Hoffnungen auf ? Haben Sie , mein lieber Vetter , denn gar keine Rechte an einen Verwandten ? Ueberrascht blickte der junge Graf empor , und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort : Hören Sie mich ruhig an . Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren , daß ich von frühester Jugend an mehr hatte , als ich bedurfte , meine Neigungen waren mehr auf geistige Genüsse , als auf kostbare Vergnügungen gerichtet . Die Gräfin theilte meine Lebensansichten , und so wurde es bei mir ein Grundsatz , von dem ich niemals abwich , meine Ausgaben immer so einzurichten , daß sie bedeutend unter meinen Einnahmen blieben ; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage , immer eine Summe bereit zu haben , die ich zum Vortheil eines Freundes verwenden kann , und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen habe , so wäre es doch vielleicht besser gewesen , wenn ich mich ihm früher genähert hätte . Ich glaube , daß selbst Sie , mein lieber Vetter , nicht einmal ganz die Gefahr seiner Lage kennen ; er ist nahe daran , sich in die Hände eines Menschen zu liefern , der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse , die in Folge des Friedens eintreten müssen , dazu benutzen wird , um ihm sein Vermögen zu entreißen . Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie , es kann sein , Ihr Vater schreibt Ihnen selbst das Nähere ; lesen Sie dieses Schreiben und theilen Sie mir dann das Nöthige daraus mit , damit wir gemeinschaftlich überlegen können , wie sich am Besten helfen läßt . Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich , um seinen Vetter ungestört den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen . Erstaunt , bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach ; mit wenigen Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert ; er hatte es ausgesprochen , daß er die Mittel besitze , ihm zu helfen , und auch den Willen , ihm diese Hülfe zu leisten , und dieß war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht . Das Leben lächelte ihm wieder entgegen , die gränzenlose Noth seines Vaters und seiner Familie war gehoben , und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie vorüber . In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines Vaters unentsiegelten Brief in der Hand , und ein zufälliger Blick darauf erinnerte ihn , daß er ihn lesen müsse , um seines Oheims wohlthätige Absicht befördern zu helfen . Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes . Es ließ sich nicht verkennen , daß es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben war ; in dieser Angst verrieth sein unglücklicher Vater nur zu deutlich , daß er den Sohn getäuscht habe , um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen zu vermögen ; er rechnete auf dessen heftigen , reizbaren Charakter und gab ihm viele unwürdige Mittel an die Hand , eine Summe , die er nannte , von dem Grafen auf jeden Fall zu erpressen , indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung der Pflichten darstellte , die der Sohn habe , das graue Haupt des Vaters vor schmachvoller Armuth zu bewahren , die kränkelnde Mutter und die noch unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen . Wenn Du nun auch , beschloß er dieß Schreiben , durch die Erfüllung dieser Pflichten einige schmerzliche Stunden mit meinem Vetter , Deinem Oheim , hinbringen mußt , so bedenke , daß Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst . Der junge Graf fühlte sich durch dieß Schreiben vernichtet . Wie edel und einfach war sein Oheim , ihm vertrauend , entgegen getreten ; mit welcher rührenden Freimüthigkeit hatte er die Hülfe eines Verwandten angeboten , und wie unwürdig zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung . Mit brennendem Schmerz senkte sich die Ueberzeugung in seine Seele , daß der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht verdiene ; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen seines Geistes , und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den wehmüthig-lächelnden Mund , und sein eignes , von heftigem Leid beängstigtes Herz machte sich Luft durch den klagenden Ausruf : Ach , Du arme , Du unglückliche Mutter ! Der Graf hatte erwartet , sein Vetter würde ihm bald folgen , um das Nöthige über das eingeleitete Geschäft zu verabreden ; nachdem er aber lange vergeblich auf ihn gewartet hatte , kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit , der ihn erschreckte . Was ist geschehen , lieber Vetter ? rief er ihm ängstlich zu ; welch Unglück hat Ihre Familie betroffen ? Der junge Graf saß an einem Tische , auf den er die Ellbogen gestützt hatte , um das Gesicht in die flachen Hände zu versenken ; er erhob sein bleiches Antlitz , als er angeredet wurde , und sagte mit zitternder Stimme : Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber , Alles , was mir heilig war , fängt an mir ein Irrthum zu erscheinen , und ich möchte beinah wünschen , gar nichts Achtungswerthes im Leben mehr anzutreffen , um mich über mein Unglück zu trösten . Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken ? fragte der Graf . Lesen Sie dieß Blatt , erwiederte sein Vetter , denn ich will Sie nicht hintergehen , wenn es mir auch als eine Pflicht befohlen wird , Sie müssen wissen , Wem Sie Ihre Hülfe anbieten . Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte : Sie haben zu wenig in der Welt gelebt , mein lieber Vetter , deßhalb ist Ihr Gefühl so reizbar geblieben . Es ist gewiß ein großes , tief eingreifendes Unglück , wenn ein Kind die Einsicht bekömmt , daß der Charakter seines Vaters Schwächen hat , die das Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben , aber Sie sind ein Mann , Sie müssen mit dem Gedanken vertraut sein , daß die menschliche Natur überhaupt unvollkommen ist , und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater ertragen . Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet , doch beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims . Es ist vielleicht zu Ihrer aller Glück , schloß dieser endlich , denn dieß muß Sie bestimmen , die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu nehmen , ohne die Rücksichten zu verletzen , die Sie als Sohn ihm schuldig sind ; und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden können , so wird auch manches Nachtheilige , durch die Noth Erzeugte aus seinem Charakter schwinden . Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück , und der Graf ersah daraus , was er durch den Geistlichen schon wußte , daß eine bedeutende Summe sogleich nöthig sei , wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die Hände des alten Lorenz fallen sollte , und daß noch andere Unterstützungen erforderlich wären , um Ordnung in die Geschäfte zu bringen . Er rieth nun seinem Vetter , selbst zurückzureisen , mit der nöthigen Summe , um nur den alten Lorenz gleich aus dem Hause zu bringen ; seinen Vater zu überzeugen , daß er durch kein Mittel der Gewalt oder List etwas erhalten könne , daß aber der Graf bereit sei , aus Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten , daß aber auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die Geschäfte durch seine Hände gehen müßten . Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen , um die wohlgemeinten Pläne seines Oheims in Ausführung zu bringen . Das ist unmöglich , rief der Graf ; Sie müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen , ich habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen . Und soll denn meine arme Mutter so lange in der Angst erhalten werden ? sagte sein Vetter , der den Vater nicht zu nennen wagte . Das wäre grausam , schreiben Sie sogleich ; wir senden einen Boten , und Sie ersparen sich zugleich die Verlegenheit , unangenehme Dinge mündlich zu sagen , die doch berührt werden müssen . Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine Rathschläge zu ertheilen , die diesem eben so mild als vernünftig erschienen . Und , schloß er , wenn Sie sich dann genaue Kenntniß von Ihrer Lage verschafft haben , dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen Monat bei mir , damit auch wir uns genauer kennen lernen , indem wir Ihre Geschäfte ordnen ; und dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen , von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat . Der junge Graf konnte nur einige Worte des Dankes stammeln ; die heftige Rührung machte es ihm unmöglich , Ausdrücke für sein Gefühl zu finden , er verließ seinen Oheim , um auf den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die mannichfachen Empfindungen der Liebe , der Achtung , der wiederauflebenden Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater , die in seinem Busen stürmten , zu besänftigen . Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den peinlichen , aber nothwendigen Brief an seinen Vater , auf den der Bote schon wartete . Am Nachmittage war die Luft so mild und still , daß er die Gesellschaft im Garten versammelt fand , als er von einem Besuch , den er beim Obristen Thalheim gemacht hatte , zurückkehrte . Der Prediger war ebenfalls gekommen , und ihm schallte Gelächter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen . Es wird Niemand behaupten können , hörte er noch den Arzt empfindlich rufen , daß ich nicht die Fähigkeit hätte , den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze danach zu richten . Das behauptet auch Niemand , erwiederte St. Julien , es ist bloß die Standhaftigkeit Ihres Charakters , die Sie bestimmt , sich immer auf einer Stelle herum zu drehen . Ihre Dame mag dagegen thun , was sie will , Sie lassen sich nicht beherrschen , und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle wieder auf ihren Plätzen stehen , so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte ein , als jeder Andere , weil Sie ihn so standhaft behauptet haben . Sie sind ein Spötter , sagte der Arzt ärgerlich , und wenn Sie nicht ein Mensch wären , den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte , so würde ich ernstlich böse werden . Und das würde mich ernstlich kränken , sagte St. Julien , indem er dem leicht versöhnten Gegner freundlich die Hand bot . Es wäre traurig , sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet , wenn Sie das Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten besuchen wollten , oder sich wohl gar durch ihn bestimmen ließen , das Tanzen aufzugeben . Das werde ich nicht , rief der Arzt , es ist die Pflicht eines Jeden , zur Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kräften beizutragen , die durch so viele Mühe und Anstrengung versammelt wird . Und wie weise , sagte die Gräfin , hat es der gute Baron eingerichtet , daß er uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gönnt , denn wer vermöchte die Last dieser Freuden zu ertragen , wenn sie ohne Erholung auf einander folgten . Es ist das erste Mal , sagte St. Julien , daß ich Gelegenheit gehabt habe , die Zurüstungen zu einer großen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten , und ich habe bemerkt , daß eine solche Freude sich einigermaßen mit einer Schlacht vergleichen läßt ; bedeutende Helden sind geblieben ; ich sah , daß ein krummgehörntes , schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum Opfer bringen mußte , aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten , das Gakeln im Hühnerhofe hat sich seit der großen Katastrophe bedeutend vermindert . Die größte Beschwerde , bemerkte der Graf , verursacht bei solchen Gelegenheiten die große Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten , die alle wieder ihre Rangordnung unter einander haben , die anerkannt werden muß ; die begleitenden Kammerdiener dürfen nicht mit den gewöhnlichen Bedienten vermischt werden ; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen , die Kammerjungfern wollen höher geachtet werden als die Kinderwärterinnen , die auch bei solchen Gelegenheiten nicht fehlen , und so gibt es in den unteren Zimmern zehn verschiedene Gesellschaften zu bewirthen , wenn sich eine in den Sälen des Hauses versammelt . Störend ist es mir gewesen , sagte St. Julien , daß oft auf eine Dame mußte gewartet werden , wenn ein Tanz anfangen sollte , weil sie eben ihr Kind tränkte , oder daß aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder vernehmen ließ , deren Bedürfniß die Mutter nicht befriedigen konnte , weil die Quadrille noch nicht beendigt war . Es ist eine moderne Thorheit , sagte die Gräfin , daß die Frauen glauben , sie erfüllen eine wichtige mütterliche Pflicht , wenn sie ihre Kinder selbst tränken . Wie ! rief der Prediger , halten die Frau Gräfin dieß nicht für die erste Pflicht einer Mutter ? Wenn eine Mutter , erwiederte die Gräfin , ihr Kind so sehr liebt , daß sie ihm die erste Nahrung durchaus selbst reichen will , so ist dieß weder Tugend noch Pflicht zu nennen , die Mutter befriedigt bloß ihr eigenes Gefühl ; es versteht sich , daß ich hier nur von den wohlhabenden Müttern spreche , denn wenn eine arme Frau von schwacher Gesundheit , ohne hinreichende Nahrung und Pflege , die letzten Kräfte aus Noth und Liebe aufopfert , und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben saugen läßt , so ist dieß ganz etwas anders ; ich spreche bloß von unseren Damen , und ich meine , wenn diese eine solche Pflicht übernommen haben , daß sie sie dann auch ganz erfüllen müßten . Nun dieß thun doch wohl alle Mütter , erwiederte der Prediger . Ich glaube , wenn eine dieser Mütter , sagte die Gräfin , eine Amme bei ihrem Kinde hätte , die es sich beikommen ließe , eine Nacht hindurch tanzen zu wollen , daß sie sehr unzufrieden damit sein würde ; aber , wie gesagt , es ist eine moderne Thorheit , und es wäre hart , wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben sollten , weil sie etwas unternommen haben , was sich mit dieser Lust nicht vereinigen läßt . Es ist wahr , rief der Arzt , die Frauen sind auf die Häuslichkeit angewiesen von der Natur , dieß ist ihre wahre und einzige Bestimmung . Das ist eine Behauptung , der sich gar nicht