zu seinem Kinde zu ihr stehe , davon sind Sie überzeugt , denn die Beweise liegen in Ihrer Hand . Mögen Sie in jeder andern Hinsicht von mir denken , wie Sie wollen , ich ergebe mich darein , und weiß nicht , ob ich nicht sogar wünschen sollte , Sie möchten mich in Ihrer Meinung recht tief herabsetzen ; denn dieses wäre v elleicht für Sie der triftigste Beweggrund zur Erfüllung meines Wunsches ! Hier schwieg Torson , indem er einen halb fragenden , halb bittenden Blick auf Richard warf . Dieser saß einen Augenblick wie unschlüssig da ; erklären Sie sich deutlicher , setzen Sie mir umständlicher auseinander , was ich für die Braut meines Freundes thun soll und kann ; sprach er endlich , und reichte unwillkürlich quer über den Tisch hin Torson die Hand . Sie wissen jetzt Alles , klären Sie Iwan über mein Verhältniß zu Julien auf , über die Gründe , die mich zur Flucht mit ihr bewogen , über alles was in meinem und Juliens Betragen ihm zweifelhaft , oder auch nur auffallend scheint ; fuhr Torson fort , ermuthigt durch Richards sichtbar gegen ihn veränderte Stimmung . Suchen Sie Iwans Mutter für die Verbindung des jungen Paares zu gewinnen , und möge dann Julie , als Gattin des Mannes den sie liebt , mit ihm in sein schönes Vaterland ziehen , und glücklich sein . Ist aber alles wirklich anders geworden , hat Iwan sein Herz von ihr abgewendet , weigern sich seine Mutter und seine Verwandten , eine Fremde in ihrer Mitte aufzunehmen , nun dann ! dann ! setzte er sehr bewegt hinzu , dann suchen Sie dem unglücklichen Mädchen Muth einzusprechen , und führen es zurück nach Petersburg , zurück in das Asyl ihrer Jugend , dem ich sie nie hätte entreißen sollen . Vertreten Sie Julien bei den ihr einst so günstig gestimmten Freunden , erklären Sie ihnen den Zusammenhang der Begebenheiten , so viel Sie dieses können , ohne das Geheimniß des Bundes zu verrathen . Frau Karoline wird die Arme , die mit einem so großen Schmerze zu ihr flüchtet , nicht verlassen , und Lange auch nicht , davon bin ich überzeugt , wie von meinem Leben . Übrigens tritt meine Tochter nicht als Bettlerin auf ; in diesem Portefeuille übergebe ich Ihnen Juliens Vermögen - weisen Sie es nicht vornehm zurück , Herr Wood ; kein Kopeken von dem , was Sie oder Andre , billiger oder unbilliger Weise , unrecht erworbenes Gut nennen möchten , befindet sich darunter , sprach Torson ein wenig gereizt , als Richard mit verweigernder Geberde sich abwandte : es ist das auf meine Tochter rechtmäßig vererbte Eigenthum ihrer verstorbenen Mutter , das ich hier zu gewissenhafter Verwaltung Ihnen , als ihrem Vormunde , übergebe . Haben Sie denn jenes Linsengericht ganz vergessen , für welches ich meinen Verwandten damals meine Ansprüche auf die Güter und den Namen meiner Ahnen überließ ? setzte er , schnell sich wieder fassend , heiterer hinzu . Zwar hatte ich einen schlechten Handel gemacht , aber die Summe war an und für sich nicht ganz unbedeutend . Sobald eine schickliche Gelegenheit dazu sich auffinden ließ , eilte ich sie meiner Frau als ihr Eingebrachtes zu verschreiben , um die Zukunft dieses geliebten Wesens außerhalb des Bereiches meines eignen Geschicks festzustellen . Beinahe zwanzig Jahre lang habe ich die Zinsen immer wieder zum Kapitale schlagen lassen ; und so ist es denn jetzt , fast verdoppelt , zu einer Summe angewachsen , die Julien zwar nicht zur reichen Erbin macht , aber doch für den schlimmsten Fall ihr Unabhängigkeit zusichert . Mit sich , mit Torson , ja mit der ganzen Welt vollkommen zufrieden , voll moralischer Betrachtungen über die tadelnswürdige