Jagdzeit hielt , hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt , da das Schloß zu weit von Paris entfernt war , um , wie bei anderen Umzügen des Hofes , für dessen kurze Anwesenheit von dort aus mit Möbeln und Geräthen ausgestattet werden zu können . - Später hatte der erste Besitzer aus dem Hause Crecy längere Zeit mit großem Aufwande hier gelebt , und aus allen diesen Zeiten befanden sich noch wohl erhaltene Ueberreste , die allerdings nur ihr Bestehen der solideren Beschaffenheit verdankten , die den Ausstattungen der früheren Jahrhunderte eigen war , und den Rang und Reichthum der Besitzer darlegen mußten . Fennimor hatte auf der langen Reise die Muße benutzt , sich von ihrem Gemahl eine Uebersicht der Geschichte Frankreichs geben zu lassen - und mit großem Interesse alles vernommen , was sich auf Katharina von Medicis , diese angestaunte Schwiegermutter der unglücklichen Maria Stuart , bezog . Was sie durch diese Mittheilungen erfahren konnte , war ihrer Unschuld gemäß in verhüllende Andeutungen eingekleidet worden , und so jubelte sie bei dem Gedanken , in das Schloß dieser mächtigen Königin einzuziehen , worin noch ihre Zimmer sich vorfinden sollten , und Möbel und Geschirre , die ihr zugehört hatten . Es zeigte sich , daß der junge Graf eben so fremd in seiner neuen Besitzung war , als seine junge Gemahlin , denn diese Güter wurden nur wegen ihrer Revenüen geschätzt , zum Bewohnen schienen sie der Marschallin von Crecy , die sich nie vom Hofe trennte , völlig unpassend . Beider Geschmack vereinigte sie daher in dem Wunsche , unter Anleitung des alten Kastellans , der eine lebendige Chronik des Schlosses zu nennen war , dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung zu besichtigen und in chronologischer Ordnung mit dem ältesten Theile desselben zu beginnen . Dieser ruhte auf dem höchsten Felsgrunde , der das Ganze trug - er ward der Klaudia von Bretagne zugeschrieben , die hier nach der Gefangennehmung ihres Gemahls , Franz des Ersten , in schwermüthiger Zurückgezogenheit bis zu ihrem Tode lebte , und deren Grabmal sich auch in der Hauskapelle als einziges Ueberbleibsel ihrer Existenz vorfand , denn dieser älteste Theil , der in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts entstand , zeigte nur Thurmzimmer , rohe Wände , gepflasterte Fußböden und die kleinen Schießscharten-Fenster , die wenigstens Landschlösser nicht entbehren konnten . Die flüchtige Besichtigung erregte wegen der erloschenen Erinnerungen , die überdies in einem frommen , tugendhaften weiblichen Leben selten durch hervorragende Situationen sich lange dem Gedächtnisse der Menschen einprägen , wenig Interesse . Aber sie gewannen in der Betrachtung erst ihren Platz , wenn man dies einfache Bedürfniß der königlichen Klaudia mit dem verglich , was die stolze Medicäerin dafür nöthig hielt . Die Räume , von Flur und Treppen an , die der Aufenthalt ihrer Leibwachen und Diener waren , und die alle noch die Ueberbleibsel von Einrichtungen zeigten , die sie zu Eß- und Trinkgelagen passend gemacht hatten , die weitläufigen Zimmerreihen , die , sämmtlich mit Namen bezeichnet , Erinnerungen an das mannigfach gestaltete Leben dieser Frau erregten , die kolossalen Möbel , Kamine , Bettnischen , die kostbaren und unverwüstlichen Tapeten von Gobelin , vergoldetem Leder und Sammet , die auch zu Teppichen und Bezügen der Stühle , Ruhebetten und Fenster-Umhängen dienten , und von Marmor , Skulpturen und Vergoldungen in reicher Ueberladung unterstützt wurden - sie zeigten ein verwegenes Ergreifen äußerer Mittel , um ein Schaugerüst empor zu thürmen , wohinter sie den krankhaften Zustand ihrer aus tausend Wunden blutenden Zeit um so lieber verbarg , da sie an Heilung nicht dachte und das Wundfieber , in welchem bald diese , bald jene Partei im Wahnsinne die Obergewalt fand , bloß zu ihren Zwecken verbrauchte . » Ach , « sagte Fennimor inmitten dieser Räume , » welch ' ein Glanz ! - und Klandia hatte nur ihr Bett - ihre Kapelle und ihre Spinnstube ! « Der alte Kastellan schlug die Augen nieder , als müsse er sich schämen vor den