! - Und wenn ich es recht bedachte machte sie keine Ausnahme von der Regel ; denn in der Regel betrachtet die Gewöhnlichkeit die Zeichen und Gepräge des Außergewöhnlichen wie Jonglerie , Kömödie und Maskenspiel , welche aufgeführt werden um Staunen und Aufmerksamkeit zu fesseln . Das kann sie nun einmal durchaus nicht begreifen - abgesehen von allem Uebrigen was sie ebenfalls nicht begreift ! - daß der Außergewöhnliche sich gehen läßt in der Sorglosigkeit seiner Natur , statt zu schwimmen in ihren bodenlosen Ansprüchen von Bemerkt- und Begafftwerden . Zwischen Sedlaczech und Mezzoni entwickelte sich Mathildens bis dahin etwas seelenloses Talent . Letzterer spielte wunderschön das Violoncello , Ersterer die Geige , Mathilde den Flügel ; damit wurden herrliche Sachen von Haydn , Mozart und Beethoven ausgeführt . Oder Mezzoni und Sedlaczech spielten auf zwei Flügeln - oder endlich dieser allein ! Ich liebe nicht das Piano ; Holz bleibt Holz ! hat das Holz eine Seele , so ist sie darin eingesargt , während sie um die Saiten vom Bogen berührt , mit Schmetterlingsflügeln schwirrt und wirbelt . Aber wenn er spielte so war es kein Holz , überhaupt kein Piano mehr , sondern ein niegehörtes Instrument , das er nach eigener Erfindung behandelte . Ich Ungeschickte mußte immer zuhören ! ich hatte es auf dem Piano nie bis zur Mittelmäßigkeit , und auf der Harfe nur so weit gebracht um meinen Gesang zu begleiten . Jezt wurde ich zuweilen meiner passiven Theilnahme überdrüssig und begann meine Stimme wieder zu üben , woran ich stets Vergnügen gefunden hatte . Dadurch kamen wir auf die Vocalmusik und nun in Sedlaczechs geliebtes Fach - den Kirchengesang . Er verstand es seine Liebe , seine Bewunderung , seine Andacht uns Andern einzuflößen , und ohne daß Einer von uns eine wahrhaft schöne oder glänzend ausgebildete Stimme gehabt hätte , wurde es uns doch möglich durch Fleiß , Ausdauer und Ernst von den altitalienischen Kirchenmusiken Manches vierstimmig auszuführen . Mit ihren Worten voll übermenschlicher Klage und Sehnsucht - voll göttlicher Verheißung und Barmherzigkeit - den Psalmen und Propheten entnommen - von Palestrinas , Leos und Durantes glaubensstarken Seelen in die mächtige Sprache ihres Genius übertragen , der sich von allen Qualen , Sünden und Leidenschaften der Welt in dem geweihten Born eines unantastbaren Glaubens frischbadete : machte diese Musik mir einen ganz unerhörten Eindruck . Ich kam mir wie geadelt vor indem sie über meine Lippen ging . Die dumpfen Aengste meiner Seele lösten sich auf in dieser Ruhe welche das Leben und den Tod überwunden hat und von den Wonnen des Paradieses nichts erwartet - als dessen unzerstörbaren Frieden . Immer war mir dabei zu Muth wie einem sterbensmüden Pilger , der erschöpft im Schlaf gefallen ist und der in seines Traumes seligen Visionen nicht merkt , daß sein Leib auf steinigem Boden liegt und seine Füße von Dornen bluten . Ich begann nie anders als mit Andacht ; ich schloß nie anders als in Extase . Dieses Ringen zwischen Körper und Seele - diese Uebermacht der letzteren mit der sie sich schauernd , bebend , die flammendste Kraft zusammenfassend , allendlich in den Aether einer Region schwingt , die ihr im gewöhnlichen Zustand versagt bleibt - diese Extase , welche uns in einzelnen , in den höchsten Momenten von Glück , von Liebe , von Opfer , über uns selbst emporrafft : nie empfand ich sie reiner und stärker , weder vorher noch nachher , als eben bei jener Musik . Daher lebte und webte ich in ihr . Nach meiner excentrischen Art ging Alles neben ihr unter . Der Tag hatte nur Werth für mich weil er den Abend und mit ihm meinen Hochgenuß brachte , der bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt wurde . Mezzoni und Sedlaczech dachten ebenso wenig als ich an das Aufhören . Fräulein Mathilde dachte wol zuweilen im Stillen daran , betrachtete aber die Sache zu sehr als eine trefliche musikalische Uebung , die ihr in Zukunft , als Lehrerin vielleicht , zu gut kommen könne , um sie nicht mit Eifer obgleich ohne Andacht zu treiben . Unser Auditorium störte oder befeuerte uns nicht , denn wir hatten keines . Ich hatte ein Musikzimmer neben dem Salon eingerichtet in welchem wir uns Abends Alle versammelten - auch die beiden Kinder und Benvenutas Gouvernante und Hofmeister . Aber die ersteren gingen früh schlafen , und die letzteren , zwei leidenschaftliche Schachspieler , blieben immer im Salon vor ihrem Schachbrett und kümmerten sich so wenig um Palestrina als wir uns um Philidor . Ich hatte freilich versucht meine Sonntagsgesellschaft durch unsre Musik zu entzücken ; aber das gelang nicht ! Der geistliche Theil hörte nicht ohne Erbauung wenn auch ohne Vergnügen zu ; der weltliche kämpfte mühsam mit Schläfrigkeit ; er war nicht daran gewöhnt zu diesem ernsten Gedankenkreis sich zu erheben . Fräulein Mathilde mußte spielen und singen , oder Mezzoni eine Scene aus einer Opera buffa oder die Barcarolen seiner Heimat vortragen , was er mit unbeschreiblich guter Laune und Gewandtheit that : das war ihnen angenehmer , erheiternder , gleichsam mehr ein Sonntagsvergnügen voll Contrast mit ihrem Alltagsleben . - - - Wieder vergingen die Tage ungezählt und unbemerkt ; Winter und Sommer ; und wieder ein Winter und noch ein Sommer . Ich war wol nicht glücklich , aber ich vergaß daß ich es nicht war - und damit war viel gewonnen nämlich etwas Beruhigung ! denn das suchen , sehnen und jagen nach Glück ließ nach , und daher war mir das Leben nicht länger ein heißer Kampf oder eine lähmende Last . Ich forschte nicht , ich fragte nicht . Ich glaube zum ersten Mal seit ich geboren , gewährte mir die Gegenwart wie sie eben war stillen Genuß . Ich hätte vielleicht Zuwachs , Vermehrung und Erhöhung desselben gewünscht , doch gewiß nicht um den Preis irgend einer Veränderung . Die alten Astrologen sagten : diejenigen sind unfehlbar unglückliche Menschen , deren Stern bei ihrer Geburt unter dem Horizont gestanden hat ; das Glück wird auch stets unter demselben bleiben . So ging es mir ! mein Glücksstern warf nur höchstens eine zarte Dämmerung in meinen Horizont herein ; er selbst schwang sich nicht so hoch empor . Mehr noch ! wenn diese Mondaurora , wie ich sie nennen mögte , sich zeigte - so war fast mit Gewißheit darauf zu rechnen , daß sie Vorbote eines Ungewitters sein würde . Ich hatte der Kirche von Engelau eine neue Orgel geschenkt , so groß und schön wie die Räumlichkeit es nur immer gestattete . Der Organist verstand durchaus nicht sie geltend zu machen ; - Sedlaczech erbot sich sie einmal zu spielen damit ich ihre eigentliche Kraft und Fülle hören könne . Wir gingen eines Nachmittags sämtlich in die Kirche . Es war ein warmer milder Septembertag , ein letzter Gruß des scheidenden Sommers . Die uralten Ulmen , welche mit einem tiefen Schattenkreis den Gottesacker , die Heimat der Schatten , umgaben - zeigten schon manch