sich zufrieden gegeben habe ? Gar nicht ! fuhr eine Stimme aus der entferntesten Ecke dazwischen , der eine Bruder hat den andern Bruder auf Ruthbergs Anstiften rein ausgeplündert ! Auf mein Anstiften ? fragte Ruthberg halb erzürnt , halb belustigt . Nun , das heißt auf des Mephisto Anstiften . Hat denn Gretel-Helene zwei Brüder ? Ach nein ! der eine andere Bruder - ist der Bruder einer Heiligen , die wir Alle verehren . Der Name wird hier nicht genannt , meine Herren ! rief ein blonder Offizier . Nicht einmal gedacht , bei solch einer Gelegenheit ! setzte ein zweiter hinzu . Zum Teufel , so erzählt mir ' s doch auch ! Nun also , Helene hat aus früheren Zeiten einen - Bruder . Ah so ! Der Bruder ist natürlich ein Heide und seine Schutzgöttin die Fortuna . Da aber in der Mythologie immer eine gewisse Identitäts-Confusion vorherrscht , so hatte Venus früher als Fortuna - Anastasius ! wenn du uns die Sache ohne Mythologie vortragen möchtest ? Meinetwegen ! Wir haben gestern , wie wir hier sitzen , zusammen im goldenen Löwen dinirt , den Nachmittag wollten wir ganz unter uns ein Spielchen machen . Hubert suchte also den Bruder der Capacelli auf , damit er eine kleine Bank eröffne . Gondi kam ; als aber hinter ihm die Thüre abgeschlossen werden sollte , erschien Ruthberg mit seinem Pylades . Ohne Mythologie ! schrie Ruthberg . Nun , der Graf that erst etwas scheu und sah uns blos zu . Ruthberg pointirte . Die Bank verlor ; als sie zahlte , legte sie markirte englische Banknoten auf , die der Graf erkannte . Wie denn das ? Er hatte sie markirt aus England empfangen und die Nummern notirt , wie das oft geschieht , und gerade diese nämlichen Banknoten am selben Morgen dem weisen Solon ausgezahlt . Der bittere Kelch dieser Erkenntniß verjüngte den Faust , den du Pylades nennst , er wurde zornig , als wäre er zwanzig Jahre alt . Aber Solon rührt ja keine Karte an , er spielt nie ! Eben darin lag die Affaire ! Dem Solon hatte er sie gezahlt , wie kamen sie denn nach Verlauf so weniger Stunden alle in die Hände des - Bruders ? Das sieht einer abgekarteten Zufälligkeit so ähnlich , wie ein Ei dem andern , sagte der Blondin . Glaubte er denn an den Bruder ? Den Zusammenhang habe ich nicht weg , versicherte ein Anderer . Die Frage war : ob der Bruder von seiner Schwester die beiden Noten , die sich auf etwa vierhundert Florins beliefen , erhalten habe , und für was man sie ihr gegeben . Alle lachten . Ruthberg , nun erzähle uns die Geschichte weiter ! Du gingst ja , nachdem Ihr verloren , mit ihm und Gondi fort . Was ist da viel zu erzählen ! Es fand sich eben , daß noch eine Sorte Bruder im Spiele sei und sich heimlich aus dem Staube gemacht habe . Und nun breitete sogleich Mephisto seinen Mantel aus und ihr flogt nach ? - Bah ! rief Ruthberg , wir haben Wien nicht einen Augenblick verlassen ! Darüber schweigt die Geschichte ; die Capacelli aber war unschuldig diesmal , nicht wahr ? Eben traten mehre Herren und Damen in das Cabinet , die Offiziere standen höflich von ihren Sitzen auf , das Gespräch hatte ein Ende . Begreifst du , sagte der blonde Offizier im Hinausgehen zu seinem Freunde , was dieser Satan von Ruthberg mit Kronberg vorhat ? Die ganze Ueberraschung scheint verabredet , weshalb hätte sonst Gondi in englischen Papieren gezahlt , die konnte er ja in fünf Minuten umsetzen ? Es steckt irgend eine Teufelei dahinter . Es ist ein großer Irrthum , zu glauben , daß nur in kleinen Städten geklatscht wird ; beinahe alle Männer in Annens Salon wußten einen Theil dessen , was ihr so räthselhaft blieb . Paola Capacelli war in einem Punkte nicht um ein Haar anders , als die