seinem Oheim , sowie dem Kollegium und meinen Muhmen , Vettern und Basen das leere , nüchterne Nachsehn ließe ? Wie dann ? « » Recht so , mein Liebster « , sagte sie lachend , » da geraten wir auf die rechte Bahn . Und so reiseten wir denn , und reiseten , Arm in Arm , in das Unendliche fort und fort , bis alle Vettern und Basen weit , weit hinter uns lägen , und wir landeten dann an einer unbewohnten , unentdeckten Insel im Stillen Ozean , ohne Menschen , höchstens mit einigen Affen bevölkert , Palmenwein , die süßesten Früchte , die herrlichsten Blumen , alles wüchse uns freiwillig entgegen - die Jahreszeit ein ewiger Frühling - nun entdeckten wir plötzlich einen alten , aber sehr menschenfreundlichen Zauberer . Seine Kunst , alle seine Geister ständen uns zu Gebot , er hexte uns immer Speise und Trank , schöne Kleider , auch einen herrlichen Palast herbei : hübsche , niedliche Elfen und Feen unsre Bedienung , und kein einziger Teufel oder böser Dämon auf der ganzen Insel . Wie bei der Circe hörten wir dann den einsamen Webstuhl sausen , und die stärkste und künstlichste der Feen webte uns die Gewänder , andre , kleinere , legten mit fast unsichtbaren Nadeln die feinsten Stickereien hinein . Nun fährst du , auf einem schönen Wagen , von Hirschen bespannt , auf die Jagd , dann sitzen wir im bunten Kahn und fischen , im Wald singt dazu die Nachtigall und der Quell rauscht - jeder Baum klingt in seiner eignen Singstimme - und so lebe ich fort und fort in Liebe mit meinem lieben Männchen , bis wir beide alt und grau werden ; und ich bin auch vor jeder Untreue des zärtlichen Gatten gesichert , denn es lebt keine einzige Frau , nicht ein Mädchen auf unserm Weltteil dort . - Nicht wahr , so wollen wir es einrichten , so einfach und ganz vernünftig , ohne alle falsche , poetische Erwartung ? « » Und unter den übrigen Affen dort , wäre auch meine Gemahlin ein wunderliches Äffchen « , antwortete Bracciano , indem er ihr leise mit den Fingern den blendenden Nacken schlug . » Wie nur geschieht es , daß alles , was du treibst und tust , dir so liebreizend steht ? Und die kleine Plaudertasche ist dann gleich wieder so groß und erhaben , springt aus der lieblichen Narretei so plötzlich in den Tiefsinn , kann eben noch neckisch einen mit dem Feuerblick so erschrecken , daß , wie die Griechen sagten , alle Grazien bei deiner Wiege gestanden haben müssen , um dich mit diesen Göttergaben zu beschenken . Du Hebe und Juno , Pallas und Venus - und vor allen andern , und was dich am schönsten schmückt , die eigentümliche , einzige Vittoria ! « » Schmeichler ! « sagte sie und schlug ihm auf den Mund , worauf sie dann seine Lippen zärtlich küßte . Er faßte ihre Hand , und lobte die schmalen , langen Finger , sie spielte mit seinen schwarzen , immer noch krausen Locken , er küßte und drückte die Hand und löste dann ihr langes Haar , daß es über den weißen Nacken wogend niederrollte . So , sein Alter ganz vergessend , saß er tändelnd bei seiner jungen Geliebten , beide in diesem Augenblick spielenden Kindern nicht unähnlich . Plötzlich wurden sie aus ihrem Jugendtraum aufgeschreckt , denn die alte Ursula kam hastig herein und flüsterte : » Um Gott und alle Heiligen ! unser Herr kommt ganz unerwartet nach Hause , und noch ein vermummter Mann mit ihm : ich habe sie beide von oben aus meinem Kämmerchen beobachtet , sie