ablegt , daß er nie nach Deutschland kommt , daß ich nie wieder von ihm und von dem Frauenzimmer Etwas höre . Für mich ist Ferdinand todt , ich habe keinen Sohn mehr , wiederholte sie noch einmal . Während dieser Rede war sie immer heftiger geworden und brach zuletzt in krampfhaftes Weinen aus , das sie zu erleichtern schien . Auf Dich allein ist nun meine Zukunft angewiesen , sagte sie . Deine Söhne sollen die Erben dieses Hauses werden und William hat mir versprechen müssen , daß sie unsern Namen neben dem Euren führen sollen . Morgen muß der Ehecontract aufgenommen werden und sehr bald soll Eure Hochzeit sein . Ich würde nicht Ruhe haben , ehe ich nicht die einzige Angelegenheit beendet habe , die mir auf Erden noch Freude machen kann , und daß Du mir diese letzte Freude machst , das wird Dir Segen bringen . Gott gebe , Du würdest eine glücklichere Mutter , als ich . Sie fiel ganz erschöpft in die Kissen des Sophas zurück , Clara stand sprachlos an ihrer Seite , bemüht , sie durch den Geruch stärkender Essenzen zu beleben . Sie hatte sich vorgenommen , ihrer Mutter zu sagen , daß sie William nicht liebe und ihn nicht heirathen könne , und hatte sich gefaßt gemacht , den heftigen Zorn derselben mit Ergebung zu tragen . Jetzt aber , als die Mutter vor ihr lag , die stolzen Züge ganz gebrochen von der Macht des Leidens , fehlte ihr der Muth , sie durch eine entschiedene Weigerung noch mehr zu betrüben . Nur um Aufschub wollte sie fürs Erste bitten und that es , indem sie der Commerzienräthin vorstellte , wie ihr leidender Zustand keine Aufregung gestatte und wie William gern bereit sein würde , zu warten , bis die Mutter wieder ganz wohl und kräftig sei . Aber auch davon wollte diese nichts hören , und als in diesem Moment Eduard in das Zimmer trat , um seinen täglichen Morgenbesuch zu machen , richtete die Commerzienräthin sich lebhaft mit der Frage empor : Sagen Sie , lieber Doctor , glauben Sie , daß Freude meinen Nerven schaden könne ? Im Geringsten nicht , antwortete er unbefangen ; ich glaube vielmehr , daß Erheiterung Ihres Gemüths mehr zu Ihrer Genesung beitragen würde , als irgend eine Arzenei . Also haben Sie nichts dagegen , wenn wir morgen die Verlobung meiner Tochter feiern ? Eduard schwieg betroffen ; Clara sah ihn mit flehenden Blicken an , ihr Athem stockte ; denn von dieser Antwort hing ihre Zukunft ab . Die Commerzienräthin schien aber zu glauben , ihr Arzt überlege , ob ihre Anwesenheit in größerer Gesellschaft zulässig sei , und sagte : Ich spreche ja von keinem großen Feste , nur im engsten Kreise wollen wir die Verlobung vor sich gehen lassen . An solche Feste , wie Ihre Eltern bei Jenny ' s Verlobung veranstalteten , darf ich jetzt freilich nicht denken , auch wird Clara zur Entschädigung in dem Hause ihrer Schwiegereltern Glanz und Feste in Ueberfluß finden - deshalb soll Alles morgen in Stille vor sich gehen und dagegen dürfen Sie keine Einwendungen machen . Nein , gewiß nicht ! Ich darf keine Einwendungen dagegen machen ! antwortete er mit einem Seufzer und blickte auf Clara , die sich , unfähig seinem Blicke zu begegnen , an einen Stuhl lehnte , um nicht ihrer Bewegung zu unterliegen . Kaum aber hatte die Commerzienräthin Eduard ' s Erlaubniß erhalten , als sie die Klingel zog und dem Diener befahl , William zu ihr zu bitten . Eduard hielt die Hand der alten Dame noch in der seinen , und richtete eine Frage über ihren Zustand an sie , als William schon dem Ruf der Tante Folge leistete . Gleich , gleich , Doctor ! unterbrach sie ihn , seien Sie nicht böse . Aber Sie selbst gestanden mir , Freude sei meine beste Arznei , darum muß ich William sagen , daß Sie mir die Erlaubniß gegeben haben , morgen die Verlobung der beiden Lieben feiern zu dürfen . Eduard ! rief William . Doch ehe er noch ein Wort hinzufügen konnte , sprang Eduard auf und wollte Clara zu Hülfe