und zur Ordnung , aus christlicher Ergebung in die einmal bestehenden nothwendigen Uebel , aus angeborner Unterwürfigkeit und treuem Gehorsam gegen Vorgesetzte , aus Achtung einmal übernommener Pflichten . Dazu gesellte sich ihm die Furcht der Erfahrung , daß eben , wer die Macht habe , immer Recht behalte , und daß einige arme Arbeiter gegen diese Macht , welche sie beherrschte , nicht das Geringste würden ausrichten können , weder im Guten , noch im Bösen . Deßhalb also mogte er nicht gemeinschaftliche Sache mit den Widersetzlichen machen und zog sich deshalb mit guter Art ganz von dem Schauplatz zurück , auf welchem jene wahrscheinlich ein elendes Trauerspiel aufführen würden ; - und weil er sich sagte , daß er darin ganz verständig und nach seinem besten Gewissen handle , so war er unbefangen genug , dem fremden Geheimrath den wahren Sachverhalt zu sagen . Als aber dieser nach den Führern zu fragen begann , begriff Adam plötzlich , daß nun seine fernere harmlose Aufrichtigkeit häßliche Angeberei sein würde , daß man ihm nun , weil er mit den Kameraden nur keine gemeinschaftliche Sache habe machen mögen , zu deren heimlichen Feind machen wolle , und daß er vielleicht zu ihrem Verderben beitrage , wenn er die Fragen , welche man nun ihm vorlegen mögte , eben so offen und arglos beantworte wie die früheren . Gegen diesen Gedanken schon empörte sich die Deutsche Ehrlichkeit und biedere Freundestreue so heftig in seiner redlichen Brust , daß er den Geheimrath auf die erste verfängliche Frage mit einem plötzlich herausgestoßenen : » Herr ! « förmlich anfuhr . Aber sich sogleich im Innern unwillkürlich selbst zurechtweisend , daß eine solche Heftigkeit wider den ihm doch eigentlich zur andern Natur gewordenen Respect gegen vornehme Leute und Beamte sei und in dem Gefühle , daß Vorsicht zu allen Dingen gut , fügte er dem aufgebrachten » Herr ! « höflich hinzu : » Führer gab es eigentlich ja gar nicht , denn das Ganze war doch nur so ein schnelles Vorhaben und keine lange vorher abgeredete Sache . Einer raunte es dem Andern zu , wie ich schon gesagt : morgen arbeiten wir nicht und das war Alles . Und wie ich sah , daß sie fest entschlossen waren und Gegenrede nur Drohungen hervorrief , so macht ' ich mich aus dem Staub . « » Und wie es nun wirklich abgelaufen , davon wissen Sie Nichts ? « » Wie sollt ' ich auch ? Weil ich eben fort ging , ehe der Teufel los war - gleich gestern Abend . Die Nacht blieb ich dann im nächsten Dorf und heute Mittag bin ich vollends hierher gegangen . « Der Geheimrath ging aufgeregt im Zimmer hin und her , Adam wünschte je eher je lieber von ihm loszukommen , und da er wohl merkte , daß , da Jenem so sehr Viel daran zu liegen schien , über die Sache mehr zu wissen , er wohl noch manche Frage würde beantworten sollen , wie er ' s vielleicht nicht ohne Verlegenheit konnte , so kam ihm ein guter Gedanke , um fort zu kommen , und er sagte : » Heute ist gerade der Tag , wo der Bote Martin von hier nach dem der Eisenbahn nächst gelegnen Flecken geht und Abends wieder zurückkommt , von dem könnte man wohl Etwas erfahren , ich will doch zusehen , wo er steckt , zurück kommt er immer um diese Stunde und dann kann ich Ihnen wohl mehr erzählen . « Dies Mal kehrte sich das Verhältniß um ; die Maus hatte die Katze gefangen . Der Geheimrath ging glücklich in die Falle - er entließ nach diesem Vorschlag Adam gern . Dieser wußte recht gut , daß Martin immer erst einige Stunden später zurückzukommen