welkes Blatt zwischen ihrem fahlen Grün . Die Drosseln zirpten ihr Wanderlied und sammelten sich zur gemeinsamen Rückkehr in die Winterquartiere . Die Felder waren Stoppeln ; die Wiesen noch grün , aber moos- und nicht mehr smaragdgrün . Das Laub der Hecken und Bäume war überall schon gelichtet . Nur die Eichen standen noch in voller Kraft und Frische , wie behelmte geharnischte Helden , bereit mit dem Feinde Herbst einen Kampf zu bestehen , während alle andern Bäume die Waffen streckten . Sie rührten mich , die alten Helden ! sie sahen so kräftig und schön aus im Goldglanz der tiefstehenden Sonne , welcher sich mit zitterndem Geflimmer um die gewaltigen Aeste wob . Es hilft euch nichts , sagte ich und sah sie wehmüthig an , ihr müßt auch in den Staub ! etwas früher , etwas später - aber er bleibt nicht aus .... der Tod ! - Da fiel mir ein daß eben heute Heinrichs Todestag sei ; und plötzlich zog an meiner Seele ein langer Trauerreigen vorüber : gestorbene Menschen und gestorbene Freuden und Hofnungen ! gestorbene Leben der verschiedensten Art ! und über ihnen Allen , von Heinrich bis auf Arabella , ein Tropfen meines Herzbluts ausgegossen , und mit ihnen .... verwest ? .... verweht ? - - Hundertmal schon glaubte ich bemerkt zu haben , daß Sedlaczech die geheimsten Regungen meiner Seele ahnte und mir dies Verständniß in einer Weise kund gab , die wiederum nur mir verständlich war . Jezt - begann er Mozarts Requiem . Die Trauerflöre verdichteten sich um meine Seele . » Dies irae « donnerte mich an , mich ! nicht meine Todten . Aus dem Zornbrand der Welten waren sie bereits hinüber gerettet in die ewigen Hütten . Aber ich ! aber ich ! » Quid sum miser tunc dicturus ? « - diese Figur wechselte unter Sedlaczechs Hand immer ab mit dem : » Nil inultum remanebit ; « - und erfüllte mich mit unsäglichem Verzagen . Ströme von Traurigkeit ergossen sich um mich ; schwarze Schaalen voll Schwermuth leerten sich über meinem Haupt . Für die Sünde für die Tugend hatte die göttliche Gerechtigkeit Strafe und Lohn ; allein was konnte sie mit einem Wesen machen , das ihre höchste Gabe , das Leben ! nicht gebraucht , und eigentlich nicht gelebt hatte ? - Es vergessen ! weiter nichts . » Quid sum miser tunc dicturus ? « klagte die Orgel . Ja , ich war die Elende , die nichts zu sagen wußte , als das eine Wort , welches schon jezt der Fluch und das Schreckbild meines Daseins war : Nichts ! und abermals : Nichts ! Schwer mogte es sein mit Sünden und Verbrechen belastet zu erscheinen ; jedoch aus dem Munde dieser Beladenen wie inbrünstig ertönte es : » Recordare , Jesu pie ! « Fleisch und Blut und ihre Sünden konnten nicht strenger gerächt werden , als ein Schattenleben , das in Nichts Verlockung und Genuß gefunden - in Nichts seine Rechtfertigung zu suchen hatte . Wer wird mich erlösen ! ächzte ich in der schauerlichen Finsterniß welche sich in der Kirche verbreitet hatte . » Salva me , fons pietatis ! « klang es von der Orgel herab ; und darin ließ Sedlaczech wie in ewiger Wonne die Töne verhallen . Wir verließen Alle tief ergriffen die Kirche . Keiner sprach ein Wort . Der Mond ging langsam auf . Ich nahm Sedlaczechs Arm und schlug mit ihm den längern Rückweg durch den Garten ein ; die Uebrigen gingen gradesweges nach Hause . Ich theilte ihm den gewaltigen Eindruck des Requiems auf mich mit : » Wie ein Donnerruf des Gewissens klang es . « » Ich denke nicht daß das Ihre mit so fürchterlicher Stimme