aufdecken ; er mußte den versunkenen Karren wieder aus dem Schlamme ziehen und selber dem übermütigen Sickingen helfen . So ist es aber oft die Dichter legen einen Charakter gut und richtig an , sie wissen aber nicht den gehörigen Vorteil aus ihm zu ziehen , und so müssen sie ihn denn am Ende gar nolens volens ganz fallenlassen . « » Das ist immer ein schlechter Nolenz-Volenz « , bemerkte der Schulz . » Hat Euch aber der Baron als Götz nicht viel besser gefallen , als gestern der Professor ? « » Ohne Frage ! « rief der Schulmeister , und alle Genossen am Tische bekräftigten diesen Ausspruch . » Wie dieser fremde Professor kann eigentlich jeder Mensch spielen , denn es war , um es geradeheraus zu sagen , gar nicht gespielt . So schlicht weg alles , so schlank hin , gar nicht einmal wie auswendig gelernt - was ist denn darin für Kunst ? Unser Baron nahm den Mund so hübsch voll , ließ sich so recht Zeit zu allem , stampfte so gravitätisch umher , glotzte seine Mitsprechenden so künstlicher Weise an , und plötzlich , ohne daß es ein Mensch vermuten konnte , schrie er so laut und zerarbeitete sich so fürchterlich , daß man wirklich erschrak . Nein , so leicht wird dem Manne das keiner wieder nachmachen . Ich habe in alten Büchern oft von den ungeheuern Effekten gelesen , die die Trauerspiele bei den Griechen auf die Zuschauer machten , so daß schwangere Weiber zu früh in die Wochen kamen , daß andere Krämpfe kriegten , und dergleichen mehr , was ich immer nicht glauben konnte , bis ich nun erlebte , daß durch den Baron Mannlich hier bei uns ganz dasselbe hervorgebracht ist . « » Effekte ! « rief der Schulze , » was sind das für Dinger ? « » Man kann es auch Wirkungen nennen « , belehrte der Schulmeister , » aber Effekt ist der eigentliche Ausdruck , der in der Kunst angewendet werden muß , wenn man sich verständlich machen will . Es ist nämlich der Eindruck , welchen die Zuschauer an sich verspüren , ob sie sich wohl , ob sie sich übel befinden , wie stark sie erschrecken , weinen , oder lachen , gespannt sind und sich verwundern ; alles dies , was in der Seele des Zuschauers und Hörers so durcheinander vorgeht , nennen wir Gelehrten die Effekte . Nun also , Freunde , Kinder , Nachbaren , verständige Männer habt ihr es ja alle selbst gesehen und erlebt , wie auf ganz ähnliche Weise , wie im alten Athen , unser Baron Mannlich den ungeheuersten Effekt hervorbrachte . Zwar ist keine von den Damen plötzlich in die Wochen gekommen , denn dazu waren sie zu alt , aber Krämpfe hat es doch gegeben , Krämpfe aller Art , und gefährliche Ohnmacht , so daß das Stück nicht einmal zu Ende gespielt werden konnte . Es war auf jeden Fall ein großer , ein merkwürdiger , ein erhabener Moment . « » Lari fari ! « rief der Schulze , welcher verdrüßlich war , daß der Schulmeister so lange das Wort führte , » die Weibsen erschraken über die Grobheit , die dem Baron in der Bosheit aus dem Munde fuhr . Effekte ! Wenn ich mit einem Male dem Kaiser und Reich so ganz unscheniert dasselbe sagen wollte ; wenn ich so zum Superintendenten spräche , oder dem Landrat das böte : mein Seel , so würde ich auch Effekte machen und hervorbringen , und das kann auch ein jeder , solange er diese seine vaterländische grobe Muttersprache spricht . Ich kriegte auch von dem lieben Effekt etwas ab , denn ich mußte laut lachen , wie sich der Baron so vergessen konnte . « » Einfältiger Mensch ! « rief der Schulmeister , » das anstößige Wort war ja kein Einfall von ihm , es stand ja die Redensart ganz so in seiner Rolle , ich kann es Euch gedruckt im Buche zeigen . Und würde denn nach dem ordinären Wort , das wir ja auch zuweilen in unseren Dörfern hören , diese ungeheuere Wirkung , der erhabene , einzige Effekt sich gezeigt haben , wenn die Gemüter durch das großartige Spiel nicht schon längst darauf wären vorbereitet worden , diese Sentenz , wie sie nun einmal ist , so aufzunehmen , wie wir es alle gesehen haben ? - Wie herrlich wäre es , wenn der Baron Elsheim sein Theater bestehen ließe , daß wir zum Unterricht und zur Besserung der Gemeine nur sechs oder siebenmal im Jahre so klassische patriotische Schauspiele aufführten ! wir würden bald den Nutzen davon gewahr werden . « » Es war aber doch gut « , sagte der Schulze , » daß gestern der Professor die anstößige Rede wegließ . « » Verdorben hat er den Text « sagte der Schulmeister eifernd . » ' Er aber , er kann sich hängen lassen ! ' Wie matt , nichtssagend ! Es wird immer schwer , wenn nicht unmöglich sein , einem großen Dichter eine seiner Tiraden zu rauben und eine andere an die Stelle zu setzen . « Spät erhoben sich die Gesellschaften , sowohl diese bäuerliche als jene vornehmere , von der Tafel , denn man hatte sich an beiden so gut unterhalten , daß man den Verlauf der Stunden nicht bemerkte . Die Gesellschaft war in Bewegung , und hin und wieder sprach man davon , daß vielleicht in kurzem ein zweites Stück würde aufgeführt werden . Da das Theater einmal errichtet war , und man Dekorationen gemalt , sowie mancherlei Kleidung und andere Dinge zu dieser Ergötzlichkeit mit bedeutenden Kosten angeschafft hatte , so war es an sich nicht unwahrscheinlich , daß diejenigen , welche sich Talent zutrauten , auch wohl Lust haben könnten , den Scherz weiter fortzuführen . Man war daher auf etwas ; Ähnliches vorbereitet , als der Professor Emmrich schon am folgenden Tage alle Bewohner des Schlosses in den Gesellschaftssaal beschied , um ihnen etwas vorzutragen . Mannlich , der zu Pferde wieder von seinem Gute eingetroffen war , befand sich auch zugegen . » Meine Damen und Herren « , - fing der Professor Emmrich mit einiger Feierlichkeit an , die seiner Laune sehr gut stand , ohne eigentlich in das Komische zu fallen - » das Leben ist kurz , der Sommer noch kürzer , wir sind beisammen , das Theater ist errichtet , wir sind meist jung , keiner veraltet und morose : was hindert uns , den Spaß weiter fortzutreiben ? Baron Mannlich und Elsheim waren gleichsam die Direktoren und Anstifter der vorigen Aufführung ; ich wage mit Zuversicht auf Ihrer aller Freundschaft die einfache Frage , ob Sie sich für die zweite Darstellung meiner Leitung , aber freilich unbedingt , anvertrauen wollen ? « Die Redlichen und Frohherzigen gaben sogleich ihre Zustimmung , und , um nicht aufzufallen , mußte Baron Mannlich dasselbe tun , ob er sich gleich durch diese Einleitung , da er sich für den ersten Kenner hielt , verletzt fühlte . » Sind wir darüber einig « , fuhr der Professor fort , » so wollen wir einmal einen andern Versuch machen , der dem vorigen gewissermaßen ganz entgegengesetzt ist . Denn , meine verehrten Freunde , wie groß Goethe auch als Dichter sei ( und wie sehr ich ihn verehre , brauche ich nicht zu wiederholen ) , so ist er doch keinesweges theatralisch . Dieses erste und in einem gewissen Sinne größte und herrlichste Werk des Genius gab der Jüngling damals hin , ganz unbekümmert um seine Wirkung und noch viel weniger darüber , wie es