Eilfertigkeit , mit der man zu einseitigen , unüberlegten Verurtheilungen sich hinreißen läßt , ohne sich die Mühe zu geben , auch die etwanigen guten Seiten des Bösewichts , den man verdammt , aufspüren zu wollen , machte Richard sich bereit , die ihm sehr schwierig dünkende Beruhigung seines , bis zum wüthendsten Zorne gereizten Freundes zu unternehmen . Der Mutter verständige Vorstellungen , das Zeugniß der vieljährigen Freunde seiner Eltern , Ilia und Selina , vor allem aber die durch das flüchtigste Wiedersehn der Geliebten neubelebte Liebe , hatten indessen alles schon vollendet , und den grimmigen Löwen gebändigt . Lammsfromm saß er zwischen der Mutter und Julien ; von Geschwistern und Freunden umringt , lächelnd wie die personificirte Zufriedenheit , reichte er dem erstaunten Richard bei dessen Eintritt die Hand entgegen , und für diesen blieb nichts mehr zu thun übrig , als die Ermahnungen , auf die er sich vorbereitet hatte , in tief aus dem Herzen kommende Glückwünsche umzuwandeln . Wehe dem Novellisten , der sich nicht daran genügen lassen will , ein liebendes Paar durch allerlei Widerwärtigkeiten bis zu den Stufen des Altars glücklich geleitet zu haben ; der Versuch , nach dieser alles beendenden Catastrophe noch etwas Interessantes vorzutragen , fällt selten belohnend aus . Daher sei hier nur noch in möglicher Kürze erwähnt , daß Iwan auf Treue und Glauben alles für wahr annahm , was Richard im Namen des Vaters seiner Braut ihm mittheilte , ohne daß er deshalb die mindeste Sehnsucht bezeigt hätte , diesen wiederzusehn ; denn seine offne treue Natur konnte den Mangel an Vertrauen , den Torson ihm bewiesen , zwar verzeihen , aber weder verwinden noch vergessen . Übrigens war Iwan in der Umgebung der Seinen der einfache Sohn des Gebirgs wieder geworden , der er gewesen , ehe das größere Leben ihn umfing . Außer dem Freunde und der Geliebten war alles , was zwischen dem Tage seines Abschieds von der Heimath und der gegenwärtigen Zeit lag , versunken und vergessen ; an Juliens Seite wandte er nur der Zukunft sich zu und eine unabsehbare Reihe von Jahren , im heitersten Sonnenglanze des friedlichsten Glückes , breitete vor seinem Blicke sich aus . Spät nach Mitternacht , als in ganz Nachitschewan kein Auge mehr offen stand , erschien Torson reisefertig , um von Richard Abschied zu nehmen . Zwischen diesen beiden bedurfte es keiner weitern Erläuterungen , Torson war durch Dmitry von allem was sich zugetragen umständlich unterrichtet . Ich werde weder Petersburg noch Moskau jemals wiedersehen , sprach Torson im Augenblicke des Scheidens : ich wähle den geraden Weg nach Odessa , von wo ich leicht überall hingelangen kann , wohin Schicksal oder eigne Laune mir winken . Wir beide treffen wahrscheinlich nie wieder zusammen , auch weiß ich nicht , ob dies wünschenswerth wäre ; doch werde ich Sie nie vergessen , und Sie mich wahrscheinlich auch nicht . Iwan , die Mutter und Geschwister desselben , Ilia , Selina und Julie , die einstweilen noch als unter dem Schutze jenes gastlichen Paares stehend betrachtet wurde , sie Alle bereiteten sich , in den nächsten Tagen in die ziemlich nahe liegenden Bäder von Kislawodsk sich zu begeben , und dort die Ankunft des Vaters Yakuchin zur Hochzeitsfeier zu erwarten . Richard freute sich unbeschreiblich auf diese Reise ; die erste Hälfte seines Urlaubs war noch nicht völlig abgelaufen , er durfte es sich erlauben , wenigstens einige Tage in jenen paradiesisch schönen Gegenden mit seinem Freunde fröhlich zu sein , mit dem er so viel herbes Leid treulich getragen . Doch als