zu Ihnen spricht , « sagte er mit seinem gewissen kalten Ton , der mir häufig das Wort auf den Lippen tödtete , weil er mehr zum Schweigen als zum Reden auffoderte . Allein es war Sturm in mir gewesen ; da gingen die Wellen noch hoch ! ich fragte kurz : » Wie kommt es , Meister , daß Sie , ein so innerlicher Mensch , so wenig lieben von innern Zuständen zu sprechen ? « » Das dächte ich nicht ! ich spreche darüber wenn ich grade in der Stimmung bin ; aber ich habe sie freilich nicht immer und ich setze sie noch seltner bei Andern voraus . Was in uns vorgeht hat doch eigentlich nur für uns selbst Wichtigkeit , sobald es sich nicht durch das Organ der Kunst oder der menschenfreundlichen und gemeinnützigen That an den Tag legen läßt . Ich meide gern das Unnütze , am Meisten das unnütze Wort . « » Wer sagt Ihnen daß jedes gesprochene Wort ein unnützes sei ? es kann nicht Jeder große Thaten thun , nicht Jeder Kunstwerke schaffen , der doch ein hohes Streben und einen Schatz von Poesie in seiner Seele trägt : mir ist es ebenso wichtig wenn das im Wort zum Vorschein kommt als durch Handlungen . « » Sie setzen innere Herrlichkeiten voraus - Perlen und Korallen unter den Wellen des Busens ; ich leugne sie nicht ! nur sind sie umschlungen von wüsten wirren Thier- und Pflanzengebilden , und abschreckende Ungeheuer verdecken sie oft gänzlich . Wenn der Mensch genau wüßte , wie es in der Seele seines Geliebtesten aussieht - so würde er sich von unüberwindlichem Schauer ergriffen fühlen . Nicht von Abscheu , Entsetzen oder Verachtung - obgleich auch das vorkommen könnte ! Nein ! nur von Schauer über die maßlosen Zerrüttungen und Verwilderungen , über die stillen Unsinnigkeiten einer sogenannt schönen , edlen , reinen Seele . Es ist sehr gut daß die Brust mit ihrem gleichmäßigen stummen Wellenschlage die schauerlichen Geheimnisse der Tiefe zudeckt , und sehr verwegen sie durch irgend eine magische Beschwörung hervorlocken zu wollen . « » Und doch glauben wir daß Gott die dunkeln Abgründe unsers Wesens kenne ohne sich von uns abzuwenden . « » Gott ist barmherzig und gnädig : das ist die Essenz seiner Liebe . Bei dem Menschen aber geht in Gnade und Barmherzigkeit häufig die Liebe unter - die Liebe welche ihn beseligt hat . « » Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde . Ich habe diesen Ausdruck der bilderreichen Sprache des Orients nie anders verstehen können , als daß ein Hauch seines Wesens auch uns beseele - auch uns befähigen solle den Reflex der göttlichen Liebe warm und licht in uns zu bewahren ; folglich kann unsre Liebe in der Barmherzigkeit nicht untergehen , Meister Fidelis . « » Gott ist barmherzig , der Mensch nur mitleidig , theure Sibylle ! nämlich der gewöhnliche Mensch von dem wir sprechen , der seine Selbstsucht mit sich herumschleppt , welche das Bild nach welchem er geschaffen ist in ihm verdunkelt . Der Heilige , der unselbstische Mensch , kann allerdings auch barmherzig sein , weil in ihm jene Flut göttlicher Liebe wogt , die ohne Anfang , ohne Steigerung , ohne Ende ist . « » Ohne Ende ! ja Fidelis , das ist das Wort des Geheimnisses unsrer Qual . « » Es könnte auch das Wort : ohne Anfang ! sein . « Ich sah ihn befremdet an . Er hatte mit einem seltsamen Ausdruck gesprochen , wie bebend von zurückgehaltenem Schmerz . » Ohne Anfang .... wie das Keimen und Aufblühen unsrer Gedanken , wie die Manifestation unsers Willens , wie die Entwickelung unsrer Neigungen - was Alles schon im Wiegenkinde zum Vorschein kommt ! - fuhr er fort . Und so finden wir auch in uns Richtungen , Bestimmungen , Schicksale , die fertig und mächtig in uns aufstehen , und die - wenn wir zitternd fragen : Woher kommst du ? - gelassen entgegnen : wir waren immer bei dir ! - » Glückseliger ! rief ich ; o dreimal Glückseliger , der ewig im Tempelhain seiner Gottheiten geblieben ist . Die Unseligen sind nur die , Fidelis , welche einem ewigen Abfall unterliegen , und den Rubin , welcher nach jener Sage purpurflammend vom Himmel in die Kaaba fiel , vor ihren Augen in kohlenschwarz verwandeln sehen . Die sind unselig , denn sie können nicht lieben , nicht hoffen , nicht einmal leiden ! sie wissen daß der Karfunkel der Liebe , der Hofnung , der heiligen Schmerzen , in eine todte Kohle sich verwandelt , weil etwas so Entzauberndes an ihrer Hand ist , daß dieselbe , wohin sie streift , Farben erbleichen , Blüten fallen , Licht erlöschen macht . Sie wissen daß das Ende kommt , die Harpye in deren Erwartung die Gegenwart zunicht wird so daß ein Chaos daraus entsteht worin nichts hausen mag und kann als Chimären . O Sie sind glücklich ! was Sie auch bedrücken möge weil es ohne Anfang ist - es ist nicht so schwer als die Last der Erkenntniß .... daß Alles ein Ende hat ! « Ich ließ seinen Arm los , umschlang mit beiden Armen einen Baum und rief : » Sehen Sie ! der Baum erquickt mich ! er hat keine Seele - drum weicht und wankt er nicht . Was Seele hat .... wankt ! Irrthum , Täuschung , Wankelmuth , Verlust , Tod - umspinnt uns von Außen und Innen - die ganze Masse dieses Gewebes heißt Leben , und mit demselben sollen wir uns befreunden indem wir Vernunft , Entschlossenheit , Resignation und Frömmigkeit zu unserm Trost herbeirufen . Aber es ist ja ein Elend sich zu trösten , Fidelis ! es ist ja ein Elend abzufallen von unsrer Liebe , unsrer Zuversicht , unsrer Erinnerung , und dann mit gelassener Nüchternheit zu sprechen : Nun ja ! ich hab ' mich geirrt .... und irren ist menschlich ! - Oder : Gott hat mir gnädig einen Ersatz meines Verlustes geschenkt ! - Und so sprechen doch die Vernunft und die Frömmigkeit , und das wird von Andern sehr verehrt - während es mir jämmerlich vorkommt ! Ich ' hab es ebenso gemacht , mich auch beruhigt , mich auch getröstet - aber ich gehe an diesem Ersatz und diesem Trost zu Grunde .... denn jeder Wechsel ist ein Abfall .... und weiter nichts . « Ich preßte meine Stirn an die Rinde des Baumes , als wolle ich mich durch äußern Schmerz gegen die Gedanken betäuben . Sedlaczech sprach langsamer : » Eine immense Seele .... aber leer ! « » Das haben Sie schon einmal von mir gesagt ! rief ich . Ich bin ' s ja nicht allein die so beschaffen ist wie ich es beklage ! alle Anderen sind ja ebenso .... nur daß sie sich die Schmach zur Ehre rechnen , und die traurige Naturnothwendigkeit Product ihrer Vernunft , Philosophie oder Religiosität nennen - zur Jämmerlichkeit die Lüge gesellend ! Alle Anderen halten mir ja ebensowenig Farbe und Stich als ich mir selbst . Fände ich nur einen Menschen , einen Einzigen ! der keinen Abfall begangen hätte , so würde mir der zum Eckstein werden an den ich meine Hütte lehnen könnte . Aber ich finde keinen in der ganzen Weltgeschichte von Adam an - denn Christus ist unsers Gleichen nicht ! vor Dem liegen wir auf den Knien ! unsre eitle Armseligkeit ist denn doch nicht eitel genug um sich neben Den zu stellen . Also ich finde