auf unserm deutschen Theater zur wirklichen Erscheinung gebracht werden könnte . Er , der die Bühne liebte , hat sie doch eigentlich niemals geachtet und noch weniger studiert . Sein Götz , welcher im Widerspruch gegen alle Gesinnung seiner Zeit war , ein Krieg gegen moderne Altklugheit und das Verkennen einer großherzigen Vorzeit , hänselte gleichsam das bestehende Theater der Nation , auf welchem man mit puritanischer Ängstlichkeit und zugleich oft roher Ungeschicklichkeit Zeit und Raum nach den überkommenen französischen Regeln beobachten wollte . Der frohe Übermut spielte mit den sogenannten Verwandlungen legte auch in diese Überschriften Poesie und zwang diese Zufälligkeit , in seinem heroischen Werke mitzuspielen und durch das Hin und Her Eile und Verwirrung auszudrücken . Ein solches Werk , welches ganz aus Liebe hervorgegangen ist , ist durch sich selbst vollendet , denn diese echte Begeisterung irrt niemals und erschafft sich selbst ihre Regel . In diesem Gedicht stehen wir also nicht vor dem Theater , wir sehen keine Dekoration ; sondern , indem wir lesen , sind wir selber mit im Gedicht , wir fühlen den Duft des Bergwaldes , wir kommen aus der Mühle im Tal , wir hören das Geklirr des wirklichen Fensters , welches Götz in kräftigem Unwillen zuwirft , und so gehört uns und unserm Empfinden eine jede dieser Überschriften von Schenke , Feld und Lager . Sehen wir nun Kulissen und die Veränderungen unserer Bühne , so wird uns statt der Wahrheit eine hergebrachte künstliche und konventionelle Täuschung untergeschoben . Dadurch allein schon erlahmt das Werk ; sein Organismus aber wird völlig zerstört , wenn wir Szenen auslassen , zwei oder drei in eine zusammenziehen und jener Bühne , an welche der Dichter bei der Komposition in keinem Augenblicke dachte , zu Gefallen leben , uns vor ihr neigen und demütigen und darüber das Gedicht in Grund und Boden verderben . Denn nicht eine Zeile , nicht ein Wort , auch nicht jene Ungezogenheiten lassen sich diesem wunderbaren Werke abhandeln , ohne seinem innersten Leben zu nahe zu tun . Sie müssen dies bei der Aufführung alle selbst , mehr oder minder , empfunden haben . Theatralisch , nach unsern Begriffen , ist also dieses Kunstwerk gewiß nicht . Soll ich sagen , daß dieser Vorwurf selbst zu groß , daß er ungerecht sei ? Ungern ! denn weder das echte poetische Theater , noch unser konventionelles hat unser Dichter jemals finden können , auch nachher nicht , als er es suchte und sich darum bemühte . Nehmen wir also diesen Götz , so wie er eben da ist , als ein kanonisches Werk , in dem keine Zeile geändert oder gekürzt werden darf . Eine untergehende edle Zeit malt sich in diesem Gedicht , welche neueren Bestrebungen weichen muß . Der Repräsentant der alten Freiheit ist großherzig , bieder und rüstig , aber wir sehen keine Tat von ihm , die ihn eigentlich zum Helden eines Schauspiels stempelt . Zustände , Situationen , Verhältnisse , Weisheit in Scherz und Ernst vernehmen wir ; unser Gemüt ist bewegt , unsere Aufmerksamkeit rege , Bild drängt sich auf Bild ; aber kein Drama , keine Handlung eines Schauspiels bereitet sich vor und entwickelt sich . Die große Begebenheit des Bauernkrieges erscheint nur als Episode ; die noch größere der Reformation wird kaum angedeutet . Der Kaiser ist eine Nebenfigur des Hintergrundes - und so geschichtlich alles behandelt ist , so wird die Historie der Zeit doch gleichsam verschwiegen . Und dennoch bleibt dieses Werk für uns Deutsche , wie