die Sonne aufgegangen und der Wagen gepackt und angespannt - er konnte sich nicht zur Abfahrt entschließen ; ihm war , als drohe Faustinen Gefahr . Wer kann ihr ein Leid zufügen oder ihr weh thun ? fragte er sich unaufhörlich ; Andlau etwa ? aber der thut es nicht ! - Endlich sprang er in den Wagen und ließ bei Faustinen vorfahren . Es war acht Uhr , sie konnte aufgestanden sein . Er eilte hinauf und fragte . Die Kammerjungfer antwortete , die Gräfin schlafe wol noch , denn sie sei erst um fünf Uhr zu Bett gegangen . Mario bat sie zuzusehen , ob die Gräfin nicht vielleicht schon wach sei , und als das Mädchen etwas befremdet seinen Wunsch erfüllte , und in Faustinens Zimmer ging , folgte er ihr auf dem Fuße nach . Das ganze Zimmer glänzte in blutrothem Licht ; die Vorhänge von Fenster , Alkoven und Bett fingen den feurigen Strahl der Aprilsonne auf , ihr Widerschein überrieselte alle Gegenstände und stach grell in Marios Augen . Unheimlich berührte ihn diese brennende Farbe in dem stillen Zimmer , noch unheimlicher Faustinens leichenhafte Blässe . Sie schlief . Er trat an ihr Lager und betrachtete einen Augenblick mit ängstlicher Sorgfalt dies schöne , zarte Gesicht , welches , wie eine Blume , noch die Spuren des nächtlichen Sturmes verrieth - so abgespannt waren ihre Züge . Dann bog er sich zu ihr nieder und küßte ihre Stirn . » Anastas ? « fragte sie halberwacht und lächelte . » Du träumst also nicht von mir ? « fragte Mario traurig . » Ich träume nie , « rief sie und richtete sich rasch auf ; » oder träum ' ich jetzt ? weshalb bist Du noch hier ? « » Weil ich Sorge um Deine Einsamkeit habe , mein Engel ! Komm mit mir ! mein Wagen steht unten bereit . Ich bin furchtsam für Dich .... um Dich . « Er war neben ihr niedergekniet . Sie legte den Arm um seinen Hals , den Kopf an seine Brust und sagte : » O laß mich , Herz , ich bin todtmüde , ich muß schlafen .... so schlafen . « Lange hielt er sie in seinen Armen ; sie schlief nicht , aber sie schien betäubt , sprach nicht , und drückte ihn nur zuweilen ganz leise an sich . Er schwieg auch und sann nach , ob diese Ermattung körperlich oder seelisch sei . Sind die Nerven schwach oder ist ' s das Herz ? schwach bist Du , mein armer Engel ! - Der Wunsch sie mitzunehmen , sogar gegen ihren Willen , stieg immer mächtiger in ihm auf ; da ließ er sie zurück aufs Lager sinken , nahm mit inbrünstiger Zärtlichkeit von ihr Abschied , und eilte hinab . Als er fort war , murmelte Faustine : » Wär ' ich doch mit ihm gegangen . « Ein Chaos wogte in ihr . Die Elemente , aus denen ihre neue Erde sich gestalten sollte , hatten sich noch nicht aus der Gährung ausgeschieden . Andlau empfing Faustinens Frief in Nürnberg . Er las ihn , ohne ihn zu verstehen , einige Male . Endlich verstand er das : » Wir können uns nie wiedersehen . « - Ihm war , als würd ' es Nacht am hellen Mittag . » Pferde ! geschwind ! fort nach Böhmen ! « rief er . Er wollte nur fort ; wohin , war ihm ganz gleichgültig ; fort ! fort ! was die Pferde laufen konnten . Beim Pferdewechsel sagte er gewöhnlich nur : » Vorwärts ! immer die große Straße . « Zuweilen trat ein Postbeamter an den Wagen und nannte fragend die nächste Station ; dann bejahete er schweigend . So fuhr er