keinen Einzigen , Fidelis ! wie Einer ist sind Alle . Ich las heute früh einen Ausspruch Luthers : jeder Christ sei zum Priester berufen . So hieß der Commentar den ich dazu machte : Und diese Priester haben auch ihren gemeinsamen character indelebilis : den Abfall . Welch ein Priesterthum ! welch eine Menschheit ! - Es kommen nicht Alle zum Bewußtsein darüber , ich will es glauben - ich sehe es sogar ; doch ich kann nicht mein Auge willkürlich dagegen schließen . Ich bin nun einmal in die Sphäre gerathen , die von Licht , doch gewiß nicht vom himmlischen , beleuchtet ist . Ich stehe in deren Centrum , und die Welt , die wie immer nichts weiß und noch weniger ahnt , nennt mich einen Engel . Ja , ich bins ! immer fragend und die Frage verneinend - immer gestaltend und die Gestaltung wieder zerstörend - immer isolirt , weil ich - ich weiß nicht durch welche Mächte aus dem Zusammenhang geschleudert bin und in dem gesammelten Stückwerk keine Einheit finde - bin ich so recht das Bild eines abgefallnen Engels : ich stelle mich Gott gegenüber und frage ihn und meistre ihn : Warum hast du mich so geschaffen ? Sollte ich Tochter des Staubes sein - wozu denn dieser Durst nach Ewigkeit ? Ist aber Etwas in mir für die Ewigkeit bestimmt - wozu diese Wirbel und Wolken von Staub , die mich so betäuben und verwirren , mich in solchen Strudel reißen , daß mich vor Zeit und Ewigkeit ein Ekel anwandelt . « » Sibylle ! « rief Sedlaczech wie um mich zur Besinnung zu bringen ; - » Sibylle ! « » O ich bin sehr besonnen ! unterbrach ich ihn ; - aber ich will reden ! ich will einmal sagen wie mir zu Sinn ist , und diese Last meiner Gedanken in eine fremde Brust wälzen ! Wir haben ja keine Priester zu denen wir beichten können . Unsre Geistlichen sprechen : das sei sündiger Mißbrauch . Ich weiß es nicht ! aber das weiß ich : ich bin in Euren Kirchen in solchen Stimmungen gewesen , daß wenn ich einen Priester im Beichtstuhl sah , ich mich hätte vor ihm niederstürzen und schreien können : » Rette mich .... denn ich verderbe . « Möglich daß er mich nicht gerettet , nicht beschwichtigt hätte ! - aber schon diesen Schrei auszustoßen an geweihter Stätte im Schutz und Schirm des Altars , wäre eine halbe Seligkeit gewesen . Es kann eine unerhörte Erlösung und Befreiung , eine wahre Seligsprechung in einem solchen Wort liegen , und jeder Mensch bedarf derselben wenigstens Einmal in seinem Leben ; - denn Einmal wenigstens thürmen sich um Jeden die Schrecknisse dermaßen auf , daß er schreien muß : rette mich , denn ich verderbe ! - Wir haben keine Priester ; wir müssen diesen Jammerzustand allein abmachen , in uns selbst , mit uns selbst .... eine geschlagene , gequälte , verzweifelnde Seele und ganz allein ! wer im Stande wäre dies Alleinsein im vollen Umfang zu ermessen - müßte wahnsinnig werden ! aber wir sind nun einmal von vollkommner Unvollkommenheit und können ihn daher nicht ermessen . Und dann hängt die Seele auch an einem Faden , nur von Seide und über einem Abgrund - und das ist ihr Instinct von Gott ; das ist grade genug um sie in ihrem Leid zu erhalten .... ganz allein ! Freunde sollen wir um Rath ansprechen : das soll uns stärken , anfeuern , erfrischen - so sagt man . Hat die verzweifelnde Seele Freunde ? gewiß nicht ! es wäre dann nie so weit mit ihr gekommen . Sie ist und bleibt allein ! Wendet sie sich einmal in ihrer tiefsten Noth an Einen , dem Friede , Kraft und Klarheit die Weihe des Priesters