meisten ihrer Kunstgenossinnen ; sie nahm die Auszeichnung , die ihr in vollem Maße ward , dankbar hin , sie freute sich der berauschenden Huldigungen , die ihr das Publicum zu Theil werden ließ , aber sie würde sie dennoch gern mit den minder geräuschvollen vertauscht haben , welche die Gesellschaft der schönen Frau aus höheren Ständen beut . Kronbergs Betragen gegen sie , obschon er die reizende Spanierin nicht liebte , hatte durch die entsetzliche Qual , die ihm seine in einer Andern so tief gekränkte Eitelkeit verursachte , fast immer etwas Leidenschaftliches ; sein Mistrauen , die täglichen Ungleichheiten seines ganzen Wesens , seine Heftigkeit , seine Unruh konnten von einer Frau wie die Capacelli sehr leicht als glühende Liebe gedeutet werden . Die unselige Spazierfahrt , auf welcher sie Louis neben Annen gesehen , erweckte zuerst in Paola ' s Brust den Gedanken , daß auch die Gräfin einen Liebhaber begünstige , daß Kronberg um seiner Ehre willen eifersüchtig sei und die Trennung einer Ketzerehe nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre . Die schöne Paola war nicht immer in einer so glänzenden Lebenssphäre gewesen , als die , zu welcher jetzt ihr Talent sie erhoben . Sie hatte traurige Tage der Armuth und Verlassenheit durchlebt . Das natürliche Kind des elenden Wirthes einer Posada im Gebirge , ward sie dem armen Flecken , in welchem sie geboren , schon als Kind von einem durchreisenden Italiener entführt , dem ihre schöne Stimme aufgefallen . Capacelli war sein Name ; er hatte sie unterrichtet , erzogen , benutzt , verführt - am Ende geheirathet , als sie kaum den Kinderschuhen entwachsen , um den Gewinn ihres Talents um so gewisser sich zu sichern . Sehr natürlich war der alternde Maestro di Capella nicht der Einzige geblieben , den ihr Gesang und ihre Schönheit anlockten ; noch ehe sie die Bühne betreten , hatte sich ein bisher durch ihr ganzes Lebensgewebe fortlaufendes Verhältniß zu einem bildschönen italienischen Vagabonden geschürzt , der in allen Hauptstädten Europas , in denen sie verweilte , bald als vornehmer Reisender , bald als Glücksritter und Spieler auftrat und wie ihr Planet , obschon minder oft sichtbar , um seine schöne Sonne sich drehte . Seit einem Jahre hatte der Tod die Fessel ihres Ehestandes gelöst und die Zeit die der Liebe gelockert . Paola und ihr Geliebter waren darüber einig geworden , daß an eine engere , dauernde Verbindung unter ihnen Beiden zu denken , eine Thorheit sei . Der Bequemlichkeit wegen hatte er sich in Wien für ihren Bruder ausgegeben . Seine ganz erschöpften Geldkräfte hinderten ihn für den Augenblick , in der höheren Gesellschaft aufzutreten ; er hielt insgeheim in kleinen freundschaftlichen Cirkeln Bank und erntete im Whist und Ecarté die nöthigen Hülfsmittel dazu . Gleich nach ihrer Heimkehr hatte ihm Paola das Begegnen der Gräfin Kronberg mitgetheilt und ihm befohlen , Nachricht über den Namen und Stand des jungen Mannes einzuziehen , den sie bei ihr gesehen , was , da Louis und Gondi dasselbe Hotel bewohnten , keine Schwierigkeiten fand . Mehre Tage vergingen indessen doch , ehe er erfuhr , daß Louis Annens Bruder sei . Paola benutzte während derselben blindlings ihre Macht , Kronbergs Eifersucht auf die Gräfin zu steigern ; das Misverstehen lag nur darin , daß sie dabei den Fremden im Auge hatte , während jener alle ihre andeutenden Worte auf Gotthard bezog und sich bereits die Zielscheibe der öffentlichen Aufmerksamkeit wähnte . In der heftigen Scene zwischen Kronberg und Louis , welche den Ausbruch seiner Krankheit veranlaßte , war Gondi ein unbewußter Hauptagent gewesen ; seine sanguinischen