sind schon an der Haustür und unser Herr hatte den Schlüssel mitgenommen . Was ist zu tun ? « Die erschreckte Alte entfernte sich wieder . » Ja , was ist zu tun ? « wiederholte Vittoria : » wenn ich auch alle Rücksichten fahrenließe , so kannst du nicht nach meinem Zimmer gehn , denn meine Kammerfrau erwartet mich dort - « » Warum mich verstecken ? « fuhr der stolze Bracciano auf » bin ich ein Knecht ? Wenn ich sie beide mit diesem Dolche niederstoße , so werden sie schweigen . « » Und ich ? « klagte Vittoria : » und unser Haus ? Und mein Ruf ? « Da fiel ihr plötzlich das kleine Cabinet ein , welches sie neulich zufällig entdeckt hatte : sie schlug an die Wand , schob den Geliebten hinein , zeigte ihm den kleinen Drücker auf der andern Seite , und entfernte sich eilig , nachdem sie vorher alle Kerzen ausgelöscht hatte . Sowie sie die Tür hinter sich zugemacht hatte , hörte sie die beiden schon durch den andern Eingang hereintreten . Peretti trug eine Blendlaterne unter seinem Mantel , und schien , so wie er taumelte , einen kleinen Rausch von dem Maskenfeste mitgebracht zu haben . Er zündete einige Kerzen wieder an , sah sich dann im Saale um , und begab sich schwankend an alle Türen , um jede sorgfältig zu verschließen . » Nun sind wir ganz sicher « , sagte er dann leise . Jetzt wickelte sich der Fremde aus seinen Umhüllungen , und es zeigte sich in einer Verkleidung der Kardinal Farnese . » Wir haben uns nun « , sagte dieser , » aus der Tollheit Eurer jungen Freunde , die mich gewiß nicht erkannt haben , so ganz allein fortgeschlichen , Ihr sowie ich ohne Diener , und ich rechne nun darauf , daß Ihr Euer Versprechen halten werdet . « - » Setzt Euch nieder , große , furchtbare Eminenz « , sagte Peretti , halb stammelnd ; » es ist gewiß und fast augenscheinlich , daß ich nicht fähig bin , lange aufrecht zu stehn , so fleißig und freundschaftlich habt Ihr mir dort zugetrunken . Denn eins ins andere gerechnet , ist der Mensch in allen Dingen und Genüssen nur eines gewissen Maßes fähig , der mehr und der weniger , so wie die Gaben nun von der Natur ungleich ausgeteilt sind . « Der Kardinal schien sehr verdrießlich , er sah sich um , und sagte dann : » Ich hoffe doch , daß Ihr Eures Wortes noch eingedenk seid . « » So muß ich mir denn einen Mut fassen « , fuhr Peretti fort , » großherzige und allmächtige Eminenz , und Euch , da es nicht zu ändern steht , gleichsam mit Trotz entgegentreten . « - Er sank in die Knie , faßte die Hand des Alten und küßte sie mit vieler Zärtlichkeit . » Warum habt Ihr Euch so betrunken ? « fuhr ihn Farnese an . » Im Gegenteil « , antwortete der junge Mann , » jetzt bin ich allzu nüchtern ; aber dort , im Saale , als wir im Nebenzimmerchen beide ganz allein bei dem vortrefflichen Syrakuser saßen , da freilich mein herrlicher Beschützer , da war ich mehr als berauscht , denn meine Zunge sprach , wovon mein Herz nichts wußte . Ach ! Mann ! hocherfahrner Priester und Regent - nicht wahr , wir lügen nur allzuoft , bald wissentlich , bald unwissentlich ? Ich log zwischen beiden , ich erkannte meine Lüge und meinte es doch so herzlich gut mit Euch , daß ich zugleich wünschte , sie möchte zur Wahrheit werden können . « » Ich verliere die Geduld über dem Geschwätz « , sagte der Kardinal . » Habt Ihr es denn ganz vergessen , unter welchem Versprechen Ihr mich hierhergelockt