gegeben haben , so wendet der sich entsetzt und schaudernd von ihr ab - wie Sie es thun , Fidelis ! .... so mögte er ihre Klagen ersticken , weil er nicht helfen kann und nicht mit ihr leiden mag - wie Sie , Fidelis . « Ich hatte mit fieberhafter Glut und Hast geredet . Meine verschlossene Natur , durch die erschütternde Musik aufgewühlt , zugleich für und wider die Gewohnheit des Schweigens ringend , hatte diesen Ausbruch nicht unterdrücken können . Es mag ergreifend sein Zeuge einer solchen Haltungslosigkeit zu werden , wo man sonst immer gefaßte Sammlung gesehen . Sedlaczech wenigstens stand mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck von Desolation vor mir ; und als ich sein früheres Wort nachsprach : » Dies sind die stillen Unsinnigkeiten einer edeln Seele vor denen Sie so große Furcht haben ! « - - Da sank er wie zerbrochen auf seine Knie und flüsterte leise : » Aber sehen Sie denn nicht daß Sie mich vernichten ? « Als ich ihn so erblickte , im stillen kühlen Mondlicht , auf den Knien und doch nicht vor mir kniend - nahmen meine Gedanken eine andere Wendung und ich fragte : » Können Sie noch beten , Fidelis ? so wie damals - Sie wissen was ich meine . « » Noch kann ich es ! « sprach er ganz , ganz leise und erhob sich langsam . Ich nahm wieder seinen Arm , und wir gingen schweigend dem Hause zu . Als wir uns näherten ging auf der Terrasse eine Männergestalt auf und nieder , die mich frappirte , weil das vor den Fenstern meiner Zimmer nie zu geschehen pflegte ; und als wir ganz nah waren ging sie in den erleuchteten Salon wie um uns dort zu empfangen . Ich ging hastig die Stufen zur Terrasse hinauf , trat ein - und stand vor Otbert . Diese unangenehmste aller Ueberraschungen , so plötzlich folgend auf die heftigsten Emotionen , traf mich wie ein eiskalter Luftzug an einem glühend heißen Sommertage . Jener Schlag auf das Herz , den ich vor Arabellas Fenster empfunden , berührte mich abermals aufs Heftigste und ich sank leblos in Sedlaczechs Arme . Alles gerieth in Aufruhr : - aber es währte nicht fünf Minuten , so hatte ich meine Besinnung und folglich auch meine Kräfte wieder , und ich grüßte Otbert höflich und befremdet . Er beobachtete mich mit scharfen fast lauernden Blicken , suchte aber sehr ungenirt , vertraulich , ganz wie zu Hause zu sein , und sagte mir die größten Schmeicheleien über mein gutes Aussehen . Es muß für meine Hausgesellschaft ein merkwürdiges Schauspiel gewesen sein dies Wiedersehen von zwei Eheleuten , die nach mehr denn fünfjähriger Trennung in den ersten Stunden von nichts sprachen als von Fieschis Attentat gegen König Louis Philipp , das im Lauf des Sommers statt gefunden hatte . Die gewohnte Abendstunde hatte sie Alle versammelt und ich merkte ihnen - Sedlaczech ausgenommen - ihr Unbehagen an . Astralis war nicht wol und kam daher nicht zum Vorschein . Benvenuta hatte Otbert gänzlich vergessen , und hielt sich in scheuer Ferne von ihm . Gleich nach dem Thee verschwand Einer nach dem Andern . Da wandte ich mich freundlich aber eisig an Otbert und fragte ihn welcher Umstand ihn nach Engelau führe . Er sprang auf , ergriff meine Hand und rief lebhaft : » Die Sehnsucht Dich zu sehen , Sibylle ! « Ich ließ ihm meine Hand mit tödtender Gleichgültigkeit und erwiderte : » Lieber Otbert , Eines merke Dir : Komödie wird nicht mehr gespielt - und jezt wollen wir schlicht und verständig über den Zweck Deines Kommens reden ; - denn Du hast