für den Ausländer , ein einziges , mit welchem sich kein anderes messen kann , selbst nicht der Egmont desselben Autors . Sonderbar , daß Goethe selbst sich die überflüssige Mühe gegeben hat , seinen Götz für die Bühne völlig umzuarbeiten ; ich war kürzlich in Weimar und sah diese Erscheinung , auf welche man , als auf eine Neuigkeit , gespannt war . Jener zufälligen Bühne , für welche sein Werk nicht paßt , hat er nun die größten Schönheiten aufgeopfert , und doch ist das Gedicht ohne alle dramatische Wirkung , einige Szenen abgerechnet , in welchen er einen beinahe melodramatischen Effekt beabsichtigt hat . Dazu wird der Tod der Adelheid benutzt ; eine Mummerei tritt ein , der Hauptmann der Reichstruppen ist Karikatur , Franz spricht epigrammatische Reime , und Carlchen , welches fast an unsern Kotzebue erinnert , will Weislingen , den Gefangenen , recht rührend mit dem Vater versöhnen . Selten habe ich , wie damals , mit so widrigen Empfindungen das Theater verlassen , und ich kann das durchaus Störende nicht beschreiben , wie meine Kritik mit meiner Liebe zu dem Manne , der meine unbegrenzte Verehrung hat , in Hader geriet . Dort in dem Wohnsitz der Kunst durfte ich meine Empfindungen nicht laut werden lassen . « » Ich habe mir diese Darstellung « , fiel Elsheim ein , » von Freunden des Dichters schildern lassen und muß sie nach diesen Berichten auch für eine merkwürdige Verirrung halten . « » Unser Theater « , fuhr Emmrich fort , » hat diesem Dichter , und darin hatte er wohl recht , niemals genügt ; aber er , der so viel Zeit mit Einstudieren und Einrichten so mancher unbedeutenden Stücke zubringt oder verliert , hat doch niemals die Bühne selbst reformieren oder revolutionieren wollen , sondern er meint , mit Mäßigung , richtiger Deklamation , Deutlichkeit und dergleichen auch löblichen Dingen sei alles getan . Prüfen wir alle dramatischen Werke Goethes , so werden wir finden , daß ihnen jene Wirkung mangelt , die auch der feinsinnigste Kunstkenner , der sich nicht durch den Stoff bestechen läßt , verlangen muß . So stehen in dem herrlichen Egmont alle an sich trefflichen Szenen still ; die dramatische Strömung , die alles in Bewegung setzt , fehlt . « » Früh « , sagte Elsheim , » hatte sich der Dichter daran gewöhnt jede Frage , kritische wie moralische , in Dialog zu denken und zu setzen . Diese scheinbare Verwandlung eines jeden Gegenstandes in einen dramatischen hat wohl sein Auge irregeführt . Denn nicht alles Interessante und Wichtige eignet sich zum Drama , sowenig wie jede Geschichte eine historische Malerei werden kann . Daß man den Roman schon früh in die Bühnendarstellung hat ziehen wollen , scheint mir einer der größten Mißgriffe und hat die schlimmsten Verwirrungen herbeigeführt . « » Also denn , meine verehrten Freunde , wollen wir auf meinen Rat diese Bahn verlassen und unter meiner Leitung eine neue versuchen und einschlagen . Baron Elsheim und Mannlich haben ihr Gelüst an dem Lieblingswerk ihrer Jugend befriedigt , und ich werde jetzt die Gesellschaft in Anspruch nehmen , meiner Krankheit denselben Dienst zu leisten , um durch diese Bemühung vielleicht geheilt zu werden . Seit lange habe ich nämlich darüber gedacht , wie man das Gedicht von Shakespeare : den Drei-Königs-Abend oder Was ihr wollt durch eine Aufführung ganz klarmachen und in das gehörige Licht stellen könne . Ich setze voraus , Ihnen allen ist das Gedicht bekannt : sollte ich mich aber irren , so bitte ich diejenigen , welchen