wie ein Todter durch den lieblichen leuchtenden Frühling , durch Prag , durch Breslau . Er wußte nicht , wo er war . Da kam er in eine alte , große , düstere Stadt ; Finsterniß schien auf ihr zu brüten , eine große Vergangenheit , eine trübe Gegenwart . Die mächtigen Häuser mit starken Böschungen glichen Grabmälern oder Festungen des Todes . » Halt ! « rief Andlau . Die Stadt gefiel ihm : es war Crakau . Er ging in die Kathedrale und stieg hinab zu den Gräbern der alten polnischen Könige . Er lehnte sich an einen Sarg ; die Geierkralle wahnsinnigen Schmerzes , welche bis dahin seinen Busen krampfig umspannte , löste sich in der Nähe des ewigen Friedens ; zwei große Thränen fielen schwer aus seinen Augen auf den Staub der Todten , auf den Staub seines Glücks . Sein Führer , ein eisgrauer Pole , fragte ihn auf polnisch um die Ursache seiner Trauer . Andlau verstand ihn nicht , schüttelte das Haupt und blickte zum Himmel . Da ergriff der Greis Andlaus Hand , folgte jenem Blick , und sprach mit einer Thräne im erloschenen Auge : » Finis Poloniae ! « - So standen sie bei einander , der Mann und der Greis , das Leben und der Tod , Jeder von fremdem Volk , Jeder der Sprache des Andern unkundig , Jeder mit seinem eigenen einsamen Schmerz in der Brust ; und doch Beide verbunden durch das eine allgemeine , allbeherrschende Gefühl : tiefe , unsägliche , untröstbare Trauer . Andlau schrieb aus Crakau an Faustine : » Kein Wort Dir von Frage , Vorwurf oder Klage ! Werde glücklich , wenn es Dir möglich ist ; vergiß mich , denn das ist die Hauptbedingung zu Deinem künftigen Glück . Vergiß Deine ganze Vergangenheit ! Deinem Leichtsinn wird das nicht schwer fallen - und lebe wohl . « Er blieb vor der Hand in Crakau ; ohne Faustine war ihm jeder Ort in der Welt gleichgültig ; bei ihr - gehörte ihm die Welt mit ihrer Herrlichkeit , die Kunst mit ihren Wundern , die Natur mit ihren Schätzen . Sie sah die Steine an und erzählte ihm deren Geschichte ! die Jahrhunderte standen vor ihr auf wie vor einer Magierin und sie ließ in einer Kette von Ereignissen den goldnen Faden an ihm vorbeilaufen , an welchem die Vorsehung die Menschengeschlechter lenkt ! die Ruinen erhoben sich vor ihr aus dem Schutt und sie stellte ihm den Gedanken der Erbauer hin ! die stummen Bilder regten die Lippen vor ihr und vertrauten ihr die Bedeutung , welche der Maler seinen Heiligen , der Bildhauer seinen Göttern gegeben ! die Natur redete zu ihr mit Stimmen der Elemente ! wäre sie allein in der todten Schöpfung gewesen , sie würde dem Felsen Seele eingehaucht haben ; solch ein überquellendes Leben war in ihr , so wußte sie es auf Alles zu übertragen , was sie umgab . Andlau kam sich vor wie ein Eingekerkerter zwischen schwarzen , stummen , kalten Mauern . Zuweilen überfiel ihn nagende Angst um Faustinens ihm so ganz unbekanntes Schicksal . Er las ihre Briefe nach ; sie waren in der letzten Zeit unruhig , hastig geworden . Er suchte einen Namen , der ihm Aufschluß geben möge , aber sie nannte nur obenhin einige fremde Namen , unter denen auch Marios war . Wie elend kann sie werden ! sprach Andlau zu sich selbst . Die Qual um ihre Zukunft zernagte ihn mehr , als der Blick auf die seine . Er gehörte zu den Männern , von