pflegte - unterdeß kam die Nacht und er selbst war des Verhörs enthoben . Schuhmacher trat nun wieder aus dem Nebenzimmer . » Was sagen Sie - Freund ? « sagte der Geheimrath mit einer vielsagenden Miene . » Freund ! Das ist ein furchtbares Complot ! Gewiß ein sehr weit verzweigtes , dem auf den Grund zu kommen wir Alles aufbieten müssen ! « rief Schuhmacher . » Und Sie wußten davon Nichts ? « » Davon ? ! Mein Gott im Himmel , nein ! Das ist Alles ganz heimlich gekommen - wie der Dieb in der Nacht ! « » Und was führte Sie sonst zu mir ? Und was ließ Sie sonst von staatsgefährlichen Bewegungen in unsrer Nähe sprechen ? Von gefährlichen Feinden der Regierung und der bestehenden Ordnung , die Sie mich wollten nicht unter Studenten , Schriftstellern und Bürgern , sondern in den untersten Classen der Gesellschaft kennen lehren - wenn Sie mich an die Eisenbahnarbeiter - « » Eisenbahnarbeiter , Eisenbahnarbeiter ! « fiel ihm Schuhmacher hitzig in ' s Wort . » Wer hat an Eisenbahnarbeiter gedacht ! Durch diese Entdeckung tritt die ganze Sache in ein neues Licht , in eine neue Phase ! - Fabrikarbeiter - so hieß meine Loosung und das haben Sie übersehen können ! Und ich habe die Eisenbahnarbeiter übersehen - - o , da sind ungeheuere Fehler geschehen - es ist himmelschreiend - « und in hitziger Wuth wie ein Mensch , der mindestens ein verlorenes Königreich bejammert , rannte er in der Stube auf und nieder - endlich warf er sich erschöpft in einen Lehnstuhl - athmete tief auf , fuhr sich mit dem seidnen Schnupftuch über die Stirn , auf welcher große Schweißtropfen standen - athmete tief auf - und hatte die verlorne Fassung wieder . - Gewohnt , sich immer zu beherrschen , im Leben oft die verschiedensten Rollen durchzuführen , die unähnlichsten Masken vorzunehmen , war es ihm eine ordentliche Wohlthat , wenn er sich einmal ohne Zeugen sah , vor welchen er nöthig hatte , seinen innern Bewegungen zwängende Hemmketten anzulegen - dann überließ er sich denselben ganz , ließ sie eine Weile toben , bis er dann nach diesem Aufruhr , sobald er einmal den Entschluß faßte , wieder gefaßt zu sein , gleichsam zu sich selbst sagte : Nun ist ' s genug , und im Moment all ' seine Ruhe wieder hatte . Mit dieser begann er jetzt : » Es sind die Arbeiter in Felchners Fabrik , auf welche ich schon seit einem halben Jahr ein wachsames Auge geworfen habe . Einer von ihnen , Franz Thalheim genannt , hatte ein Buch geschrieben : Aus dem armen Volk - Allen Menschenfreunden gewidmet . Dieses Buch war mir in die Hände gefallen - es enthielt die allerübertriebensten Schilderungen von der Noth der arbeitenden Classen . Ein Arbeiter derselben Fabrik hatte mir dies Buch gegeben . Sie wundern sich , wie ich mit einem solchen Menschen zusammenkam ? - Nun wohl , es war schon längst von communistischen Verbindungen in Deutschland unter dem Fabrikvolk die Rede gewesen - man hatte sie aber noch nie entdecken können - ich hatte mich verbindlich gemacht , daß ich , wenn und wo solche existirten , sie auch würde ausfindig zu machen vermögen . Aber ich wußte . wie ich es anzufangen hatte . Ich begab mich hier in die nächste kleine Stadt - unter einem andern Namen - ich nannte mich Stiefel - und mit einer falschen Haartour unkenntlicher gemacht , begab ich mich in die Vierstuben und Schänken und suchte Verkehr mit diesen Leuten , um ihre Stimmung zu erforschen . Endlich gelang es mir , einen der Fabrikarbeiter bei Felchner mir ganz dienstbar zu machen . Von ihm hab