rupfte und fragte nicht , wie groß Flaum und Federn seien , wenn sich nur irgend was rupfen ließ . In einem so gerupften Menschen entsteht der Trieb , den Schaden einzuholen und wieder zu rupfen . Wenn einer einen Verlust erleidet , sei es im Handel , im Spiel oder durch Nachlässigkeit irgendwie , so entstehen augenblicklich Gedanken , wie die Lücke auszufüllen sei , an wem man sich wieder er , holen könne . Da wird die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit verdammt in Versuchung geführt . Solange es einem gut geht , da ist ehrlich sein leicht , aber wenn das Glück ; umschlägt , wird der Teufel los . Daß der baumwollene Tochtermann beständig auf den Pachtakkord schimpfte , Joggeli vorwarf , wenn er gehörig aus seinem Gute zöge , hätte er auch mehr und bessere Federn , versteht sich von selbst . Nun war Joggeli dieser Punkt im Vertrage beigefallen . Er dachte , der ließe sich wohl zur Rupfmaschine machen , aber von diesen Gedanken sagte er seiner Frau wohlweislich nichts . Joggeli hatte auch ein Gewissen , aber es merkwürdigerweise nicht auf Gott , sondern auf seine Frau gestellt . Bei allen Kniffen und Schelmereien , welche ihm beifielen , schämte er sich nie vor Gott , sondern er sagte : » Mußt machen , daß sie es nicht merkt ; vernimmt sie es , muß ich wieder der wüsteste Hund , der größte Unflat sein , « oder : » Ja , wenn die nicht wäre , da ließe sich was machen , dem wollte ich es zeigen ; aber wenn sie es vernehmen würde , weiß der Teufel , wie die täte , ich wäre niemals sicher . Es wird doch besser sein , ich lasse es unterwegs . « Joggeli wird nicht der einzige Mann sein , der ein also gestelltes Gewissen hat , und wir denken , Gott wird nichts darwider haben , sondern hat eben deswegen einem solchen Züttel von Manne eine solche Frau geordnet . Er begann bei Uli sachte anzuklopfen , wie sie es mit einander hätten , er werde es wissen , daß es jetzt Zeit sei , zu oder abzusagen ; wie er willens sei ? Uli hatte allerdings diesen Punkt vergessen , und weil er ihm weiter keine Bedeutung gegeben , so sagte er : Er wisse nichts anders und sei gesinnet zu bleiben , wenn er Joggeli anständig sei und ihm nicht zuwider gedient . Reich werde er nicht dabei , aber wenn er zum Lande recht sehe , es verbessere , daß es mehr Sachen gebe , so gehe es in Zukunft besser und es sei auch Joggelis Nutzen . Klagen wegen Ausnutzen oder schlechter Arbeit oder sonst wolle er nicht , sagte Joggeli , aber Uli gebe schier zu wenig Zins , das dünke ihn und Andere auch . Uli hätte die Pacht um einen hellen Spott . Erst gestern habe ihm einer gesagt , zweihundert Taler mehr wolle er ihm Zins geben und bar vorauszahlen , wenn er wolle . Da ward Uli zornig und sprach : » So macht es mit ihm , « und ging in den Stall . Da stund Joggeli wie Butter an der Sonne , denn es war nicht wahr , daß ihm jemand etwas geboten . Freilich war es möglich , diesen Augenblick so viel Pacht zu erhalten , aber vielleicht von einem Pächter , der sich mästete und das Gut ermagern ließ . Einen Pächter wie Uli , der zahlte und zum Gut sah , als wäre es sein eigen , verlor Joggeli nicht gerne , so viel Verstand hatte er . Wie ein Kind , welches einen Topf mit Milch umgestoßen und es der Mutter eröffnen will , ohne Schuld daran zu haben , steckelte er endlich heim , setzte sich auf den Ofentritt und sagte endlich : » Mit dem Uli ists nicht mehr auszuhalten , er ist ganz kolderig und so brutal wie ein junger Landjäger . « » Was hast mit ihm ? « frug die Mutter , » ihr werdet ja sonst so gut mit einander fertig . « » Gesagt hat er mir , « antwortete Joggeli , » ich könne seinetwegen einen andern Pächter suchen , er begehre das Gut nicht wieder . « » Du wirst ihn böse gemacht haben , « antwortete die Base , » so mir nichts dir nichts hat er dir das nicht gesagt , das weiß ich . « » Nichts habe ich gesagt , « antwortete Joggeli , » gar nichts . Ich habe ihn bloß daran erinnert , daß die drei Jahre da seien , wo wir einander aufsagen könnten , und es nehme mich wunder , was er denke . « » Ah bah , « sagte die Base , » das ist eine Sache , von der ich nichts hören mag . « Drüben tat Uli wie ein angeschossener Eber ; der Streich kam ihm ganz unerwartet , erschien ihm wie eine förmliche Brandschatzung , und gerade jetzt , wo es ihm den Schweiß austrieb , wenn er daran dachte , daß bald der Zins verfallen sei , und er sein vorrätig Geld übersah . Er wollte auf der Stelle fort , andere Schuhe anziehen , um ein ander Gut aus , ein Mann wie er brauche nicht lange zu suchen , er finde was so Gutes als dieses hier ! Der Wirt sei gut bekannt in Bern , dort sei mancher Herr schrecklich froh über einen vertrauten Hausknecht oder einen hablichen Pächter , und solche Plätze seien hundertmal besser als ein solch Gut , wo man sich totarbeiten müßte und am Ende nichts davonbringe als dürre Erdäpfelschalen und einen Haufen Kinder . Er möge die Stunde nicht erwarten , wo er wegkäme von dem alten Schelm , der meine , er wolle ihn jetzt ausnutzen , wie er sich von seinen beiden Blutsaugern ausnutzen lasse . Vreneli tat alles Mögliche , um ihn zu besänftigen , aber seine Worte waren 01 ins Feuer . Alles , was es abbrachte , war , daß er erst zu Mittag esse , ehe er gehe ; es sei bald gekocht , es wolle pressieren . Aber Vreneli dachte nicht ans Pressieren , sondern paßte auf die Base , welche um diese Zeit sich gerne unter ihrer Küchentüre sehen ließ . Diesmal ließ sie nicht lange auf sich warten , und alsbald war Vreneli bei ihr und alsbald wußten Beide , woran sie waren . » Er ist immer der gleiche alte Unflat « , sagte die Mutter . » Wenn es mal ordentlich geht , ist es ihm nicht wohl , er muß alles untereinanderrühren ; wenn er Garn abwindet , so ist ihm nicht wohl , wenn es glatt läuft , er ruht nicht , bis er die Strange verhürschet hat , daß man sie bloß mit Messer und Schere lösen kann . Als Junger soll er die größte Freude daran gehabt haben , den Mägden die Spinnräder zu traktieren , daß sie nicht mehr darüber noch darunter wußten . Aber warte , dem wollen wir diesmal den Marsch machen , denn Ernst ist es ihm nicht . Daneben kann er mich dauern , er muß fort und fort Geld auftreiben und muß daher sehen , woher er es nimmt , und bekömmt er solches , so ist es ihm in acht Tagen wieder abgedreht . « » Ja , « sagte Vreneli , » mich erbarmet er auch , er plagt sich selbst am meisten und merkts nicht . Es gibt viele solche Menschen , welche ihre eigenen Feinde sind und sich immer selbst das Ärgste antun . Es nimmt mich eigentlich nur wunder , warum unser Herrgott , der doch alles so gut gemacht , solche Leute erschaffen hat und immer noch schafft « . » Das wirst einmal vernehmen , « antwortete die Base . » Aber ich denke , wenn sie die rechte Salbe brauchten , so würden die Blinden sehend und die Hinkenden wären nicht mehr lahm . Unser Heiland hat nicht umsonst leiblich Blinde und Lahme geheilt , er will damit sagen , daß er auch da sei für die geistig Blinden und die da hinken auf Gottes Wegen , und wenn sie begreifen , daß sie krank sind , und zu ihm kommen , will er sie heilen , das ist seine Barmherzigkeit . Wer nun den wahren Lebensbalsam , die Wundersalbe nicht brauchen will , der wird ein Blinder und Lahmer und hinterläßt die Krankheit seinen Kindern . Verkehrt hat Gott die Menschen nicht erschaffen , aber verkehrt läßt er sie werden und immer verkehrter , je leichter sie zum wahren Lebensbalsam kommen könnten , denn wer des Herren Willen weiß und ihn nicht tut , wird mit doppelten Streichen geschlagen werden . Doch gehe , mach daß Uli nicht pressiert , dann kann er seine Schuhe abziehen und wieder in die Holzböden fahren . « Rasch brachte die Base Joggeli das Essen auf den Tisch , stellte ihm dann seine Schuhe frisch gesalbet unter den Ofen und seine Kamaschen dazu . » Habe nichts gesagt , daß ich fort wolle , « sagte Joggeli , » warum stellst mir die Schuhe zu recht ? « » Du mußt um einen neuen Pächter aus , « sagte die Base . » Uli will fort , Vreneli hat mir berichtet von einem Herrn , der hinter ihm sei wegen einem bsunderbar guten Platz . Nun will er gehen und sehen , wie die Sache ist , eher als nicht kann die Sache abgemacht werden . « Da tat der alte Gnäppeler sehr zornig , im Grunde aber war er in seinem Herzen sehr erschrocken . So seien die Leute heutzutage , begehrte er auf , kein vernünftig Wort könne man mehr mit ihnen reden . Wenn man ein Wörtchen rede , protzen sie auf , werfen den Bündel vor die Türe . Es werde doch erlaubt sein , seinen Pächter zu fragen , wie sie es mit einander hätten . Was geschrieben sei , sei geschrieben , es nehme ihn wunder , ob es nicht auch für ihn geschrieben sei , und Fragen werde erlaubt sein . » Du hast ja nicht gefragt , « sagte die Frau , » du hast gefordert . « » He nun , so hätte er sich wehren können , das wäre ihm wohl angestanden und erlaubt gewesen , aber nicht so den Kopf zu machen , « zürnte Joggeli . » Nun , « sagte die Frau , » ich war nicht dabei , mach was du willst , ich kann mich darein schicken , habe mich schon in vieles geschickt . Aber such jetzt alsbald einen Pächter , der dir zum Land sieht , die Sach in Ehren hält und zinset auf den Tag . « Es seien viele Leute auf der Welt , sagte Joggeli . Aber rechte zu finden , selb sei schwer , antwortete die Alte , schenkte Kaffee ein und schwieg , während Joggeli allerlei brummte . Noch hatte Joggeli sein erstes Kacheli nicht ausgetrunken