eilen , die , unfähig sich länger zu beherrschen , bleich und matt der Thür zuwankte . Plötzlich blieb er stehen und sagte rasch , aber mit einer Selbstbeherrschung , die Jeden täuschen mußte , der die Verhältnisse nicht kannte : Ihre Braut ist unwohl , William , begleiten Sie sie . In demselben Augenblick war William auch an Clara ' s Seite , ihre letzte Kraft verließ sie , er umfing sie stützend mit seinen Armen , und in Eduard ' s und in ihrer Mutter Gegenwart weinte sie heiße Thränen über ihr verlorenes Liebesglück an ihres künftigen Gatten Brust . Noch am Abende fuhr Eduard nach Berghoff hinaus . Clara ist mit William verlobt , sagte er , nachdem er sich mit den Seinen begrüßt hatte . Das freut mich sehr , antwortete sein Vater und drückte Eduard die Hand , während die Frauen ihn um nähere Mittheilungen baten . Mehr wurde zwischen Vater und Sohn nie wieder über eine Angelegenheit gesprochen , welche früher zwischen ihnen der Gegenstand lebhafter Erörterungen , banger Besorgniß und schweren Kampfes gewesen war . Eduard fuhr nach wie vor an jedem Morgen in das Haus der Commerzienräthin , so lange ihre Gesundheit seine Pflege erforderte ; nur Zeuge von Clara ' s Verlobung zu sein , hatte er unter einem Vorwande verweigert , und William und Clara wußten ihm dies Dank . Die ersten Tage , an denen er das neue Brautpaar sah , bedurfte es seiner ganzen Kraft , um äußerlich eine Fassung zu erzwingen , die ihm in seinem Geiste noch fehlte . Aber William stand ihm wie seiner Braut in edler Weise bei . Er selbst begleitete bald darauf Clara nach Berghoff und mit einer Gewandtheit , die aus dem feinsten Schicklichkeitsgefühl und einem wohlwollenden Herzen entsprang , wußte er Eduard und Clara vor jeder zu schmerzlichen Berührung zu bewahren . Während die Damen sich mit einer Unterhaltung über die in beiden Häusern nöthig gewordenen Ausstattungen für die Bräute beschäftigten , zog William seinen Freund mit sich und sagte : Lieber Eduard ! Clara hat gegen mich das Verlangen geäußert , Sie noch einmal allein zu sprechen , und ich hatte ihr zugesagt , ihr dazu Gelegenheit zu geben . Später bin ich anderer Meinung geworden , ich habe Clara gebeten , der Erfüllung dieses Wunsches zu entsagen . Sie werden mir zugeben müssen , daß es für uns Alle besser ist , wenn wir uns so schnell als möglich über eine Zeit fortzuhelfen versuchen , die an schmerzlichen Eindrücken nur zu reich ist . Deshalb habe ich meine Tante überredet , unsere Hochzeit zu beschleunigen . In vierzehn Tagen spätestens soll sie vollzogen werden . Ich billige Ihre Ansicht vollkommen und danke Ihnen für Alles , was Sie thun , Clara ' s Gefühle zu schonen , antwortete der Doctor . Und nun Eduard ! sagte William , noch eine Bitte . Ich habe Sie seit unserm ersten Begegnen für einen seltenen Mann gehalten ; weil Sie der sind , lassen Sie es mich nicht entgelten , daß ich glücklicher bin als Sie . Ich werde bald eine Frau haben , die ich liebe - soll ich deshalb den Freund verlieren , den ich gewonnen zu haben glaubte ? Nein , bei Gott ! das sollst Du nicht ! rief Eduard , hingerissen von William ' s Worten . Glaube mir , William ! daß ich Dich aus Grund der Seele achte ; aber wundre Dich nicht , wenn mir jetzt , wo ich von den Hoffnungen meiner Vergangenheit so plötzlich scheide , Gegenwart und Zukunft noch umwölkt erscheinen ; wenn ich keinen andern Gedanken habe , als wie groß das Glück war , auf das ich verzichten mußte . Dir vertraue ich dies Glück an , und könnte mich Etwas trösten , so wäre es das Bewußtsein , Clara an Dich , an den Würdigsten verloren zu haben . Arm in Arm kehrten sie zu den Uebrigen zurück , sie fanden Steinheim in der Familie , der eben dazu gekommen war . Ich schwöre Ihnen , sagte er , ich wäre längst einmal hieher gekommen , wenn die fatale Hitze mir nicht eine vollkommene Nervenabspannung zu Wege brächte ; besonders