der Tag , die Stunde der Abreise nun festgesetzt war , da ergriff ihn plötzlich eine unerklärliche , ahnungsschwere Bangigkeit . Wachend und im Traume war ihm , als riefen ängstliche Stimmen aus weiter Ferne ihn bei Namen , als fühle er von unsichtbaren Händen sich heimwärts gezogen , und vermochte nicht diesem Gefühle , das immer vernehmlicher sich aussprach , zu widerstehen . Richard , Du gehst ! sprach Iwan in der letzten schmerzlichen Umarmung : und in Dir verläßt mich mein Schutzengel , der Schöpfer meines Glückes , dem ich Alles verdanke , mein Leben und , was mehr ist , meine Genesung aus einem Zustande , an den ich nicht zurückdenken darf . Du gehst von schwerer Ahnung getrieben , und ich bleibe in banger Sorge um Dich zurück . Denke an mich , nicht wie man so im gemeinen Leben zu sagen pflegt , denke an mich wenn es Dir wohl geht ; da magst Du immerhin mein vergessen : aber wenn einst Alles um Dich her zusammenbricht , wenn Deine schönsten Hoffnungen in Rauch aufgehen , dann , Richy , dann denke an Iwan , und reiße von allem Flittertande Dich los , und fliehe zu mir in meine stille friedliche Hütte , und ruhe bei uns vom Schmerze des Lebens aus . Gieb mir die Hand darauf , daß Du es thun willst , versprich es mir , mein Bruder ! Richard that wie Iwan es wollte , und entfernte sich schleunigst , ohne noch einmal den Blick rückwärts zu wenden . Richards Ankunft in Petersburg fiel gerade in eine Epoche , welche in jeder bedeutenden Stadt , besonders in jeder großen oder auch winzig kleinen Residenz , einmal im Jahre regelmäßig eintritt , wo alle Welt klagt : die Stadt ist verödet ! Alles wie ausgestorben ! obgleich das Leben in seinem gewohnten Gange sich rasch fortbewegt , Equipagen rollen , geputzte Leute überall sich zeigen , Jedermann wie gewöhnlich seine Geschäfte betreibt , und man diese angebliche Öde weder auf den Promenaden , noch in den Straßen sonderlich gewahr wird . Diese Zeit des allgemeinen Stillstandes , der im Grunde keiner ist , übt ihre lähmende Kraft hauptsächlich nur auf die wenigen daheim Gebliebenen , jenen der Zahl nach kleinsten Theil der Bevölkerung , welcher sich vorzugsweise die Societät nennt . Die Abwesenheit des Hofes zieht auch die der angesehensten Familien nach sich , und so fand es auch Richard bei seiner Heimkehr . Einige große Familien hatten bedeutende Reisen in fremde Länder angetreten ; Andre hatten auf ihre , oft seit vielen Jahren nicht besuchten Besitzungen sich begeben , und unter diesen befand sich auch Fürst Andreas , der mit seinem Sohne Eugen auf einer seiner weit entfernten Herrschaften den Zustand seiner viel tausend , lange nicht von ihm in nähere Betrachtung gezogenen Seelen , und der von ihm dort angelegten Fabriken untersuchte . Graf Stephan befand sich mit seiner Familie in Berlin , um bei den dortigen berühmten Ärzten für seine immer leidende Gemahlin Hülfe zu suchen . Und was für Richard das Betrübendste war , auch die Fürstin Eudoxia , begleitet von ihren beiden Töchtern und ihrem Schwiegersohne , war nach Karlsbad gegangen . Sogar Alex war abwesend , sein Urlaub war abgelaufen und Dienstpflicht hielt den jungen Officier in Kronstadt fest . Keiner hatte daher wohl gerechteren Grund sich zu beklagen als Richard , dem ohnehin diese gänzliche Verlassenheit um so schmerzlicher auffallen mußte , da er auf keine Weise darauf vorbereitet war . Die weite Entfernung des Ziels seiner Reise , die Eile , mit welcher er sie zurücklegte , hatte jede briefliche Mittheilung fast unmöglich gemacht ; gewiegt in goldne Träume des nahenden Wiedersehens , hatte er keine