Hoffnungen , eine Scheidung des Grafen von dessen Gemahlin herbeizuführen und Paola einst deren Stelle einnehmen zu sehen , hatten ihn zu sehr gewagten Uebertreibungen verleitet . Er hatte des Grafen Leidenschaft zur Capacelli mit glühenden Farben geschildert und Louis dadurch noch mehr erzürnt und verwirrt . Gotthards Dazwischenkunft löste endlich alle die Misverständnisse , indem sie zugleich Louis ' augenblickliches Verlassen Wiens erzwang . Seit dem letzten Ereignisse waren erst wenige Stunden vergangen , als Gotthard Annen von der Abreise ihres Bruders benachrichtigte und Kronberg an Gondi ' s Spielbank saß . Er verließ mit diesem und Ruthberg den Saal . Ohne Umstände hatte ihm der Spieler gestanden , daß , obschon er die Noten aus Louis ' Händen empfangen , dieselben von Gotthard stammten , und ihm eine Schuldverschreibung auf zweihundert Florins gezeigt , welche den Rest der verspielten Summe ausmachte . Sehr natürlich nahm Kronbergs Gefühl sogleich eine andere Richtung ; abermals trat ihm ja des Verhaßten Einfluß in Bezug auf Anna entgegen ! Er eilte mit seinem Freunde in das Hotel , von da zur Post ; Louis war wirklich abgereist . Fast wäre er auf den Gedanken gekommen , mit Courierpferden der Post nachzujagen . Ruthberg begleitete ihn überall hin , war aber hinterdrein indiscret und erzählte die Geschichte einigen guten Freunden , die sie weiter beförderten - und commentirten . Ruthbergs Benehmen hatte gar keinen besondern Grund , die Sache amusirte ihn ; vielleicht regte sich die geheime Hoffnung in ihm , durch einen ohnehin unvermeidlichen , etwas schneller erweiterten Bruch des Grafen und Anna ' s irgend einen Vortheil zu ziehen - vielleicht trieb ihn der instinctartige Haß gegen Gotthard ; er dachte nicht darüber nach . Indessen führte er selbst die Klätschereien herbei , denen wir im Salon vierundzwanzig Stunden später zugehört ; aber alle Anwesenden , die sie belustigten , bezogen Kronbergs unruhigen Zorn auf die Capacelli , Annens gedachte Niemand dabei ; und geschah es ja , war es nur , um die schöne , liebe Frau zu beklagen . Nachdem ihm am Abend alle Versuche mislungen , seinen Schwager zu erreichen und ihn noch um eine Erklärung zu bitten , hatte Kronberg , wie wir wissen , zu Hause in dem Anliegen seines Knaben einen neuen Grund der Erbitterung gegen Gotthard gefunden ; im Cabinet seiner Frau war sein erster Blick abermals auf den Verhaßten gefallen . Ein Billet Paola ' s hatte ihn während des Gesprächs mit Annen dringend auf die Bühne und nach der Oper zu sich beschieden , wo sie ihm einige sonderbare Mittheilungen versprach . Gotthards so entschiedenes Verfahren gegen den ihm als Abenteurer bekannten Spieler und Louis ' fast gewaltsam erscheinende Entfernung hatte Paola und ihrem Freunde Gondi viel zu denken gegeben . Der weibliche Instinct ließ sie vollkommen richtig rathen und sogleich wandten sich ihre Machinationen gegen Gotthard . Die Art und Weise , in welcher sie Kronberg die Sache vorstellte , die höchst gewandten Fragen , welche sie einer Wiederholung der Erzählung ihres Bruders verwebte , reiften in ihm einen Entschluß , dessen ganze Thorheit er fühlte , ohne die Kraft zu haben , ihn in sich zu ersticken . Als er am frühesten Morgen vor Gotthard stand , fiel ihm ein , daß er ihn im Grunde gar nichts zu fragen habe - was gingen ihn die Zahlungen des Geheimraths an ? - Gotthard saß , von einer Menge Acten und anderen Schriften umgeben , in seinem Arbeitscabinet . Ein tiefer Ernst umwölkte seine hohe Stirn ; er sah den . Lenz nicht , der aus dem Gärtchen mit Rosenaugen in seine stille Zelle schaute , er hörte die Mahnung all