ich immer die gewissenhaftesten Berichte erhalten über das , was seine Kameraden vornahmen . Nachdem ich ihn geworben , kehrte ich wieder in die Residenz zurück und durchspähte andre Distrikte , wenn auch nicht mit gleichem Erfolg . Eines Tages entdeckte ich , wie jener Franz Thalheim einen Bruder als Gelehrten in der Residenz habe , welcher sich plötzlich auf eine auffallende Weise von Weib und Kind trennte und seine Stelle aufgab - Niemand wußte so eigentlich , weshalb ? - Daß er sich auch mit Schriftstellerei beschäftige , war längst bekannt - und solche Menschen sind immer verdächtig . Ich erfuhr , daß er später , bevor er mit einem jungen Grafen eine weite Reise angetreten , sich hier bei seinem Bruder aufgehalten habe . Nach allen Erkundigungen , die ich einzog , erschien mir dieser Mensch als ein Radicaler von der gefährlichsten Sorte . Verdacht häufte sich auf Verdacht - ich stellte bei seiner Frau eine Haussuchung an . Sie wollte sich widersetzen - denn sie mogte fürchten . Leider schien ihr Mann sehr vorsichtig gewesen zu sein - er mogte alle Papiere , Korrespondenzen und Mannscripte , welche gegen ihn zeugen konnten , mitgenommen haben . Aber aus einigen Stellen in den Briefen , welche er an seine Frau geschrieben , wurden doch alle meine Vermuthungen bestätigt . Dieser Thalheim reiste jedenfalls als ein communistischer Missionair - er reiste nach der Schweiz , Belgien und Frankreich - vermuthlich , um sich dort am Heerde des Communismus neue Funken und Feuerbrände zu holen , welche er in den unterirdisch ausgehäuften Zündstoff werfen könnte . Aber welch ' überraschende Entdeckung mußte ich noch machen ! Der freimüthige und berühmte Schriftsteller : Graf Jaromir von Szariny war ebenfalls in Verbindung mit diesen Thalheims ! Ich fand Briefe von ihm aus früherer Zeit - die Gattin wollte es zwar leugnen , daß diese Verbindung noch bestände - allein wie fand ich es bestätigt , als ich diesen Szariny hier traf . Er hat sich hier angesiedelt , um sich nun in unmittelbare Verbindung mit den Fabrikarbeitern zu setzen . So eben berichtete man mir , daß er gestern den Muth gehabt , sich in der ganzen Fabrik herumführen zu lassen , die Arbeiter aufzuhetzen , Geld unter sie , besonders unter die Kinder zu vertheilen , und - - « In diesem Augenblick hörte man das Rauschen eines Seidenkleides - die Geheimräthin kam zurück . Die Unterhaltung unter vier Augen war abgebrochen . » Kommen Sie morgen früh zu mir , ich - oder viel mehr die Regierung bedarf Ihrer Dienste , « sagte Schuhmacher zum Geheimrath , als er sich entfernte . VIII. In der Schweiz » Horch wie die Reuß im Sturze in ' s Thal jetzt nieder klingt , Und wie ein Gemsenjäger von Fels zu Felsen springt ; Sieh , wie der Vollmond drüben aufglüht so roth wie Blut Und lauf dem Gotthard mälig erlischt die Opfergluth . « Anastasius Grün . An demselben Abend , wo die Zwei die wichtige , für Beide nur zu schnell abgebrochene Unterredung geführt hatten , arbeitete Schuhmacher noch bis tief in die Nacht für das Wohl des Vaterlandes . Er ging noch ein Mal all ' diese mühsamen und erzwungenen Zusammenstellungen und Beziehungen durch , in welche er hungernde Fabrikarbeiter mit einem ernsten , unglücklichen Privatgelehrten , der zwei vornehme junge Leute auf Reisen begleitete , mit einem schwärmenden Dichter , dem seine erste Liebe gelogen hatte und der eben jetzt willen- und ahnungslos eine neue strahlendheiße Flamme in seinem Herzen aufglühen und von ihr sich leiten