habt ? « » Gewiß nicht , mein erlauchter Patron « , fuhr jener fort , » und so bin ich denn gezwungen , Euch reinen Wein einzuschenken , wie man zu sagen pflegt , zum Dank dafür , daß Ihr mir dort auch den allerreinsten gegönnt habt . « » Nun also ? « - » Ach Himmel ! wie lange ist das schon her , wie lange , daß ich nicht mehr , weder bei Tage , noch in der Nacht , zu meiner Vittoria habe kommen dürfen , so daß ich sie zeither auch immer Virginia genannt habe . Das war mir nun in meiner mutigen Trunkenheit ganz aus meinem Gedächtnis entwichen , als ich Euch so treuherzig versprach , Euch im Finstern so in ihre stille Kammer zu führen , als wenn ich es wäre . Ja so ein löblicher Betrug bliebe recht lustig und schön , wenn er nur möglich wäre , wenn das nur gleich nach meiner Vermählung hätte geschehen können , aber jetzt ist sie immer fest eingeriegelt , und brennt immer Licht , und lieset und studiert und dichtet ganze Nächte hindurch . Brächen wir auch das Schloß auf , so entstände ein greulicher Skandal , daß das ganze Haus wach würde , und die große fürchterliche Mutter auch dazu käme , und wie es mir Armen dann erginge , das könnt Ihr wohl selber ermessen . « » Und nun also ? « sprach Farnese ergrimmt ; » sie sieht Euch nie , seit Monden nicht , wohl gleich nach den ersten Tagen der Ehe hat sie Euch verabschiedet , sie verabscheut Euch ? Ihr habt im Hause hier nicht das mindeste Recht ? Und das alles habt Ihr im tierischen Rausch vergessen ? Schmeichelt mir mit der Aussicht : und deswegen besuchte ich nur Euer dummes Gelag , daß es möglich sei , mich in der Nacht verkappt zu ihr einzuführen . Daß Ihr mich am Morgen unerkannt wieder aus dem Hause lassen wolltet ? Und nun - « » Nun « , fiel Peretti ein , » sehe ich freilich ein , daß das ein niederträchtig falsches Sprichwort ist : in vino veritas . Aber warum seid Ihr mir böse ? Aus Respekt vor Euch , aus Liebe zu Euch , habe ich ja nur die gute Frau so vernachlässiget , weil ich mich so ganz unwürdig fühlte , Euer Nebenbuhler zu sein ; das hat sie denn auch so unwirsch gemacht , daß sie mich ganz und gar von sich wegjagte . Aber wir wollen drum nicht verzweifeln , und einen besseren Plan ersinnen und ausführen . « » Ich habe Euch , das wißt Ihr « , sagte Farnese , » meinen Schutz zugesagt , und Ihr seht es selber ein , daß Euer gebrechlicher Oheim , den kein Mensch achtet , der ohne allen Einfluß ist , Euch nichts nützen kann . Ich will Euch befördern und zum reichen , mächtigen Manne machen , aber ich muß sie , diese Stolze , besitzen , die mich verhöhnt , oder Euch ist der Untergang geschworen . « » Ich überlasse sie Euch ja « , rief Peretti , » denn vielleicht hasse ich sie ebensosehr , als Ihr sie liebt . Wir alle sind auf Eurer Seite und stehn Euch bei , bloß der elende Flaminio nicht , der bei dem prahlerischen Bracciano in Diensten , und dem ganz ergeben ist . Aber der Abt Ottavio ist ganz Euer eigen , ich bin Euer geschworner Diener und der tapfre Marcello will Blut und Leben für Euch aufopfern . « » Marcello ? « rief der Kardinal erstaunt , » das kann ich Euch nimmermehr glauben . « » Ich habe ihn ganz in der Hand « , sagte Peretti ; » seht , Verehrter , er ist schon seit lange ein Verbannter , ein Bandit ; aber , ein kluger Kopf , wie er ist , weiß er sich doch oft in die Stadt zu schleichen , und dann beherberge ich ihn bei mir , dort in dem kleinen Gartenhause . Da haben wir schon vielerlei miteinander verabredet , und wenn Ihr ihn gut bezahlt , so läßt er das Leben für uns . « » Freund ! « rief Farnese , » hütet Euch vor diesem verwegenen Menschen ! In welchem Lichte würdet Ihr erscheinen , wenn ihn die Häscher in Eurem Hause aufheben sollten ! « » Sorgt nicht « , antwortete Peretti , der nun nach und nach nüchtern geworden war . » Wir sind beide zu vorsichtig . Aber auf meinen Plan zurückzukommen , so ist es dieser , der gar nicht fehlschlagen kann . Ich habe mit meiner Familie verabredet , daß wir in wenigen Tagen alle wieder auf einige Wochen nach Tivoli hinübergehen , um dort das kleine Haus , ein Eigentum der Familie , zu bewohnen . Nun fährt die stolze Vittoria dann in dem einen Wagen ganz allein , wie sie es immer tut , nur etwa zwei Kammerfrauen mit ihr , ich folge mit der Mutter nach . Da will ich es schon so einrichten , daß der zweite Wagen Schaden nehmen soll , und wir bedeutend zurückbleiben . Halben Weges , auf dem wüsten Felde , können Eure verkappten Leute , oder Eure Freunde des Gebirges , die freien Menschen , sie leicht entführen und schnell auf eins Eurer Schlösser , oder zu einem sichern Freunde bringen . In Tivoli selbst ist sie auch leicht aus dem kleinen Hause wegzurauben : oder von einem Spaziergange , weil sie es liebt , oft ganz allein umherzuwandeln . Ist sie nun erst in Eurer Gewalt , so muß sie sich , ihrer eignen Wohlfahrt wegen , bald ergeben . Denn sonst lasse ich ihr mit einem Prozesse drohen , daß sie mich böslich verlassen , daß sie sich freiwillig von irgendeinem Eurer Kastellane oder Stallmeister , wegen bewußten Ehebruchs von diesem ihrem Liebhaber habe entführen lassen : dann wird ihr gesagt , wenn sie ruhig bei Euch bleibt , sich die Geschenke von Euch , Reichtum und Wohlleben mit Euch gefallen läßt , so werde ich gänzlich schweigen , und tun , als lebe sie von mir , mit meiner Bewilligung , getrennt . « » Lieber Mann « , sagte Farnese jetzt , » Ihr seid viel klüger , als ich geglaubt habe . Meldet mir nur , an welchem Tage und in welchen Stunden die Reise nach Tivoli vor sich geht , und ich will mich gar nicht mehr hier sehen lassen , um allen Verdacht um so mehr zu entfernen . Bei dieser Abrede soll es also bleiben : sie soll glücklich , reich und vornehm werden , und Euch werde ich so belohnen , daß Ihr selber über meine Großmut erstaunt denn meine Leidenschaft zu ihr ist eine unendliche . - Aber jetzt laßt mich , nach Euerm törichten Benehmen im Rausch , wieder unbemerkt aus dem Hause : denn ich fürchte , der Morgen dämmert bald herauf . « Er nahm seine Umhüllungen wieder auf , und Peretti suchte den Schlüssel des Hauses hervor . Kaum hatten beide mit der Kerze den Saal verlassen , als Bracciano , der jedes Wort vernommen hatte , sich aus seinem engen Cabinet behutsam herausschlich , die Tür wieder andrückte , und den beiden mit leisen Schritten nachging . Der Saal stand offen , auf dem Gange folgte er dem Lichtschein in der Ferne . Nun standen jene beide an der Tür des Hauses und Peretti fügte den großen Schlüssel ein , um zu öffnen . Auf tat sich leise und langsam die Tür , und Farnese schlüpfte auf die Gasse , im selben Moment aber blies Bracciano , der jetzt dicht hinter Peretti stand , die Kerze aus , gab diesem einen kleinen Stoß , und sprang aus dem Hause , sich