denen Mario einst zu Faustinen sagte : wenn der Faden ihres Geschickes reißt , so knüpfen sie keinen neuen an . Andlaus alte Welt war untergegangen - er suchte keine neue ; er blieb auf den Trümmern wie ein Priester auf denen seines zerstörten Tempels . Der Palast seines Glückes war in Schutt zerfallen ; nach einer Hütte sah er sich nicht um . Zuweilen auch packte ihn der Ingrimm über Faustinens Schwäche , die sie unfähig machte , einem lebhaften Eindruck mit Besonnenheit entgegenzutreten . Wird sie ewig Kind bleiben ? rief er zornig ; will ihr Wesen denn immer Blüten und nimmer Frucht tragen ? - Dann , mitten in der Trostlosigkeit , kam ihm der Gedanke : weil unzuverlässig , sei sie auch unberechenbar , und vielleicht noch zu herrlicher Entwickelung bestimmt . Nur wollte dieser Gedanke nicht in ihm haften . Faustine hatte seine Existenz zerbrochen : das Natürliche schien ihm , sie müsse auch die ihre zu Grunde gerichtet haben . Nachdem Faustine seinen Brief empfangen , ward sie ruhiger . Bis dahin lebte sie in unaussprechlicher Bangigkeit . Nun wußte sie , daß sie für immer unwiderruflich von dem Mann getrennt war , den sie ihre irdische Vorsehung genannt , und der Throne und Triumphe ausgeschlagen haben würde , hätte er sie nicht mit ihr theilen dürfen . Und nicht etwa im brausenden Rausch der ersten Seligkeit hätte er das gethan . Nein ! noch jetzt , nach sieben Jahren , kniete er vor ihr mit derselben Andacht , Huldigung und Freude , die er ihr bei der ersten Begegnung dargebracht . Die volle Frische der Empfindung lag noch wie Morgenthau auf seiner Liebe ; als ein Kleinod trug er sie im Herzen . Nicht aus Pflichtgefühl , nicht als Mann von Ehre betrachtete er Faustine , als ein Wesen , daß ihm für die ganze Zukunft anvertraut sei ; nicht aus Rücksicht für ihre Verlassenheit und Hülflosigkeit hielt er sich untrennbar an sie gefesselt ; was ihn tiefer rührte und inniger band , war ihre großartige , einfache Natur , die , Alles wegwerfend oder verschmähend oder nicht bedürfend , was nicht Liebe war , sich in die als in ihr alleinzigstes Gewand hüllte . Er liebte sie , mirakelmäßig , nicht mitleidig , sondern bewundernd . Ach , die meisten Frauen preisen ihr Schicksal , wenn nach so vielen Jahren , in denen die frische Schönheit , der Reiz des Besitzes , die Neuheit des Glücks entflohen sind - die Männer noch aus alter Gewohnheit , aus Dankbarkeit für süße Erinnerungen , zuweilen mitleidig einen Strahl der alten erlöschenden Liebessonne aufleuchten lassen ; und Faustine , für die , wie durch ein Wunder , diese Sonne im Zenith steht , Faustine schaut nach einem andern Gestirn . Aber sie that es . Alles dies sagte sie sich tausend Mal , wiederholte und prägte fest sich ein , was Alles sie mit Andlau aufgab , aber - sie gab ihn auf . Es giebt keinen Stillstand für mich , dachte sie , rastlos muß ich vorwärts - und ist das nicht eins und dasselbe mit aufwärts ? - Sie kehrte zu ihren alten Gewohnheiten , zur Malerei , zur Gesellschaft zurück . Ihre Freunde fanden sie nicht so frei , leicht und heiter wie sonst . Man war gespannt , ob sie sich wieder ins alte Geleise zurückfinden werde . Clemens ging häufiger denn je bei ihr aus und ein , und nahm immer mehr die Allüren eines