ließ , so glücklich gebracht hatte . Auf dieselbe geschickte Art hatte nun Schuhmacher auch die ganze schlechte Presse und Tagesliteratur mit der Noth geistig und körperlich verkümmernder Kinder in eine harmonische Einheit gebracht und nun war er damit beschäftigt , in dieses aus so verschiedenen Elementen geordnete Ganze auch die widersetzlichen Eisenbahnarbeiter in passender Weise einzureichen . Während seine an mühsamen Combinationen und geschickten Erfindungen so schöpferische Seele über diesem Chaos ineinander geworfener Umstände finster brütend lag , stand einer von Denen , in dessen Inneres er so gern einen Spionenblick geworfen hätte , weit von ihm entfernt und sah dem Alpenglühen zu . Und hätte Schuhmacher doch zu dieser Stunde in die klare hohe Seele dieses Edlen blicken können - er würde dadurch beschämt vielleicht die eigne Erbärmlichkeit gefühlt oder doch vielleicht einmal an die argwohnvergiftete Brust geschlagen haben und von sich selbst beschämt worden sein . - Gustav Thalheim , der Aelteste der drei Brüder , weilte in der Schweiz . Die Beiden jungen Leute , welche er begleitete , Karl von Waldow und Eduin von Golzenau , hatten sich auf ' s Liebendste an ihn angeschlossen . Karl war ihm sogleich mit heitrer Freundlichkeit entgegen gekommen . Er war das , was man einen » guten Jungen « zu nennen pflegt . Er schloß sich leicht und schnell an Jedermann an und pflegte allen augenblicklichen Eindrücken zu folgen . Er war leichtsinnig , aber mit dem besten Herzen von der Welt . Sein Gemüth war ungleich hervorstechender , als sein Geist . Immer gefällig , munter , aufgeregt ließ er , wenn er vielleicht auch nicht zu Uebereilungen zu verführen war , sich doch eben so leicht zum Guten leiten - und so war es für ihn ein Glück , bei guten Anlagen aber Mangel an Grundsätzen und jeder Art von Tiefe und Charakterfestigkeit der ernstfreundlichen Leitung eines Menschen wie Thalheim anvertraut worden zu sein , der er sich dann auch mit kindlicher Hingabe überließ . Anders war es mit Eduin . Er hatte anfangs eine Vorurtheil gegen den aufgedrungenen Mentor , denn erglaubte mit achtzehn Jahren vollkommen mündig zu sein , um seinen Weg durch die Welt allein und selbstständig zurücklegen zu können . - Ein tiefer Ernst , ein hochfliegender und weitstrebender Geist waren die Grundtypen seines über seine Jahre hinaus entwickelten Wesens . Meist verschlossen , in sich gekehrt , ja abstoßend , war er nicht der Mann , der Anfangs auf Jemanden einen angenehmen Eindruck hätte machen können . Dabei war er wortkarg und hölzern , so jedoch , daß man nicht wußte , ob diese Eigenschaften Folgen eines eitlen Dünkels oder knabenhafter Schüchternheit waren . Thalheim war Menschenkenner genug , um bald zu finden , wie ungleich mehr es lohne , nach der Liebe und dem Vertrauen dieses schwerzugänglichen Herzens zu streben , als nach dem Karls , daß sich jedem freundlich Entgegenkommenden sogleich fröhlich öffnete und sonder Rückhalt anschloß . Lange Zeit sah er sich von Eduin nur mit kalter Höflichkeit behandelt . Ein an sich unbedeutender Vorfall hatte aber Alles geändert . Die drei Reisenden hatten einst einen Ausflug zu Pferd gemacht . Die Dunkelheit hatte sie übereilt , als sie auf dem Rückweg waren , es brach eine Gewitternacht herein mit kaum aufhörendem Blitzen und Wetterleuchten . Davor scheute Karls Pferd , warf den Reiter ab und entfloh . Thalheim war um den Verwundeten beschäftigt . Eduin suchte das Pferd wieder zu fangen