nach der entgegengesetzten Seite wendend , als wo er den Verhüllten im aufdämmernden Dunkel wandeln sah . Peretti wußte nicht , wie ihm geschehen war , zitternd und halb ohnmächtig verschloß er die Tür , begab sich in sein Gemach , und konnte sich lange von seinem Schreck und Grauen nicht erholen . Viertes Kapitel Peretti mußte noch viel darüber sinnen , wer jener Fremde gewesen sei , der ihn so erschreckt und sich so verdächtig in seinem Hause versteckt habe . Er riet auf viele , konnte aber nirgends eine sichere Vermutung finden . In seiner Verlegenheit und Angst war er unklug genug , dem Kardinal Farnese den Vorfall zu erzählen , und wurde noch verwirrter , als dieser in Schreck und Zorn ihn heftig anließ , daß dergleichen in seinem Hause möglich sei . » Wie ? « rief er aus , » Ihr verlockt mich in stiller finstrer Nacht in Euer Haus , ich folge Euch in unziemlicher Verkleidung , weil ich Euch mein unbedingtes Vertrauen schenke ; - und in unserer Nähe lauert ein Mörder , oder wenigstens ein Verdächtiger , ein Unbekannter ! Wie leicht war es ihm , so ohne Diener , unbewaffnet , wie wir waren , uns zu ermorden - und welchen Ruf erwarb mir dann in der Welt dieser verdächtige Tod ! Bedenkt , Peretti , ob es mir wohl zu verargen wäre , wenn ich Euch selbst für einen verruchten Bösewicht und Verräter hielte , der im Komplott meiner Feinde , mir boshafte Schlingen legt , und mir nach dem Leben stellte . Erinnere ich mich Eures sonderbaren Benehmens , so wird der Argwohn fast zur Wahrscheinlichkeit . Wie ? Ihr beredet mich , Euch verkleidet nach jenem Festino zu folgen , um mir dort wichtige Entdeckungen und Vorschläge mitzuteilen ? Damals wart Ihr noch nicht berauscht , und konntet also wissen , daß Ihr mir etwas Unmögliches versprachet und verhießet . Nun also waren wir auch bei der spätern Beratung , als Ihr etwas mehr zur Vernunft gekommen wart , nicht allein : sagt selbst , ob ich im Unrecht bin , wenn ich Euch für einen Verräter halte ? « Peretti bereute herzlich seine unbesonnene Mitteilung , denn statt Rat und Hülfe bei seinem Beschützer zu finden , mußte er diese Vorwürfe hören , und die Rache des Kardinals befürchten . Er entschuldigte sich so gut er konnte , und beteuerte seine Redlichkeit und seinen Diensteifer . » Ich will Euch glauben « , sagte endlich der Alte , » und Eure Unschuld könnt Ihr mir dadurch beweisen , daß noch in dieser Woche Euer Umzug nach Tivoli stattfindet . Dann muß ich genau Stunde und Minute der Abreise erfahren : ich werde die Meinigen anstellen , und es so einrichten , daß fürerst nicht der mindeste Verdacht auf mich fallen kann . Späterhin ist es gleichgültig . Gelingt die Sache , so sind wir völlig ausgesöhnt und ich schenke Euch meine Freundschaft und mein unbedingtes Vertrauen . Finde ich Euch falsch und unwahr , mit meinen Feinden im Bündnis , so werdet Ihr meiner Rache nicht entgehen , und der Mächtigste soll Euch vor meinem weitreichenden Arm nicht schützen können , geschweige Euer schwacher Oheim . « Dies Gespräch fiel am Montage vor , und Peretti verhieß , da schon vorläufige Anstalten getroffen , einige Diener schon hinausgesendet waren , die manche Bequemlichkeit hinübergeschafft hatten , gewiß freitags früh , mit seiner Familie nach dem Landhause und der lieblichen Gegend aufzubrechen . Vittoria saß , da das Wetter so schön war , mit ihrer Mutter