unentbehrlichen Freundes an . Sie wehrte ihm nicht , denn bei hundert Dingen war er ihr bequem und bei tausend - gleichgültig . Er wünschte glühend , ihr Alles zu ersetzen , jede Lücke auszufüllen , dann - wähnte er - bliebe ihr nichts übrig , als seine Liebe zu erwidern . Faustine sprach weder von Andlau noch von Mengen : daraus folgerte Clemens , sie sei auf gutem Wege , Beide zu vergessen . Wenn man meint , Clemens sei verrückt , so mein ' ich , eine Liebe ohne Erwiderung sei allerdings eine Verrückung : nur auf der Gegenseitigkeit beruht ihre Wahrheit . Mario schrieb fast täglich . Seine hohe Sicherheit erquickte Faustine . Hätte er ihr gesagt , er müsse ihr den Weg zum Orion bereiten , so würde sie sich darauf verlassen haben . Die hülflose Einsamkeit , in der sie auf der Welt stand , machte ihr diese Zuversicht zum Bedürfniß . Der edle Mann schützt so gern , dachte sie , und wer bedarf mehr des Schutzes als ich ? - Marios Eltern waren nicht erfreut über den Entschluß des Sohnes . » Das ärmste Mädchen , nur unbescholten , wäre mir eine liebere Tochter , « sagte Gräfin Mengen ; und der Vater sprach : » Nach Deiner Beschreibung muß sie eine Circe sein ! Hast Du Dich fangen lassen , mein armer Mario ? « Mario lächelte . Der absichtlosen , nachlässigen Faustine wär ' eine planmäßige Eroberung unmöglich gewesen . Seine Schwestern warfen sich entzückt in seine Arme , als sie seine Verlobung erfuhren . » Welch ein unbegreifliches Glück für Dich , Mario ! « rief Matilde , und Marie flog zu Cunigunden , um ihr diese Jubelbotschaft mitzutheilen . Dann mußte Cunigunde kommen , und den Eltern all das Gute und Schöne von Faustine erzählen , was sie den beiden Schwestern erzählt hatte , und Mario war gerührt von der tiefen Freudigkeit , mit der sie es that . » Sie hat mich getröstet , gestärkt und erhoben , als Alle mich niederbeugten ; sie hat mir zugelächelt , als Niemand von mir wissen mogte , und in dem entscheidenden Moment , wo thätige Hülfe mir noth that , hab ' ich sie bei ihr gefunden . « Weit mehr noch erzählte Cunigunde von Faustinens Schönheit , Anmuth und Talenten , und sagte zuletzt : » Ich bin einmal darüber ausgelacht worden , dennoch muß ich sie stets mit dem » Mädchen aus der Fremde « vergleichen ; ich kenne sonst Niemand , der ihr ähnlich wäre , oder der mich an sie erinnerte . « » Ach Gott , « seufzte Gräfin Mengen , » wie soll ein so extraordinäres Geschöpf in den Familienkreis passen ? « » Wie die Sonne in die Welt , gute Mutter , « sagte Mario . » Mario ist aber einmal verliebt ! .... ganz erschrecklich verliebt ! « flüsterte Marie heimlich Matilden zu . » Liebt Dich Faustine in demselben Maße , wie Du sie liebst ? « fragte ihn der Vater . » Die Liebe läßt sich nicht messen und wägen , « antwortete Mario lächelnd , » und bei Niemand weniger , als bei Faustinen . Ihre Liebe fliegt . « » Und fliegt davon , mein Sohn ! « warf die Mutter ein ; » solche Frauen - genial , ungewöhnlich , über dem Alltäglichen , und wie man sie nennen mag ! haben so selten die Klarheit , Ruhe , Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue , mit denen man einzig und allein glücklich sein und machen kann . « » Vor drei Monaten , liebe Mutter , hab ' ich mir und Faustinen