Ruhe sich gegönnt , um noch vor völliger Beendigung seines Urlaubs anzulangen , und fand sich nun zu Hause , als wäre er in der Fremde . Anfangs wollte die heimliche Angst , die ihn von seinem Freunde fortgetrieben , und die während der Reise von ihm gewichen war , sich seiner wieder bemächtigen ; doch als er die ersten Tage des Mißmuths überstanden und reiflich bedacht hatte , daß aufgeschoben nicht aufgehoben sei , fing er an etwas unbefangener um sich zu blicken . Er entdeckte jetzt manches , das ihn tröstete und heiter stimmte , und mußte sich selbst bekennen , daß dieser fast total isolirte Zustand , in den er für den Augenblick sich versetzt sah , eben wie alle Übel der Welt , doch auch seine gute Seite habe ; denn auch Obrist Pestel und mit ihm alle die eifrigsten Anhänger jenes Bundes , waren aus Petersburg verschwunden , hierhin , dorthin , in alle vier Winde hin . Keine Spur eines Vereinigungspunktes ließ sich entdecken ; es ereignete sich zuweilen , daß Richard mit mehreren ihm wohlbekannten Bundesbrüdern an öffentlichen Orten , oder auch in engeren geselligen Kreisen junger Leute zusammentraf , doch kein Wort , kein Blick , nicht die leiseste Anspielung verrieth jemals , daß man jener , einst die Gemüther so gewaltsam exaltirenden Verhältnisse , sich auf das entfernteste nur noch erinnere ; es war als wären sie nie gewesen . Gewiß , gewiß , es konnte nicht anders sein , der Fürst , als er behauptete , der Bund sinke von nun an in sich selbst der Vernichtung zu , hatte weder sich noch Richard getäuscht ; diese Überzeugung , die immer klarer sich ihm entgegen drängte , erfüllte ihn mit einem gewissen behaglichen Gefühle ruhiger Sicherheit , das seit seinem Eintritte in den Bund ihm ganz fremd geworden war , und ihm jetzt unbeschreiblich wohl that . Seine genußreichsten fröhlichsten Stunden brachte Richard jetzt beim Kapellmeister Lange zu . Bei seiner übereilten Abreise hatte er die treuen Freunde verlassen müssen , ohne von ihnen Abschied nehmen zu können ; er fand sie bei seiner Wiederkehr zwar ruhiger , als sie gleich nach Juliens Flucht es gewesen , aber immer noch niedergebeugt , einsam , mit tief verletztem Gemüthe . Sein erstes Erscheinen , die freudige Botschaft , die er vom Kaukasus mitbrachte , wirkte auf Beide , wie , nach Monaten versengender Dürre , ein milder Regen auf die verschmachtende Pflanzenwelt wirkt . Von neuem Jugendmuthe beseelt , erhoben sich Beide aus der ihnen so wenig natürlichen trübseligen Stimmung ; Frau Karoline lachte und weinte in einem Athem , ehe sie für ihre Freude Worte fand ; dem Kapellmeister fehlten diese ganz und gar ; verstummend warf er seine goldbetroddelte Mütze von einem Ohre zum andern , riß sein Pianoforte auf und jubelte darauf so lange und kräftig herum , bis die Saiten es nicht mehr aushielten , tanzte und walzte mit seiner Frau , mit Richard , mit den Möbeln im Zimmer , bis keines derselben mehr auf seiner alten Stelle stehen geblieben war , bis er zuletzt athemlos hinsank . Ihr meint wohl , ich sei närrisch geworden ? keuchte er endlich : und Gott sei Dank , ich bin es auch . Alter ! bin ich es denn nicht ? wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert , der hat keinen zu verlieren ! spricht die Gräfin Orsina , fuhr Frau Karoline in ihrer gewohnten theatralischen Manier dazwischen , und brach hernach selbst über die seltsame Anwendung dieser Worte in lautes herzliches Lachen aus . Daß ich das erlebe ! daß ich wieder denken und singen und sagen kann , es giebt noch Treu und Glauben in der Welt ! darum verlohnt es sich auch noch der Mühe , ein paar Jährchen in ihr es auszuhalten , sprach ihr entzückter Gatte indessen leise vor sich hin , und wiegte lächelnd das Haupt von einer Seite zur andern . Julie hat uns nicht hintergangen , ist brav und glücklich , selbst Torson ist so pechschwarz nicht als er schien ! Wie das Alles im Kopfe mir herumwirbelt ! rief er , sprang auf , setzte sich wieder an den Flügel , und ließ nun in Tönen beredter als in Worten seine Freude , seinen Dank ausströmen ; Richard und Karoline hörten in stiller Andacht ihm zu . Von nun an war des Erzählens von der einen , des Fragens von der andern Seite kein Ende , so oft Richard sich zeigte ; und dieser ließ selten einen Tag vergehen , ohne die treuen Freunde zu besuchen . Immer hatten sie Julien als ganz zu ihnen gehörend betrachtet , das Bewußtsein , ihr , wenn auch gleich nur in Gedanken , Unrecht gethan zu haben , machte sie ihnen noch theurer , und flößte für alles , was auf sie Bezug hatte , die lebhafteste Theilnahme ihnen ein . Die guten Leute sannen Tag und Nacht darüber nach , wie sie ihr eine Freude machen könnten , um das ihr zugefügte Leid , von welchem sie jedoch gar nichts empfunden , einigermaßen zu vergüten , und wünschten nichts sehnlicher , als sie noch einmal zu sehen , um es ihr abzubitten . Auf den Flügeln der herbstlichen Äquinoctialstürme entfloh der kurze nordische Sommer , und von allen Seiten kehrten die Reisenden an den heimathlichen Heerd zurück . Täglich gab es ein Fest des Wiedersehens zu feiern , und auch Richard ging dabei nicht leer aus , denn auch er begegnete bei jedem Schritte lange vermißten Freunden und Bekannten , bis endlich zur glücklichsten Stunde auch Helena mit den Ihrigen heimkehrte . Nur der Fürst und Eugen fehlten noch , und auch Graf Stephan , von den Leiden seiner geliebten Frau in Berlin festgehalten . Richard verlebte jetzt Tage des ungestörtesten Glückes , ohne daß deshalb in seinen äußern Verhältnissen die kleinste Abänderung eingetreten wäre . Befreit von jenen quälenden Besorgnissen , die ihn früher Tag und Nacht verfolgten , die selbst an der Seite der Geliebten ihn nur um so entsetzlicher peinigten , gab er jetzt der lang entbehrten seligen Gegenwart sich hin , und suchte jedem Gedanken an seine noch immer tief verschleierte Zukunft auszuweichen , selbst wenn der Fürstin Eudoxia sich immer gleichbleibende Nachsicht , ja ihr mütterliches Benehmen gegen ihn , als ein unbegreifliches Räthsel vor ihm stand , an dessen Lösung er nicht ohne bange Ahnung denken konnte . Traue meinem Vater , der uns wohl will , und genieße der guten Stunden , die er uns gönnt , ohne weiter darüber nachzugrübeln ; glaube fest , er weiß was er thut , und ist unfähig , das Glück unsers Lebens muthwillig aufs Spiel zu setzen ; sprach dann lächelnd Helena , und wie gern gab er der holden Trösterin nach ! So ging die Zeit hin ; das Karneval mit seinen glänzenden Festen nahte sich seinem Ende ; Frühlingsahnung regte sich in jeder Brust ; denn obgleich der Winter noch immer das Regiment führte , schien er doch allmälig die Strenge desselben mildern zu wollen . Helena und Richard sahen still freudig der Rückkehr des Fürsten entgegen , die sie innerhalb weniger Wochen erwarten durften , doch von Eugen blieben sie ohne alle Nachricht . Keiner , auch nicht Eudoxia , kannte seinen jetzigen Aufenthalt , und da der Vater sich nicht geneigt bezeigte , sich über denselben in seinen Briefen zu äußern , so durfte Niemand es wagen , deshalb in ihn dringen zu wollen . Selbst die Fürstin war zu dieser zurückhaltenden Bescheidenheit von ihrem Gemahl früh gewöhnt worden . Was wird es denn auch Großes sein ! lächelte Helena : irgend eine neue Anstalt , eine Schule für Bauernkinder , oder eine ausländische Erfindung , mit der wir überrascht werden sollen , und über deren Ausführung Eugen die Oberaufsicht übertragen worden ist . Warum sollten wir vorwitzig dem guten Vater diese Freude verderben ? Wunderlich genug hatte es gerade in dieser Zeit dem Strumpffabrikanten Wood , der jetzt ein in seiner Art sehr bedeutender , reicher Mann geworden war , gefallen , sich einmal seines Sohnes zu erinnern , an den er seit Jahren nicht gedacht hatte , so wenig als der geneigte Leser an den alten Herrn in Nottingham gedacht haben mag . Ein für ein Haus in Manchester Reisender kam mit Empfehlungen und Briefen für Richard an ; eigentlich eine vornehmere Art Muster-Reiter , beladen mit Vorschlägen zu Speculationen und kaufmännischen Anerbietungen , zu deren Ausführung er durch Richards Fürwort zu gelangen angewiesen war . Master Mitchell , so hieß der ehrliche John Bull , der gleich in der ersten Stunde dem armen Richard ungemein lästig erschien , suchte auf seine Art sich so angenehm zu machen , als möglich ; er packte mit großer Förmlichkeit ein paar Dutzend Briefe von Eltern , Geschwistern , Vettern und Basen aus , die er , nicht ohne einiges Risiko , über die Grenze geschmuggelt hatte ; und wußte Unendliches von den Billys und Tommys und Peggys und Pattys zu erzählen , die alle auf Richards brüderliche Zärtlichkeit Anspruch machten , und deren Namen , ja zum Theil deren Existenz ihm nicht einmal bekannt war ; denn seit seiner Entfernung aus dem väterlichen Hause hatte die damals schon große Anzahl seiner Geschwister sich noch beträchtlich vermehrt . Solche zwar selten , aber doch im Verlaufe einiger Jahre immer wiederkehrenden Erinnerungen an seine Familie , ergriffen ihn allemal mit dem drückenden Gefühle versäumter Pflicht , indem sie zugleich seine eigentlich doch sehr unbestimmte , einzig und allein auf das fortgesetzte Wohlwollen mächtiger Gönner beruhende Stellung , ihm wieder fühlbarer machten . Doch war bis jetzt , und auch diesmal , keine betrübende Nachricht ihm über ' s Meer zugekommen ; seine Eltern lebten in täglich sich mehrendem Wohlstande , keines seiner Geschwister , deren Anzahl er selbst nicht mehr genau wußte , hatte der Tod ihm entrissen . Er fühlte es als schwere Verpflichtung , dieses als ein großes Glück anzuerkennen , und zürnte sich selbst , daß es ihm damit nicht recht gelingen wollte . Aber das Alles lag ihm so fern , war ohne sein Zuthun ihm so entfremdet , daß es ihm durchaus unmöglich blieb , den warmen Antheil daran zu nehmen , den er seinem Herzen aufzudringen sich fruchtlos bemühte . Um aber doch einigermaßen seine Pflicht eines guten Sohnes zu erfüllen , that er alles nur Ersinnliche für seinen unbequemen Gast , der aber leider als durchaus nicht amüsabel sich auswieß . Von allem was Richard ihm zeigte , gefiel ihm durchaus nichts , denn es war nicht wie in Alt-England ; die Sitten und Gewohnheiten der großen englischen Kaufleute , in deren Häusern ihn Richard einführte , fand er so aus der Art geschlagen , daß er gewiß keinen Fuß wieder hinein gesetzt haben würde , hätte nicht die Hoffnung , irgend ein bedeutendes Geschäft mit ihnen zu machen , ihn dazu bewogen . Indessen wollte Richard doch nichts unversucht lassen ; um dem widerhärigen Insulaner wenigstens einen anschaulichen Begriff von der Größe , dem überschwänglich reichen Leben der prachtvollen Kaiserstadt zu gewähren , führte er ihn auf den großen Maskenball , den letzten in dieser Saison , und