von beharrlichen Bettlern mit Sachen , die er eben bei sich trägt , loskauft . Es scheint , daß , wo Grundsätze und Vernunft versagt sind , gewisse starre Launen ihre Stelle in dem des Halts so bedürftigen Menschen vertreten sollen . Hierauf gründe ich auch einen Plan , den ich mit ihm vorhabe ; denn da ich , wie Sie wissen , gern etwas in die Psychologie oder in das Moralische pfusche , so habe ich mir vorgenommen , ihn womöglich zurechtzubringen . « Die Herzogin hatte sich schon mehrmals nach den Bedienten umgesehn , welche nach der Rüstkammer beordert worden waren . Endlich erschienen sie unter Anführung des alten Erich , der ihr Ausbleiben damit entschuldigte , daß die Herrn aus der Nachbarschaft bereits angekommen und nach dem Ahnensaale zu führen gewesen seien . Dies war der Herzogin unangenehm , da sie vor dem Eintreffen der Ritter alle Armaturen dort ordentlich hätte aufhängen lassen wollen . Nun beluden sich die Bedienten hastig mit dem Eisen , wobei nicht gar zu vorsichtig verfahren wurde , und manches morsche Niet auswich . Auch der Arzt nahm einen Panzer , und so schwankte der Zug , unter der Last des Mittelalters keuchend , nach dem Ahnensaale . Wir lassen sie hin- und widergehen , und erzählen unterdessen die Veranlassung dieser Dinge . Es ist nämlich zu sagen , daß kurz nach der Abreise Hermanns bei Gelegenheit einer wirtschaftlichen Einrichtung , die der Herzog ausführen wollte , die Rüstkammer eröffnet ward . Seit seiner Kindheit hatte er sie nicht betreten ; nur im allgemeinen wußte er von dem Dasein einer Waffensammlung . Wie freudig erstaunte er , als der vergeßne Raum sich auftat , alle Wände und Gestelle sich mit Schildern , Speeren , Brust- und Beinharnischen bedeckt zeigten ! In der Tat war hier weit mehr vorhanden , als man hätte ahnen können . Der Herzog nahm sich gleich vor , beßre Ordnung zu stiften , vor allen Dingen einen Katalog anfertigen zu lassen ; seine Gemahlin aber entwarf in der Stille einen andern Plan . Er hatte sein Vergnügen über diese Denkmale kräftigerer Zeiten so lebhaft ausgesprochen , so wiederholentlich geäußert ; wie weit die freudigen Kampfspiele jener Tage über allen jetzigen gesellschaftlichen Vergnügungen ständen , daß sie wünschte , ihrem Gemahle zu seinem Geburtstage , welcher herannahte , einen solchen Genuß verschaffen zu können . Die Lektüre in Walter Scott gab ihr das Muster ; eine Nachahmung des Turniers von Ashby de la Zouche , welches der schottische Barde so beredt geschildert hat , schien nicht unmöglich zu sein . Indessen wäre es wohl bei dem Gedanken geblieben , wenn nicht der Zufall um diese Zeit jenen alten Bekannten des Hauses , den Domherrn , auf das Schloß geführt hätte . Kaum hörte er von dem Vorhaben , als er sich niedersetzte , und aus dem Stegreife ein Programm verfaßte , worin alle Momente des Ritterspiels enthalten waren . Randzeichnungen waren an schicklichen Orten hinzugefügt , altertümliche Spruchreime , für den Mund der Herolde bestimmt , leiteten das Fest ein und fort . Als die Herzogin alles so zierlich auf dem Papiere stehn sah , schwand jeder Zweifel über die Schwierigkeit der Ausführung . Der Domherr erhielt die Erlaubnis , alle ebenbürtige junge Edle , alle stiftsfähige Fräulein der Umgegend in ihrem Namen einzuladen , von welcher er den raschesten und ausgedehntesten Gebrauch machte . Nun entstand auf sämtlichen Landgütern und Rittersitzen , mehrere Meilen weit in die Runde , die lebhafteste Bewegung . Pferde wurden probiert . Fechtübungen angestellt , man versuchte , ob die vorläufig mit einem Brette geschützte Brust den Stoß der Lanzen , welche durch Stangen dargestellt wurden , aushielt . Man stöberte jeden Winkel nach irgendetwas Obsoletem durch ; Fahnen wurden gestickt , Wappenschilder gemalt . Noch geschäftiger als die Männer waren die Damen . Es war angeordnet worden , daß niemand anders , als im Kostüm erscheinen solle . Manches frische Gesicht , manche schlanke Gestalt freute sich auf den Spitzenkragen , auf das Kleid mit langem Schoße , auf die pauschigen Ärmel . Zofen und Nähterinnen hatten alle Hände voll zu tun , um all den Sammet , die Seide , die goldnen und silbernen Borten , die Federn , das Schmelzwerk zu bewältigen . Im stillen teilten die Hübschen , eine jede sich selbst , die Rolle der Königin der Minne und Schönheit zu , deren Ernennung nicht ausbleiben durfte , wenn das Fest seinen Charakter behalten sollte ; was die Häßlichen betrifft , so beschlossen diese , die Wahl , wenn selbige auf sie fallen würde , bescheiden abzulehnen . Während so in den Wohnungen derer , welche sich vollständiger Ahnen rühmen durften , nur Erwartung , Hoffnung und Freude herrschte , war bei einigen andern Gutsbesitzern bedeutend angestoßen worden . Auch in diesen Gegenden hatte es im Strudel der Zeiten nicht fehlen können , daß ein Teil der Bodenfläche auf Neugeadelte oder bürgerlich Verbliebne überging . Mehrere davon waren sogar , wenn man den Herzog ausnimmt , die vermögendsten Eigentümer des ganzen Bezirks . Die Herzogin hatte nach mildem verständigem Frauensinne ein Auge zudrücken und auch diese zu ihrem Feste entbieten wollen , allein der Domherr erklärte mit großem Ernste , das gehe durchaus nicht an . Er erzählte ihr so viel von der Wappenprüfung und andern bei einem Turniere vorkommenden Dingen , wobei die Darlegung eines vollständigen Stammbaums notwendig ist , daß sie endlich , wiewohl ungern , seiner eigensinnigen Gewissenhaftigkeit nachgab . Natürlich erhob sich unter den Ausgeschloßnen großer Verdruß . Einer derselben schlug vor , unter sich ein zweites Turnier zu geben , welches noch mehr Geld kosten müsse , als das herzogliche ; welcher Gedanke indessen , obgleich er ein echt deutscher war , von den übrigen als lächerlich verworfen ward . Man fuhr jedoch fort , untereinander zu munkeln , und schon wollte verlauten , daß von dort etwas zu Spott und Schimpf ausgehn . werde . Die Herzogin hatte dem Domherrn die Funktion des Waffenkönigs zugedacht , welcher bekanntlich in den alten Zeiten der Zeremonienmeister solcher Festlichkeiten war , von dessen Geschick und Einsicht das Gelingen derselben wesentlich abhing . Wie erschrak sie , als der charakterlose Mann , nachdem er den Aufruhr in Schloß , Stadt und Landschaft angestiftet , erklärte , er müsse sich nun empfehlen . Sie hatte niemand , der seine Stelle vertreten konnte . Der Arzt war schon vermöge seiner Geschäfte dazu unfähig , mit Wilhelmi hatte ein unangenehmer Vorfall stattgefunden . Sie war wirklich in großer Verlegenheit ; zumal da die Anstalten in der Wirklichkeit sich anders verhalten wollten , als auf dem Papiere . Man hatte den jungen Edelleuten , welche nicht selbst für altertümliche Waffen und Rüstungen zu sorgen gewußt , den Vorrat des Schlosses angeboten . Die meisten machten hievon Gebrauch und so war denn eine beträchtliche Reiterschar eingetroffen , um nach Statur und Leibesumfang das Passende auszuwählen und anzuprobieren . Zweites Kapitel Im Ahnensaale , den Bildnisse , Schenktische und Hirschgeweihe herkömmlich schmückten , warteten gegen zwanzig junge Edelleute , sehr vergnügt über den bevorstehenden herrlichen Zeitvertreib . » Gott strafe mich ! « rief einer , » es war ein vernünftiger Gedanke , auf so etwas zu verfallen . Man hat gar nichts mehr voraus , aber das können sie uns nicht nachmachen . « Nachdem die eintretende Herzogin mit großem Geräusch verehrt worden war , und jeder seine Empfehlungen von Müttern und Schwestern ausgerichtet hatte , warf man sich jubelnd über die herbeigebrachten Waffen her . Die Bedienten hatten eine ungeheure Last Eisenwerk im Saale umher aufgeschichtet , unter dem nun jeder nach dem , was ihm gemäß sei , spürte . Man setzte Helme auf , legte Schienen an , suchte mit den Harnischen fertig zu werden . Die Bedienten halfen , so gut sie konnten , da aber die Ungeduld zu groß , oder das Geräte zu alt war , so riß vieles und zerbrach mehreres . Ja einige der schönsten Rüstungen , die gleich den Leichen in manchen Gewölben nur noch zum Scheine zusammenhielten , fielen gänzlich auseinander , bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und verstimmt den Saal verließ . Etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfältigen Versuchen mit der Wehrhaftmachung zustande , freilich nicht ohne dieses und jenes Mißverständnis . Denn so behauptete einer hartnäckig , die Beinschienen , welche bekanntlich zum Schutze des vordern Teils der Schenkel dienten , gehörten an die entgegengesetzte Stelle , um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu verhüten , ließ sich auch von seinem Irrtume nicht überführen , sondern die Schienen verkehrterweise anschnallen ; worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze in einen Stuhl drückte und fragte : ob er denn nun so sitzen könne ? was er freilich leugnen mußte . Die Fertiggewordnen schwankten , von der ungewohnten Wucht bedrückt , vor die großen Wandspiegel , und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelächter aus . Und wirklich waren diese wankenden düstern , verrosteten Gestalten eher scheußlich als lieblich anzusehn . Der Arzt , welcher zurückgeblieben war , um den Wirt zu machen , lud die Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfrühstück ein . Man war so vergnügt über die Maskerade , man fühlte sich so groß in dieser Hülle der Altväter , daß die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten . Die Speisen waren vortrefflich , die Eßlust der jungen Leute war es nicht minder . Man schmauste tapfer und zechte weidlich dazu . Die Hitze , welche unter den Rüstungen sich entwickelte , trug dazu bei , daß der Wein noch eher , als sonst wohl geschehen wäre , den Trinkenden zu Kopfe stieg ; bald entstand ein Gespräch , in dem keiner mehr sein eignes Wort vernahm . Die Bedienten , welche nicht frische Flaschen genug herbeischaffen konnten , schüttelten , an das gemeßne Wesen der Herrschaft gewöhnt , über diesen erstaunlichen Lärmen die Köpfe , der alte Erich murrte ganz laut , und belferte seine biblischen Sprüche daher . Zufälligerweise hatte sich eine Musikbande im Hofe des Schlosses eingeschlichen , welche , angelockt von dem Geräusch , durch Gänge und Vorsäle drang , und von niemand bemerkt , mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat . Sogleich verlangten die Trunknen etwas Lustiges aufgespielt , worauf die Musikanten , welche nichts Besseres hatten , die Marseillaise zum besten gaben . Niemand fand an dieser Wahl Anstoß , denn es war eine völlige Vergessenheit der Zeiten eingetreten ; die ganze gerüstete Schar hüpfte , walzte , oder marschierte nach diesen neusten aufrührerischen Tönen munter im Saale umher , daß die Fenster erklirrten . Der Herzog , welcher von einem Ritte über Land heimkam , hielt im Hofe still und fragte jemand , der ihm begegnete , mit strengem Tone nach der Ursache des Lärmens . Der Mensch glaubte , nichts verraten zu dürfen , und zuckte die Achseln , indem er nur einen Blick nach den Fenstern der Herzogin warf . Der Herzog besann sich und sagte : » Das ist ja aber , als ob Hasper a Spada , Brömser von Rüdesheim und Bomsen vereint dem Grabe entstiegen wären . Ich merke , das deutsche Rittertum ist von starkem Getöse nicht zu trennen . « Der Arzt hatte sich , sobald er gekonnt , von der lauten Gesellschaft getrennt , und in der Eile einige halbversäumte Patienten besucht . Die Beratungen , zu denen er notgedrungen sich hergeben mußte , die Verrichtungen , welche ihm für das Fest aufgetragen wurden , raubten , ihm zu seinem Verdrusse Zeit , ein Gut , mit welchem er sehr haushälterisch umging . Vor allem aber hatten die Worte , zu denen er durch sein Alleinsein mit der Herzogin hingerissen worden war , ihn in die übelste Stimmung versetzt . Er gefiel sich nur in der verschloßnen Kälte , welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet hatte , und war außer Fassung , wenn er befürchten mußte , das Gefühl , welches ihm als Menschen denn doch auch geblieben war , aus seinem Versteck entlassen zu haben . In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune , willkürlicher Behandlung anderer aufgelegt . Er nahm nach vollbrachtem Geschäfte ein Buch zur Hand , aber das Lesen wollte nicht gelingen . Er ging durch den Park , und hatte schon vor , da niemand sich zeigte , an dem er den Zorn auslassen konnte , Wilhelmi in seinem Exile zu besuchen , als die Alte , zu welcher er Flämmchen