liebe mein Kind so gut als Du . Alfred stand auf , da er sah , daß seine Frau nicht in der Stimmung war , in der er sie zu finden gehofft hatte . Als er sich entfernte , sagte sie : Gestern Abend ist eine Einladung zu heute Mittag von Frau von Barnfeld für uns abgegeben worden . Denkst Du sie anzunehmen ? Ja ! sagte Alfred und ging hinaus . Sie blickte ihm spöttisch nach . Natürlich ! rief sie , aber was thuts ? früher oder später mußte das doch geschehen ! Sie rief ihrem Mädchen und ordnete ihre Kleidung für den Mittag so glänzend als möglich an , sie wollte schön und prächtig sein ihrer gehaßten Nebenbuhlerin gegenüber . Sie scheute sich vor diesem Begegnen und doch hatte sie es seit lange gewünscht , um zu sehen , wie Alfred und Therese sich gegen einander verhielten . XI Mit ebenso großer Unruhe hatte Therese an das erste Wiedersehen gedacht , das sie nach jenen schmerzlichen Ereignissen mit Alfred haben würde . Ihr Bruder war absichtlich mehrmals mit Reichenbach und seiner Frau im Theater und an andern öffentlichen Orten erschienen , aber Therese hatte sich davon ausgeschlossen , weil sie sich nicht die Kraft zugetraut , den herben Eindrücken zu widerstehen , die ihr daraus erwachsen mußten . Die Stunden waren ihr langsam hingeflossen und es schienen ihr Jahre entschwunden zu sein , seit sie den Geliebten nicht mehr gesehen hatte . Ruhig hatte sie sich in der Erfüllung ihrer täglichen Pflichten bewegt , gefällig für das Bedürfniß eines Jeden gesorgt , aber es war geschehen , als ob sie es nur aus Gewohnheit thäte , als ob nur der Körper mechanisch den Dienst verrichte , an dem die Seele keinen Theil mehr nahm . Das entging den Ihrigen nicht . Julian ' s Liebe und zärtliche Sorgfalt verdoppelten sich für sie ; Theophil hing ängstlich beobachtend an ihren Blicken und auch Agnes litt mit ihr , bedrückt durch die Ahnung eines Kummers , dessen ganze Größe sie nicht kannte , den sie aber durch die liebenswürdigste Dienstfertigkeit und Hingebung zu zerstreuen suchte . An dem Tage , den wir zuletzt im Reichenbach ' schen Hause geschildert , befand sich Therese im Dämmerlichte mit Agnes und Theophil in ihrem Zimmer . Man hatte eben zu Mittag gespeist und der Präsident durch den Besuch eines Fremden abgerufen , hatte sich entfernt . Agnes saß auf einem Fußbänkchen vor Therese und hatte , wie sie es gern that , ihr Haupt auf den Schooß ihrer Beschützerin gelegt , während sie deren Hände in den ihren hielt . Herr Assessor ! sagte sie , plötzlich den Kopf erhebend , helfen Sie mir doch etwas ersinnen , womit wir Therese erheitern . Wir haben sie Beide so lieb , besinnen Sie sich , womit machen wir ihr wol eine Freude ? Wenn ich denke , wie froh sie war , wie sie mit mir scherzte , als ich hieherkam , kann ich es nicht ertragen , sie so traurig zu sehen . Freut Dich ' s denn nicht mehr , daß wir Dich so lieb haben , Du Beste ? Von ganzem , ganzem Herzen ! entgegnete diese , und es thut mir leid , daß mein Trübsinn auf Dich zurückfällt , mein liebes Kind ! - Die Jugend hat ja ein solches Bedürfniß , froh des Lebens zu genießen , ein so heiliges Recht auf Freude , daß man sie darin nicht verkürzen sollte . Ich tadle mich sehr , wenn ich Dich fühlen lasse , daß ich augenblicklich nicht heiter bin . Aber habe nur Geduld , es wird bald besser werden , recht bald wie ich hoffe . Klage ich denn um meinetwegen ? fragte Agnes im Tone leisen Vorwurfs . Ich habe ja am Krankenbette meiner Mutter und bei andern Anlässen , Sorgen und Kummer kennen gelernt , und ich glaube , ich bin nicht verzagt gewesen . Als ich vierzehn Jahre alt war , lag die Mutter zum Sterben krank , ließ mich an ihr Bett rufen und befahl mir , auf die Kinder zu wachen , wenn sie sterben sollte , und dem Vater treu zur Seite zu stehen . Du bist erwachsen genug und wenn Du es redlich willst , wirst Du es können , sagte sie . Wir beide waren ganz allein im Zimmer , denn die Mutter hatte die Wärterin fortgeschickt . Wie traurig das war , werde ich niemals vergessen . Ich weinte sehr und versprach es der Mutter fest ; und Gott hat mir denn auch die Kraft gegeben , daß ich alles Nöthige zu thun wußte in den vielen Monaten , während deren meine Mutter daniederlag . Als sie nachher gesund wurde , da sagte sie selbst , ich käme ihr und dem Vater nicht mehr wie ein Kind vor , sondern wie eine Freundin , und die Eltern waren noch viel gütiger als je gegen mich . Ueberhaupt fast aus jedem Leide ist in unserm Hause doch immer etwas Gutes erwachsen , so daß ich immer denke , wenn es einmal recht traurig ist : Gott weiß , was das wieder für ein Gutes geben soll ! Und in dem Gedanken ertrage ich es denn auch wieder leichter . Du gutes Kind ! sagte Therese und strich ihr liebkosend die Wangen . Ich habe auch Muth , ich bin nur müde und unzufrieden mit mir ; aber ich will wie Du hoffen , daß Gott mir Gutes vorbereitet , das wird mich heiterer machen , denke ich . Mir fällt immer , wenn ich traurig bin , ein Vers aus dem Zauberring ein , meinte Agnes , den ich sehr lieb habe . Er heißt : » Man geht durch Graus zu Wonne , man geht durch Nacht zu Sonne , durch Tod zum Leben ein . « Das habe ich mir schon oft vorgesagt und immer hat es mich ermuthigt . Sie küßte bei den letzten Worten Theresen ' s Hand und ging hinaus , weil sie einen Lehrer erwartete , der bald kommen mußte . Welch liebes , und welch tapferes Geschöpf ist das ! sagte Therese , als Agnes sich entfernt hatte , und Theophil rief , von Herzen in das Lob einstimmend : sie ist so gut als schön , ein wahres Kleinod ! Dann , sich zu Therese neigend , sprach er : Wenn Sie , aus liebender Besorgniß , dem jungen Mädchen verbergen , wie schwer der Schmerz auf Ihrer Seele lastet , so lassen Sie mich wenigstens mit Ihnen leiden . Mein Auge ist nicht zu täuschen über den Grund Ihres Kummers , denn das Herz schärft meinen Blick . Ich habe gelitten wie Sie und die Wunde ist geheilt und vernarbt ; ich habe das Leben wieder lieben , ich habe wieder wünschen und hoffen gelernt in Ihrer Nähe . Ich bin nicht mehr krank , ich fühle Kraft , zu leben , Kraft , Sie zu stützen und zu halten , Therese ! - Seit vielen Tagen sehnte ich den Augenblick herbei , in dem ich Sie ohne Zeugen sprechen könnte . Nun ist er da und ich weiß nicht , wie ich Ihnen ausdrücken soll , was ich Ihnen zu sagen wünsche . Er hielt inne und sann nach in stummer Bewegung , dann fuhr er fort : Ich verlange nicht , daß Sie vergessen sollen , ich weiß , das kann man nicht ; ich begehre nicht , ein theures Bild aus Ihrer Seele zu verdrängen , für das meine Liebe Ihnen kein genügender Ersatz scheinen möchte . Ich wollte Ihnen nur sagen , daß mein Leben Ihnen geweiht ist , und daß ich glücklich wäre , wenn Sie mir vertrauen könnten . Fortführen möchte ich Sie von hier , wo tausend schmerzliche Eindrücke Ihrer