der kleinen zwitschernden Vögel nicht , die ' so dringend bittend den Frühlingston der Menschenbrust , das leise sehnende Flehen um Liebe in seinem Herzen wach zu rufen schienen ; er sah das Schattenspiel der Blütenranken nicht , das auf seinen Papieren phantastisch auf und niedergaukelte - jeder Sinn war der Außenwelt verschlossen und nur im tiefsten Innern wuchs ein einziger schmerzlicher entsetzlicher Gedanke riesenhaft , wie eine unermeßliche Nacht , und überdeckte wachsend mit seinem Dunkel das reiche vollquellende Leben in und um ihn her , bis es zum Nichts zusammenschrumpfte . Es ist grauenhaft , wenn die höchsten Steigerungen des Gefühls und des sichtenden Gedankens mit einem Male in einer unausweichbaren Ueberzeugung zusammenfallen , die wie durch einen Brennspiegel mit den Strahlen des Erhabenen , Ewigen über uns das kleine Hoffnungsleben des armen Menschenherzens verzehrt ! Wenn seine ganze reiche Vergangenheit , all die bunten Elemente des Glücks seiner Zukunft , plötzlich wie ausgebrannt , schwarz verkohlt vor ihm da liegen , wenn in Minutenenge lange Jahre einer ganz leer gewordenen und doch noch zu durchlebenden Zeit drohend aneinander sich drängen ! - solche innere Erlebnisse , solche Vernichtung des Erdenmaßes , mit dem wir sonst unsere Tage messen , hat manch braunes Haar in unbegreiflicher Geschwindigkeit gebleicht , manch glanzlichtes Auge ausgelöscht , daß es fortan ganz farblos die Gegenstände zurückstrahlte , manch junges Blut haben sie stocken gemacht , als habe es der Eisfinger des Alters berührt , - aber , ach ! getödtet haben solche Augenblicke nie . Gotthard hatte die ganze Nacht hindurch über seine Stellung zu Kronberg nachgesonnen ; es war ihm klar geworden , daß diesem sein sich stets wiederholendes Entgegentreten in allen engeren Lebensbeziehungen unleidlich qualvoll sein müsse , daß eine fast übermenschliche Kraft dazu gehöre , es zu dulden , nachdem Roderich seine und Anna ' s Neigung zu einander erkannt - und konnte Gotthard zweifeln , daß dem so sei ? Unbarmherzig riß er den Schleier selbst mitleidiger Täuschung entzwei ; er war entschlossen , seiner Carrière eine andere , neue Richtung zu geben , von Annen sich zu trennen . Seit gestern schauderte ihm vor der Tiefe seiner eigenen Leidenschaft ; er hatte die Unmöglichkeit empfunden , sie in jedem Augenblicke zu zügeln . Anna ' s Kummer hatte ihn der Kraft beraubt , sich selbst zu widerstehen . Er wußte , daß Kronbergs Charakter kein unedler , daß dessen Eitelkeit und Wankelmuth die Folge eines gewaltsam aus seinen Fugen herausgerissenen frühen Gefühls sei ; er fühlte alle diese Gedanken , diese ernsten stillen Mahner mit tödtendem Entsetzen , denn sie verurtheilten ihn . Er konnte sich ' s nicht leugnen , dem Grafen das Unerträgliche aufgebürdet zu haben : die Superiorität eines Nebenbuhlers . Und plötzlich , wie eine Verkörperung des eigenen Innern stand Kronberg selbst vor ihm , ruhig , edel in Anstand und Ausdruck . Gotthard war einen Augenblick zu Muthe , als komme jener , ihn zu fordern auf Leben und Tod . Der Graf hatte sich gefaßt ; er fragte ihn ganz einfach nach dem ihm vielleicht bekannten Zusammenhang der Zahlung einer Spielschuld seines Schwagers , die dessen Mittel zu überwiegen scheine und dennoch abgetragen sei . Sie fühlen , setzte er hinzu , daß ich der Gräfin einen großen Schreck verursachen würde , wenn ich sie direct darum befragte . Ich zweifle , daß sie um die Sache weiß , erwiderte Gotthard . Er erzählte eben so einfach , wie St. Luce erwähnt , daß Louis , obschon genesen , von Tag zu Tag seine Abreise verschoben hätte , wie er selbst darauf ihn besucht , des jungen Mannes Vertrauen gewonnen und mit ihm zu Abtragung der Schuld eine Uebereinkunft getroffen . Ich brauche Ihnen , Herr Graf , setzte er verbindlich hinzu , nicht erst zu sagen , daß eine solche von Männern gegeneinander übernommene Verpflichtung kein Gegenstand des Gesprächs mit einem Dritten sein darf . Kronberg schwieg ; an der Marmorglätte dieses reinen festen Willens brach abermals seine Kraft . Aber , fuhr Gotthard fort , fürchten Sie keinen Flecken auf Ihres Herrn Schwagers Ehre ; alles Nöthige ist von ihm selbst im Voraus besorgt und die am Total fehlende Summe wird noch heute in Gondi ' s Händen sein . Kronberg stutzte . Gotthard sah völlig gleichgültig aus . Hier war nur eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten : Gotthard war mit seiner Gemahlin im tiefsten , innigsten Einverständnisse , oder Louis hatte in rasendem Stolz sein Erbtheil verpfändet ; es konnten aber Monate , Jahre vergehen , ehe das aufzuklären war . Sie haben Sicherheit ? fragte er kurz . Vollkommne , erwiderte Gotthard . Aber nun , Herr Graf , gestatten Sie mir die Gunst Ihres frühen Besuchs zu benutzen . Mich hat ein Vorschlag , eine Bitte nach Wien zurückgeführt , deren Erfüllung ich Ihnen sehr ernstlich danken würde . Seine Unterlippe bebte convulsivisch , seine Stirn blieb klar . Die Hauptfragen beim hiesigen Gouvernement sind erledigt , dem eigentlichen Juristen bleibt für den Moment wenig Bedeutendes mehr zu thun . Man hat uns hier den größern Theil der gewünschten Aenderungen zugestanden , in den alten Provinzen fordern dagegen die Gesetzentwürfe zu Einführung ständischer Verfassungen meine Gegenwart und der Vorschlag des Vertrags mit Rußland bedarf einer strengen Revision - ich kam hierher , Sie zu bitten , Baron Stein vorläufig an meiner Statt die hiesigen Arbeiten zu übertragen , die etwaigen Memoires aber nach Berlin oder dahin mir nachzusenden , wohin das Ministerium mich beordert , wenn wir meine hiesige Aufgabe als vollendet ihm melden . Mit unnachahmlicher Klarheit und unsäglich wehmüthiger Ruhe legte nun Gotthard dem Grafen seine zum Beschluß gereiften Geschäftspläne für sich und seinen Stellvertreter vor . Es lag ein fast heiliger Ernst in seinen Worten und eine so tiefe Besonnenheit , daß Roderich , zur unwillkürlichsten Bewunderung hingerissen , zauderte , ihm zu antworten . Dies Anerbieten des edeln jungen Mannes überraschte ihn mit zermalmender Gewalt ; er fühlte , daß , was auch Gotthard sagen möge , die Willkürlichkeit seiner Entfernung von Wien ihm künftig unübersteigliche Schwierigkeiten bereiten und hemmend in seine Thätigkeit eingreifen könne . Noch schwieg er , da öffnete sich die Thür , St. Luce trat aus einem Nebenzimmer herein . Ohne aufzusehen , reichte ihm Gotthard die Hand . General , sagte er , ich habe bereits dem Grafen meine Wünsche eröffnet . Eine ungeheure Erschöpfung breitete ihr fahles Grau über seine Züge , es war eine Leichenfarbe , als habe der Tod ihn berührt . Als endlich Roderich ihn verließ , stürzte er an des alten Freundes Brust ; die innere Erschütterung hatte ihn jedes Ausdrucks seines Schmerzes beraubt . Der General blieb den ganzen Tag bei ihm , pflegte ihn und sprach ihm zu , wie ein Vater seinem Sohne ; aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen , stummen Weh . Wahrlich , Eins des Andern werth ! seufzte St. Luce . In Kronberg stürmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig ; es war ihm unmöglich , jetzt seine Frau zu sehen . Tappend , unsicher , wie geblendet , durchirrte er die Straßen , sah die Menschen nicht , die ihm begegneten , vernahm nicht , was sie zu ihm sagten , es war , als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn ergriffen . Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Straßen ging er zur Capacelli , dort hatte man ihn bereits gesucht . Geschäftliche und gesellige Anforderungen bemächtigten sich seiner , umdrängten ihn , rissen ihn mit Gewalt in das Gewirr platter Alltäglichkeit . Mit unbeschreiblicher Sorge folgte Paola ' s Auge jeder seiner Bewegungen ; bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz , und ein glühender Haß , ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Gräfin begann sein geheimes Leben in ihrer Brust zu regen . Sie saß zu Roderichs Füßen , küßte seine Hände , umwickelte ihn mit ihrer Zärtlichkeit , wie mit einem Zauberschleier , all seine Gedanken umrankte , umwob sie ; mit all seinen Sinnen im Bunde , stritt ihre Leidenschaft gegen seinen Schmerz ; abwechselnd launisch , weich , gewaltsam , ließ sie nicht ab von ihm , bis ihr endlich gelungen , ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen Empfindungen zu ziehen , und er ermattet , wehrlos an ihrem Busen lag . Dann ward sie amusant , tändelnd , fast drollig , was ihrer hohen Gestalt , ihren markirten Zügen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh ; leise , leise weckte sie das Leben wieder , das sie erst , wie vernichtend , in sich gesogen , sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel , das man eine Gefühlsorgie nennen könnte , das Herz ihm in der eigenen Brust , bis er willen- und bewußtlos die ganze übrige Welt in ihren Armen vergaß . Gotthard hatte sich daheim still in sich beruhigt , der Abend war herangekommen , er rang mit dem Entschluß , zu Kronbergs Soirée zu gehen - sie zu sehen . Gebe Gott , sagte er ernst , daß der Graf nicht allzulange zögert ; die Hauptschritte zu meiner Versetzung müssen wir Beide zugleich thun . Ohne Bewilligung des Cabinets kann ich nicht abreisen , diese nicht erhalten , ohne seine officiell ausgesprochene Zustimmung . Wenn er ihr wenigstens die Knaben ließe , murmelte der alte St. Luce trübsinnig vor sich hin ; er will sie nach Berlin schicken . Das wird er nicht , erwiderte Gotthard sehr bitter , wenn ich hingehe . St. Luce verließ ihn , um nach Annen zu sehen . Gotthard hatte versprochen , ihm zu folgen ; aber als er gehen wollte , vermochte er es nicht , es war ihm mit einem Male unmöglich geworden , gerade heute , unter so vielen fremden Gesichtern sie zu sehen ; als St. Luce zurückkehrte , um ihn zu holen , fand er ihn nicht mehr zu Hause . Anna verging der Abend in tödtlich beklemmender Sorge . Als die letzten Anwesenden sich entfernten , war Kronberg schon wieder verschwunden , ohne auch nur ein Wort an sie gerichtet zu haben . Ihm war zu Muthe , als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht , er schämte sich , ohne deutlich zu wissen , weshalb . Das ritterlich Loyale seines Wesens empörte sich gegen den Wunsch , Gotthards Anerbieten anzunehmen , und machte ihn verwirrt und befangen . Am nächsten Morgen lag Anna an einem nervös-hitzigen Fieber gefährlich krank darnieder . In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gotthards Namen , dann wieder die ihrer Knaben ; waren diese bei ihr , so ward sie stiller , ließ aber keinen derselben los , wenn ihn ihre Hand erfaßte . Eine unsägliche Angst schien sie zu verzehren . Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswerth . Sophie wandte die höchste Sorgfalt an , das Verletzende zu bergen , ihn während der wilden Ausbrüche ihres Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten , vergebens ! In wüthend wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie , sondern sich selber an , als suche er mit übertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden , und verließ kaum ihr Zimmer . Zur Capacelli ging er gar nicht in diesen Tagen . Als er aber einmal während eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken in seine Stube trat , fand er drüben Paola , in Thränen aufgelöst , am Boden kniend , vor einem seiner Fauteuils ; sie betete und mischte unwillkürlich in die Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwünschungen gegen ihn . Der spanische , etwas fanatische Charakter der Schönen sprach sich herb und bitter aus , fast war ' s Verachtung , die sie Roderich zeigte ; als sie ihn aber genauer ansah , stürzte sie mit lautem Aufschrei in seine Arme . Unwillig drängte er sie zurück und begegnete ihr hart ; weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zügen , noch ihr Zorn vermochten es , ihn zu rühren . Duguet saß Tag und Nacht im Vorzimmer , dicht an der Thür des Cabinets seiner Gebieterin und harrte irgend eines Befehls ; waren sie nicht bei ihr , hielt er die beiden Knaben auf dem Schoose , die mit ihm weinten . Gotthard kam wol zwanzig Mal des Tages zu Sophien , um Nachrichten einzuziehen . Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer ; er saß gebeugt , in starrem Schmerz still vor sich hinblickend , so versteinert da , daß er den vor ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte . Als aber nach zehn , zwölf Tagen die Lebensgefahr vorüber war , reichte Gotthard sein Gesuch um vorläufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein und forderte ihn auf , demselben seine schriftliche Zustimmung beizulegen . Während man einer Antwort von Berlin aus harrte , übernahm St. Luce , welchem man den Zutritt nicht länger zu weigern vermochte , die Kranke , die nun außer Bett in ihrer Chaise longue lag , auf Gotthards mögliche Entfernung vorzubereiten . Wehmüthig reichte sie dem alten Freunde die Hand . Ich wußte es ! war Alles , was sie sagte . Kronbergs Stimmung hielt nicht Stich , sie verwandelte sich , wie Annens Genesung vorschritt , mit jedem Tage mehr und mehr . Der Bruch mit der Capacelli war zu grell zur Dauer , er sah sie wieder und versöhnte sich mit ihr . Schon jetzt nahm er Gotthards Entfernung von Wien als etwas hin , das sich gebühre , daß seiner und Anna ' s Ehre wegen unvermeidlich , folglich kein Opfer sei ; er war wieder der vornehme , vom Glück verwöhnte Aristokrat , der des Untergeordneten Dasein kaltblütig verbraucht . Noch einmal sah Gotthard sie wieder , aber nicht allein ; St. Luce begleitete ihn hin . Anna saß zwischen ihren Kindern ; sie und Gotthard waren Beide überzeugt , daß vor der Hand von keiner Trennung der Knaben von ihr die Rede sei . Sie kannten Kronbergs Charakter und verrechneten sich nicht ; ihm war zu Muthe , als sei das Bleiben Egons der Kaufpreis für Gotthards Entfernung ; obgleich er sich überredete , er würde dieselbe mit Gewalt erzwungen haben , wenn der junge Mann nicht von selbst den Forderungen der Umstände nachzugeben sich entschlossen , so fiel ihm doch nicht im Traum ein , an diesem Preise zu mäkeln . Alles Markten und Feilschen war ihm von Grund der Seele aus zuwider . Es mag so bleiben , sagte er sich , bis über ' s Jahr ; der Kinder Anwesenheit wird sie für jetzt beruhigen und ich bringe dann später die beiden Knaben zugleich zu Geiersperg . Gotthard schrieb Annen einige Abschiedszeilen ; es waren wenige Worte , aber wie mit seinem Herzblut geschrieben . Sie weinte so heimlich , daß nicht einmal St. Luce ihre Thränen gewahrte . Ueberhaupt war Anna seit der Krankheit sehr verändert , die Trennung zerdrückte ihre