widersprechen läßt , sagte die Gräfin , ob ich gleich überzeugt bin , daß wir beide einen ganz verschiedenen Sinn damit verbinden . Und ich denke , meinte der Prediger , der Begriff der Häuslichkeit ließe sich leicht feststellen , und es könnte nicht schwer fallen , die Pflichten einer Frau auseinander zu setzen , die hauptsächlich in hingebender Liebe bestehen . Ich habe es immer getadelt , daß bei der Erziehung der jungen Mädchen mehr darauf gesehen wird , daß sie glänzen sollen , als daß man sie zu künftigen Gattinnen bildet , die ihre Pflicht erfüllen könnten , die doch hauptsächlich darin besteht , den Mann zu beglücken . Ich möchte nicht gern , sagte die Gräfin , einen oft geführten Streit von Neuem führen , es sind so unzählige Bücher geschrieben worden , die davon ausgehen , den Satz als unbestreitbar hinzustellen , daß die Frauen dazu da sind , die Männer zu beglücken , und deren Verfasser sich nur in Rathschlägen erschöpfen , wie dieß am besten zu bewerkstelligen sei , daß viel Muth dazu gehört , sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen . Wie ! rief der Prediger , ist es möglich , an der edelsten Bestimmung des Weibes zu zweifeln ? Würden Sie nicht finden , Herr Prediger , sagte die Gräfin , daß es eine seltsame Anmaßung wäre , wenn Jemand behaupten wollte , es sei die erste und heiligste Pflicht der Männer , ihre Frauen zu beglücken ; sie wären eigentlich nur dazu da ; und halten Sie den Schöpfer für so partheilich , daß er ein Geschlecht bloß dazu erschaffen haben sollte , damit das Andere beglückt wird ? Ich glaube , daß sich beide Geschlechter ergänzen , daß aber beide ihre Selbstständigkeit bewahren müssen , und der größte Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl darin , daß auf diese Selbstständigkeit wenig Rücksicht genommen wird und die armen jungen Mädchen nur für ihre künftigen Gatten gebildet werden . Der Geistliche wollte die Gräfin unterbrechen , aber , ohne es zu bemerken , fuhr sie fort : Warum sollen die Talente , die Fähigkeiten und alle schönen Eigenschaften der Seele eines jungen Mädchens nicht eben sowohl ausgebildet werden , als die eines Knaben , schon um ihrer selbst Willen ? Dann würden wir also lauter gelehrte Frauen haben , bemerkte der Pfarrer mit spöttischem Lächeln . So wenig , erwiederte die Gräfin , wie wir lauter gelehrte Männer besitzen , denn wo Neigung und Geistesfähigkeit nicht vorhanden ist , kann sie auch nicht ausgebildet werden ; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu können , fuhr die Gräfin fort , daß es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben kann , so wenig wie eine Künstlerin im wahren Sinne des Worts . So geben also die Frau Gräfin hierin doch die Ueberlegenheit des männlichen Geschlechts zu ? fragte der Pfarrer . Nicht weil ich glaube , erwiederte die Gräfin , daß die Fähigkeiten des einen Geschlechts an sich größer wären , als die des andern , aber hierin , glaube ich , entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse . Gewöhnlich wird ein junges Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet , und ihre Erziehung ist damit beendigt . Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen Richtung aus ; er wählt dann seine Studien , sucht in den Geist der Wissenschaft einzudringen , die ihn besonders anzieht , und widmet ihr sein ganzes Leben . Eine Frau übernimmt , indem sie sich verheirathet , wenigstens in Deutschland die Pflicht , ihrem Hause vorzustehen , und die vielen kleinen Beschäftigungen und Sorgen zerstückeln so sehr das Leben , daß an eine ernsthaftes Studium kaum mehr zu denken ist . Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein , und es kann eine Frau schon von Glück sagen , wenn sie so viel Geisteskraft behält , um sich nicht völlig zu vernachläßigen . Deßhalb kann auch selbst ein hervorragender Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten , und was wir an den Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben , wird immer vornehmlich durch Tiefe des Gefühls , durch einen scharfen beobachtenden Geist , durch ein glückliches Gedächtniß errungen sein . Wenn also auch eine Frau sich mancherlei Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann , wenn sie auch einen richtigen Blick für das Leben gewinnt , wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimniß der menschlichen Natur erschließt , so kann sie eine höchst interessante Erscheinung , aber niemals eine Gelehrte sein . So würde also das Cölibat erfordertich sein , um eine Gelehrte hervorzubringen , sagte der Prediger . Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck erreicht werden , sagte die Gräfin . Was dem jungen Manne so leicht wird , ist für eine Frau unmöglich , sie könnte keine hohe Schule , keine öffentlichen Hörsäle besuchen ; es müßte also , da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte , ihr Vermögen so bedeutend sein , daß sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf andere Weise verschaffen könnte , und dennoch würde ein solches , in der Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit führen , denn sie müßte den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich beschäftigten Freunden entbehren , durch den die Ausbildung der Männer so sehr befördert wird , und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben , um nicht als pedantisch und anmaßend verlacht zu werden ; also wäre auch dieß ein sehr mühevoller und unsicherer Weg . Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können , ist , glaube ich , noch leichter einzusehen . Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der Natur verbieten , und ich glaube , alle Künstler sind darüber einig , daß ihnen dieß unentbehrlich ist . Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert wieder die bedingte Freiheit , denn es kann doch nur die Stelle beobachtet werden , wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann . Die Gedanken , welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt , muß eine Frau entbehren , und auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten , statt daß die jungen Männer sich gegenseitig mit einander berathen , verlachen und bewundern , und so durch Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen . Auch liegt in der Seele der Frauen eine gewisse Schüchternheit , die die Ausübung einer jeden Kunst hindert ; ich meine nicht die so oft äußerlich gezeigte , die nicht einmal immer wahrhaft ist , sondern diejenige , die es einer Frau unmöglich macht , das Tiefste , Wahrste , Wildeste und Größte , was ihre Seele denkt , auszusprechen . Ich halte es für unmöglich , daß eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann , und deßhalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen , als zeigen , und eben deßhalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken , daß große künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind , aber ich zweifle , ob er irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können . Es scheint aber , sagte der Geistliche , als ob wir in einen Widerspruch geriethen ; erst , glaube ich , verlangten die Frau Gräfin , daß unsere Töchter wie unsere Söhne ausgebildet werden sollten , und nun geben Sie selbst zu , daß dieß unmöglich ist . Ich glaube nicht , erwiederte die Gräfin , daß ich mit mir selbst im Widerspruche bin , ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben , daß , so wie man die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht , man diese Gerechtigkeit auch gegen das weibliche Geschlecht üben sollte . Daß die Erziehung an sich verschieden sein muß , habe ich nicht läugnen wollen , und wenn ich glaube , daß keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann , so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen , daß schöne Geistesanlagen nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten . Es wäre überhaupt zu wünschen , daß die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde , denn welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt haben mag , so wird man doch darin übereinkommen , daß die Erziehung der Kinder großen Theils in den Händen der Mutter ruht , und schon deßwegen sollte man diese gehörig ausbilden , damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten . Aber auch wenn man betrachtet , wie vieler Standhaftigkeit , Selbstüberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf , so ist es unbegreiflich , daß man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert , und zwar in einem Alter , wo den jungen Männern noch sehr Vieles nachgesehen wird , und doch so wenig dafür thut , durch eine vernünftige Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken , durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden können . Der Geistliche schien dieß Gespräch mit Eifer fortsetzen zu wollen , der Gräfin aber däuchte es , als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen Gegenstand geäußert , über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich , und sie nahm gern die Gelegenheit wahr , das Gespräch zu endigen , als der Obrist Thalheim die Gesellschaft vermehrte . XIX Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zurückgezogen , er ging mit ihm noch ein Mal alle nöthigen Maßregeln durch , die zu ergreifen sein möchten , um die Güter feines Vaters zu retten , und händigte ihm eine bedeutende Summe theils