warten , Sie zu meiner Mutter bringen und geduldig des Zeitpunktes harren , in dem Sie ruhiger geworden , es empfinden könnten , wie ganz ich Ihnen gehöre , wie es mich beglückt , Sie zu beschützen , für Sie zu leben . Bester , großmüthigster Freund ! rief Therese und reichte ihm die Hand , die er küßte , als Agnes , eine Lampe tragend , zurückkehrte . Sie blieb , es gewahrend , erschrocken in der Thüre stehen und sprach sichtlich verwirrt : Ich wollte meine Stunde nehmen , aber mein Lehrer hat absagen lassen , deshalb komme ich zurück . Sie wußte nicht , ob sie gehen oder bleiben sollte , und der Eintritt des Präsidenten erlöste sie aus einer quälenden Verlegenheit . Er nahm ihr die Lampe ab , die sie noch immer hielt , und sagte : Ich komme als Eva ' s Vorläufer . Sie wird gleich erscheinen und den Abend bei Dir zubringen , liebe Therese ! Da es Dir dann nicht an Gesellschaft fehlt , möchte ich Dir den Assessor entführen . Es sind Freunde von mir aus der Provinz angekommen und ich habe mit ihnen ein Zusammentreffen außer dem Hause verabredet . Wollen Sie daran Theil nehmen , Theophil , so werden Sie ein paar gescheidte Männer kennen lernen . Der Assessor nahm die Einladung an , da auf ein ungestörtes Gespräch mit Therese in Gegenwart der beiden Andern nicht zu rechnen war , und die Männer entfernten sich bald nach Eva ' s Ankunft , die alle Anwesenden aufforderte , am nächsten Tage ihre Gäste zu sein , da sie Alfred mit der Frau ebenfalls eingeladen habe . XII Frau von Barnfeld hatte eine größere Gesellschaft bei sich versammelt . Der Präsident mit der Schwester und seinen beiden andern Hausgenossen waren unter den Ersten , die sich einstellten , und man plauderte schon ziemlich lebhaft , als Alfred mit der Frau und dem Sohne erschien . Therese fühlte sich einer Ohnmacht nahe und ihre Hand faßte krampfhaft die Lehne des Sessels , als sie Alfred erblickte . Er trat an sie heran , sie zu begrüßen , aber die Worte erstarben auf seinen Lippen . Es war ihm nicht möglich eine gleichgültige Phrase auszusprechen , während sein Herz danach verlangte , sich voll mitzutheilen , sich ganz hinzugeben . Trotz ihrer Gewohnheit , sich in der Gesellschaft zu beherrschen , fanden sie die Worte nicht , bis Felix ihnen mit seiner Unbefangenheit zu Hilfe kam . Er umfaßte Therese mit beiden Armen , küßte sie und sagte : Tante , ich habe mich recht nach Dir gebangt ! Alle Tage habe ich kommen wollen , aber die Mutter hat es nicht erlaubt . Willst Du denn nicht , daß ich zu Dir komme ? Von Herzen gern , mein Felix ! antwortete Therese , den Knaben liebkosend , ich will Deine Mutter gleich darum bitten , daß sie Dich zu mir schickt . Sie stand auf , um Frau von Reichenbach entgegenzugehen , die sie und Alfred unaufhörlich betrachtet hatte und jetzt auf sie zuschritt . Entschuldigen Sie , sagte sie , daß der Knabe so wild und ungezogen über Sie herfiel . Ich habe es ihm unzählige Male verboten , Fremde in der Weise zu belästigen ; aber die Nachsicht meines Mannes mit des Knaben Fehlern macht es es mir unmöglich , ihn zu bändigen . Schickt sich ' s , eine fremde Dame so zu belästigen ? fragte sie den Knaben . Aber die Tante Therese ist ja keine fremde Dame , wendete Felix ihr ein . Als Du noch nicht hier warst , sind wir ja alle Tage zu ihr gegangen und ich habe ganz anders mit ihr und mit Agnes herum getollt , als mit Dir , Mama ; die Tanten machen ' s