selbst das Alles gesagt . Aber ich liebe sie - und wie sie nun einmal ist , so beglückt sie mich . « » Und so soll sie uns willkommen sein ! « sagte der alte Mengen , und gab dem Sohn die Hand . Mario küßte sie und rief : » Ich wußt ' es , Vater ! « Faustine saß vor der Staffelei und that die letzten Pinselstriche an einem meisterhaften Gemälde . Es war dasjenige , welches sie sich einst in Mainz ausgedacht hatte : ein junger Mann ging an einem Fenster vorüber , hinter dessen Gitter ein Mädchen saß , die Katze , die Kapuzinerkresse , die Arbeit - nichts fehlte . Mario sollte kommen ; sie wollte ihn mit diesem Bilde erfreuen , denn eifrige Arbeit - das wußte er - war stets ein krampfstillendes Mittel für sie . Clemens trat ins Cabinet und hinter ihren Stuhl . » Das Bild würde mir außerordentlich gefallen , « sprach er , » wenn der Mann nicht dem Graf Mengen ähnlich wäre . « » Graf Mengen hat ein so frappantes Gesicht , daß ein Malerauge es gern auffaßt und darstellt . « » Ich will es nicht leugnen ! nur paßt es nicht in diese gothische Umgebung ; - er sieht ganz tatarisch aus . « » Tatarisch ! Clemens ! Sie haben wirklich kein Urtheil . « » Und Sie ein Vorurtheil . « Faustine zuckte schweigend die Achseln . Nach einer Pause fragte sie : » Werden Sie denn nie nach Oberwalldorf heimkehren , Clemens ? « » Bin ich Ihnen lästig ? « fragte er bitter . » Zuweilen - durch Ihre bizarren Launen - ja . « » Sie waren in Prag , nicht wahr , da oben auf dem Wisserad über der Moldau , wo man das Badezimmer der Libussa zeigt ? « » Ja , ja ! aber ich sprach von Oberwalldorf . « » Wissen Sie , was in jenem Badezimmer geschah ? « » O ja ! die Königin Libussa , stolz auf ihre Unabhängigkeit , wollte keinen Mann Einfluß über sich gewinnen lassen , und , wenn auch aller Schwäche des Weibes unterliegend , nie schwach erscheinen und immer frei bleiben . Deshalb ließ sie die Männer , denen sie eine momentane Gunst geschenkt , aus jenem Gemach in die Moldau stürzen . « » Sie sind die Königin Libussa im modernen Gewande , ohne die wilde Sinnlichkeit , ohne die blutige Grausamkeit . Hört eine Persönlichkeit irgendwie auf Ihnen homogen zu sein , und hätte sie Ihnen das Innerste des Lebens dargebracht - Sie lassen sie in die Moldau stürzen . « Bitterer Schmerz durchbebte Faustine ; sie gedachte Andlaus und rief : » Das ist wirklich nicht ganz unwahr . « » Aber ich lasse mich weder in die Moldau noch nach Oberwalldorf schleudern , « fuhr Clemens aufgeregt fort . » O , Sie ! « sagte Faustine und sah ihn verwundert an , » für Sie bin ich nicht die Königin Libussa gewesen . Ihnen hab ' ich keine Liebesverheißung gegeben - « » Vielleicht auch Andern , « unterbrach Clemens sie gereizt , » aber mir gewiß ! Sie haben mich in Ihr Leben aufgenommen ! wenn eine Frau wie Sie das thut , so ist es eine Liebesverheißung , denn Sie müssen fühlen , daß dem , der in Ihrer Nähe lebt , Ihre Liebe eine Bedingung der Existenz wird , oder haben Sie das etwa nicht gewußt bei mir ? « » Ich habe Sie um mich geduldet , weil ich keinen andern Weg offen sah , um Sie zur Erkenntniß über mich zu bringen . Ich hatte Wohlwollen für Sie , ich habe Mitleid mit Ihnen - « » Ah , Du hast Mitleid mit mir ! « rief Clemens , warf sich vor