so wohl behüteten und so hoch von ihm geehrten Schätzen , und der fast unbewußten Geringschätzung , womit er die Räume der frommen Klaudia vorgezeigt - zuerst fühlte er den Gegensatz . Er zögerte fast , weiter zu gehen , obgleich er doch noch so viele kleine Schätze hatte , die er zeigen und erklären wollte , worauf er heimlich stolz war . » Gewiß , « sprach er zuletzt , » die fromme Königin Klaudia hinterließ keine werthvollen Besitzthümer , es findet sich in den frühesten Verzeichnissen der Kastellane nichts bemerkt , was darauf hinweisen könnte , sonst würde es gewiß erhalten sein . « » Ja , das glaube ich , « erwiederte sinnend die junge Gräfin - » sie hatte allen Schmuck in sich ; das wird bei ihr gewesen sein , wie der Vater erzählte von der Mutter der Grachen . « - Freundlich gab sie sich jedoch bald den mannigfachen Gegenständen hin , die ein zu fesselndes Interesse besaßen , um ihren jugendlichen Sinn nicht zu beschäftigen , und der alte Kastellan führte , zu seiner Wohlgemuthheit zurückkehrend , seine jungen Herrschaften in den großen Banketsaal der Königin , der mit Thronhimmel und Gobelins verziert war , und an dessen Wänden reiche Schränke standen , die in Ebenholz mit Gold und Silber , die kunstreichst geschnittenen Hautreliefs aus den Chroniken des alten Testaments zeigten . Sie dienten theils zur Ausschmückung , theils zum Aufbewahren kostbarer Geschirre , oder zu Schenk- und Vorschneide-Tafeln . » Hier befände sich noch manches der Beachtung Werthe , « sprach der alte Kastellan und öffnete das kunstreiche Schloß eines der größeren Schränke , welcher noch mehrere schwerfällige Silbergeschirre enthielt , so wie eine große Anzahl Becher in Gold und Silber , mit Wappen und Sinnbildern , und einige von den schönen leichten venetianischen Glaspokalen , die , der jungen Frau noch niemals vorgekommen , ihr höchstes Erstaunen erregten . » Diese kostbaren Geschirre , « sagte der Kastellan , » sollen alle damals hergeschafft worden sein , als die Frau Königin dies Schloß überhaupt mit so großer Pracht für den kurzen Besuch der vornehmen polnischen Magnaten ausrüstete , die sie eingeladen und lieber hier , als in Paris empfangen wollte , da sie diese Großen des damals von den verschiedensten Parteien zerrissenen Landes sich geneigt zu machen trachtete , um die Wahl des neuen Königs dermaleinst auf ihren geliebten Sohn , den Herrn Herzog von Anjou , unsern nachmaligen allergnädigsten König , zu lenken . Es ist hier nicht mehr Alles beisammen , was damals an großem Glanze diese Räume erfüllte , aber die alten Tagebücher der Kastellane , woraus die Chronik besteht , und welche sich noch vorfinden , sagen darüber große Wunder . « » Warum ist diese Thüre mit dem eisernen Balken verwahrt ? « frug die junge Gräfin , der Thüre neben dem Throne sich nahend . » Dies sind die Geheimzimmer der Frau Königin Katharina , « erwiederte zögernd der Kastellan ; » sie sind auf Befehl der Herren Grafen von Crecy immer auf diese Weise von den übrigen Gemächern getrennt gewesen . « » O , die möchte ich sehen ! « rief Fennimor - » könnt Ihr sie öffnen ? « » Das steht allerdings jedem Kastellane zu bewerkstelligen frei , « sprach der Alte , » wenn es befohlen wird , aber sie sind voll böser Luft , Euer Gnaden - auch wurden sie auf Befehl weder gelüftet , noch vom Staube gereinigt - es ist für eine so zarte gnädige Herrschaft , wenn ich ' s zu sagen mich unterstehen dürfte , kein passender Aufenthalt . « » O , doch , doch , guter Albans ! « - rief die junge Gebieterin - » ich muß sie sehen , gerade sie ! - Nicht wahr , Leonin , Du willst sie auch sehen ? « Dieser fühlte wohl , der Alte habe etwas ganz Besonderes bei diesen Zimmern auf dem Herzen , da er sich aber nicht näher erklärte und die Wünsche Fennimor ' s ihm das Gegengewicht hielten , so gab der Graf das Zeichen , daß er sie öffnen möchte ; die verrosteten Schlösser zeigten , wie lange das nicht geschehen war - erst nach vieler Anstrengung gelang es dem Alten , die Riegel zurückzuschieben . Es waren zwei an einander hängende Gemächer von mäßiger Größe , beide mit vergoldetem Leder bekleidet . Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit Grabesbauch entgegen - die bunten Scheiben waren erblindet von der Zeit und den Spinnweben , und ließen daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu . - Aber diese Vernachlässigung hatte einen andern Reiz behalten , der die jungen Schloßbewohner auch näher trieb und gerade darin lag , daß hier nichts bei Seite geräumt war , wie in den andern Räumen , sondern daß , fast zum Erschrecken , mitten in der vollen Lebensthätigkeit dieser ungeheuren Frau eine Unterbrechung , ein Stillstand eingetreten sein mußte , der die verschiedenen Gegenstände , die sie umgaben , erstarrt zu haben schien , und ihnen noch die eben verschobenen Falten der Draperien , den schief gerückten Sessel , genug , jedes Zeichen plötzlich unterbrochener Benutzung erhalten hatte . Die Mitte des ersten Zimmers ward von einem kolossalen Schreibtische eingenommen , dessen Aufsatz von schwarzem Ebenholze auf Füßen von weißem Marmor ruhte , und mit einigen künstlichen Vorrichtungen zum Schreiben versehen war , nebst einem hoch darüber ragenden Crucifixe von Elfenbein und mehreren schweren , kostbar eingebundenen Büchern . Herum standen drei Armsessel , mit dem Stoff der Tapeten bedeckt , die verschoben waren , als sei dies eben beim Aufstehen geschehen . » Dies war ihr geheimes Konferenz-Zimmer , « sagte St. Albans leise - » dieser schöne Schrank enthielt die laufenden Akten und Briefe ; in diesem mittelsten Sessel saß die Königin , hier die Räthe oder die andern betheiligten Personen - hier an der Wand , auf dieser Bank , die Hoffräulein , wenn sie bleiben durften - auch soll sie gern während der Berathungen in der Fenster-Nische über dem Stickrahmen gesessen haben , aber der damals anwesende Kastellan Hieronimus verzeichnete darüber : Alle hätte ein Fürchten beschlichen , wenn jene , so das Gesicht zur Stickerei abgewendet , Rath gehalten hätte ; sie solle dann noch mehr , als gewöhnlich habe verüben können ! Seht , der eingespannte Silberstoff , an dem sie damals gearbeitet , ist noch sichtbar , aber freilich erblindet , verstäubt und keine Reinigung mehr aushaltend . Ach , es sind kostbare Dinge hier nach gerade untergegangen durch den Befehl , diese Gemächer abzusperren . « » Aber warum geschah das ? « frug die junge Gräfin . » Das hatte traurige Gründe , die Gott richten wird in Barmherzigkeit - aber , so wie Euer Gnaden es hier sehen , so ist Alles verblieben , mitten im Gebrauch ! Lautes glänzendes Leben den einen Tag , am andern Morgen Alles leer , zu Pferde , zu Wagen , auf und davon , Keiner sein Gepäck nehmend oder nachfordernd - und auf Befehl der zuerst fliehenden Frau Königin wurden diese Zimmer abgesperrt , und kein Stück ihres hier vorhandenen Besitzes durfte ihr nachgesandt werden ; sie floh sogar in dem Pelzmantel eines Hoffräuleins . Damals hatte sie es dem ersten Grafen von Crecy-Chabanne , der hier Besitzer ward , geschenkt , und dieser gar heftige Herr hatte , wie man sagte , besondern Grund , den Befehl der Königin gut zu heißen . Da verblieb es dann so , und die tugendhaften Nachfolger dieses ersten Herrn wollten es immer so belassen . « » Da sind wir wohl die Ersten , die das alte Gebot überschreiten ? « sagte Leonin , von unheimlichen Empfindungen angeregt . » Ob die Ersten , Euer Gnaden , kann ich nicht bestimmen - bei meiner Zeit jedoch die Ersten ; denn Dero Herr Vater haben die Herrschaft Ste . Roche nie beehrt . « Zur Rückkehr geneigt , wollte Leonin dies eben Fennimor vorschlagen , da bemerkte er , daß sie von seiner Seite in das Nebenzimmer geschlüpft war , und in demselben Augenblicke rief sie ihn von daher zu sich : » O , Leonin , komm ' geschwind , und sieh ' , was ich hier Reizendes gefunden habe ! « Er eilte ihr nun nach und trat in das düstere Schlafgemach der Königin , in dessen Hintergrunde das riesige Himmelbett mit dunkelrothsammetnen Vorhängen stand . Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen schönen goldenen , mit Edelsteinen verzierten Becher in der Hand . - » O Leonin , « rief sie , » welch ' ein Kunstwerk ! Sieh ' , wie herrlich das gemacht ist ! O , laß ' ihn mir , ich will ihn zum Andenken behalten und täglich daraus trinken ! « In demselben Augenblick setzte sie ihn an die Lippen , als versuche sie ihn . » Großer Gott , erbarme Dich ! « schrie der alte Kastellan , und ehe noch die Lippen den Rand des Bechers umschlossen , riß er ihn aus Fennimor ' s Hand und stellte ihn dann schaudernd nieder , als habe er sich daran verletzt - aber zur Besinnung kommend , hatte er einige heftige Worte von seinem sichtlich beleidigten jungen Herrn zu bestehen , und beschämt beugte der alte Mann sein Knie vor seiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung . » Ich habe mich schwer vergangen , Euer Gnaden , aber vielleicht vergebt Ihr mir um der Veranlassung willen . - Sehen Euer Gnaden den trüben Grund des Bechers ? - Als er zuletzt gefüllt ward , ist Gottes herrliche Gabe zum Frevel benutzt worden , und der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen tödtlichen Giftes gemischt - niemals hat ihn seitdem das heilige Wasser gespült , und er ist erblindet , wie Ihr ihn hier sehet . « Schaudernd wendete sich Fennimor ab , und St. Albans winkte den Grafen bei Seite , und setzte schnell und ängstlich hinzu : » Der Herr Marquis Spinola folgte hieher seiner Geliebten , der Frau Königin Katharina - aber sie hatte Neigung , ihn los zu werden , und es fand sich dazu ein Großer ihres Hofes , den sie bevorzugte . Obwol nun der Dolch in seinem Schlafgemache auf ihn harrte , so fürchtete Katharina doch den Widerstand des muthigen Marquis ; als er sie am Abend verließ , reichte sie ihm selbst diesen Becher , dessen schnelle Wirkung sie noch an der plötzlich gebrochenen Kraft des Unglücklichen beobachtete , und entließ ihn dann . Aber er ahnete das Geschehene , und als der erste Dolchstoß ihn traf und der tödtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerriß , stürzte er in das Schlafzimmer der Königin zurück , von seinem Mörder verfolgt - und schrecklich hier das Geschlecht Beider verfluchend , schleuderte er der Königin den Becher an den Kopf , daß er weit hin zur Erde rollte - dann verschied er auf ihrem Bette , Bäche von Blut vergießend , so daß die Frau Königin , von seinen Flüchen verfolgt , aus diesem Bette nicht entfliehen konnte , ohne bis an die Knöchel in Blut zu waten . - Da reiste sie zur selben Stunde aus dem Schlosse , und Alles , wie von Geistern gejagt , hinter ihr her , und nie betrat sie es wieder , Niemand durfte je seinen Namen vor ihr nennen . Den Becher aber rührte Keiner wieder an - es war der Königin Lieblingsbecher , darum verfluchte der Herr Marquis Jeden , der daran die Lippen setzen würde . « Der Graf hörte mit tiefem Schauer die schnelle Mittheilung des Greises und sah sich hastig nach seinem jungen Weibe um , das zuerst den schrecklichen Bann überschritten hatte . Sie lehnte sich bleich und erschüttert gegen das Bett der Königin , und als Leonin zu ihr eilte und sie liebevoll in seine Arme schloß , erleichterte sie ein Strom von Thränen . Doch der Alte war ihnen nachgeschlichen und zupfte mit trauriger Miene den Grafen am Kleide . » O , führet die gnädige Herrschaft hier fort ! « sprach er leise , indem er , von Fennimor unbemerkt , auf die großen dunkeln Flecke am Fußboden zeigte ; und Leonin fühlte , das sie auf dem Blute des Spinola standen , der hier das Geschlecht der Crecy verfluchte ; denn was der alte Kastellan aus Ehrfurcht verschwieg , war Leonin zufällig bekannt und bezeichnete in dem erwähnten Mörder den Grafen Theophim von Crecy . Sanft strebte er , die zitternde Fennimor aus diesem traurigen Bereiche zu ziehen , willig folgte sie ihm , und der Kastellan , der schnell die Thüren dieser Unglückszimmer mit Schlössern und Querbalken wieder verwahrte , öffnete in dem Banketsaale eine Seitenthür , die nach einer offenen Gallerie führte . Wenn auch noch älter an Ursprung , war sie doch in diesem Augenblicke eine wahre Erquickung , da die Herbstsonne warm und duftig auf sie schien , und die zierlich gemauerte und vielfach durchbrochene Einfassung mit Moos und