einen Zweck . « » Traust Du Dir wirklich so wenig Attractionskraft zu , Sibylle ? « » Du selbst hast mich gelehrt wie wenig Veranlassung ich habe mir die geringste zuzutrauen . « » Erinnere mich nicht an meine Thorheiten , theure Sibylle ! ein Weib mit allen Tugenden und Grazien so reich geschmückt wie Du , bleibt auf die Dauer der einzige Magnet für einen Mann . Nimm mich auf ! rief er mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit ; - - nimm mich wenn auch nicht gleich zu Gnaden auf ! laß mich ein Noviziat bestehen .... aber hier , bei Dir ! « Ich betrachtete ihn mit seltsamen Empfindungen . Er war immer derselbe schöne eitle Otbert , er wollte immer gefallen und - merkwürdiger Weise ! er gefiel mir auch noch immer , jedoch so wie etwa ein Kunstwerk zweiter Ordnung , das in unsrer Seele Raum läßt für die Kritik , uns gefallen mag . Von warmen vibrirenden Lebensfibern so wie einst , regte sich nicht eine einzige für ihn . » Otbert ! sagte ich sehr gelassen , ich nehm ' es Dir nicht übel , daß Du in Deine Schauspielerkünste verfällst ! sie sind Dir genugsam zur zweiten Natur geworden um Dich glauben zu machen ich sei noch zu täuschen - ich ! die einen tiefen Blick in Deine Coulissenwelt gethan . Ich habe nicht das geringste Talent und folglich auch nicht die geringste Lust zur Schauspielerei : Du bist zu klug um das nicht längst erkannt zu haben - was ist also Deine eigentliche Absicht ? Nimm Dich zusammen und sprich die Wahrheit . « » Ich habe sie Dir gesagt : ich will Dich sehen und bei Dir leben . « » Bei mir und nicht mit mir ist peinlich . « » Es lebt ja Deine ganze Hausgesellschaft nichts weniger als peinlich , sondern sehr ungenirt bei Dir , mit Dir - .... ich weiß nicht was Du da für spitzfindige Unterschiede machst ! « » Ich kann sie Dir erklären : meine Hausgenossen leben unbefangen und zufrieden bei und mit mir innerhalb der Verhältnisse in denen wir zu einander stehen sollen . Du und ich hingegen - wir leben innerhalb eines schiefen , zerrissenen Verhältnisses . In der Ehe bedeutet mit einander - die Intimität der Liebe - also Glück ; bei einander - Schein , Lüge , Rücksichten , Zwecke .... was weiß ich ! also - ein äußerliches , unbefriedigendes und deshalb auf die Dauer peinliches Thun und Treiben . Spare es Dir und mir . « » Das heißt mit andern Worten : geh ! « rief Otbert mit aufwallender Empfindlichkeit . » Wenn Du das fühlst - weshalb bist Du gekommen ? « Fast mit Haß im Blick entgegnete er ruhig : » Um meine Tochter zu holen . « » Deine Tochter ? und bei mir ? « fragte ich gedehnt . » Nun ja , Astralis ! wen sonst ? « » Astralis ist Arabellas Tochter und ich habe der heimgegangenen Mutter den Eid abgelegt Mutterstelle bei ihr zu vertreten , bei dem verwaisten Kinde , welches sie mir in ihrem Testament zu Erziehung und Versorgung anvertraut hat . « » Das Alles ist ganz gut .... allein der Vater hat nähere Rechte - und ich nehme sie in Anspruch . « » Astralis Flowrence lautet der Taufschein meiner Pflegetochter . Arabella hat sie mir als ihr verwaistes Kind übergeben . Ob Du der Vater bist , ob ein Andrer es ist , kümmert mich nicht . « » Ah jezt spielst Du Komödie ! rief Otbert ; Du weißt sehr gut daß ich und kein Andrer Astralis Vater bin . « » Ich habe gesagt : es kümmert mich nicht ; und das ist mein voller Ernst . « » Wie ? die Gattin hab ' ich in Dir verloren und mein Kind soll ich durch Dich verlieren ? das ist ja aber himmelschreiend . « » Ja