da die Stadt so still und einsam ist , wie Pompeji vor der Ausgrabung . So bringen Sie uns keine Neuigkeiten mit , und wir Landleute wissen mehr als Sie . Denken Sie nur , der räuberische Engländer entführt uns Clara schon in der nächsten Woche ! bemerkte Jenny . Ja ! dann hat er ein Recht , stolz zu sein , weil wir dann das Einzige an ihn verlieren , um das England uns beneiden mußte , rief Steinheim , Posa ' s Worte parodirend , indem er sich gegen Clara tief verneigte . Die Hitze macht Sie nicht galanter , sagte Jenny lächelnd , denn Sie vergessen , daß William mich nicht ebenfalls mitnimmt , sondern daß ich hier bleibe , um mich an Ihnen für Ihren Mangel an Galanterie zu rächen . Gehört die Rache auch zu den christlichen Tugenden einer Frau Pfarrerin ? fragte Steinheim , und da Jenny , gegen sein Erwarten , nichts darauf erwiderte , sondern die Frage fallen ließ , wendete er sich zu den Herren , die , seitwärts stehend , mit einander sprachen . Bald aber kehrte er wieder zu den Damen zurück , weil , wie er behauptete , da , wo die Männer säßen , ein furchtbarer Zugwind wehe , von dem man in dieser Witterung den Tod haben könnte . Man lachte ihn aus , und doch war er heute Clara willkommen . Seine Anwesenheit , seine Unterhaltung , auch wenn sie , wie fast immer , nur sein » Ich « betraf , zogen die Aufmerksamkeit von ihr ab ; und je größer der Zirkel wurde , um so ungestörter konnte sie sich in die Erinnerung alles Dessen versenken , was sie in diesem Kreise erlebt hatte , und was sich heute unwillkürlich ihrem Geiste aufdrängte . Sehen wir Sie vor Ihrer Hochzeit noch ? fragte die Hausfrau sie , als sie später schieden . O , gewiß ! antwortete Clara , ich komme noch Abschied von Ihnen Allen zu nehmen , da wir gleich nach der Trauung abreisen . Denken Sie unser , wenn wir nicht mehr hier sein werden ! bat sie mit kaum unterdrücktem Weinen , und ihr Blick traf Eduard , der ihn nur zu wohl verstand . William aber machte der stummen Scene schnell ein Ende und führte seine Braut davon . Die Trauung des neuen Ehepaares war vorüber ; die junge Frau in Reisekleidern war des Augenblickes gewärtig , in dem die Diener melden würden , daß Alles zur Abreise bereit sei . Die Gäste hatten sich entfernt , nur Jenny und Eduard waren noch geblieben . In sich gekehrt sah dieser kaum , was um ihn vorging ; er wünschte , der schwere Kampf des Scheidens wäre an Clara und ihm bereits vorüber . Die Commerzienräthin sprach mit ihrem Schwiegersohne und empfahl ihm die dringendste Vorsicht für die junge Frau , welche Hand in Hand mit ihrem Vater da saß , der in ihr seine einzige Freude verlor . Da trat ein Diener herein und wie ein elektrischer Schlag durchzuckten Jeden die einfachen Worte : Der Postillon hat angeschirrt ! Weinend schieden die Eltern von der einzigen , schönen Tochter ; weinend sank sie Jenny in die Arme und wollte , sich gewaltsam losreißend , an Eduard vorüber , ihrem Manne folgen . Dieser aber hielt sie zurück . Und Eduard ? sagte er leise mahnend , und führte sie selber zu dem Freunde hin . Das war mehr als sie ertragen konnten , aber William hatte vorausgesehen , was er ihnen damit that , was er ihnen damit leistete und gewährte . Jetzt in der Stunde der Trennung bedurfte es keines Geheimnisses , gab es keine Entweihung für diese reine Liebe mehr . Eduard zog die Geliebte , William ' s Frau , tief erschüttert , an sein Herz , und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirne . Gott segne Sie ! rief er , und schloß dann auch William noch einmal in seine Arme . Gott segne Euch ! Er konnte nicht weiter sprechen . Ueberrascht , aber mit ehrendem Schweigen , sahen es der Vater , sah die Mutter es . Leben Sie wohl , Eduard ! Ihnen vermache ich meine Eltern , sagte Clara kaum hörbar , stehen Sie ihnen bei ! - Und nun erst nahm William ihren Arm und führte sie zu dem Wagen , der sie