großen Badehäuser liegen ( die einzigen im engen Tal ) , haben etwas sehr Festliches und Ruhiges durch die Regelmäßigkeit ihrer Hecken , die auf jeder Terrasse ein Boskett von Linden und Nußbäumen umgeben ; die vielen Quellen und Brunnen , die man unter sich rauschen hört , machen es nun gar reizend . Alle Fenster waren erleuchtet , die Häuser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald des übersteigenden Gebirges hervor . - Die junge Fürstin von Baden saß mit der Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee ; bald hörten wir Waldhörner aus der Ferne ; wir glaubten ' s kaum , so leise , - gleich antwortete es in der Nähe ; dann schmetterte es über uns im Gipfel ; sie schienen sich gegenseitig zu locken , rückten zusammen , und in milder Entfernung entfalteten sie die Schwingen , als wollten sie himmelwärts steigen , und immer senkten sie sich wieder auf die liebe Erde herab ; - das Geplauder der Franzosen verstummte , ein paarmal hörte ich neben mir ausrufen : » Délicieux ! « - Ich wendete mich nach dieser Stimme : ein schöner Mann , edle Gestalt und Gesicht , geistreicher Ausdruck , nicht mehr jung , bebändert und besternt ; - er kam mit mir ins Gespräch und setzte sich neben mich auf die Bank . Ich bin nun schon gewohnt , für ein Kind angesehen zu werden , und war also nicht verwundert , daß mich der Franzose cher enfant nannte ; er nahm meine Hand und fragte , von wem ich den Ring habe ? - Ich sagte : » Von Goethe « . » Comment de Goethe ? - Je le connais « ; und nun erzählte er mir , daß er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe , und Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten , um ihn als Andenken in Deiner Münzsammlung zu bewahren ; ich sagte : und mir habest Du den Ring zum Andenken gegeben und mich gebeten , Dich nicht zu vergessen . - » Et cela vous a remué le coeur ? « - » Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons , qui se font entendre là haut ! « Da fragte er : » Et vous n ' avez réellement que treize ans ? « - Du wirst wohl wissen , wer er ist , ich habe um seinen Namen nicht gefragt . Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltliche Gedanken aus dem Kopf ; ich schlich mich leise hinauf , so nah als möglich und ließ mir ' s die Brust durchdröhnen ; recht mit Gewalt . - Der Ansatz der Töne war so weich , sie wurden allmählich so mächtig , daß es unwiderstehliche Wollust war , sich ihnen hinzugeben . Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken , die schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert hätten ; es war , als läg das Geheimnis der Schöpfung mir auf der Zunge . Der Ton , den ich lebendig in mir fühlte , gab mir die Empfindung , wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles hervorgerufen , und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in jeder Brust wiederholt . - Und ich war beherrscht von Gefühlen , die von der Musik getragen , durchdrungen , vermittelt , verändert , vermischt und gehoben wurden ; ich war endlich so in mich versunken , daß selbst die späte Nacht mich nicht vom Platz brachte . Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter , von deren Widerschein die Bäume in grünen Flammen brannten , sah ich von oben herab verschwinden ; endlich war alles weg ; kein Licht brannte mehr in den Häusern ; ich war allein in der kühlen himmlischen Ruhe der Nacht ; ich dachte an Dich ! Ach , hätten wir doch beisammen unter jenen Bäumen gesessen und bei dem Rauschen und Plätschern der Wasser miteinander geschwätzt ! Am 24. August Immer noch hab ich Dir was zu erzählen ; den letzten Abend am Rhein ging ich noch spät ins nächste Dorf mit Begleitung ; als ich am Rhein hinschlenderte , sah ich von ferne etwas Flammendes heranschwimmen ; es war ein großes Schiff mit Fackeln , die zuweilen das Ufer grell erleuchteten ; oft verschwanden die Flammen ; minutenlang war alles dunkel ; es gab dem Fluß eine magische Wirkung , die sich mir tief einprägte als Abschluß von allem , was ich dort erlebt habe . Es war Mitternacht , - der Mond stieg trüb auf ; das Schiff , dessen Schatten in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelte , warf ein grelles Feuer auf die waldige Ingelheimer Aue , an der sie hinsteuerten , hinter