und dem treuherzigen Caporale in der kühlen Laube ihres Gartens . Er war , da er sich von Rom nicht entwöhnen konnte , wieder aus seiner Landschaft herübergekommen , und befand sich am liebsten in dieser Familie , die ihm seit Jahren in Rom am meisten befreundet war . » Ihr seid so ernst , Donna Julia « , sagte er jetzt , » und ich finde schon seit lange Eure Stimmung anders als ehemals , und doch seid Ihr , nebst den Eurigen , wohl und gesund . « » Und mein Sohn Marcello ? « erwiderte sie , » kann ich ihn denn vergessen , und das Schwert nicht sehn , das ihm immerdar über dem Haupte hängt ? Kann ich mit Ottavio zufrieden sein ? Seitdem wir höher hinaufgestiegen sind , fühle ich mich beklemmter , und mir ist immerdar so zumute , als wenn plötzlich aus irgendeinem Winkel ein erschreckendes Unglück hervorbrechen würde . « » Nun reisen wir ja « , sagte Vittoria tröstend , » schon am Freitage nach unserm geliebten Tivoli . Da wirst du dich wieder im Freien ergehn , deine Lieblingsplätze besuchen . Dort wollen wir uns erfreuen und erfrischen , und ich werde mich jenem betäubenden Wasser-Abgrunde nicht wieder nähern . « » Du zittertest damals « , sagte die Mutter , » nach der Stadt zu reisen , und hattest eine Vorahnung von etwas Entsetzlichem , was dich hier betreffen müsse : diese Furcht ist nicht erfüllt worden , und so , möchte ich hoffen , kann es vielleicht auch mit meinem Gefühle sein . Denn ich gestehe , ich bebe in Angst vor dieser Reise und schelte selbst meine blinde Weiberfurcht kindisch , und kann doch dieses Grauen , das mir auf jedem Schritte nachschleicht , nicht verscheuchen . « » Wie damals meine Angst « , sagte Vittoria mit einem sonderbaren Ton , » mir nur großes , unerwartetes Glück bedeutete , so wird es dir auch widerfahren , Teuerste , und du wirst dich mit frischer Kraft dort in Tivoli deines Lebens erfreuen . - Doch muß ich dich jetzt verlassen ; ich selber muß nach allen meinen Musiksachen und nach meinen Schreibereien sehn , daß nichts verlorengeht oder in unrechte Hände kommt . « Sie hüpfte fort , und die Mutter sah mit einem langen wehmütigen Blick der schönen , dahinschwebenden Gestalt nach . » Ich glaube « , sagte sie nach einer Weile mit schwermütigem Ton , » diese meine Augen werden Tivoli niemals wiedersehn . Geschieht es , so fürchte ich , wahnsinnig zu werden . « - Caporale war in Verlegenheit , was er der aufgereizten Frau antworten sollte , die ihm krank zu sein schien , denn ihr großes Auge hatte den ehemaligen Glanz verloren , sie war bleicher als sonst , und die Wangen waren eingefallen . » Ihr verwundert Euch über mich « , fuhr sie nach einiger Zeit fort , » - ach ! ich weiß am besten , was ich seither gelitten habe . Glaubt mir , alter Freund gewisse Erschütterungen unserer Natur , wenn wir auch nachher wieder gleichgültig weiterleben , zittern und unterhöhlen fort und fort in unsrer Seele , bis von der dauernden Anstrengung und dem Um-sich-Fressen des Giftes die Schale zerbricht . So hat meine Tochter , meine beiden Söhne , der boshafte Farnese , jetzt dieser Peretti , alle haben wetteifernd diese zersprengenden Angstgefühle in meinen Geist geschüttet . Kann man diese Ehe ohne Furcht und Grauen betrachten ? Wie soll es enden ? Der Gemahl entzieht sich uns , und ist ein Knecht des Farnese , so wie mein ältester Sohn . Und was will dieser Bracciano in unserm