. Geschäft des Lebens . Denkt Euch , daß hier zuerst jene wilde , dämonische Feindin unserer Ruhe , die Eifersucht , in mir aufstand ; daß mir ein unaussprechliches Gefühl von Kälte gegen der Gräfin leuchtendes Verdienst , ein bitteres , stolzes dünkelvolles Etwas die Seele völlig trübte ; denkt Euch , daß ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte , daß ich den wilden Buckingham , unfähig in meiner schmerzlichen Auflösung , die frühere stolze Kraft ihm entgegen zu stellen , durch mein sterbendes Stammeln zu einem kühnern Betragen berechtigte , und malt Euch dann den Zustand , worin ich bei der Rückkehr leblos meiner edlen Morton in die Arme sank . Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnsinns zu . Morton erfuhr nur langsam , unter Convulsionen , die seitdem mir blieben , das eben Erlebte , und nur der Hoffnung , die sie mehr liebevoll , als klug in mir wieder zu beleben wußte , verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschluß , ferner am Hofe zu erscheinen , ganz entgegen meiner ersten heftigen Entschließung . Ach , ich kehrte wieder , um mit jedem Male gewisser von meinem Unglück mich zu überzeugen . Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner holden Blicke mehr . Er ehrte mich nur mit brüderlichem Wohlwollen , während ich die glühend heiße Liebe , deren er fähig war , an ihr erkennen mußte . Sie , die unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen Blick , ein Lächeln für den übrig fand , der , diese seltene Gunst nicht zu entbehren , doch an den Saum ihres Kleides gefesselt , verloren für die ganze übrige Welt , sich kaum der Existenz bewußt war ! Meine Nächte brachte ich in Thränen in Mortons Schooße hin , aber wenn der Tag und die Stunde erschien , wo der Hof sich versammelte , dann rief ich allen Geschmack der Mode herbei , meine nach und nach verfallende Gestalt , meine bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schützen . Denn gewaltig war mein Stolz erwacht . Verschmäht zu sein im Angesicht des ganzen Hofes , als verschmäht bezeichnet durch die kühnen Schritte Buckinghams , ach , selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermüthigen Blicken meines Vaters als so bezeichnet , war es die Aufgabe , die ich mir stellte , wenigstens über meine geringe Theilnahme an dieser Kränkung keinen Zweifel übrig zu lassen . Die Ueberreizung , in die ich so nothwendig kommen mußte , gab mir , wenn der oft fürchterliche Schritt aus meinen Gemächern gethan war , eine größere Leichtigkeit und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit , als wol früher , wo ich natürlich sein durfte . So trat die Trauerzeit ein , die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte . Der Hof hatte aufgehört , in Festen sich zu vereinigen , die Trauer hob jede Verbindung auf . Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Geräusch , und ich sah Dich in Deinem Hause , aber nie mehr dort Deinen Sohn , der den Prinzen nicht mehr verließ . Doch diese Zeit gänzlicher Trennung belehrte mich erst vollständig über die Stärke meines Gefühls für ihn ; denn ihn nicht zu sehen , erschöpfte all ' meinen Muth . Es gab Augenblicke , wo ich mir denken konnte , daß ich das Leben eher ertragen würde , wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur sprechen könnte . Die Trennung raubte mir all ' die Energie , mit der ich mein Leiden beherrscht hatte . Es kam eine bittere , tödtende Verzweiflung über mich ; in London blieb ich nur , weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing . So , theure Mutter , fühlte ich mich , als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete , der mich um eine geheime Unterredung bitten ließ . Ich war so überwältigt von der Aussicht , ihn zu sehen , daß ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte . Morton entfernte sich . Ich hörte ihn eintreten , ich blickte nach ihm hin und sank mit einem Schrei in meinen Stuhl zurück ; denn aus dem blühenden , hochgefärbten Jünglinge mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher , ernster Mann geworden , in dessen frischen Zügen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte . Er sah mein Erschrecken , aber er ließ sich auf keine Deutung ein , sondern lag im selben Augenblick zu meinen Füßen und flehte mich an , die Wünsche unserer Familie zu erfüllen und ihm meine Hand zu reichen . Ich war sprachlos vor Erstaunen , und Liebe und Stolz kämpften hart in mir , aber nur zu wohl fühlte ich , daß Liebe ihn nicht zu mir geleitet , und ich raffte all meinen Muth zusammen , ihn von mir zu weisen . Nach diesen ersten Worten gewann ich das volle Uebergewicht meines beleidigten Stolzes , ich hielt ihm in kalten Worten seine völlige Entfremdung von mir vor , ich erinnerte ihn endlich , gesteigert in Schmerz und Zorn , an seine Liebe zur Buckingham , die der ganze Hof mit mir gesehen . O Mutter ! ich glaubte , ich hätte ihn mit diesen Worten getödtet ; sein Kopf sank in seine Hand , seine Figur brach zusammen , und ein krampfhafter Laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen . Dieser Anblick entriß mich all meinen stolzen Vorsätzen ; ich eilte auf ihn zu , ich zwang ihn , sich nieder zu setzen . Ich hätte jetzt zu seinen Füßen sinken mögen , und was der nächste Augenblick mich hätte thun lassen , mag ich nicht bedenken . Aber er erholte sich und zeigte sich nun in der ganzen Glorie seiner edeln wahrhaften Natur ! Er selbst gestand mir jetzt seine Liebe zur Gräfin Buckingham , und daß sie in ihm noch jetzt lebe , wo er mich um meine Hand bitte : aber unüberwindliche Hindernisse , die er mir jedoch nie nennen dürfe , trennten ihn von der Gräfin . Nie könne sie seine Gemahlin werden , und diese Ueberzeugung hätte ihn von all seinen Wünschen geheilt und zu der heiligen Pflicht zurückgeführt , welche verehrte Verwandte so großmüthig und beglückend für ihn ersonnen . Er fragte mich , ob ich es wagen wolle , ihm zu vertrauen ; er sagte mir , daß er mich höher achte und verehre , als alle andern Frauen der Erde ; daß nur dies Gefühl ihm Muth gegeben zu dem außerordentlichen Schritte , den er gewagt zu thun ; daß er nur an meiner Seite , nur in Erfüllung dieser Pflicht , nur indem er sich bestrebe , Alles zu vergüten , was er verschuldet , Ruhe finden könne , nur Glück hoffen dürfe , wenn ich ihn aufnähme , und mit schwesterlicher Liebe sein Herz dulden und heilen wolle . Er erinnerte mich an die Wünsche unserer Eltern , die wir dadurch zu beglücken vermochten , und ich - liebte ! Was er mir bot , sicherte mir fürs Leben seine theure Nähe ! Was er mir entdeckt , erhöhte nur meine Achtung für ihn , und gab meiner Seele das süßeste Vertrauen zu den Versicherungen hochachtender Freundschaft , die nach der trostlosen Verarmung , in der ich mich gefühlt , so unendlich viel mir schien . Mein Stolz war für den Augenblick verschwunden , er empfing mein Jawort , und Du weißt es , daß der König , von beiden Vätern angesprochen , noch denselben Tag seine Einwilligung gab ; doch was Du vielleicht nicht so bestimmt weißt , erfahre es jetzt : Buckingham erschien eine Stunde später bei mir , bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eiteln Mannes seine Hand . Mit welchem innern Triumph durfte die Braut des Grafen von Derbery ihn jetzt zurückweisen ! Wie genoß ich das Erstaunen , womit er aus meinem Munde den Grund seiner Zurückweisung erfuhr ! Es war ein kurzer , sehr unweiser Triumph , der die schrecklichsten Folgen hatte , indem er diesen verzogenen Mann zum Wütherich machte . Er hielt seine Schwester für entehrt , weil die Welt sie mit Robert verlobt dachte , welchen er nun überdies für die Ursache seiner eben erlebten Zurückweisung ansah . Erst mißhandelte er die unglückliche Schwester ; dann suchte er in Wuth den Grafen auf , und Du weißt , daß sein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweisung und ein Duell mit meinem Verlobtenzuzog . Wir wurden vermählt . Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien , wir nach Godwie-Castle . Dein Sohn war ein Engel . Ach , nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen an mein Betragen denken . Ich besaß ihn jetzt , und dieses heiße Verlangen meines Herzens war erfüllt ; aber es lebte in mir fort , daß er aus Liebe sich mir nicht vermählt , und daß ich allzu rücksichtslos mein glühend Herz ihm hingegeben . Mein Stolz erwachte , ein nie zu tödtender Verdacht lebte in mir auf , und Geringes war genug , mich ungerecht gegen ihn zu machen oder mich im Geheim den heftigsten Zuständen der Eifersucht zu überliefern . Jetzt werde ich Dir sagen müssen , theure Mutter , was zur Nahrung dieser unglücklichen Empfindung diente , damit nicht allzu hart meiner eigenen Thorheit die Leiden anheim fallen , die heimlich an mir nagten . Gewiß weißt Du , daß des Prinzen auffallendes Betragen bei unserer Vermählung zu tausend thörichten Vermuthungen Anlaß gab , gewiß bleibt es , daß der Prinz bis zur Wuth gerieth , bei der ihm von Robert selbst gebrachten Nachricht seiner Wahl : aber der Grund blieb mir so fremd , wie jedem Andern . Da verrieth ein Zufall mir , daß vor unserer Vermählung der Graf mit dem Prinzen die Gräfin von Buckingham , die ich auf ihren Gütern glaubte , in der Nähe von London , in einem dem Prinzen gehörigen Schlosse , gesehen hatte , und daß sich dann Alle nach verschiedenen Seiten hin mit großem Schmerz getrennt . Es war an meinem Hochzeitstage , als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir , unbefangen schwatzend , dies erzählte , was die Kastelanin jenes Schlosses , ihre Tante , ohne Arg ihr mitgetheilt . Mein Herz erstarrte und umzog sich mit einer Rinde ; ach , wie viel verschuldete dieser Augenblick . Vergeblich hoffte ich hierüber eine Erklärung von meinem Gemahl ; er schwieg , ja , er wich der Gelegenheit , die ich ihm gab , sich zu erklären , mit Aengstlichkeit aus . Einige Jahre gingen darüber hin , in denen sich mein Glück immer mehr zu befestigen schien ; aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl war , ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts . Reisen von einigen Tagen , deren Ursache er verschwieg , Briefe , die ein Bote brachte , der in den Zimmern meines Gemahls blieb , bis dieser ihn selbst mit Briefen zurücksendete , ließen mir stets die Ueberzeugung eines geheimen Verhältnisses , das er meinen Blicken entzogen wünschte , und welches für mich nur die eine unglückliche Deutung zuließ , die meine eifersüchtigen Qualen vermehrte . Vergeblich zogen Liebe und Achtung für den stets mir verehrungswürdiger erscheinenden Gemahl mich von diesem beleidigenden Verdachte ab ; mein Herz krankte an ihm fort . Wir waren auf Euern Wunsch nach London gegangen und brachten schon Richmond , unsern zweiten Sohn , mit uns , während ich noch eine neue Hoffnung nährte . Mein Gemahl zeigte hier eine gesteigerte Unruhe , die an Bekümmerniß grenzte , und die durch nichts aus unserm Verhältnisse zu erklären war . Es herrschte nicht die unbefangene Offenheit unter uns , die eine Bitte oder Frage unter solchen Umständen wagt , denn jedes Unverständliche beantwortete mein unglücklicher Verdacht stets so genügend , daß ich mir großmüthig erschien , an ihn keine Frage zu thun . So hörte ich es auch mit bitterem , aber ihm völlig verborgenen Schmerze , als er mir abermals eine kleine Reise ankündigte , deren Dauer er nicht bestimmen könne . Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zärtlich innigen Brief , worin er mir acht Tage später seine Rückkehr ankündigte . Denselben Tag ließ sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden , und da ich ihn nicht annehmen wollte , brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbänder . Es waren zwei Brillant-Armbänder , deren ausgezeichnete Schönheit und ganz wunderbare Arbeit mir so auffallend war , daß ich sie lange Zeit mit der Hoffnung betrachtete , es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberraschung . Aber nicht lange überließ ich mich dieser ruhig beglückenden Vorstellung . Wohin sich meine