lange nicht so gefährlich mit ihren Kleidern und mit ihren Sophas . Ich konnte thun was ich wollte . Laß mich doch wieder hingehn ! Wir wollen sehen , ob Du folgsam sein und die Erlaubniß verdienen wirst , sagte Frau von Reichenbach , verdrießlich gemacht durch die Erinnerung an ihres Mannes häufige Besuche bei Therese . Wenn Du Deine Arbeiten so schlecht machst , als in dieser Woche , gehst Du gewiß nicht hin . Der Knabe wurde roth , und sehr verlegen hing er sich an Theresen ' s Arm , die begütigend Besserung für ihn verhieß . Als er bald darauf , von Agnes gerufen , zu dieser ging und die Gesellschaft sich in den Eßsaal verfügte , sagte Julian , der besorgt Theresen gefolgt war , als sie mit Frau von Reichenbach sprach , und nun die Letztere zur Tafel geführt hatte : Mir scheint es unrecht , gnädige Frau , daß Sie den Knaben öffentlich tadeln . Er hat ein reges Ehrgefühl , Sie thun ihm wehe damit und bessern Nichts . Der Meinung bin ich auch ! bestätigte Alfred . Es kommt überhaupt durch zu vieles Erziehen nichts Kluges zu Stande . Man künstelt und biegt an der menschlichen Natur zu einer Zeit , in der noch alle Anlagen wie die Blume in der Knospe verhüllt sind . Dabei kann man zu leicht störend eingreifen und verderben , statt zu fördern . Wenn man die Kinder nur vor schädlichen Einflüssen bewahrt , so thut in den meisten Fällen die Natur das Nöthige und Alles , was sich aus dem Individuum selbst entwickelt , ist ihm angemessener , als wir es zu machen verstehen . Es haben allerdings viele bedeutende Männer ihre Erziehung selbst gemacht , wie die Geschichte uns lehrt , sagte Therese , die sich zwang , wenigstens mit einer gleichgültigen Phrase an der Unterhaltung Theil zu nehmen . Was die Geschichte lehrt , weiß ich nicht , entgegnete Caroline , gereizt durch die abweichende Meinung der Uebrigen . Ich habe leider in meinem Leben nicht die Muße gehabt , mich viel mit Studien zu beschäftigen . Meine eigne Erfahrung und meine Beobachtungen haben mir aber gezeigt , daß Kinder , die man nicht streng erzieht und beständig überwacht , verwildern und misrathen . Darin ist die Einsicht einer Mutter , wie ich glaube , sicherer als die Geschichte . Es lag eine solche Bitterkeit , ein solcher Spott in ihren Worten , daß es Allen , die sie hörten , auffiel . Wie kann man so unliebenswürdig sein , sagte Agnes ganz erschrocken zu Theophil , der ihr Nachbar war : Ich fürchte mich vor der Frau , obgleich sie eigentlich schön ist , und ihr Mann und Felix thun mir immer leid . Ich weiß nicht , was es ist , aber sie hat etwas Zurückstoßendes . Zurückstoßend ? meinte Frau von Barnfeld , die gute Reichenbach ist ja heute ganz charmant ; was wollen Sie denn , Agnes ? Ich habe sie schon ganz anders gesehen . Daß sie ewig von ihrer Würde als verheirathete Frau und von ihrer Kindererziehung spricht , wie ein pensionirter General von seinen Feldzügen , das wollte ich ihr gern verzeihen , das ist nur langweilig . Mich verdrießt und betrübt es aber , daß der liebenswürdige Alfred seine ganze Heiterkeit eingebüßt hat und für uns ganz verloren ist , seit der Ankunft seiner Frau . Er ist nicht mehr derselbe Mann . Es ist allerdings das unpassendste Paar von der Welt , sagte Theophil , und ein Fremder , der die letzten Worte gehört hatte , fragte : Sprechen Sie von Graf Alten , der die Tochter eines Kaufmanns heirathet ? Nein , sagte Theophil , es war von