Hause ? Wird der Gewalttätige vielleicht die Rolle des jüngern Vetters , jenes Luigi fortsetzen wollen , der jetzt ruhig und vermählt ist ? Ich zittre , sooft ich die hohe mächtige Gestalt hier sehe und mein Auge seinem herrschenden Königsblick begegnet . Ja , diese Orsini ! seit meiner frühen Jugend haben sie sich wie böse Dämonen in den ruhigen Lauf meines Lebens hineingedrängt , und so hat mich der schlaue Kardinal mit einer Jugenderinnerung geschreckt , mit einer Begebenheit , die ich längst vergessen glaubte . « Caporale ersuchte sie , da sie doch Vertrauen zu ihm habe , welches er nie mißbrauchen könne , ihm etwas davon mitzuteilen und sie begann : » Ihr wißt es , Freund , daß ich von dem alten Geschlecht der Agubio abstamme . Mein Vater war nicht reich , aber was ihm an Vermögen abging , schien er durch Stolz ersetzen zu wollen . Früh ward in unserm Hause auf unserm Gut der bekannte und berüchtigte Graf Nicola Pitigliano eingeführt , der zu der Familie Orsini gehört , so wie Bracciano , sowie jener Luigi , und noch viele andre unbändige Gemüter , wie es Euch bekannt ist . Diesen Graf Nicola , welcher nachher verräterisch seinen armen Vater durch einen Überfall von seinem Schlosse vertrieb , und ihn dann dem Elende preisgab , der nachher seinen leiblichen Bruder meuchlerisch ermorden wollte , dieser , der es jetzt mit den Banditen hält und der Anführer einer großen Bande ist , dieser böse Mensch , der nun ebenfalls ( denn die Gerechtigkeit des Himmels vergißt niemals die Wiedervergeltung ) von seinem eignen Sohn durch Verrat aus seinem Besitztum vertrieben ist , dieser Nicola war als Jüngling eine anmutige , ja eine schöne Erscheinung . Ich darf und kann es nicht leugnen , er gewann mein junges unerfahrnes Herz . Mein Vater aber , der seinen bösen Charakter genauer kannte , war ihm entgegen . In unserm Hause war seit kurzem ein junger , stiller , liebenswürdiger Mann wohnhaft , der als Rechtsgelehrter die verwickelten Geschäfte meines Vaters besorgte und in Ordnung brachte , das Muster eines verständigen , geregelten Mannes , angenehm im Umgang , unterrichtet und von zarter und einnehmender , wenn auch nicht schöner Bildung . Es ist die Art der jungen , übermütigen Mädchen , wenn sie im Aufblühen sind , sich zu erfreuen , wie auf Männer von verschiedenem Charakter ihre Reize Eindruck machen . So überließ ich mich diesem Mutwillen , und hörte weder auf die ernsten Warnungen meines Vaters , noch meiner Mutter . Die Zeit ging hin , der Graf immer ungestümer , und Federigo mit jedem Tage schwermütiger . Der Stolz meines Vaters hinderte ihn , die Liebe des jungen Rechtsgelehrten , die er wohl bemerkte , weil sie durch seinen Tiefsinn nur allzu auffallend wurde , mit einem guten Auge anzusehn . Mir war dieses Seufzen und Wehklagen unerträglich , und mein unbändiger Sinn neigte sich immer mehr dem wilden Grafen zu . Gestehe ich es nur , daß auch viel Stolz und Hochmut sich in meine Leidenschaft mischte , und ich , zum Teil seines Standes wegen , den Bürgerlichen so unbedingt verschmähte . Meine Mutter sah es wohl , wie der Gram und die Eifersucht das Herz des Armen verzehrte , aber wenn mein krausgelockter hoher Graf mich anlächelte , so war mir jeder Mensch , alles Leiden und die ganze Welt gleichgültig . Wie oft habe ich nachher über das Unbegreifliche dieser heftigen Leidenschaft nachdenken