bald den Augen der nachsehenden Freunde entzog . Nach Clara ' s Abreise schien Eduard sich plötzlich zu ermannen . Ein Leben , das ihm keine Freude bot , wollte er für Andere nützen ; nicht umsonst hatte er seine Hoffnung geopfert und der Geliebten entsagt . Er fing an wieder vorwärts zu blicken , mit neuem Eifer seine medizinischen Studien und die Bestrebungen aufzunehmen , die er im Verein mit gleichgesinnten Männern schon früher für die Befreiung seiner Glaubensgenossen gemacht hatte . So hatte der Vater ihn zu finden erwartet , und das erhabenste Verhältniß bildete sich immer schöner zwischen ihnen aus , denn auf die rasche Thätigkeit des Sohnes übten die Ruhe und Weisheit des Vaters den segensreichsten Einfluß . Seit Eduard ganz von der Leidenschaft für Clara beherrscht , nur dieser und dadurch sich selbst gelebt , war er auch mit Joseph und Steinheim weniger zusammengekommen ; sie nahmen den Rückkehrenden nun mit Freuden wieder auf . Jetzt erst erfuhren sie auch , welche Forderung Eduard an die Regierung gestellt , und die abschlägige Antwort , die ihm geworden , und Beide erriethen leicht , was ihn bewogen hatte , jene Angelegenheit so heimlich zu betreiben . Wir müssen mit unermüdlicher Beharrlichkeit den Weg verfolgen , sagte Eduard , den wir für den rechten halten . Es kommt nur darauf an , daß wir ausharren , nicht verzagen und immer wieder kommen , so oft man uns auch abweist . Das werden sie jüdische Unverschämtheit nennen ! bemerkte Joseph . Mögen sie es immerhin . Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung , nur wenn wir unablässig dagegen stürmen , können die Verschanzungen fallen , hinter denen sie uns unsere Rechte vorenthalten ; und fallen müssen sie . Unser Recht muß uns werden . » Und wär ' es mit Ketten an den Himmel geschlossen ! « unterbrach ihn Steinheim , der selbst bei einer so ernsten Unterredung , die ihm sehr am Herzen lag , seine üble Angewohnheit nicht überwinden konnte . Glücklicherweise war man so sehr daran gewöhnt , daß Niemand es weiter beachtete . Auch Joseph und Eduard hörten nicht darauf , sondern überlegten lange , ob man jetzt , nachdem Eduard ' s persönlicher Wunsch abschlägig beschieden worden , dieselbe Bitte für die Juden im Allgemeinen bei der Regierung wagen solle . Sie stritten hin und her und kamen endlich überein , daß Eduard sich nach Jenny ' s Hochzeit , die nicht allzu fern mehr war , selbst nach der Residenz begeben und versuchen möchte , was dort zu erreichen sein würde . Nach diesem Beschlusse verließ Steinheim die Andern , und Eduard , der erst jetzt wieder auf seine Umgebung aufmerksam zu werden anfing , sagte zu Joseph : Da wir Jenny ' s Hochzeit erwähnen , sage mir , Du , der Du meine Schwester nie aus den Augen verloren hast , was quält Jenny ? liebt sie Reinhard nicht ? scheut sie sich vor dem Leben auf dem Lande ? oder was geht sonst mit ihr vor ? Ich finde sie geistig in einer Weise verändert , die mich um so mehr überrascht , als sie mir bis jetzt gänzlich entgangen war . Du hast Recht ! sagte Joseph , aber wir können ihr nicht helfen , sie quält sich selbst , und ich weiß nicht , wie das enden wird . Wie meinst Du das ? fragte Eduard bestürzt . Ich bin überzeugt , Jenny ist ohne allen Glauben an die christlichen Dogmen Christin geworden , und der Gedanke , einen Meineid geschworen zu haben , peinigt und verfolgt sie mit einer Gewissensangst , vor der sie sich nicht zu schützen weiß . Wär ' s möglich ? - Sollte es Das sein ? Was bringt Dich auf die Vermuthung ? Jenny ' s ganzes Wesen und vor Allem eine Unterhaltung , die ich vor einigen Tagen mit ihr hatte . Sie brachte absichtlich das Gespräch auf Religionsverschiedenheit und gestand mir , jetzt , da sie Christin geworden wäre , käme sie sich manchmal wie ausgeschlossen oder verstoßen von den Ihren vor . Es sei ihr , als wenn sie nicht mehr wie sonst zu den