niederhängenden Eibenbäumchen durchflochten war , welches Alles dem unschuldigen Leben der Natur näher führte ; obwol hier das Zeichen des überhand nehmenden Verfalls , von dem die Vegetation mit ihren vielfach anmuthigen Mitteln sogleich Besitz nimmt , deutlicher hervortrat . Hier beruhigte sich Fennimor , und ihr trübes Auge gewann seinen vollen Glanz wieder , und Lippen und Wangen ihre Farbe . » Wo sind wir denn jetzt ? « - frug sie , auch sogleich zu ihrer alten Neigung zurückkehrend und die Fensterreihe hinter sich prüfend , wovor diese Gallerie entlang lief . » Dies waren die verschiedenen Zimmer der Hoffräulein « - sprach der Kastellan ; » sie sind ohne Werth , und haben eine besonders feuchte und kalte Luft . « - » Aber jener Thurm , an dessen Thüre sich diese Gallerie endigt , wo führt er hin ? - O , sieh ' doch , Leonin , wie reizend dort das Ende eines Altans hervorschaut ! Welch ' herrliche Aussicht muß man von ihm in das Thal von Ste . Roche haben , da er mehr nach jener Seite zu liegt ! « und schon eilte Fennimor auf der Gallerie voran , das Schloß an der kleinen Thür gab nach , und sie stand in dem Thurmzimmer , ehe der Graf ihr folgen konnte , was St. Albans mit sichtlichem Widerstreben that . Auch dies war ein großes , rundes Schlafzimmer , jedoch in seiner Ausstattung von bedeutenderen Ansprüchen , obgleich diese mehr , als in den übrigen Zimmern , gelitten hatte , da der Altan zwar mit seinen großen Thüren das Fenster bildete , aber , den Unbilden des Wetters preisgegeben , Regen und Schlossen eindringen ließ . Da liefen an den vergoldeten Lederbehängen der Wände kunstreich geschnittene Bänke von Eichenholz um das Zimmer her , und neben dem Kamine von schwarzem Marmor stand das große Bett , welches , wie gewöhnlich , an Vorhängen und Verzierungen der Holzschneidekunst den meisten Aufwand früherer Zeit zeigte . Vorzüglich aber betrachtete Fennimor ein schönes Betpult mit Knieschemmel , an dem ein zusammengesunkener kleiner Harfion , eine kleinere Art dieses später erst vergrößerten Instruments , wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu tragen vermochten . Dies kleine Instrument , wenn jetzt auch ohne Saiten , mit verrosteten Wirbeln , war doch mit dem größten Fleiße in Elfenbein und Gold gearbeitet , und zeigte an , daß hier ein Fräulein gehaust , da nur Frauen dies Instrument spielten . - Die Vorhänge des Bettes waren nicht zugezogen , und Fennimor sah die Kissen und Matratzen von dunklem Damast , und die reich gestickte Decke , wenn auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geschwärzt erschien , und kaum noch in seiner früheren Beschaffenheit kenntlich . - Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt , wem dies Zimmer gehört habe - da sie ihre Frage wiederholte und den alten Mann dabei befremdet ansah , erwiederte er schüchtern : » Es ist der Eudoxien-Thurm . « » Eudoxia ? Nun , wer war das ? « frug sie weiter . » Eudoxia , das schöne Fräulein von Nemours , war auch eine Hofdame der Frau Königin Katharina - aber sie hatte nicht Glück davon . Der König , sagt man , habe sie lieber gehabt , als erlaubt war , und er fand sie hier einstmals auf ihrem Lager , daß sie ihm blos noch die blutende Wunde in der Brust zeigen konnte , und ihm sagen , wie ihr befohlen war : die Königin habe dies gethan . - Dann ist sie verschieden . Drauf , sagt man , säße sie noch immer hier auf diesem Altane in ihrem weißen Kleide und warte auf den König , wie er sonst durch das Thal herauf zog . « » Heil ' ger Gott , « rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonin ' s Brust , » eine Königin und morden ! Ist denn das möglich ? Sie sagen ja , sie sind von Gott erwählt - können sie denn da morden ? Das ist vielleicht nicht wahr ! O , Leonin , « fuhr sie wemüthig fort , » sprich doch , Du mußt es ja wissen ! « » Laß ' das jetzt , Fennimor ! Kehren wir lieber zurück - hier unten liegen unsere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt , da wohnen keine schrecklichen Erinnerungen . Mein Ur-Großvater ließ sie gastlich einrichten - dort wollen wir Alles vergessen . « » Ja wohl , « sprach der Kastellan , » von diesem guten gnädigen Herrn sind nur schöne , heitere Nachrichten in der Chronik zu finden . Er benutzte auch nie diese oberen Gemächer oder doch nur jene Seite drüben , die königlichen Prunkgemächer , nie den eben besuchten Banketsaal , weil er auf den großen finstern Hof mit dem Grabmal des Herrn Grafen Theophim herabsieht . « Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt schön und ansprechend eingerichteten Zimmer zurück , und hier erst zeigte es sich , wie tief erschüttert Fennimor war , denn bleich und wortlos sank sie in einen Stuhl am Feuer hin , hörte nicht , was Leonin sprach , und schien mit offnen Augen bewußtlos . Leonin fühlte bald , daß er sie nicht gewaltsam wecken dürfe , und gönnte es ihr , sich selbst auszuträumen , mit seinen liebevollen Blicken ihr blos ein zärtlicher Wächter bleibend . Mit einem tiefen Seufzer löste sich endlich ihr beklommener Zustand - sie erkannte Leonin und sank weinend an seine Brust . - » O , Leonin , « rief sie - » daß in der offenen , schönen Welt , wie sie von Gott kömmt , noch so eine finstere geheime Welt ist , die gar nicht dazu gehört , gar nicht Gottes Welt sein kann - und bei der nicht zu begreifen ist , warum die Menschen sie in die andere große Gottes-Welt hineinsetzen , und damit die andere verderben und Gott kränken ! - O , Leonin , ich glaube , mein Vater wußte gar nichts von der falschen , gemachten Welt ! « » Wohl hast Du Recht , « - sprach Leonin , » daß dies nicht die rechte , sondern eine falsche Welt ist - und es schmerzt mich , daß Du mit der Kenntniß des Schlosses , die Du so wünschtest , einen so düstern Blick hinein thun mußtest . - Laß ' uns diese Welt , die uns so fern liegt , vergessen , und richte Deine Blicke auf die Gegenwart , die kein Schrecken birgt . Obwol ich durch Unterricht und Lebensweise diesen Beziehungen näher getreten bin , so sind sie von mir doch noch nicht selbst erlebt , und ich ahne mehr den Stoff , dem ich zerstreut in der Welt begegnet bin , als daß ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweisen wüßte . Es ist ein schwermüthiges Geschäft , sich in die Fragen zu vertiefen , die sich uns darüber aufnöthigen wollen , wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen , welche die Erde besudelt haben , mit der Gerechtigkeit Gottes verträgt , wie , daß wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren . - Laß ' uns denken , daß dessen ungeachtet die göttliche Gerechtigkeit sich ausreichend erweist , daß solche Triumphe , wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar sind , und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht . « » Ja , so wird es sein , « - sagte Fennimor , welche ihn mit gläubiger Zuversicht angehört hatte : » aber gewiß giebt Gottes schöne Welt zum Bösen keine Veranlassung , und Jeder dürfte gut sein nach seinen Kräften . « » Und doch ist dieser Streit , dieser Kampf nöthig - dadurch gerade , daß wir mit dem Bösen und gegen das Böse kämpfen , entwickelt sich das Höhere in der menschlichen Natur , und der , welcher den Kampf erregt , ist ein Werkzeug in Gottes Hand , eben so , wie es der Streiter für das Gute ist ; wie schwer würde es uns werden , das Maaß ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu finden - das ist unserm Auge entrückt . « » Ach , Du bist weise ! « sagte Fennimor , die trüben Augen zu ihm aufschlagend . Dann ließ sie sich , von so vielen Eindrücken ermüdet , von Emmy Gray nach ihrem Bette führen , und bald heilten ihre unschuldigen Träume die Wunden ihrer Seele aus . - Wie liebevoll auch Beide den immer näher rückenden Augenblick der Trennung vor einander zu verhüllen suchten , er nahte sich darum doch , und Fennimor rang mit der Einwilligung zu dem größten Schmerze , den sie glaubte erleben zu können . Aber noch immer sträubte sich ihre stolze und kräftige Natur gegen eine solche Zumuthung ; fast zürnend blickte sie auf Umstände , die sie dazu nöthigen wollten ; und wunderbar fühlte sich Leonin von dieser Forderung , die er in jedem Worte , in jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte , verschüchtert . Alle Rücksichten , von denen er sich beherrscht erkennen mußte , versanken vor einem Geiste , dem die natürlichen Verhältnisse der Menschen allein eine Geltung hatten , und er fühlte theils Scheu , ihr die Erscheinungen der Gesellschaft , wie sie ihm bekannt und bedeutend geworden , zu schildern , theils fühlte er Zweifel , ob sie ihnen den Einfluß zugestehen würde , da sie ihre Fassungskraft übersteigen mußten . - Aber wir können oft nach Außen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten Veränderung mit entschiedenen Worten wehren , dennoch ergreift schon die Ueberzeugung , daß wir ihr nicht entrinnen können , unsere ängstlich Wache haltenden Gedanken , und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen Handlungen oder Einrichtungen , die nur darauf Bezug haben können , daß wir selbst jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr instinktartig schon entgegen kommen . So machte Leonin , wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beschäftigungen und kleinen Erheiterungen im Freien , die ihre Zeit auszufüllen strebten , wobei eine stillschweigende Anerkennung durchblickte , daß sie dann ihres Gatten beraubt sein würde - und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort , und nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen , die ihre Seele beklemmten , durch ein paar angstvolle Worte Luft , die jede Andeutung verläugnen sollten . Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt , und Fennimor las mit langsamer Aussprache , aber richtigem Accente und dem rührend unschuldigen Tone ihrer kindlichen Stimme , die unsterblichen Stanzen des Cid von Corneille . Wie glühten ihre zarten Wangen , wie schön hoben sich im verwandten Gefühle der eigenen hochherzigen Empfindungen die schön geschweiften Lippen , um den edlen Stolz , die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken , wie hätte sie lieber selbst ihm gleich geantwortet , und wie gespannt lauschte sie der Antwort Ximenen ' s , hoffend , es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefühle zu , was sie antworte . Wer vermöchte zu schildern , mit welchen Gefühlen Leonin , zwischen Sehen und Hören getheilt , vor ihr saß ; leise war er von ihrer Seite weggerückt , ihr fast gegenüber , ihren vollen Anblick genießend und sicher , daß sie in ihrer begeisterten Hingebung an den großen Dichter und seinen Helden ihn selbst vergessen würde . Die Kerzen , die über dem künstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in schweren silbernen Armen ruhten , beleuchteten von oben das runde Haupt mit seinen reichen , lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weiße , zartgewölbte Stirn . - Der Schatten hätte den schönen Untertheil des Gesichts verhüllt , wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches , vor dem sie gebeugt saß , ein Reflexlicht dazu aufgestiegen , welches Farbe und Form magisch verschönte . Die kostbaren Stoffe , die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt , waren ihr längst im täglichen Gebrauche bequem , und der reiche blaßblaue Seidenstoff , der von ihrem schlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel , ward um Schultern und Busen mit reichen Spangen gehalten . Sie trug und paßte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geschick , was , von der Schönheit unterstützt , so oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie verwiesen wird , und vielmehr der edeln , reinen , allgegenwärtigen Empfindung zuzurechnen ist , welche eine Frau leitet , sich selbst zur Befriedigung , nur das Schöne und Vollkommene an sich leiden zu mögen . Gewiß fühlte Leonin mehr , wie je , den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe , und sein Blick schweifte einen Augenblick an den hohen , schwerfällig verzierten Wänden des schönen alterthümlichen Gemachs umher , und schien die verdüsterten Familienbilder herauszufordern , ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die Nachfolge in ihren Reihen . Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen , womit Cid von Ximene