und bracht ' es triumphirend zurück . Nachher sagte Thalheim : » Mir wär ' es das schönste Geschäft , im Stillen Wunden zu verbinden und Balsam aufzulegen - für Sie taugt es besser , in ' s Weite zu jagen und widerspenstigen Trotz zu besiegen - so will ich die Jugend - einst war ich auch so . « » Und es wird Zeit , daß ich anders werde ? « antwortete Eduin kalt und höhnisch fragend . » Nein - es wird höchstens Zeit , daß Sie Anderes als ein Roß bezwingen lernen - denn das Wort ist so wahr als alt : Wem Viel gegeben , von dem wird Viel gefordert werden - « versetzte Thalheim . » Meinen Sie - daß ich lernen soll , mir selbst die Zügel überzuwerfen ? - O , der Mühe hat mich ja mein Vater überhoben , « sagte Eduin gereizt , » er hat mir ja die Zügel selbst umgelegt und dann zur Leitung in geübte Hände gegeben . « Thalheim nahm seine Hand und sah ihn fest an , indem er ruhig sagte : » Sie wollen mich beleidigen - Womit hab ' ich das verdient ? Wenn ich noch ein Jüngling wäre , würde ich mich in Ihre Arme werfen und sagen : Wir denken gleich in Allem - lass ' uns Brüder sein ! Vor funfzehn Jahren würd ' ich dies gekonnt haben - aber ich weiß es wohl : das Alter muß vergebens betteln gehn um die Liebe der Jugend , weil man in jeder Falte des Angesichtes die Linie eines strengen Richtmaaßes zu sehen wähnt - und doch ! - Eduin , wären wir uns früher begegnet - wir hätten uns einander ebenbürtig gefunden - nun trennt uns die Kluft der Jahre und wenn ich über sie hinweg meine Arme nach Ihnen ausbreite , so stehen Sie argwöhnisch mir gegenüber und bleiben fern - « eine große Thräne war in sein Auge getreten - da lag plötzlich Eduin zu seinen Füßen - erst jetzt verstand er die liebestarke Seele dieses hohen Menschen . Eduin rief : » Vergeben Sie meinem Stolze - Ihre Freundschaft schien mir ein unerreichbar hohes Gut - ich sagte mir Tausend Mal , daß es Knabenthorheit sei , darum zu werben - und im gleichen Maas , als ich Sie liebte , mogt ' ich nicht von Ihnen mich lenken lassen - ich wollte Ihnen gegenüber kein Kind sein , weil ich danach strebte , von Ihnen geliebt zu werden . « Diese Stunde , als der liebgewordene Zögling endlich dieses stolze Geständniß an Thalheims Herzen ausweinte , war für diesen die schönste , welche er seit langer Zeit empfunden . Und so hatte von da der stolze , schwärmerische Jüngling sich mit der innigsten Zärtlichkeit an Thalheims Herz gehängt , und oft forderte er in jugendlichem Aufwallen edelster Gefühle das Schicksal heraus , ihm den Augenblick zu schicken , wo er dem geliebten Freund beweisen könne , daß er bereit sei , für ihn zu leben und zu sterben und Alles zu thun und zu dulden und hinzugeben , was das Leben bieten und das Sterben erschweren könne . Monate waren seitdem schon vergangen . Jetzt weilten die Drei in der Schweiz . Nun eben waren sie an dem Ort angekommen , wo sie die nächsten Briefe zu finden erwarten konnten . Karl und Eduin empfingen Briefe aus den väterlichen Häusern mit herzlichen Grüßen und fröhlichen Nachrichten von allseitigem Wohlergehen . Auch für Thalheim lagen zwei Briefe bereit , der eine von Amalien , der andere von Bernhard , seinem Bruder . Er wunderte sich , daß ihm dieser geschrieben , denn der Briefwechsel zwischen diesen beiden Brüdern war immer unbedeutend gewesen und hatte sich nur auf einfache Notizen beschränkt , damit sie nur nicht ganz außer Verbindung kämen - aber hierher hatte er ihm ja nicht einmal seine Adresse gegeben . Weil ihm dies Schreiben