Eltern gehöre , obgleich sie sich doch Reinhard durch die Taufe nicht näher gebracht fühle . Sie fragte mich , was ich von dem Eide denke ? ob ich überhaupt glaube , daß alle sogenannten Sünden auch Sünden vor Gott seien ? und sie äußerte sich überhaupt in einer Art , die mir bei ihrem Geiste lächerlich und kindisch erschienen wäre , wenn ich nicht darin eine vollkommene , innere Verwirrung , einen Zwiespalt gefunden hätte , der mir herzlich leid that . Zuletzt sagte sie mir , sie könne den Gedanken nicht fassen , nicht mit ihren Eltern auf demselben Kirchhofe zu ruhen . Ich stellte ihr vor , das sei eine Thorheit ; auch wir , obgleich noch Juden , könnten leicht fern von allen Freunden eine Ruhestatt finden , und es sei gewiß höchst gleichgültig , wo man uns begraben würde . Sie aber blieb dabei , es wäre ihr schrecklich , und war überhaupt in einer Stimmung , in der jeder Vernunftgrund fruchtlos bleiben mußte . Das arme Kind ! rief Eduard , was kann man für sie thun ? Wir müssen sie sich selbst überlassen . Ich bin überzeugt , daß sie den Ausweg finden wird . Das muß man abwarten und ich hoffe , sie findet ihn bald , besonders , wenn irgend ein äußerer Anlaß ihrer Unentschlossenheit zu Hülfe käme und sie veranlaßte , sich offen darüber zu erklären , wo eigentlich die Quelle ihres Leidens liegt . So laß uns gemeinschaftlich über sie wachen , bat Eduard , damit wir den rechten Augenblick nicht verfehlen , wenigstens Jenny glücklich zu machen , da wir es nicht geworden sind . Leidensgefährte ! - sagte Joseph mit einer Miene und einem Tone , die ein eigenthümliches Gemisch von Spott und Schmerz ausdrückten . Wir wollen sie behüten , so gut es geht , aber ich fürchte , auch ihr ist nicht zu helfen ! Und leider war Joseph ' s Vermuthung nur zu richtig . Je glücklicher sich Jenny in Reinhard ' s Liebe fühlte , um so mehr demüthigte sie der Gedanke , unwahr gegen ihn zu sein . Von frühster Kindheit an hatte man ihr die Lüge als etwas so Unedles , so Verächtliches dargestellt , daß sie sich nur mit Entsetzen zu gestehen vermochte , wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe . Der Zustand ihrer Seele möchte für Denjenigen , der ihn nicht von selbst versteht , schwer zu beschreiben sein . Sie fühlte sich dem Elemente , in dem sie geboren , der Atmosphäre , in der allein sie athmen konnte , entrissen . Man hatte sie gelehrt , wahr gegen sich selbst , gegen jeden Andern zu sein , und Recht und Wahrheit waren die Sterne gewesen , auf die man von jeher ihr Auge gelenkt . Gott ist die Wahrheit , das Recht , das Gute und das Schöne , hatte ihr Vater ihr stets gesagt , und so lange Du das Recht thust , so lange Du wahr bleibst , bist Du Gottes Kind und mein liebes Kind ! - Stundenlang konnte die Erinnerung an diese freundlichen Worte , bei denen sie sich sonst so glücklich gefühlt , sie jetzt quälen . Nachdem sie damit angefangen hatte , unwahr gegen sich selbst zu sein , hatte sie durch eine damals unfreiwillige Selbsttäuschung von ihrem Vater die Erlaubniß erlangt , zum Christenthume überzutreten , an das sie zu glauben wähnte . Als aber der Zweifel in ihr erwachte ; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von tausend Scheingründen in sich die Lehren Reinhard ' s und des Pastors zu begründen strebte ; da , sagte sie sich jetzt , da habe sie gewußt , daß sie niemals werde glauben können , was sich gegen ihre Vernunft sträube ; und daß sie dennoch , trotz dieser innern Gewißheit , Christin geworden sei , daß sie ihren Vater , Reinhard und sich selbst habe hintergehen wollen , das war ein Verbrechen , um dessentwillen sie sich verächtlich vorkam , eine Sünde , die sie sich nicht vergeben konnte . Aber was ist Sünde ? fragte sie sich dann wieder . Wenn ich Reinhard nicht anders glücklich machen konnte als durch eine Unwahrheit ; wenn ich selbst ohne sie elend werden mußte , kann