ihr nieder , und umschlang stürmisch ihre Knie . » Ich hatte Mitleid mit Ihnen , muß ich sagen , « rief Faustine ungeduldig , und stand lebhaft auf ; » allmälig geht es über in Widerwillen , und nicht durch meine Schuld ! Ich begreife Sie nicht , Clemens ! wenn mir ein einziges Mal gesagt oder gezeigt würde , daß man mich nicht liebt , so würde ich eher sterben , als mich einer zweiten Abweisung aussetzen . « » Es ist hart zu sterben , wenn man liebt ! « sagte er finster . » Aber wer spricht denn vom Sterben ? Sie sollen ja leben , froher , glücklicher als bisher . Nur ein klein wenig Vernunft , guter Clemens - « » Bravissimo , Gräfin Faustine ! wenn Sie die Vernunft predigen , so mag ich es wol noch zu einer recht freudenreichen Existenz bringen ! « rief Clemens und lachte grimmig . » Doch einstweilen , bis es so weit kommt , schwimme ich auf dem Meere des Lebens an das dünne Brettchen der einzigen Hoffnung geklammert , Du werdest mir , wie Leukothea dem Geliebten , dem gefährlich Schiffenden , die rettende Binde zuwerfen - dereinst , Faustine , nicht wahr , dereinst ? ich will warten , warten .... o bis in die Ewigkeit hinein , aber ich will und muß darauf hoffen dürfen - sonst .... lasse ich mich sterben . « » Thun Sie , was Sie wollen - nur hoffen Sie nichts von mir , Clemens « - sprach sie sehr bestimmt . » Weder für Gegenwart noch Zukunft ? « » Weder für Gegenwart noch Zukunft - so wahr ich Faustine bin . « » Gut , gut ! « sagte Clemens ; eine fürchterliche Zerstörung glitt über sein Gesicht . Sie sah es nicht , denn sie hatte sich wieder an die Staffelei gesetzt . » Eine Gnade ! « fuhr er fort ; » sagen Sie mir , wem gehört Ihre Zukunft ? « » Mir - und Gott ! « antwortete sie fest . » Sie zwingen mich , die Frage anders zu stellen , « sagte er gelassen ; » wem gehören Sie in Zukunft ? « » Sie nehmen sich das dreiste Recht einer Frage , die ich nicht Lust habe zu beantworten , « entgegnete sie kalt . » Mein Gott , einem Freunde , der für immer scheidet , kann man doch wol diesen Beweis von Zutrauen geben , « sprach er sanft . » Ah , Sie gehen ? « rief Faustine freudig . » Ja , ich gehe , Faustine ! « » Und wann ? und wohin ? « » Wohin ? das weiß ich nicht ; aber wann ? morgen .... gewiß morgen . « Faustine athmete erleichtert auf ; morgen sollte Mario kommen , also traf Clemens nicht mehr mit ihm zusammen . » Sind Sie mit mir zufrieden ? « fragte er . Sie gab ihm schweigend die Hand . Zwischen Vorwurf und Trauer sprach er : » Sie geben mir die Hand zum ersten Mal , seit wir uns kennen ! « » Es soll nicht zum letzten Mal sein « - erwiderte sie freundlich . » Wer weiß , Gräfin ! es kommt immer anders als man meint ! darum sein Sie gnädig und beantworten Sie mir die Frage , die ich vorhin wagte - wenn sie auch allzudreist ist . Bedenken Sie - es ist die letzte .... ich gehe ja morgen ! und ist ' s für Andre ein Geheimniß , so verlassen Sie sich auf mein ewiges Schweigen . « Sein feierlicher Ernst in Blick und Ton stimmte auch Faustine ernst . Sie sagte nichts ; aber sie legte den Finger auf Marios Portrait im Gemälde . Clemens verstand sie . Er stützte sich auf ihren Stuhl und die Lehne blieb in seiner Hand . Entsetzt blickte sie ihn an und rief angstvoll : » Gehen Sie , Clemens ! um Gottes Barmherzigkeit willen verlassen Sie mich - ich fürchte mich vor Ihnen , Sie sehen aus , als bebrüteten Sie eine Unthat . « Er fuhr mit der Hand übers Gesicht : » Eine Unthat ? o nein , Gräfin ! nur eine That ! « - Dann nahm er den Hut und sagte : » Ich werde noch Abschied von Ihnen nehmen . « Damit ging er . In Faustine hatte sich die Angst festgesetzt , Clemens könne Marios Leben wollen ; das ihre oder sein eigenes - daran dachte sie nicht ; nur an Mario . In namenloser Unruhe ging sie in den Zimmern umher , denn sie konnte nicht mehr den Pinsel halten , alle Nerven zitterten . Bald griff sie im Vorüberstreifen ein paar Akkorde auf dem Flügel , bald trat sie an den Bücherschrank , um Lektüre zu suchen , die sie nicht fand , bald setzte sie sich erschöpft nieder und summte halblaut eine Melodie ohne Worte , bald legte sie sich ins Fenster und blickte rechts und links mit jener seltsamen Stupidität , die den ersten besten Gegenstand ergreift , um von quälenden Gedanken und Vorstellungen loszukommen , so daß man sich z.B. auf der heimlichen Frage ertappt : » Wird jenes Vögelchen sich auf einen Ast oder auf ein Dach setzen ? « und man sieht dem Vogel nach , so lange man ihn gewahr werden kann . Während der Zeit hat das Herz gleichsam still gestanden und nach Luft geschnappt , nun gehts wieder weiter in athemlosem Lauf . Endlich ging sie zu Frau von Eilau , fand aber dort so viel Menschen , daß ihr nicht die gehoffte Zerstreuung ward . Nur in der Conversation mit zwei oder drei Personen amüsirte sie sich , weil sie Aufforderung zur Mittheilung fand . In größeren Kreisen , wo man Lärm machen muß mit seinen Worten , um gehört zu werden - nur gehört , nicht verstanden ! da verstummte sie und war fast immer zerstreut . Heute mehr denn je . Aber man kannte das ; es fiel nicht auf . Graf Kirchberg setzte sich zu ihr und versuchte Töne anzuschlagen , die in ihr den Wiederhall weckten . Es gelang nicht . » Ich habe nicht verstanden , « erwiderte sie auf eine seiner Bemerkungen . » Dann muß ich mich sehr konfus ausgedrückt haben , « sagte er lächelnd , » denn Sie pflegen Salomos Ring bei sich zu tragen , vermittelst dessen man die Sprache auch der unvernünftigen Creatur versteht . « » O ! « rief sie , ohne den Scherz zu beachten , » wenn man sich unbehaglich fühlt , wie konfus und windschief erscheinen alle Worte , Zustände , Menschen ! man ist nicht im Stande , das ABC herzusagen ! man starrt einen Freund zerstreut wie einen Fremden an ! man meint , man werde in den nächsten vierundzwanzig Stunden stecken bleiben wie in einem Sumpf . Kennen Sie solche Momente ? « - Ohne seine Antwort zu erwarten , fuhr sie im veränderten Ton fort : » Wo der Pflug über ein Menschenherz geht , ist die Hand Gottes da , um Samen für die Ewigkeit hineinzustreuen : das glauben Sie doch auch , Graf ? denn wenn man es nicht glaubt , wie soll man sich trösten , den Pflug mit eigner Hand über ein Herz gelenkt zu haben ? « » Ich würde mich auch nur in dem Fall trösten , daß dies Herz - das meine wäre , « entgegnete Kirchberg . » Es hieße dem Egoismus zu leichtes Spiel machen , wenn der nichtsachtende Leichtsinn oder die rücksichtlose Leidenschaftlichkeit sich einbilden dürften , der liebe