einem andern Verhältnisse die Rede . In der Heirath des Grafen finde ich nichts Auffallendes . Seine Braut ist ein schönes , gebildetes Mädchen und es ist eine vieljährige Liebe von beiden Seiten . Die Braut ist aber sehr viel jünger als der Graf , wendete Jemand ein , er ist mehr als vierzig Jahre alt und hat ganz graues Haar . Liebt man denn einen Mann um seines Haares willen ? Ich habe nie daran gedacht , wie alt ein Mann sei , wenn ich ihn liebenswürdig fand , rief Eva dazwischen . Und wenn es wahr ist , daß wir nur in der Welt sind , das Leben der Männer zu verschönen , so müßten wir ja gerade auch mit unserer Jugend das Alter eines Mannes schmücken . Sie hatte die Worte mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit gesprochen . Nun es geschehen war , flog ein brennendes Erröthen über ihr reizendes Gesicht und sie fragte in anmuthigster Verwirrung ; Merken Sie , Herr von Reichenbach , daß Ihre Gegenwart mir poetische Bilder eingibt ? Es würde mich nicht wundern , wenn die Grazien einmal die Leier der Musen borgten , erwiderte Alfred , und der Präsident sagte : Ich finde die Bemerkung unserer schönen Wirthin vollkommen wahr . Es gibt keine Altersverschiedenheit zwischen Menschen , die sich lieben . Liebe gleicht jeden Unterschied der Jahre und des Standes aus . Das sagen Sie , fragte eine Dame , der noch vor wenig Monaten erklärte , er würde nie eine Bürgerliche heirathen ? Ziehen Sie daraus die Lehre , meine Gnädige , daß des Menschen Gesinnung wandelbar ist , versetzte der Präsident . Uebrigens glaube ich nicht , daß ich jemals den sündhaften Gedanken gehabt habe , den Sie mir zumuthen . Nein ! sagte Alfred , das ist gewiß ein Misverständniß . Wer wie der Präsident durchdrungen ist von den Ideen unserer Zeit , wer so fest an die Rechte des Menschen glaubt , der - - Der kann dennoch , trotz aller unwiderleglichen Theorien von den heiligen Rechten des Menschen , es praktisch finden , eine Frau aus denjenigen Familien zu wählen , welche schon im Besitz dieser Rechte waren , ehe man sie in Frankreich den großen Massen zuerkannte , sagte lächelnd der Präsident . Aber ich glaube selbst nicht , daß ich jene freventliche Gesinnung gehegt habe . Ich kann mir nicht denken , daß ich alle die zärtlichen Seufzer meines Herzens vergessen haben sollte , welche in meiner Jugend oft genug den schönen blühenden Töchtern des gesegneten Bürgerstandes galten . Mein Herz ist zu viel umfassend , um sich einer so ausschließlichen Richtung zu überlassen ; und wenn mein Kopf ein hochmüthiger Aristokrat wäre , würde mein Herz mit unbegrenztem Freisinn für Alles klopfen , was schön ist . Kaum hatte er das in scherzendem Frohsinn gesagt , als er es bereute , in Agnes ' Gegenwart sich dergleichen Aeußerungen erlaubt zu haben . Er lenkte plötzlich mit dem Bemerken ein : Indeß jedenfalls haben Sie meine frühere Behauptung wohl misverstanden . Ich kann Nichts gesagt haben , als daß ich nur ein Mädchen von guter Familie und aus edlem Hause heirathen würde . Das braucht dann eben noch keine Dame von Adel zu sein . Mir und meiner Gesinnung ist nichts willkommener , meinte Alfred , als wenn durch Ehen zwischen Personen aus den verschiedensten Ständen eine allmälige Verschmelzung derselben zu Stande kommt ; und ich hoffe es noch zu erleben , daß man die Leute nicht mehr fragt , wer bist du ? sondern was bist du ? Deshalb hat Herr von Reichenbach wol