Gedanken aufs Neue verirrten , könnt Ihr denken . Morton mußte die Armbänder zurücktragen ; dem Juwelier , welcher betheuerte , der Herr Graf habe sie selber so ausgesucht und die Zeichnung verändert , um einige kostbare Juwelen noch hinzuzufügen , wurde das strengste Verbot auferlegt , nicht die Uebersendung an mich zu entdecken , da mein Gemahl mich damit zu überraschen dächte ; und der Juwelier , der selbst eigenmächtig gehandelt hatte , indem ihm von einer Ablieferung nichts geboten war , hielt um so sicherer Wort . Er kam zurück mit der alten Liebe , strahlend von Güte und Zärtlichkeit , sorgsam und edel für mich und Alle , die ihm anvertraut , - aber ich empfing die Armbänder nicht . Morton gab mir die traurige Gewißheit , daß sie wieder in die Hände meines Gemahls gekommen waren , der Juwelier hatte es ihr voll Freude erzählt , und Morton , die sie nun am selben Tage in meinen Händen glaubte oder die Freude mir doch nahe wähnte , sagte mir , daß mein Gemahl sie selbst abgeholt habe . Wir kehrten nach Godwie-Castle zurück . Doch mein Gemahl , welcher Pferde in London gekauft und sie mit sich führen ließ , hatte mit einem derselben kurz vor Godwie-Castle einen Unfall , der ihn heftig am Kopfe beschädigte . Er ward nach seinen Zimmern gebracht ; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem Abende das Licht fehlte , die Wunde zu untersuchen , ward mein Gemahl in dem angrenzenden Saale verbunden . Ich entfernte mich während dessen auf die dringende Forderung Stanloff ' s wegen meines Zustandes , aber nur bis zu seinem Schlafgemache , wo ich ihn erwarten wollte , und zwar ließ mich Schmerz und Sorge , die ich empfand , Niemanden mir zur Seite dulden . Ich war allein und lehnte dem Bette gegenüber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand , und unruhig in meinen Bewegungen , matt und abgespannt von Sorge , ergriff ich eine vorspringende Blume in den Verzierungen , um mich daran zu halten . Aber wie groß war mein Schrecken , als sie nachgab , das Getäfel hinter mir sich in die Wände schob und mich , die Schwankende , fast zur Erde geworfen hätte . Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein , daß ich meine Augen schloß . Aber die Furcht , ihn , wenn er mich so fände , zu erschrecken , raffte mich auf , ich richtete mich empor , ich schlug die Augen auf . O Gott , was erblickten sie ! Eine weiße hohe Gestalt , mit Blumen geschmückt , in dem Glanze einer mir nur zu wohl bekannten Schönheit , schien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu mir hernieder zu schweben ; ja , Mutter , es war das völlig gleiche Bildniß der Gräfin von Buckingham , welches dem Bette meines Gemahls gegenüber mich anlächelte , und welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst . Ich weiß nicht , wie es kömmt , daß oft der größte Schmerz , der unser Leben zu zerstören droht , uns eine Wiederbelebung geben kann , die uns , im Falle der Nothwendigkeit zu handeln , physische und geistige Kraft dazu verleiht . Es ging ein kurzes Gelächter , das mich vor mir selber schaudern ließ , aus meinem Munde ; dann fiel mir ein , das Bild wieder zu verhüllen . Ich stürzte auf die Wände zu und erkannte die Blume , welche mich die Entdeckung machen ließ . Es gelang ; die Wände fügten sich so leise und fest in einander , daß nichts verrathen ward , und ich stand vor der Wand , die dies Geheimniß barg , als hätte ich geträumt . Als man meinen Gemahl in sein Bette führen wollte , lag ich auf dem Boden ohne alles Leben . In der Nacht gebar ich Arabella ; ein hitziges Fieber schloß sich daran und brachte mich an den Rand des Grabes . Als mein Bewußtsein wiederkehrte , erkannte ich meinen Gemahl und Morton . Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette , sondern an dem meinigen geheilt , wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen . Ach , meine Phantasien mußten ihm oft meine geheimen Qualen verrathen haben ! Wir erklärten uns dennoch nicht , und Mortons Lippen waren versiegelt . Aber nie hat ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen , als mein Gemahl ; sein ganzes Wesen flehte Verzeihung , sein ganzes Thun bezeugte Liebe und Treue . Ja , ich hätte von da an mich glücklich nennen können , hätte der Prinz , der uns nun besuchte , nicht mir als ewig störender böser Geist dagestanden , da er nicht abließ , meinen Gemahl zu Reisen zu verführen , die mich nie ohne schmerzlichen Verdacht ließen . Ich wußte nämlich , die Gräfin von Buckingham war unvermählt geblieben und hatte das Schloß bezogen , das dem unsrigen zunächst gelegen ist . Muß ich mich nun auch überzeugt halten , daß der Prinz die Veranlassung zu jener geheimnißvollen Reise nach Spanien ward , die uns auf immer trennte , und bedenke ich , daß meines theuern Gemahles ganzes übriges Leben keinen Schatten des Vorwurfes zuließ , war er auch in dem einen , mir Kummer und Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande gewesen - - so sagt mir eine innere Stimme , dem Hasse verwandt , dieser Prinz leitete und beförderte das einzige , was ihm zum Vorwurfe gereichen kann . - Theures Kind ! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter , welche diese lange und angreifende Erzählung mit einem Eifer und einer Glut der Gefühle bis hierher geführt hatte , die kein Wort dazwischen einzuschalten zuließ , theures Kind , wie tief erschüttern mich Deine Mittheilungen ! Wie schmerzlich und als ein Versäumtes will mir die Vergangenheit erscheinen ! So habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrübten Glückes gewiegt , indeß Dein edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn , der mir jetzt mit dem besten Theile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehüllt erscheint ! Großmüthiges edles Wesen , das lieber den Schmerz in sich durch Verschließen verdoppelte , als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt sehen wollte ! Auch als Mutter fühle ich mich Dir so innig verpflichtet ; Du hast in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschützt . - Und habe ich das , gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen Glauben ? rief hier lebhaft die Herzogin , habe ich das bisher allein und in eigener Kraft ? O , so kommt mir nun zu Hülfe , da mein Werk noch nicht vollendet , da , nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr stärken und jedes stille Opfer versüßen kann , mir doch noch das größere und schwerere auferlegt ist . Mutter ! sagte sie leiser mit strömenden Augen und glühenden Wangen , die unstäten Blicke umhergleiten lassend , Mutter ! das Mädchen , das der Wille des Himmels mich retten ließ , das ich todt zu meinen Füßen fand , sie , die wir Gräfin Melville nennen , ist - wenn Gott nicht ein Wunder schickt , einen Lichtstrahl , um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen , ist seine und der Gräfin Buckingham Tochter ! Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter , und die Herzogin drückte ihr erhitztes Haupt in den Schooß der unglücklichen Greisin ; aber sogleich fuhr sie wieder empor . Zu heftig war sie erregt , sie konnte noch keinen Ruhepunkt finden , und wenig den heftigen Eindruck berücksichtigend , den sie bei ihrer Zuhörerin hervorgerufen , fuhr sie immer schneller fort : Ein Blick auf diese Züge , obwol noch von Ohnmacht entstellt , zeigte mir eine so völlige Gleichheit mit denen jener schönen Gräfin , daß ich wähnte , sie selbst zu sehen ; aber kurzes Nachdenken ließ mich erkennen , daß die Zeit ihr nicht still gestanden haben könne , und daß dies schöne Wesen vor meinen Augen noch in der zartesten Jugend sei . Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefühl . Wenn sie es nicht selbst ist , so kann es nur ihre Tochter sein , so riefen alle Stimmen meiner Brust . Aber mehr noch , als dies , nenne es Ahnung , nenne es den nie bekämpften Argwohn dieses Herzens , daß sie auch seine Tochter sei , das tönte zugleich ohne Aufhören in mir , und dies Gefühl leitete all ' meine Schritte . Ach , ich hatte ein ahnendes Herz ! Als man sie entkleidet , brachte mir Morton mit allen Zeichen schwer bekämpfter Unruhe die Juwelen , die man an ihr gefunden . Da sahen meine Augen die Armbänder wieder , die mein Gemahl so kunstreich bestellt hatte , die mir vom Juwelier überbracht waren , und die man nicht verwechseln kann , wenn man sie je gesehen . Auch Morton hatte sie erkannt ; aber die edle bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefühle . Als ich sie entlassen , öffnete ich ein Portefeuille , was dazu gehörte . Ich fand einen unvollendeten Brief mit der Adresse an meinen Gemahl ; er enthielt nur diese Worte : Der Tod ereilt mich , eile und rette unser Kind , ehe es in die Hände meiner Brüder fällt ! O , warum wird mir nicht der Trost , in Deinen Armen zu sterben , und warum suchen Dich meine Gedanken überall vergeblich , so lange ohne Nachricht . - Hier hörten diese Zeilen auf , die in der höchsten Erschöpfung geschrieben schienen . Dabei lagen zwei Wechsel , jeder von tausend Pfund , auf den Banquier meines Gemahls . Ich habe den Brief herausgenommen . Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich als Erbin erklären . Doch wären mir noch Zweifel geblieben , was wohl unmöglich ist , so hat Gaston übernommen , mich völlig zu enttäuschen . Er entdeckte und erkannte sie , und war dann nicht mehr von ihr zu trennen . Aber vor meinen Augen wiederholte sich die Erkennungsscene , und sie selbst nannte , ihn mir als den steten Begleiter der beiden einzigen Männer , die je ihre Tante besuchten . Außerdem sendete ich Stanloff , auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann , nach dem Schlosse der Gräfin von Buckingham , und alle Anzeichen treffen hier vollständig mit der Erzählung des unglücklichen Mädchens überein ; aus diesem Schlosse ist sie entflohen ! Ach , und trotz alle dem , wirst Du es glauben , trotz dieser Zeichen , deren eins schon mich überzeugen mußte , dennoch hoffte ich auf Rettung von dieser Ueberzeugung ! Daher meine Hoffnung , Archimbald solle ihren Oheim kennen ; darum die Pläne , in die ich einging , Näheres von ihrer Geburt zu erfahren , und dann wieder die qualvollste Angst , diese Nachforschungen würden die von mir so gefürchtete Wahrheit ans Licht führen . Graf Archimbald erkannte sie überdem schon als das Ebenbild der Gräfin Buckingham ; dies sah ich seinem Erstaunen an . Er fühlte auch , daß ich ihm nicht offen bin . Aber was ist dies alles gegen die Verzweiflung , die mir die Nachricht giebt , daß Robert , vermöge einer scheußlichen Verirrung der Natur , seine Schwester liebt und sie von mir zum Weibe begehrt , Dich zur Lösung seiner frühern Verpflichtung gegen Anna Dorset zu gewinnen hofft . - Großer Gott ! was sprichst Du aus , Tochter ! Kind , halt ein ! Mein alter Kopf erfaßt es nicht , und mein Herz droht zu brechen , rief hier erblassend die alte Herzogin und sank in die Kissen zurück . Fasse Dich , theure Mutter , entgegnete die Herzogin mit der Hast und Ungeduld , welche , eine Folge ihrer Ueberreizung , sie verhinderte , die Leiden zu erkennen , die sie ihrer Schwiegermutter erregt hatte ; fasse Dich , wir müssen uns nicht trennen , ohne zu beschließen . Ich bedarf Deines Muthes , Deiner Kraft , Deiner Besonnenheit . Es ist so , wie ich Dir sagte , Robert verließ mich so eben , voll dieser Vorsätze . Ein zwei Stunden langer Kampf , in dem er mir überlegen war , da ich ihm die entsetzliche Ursache meiner Weigerung nicht entdecken durfte , hat uns um nichts weiter gebracht , und ich muß das Empörendste , was die Natur in sich schließt , vor meinen Augen sehen , ohne ihm wirksam Einhalt thun zu können . Die alte Herzogin bemühte sich mit großer Anstrengung , ihre Fassung wieder zu gewinnen , aber dies war nicht so leicht . Denn nächst der dringenden Lage des Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden , daß das Andenken des geliebten , so hoch gestellten Sohnes durch einen Verdacht getrübt ward , dessen Gewicht sie sich nicht läugnen konnte , den sie vielmehr , gleich ihrer unglücklichen Schwiegertochter , nur zu begründet finden mußte . Aber ihr frommes und starkes Gemüth fand doch bald einen Ausweg ; mit einem tief gefühlten Schmerze nahm sie von dem ungetrübten Bilde ihrer Vergangenheit Abschied . War an dieser nichts mehr zu retten , waren doch vielleicht die Folgen von dem , was ihr daraus so eben entgegen getreten , noch für die Zukunft zu mildern , indem neues Unheil verhütet ward , eine Schuld vielleicht verringert , die ihr mütterliches Herz so nahe anging . Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der glühenden Herzogin und sagte mit dem ernsten Tone der Ergebung : Nimm zuerst die Versicherung erhöhter Liebe und Hochachtung , meine edle Tochter ! Gott hat Dir ein großes und tiefes Leid gegeben , mitten in einem reichen Leben voll vielseitiger Befriedigung . Vielleicht ist es eine unerkannte Wohlthat mehr , wenn wir Gelegenheit fanden , Geduld und Großmuth zu üben , und wir wollen hoffen , daß Gott der Seele dessen gnädig ist , der so sich vor ihm verschuldete - um des unläugbar Guten und Edeln willen , das ja Dich schon verzeihlich gegen ihn stimmte , wie viel mehr den Vater aller Liebe und Erbarmung . Aber da uns Gott sichtlich auffordert , das Verschuldete in seinen verderblichen Folgen aufzuhalten , so hast Du Recht , mich aufzurufen . Es ist nicht die Zeit , den Gefühlen Raum zu gestatten , wir müssen klar in die Gegenwart schauen , um das , was uns Gott als Recht wird anerkennen lassen , mit festem Muthe zu vollführen . So höre denn , was ich gefühlt und früher schon mir angelobt , sprach die jüngere Herzogin mit schon festerem Tone . Das Kind , das ich als das seinige mir denken muß - und ist auch seine Mutter jene Buckingham , die mir den ersten Kampf des Bösen in dies Herz geschickt , ich kann es nimmer lassen ! Heilig ist mir , was von ihm stammt , theuer selbst , wie seltsam auch mit Grauen fast gepaart . Es ist mir oft , als ob im Traume , ja , wachend selbst , sein freundliches Auge flehend mir begegne ; ich weiß , er bittet um meinen Schutz für seine Waise . Ich weiß , er baut im Himmel selbst auf die Liebe dieser treuen Brust , in der er sich nie trog , und ich könnte keinen Frieden finden , wenn ich dies mir fast theure Wesen , das ich ja jetzt an meine Großmuth einzig noch verwiesen weiß , während sie in unschuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz träumt , ihrem unverschuldet harten Schicksale überließe . Ich will daher ihr mütterlich gesinnt verbleiben , aber das Geheimniß ihrer unglücklichen Geburt , das darf sie nie und Keiner , wer es sei , erfahren . Es scheint , wir werden keine Antwort von Master Brixton erhalten ; schon zu lange blieb sie aus , um noch erwartet werden zu können , und weiter dürfen unsere Forschungen nicht gehen . Zu uns im stillen Kreise der Familie dachte ich sie zu zählen , geschwisterlich geliebt von meinen Kindern , ich wollte die Zukunft ihr zu sichern suchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unsers irdischen Besitzes , und so des Weiteren harren , hoffend , daß Gott an meiner Statt ihren seltenen Reizen und ihrem Seelenwerth einen dauernden Beschützer zu finden wissen werde . O , wie bald ward dieser friedliche Plan zerstört , der an uns allen und Dir zugleich , die ich so gern mit diesem Leid verschont hätte , dies drohende Unglück sanft vorüber zu führen bestimmt war . Was thun wir jetzt , um Robert zu entfernen , ohne unser Geheimniß zu verrathen ? Denn er ist hier allein zu beachten . Die Gräfin , an Gedanken und Gefühlen unschuldig wie ein Kind , theilt auch nicht die Ahnung des Verlangens , das Robert ihr in jedem Worte , in jedem Blicke gesteht . So laß uns denn , erwiederte die alte Herzogin , den Augenblick erwarten , wo Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt , ich will alsdann mit all dem Ernste , der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist , meine Meinung über seine Verpflichtungen gegen die Gräfin Anna ihm vorhalten . Ich würde so in Wahrheit handeln müssen ,