es fremd ist , diesen Halbkreis zu verlassen und sich dort in die Gegend des Sofas zu begeben . « » Wem wird dies Meisterstück fremd sein ! « rief Mannlich aus , aber er brach ab , indem er sah , daß sich Graf Bitterfeld still nach jenem Sofa verfügte . » Und die Rollen ? « fragte Elsheim . » Ich glaube , ja ich bin fast überzeugt , daß wir mit diesen Mitgliedern die poetische Komödie vortrefflich ausführen können . Auch kann sich hier das Talent viel sicherer entfalten , und es wird sich zeigen , ob wir was mehr als Naturalisten sind , da wir den Götz doch mehr oder minder als Dilettanten gespielt haben . « » Sehr wahr « , sagte Mannlich , und sah jeden im Kreise mit festem Auge an . » Diese ganz dichterische Komödie « , fuhr Emmrich fort , » zwingt uns , wenn wir sie nicht ganz verderben wollen , aus uns herauszutreten , und doch fordert die Zartheit und der rasche Wechsel , indem der Dichter nirgend schwerfällig verweilt , daß der Darsteller ebenfalls rasch sein muß und gehalten , nirgend Karikatur und stillstehende Grimasse . Die Aufgabe wird nun sein , daß das Wichtige auf die rechte Art hervortritt , und jede Person , wie es die Gelegenheit fordert , auch wieder in den Hintergrund tritt , um nicht den Sinn des Gedichtes zu stören oder selbst zu vernichten . Diese notwendige Kunst , sich zur rechten Zeit zurückzuziehen und unbemerkt zu bleiben , fehlt oft den besten Schauspielern vom Metier , die sich nur zu leicht verwöhnen , das ganze Stück und alle Szenen immerdar beherrschen zu wollen . Alle Töne klingen in diesem einzigen Werke an , Posse und Spaß werden nicht verschmäht , das Niedrige selbst berührt und angedeutet , aber ebenso das Poetische , die Sehnsucht , die Töne der Liebe , und dabei so viel dichterischer Eigensinn , Tollheit , Weisheit , feiner Scherz und tiefsinnige Gedanken in der Gaukelei , daß das Poem wie ein großer vielfarbiger Schmetterling durch reine blaue Luft flattert , der Sonne und den buntfarbigen Blumen seinen goldenen Glanz entgegenspiegelt , und wer ihn haschen will , um ihn näher zu betrachten , hüte sich nur , vom leichten Duft des zartesten Blütenstaubes etwas abzustreifen , weil der kleinste Verlust die wie in Luft hingehauchte Schönheit schon verdirbt . « » Das ist es « , fiel Elsheim ein , » warum so wenige Leser , die sonst den großen Dichter zu verstehen glauben und ihn wenigstens bewundern , mit diesen seinen Lustspielen etwas anzufangen wissen . « » Wie glücklich sind wir Deutsche « , begann Emmrich wieder , » daß unser Schlegel uns diese und andere Werke des Briten so durchaus meisterhaft übersetzt hat . Man sagt nicht zuviel , wenn man behauptet , der Umwandler habe sich hierin als wahrer Dichter gezeigt . « » Nun aber « , fiel Mannlich ein , » zur Hauptsache , und , wie Freund Elsheim schon fragte , wie steht es mit den Rollen ? « » Über einige Nebenrollen bin ich noch ungewiß « , sagte Emmrich , » doch müssen Sie mir alle , wie Sie mir versprachen , in den Hauptsachen Folge leisten . Das Gelingen oder Fehlschlagen habe ich dann auch allein zu verantworten . Um mit den Damen anzufangen , so wird sich Fräulein Charlotte nicht weigern , die reizende kapriziöse Olivia mit allen ihren poetischen Launen darzustellen . In ihrer tiefen Trauer , die sie willkürlich verlängert , und doch mit Teilnahme den Narren anhört , ja sogar mit einiger Schadenfreude , wenn er ihren sehr würdigen Haushofmeister verspottet , so wunderbar im scheinbaren Widerspruch mit sich selbst ; sie , die gegen den Fürsten fast unartig ist und sich dann sogleich in einen kleinen naseweisen jungen Menschen verliebt , der sie durchaus nicht mit Hochachtung behandelt . Von ihrem gestorbenen Bruder ist nun nicht mehr die Rede , und sie ergibt sich ganz dieser Leidenschaft . « Mit einer besorglichen Miene fragte jetzt Albertine : » Und Viola ? « » Freilich müssen Sie , schönes Fräulein , diese geben « , erwiderte mit kaltblütiger Ruhe Emmrich . » Und sein Sie unbekümmert ; ihr Anzug soll so dezent und zugleich artig ausfallen , daß auch die Prüderie selbst nicht darüber soll murren können . Und ist Ihnen nicht unser Fräulein Dorothea so lobenswert und ohne alle Ängstlichkeit oder Ziererei mit dem Beispiel als Knabe Georg vorangegangen ? Der Übermut , den Viola so willkürlich annimmt und anfangs übertreibt , um nur nicht als Mädchen erkannt zu werden , wird Sie , trotz Ihrem Hange zur Schwermut , allerliebst kleiden . Die herzlichen Töne des Gemütes werden dann süß in den Empfindungen der Liebe anklingen , und mit einem Wort , Sie werden so hübsch und reizend sein , daß sich alle Welt in Sie verliebt . Und welch Glück , daß Ihr Brüderchen zu uns gekommen ist ; dieser angenehme junge Cadet , der sich schon im Franz so ausgezeichnet hat . Er ist ohne Frage in Anstand und Gesicht seiner Schwester Albertine ähnlich . Sind beide gleich gekleidet , so müssen sie wirklich zum Verwechseln sein . Dieses Vorzugs kann sich nicht leicht ein Theater rühmen , und wir müssen diesen Glücksfall auch benutzen . « » Nicht wahr ? « rief Dorothea , » mir fällt gewiß das kleine schnippische Kammermädchen zu ? « » So ist es , sind Sie damit einverstanden ? « » Herrlich will ich sie spielen « , rief die Übermütige , » vorzüglich , wenn sie den überklugen Malvolio zum besten hat . « » Diesen « , sprach Emmrich weiter , » habe ich mir freilich selbst vorbehalten . Den Herzog wird Baron Elsheim darstellen , und den lieben , treuen , edlen Antonio , dessen kleine Rolle so hinreißend und eigen interessant ist , wird Herr Leonhard gewiß schön mit seinem weichen und doch kräftig männlichen Tenor sprechen . « » Alles gut « , sagte Mannlich , » aber ich begreife nicht , wozu Sie mich noch brauchen könnten , da alle Rollen schon besetzt sind . « » Unentbehrlich sind Sie uns , teurer , verehrter Baron « , rief Emmrich lebhaft aus ; » Ihre unvergleichliche Laune , gepaart mit der edlen Sitte der Erziehung , Ihre tiefe Stimme , die Sie so wunderbar in Ihrer Gewalt haben , Ihr Scherz , der sich alles erlauben darf und doch niemals sich bis zum Unziemlichen oder gar Niedrigen vergißt , alles dies stempelt Sie dazu , uns den Oheim der Olivia , den bei allen Schwächen liebenswürdigen Tobias , darzustellen . « » Wie ? den Schlemmer ? den Trunkenbold ? « rief Mannlich verwundert aus . » Denselben aber auch « , sagte Emmrich , » der den hochmütigen Malvolio so geistreich neckt , der fähig ist , sich in das hübsche witzige Kammermädchen zu verlieben und sie sogar zu heiraten ; denselben endlich , der mit so vieler Laune den Bleichenwang foppt und , wiewohl er ein Trunkenbold ist , doch immer ein Mann von Stande bleibt . « » Nun , es sei einmal versucht « , sagte Mannlich , der sich durch die Rede geschmeichelt fühlte , lächelnd : » der Seltenheit wegen , und weil ich auch schon früher mein Wort gab , Ihnen unbedingt zu gehorchen . - Aber wem haben Sie diesen Christoph zugeteilt ? « » Diesen Andreas Fieberwange oder Christoph Bleichenwang , wie ihn Schlegel