noch nicht wieder erstarkte Körperkraft . Trennung ! ein Wort , das man tausendmal hört und ausspricht , das man in tausend verschiedenen Gestaltungen in ' s Leben treten sieht und doch niemals in seinen Folgen im Voraus richtig begreift ! dem Einen ein Ballast , der sein Lebensschiff im Gleichgewicht erhält , dem Andern der Stein , der ihn in die Todestiefe des Stromes hinabzieht ; Jenem ein Hauch , ein Nichts , das er vergißt , indem er kaum es ausgesprochen , Diesem ein schweres Dunkel , das ihn lebenslang umgibt , in welchem er sich selbst verliert ; - Ihr war ' s Erstarrung , Winterseelenschlaf . Sie vergaß der Trennung nie , in keiner Zerstreuung , in keinem Interesse , keiner Arbeit , ja sogar in keinem andern Schmerz . In jeder Secunde fühlte sie Gotthards Entfernung , wie man ein abgetrenntes Glied des eignen Körpers fühlt , immerfort es entbehrend , immerfort im Entbehren die Gegenwart seines Schattenbildes dunkel empfindend . - Sie schrieb ihm nicht , sie fragte selten nach ihm ; wenn ihr St. Luce zufällig eine Nachricht brachte , kostete das kleinste Wort derselben ihr einen ganzen Tag , sie konnte sich dann auf nichts mehr besinnen und ging umher wie ein Automat . In der Gesellschaft sagte man : das Nervenfieber habe sie sehr stark angegriffen , und der diesjährige Sommer sei zu heiß . Aber der Sommer und sein Siroccohauch verflogen - ihr Zustand war der nämliche geblieben : da brachte der October mit seinen bunten Blumen , die alle » Rosens spielten « und den Frühling nachäfften , die eine wahrste duftigste Frühlingsblüte , Leontinen . Leontinens Lebenssonne stand im Zenith . Jean Carlo war begnadigt , das heißt , er war verbannt - verbannt auf zwanzig lange Lebensjahre , mit dem Vollgenuß seiner Einkünfte . Der Marchese Viatti trat in Wien mit solchem Glanze auf , daß Kronberg erschrak ; er fürchtete , man werde einen Theil der schon gewährten Concessionen zurücknehmen . Er irrte ; Oesterreich liebt die Pracht und den Reichthum , wie es die Wohlthätigkeit liebt und dem Hochstehenden wie dem Gemeinen gern den Genuß gewährt und bereitet , den materielles Wohl verleiht . Das junge Paar miethete sich ein schönes Hotel , sah viele Leute bei sich ; und da eine so nahe Verwandtschaft jede Rivalität aufhob , erhöhte sein brillanter Haushalt den Nimbus , der Kronbergs Gastlichkeit umgab . Die beiden Familien erhielten ein ungeheures Uebergewicht in der höhern Gesellschaft . Sophie war fast immer auf dem Wege zwischen beiden Häusern . Bei Annen hielten sie die Kinder , und dann bedurfte ja die Kleine , wie sie insgeheim immer noch die Marchesin nannte , ihrer nicht - die war so glücklich ! - Duguet war nicht recht zufrieden mit dem Allen . Leontine hatte dem Dringen Jean Carlo ' s und der innern Unruhe ihres Gemüths nachgegeben - sie war zum Katholicismus übergetreten ! Ob sie den so oft und schwer vermißten Frieden dadurch errungen , war in diesem Augenblick der vollen Blütenzeit ihrer äußeren Verhältnisse schwer zu entscheiden ; kam sie doch kaum zur Ruhe des Nachdenkens über das Allernächste . Duguet also war sehr unzufrieden mit diesem Schritt . A quoi bon ces bêtises ? sagte er in seiner Revolutionsweisheit ; er war nicht mit dem neuentstandenen Kaiserthum Bonaparte ' s zur alten Religionsform zurückgekehrt , die Déesse de la raison , die zu seiner Zeit ein sehr schönes Mädchen und später ein altes garstiges Aepfelweib in Bonn war , steckte ihm noch im Kopfe . Sophie gehörte dem Realismus an : sie fand den Schritt nöthig , der künftigen Kinder der Marchesin wegen . Kronberg kümmerte sich gar nicht darum ; Anna blieb , wie immer , mild in ihrem Urtheil