folglich auch den besuchtesten und glänzendsten , den selbst der kaiserliche Hof diesmal durch seine Gegenwart verherrlichte . Als ob die Bevölkerung eines ganzen Landes in Lust und Freude sich versammelt hätte , so drängen die vielen Tausende , deren Zahl auszusprechen man sich scheut , um nicht der Übertreibung beschuldigt zu werden , in weiten Sälen sich umher , deren Ende unerreichbar scheint . Der Fremde , der seinen Begleiter nur eine Secunde aus den Augen läßt , ist von dem Moment an verloren , wie ein Tropfen im Meere . Fortgerissen von dem unglaublichen Gewühle , kann er bis zum anbrechenden Morgen fortwandern , ohne ihn oder auch nur einen Punkt anzutreffen , der ihm einigermaßen sich zu orientiren dienen könnte . Diesmal erreichte Richard seinen Zweck . Das ist groß ! das ist stupend ! sprach Mr. Mitchell , und ließ , an Richards Arm fest angeklammert , sich wohlgefällig vorwärts schieben . Croyan oder adhéran ? flüsterte eine scharf betonte Stimme dicht an Richards Ohr . Ganz unwillkürlich sah er nach dem , der diese ihm ganz unverständlichen Worte gesprochen hatte , sich um . Ein Ruck - und der unselige Engländer war im nämlichen Momente von ihm getrennt , kaum sah er noch weit vorne im Strudel der Menge ihn schwanken , dann war er verloren , ohne Hoffnung , ihn sobald wieder zu finden . Ein riesengroßer Domino hatte an dessen Stelle sich gedrängt und Richards Arm ergriffen . Sei unbekümmert , Brüderchen , er ist wohl beschützt und wird zur rechten Zeit Dir wieder übergeben . Ich muß Dich sprechen und habe Eile , sprach leise , aber vernehmlich , der Domino ihm abermals in ' s Ohr . Du bist ' s ? Du wagst es ? rief Richard überlaut , indem er jetzt die Stimme zu seinem großen Schrecken erkannte . Die Musik und das Geräusch um ihn her übertönten glücklicher Weise diese Worte ; unwillig winkte die Maske ihm zu schweigen , zog ihn rascher mit sich fort , wand mit auffallender Lokalkenntniß auf allerhand Seitenwegen sich mit ihm durch das Gedränge in einen abgelegenen Korridor , drückte gegen eine Wand , sie gab nach , eine verborgene Tapeten-Thür drehte unhörbar sich auf ihren Angeln . Da wären wir nun , wo der Teufel selbst seine Jungen nicht fände ! lachte Lunin , den die Alles errathenden Leser wahrscheinlich längst erkannt haben , indem er Richard in ein geräumiges aber schwach erleuchtetes Zimmer schob . Fünf oder sechs junge Leute , welche den Eintretenden nicht zu bemerken schienen , saßen bei Punsch und Würfelspiel in einer Ecke . Und nun , Brüderchen , setze Dich hierher , brich los mit Schelten und Ermahnen , aber fasse Dich kurz : sprach Lunin , indem er Richard in ein entferntes Fenster zog , wo halb von den Draperien bedeckt Wein und Gläser bereit standen . Lunin ! rief Richard , hoffte ich doch Deine verhaßte Gestalt nie wieder zu sehn . Sei nicht unhöflich , erwiederte lachend Lunin : was hast Du gegen meine Gestalt , wenn sie mir nur recht ist ? Die langen Beine da haben mir schon aus mancher Patsche geholfen ! setzte er hinzu , indem er in seinem Sessel sich zurücklehnte , sie weit ausstreckte und in der Luft damit lustig herum vagirte . Aber nun zur Sache : was hast Du mir zu sagen ? Ich Dir ? was hätte ich mit Dir zu schaffen ? antwortete Richard mit dem Ausdrucke tiefster Verachtung . So stehts ? desto besser , dann kommen wir um so eher auseinander , erwiederte Lunin sehr gleichmüthig : ich aber habe allerlei Aufträge an Dich , von meinem Alten , Du weißt wohl . Ich gehe von hier gerade zu ihm nach Odessa ; ich thue es nicht gern , aber ich muß wollen , wie er will , das Ding hat