Gott ein Unrecht strafen , das aus großer Liebe begangen wurde ? Einen Augenblick fühlte sie sich dann frei und gerechtfertigt durch die Liebe ; durch den Kampf , den es sie gekostet , aus Liebe gegen ihre Ueberzeugung zu handeln . Sie hatte aus Liebe ein Opfer gebracht , das ihr schwer geworden war , sie hatte sich selbst überwunden - das war es ja gerade , was Gott von uns verlangt - und diese Idee gab ihr Ruhe , bis sie sich gestand , daß auch dies wieder eine Unwahrheit sei . Nicht nur um glücklich zu machen , sondern um es zu werden , war sie Christin geworden ; es lag Selbstsucht auch in dieser Handlung , und die Bemerkung , daß es ihr fast zur Gewohnheit geworden , sich nach ihrem Bedürfniß selbst zu täuschen , vermehrte ihre Seelenpein in einem Grade , der ihr jedes ruhige Urtheil raubte . Eine Furcht vor der Strafe Gottes bemächtigte sich ihrer Seele , und sie , die nicht an die mystischen Lehren des Christenthums zu glauben vermochte , überließ sich fast willenlos dem Aberglauben des alten Testaments , das Gott einen Rächer nennt , das Böse strafend bis in das fernste Glied . Auch Reinhard , sagte sie sich , ziehe ich mit in mein Verderben ; auch ihn wird der Strudel erfassen , wenn ich ihm nicht mehr verbergen kann , daß ich nicht glaube . Was soll er dann beginnen ? Er wird mich lieben und mir doch nicht verzeihen können ! Auch er wird in den heillosen Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben gerathen ; auch auf sein theures Haupt werde ich das Elend herabbeschwören , das mich nicht ruhen läßt , und das wird die erste Strafe sein , mit der Gott meine Sünden rächt . In dieser Verfassung ihrer Seele vermehrten die Briefe des Geliebten ihr Leiden . Sie sprachen ihr warme Liebe und ein volles unbedingtes Vertrauen aus . Er schilderte ihr das Glück einer Ehe , wie er sie an ihrer Seite erwarte , die , auf gleichen Ansichten , gleicher Ueberzeugung gegründet , in gemeinsamem Streben nach Vollkommenheit , den Himmel auf Erden bieten müsse ; und meldete ihr endlich voller Freude , daß der Tag zu seiner Ordination bestimmt sei und er , sobald ihm diese Weihe geworden , zurückkehren werde , um sie heimzuführen . Seine Mutter , die seiner Ordination beizuwohnen wünsche , sei bereits bei ihm und werde mit ihm zur Hochzeit nach Berghoff kommen . Dann wünsche er vor derselben mit Mutter und Braut das Abendmahl zu nehmen , was Jenny bisher noch nicht empfangen hatte , und bald nach der Hochzeit abzureisen , während seine Mutter in der Stadt bleiben würde , um sie die Tage des ersten Beisammenseins ganz ungestört und allein genießen zu lassen . Jenny ' s Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen , sie drückte das Blatt an ihre Lippen . Vor der sichern Hoffnung auf die nahe Vereinigung mit dem Geliebten war für einen Augenblick jeder andere Gedanke aus ihrer Seele geschwunden ; und sie begann den Brief nochmals zu lesen , um nur keines der Worte zu verlieren , welche sie so glücklich machten . Da fiel ihr Blick auf die Stelle : Ich wünsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das Abendmahl zu nehmen , und auch auf diese Weise in die heiligste , innigste Gemeinschaft mit Dir zu treten , die Du bald als mein geliebtes Weib , unauflöslich , untrennbar mit mir verbunden , mein sein wirst . Ihrer Hand entsank das Blatt , jetzt war der Augenblick gekommen ! Zum zweiten Mal , wie bei der Taufe , ein Spiel zu treiben mit Dem , was Reinhard das Heiligste auf der Welt war , das vermochte sie nicht . Dies , das fühlte sie , dies war der entscheidende Moment , in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen Entschluß in ihrer eigenen Achtung wieder herstellen und ihr Gewissen in Bezug auf Reinhard beruhigen , oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrinth stürzen mußte , in dem sie und der Geliebte untergehen konnten . Der Kampf war ernst und