umtauft , wird unser Graf Bitterfeld gewiß mit aller Grazie und Feinheit geben , welche diese sehr schwere Rolle erfordert . « » Wie gesagt , ich kenne das Gedicht nicht « , bemerkte der Graf , indem er sich vom Sofa erhob , » ich vertraue Ihrer Einsicht aber unbedingt und werde mich für den Mann stellen . Schaffen Sie mir nur bald die Rolle , weil ich nur langsam lerne . « » In dem Verwalter « , fing Emmrich wieder an , » welcher sich neulich so schnell als Sickingen versuchen mußte , habe ich ein schönes Talent entdeckt , fast die lieblichste Tenorstimme nämlich , die mein Ohr jemals vernommen hat . Dabei kann er , wie ich öfter bemerkt habe , unter seinesgleichen recht kalt und ruhig scherzen ; seine Späße gleiten so rund und mit solcher Glätte von seinen Lippen , daß ich ihm die Rolle bestimmt habe , die ich für die schwerste im Stück halte ; er soll nämlich den allerliebsten Narren spielen , und ich bin fast jetzt schon überzeugt , daß es ihm mit einiger Zurechtweisung vollkommen gelingen wird . « » Ich muß mir auch Ihre gütige Unterweisung ausbitten « , sagte Mannlich , » denn soviel ich auch gespielt oder vorgelesen habe , so habe ich mich doch noch niemals im Komischen versucht . « » Um so erwünschter muß es Ihnen sein « , sagte Emmrich , » sich selber auch in dieser noch fremden Gegend kennenzulernen und sich zu überzeugen , daß dem Hochbegabten nichts unerreichbar ist , wohin er sich auch versteigen mag . « Man trennte sich , und Leonhard und Elsheim waren diejenigen , welche am meisten nachdenkend schienen : ob über die neue Aufgabe , die sie zu lösen hatten , war nicht zu entscheiden . In diesem Grübeln war es dem jungen Tischler lieb , daß ihn der Professor schon am Nachmittage auf den Rittersaal bestellte , wo , wie jener ihm vertraut hatte , an der dort aufgeschlagenen Bühne viele und wesentliche Veränderungen vorgenommen werden müßten . Im Vorsaal begegneten sich nach dem Mittagsessen Leonhard und Elsheim . Schweigend sahen sich die Freunde beide lange an , endlich sagte der Tischler : » Ich weiß nicht , Teuerster , wie es ist , aber du scheinst mir seit einigen Tagen , wenigstens auf Stunden lang , so verstimmt , daß ich dir gegenüber meine Unbefangenheit verliere . Oft überrascht mich das Gefühl , ich möchte dich gekränkt oder verletzt haben , und doch wüßte ich nicht zu sagen , wodurch . Soviel ist aber gewiß , jene heitere Laune , die dich auf unserer Herreise begeisterte , ist verschwunden . « » Und sagst du das « , antwortete Elsheim , » so möchte ich dasselbe von dir behaupten . Oh , Liebster , man hat sich nicht immer so in der Gewalt , wie man es wohl möchte . Unsere Stimmungen hängen nur zu oft von einem unsichtbaren , einem gar nicht zu bezeichnenden Umstande ab . Aprilwetter ist manchmal in uns , dagegen ist nichts zu tun ; und man bleibt ein Kind , werde man auch noch so alt . Du weißt es , daß ich mich seit Jahren darauf freute , hier dies Gut zu übernehmen und mit ihm die Übersicht meines Vermögens zu bekommen , meine gute Mutter ganz zur Ruhe zu setzen und sie aller Sorgen zu entheben , einmal das Lieblingsgedicht meiner Jugend aufzuführen und selbst im Darstellen desselben mitzuhandeln ; - so ist nun alles auch geworden , wie ich wollte , und das Ende davon ist , ich habe meine Mutter tief beleidigt und ihre alten Freunde gekränkt ; sie hat sich entfernt und verzeiht mir jene Übereilung vielleicht niemals ganz nun geht auch die Komödie fort , der ich mich unmöglich entziehen kann , und ich bin dadurch gezwungen , mit dieser Albertine in ein näheres Verhältnis zu treten , welches mich mehr als alles peinigt - jetzt kann ich meinen frühern Leichtsinn nicht wiederfinden , der ehemals alles dies und noch ernstere Dinge wie Staub würde von sich geschüttelt haben . « Leonhard entfernte sich und zwar mit dem Gefühl , als ob sein Freund nicht ganz aufrichtig gegen ihn gewesen wäre . Er begab sich nach dem Rittersaal , wo der stets rüstige Emmrich schon seiner wartete . Er war sehr verwundert , daß Emmrich ihm sogleich mit dem Vorschlag entgegentrat , das Theater umzustellen und es in die volle Länge des Saales zu legen , statt daß es jetzt die Hälfte des oblongen Raumes einnahm . » Wir gewinnen damit « , sagte der Professor , » daß die Zuschauer alle uns viel näher sitzen , und daß wir ein viel breiteres Proszenium bekommen . Die Tiefe der Bühne geht freilich dadurch verloren , aber die Tiefe ist es auch , die mich bei jedem andern Theater ärgert und die dem guten Schauspieler das Spiel unendlich erschwert . Goethe sagt einmal im Meister , es wäre zu wünschen , die Spielenden bewegten sich auf dem schmalen Streifen einer Leine . Gewiß kommen sie dem Ziele bedeutend näher , wenn wir die unnütze Tiefe unserer Bühnen abschaffen . Freilich kann dann nicht mehr von einem unglücklichen Krönungszug die Rede sein , der um das ganze tiefe Viereck der Bühne marschiert , um dann im Hintergrund in das zu niedrige Portal einer mächtigen Kathedrale hineinzukriechen . Dergleichen Züge , wenn sie denn einmal sein sollen , müssen dann vorn aus der ersten oder zweiten Kulisse im Profil nach der gegenüberliegenden Öffnung sich begeben , und nur auf diese Weise kann es mit Verstand und kunstmäßig geschehen , wie wir ja auch , wenn wir die Wahl haben , jene Fenster mieten , denen ein wirklicher Aufzug oder eine Prozession auf diese Weise vorübergeht . « Mit Hülfe der Arbeiter wurde die Erhöhung der Bühne sogleich nach ihren Teilen so aneinandergeschoben , daß sie den Raum einnahm , welchen Emmrich bestimmt hatte . » Wir haben hierbei außerdem den Vorteil « , sagte der Professor , » daß wir die Tür in der Mitte , die aus dem Saal in die Cabinete dort führt , benutzen und hinter der Bühne die Ankleidezimmer einrichten können ; rechts und links sind ebenfalls Ausgänge , so daß das ganze Theater bequem zum Spiel kann gebraucht werden . « - Hierauf gab er dem aufmerksamen Leonhard eine Zeichnung , nach welcher in der Mitte der Bühne , nur wenige Fuß von der letzten Linie des Proszeniums zwei Säulen aufgerichtet werden sollten , die oben , bei zehn Fuß Höhe , einen ziemlich breiten Altan tragen sollten . Die Säulen standen auf drei breiten Stufen , die die Tiefe des Proszeniums noch mehr verengten . » Sie sehen « , sagte Emmrich , » wie mein Streben dahin geht , die Spielenden ganz in den Vordergrund , in die Nähe der Zuschauer zu drängen . Diese drei Stufen führen zu einer inneren kleinen Bühne hinauf , die zuweilen mit einem Vorhang verdeckt , zuweilen offen ist ; sie stellt nach Gelegenheit Feld , Höhle , oder Zimmer vor ; in unserm Stück ist sie erst die Stube , wo die Trunkenbolde lärmen , und nachher die Gartenlaube , in welcher die Neckenden den tollen Monolog des Malvolio behorchen . Den obern Altan brauchen wir in unserm Lustspiel nicht , wenn er gleich dem Shakespeare und seinen Zeitgenossen unentbehrlich war ; zu ihm führen rechts und links ziemlich breite Stufen hinauf . Auf diesen saßen die Ratsversammlungen und