eine Frau genommen , bemerkte Theophil ' s andere Nachbarin , die Niemand zu fragen braucht , was sie ist , weil Jeder es ihr ansieht . - Wie Frau von Reichenbach zu einem Mittagsmahl unter Freunden sich nur so mit Brillanten beladen kann ! Sie ist blendend und schimmernd in allen Farben des Regenbogens . Ein Anderer fragte : So hoffen Sie wol recht alt zu werden , lieber Reichenbach ? Sehen Sie denn nicht , sagte Alfred , daß wir unaufhaltsam dem großen Ziele zuschreiten ? Ueberall taucht es auf aus den düstersten Klüften , reines , funkelndes Gold ! Es will Tag und Frühling werden in der Welt , und wenn die Gewalthabenden das Dunkel noch so sehr lieben , die kräftigen Strahlen der gesunden Vernunft erhellen die Nacht und erleuchten die Erde . Gehen Sie nach Frankreich und England , sehen Sie , mit welch sicherer Ruhe der dortige Arbeiter seine Zwecke verfolgt , wie genau er seine Rechte kennt , mit welcher Mäßigung er sie fordert , und Sie werden mir zugestehen , daß ein Mensch , der sein gutes Recht so wohl kennt , es fordern darf und es nicht misbrauchen wird . Die politische Bildung hat in jenen Ländern alle Volksklassen so weit durchdrungen , daß die Arbeitenden nicht mehr an andere angeborne Rechte glauben , als an die , welche Jedem angeboren sind , und mit diesem Bewußtsein ist schon der Unterschied der Stände in der That vernichtet . Wenn die Form auch von den Freunden des Alten noch eine Weile aufbewahrt und festgehalten wird , für den denkenden Menschen besteht sie nicht mehr , denn ihr fehlt das Leben und die Wahrheit . Mir ist es immer ein trauriges Zeichen der menschlichen Selbstsucht gewesen , bemerkte Theophil , daß so Viele danach streben , etwas vor ihren Mitmenschen voraus zu haben . Es scheint , als ob mit dem errungenen oder ererbten Besitz die Lust daran wachse ; daß Der , dem schon viel gegeben ist , noch mehr fordert ; während es einer edeln Natur angemessener wäre , Jeden so weit möglich des Glückes theilhaftig zu machen , das man selbst als solches empfindet . Mich könnte ein Gut , das ich allein besäße , während alle Andern darben , nie recht erfreuen , und am vollkommensten würde ich es genießen , wüßte ich Alle eben so zufrieden als mich selbst . Es ist anziehend und lehrreich zugleich , sagte der Präsident , wenn wir die Beweggründe kennen lernen , aus denen in den verschiedenen Menschen die Freisinnigkeit entspringt , die eben noch nicht zu lange unter uns heimisch ist . Wir können uns nicht verbergen , daß bis zur Julirevolution Deutschland in seinem poetischen Halbschlummer sich von den Ereignissen der Jahre dreizehn und fünfzehn ausruhte und feiernd von den geschehenen Großthaten träumte . Dann wachte , durch den Hahnenruf im Westen geweckt , unser theures Vaterland auf und rieb sich zehn Jahre lang die Augen , während unsere Nachbarn jenseits des Rheines ein tüchtig Stück Arbeit beendeten und einen weiten Weg zurücklegten . Nun ist der Tag auch für uns angebrochen . Jeder sieht die Freiheit in der Ferne schweben und wünscht sie dem Vaterlande als Schutzgöttin zu erobern , denn die Göttliche findet auf den verschiedensten Wegen Zugang in die Seelen der Besten . Alfred betet die Freiheit an , weil er den Menschen liebt und die Freiheit schön ist ; Theophil , weil sein weiches Gefühl es nicht duldet , Unglückliche zu sehen , während er glücklich ist . Noch Andere erwarten von ihr Erlösung aus Ketten , die sie drücken ; bei Vielen ist es das angeborne Rechtsgefühl , das sie der Freiheit entgegenführt . Aber fast Alles , was geistig frisch und tüchtig ist , wendet sich ihr zu . Da ist es wol zu hoffen , daß sie den Forderungen , den Bitten und Bestrebungen sich ergibt und daß auch wir sie bald als Herrscherin neben dem königlichen Beherrscher , dem Verstande , bei uns thronen sehen werden . Daß Edelleute wie Sie , sich solchen Theorien zuneigen , sagte einer der Gäste , ist mir auffallend . Wie können Sie wünschen , daß man uns die Vorrechte entzieht , welche uns das Verdienst unserer Väter erwarb , wenn wir des Erbtheils würdig sind ? Ich betrachte vielmehr Denjenigen , der sich dieser Rechte entäußert , wie einen Verschwender , der sein Gut leichtsinnig von sich wirft , wenn Sie den Vergleich entschuldigen wollen . Sehr gern , meinte der Präsident , besonders da er uns nicht trifft . Denken Sie , Sie besäßen ein Capital , das vor grauen Jahren einer Ihrer Vorfahren rechtmäßig erwarb , das aber von den Nachfolgenden durch Unredlichkeit , durch wucherische Zinsen , die sie von Ununterrichteten erpreßten , ins Unendliche vergrößert ward . Nun käme Einer von den Beeinträchtigten und spräche : Ich will dich nicht arm machen , aber du sollst mir zum Ersatz für Alles , was die Deinen mir so lange entzogen , nur so viel geben , als ich bedarf , um durch mein Bemühen eben so reich zu werden , als Du , wenn ich dieselben Fähigkeiten besitze , die Deine Ahnen hatten . Könnten und wollten Sie ihm das verweigern , ohne ungerecht und hart zu sein ? Es verlangt ja bei uns Niemand , den Adel aufzuheben , das Recht des Besitzenden zu beschränken ; es will nur Jeder Raum zu freier Entwicklung haben , Das gelten dürfen , was er ist , und Das erreichen können , wozu die Vernunft ihm den Trieb und die Fähigkeit gibt . Man will denken und sagen dürfen , was man denkt ; man will nicht glauben , was vor der Vernunft nicht bestehen kann . Das ist kein Unrecht , sondern eben nur eine vernünftige Forderung . Daß Sie in Glaubenssachen eben so leicht denken , als mein Mann , das wußte ich längst , rief plötzlich Frau von Reichenbach , aber daß Sie sich auch sonst zu seinen übertriebenen Ansichten neigen , hätte ich nicht geglaubt , Herr Präsident ! Alle sahen sie verwundert an und Julian sagte : Ich finde es begreiflich , gnädige Frau , daß Sie fest an Ihrem Glauben und an Ihren angestammten Vorrechten halten ! und dabei sah er so ruhig aus , als wüßte er nichts von dem Spotte , der in diesen Worten lag . Die Frauen haben eine Vorliebe für das Conserviren , darum ist den meisten alles Neue , die Moden ausgenommen , verhaßt , und auch in diesem Bereich lieben sie jetzt wieder das Uralte . Die Männer , Herr Präsident , lieben freilich die Abwechslung mehr als wir , sagte Caroline , gleichsam um dem Präsidenten zu vergelten , und diesem schien eine scharfe Antwort auf den Lippen zu schweben . Ein Blick auf Alfred aber bewog ihn , sie zu unterdrücken , und er bemerkte , gegen Therese gewendet : Es gibt doch andererseits unter den Frauen auch viele Anhänger unserer Lehre . Meine Schwester hat z.B. die freisinnigsten Ideen . Das glaube ich ! rief Caroline mit solcher Bosheit lachend , als sie bemerkte , daß Alfred und Therese in ein flüchtiges Gespräch mit einander gerathen waren , daß Beide aufschraken , mehr von dem Tone als von den Worten betroffen , die