müssen , die alle unsre Kräfte , Vernunft und Wohlwollen , Gewissen und Frömmigkeit , alle Freiheit unsers Wesens so völlig unterjocht , daß es nur dem furchtbaren Bann eines unzerreißbaren Zaubers zu vergleichen ist . So gingen denn Tage , Wochen und Monden hin und ich kann wohl meinen Zustand so bezeichnen , daß ich mir selber ganz abhanden gekommen war , und mich in manchen Momenten einer aufdämmernden Besinnung hätte umsehen mögen , wo denn mein früheres Selbst geblieben sei . Völlig entzog ich mich der Liebe meiner Eltern und ihrer Aufsicht ; wenn der Geliebte nicht zu uns kommen konnte , erhielt ich Briefe von ihm , es war , ich gestehe es zu meiner Beschämung , nur Zufall oder Gnade des Himmels , daß ich nicht der Leidenschaft erlag , wenn wir uns selbst im Garten oder im Zimmer allein überlassen waren . Mein guter Engel hatte mich völlig verlassen , wenn er mich nicht mit den Argusaugen der Eifersucht , in der Person Federigos bewacht und beobachtet hätte . Dieser kannte und wußte alle meine Taten , Schritte und Entschlüsse , er , ohne sich meinen Eltern mitzuteilen , kämpfte dem bösen Genius entgegen . Die Nacht war bestimmt , in welcher ich meinem Hause entfliehen , und durch vertraute Menschen in die Arme Pitiglianos geführt werden sollte . Es geschah , ich fuhr ab , in stiller Mitternacht , meine mir unbekannten Begleiter waren stumm : der Morgen dämmerte empor , als wir den Ort der Bestimmung , ein einsames Haus im Gebirge , erreicht hatten . Ich war allein , auf den Geliebten harrend , im Zimmer , als Federigo hereintrat . - Ich mag die Szene nicht schildern , die sich nun entwickelte . Er hatte um alles gewußt , und jene ruchlose Entführung in eine Rettung verwandelt : er selbst hatte mich begleitet , mit andern verhüllt und unerkannt : früher , als das des Grafen , war er mit dem Fuhrwerk an dem bezeichneten Ort erschienen und ich hatte mich täuschen lassen . Aber mit welchem Schmerz , welcher Raserei , ja Verzweiflung , nahm ich diese Täuschung auf : es gab keine beschimpfende Benennung , mit der ich ihn nicht kränkte , keinen Fluch , den ich nicht auf mich selber herabrief . Es half dem Treuen nichts , daß er mir erzählte und bewies , wie der Graf an diesem nämlichen Tage seine Hochzeit mit einer Erbin aus einem alten Hause feire , und er mich nur , aus Hohn und Mutwillen , in der nämlichen Zeit , um mich und meine Familie zu schänden , als seine Buhlerin habe entführen wollen . Als ich erst imstande war , zu sehen und zu hören , konnte ich den Briefen , den Zeugnissen , die mir der tugendhafte Mann vorwies , nichts entgegensetzen . Aber mein Zorn steigerte sich über diesen seinen Triumph so ungeheuer , daß ich ihm diese Dokumente , die mich beschämen sollten , vor die Füße warf , und dreist , ja frech erklärte , auch unter dieser entehrenden Bedingung würde ich dem Grafen auf sein Schloß gefolgt sein . So tief war ich nicht gesunken , daß dies meine wahre Empfindung hätte sein können , ich stieß diesen Unsinn nur heraus , um den Getreuen recht empfindlich zu demütigen . Und Ihr könnt , Ihr werdet mich niemals lieben ? - Solange ich meiner Vernunft mächtig bin , niemals ! rief ich ihm entgegen ! Ich hätte aber wohl fühlen können , daß ich jetzt und seit lange schon vom Unsinn befangen sei . - Federigo war jetzt auch in Verzweiflung , und unter Tränen und demütigem Flehen