gebracht , ihm in den Weg trat . Sie verbeugte sich , kreuzte die Arme über der Brust , und streckte schweigend die flache Hand aus . Der Arzt verstand diese Gebärde , reichte ihr Geld , und sagte : » Ich meinte , Ihr hättet länger mit dem auskommen müssen , was ich Euch neulich gegeben hatte . « » Es wäre auch geschehen , wenn das Flämmchen nicht so viele Schuhe durchtanzte « , versetzte die Alte . » Wie soll ich das verstehn ? « fragte der Arzt . » Es läßt sich nicht erzählen , man muß es sehn « , antwortete die Alte . » Wir haben Mondlicht , da treibt sie es . « Er fragte sie , wie sie sich vertrügen . Die Alte erwiderte : » Sehr gut . Es wäre mein Tod , wenn das Kind wieder von mir genommen würde . Sie legt mir die Kräuter aus , das fehlte mir noch , nun bin ich ganz zufrieden . « Er tat noch allerhand Kreuz- und Querfragen , und brachte dadurch heraus , daß Flämmchen , nachdem sie zu der Alten gekommen , in einen Zustand von Exaltation verfallen war , welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren sollte . Was er hierüber erfuhr , dünkte ihn merkwürdig , und er versprach der Alten einen baldigen Besuch . Kaum hatte sie ihn verlassen , als der Domherr reisefertig zu ihm trat . » Wo stecken Sie , Doktor ? Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen « , rief er , und umarmte lebhaft den Arzt . » Warum eilen Sie so , fortzukommen ? « fragte dieser . » Sie könnten unsrer Herzogin manche Verlegenheit abnehmen , wenn Sie blieben . Ich habe den Auftrag , Sie dringend darum zu bitten . « » Es ist mir wahrhaftig nicht möglich « , versetzte der andre . » Ihr Kinder wißt nicht , was für Geschäfte auf mir lasten . « » O ja , Kanarienvögel zu füttern , Kupferstiche durcheinander zu werfen , Hunde abzurichten , und dergleichen wichtige Dinge mehr . « Auf der Landstraße , welche am Park vorbeiführte , kam in dem Augenblicke der Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch . Sie sangen , saßen ziemlich unordentlich zu Pferde ; einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme auf dem Haupte behalten . » Da sehen Sie , was Sie angerichtet haben « , sagte der Arzt . » Es wäre Ihre Pflicht , was Sie uns einbrockten , auch mit uns zu verzehren . Indessen reisen Sie nur , wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkühle holen wollen . « Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung . Der Arzt erzählte ihm hierauf eine Geschichte von den jetzt herrschenden bösartigen Wechselfiebern , welche so allgemein vorkämen , daß man sie fast eine Epidemie nennen könne , und welche durch die kleinste Erkältung herbeigeführt würden . Der Domherr ersuchte den Arzt ängstlich , ihm nach dem Pulse zu fühlen , welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand . Hierauf ließ der Domherr eiligst abspannen , begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den Arzt , der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte . Dieser verfehlte nicht , sich einzustellen , weil er einen absonderlichen Plan mit ihm durchsetzen wollte . Das Gespräch , welches er auf geschickte Weise einzuleiten wußte , und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte , führte zu dem allerwunderlichsten Ergebnisse . Um letzteres wahrscheinlich zu machen , müssen wir einiges über die Persönlichkeit des fremden Gastes beibringen . Drittes Kapitel Der Domherr , aus alter Familie als jüngerer Sohn entsprossen , war frühzeitig in eine einträgliche Pfründe eingekauft worden , und , durch verschiedne unerwartete Todesfälle begünstigt , zur Hebung gediehn , sobald er nur das kanonische Alter erreicht hatte . Ohne Beschäftigung , ja selbst ohne die Sorge für die Erhaltung eines Vermögens , genoß er reichlicher Einkünfte , welche ihm keine anderen Pflichten auferlegten , als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten , und die kirchlichen Stunden innezuhalten , welche in diesem Stifte , ohne bedeutenden Verlust an Gelde , nicht durch Vikarien abgestattet werden durften . Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn , die Langeweile eines solchen Zustandes dadurch zu versüßen , daß er das Verschiedenartigste nacheinander las und vornahm . Da er indessen zu wenig Ruhe besaß , und ein äußrer Zwang , welcher vielleicht allein imstande ist , lockeren Naturen Halt zu geben , hier mangelte , so berührte er von allem nur die Oberfläche , erwarb zwar durch leichte Fassungsgabe und gutes Gedächtnis mannigfaltige Kenntnisse , denen es aber an einer Wurzel in der Seele völlig gebrach . So entstand denn in ihm ein wahres Chaos von unzusammenhangenden Meinungen , und einander aufhebenden Maximen . Ein Spötter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt . Dagegen galt er wieder bei vielen andern für einen reichen Geist , ja für ein Genie . Am übelsten stand es mit seinem Verhältnisse zu den übersinnlichen Dingen . Der Katholizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lästigste Formenwesen geworden ; die dumpfen Choräle , welche er späterhin als Pfründner in seinem holzgeschnitzten Stuhle täglich geduldig mitsingen mußte , dienten auch nicht dazu , die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern . Er hatte sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt , und eine Zeitlang mit großer Dreistigkeit die Sätze versponnen , welche in dieser Schule zu gewinnen sind . Als er aber über das vierzigste Jahr hinaus war , und , er wußte selbst nicht wie ? immerfort auf den Gedanken kam , daß er nicht mehr so lange leben werde , als er gelebt habe , ergriff ihn eine große Unruhe , die bald zur ausschweifendsten Todesfurcht wurde . Daß damit eine ängstliche Sorge für seine Gesundheit sich verband , ist natürlich , allein was half diese ? Endlich müssen wir ja doch sterben . Er faßte daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele , welches er aber nur physikalisch oder magisch sich anzueignen wußte . Er las Swedenborg , Paracelsus , vertiefte sich in kabbalistische Phantasien , und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern . Nach der nächsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst ; vielmehr äußerte er einst mit großer Naivetät gegen einen vertrauten Bekannten , daß ihm an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege , wenn er nur das ewige Leben bekomme . Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhaßt geblieben . Als daher der bekehrte Priester , dessen wir uns erinnern , ihm bei seinem Eintreffen im Schlosse nahen wollte , weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte , wies ihn dieser mit entschiedner Geringschätzung zurück . Dagegen wandte er sich lebhaft dem Arzte zu , den der Fremde belustigte . Jener nahm ein geheimnisvolles Wesen gegen den Domherrn an , und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm gesetzt , daß selbst die tollen Scherze , zu welchen ihn der Anblick des närrischen Mannes bisweilen hinriß , von diesem für verhüllte hierophantische Weisheit erachtet wurden . Sein ganzer gegenwärtiger Zustand war eine Kette von Zerstreuungen . Die Umwälzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten entbunden , ohne ihm die Präbende zu nehmen . Eine Erbschaft war ihm zugefallen , so daß er für reich gelten konnte . In der Nähe der großen Stadt hatte er sich das Landhaus erbaut , von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin erzählte . An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über seine Gesundheitsumstände zu trösten , ließ jedoch ein entscheidendes Wort über die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen , wobei er ihn bedenklich ansah . Dieser Blick konnte den andern wenig vergnügen , und seine Stimmung wurde nicht gebessert , als der Arzt ein treffendes Bild der Auflösung entwarf , worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten , so daß man froh sein mußte , wenn dieses widerliche Gären endlich in lauter grauem Staube sich beruhigte . Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte : » Possen ! Wer an Fortdauer glaubt , läßt sich durch dergleichen nicht schrecken . « Der Arzt versetzte hierauf , daß der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten , wovon nur das eine den Vorzug habe , daß man wisse , wo es liege , während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse . Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen , und sich entfernen , womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war . Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhüllter Ängstlichkeit zurück , und rief : » Ihr seid Materialist , Doktor , ich weiß das , aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen , daß seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts . Sprecht Eure Zweifel nur aus ; es ist mir nichts unerträglicher , als dieses Halten hinter dem Berge . « » Man hat « , sagte der Arzt , » auch lange von den vier Elementen gesprochen , und nun wissen wir denn doch , daß diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn , welche erst zusammengefügt das bilden , was wir Erde , Wasser , Luft und Feuer nennen . Und wer weiß , wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann ! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen , scheint mir leicht . Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden . Dabei wurde nur vergessen , daß derselbe Mensch unter verschiednen Umständen oft als ein ganz andrer erscheint , daß Grundsätze , Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen , und daß daher in dem Dinge , welchem wir so gern eine vornehme Selbständigkeit beilegen möchten , manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen wirksam sind , die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und nachgewiesen hat . « » Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaßen in Verstand , Vernunft und Urteilskraft zerlegen ? « fragte der Domherr , froh , seinen Gegner zum Absurden geführt zu haben . Der Arzt versetzte : » Wie die Auflösung des Seelischen vonstatten gehe , weiß ich nicht , ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun . Sind Sie derselbe noch , der Sie als Kind und Jüngling waren ? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste ? Wechselten nicht Liebe und Neigung in Ihnen ? Wollen Sie noch , was Sie wollten ? Können Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen , wo Ihre Seele anders als zeitlich , räumlich , hinfällig , leiblich dachte und fühlte ? Welchen Teil , welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also für jene Ewigkeit retten ? Denn Sie werden immer etwas aufgeben müssen , entweder die Vernunft , wenn Sie das , was im Herzen klopfte , oder das Gemüt , wenn Sie das , was im Haupte leuchtete , erhalten wünschen . Will das nun irgend jemand ? Gewiß nicht . Vielmehr ist es ja grade das Verlangen , sich in seiner Totalität zu bewahren , was man die Sehnsucht nach dem Jenseits genannt hat , auf welche Sehnsucht denn wieder einer der sogenannten Beweise gebaut worden ist . Weil es einen Hunger gibt , so gibt es eine Speise , weil wir Durst fühlen , so muß Getränk vorhanden sein . Also , weil wir jene Sehnsucht fühlen , so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben . So weit bin ich einverstanden . Nur , was der Gegenstand sei , darüber herrscht eine Täuschung . Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen , und gewiß hat mancher nach dieser Götterspeise , wie Tantalus , ein Gelüsten empfunden ; gleichwohl , hat sie jemand gekostet ? Mußte nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnügen ? Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben . Ein lügenhaftes , schwärmendes Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia , während die wahre , innige und viel tröstlichere Befriedigung überall uns nahegestellt worden ist , ohne daß unsre blöden Sinne sie wahrnehmen . « » Und die wäre ? « fragte der Domherr . » Das gegenwärtige , irdische Leben selbst « , versetzte der Arzt . » Auch ich sage in meinem Sinne : Der Mensch ist ewiger Dauer . Aber ich setze hinzu : Der Himmel ist auf Erden , und mit dem Tode ist es nicht aus , sondern es beginnt aufs neue . Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton , bildet und wirkt ihn aus , und wenn es ihn abgenutzt hat , sucht es sich frischen Stoff . Wir sind alle Revenants , und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der Zeit gesetzt . « » Das ist eine schlechte Fortdauer « , seufzte der Domherr . » Was hilft es mir , zu vermuten , ich habe schon irgendwo einmal gesteckt , wenn ich nicht weiß , wo und in welcher Haut ich steckte . « » Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern ließe ? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt , er heißt Geschichte . Diese in allen so lebendig zu machen , daß jeder sich auf Jahrtausende zurück wiederfinden kann , ist eigentlich die geheimnisvoll-verhüllte Aufgabe der Gegenwart . Wir reifen einer Periode entgegen , worin die Menschen ebensosehr Bürger der Vergangenheit sein werden , als sie eine Zeitlang in der durch das Christentum angewiesenen Richtung Anwärter der Zukunft waren . Das ist der heilig zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen unsrer Zeit , welche eben dieses , von ihrer bewußten Absicht ganz verschiedne Resultat hervorzubringen bestimmt sind . Hin und wieder ist dieser Unsterblichkeitsglaube , oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden ; es gibt Vorboten der neuen Epoche . So glaube ich von mir sagen zu können , daß ich mit Bestimmtheit sehe , wo ich da und dort schon aufgetaucht bin . « » Ist es möglich ? « rief der Domherr . » Entdecken Sie mir ... « » Diese Kunde gehört nur mir « , erwiderte der Arzt . » Allein ich glaube , daß jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen könnte . « » Und wie ? « » Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen . Auch wird nur der eine höhere Seelenerfahrung recht besitzen , der sie selbsttätig sich hervorbringt . Um aber auf Ihre Angst und Not , die ich mit Bedauern wahrnehme , zurückzukommen ; es gibt ein sehr einfaches Mittel , sie zu heben , Sie von aller Unruhe über die Dinge jenseits des Grabes zu heilen , und Ihnen dieses so zu zeigen , wie es ist , nämlich als einen unschuldigen , harmlosen Hügel Erde . « » Nun ? dieses Mittel ? « » Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn . Wenn wir uns einigermaßen an die Natur halten wollen - und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste - so müssen wir erkennen , daß mit jener wunderbaren Funktion , worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert , auch der ganze Mensch im natürlichen und im höheren Sinne fortgesetzt wird . Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr lüsternes Unkraut gewoben , sie ist für den wahren Priester des Universums etwas so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskörper , die Reise des Lichts , der Drang der Voltaischen Säule . Hier ist uns auf die liebreichste Weise das Mittel in die Hand gegeben , alle kranken Schrecken abzuschütteln , und ich habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert , welche aus dem Geschäfte , zu welchem ich Sie aufmuntern möchte , einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten . Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer , daß Personen , welche die Zeit nach ihnen verkörpert vor sich sahn , aufhörten , dieselbe zu fürchten , und die wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel . Es ist keine Redensart , es ist eine Wahrheit , daß die Eltern in den Kindern fortleben . So aber geht es ; der Mensch sucht über den Sternen , was zu seinen Füßen liegt , wie die Spanier nach dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten , während sie mit treuer Arbeit zu Hause sich hätten nähren und auch des so heiß ersehnten Goldes ein bescheidnes Teil gewinnen können . « Viertes Kapitel Am folgenden Morgen besuchte der Domherr den Arzt ganz früh , und eröffnete ihm , daß er sich verheiraten werde , da er auf Erlassung der Zölibatspflicht seitens der Staatsbehörde sicher rechnen könne . Der Arzt bezeigte sich darüber nicht im mindesten erstaunt , sondern fragte ihn trocken : » Wen ? « Worauf der Domherr versetzte : er wisse es noch nicht , da es ihm aber an Bekanntschaft unter den Damen des Landes nicht mangle , so werde er leicht eine angemeßne Partie ermitteln , zu welchem Ende er gegenwärtig aufbrechen wolle . » Dieser Plan ist ein unglückseliger zu nennen « , sagte der Arzt . » In Ihren Jahren haben sich Gewohnheiten und Verwöhnungen so festgesetzt , daß ein