baar , theils in Wechseln ein , um nicht bloß die dringende Zahlung leisten zu können , sondern auch auf unvorhergesehene Fälle gefaßt zu sein und nun auch , wie der Graf noch bemerkte , etwas für den Knaben Gustav thun zu können , über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nähere bestimmten . Nachdem diese Geschäfte beendigt waren , ging der junge Graf in den Garten hinunter , um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen , die ihn bei der unerwarteten Großmuth seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten . In den dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien , der schwermüthig darin auf und abging , und mit Wehmuth auf einen Brief blickte , den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt . Als er den jungen Graf erblickte , reichte er ihm die Hand und sagte : Es ist vorbei , der anmuthige Traum ist ausgeträumt , ich muß wieder zurück in das traurige , einsame Leben . Was ist Ihnen begegnet ? fragte der junge Graf , was kann Sie in dem Grade traurig stimmen ? Theilen Sie mir Ihr Unglück mit . Ich bin wohl undankbar , sagte St. Julien lächelnd , daß ich die Beweise der Liebe der zärtlichsten , besten Mutter auf eine Art empfange , daß meine Freunde sie für ein Unglück halten müssen . Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen , das , was man gewöhnlich Unglück nennt , enthält er nicht . Der junge Graf fing den Brief zu lesen an , und nach den zärtlichsten Klagen einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes , sah er bald , daß sie so große Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies , wie sie nur der Reiche mit Großmuth bestimmen kann . Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick , dieser habe ein Mittel gesucht , um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen ; doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald , daß dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte . Er las daher den Brief weiter und fand , daß die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze Familie ausdrückte ; zum Schlusse bat sie den Sohn , sich nicht eher von dem Schlosse Hohenthal zu entfernen , bis sie selbst dort erscheinen würde , um der gräflichen Familie den Dank zu bringen , den ihr Herz so lebhaft empfände ; bis dahin , hoffte sie , würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein , daß der Sohn sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne . In der That , sagte der junge Graf , ich begreife nicht , wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen können . Muß ich denn nicht , rief St. Julien mit Heftigkeit , dieß Haus nun bald verlassen , in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt , und den Grafen , den ich wie einen Vater ehre , und die Gräfin , die ich wie eine Mutter zärtlich liebe , und - er schwieg , und eine brennende Röthe flammte auf seinen Wangen . Und Emilie , ergänzte der junge Graf lächelnd , wie wollen Sie das Gefühl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen ? Wenn Sie es denn errathen , kaltblütiger Mensch , rief St. Julien , so können Sie es ja begreifen , was mich zur Verzweiflung bringt . Er stürmte nach diesen Worten hinweg und ließ den Brief in den Händen seines Freundes zurück . Da der junge Graf die Nothwendigkeit fühlte , einen so wichtigen Brief wieder in den Händen dessen zu wissen , an den er gerichtet war , so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger , als er ihn verlassen hatte ; dieser nahm den Brief zurück und sagte : Diese Tage , diese Wochen , bis meine Mutter ankömmt , sind noch mein , ich will also den Rest des Lebens genießen . Ich begreife nicht , sagte der junge Graf , was Sie eigentlich zur Verzweiflung bringt . Ich glaube nicht , daß sich Emilie so gegen Sie beträgt , daß Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften . Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf , und sein Freund fuhr fort : Daß mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt , bemerkt ein Jeder ; meine Tante bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter . Von Ihrer Mutter , die Sie mit Zärtlichkeit überhäuft , scheint es mir , haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befürchten ; also , wo liegt denn Ihr Unglück ? Ihnen scheint Alles so klar und leicht , was mir zu entwirren so schwer däucht , erwiederte St. Julien . Haben Sie aber nicht selbst oft gehört , daß Emilie den Entschluß ausgesprochen hat , sich von der Gräfin nicht trennen zu wollen , und wenn ich zurück muß , wird sie mir dann nach einem Lande folgen , das diese zu verabscheuen scheint ? Der Graf selbst , so hoch ich ihn ehre , wird er eine Verbindung mit mir gern