Gott werde die Wunden , die sie schlagen , mit Balsam heilen . « Faustine schauerte zusammen und wurde leichenblaß . Graf Kirchberg fragte , ob sie krank sei . » Mir ist bange , « sagte sie und verließ die Gesellschaft . Bei ihrem Diener erkundigte sie sich besorgt , ob Niemand in ihrer Abwesenheit sie habe besuchen wollen . Er verneinte es . Dasselbe that ihre Kammerjungfer , die sie , zu Hause angelangt , gleichfalls befragte . Dennoch sah sie sich gespannt im Zimmer um ; fürchtete sie Clemens - hoffte sie Marios Nähe ? sie wußte es nicht ! immer traten Beide zusammen vor sie hin . » Jeannette , ich freue mich heute recht zu Bett zu gehen ! « sagte sie zu der Jungfer . » Ach ! « rief die ganz erfreut , » das habe ich noch nie von der gnädigen Gräfin gehört ! und es giebt doch gewiß nichts Angenehmeres und Bequemeres auf der Welt , als solch weißes , frisches , stilles Bett . Ich würd ' es noch mal so gern machen , wenn gnädige Gräfin sich immer dazu freuen wollten . « » Behüte der Himmel , Jeannette ! ich darf nicht immer so träge sein . « Jeannette sah das durchaus nicht ein und verrichtete schweigend ihren Dienst . Faustine schlief bald ; und ohne Träume , ohne Unruhe , wie einem Kinde , ging ihr die Nacht hin . Es giebt einzelne glückliche Organisationen , die zugleich stark und biegsam genug sind , um dem Körper zu gestatten , daß er im Schlaf sein Recht behaupte und nicht zu leiden habe von den Kämpfen und Mühen der Seele . Wachend ist er ihr getreuer , dienstwilliger Sclav , schlafend ihr Herr : sie liegt in Fesseln , denn er borgt ihr nicht die Organe , durch welche sie ihre Herrschaft bethätigen kann . Wie im Lethe gebadet war Faustine jeden Morgen ; es währte immer eine Zeit lang , bis der grelle Tag mit seinen Beschwerden sich Platz machte in der dämmernden Kühle , womit die Nacht sie umhüllt hatte . Morgens war sie auch am schönsten . Das ist nur ausnahmsweise der Fall bei Personen , die über 16 Jahr alt sind . Je älter man wird , um desto mehr bedarf man der Excitation , der Bewegung , des Putzes , der Lichter , um schön zu sein ; es wird eine factice Schönheit . Die meisten Menschen stehen fatiguirt auf ; der Traum hat sie mehr geplagt als der Schlaf erquickt . Faustine stand heiter auf , denn : » heute kommt Mario ! « dachte sie . Sie ging auf den Balkon ; die grünenden Bäume , der wolkenlose Himmel , die zwitschernden Vögel kamen ihr vor wie freundliche Verheißungen . » Mario ! « sagte sie halblaut , mit stillem Jubel . Da , wie ein Schiffer , der am Horizont das kleine Wölkchen , den unfehlbaren Boten des Ungewitters , entdeckt - da sagte sie dumpf : » Wo ist jetzt wol Anastas ? was wird aus Clemens .... mein Gott ! « Der Tag kam über sie . Indem meldete Ernst den Herrn von Walldorf , der so früh sich empfehlen wolle . Sie ließ ihn eintreten . Clemens sah verwildert aus ; ihr fiel ein , ob er nicht berauscht sein könne , und die Angst , welche sie schon mehrmals in seiner Nähe empfunden , befiel sie von Neuem . Aber er sagte ruhig : » Im nächsten Monat wird es ein Jahr , daß Sie nach Oberwalldorf kamen . Wissen Sie wol noch , was Sie mir dort Alles bei unsern Spaziergängen erzählt haben ? « » Nicht eine Sylbe , bester Clemens . « » Das vermuthete ich