zwischen uns so seinen eignen Haken . Hast Du an ihn etwas zu bestellen ? Nicht ? auch gut . Dann soll ich mit Feinheit von Dir herausbringen , aber das ist meine Sache nicht , also frage ich Dich lieber gerade heraus , in meines Alten Namen , bist Du Croyan oder schon zum Adhéran avancirt ? Du avancirst wohl mit nächstem ins Narren-Haus : erwiederte Richard ungeduldig auffahrend . Also noch die pure liebe Unschuld ? fuhr Lunin fort , ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen : da kann ich also ohne weitere Umstände meinen Auftrag an Dich frei von der Leber weg ausrichten . Der mich sendet läßt Dir empfehlen wohl aufzumerken , wo Du jene Worte aussprechen hörst . Die böse Teufelssaat ginge wieder auf , und die sieben Köpfe der alten Hydra gewönnen wieder neues Leben . Fahr wohl ! auf nimmer wiedersehn ! mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege nach Odessa . Du bleibst ruhig hier , bis Dein Seekalb kommt , es wird nicht lange ausbleiben . Die Tapetenthüre drehte sich wieder , Lunin war verschwunden , Richard saß da und wußte nicht genau ob er wache oder träume . Ihm war grauenhaft zu Muthe , Lunins kurze gespensterartige Erscheinung , die wenigen Worte , die er von ihm vernommen , machten ihn zweifelhaft , ob man einen übel angebrachten Scherz mit ihm treiben wolle , oder ob jene Worte wirklich eine Bedeutung hätten , die in dem Sinne genommen , in welchem er sie zu nehmen habe , ihn von neuem mit den peinigendsten Besorgnissen erfüllen mußte . Seit Lunin und Richard das Zimmer betreten , hatte die Gesellschaft am andern Tische , ohne großen Lärm dabei zu machen , ihr Wesen vor sich hin getrieben . Das Klappern der Würfel , daß Klingen der angestoßenen Gläser , ging so gleichförmig , man könnte sagen so taktmäßig vor sich , daß es dadurch das Störende verlor , und von dem in seinem dunkeln Ecken sitzenden Richard eben so unbeachtet blieb als der das Fenster umsausende Nachtwind ; im Gegentheil , es versenkte ihn nur noch tiefer in jene unbestimmten Träumereien , denen er beinah gedankenlos sich überließ , statt ihn daraus zu erwecken . Wem es gelungen ist in der Nähe einer Mühle einschlafen zu können , der wird , wie man behauptet , nur um so fester schlafen , so lange die Mühle im Gange bleibt . Doch werden ihre Räder gehemmt , so erwacht er , und es ist um seinen Schlaf gethan . Ähnliches erfuhr Richard . Die Punschquelle an jenem Tische war vermuthlich versiegt , die Spiellust befriedigt ; das Klingen der Gläser , das Klappern der Würfel nahm plötzlich ein Ende , leise drehte sich wieder die Tapetenthüre : ein neu Ankommender gesellte jener Gesellschaft sich zu . Die Stühle wurden dichter zusammengeschoben ; mit den Ellbogen auf dem Tische , die Köpfe zusammen gesteckt , begann unter ihnen ein eifriges , flüsterndes Gespräch , weit leiser als die vorhin geführte Unterhaltung ; Richard fuhr über diese plötzlich eintretende Veränderung aus seiner Versunkenheit in sich selbst auf , und erinnerte sich jetzt erst der Nähe einer Gesellschaft , deren Dasein er völlig vergessen gehabt hatte . Jetzt erst fiel es ihm auf , daß auch er wahrscheinlich eben so unbemerkt geblieben sei , was in nicht geringe Verlegenheit ihn versetzte . Sein Gefühl für Ehre und Schicklichkeit erlaubte ihm nicht , noch ferner ohne Wissen der Anwesenden hier zu verweilen und verborgener Zeuge einer Unterhaltung zu werden , die mit immer steigendem Interesse geführt zu werden schien ; verließ er aber das Zimmer , so konnte er kaum noch hoffen , in der ungeheuren Menschenmasse seinen Begleiter aufzufinden , den hier zu