so befremdlich vorkam , so öffnete er dies zuerst und warf einen hastigen Blick hinein - und wieder und wieder - und sah schärfer hin , denn vor seinen Augen flimmerte es und die Buchstaben schwankten alle unruhig auf dem Papier vor ihm hin und her - sie schienen alle zu zerfallenden , morschen , schwarzen Kreuzen zu werden , die auf einem Kirchhof schief untereinander stehen und im Mondlicht am Charfreitag , wo alle Gräber sich erschrocken aufspalten , darauf ruhelos hin und wieder wanken , sich neigen und beugen - und doch immer schwarze Kreuze bleiben , Kreuze auf einem Kirchhof - so sagten auch ihm die Buchstaben immer dasselbe , obwohl er es ihnen nicht zugeben , durchaus nicht glauben wollte - sie stellten sich doch immer wieder so vor ihm zusammen , daß er lesen mußte : » Dein Kind ist todt - Dein einziges Kind Deine Anna ! « Er saß da in sich zusammengesunken - er wagte kaum zu athmen , am Wenigsten zu denken . Mechanisch griff er nach dem andern Brief , der von seiner Gattin kam . Das Datum , welches er trug , war ein um vier Wochen späteres . Bernhards Brief hatte wahrscheinlich schon länger als jener hier gelegen . Er las . Nochmals fand er das Gräßliche bestätigt . Amalie schrieb ihm : » Unser Kind ist todt . Ich hatte lange nicht die Kraft , Dir das Entsetzliche zu schreiben - nun Du es bereits durch Bernhardt weißt , finde ich den Muth eher . « Sie schilderte ihm herzzerreißend ihren Jammer um den Verlust ihres einzigen Kleinodes - herzzerreißend die Leiden der letzten Stunden des so frühe Engel gewordenen Kindes - dann fuhr sie fort : » So ist auch das letzte Band gelöst , das uns noch zusammenhielt , und so ist auch dies der letzte Brief , welchen Du von mir erhältst . Betrachte mich auch als eine Gestorbene , als sei ich mit unserm Kinde zugleich begraben worden . Wollte Gott , es wäre so ! Für Dich wenigstens soll es so sein . Binnen Kurzem verlasse ich meinen jetzigen Wohnort und werde Gesellschafterin bei einer vornehmen und hochgeachteten Dame - frage nicht das Weitere , spähe nicht danach , wohin wir gehen , Du sollst es nicht erfahren - auch nicht durch Deine Brüder , denn deshalb habe ich es auch ihnen verschwiegen . So lange ich noch die Mutter Deines Kindes war , so lange ertrug ich es , von Deiner Güte , welche ich so oft gemißbraucht , auch den Unterhalt für mich zugleich mit dem anzunehmen , was Du mir zur Erziehung unseres Mädchens sandtest . Nun hab ' ich keinen Zweck mehr im Leben , für Dich bin ich gar Nichts mehr - und da es denn einmal gelebt sein muß , so ist es nun meine Schuldigkeit , mir nun die Mittel zur Existenz selbst zu verschaffen . Ich habe dazu das passendste Mittel ergriffen , indem ich Gesellschafterin werde . « » Ich danke Dir nochmals für alle die Güte und Langmuth , mit welcher Du mich in den Jahren unserer unglücklichen und qualvollen Ehe behandelt hast . Ich habe sie nicht verdient , wie ich ja überhaupt Dich selbst und Deinen Besitz niemals verdiente und verdienen konnte . Du warst ein höheres Wesen neben mir - Du hättest mich niemals lieben sollen - so tief habe ich unter Dir gestanden , das habe ich wohl gefühlt - und eben weil Du so hoch über mir warst , konnt ' ich Dich nicht lieben - Deine Größe drückte mich nieder - und um selbst weniger diesem beschämenden , lastenden Gefühl zu erliegen , strebte ich Dich zu verkleinern . « » Auch Du wirst es mir niemals vergeben können , daß ich die Kette ward , welche Dich in niedere Verhältnisse bannte , statt daß Du mich erheben wolltest . Wir haben uns gegenseitig das Leben erschwert , ohne daß wir es gewollt haben - es ist gut , daß wir getrennt sind - so wirst Du mich vergessen und Alles , was ich Dir sein sollte und nicht sein konnte und von mir ist der Druck genommen , als eine Heuchlerin durch ' s Leben gehen zu müssen . « » Ich bin allein und grenzenlos elend - aber eben weil ich allein bin , so trage ich ' s leichter - so kann ich eher Ruhe finden . Deine Liebe und Größe wird mir nicht mehr zur Qual , und der Gedanke an Jaromir hat für mich keinen Stachel der Liebe mehr - denn wenn ich jetzt noch an ihn denke , so geschieht es nur mit Haß und Verachtung . - Mein Kind ist todt - ich fange nun an , auch darüber ruhiger zu denken , denn es tröstet mich , daß es ein Mädchen war , und daß ein Mädchen zu keiner andern Bestimmung geboren wird , als zu der : unglücklich zu sein . « » Lebe wohl und für immer - vergieb mir , daß ich Dir viele Jahre Deines Lebens hindurch Glück und Frieden gestohlen habe - ich kann Dir diesen Raub nicht vergüten - aber ich will ihn wenigstens nicht noch vergrößern . « » Noch Eines : Du bist durch die Ehe zu unglücklich geworden , als daß ich glauben sollte , es triebe Dich zu einer zweiten Verbindung , Sollte es aber einst so sein , und ich schleppte mich immer noch unglücklich durch ' s Leben , so wird wohl auch unsere gerichtliche Scheidung kein Hinderniß finden - wäre es dennoch , so will ich kein Mittel scheuen und jedes Opfer bringen , das im Stande ist , sie zu bewerkstelligen - und müßt ' ich mich selbst - ehrlos nennen . Nur in diesem Falle suche meinen Aufenthalt zu erfahren - außerdem , dies Versprechen nehm ich Dir ab : frage niemals nach mir . « Noch ein Mal brachen alle Wunden seines Herzens auf - zwar hatte er nie mehr an eine Widervereinigung mit Amalien gedacht , zwar hatte er gestrebt , die Liebe zu ihr aus seinem Herzen zu reißen , seitdem er wußte , daß sie sein innigstes Gefühl niemals wahrhaft erwidert hatte - aber noch oft war sein lang und treugehegtes Gefühl stärker gewesen , als sein männlich stolzer Wille , und oft noch hatte er jenes als Sieger gefunden . So begann jetzt in ihm ein neuer Sturm - ihm war zu Muthe wie einem Schiffbrüchigen , der das Schiff , auf dem er bisher heimisch durch die wechselnd trübe und klare Fluth des Lebens gesteuert , unter sich zerkrachen sieht und Weib und Kind und all ' seine Habe von den wilden Wogen verschlungen und da und dorthin getrieben . - Alles ist untergegangen , begraben , hinweggespült - und nur obenauf schwimmt die schöne blasse Leiche eines Kindes - die gebrochenen Augen , die staaren weißen Händchen nach der Stelle zu gerichtet , wo in weiter Ferne der einsame Vater verlassen und verzweifelnd steht . Bei diesem letzten Bilde weilte er am Längsten und immer wieder . Eduin und Karl traten zu ihm und wollten ihre fröhlichen Nachrichten vom Hause für die seinen austauschen - aber als sie den Verehrten so erschüttert und wie in Verzweiflung zusammengesunken vor sich erblickten , wie sie ihn noch niemals gesehen , da traten sie ehrfurchtsvoll von ihm zurück . Er hatte ihr Eintreten bemerkt und stand auf . Er ergriff Beider Hände und sagte ruhig , indem eine helle Thräne aus seinen Augen fiel : » Sie können den großen Kummer , den ich heute erfahren , kaum ahnend begreifen ; ich hatte ein einziges Kind - ich habe Ihnen zuweilen von meinem kleinen Mädchen gesprochen - - es ist todt . « - Die Beiden waren zu bestürzt , als daß sie vermogt hätten , Etwas zu erwidern , sie drückten ihm nur innig die Hand und sahen zu Boden . Karl weinte , Eduin warf sich heftig an die Brust des Trauernden . » Ich bin Ihres Mitgefühls gewiß , « sagte Thalheim nach langer Pause , » aber lassen Sie mich jetzt allein mit meinem Schmerz in die Berge gehen , ergehen Sie Sich jetzt zusammen mit heiterern Genossen - ich werde ruhiger werden wenn ich in der Einsamkeit mit meinem Schmerze trauliche Zwiesprache halten kann . « » Alles , was Sie wollen ! « sagten Beide . Und so ging Thalheim allein hinaus . Und so stand er jetzt einsam auf einer Höhe und sah dem Alpenglühen zu , als sei seine Seele ruhig und ganz verloren in den Anblick eines großartigen Schauspiels . In den Thälern war es schon Nacht - aber die Höhen glänzten noch leuchtend in Gold und Purpur und Himmelblau . Wie hohe Könige , so ragten die ewigen Alpen empor ; wie auf festen Thronen von weißem Marmor , Stahl und Silber - so glänzten die Gletscher ; - auf Teppichen von grünem Sammet mit bunter Blumenkante gestickt - so waren die Matten und Felder - wie auf solchen Thronen saßen die großen Könige , die weiten Mäntel von schneeigem Hermelin umhangen , die das Abendroth zugleich zu schönen Purpuren färbte , goldne Strahlenkronen auf den ernsten Häuptern , von denen die silbernen Locken und Bärte ehrfurchtgebietend niederflossen . Und darüber hinweg die blaue Luft als herab sich senkenden Thronhimmel mit goldner Sternenschrift . - Aber mit einem Mal , gleichsam wie aus der Tiefe aufgestiegen , krochen schwarze Wolken schattend und unheimlich zu den Füßen dieser Throne heran , lagerten trotzig vor ihren Füßen sich nieder ; wuchsen endlich immer höher auf , übereinander sich zu dicken Knäueln ballend und verdichtend ; wuchsen endlich herum um die Purpurmäntel mit den Kragen von Hermelin und verhüllten sie ganz wie mit grauen häßlichen Decken , und so immer höher , immer weiter , bis nur noch die goldenen Königskronen wie mit unvernichtbarer und unerreichbarer strahlender Herrlichkeit in stolzer Ruhe über sie hinwegglänzten . Aber da begann ein Murmeln , Grollen und Rollen in den finstern Wolken - dann wurde es lauter , wilder , heftiger , endlich riß eine gelbe Blitzesschlange nach allen Seiten hinzüngelnd die dichteste Wolkenschicht auseinander , und furchtbar krachend wetterte zugleich ein dröhnender Donnerschlag wie erderschütternd vom Himmel nieder . Mit Eins brach die Blitzschlange von ihrem geheimnißvollen Lager auf und hervor - mit Eins fand der Donner seine furchtbar dröhnenden Posaunentöne , mit denen er aus der Höhe hernieder rief wie der Engel des Weltgerichts - und mit Eins sanken plötzlich die goldnen Kronen von den blassen Stirnen und silberweißen Locken der Könige . Nun begann ein tobender Kampf der Elemente , es war , als hätten alle die Waffen ergriffen , eines wider das andere , und schleuderten jetzt ihre unheilbringenden , lärmenden Geschosse . Und Mitten in diesem Aufruhr stand Thalheim und bot seine Locken dem Sturm . Ein Gewitter in der Alpenwelt ! Da mogte wohl dem , der es noch nimmer erlebt , zu Muth sein , als gehe die Welt aus ihren Fugen ! Aber nicht geringer war der Aufruhr in der Brust dieses schmerzerschütterten Menschen , der jetzt Mitten in diesem Toben stand . Er faßte zuweilen krampfhaft mit der Hand nach der Stelle seiner Brust , hinter welcher sein zuckendes Herz schlug , um zu fühlen , wie viel Schläge es wohl noch thun und zugleich aushalten könne ,