sie nicht genau gehört hatten . An den bestürzten , misbilligenden Gesichtern der Gesellschaft sahen sie deutlich , es müsse irgend etwas Störendes vorgefallen sein , und Alfred blickte mit instinktartigem Erschrecken nach seiner Frau hinüber . Sie begegnete seinem Auge mit Sicherheit , wechselte aber plötzlich die Farbe , als Julian sich zu ihr neigte , ihr ein Glas Champagner einschenkte und mit freundlichster Miene leise sagte : Sie schaden Niemand als sich selbst ; meine Schwester ist unerreichbar für Sie , und ich bin da , sie zu beschützen . Vergessen Sie das nicht , schöne , gnädige Frau ! Sein Mund lächelte dazu wie bei einem Scherze , aber vor dem drohenden Tone seiner gedämpften Stimme , vor seinem durchbohrenden strengen Blick erschrak Caroline heftig . Sie fühlte , dieser Mann sei zu dem Aeußersten fähig , wo es seine Schwester galt , und sie fing an ihn zu fürchten . Kaum aber hatte er es gesagt , als er sein Glas füllte , Alfred , um dessen Aufmerksamkeit von Caroline abzuziehen , damit begrüßte und ausrief : Auf das Wohl aller jungen Saaten in Deinen Gütern , der geistigen und der wirklichen . Alfred nickte ihm dankend zu und Julian sprach : Damit soll denn auch dem Ernste Lebewohl gerufen werden und mit dem Nachtische der Frohsinn beginnen . Wir haben uns in der That unterhalten , als säßen wir unter Fahnen und Siegestrophäen bei irgend einem langweiligen Zweckessen , nicht in Mitte schöner Frauen bei der liebenswürdigsten Wirthin . Wollen die Damen uns das verzeihen ? Eva meinte , wenn er Besserung gelobe und beweise , solle Gnade für Recht ergehen , und von dem Präsidenten angeregt , fand bald die heiterste Stimmung Eingang in die Gesellschaft . Scherz und Frohsinn gewannen die Herrschaft . Alle überließen sich der fröhlichsten Laune und Julian war die Seele des Ganzen . Aber je heiterer die Gesellschaft wurde , je trauriger und schwerer empfanden Therese und Alfred ihre Trennung . An dem bewegten Streite über ernste Gegenstände hatten sie Theil zu nehmen vermocht , der laute Frohsinn der Glücklichen scheuchte sie in sich selbst zurück . Nur die Breite der Tafel trennte sie von einander , aber es war ihnen , als ständen sie an den beiden Polen der Erde . Wie Spott klang die Stimme der Scherzenden in ihr Ohr , und es dünkte sie eine Wohlthat , als Eva , Theresen ' s Schweigen bemerkend , die Tafel aufhob . Während man sich nun in den andern Zimmern um die Kamine niederließ , suchte Caroline Theresen auf und war ganz Freundlichkeit für sie , ganz Güte . Sie sprach sehr geflissentlich von der Sorgfalt , mit der das Fräulein sich ihres Knaben angenommen , während sie selbst noch auf dem Lande gewesen sei , wo die Arbeiten des Herbstes sie festgehalten hätten . Dann bat sie um die Erlaubniß , den Knaben zu ihr bringen zu dürfen , drückte den Wunsch aus , den Präsidenten und die Schwester während der nächsten Tage bei sich zu sehen , und rühmte in solcher Weise das große Glück ihrer Häuslichkeit , daß Alfred dazwischentrat , weil er fühlte , sie stehe auf dem Punkte , sich und ihn der Spottsucht preiszugeben . Er mahnte sie an die Heimkehr und die Gäste fingen an aufzubrechen . Dadurch kam er zufällig in Theresen ' s Nähe , die er nicht mehr gesucht hatte , weil es ihm zu wehe that , ihr fremd und kalt gegenüberstehen zu müssen . Von dem Gedanken an sein eigenes Loos bewegt , war ihm die in Ehescheidung begriffene