schwer , aber die Wahrheit siegte , und aufgelöst in Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht , als schon das helle Tageslicht in ihre Fenster schien , folgenden Brief an Reinhard : Geliebtester ! Wie viel glücklicher wären wir Beide , wenn statt dieses Briefes die Nachricht in Deine Hände käme , Deine Jenny sei gestorben . Du würdest weinen , mein Reinhard ! Du würdest um mich trauern , mein Andenken lieben , wie Du mich liebst , und ich wäre , erhoben von diesem Gedanken , geschieden und hätte Ruhe . Warum konnte ich nicht sterben , als Du mich das letzte Mal in Deine Arme schlossest , als Deine Liebe mich so beglückte ? Denkst Du daran , wie ich es wünschte , wie ich es Dir sagte , weil ich schon damals ahnte , daß ein Augenblick , wie der jetzige , mir bevorstehen könnte ? Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich , bei der Liebe und Nachsicht , die Du mir damals gelobt hast , stoße mich jetzt nicht von Dir , mein Geliebter ! Du , der mich fast seit meiner Kindheit kennt , den ich liebte , seit ich ihn zuerst sah . Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele ; Du weißt , daß mein Geist ebenso heiß nach Wahrheit dürstet , als mein Herz Liebe verlangt . Darum kannst Du mich verstehen , darum mußt Du Mitleid mit mir haben , wenn ich Dir sage , daß ich Dich mehr als die Wahrheit liebe , daß ich meine Ueberzeugung zwingen wollte , sich meiner Liebe zu fügen . Ich vermag es nicht länger . Von Augenblick zu Augenblick zögere ich , Dir ein Bekenntniß zu machen , von dem ich fürchte , daß es Dich tief betrüben , mich in Deinen Augen heruntersetzen könne . Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern , die uns vereint , an das Glück , das wir gemeinsam erhoffen , damit sie Dir vorschweben , wenn ich Dir Alles gesagt haben werde . Ich glaube nicht , daß Christus der Sohn Gottes ist ; daß er auferstanden ist , nachdem er gestorben . Ich glaube nicht , daß es seines Todes bedurfte , um uns Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben . Die Dreieinigkeit , die er lehrte , ist mir ein ewig unverständlicher Gedanke , der keinen Boden in meiner Seele findet . Ich glaube nicht , daß es ein Wunder gibt , daß Eines geschehen kann , außer den Wundern , die Gott , der Eine , einzig wahre , täglich vor unsern Augen thut . Und selbst zu Christus , des erhabenen , göttlichen Menschen Erinnerung kann ich das Abendmahl nicht nehmen , mich nicht zu einer Ceremonie entschließen , die mir wie eine unheimliche Form erscheint , während Du die innigste Verbindung mit Gott darin feierst . Ich kann nicht anders ! Diese Ueberzeugung ist stärker als meine Liebe , als ich ! Nach furchtbarem Kampfe wurde ich Christin ; denn schon vor der Taufe war die Wahrheit in mir Herr geworden über eine Täuschung , die ich mit der Angst der Verzweiflung in mir zu erhalten strebte , um Deinetwillen ! Lügen kann ich nicht länger , aber auch glauben kann ich nicht - kein Ausweg ist möglich ; und mit dem Gefühl der tiefen Liebe , die ewig wahr und unverändert in mir ist , werfe ich mich an Deine Brust . Du sollst mir sagen , wie ich Frieden mache zwischen Liebe und Glauben , wie ich mich wiederfinde in dem Gewühl des Kampfes . Wenn Du mich liebst , habe Mitleid mit mir , komme bald , komme gleich und laß mich aus Deinem Munde die Worte hören , die meiner Seele allein Ruhe geben können . Sage mir , daß Du mich lieben kannst , wenn ich auch nicht an Christus glaube , wie Ihr es verlangt . Ihr sagt , er sei die Liebe - nun , dann ist er mit mir , denn ich liebe Dich , wie je ein Mensch zu lieben vermochte ; ich kenne kein Glück als Deine Liebe . Schreibe mir nicht ! Das dauert zu lange , komme selbst , damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde , die langsam aus todten Lettern zu lesen , eine Qual wäre , die Du mir ersparen wirst , weil Du mich liebst . Ja ! ich weiß