welcher sich der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmählich sich in die dünne Nebelwolke wie in einen Schleier entwickelte . - Wenn man der Natur ruhig und mit Bedacht zusieht , greift sie immer ins Herz . Was hätte Gott meine Sinne inniger zuwenden können ? - Was mich leichter von dem Unbedeutenden , was mich drückt , lösen können ? - Ich schäme mich nicht , Dir zu bekennen , daß Dein Bild dabei heftig in meiner Seele aufflammte . Wahr ist ' s : Du strahlst in mich , wie die Sonne in den Kristall der Traube , und wie diese kochst Du mich immer feuriger , aber auch klarer aus . Ich hörte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur Arbeit anrufen ; sie ankerten an der Insel , löschten die Fackeln ; - nun wurde alles still bis auf den Hund , der bellte , und die Flaggen , die sich in der frischen Nachtluft drehten . - Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen , und wenn Du ' s erlaubst , so legte ich mich zu Deinen Füßen nieder , und es belohnte mich der Traum mit Liebkosungen von Dir , wenn ' s nicht Falschheit war . Wer wollte nicht an Erscheinung glauben ! Beglückt mich doch die Erinnerung dieser Träume noch heute ! Ja sag : was geht der Wirklichkeit ab ? - O ich bin stolz , daß ich von Dir träume ; ein guter Geist dient meiner Seele ; er führt Dich ein , weil meine Seele Dich ruft ; ich soll Deine Züge trinken , weil mich nach ihnen dürstet ; ja , es gibt Bitten und Forderungen , die werden erhört . Nun wehr Dich immer gegen meine Liebe ; was kann Dir ' s helfen ? - Wenn ich nur Geist genug habe ! - Dem Geist stehen die Geister bei . Bettine Am 30. August Ich öffne das Siegel wieder , um Dir zu sagen , daß ich Deinen Brief vom 10. seit gestern abend in Händen habe , und habe ihn fleißig studiert . - O Goethe , Du sagst zwar , Du willst keinen Krieg führen , und verlangst Friede , und schlägst doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein . Mutz mir doch den Primas nicht auf ! - Wenn ich ' s ihm sagte , er spränge Decken hoch und verliebte sich in mich - aber Du bist nicht eifersüchtig . Du bist nur gütig und voll Nachsicht . Deine Charade hab ich schlaftrunken ans Herz gelegt , aber geraten hab ich sie nicht ; - wo hätt ich Besinnung hernehmen sollen ? - Mag es sein , was es will , es macht mich selig ; ein Kreis liebender Worte , - so unterscheidet man auch nicht Liebkosungen , man genießt sie und weiß , daß sie die Blüten der Liebe sind . - Ach , ich möchte wissen was es ist : Ich hoffe still ; - doch hoff ich ' s zu erlangen , Als Namen der Geliebten sie zu lallen . Was hoffst Du ? - sag mir ' s und wie soll die Geliebte Dir heißen ? Welche Bedeutung hat der Name , daß Du mit Entzücken ihn nur zu lallen vermagst ? - In Einem Bild sie beide zu erblicken , In Einem Wesen beide zu umfangen . Wer sind die beide ? Wer ist mein Nebenbuhler ? In welchem Bild soll ich mich spiegeln ? - und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen ? - Ach , wie viele Rätsel in einem verborgen , und wie brennt mir der Kopf ; - nein , ich kann es nicht raten ; es will nicht gelingen , mich von Deinem Herzen loszureißen und zu spekulieren . Es tut gar wohl , an schön beschloßnen Tagen Eins an dem andern kecklich zu verbrennen . Und kann man sie vereint zusammen nennen , So drückt man aus ein seliges Behagen . Das tut Dir wohl , daß ich an Dir verglühe , an schön beschloßnen Tagen , wo ich den Abend in Deiner Nähe zubringe , und mir auch . Und kann man uns vereint zusammen nennen , So drückt man aus mein seligstes Behagen . Du siehst , Freund , wie Du mich hinüberraten läßt in die Ewigkeit ; aber das irdische Wort , was der Schlüssel zu allem ist , das kann ich nicht finden . Aber Deinen Zweck hast Du erlangt , daß ich mich zufrieden raten solle , ich errate daraus meine Rechte , meine Anerkenntnis , meinen Lohn und die Bekräftigung unsers Bundes , und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten , verbrenne mich immer , wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und vereint mit mir gern genennt sein willst . Wenn Dir die Mutter schreibt , so macht sie den Bericht allemal zu ihrem Vorteil , die Geschichte war so . Ein buntes Röckchen , mit Streifen und Blumen durchwirkt , und ein Flormützchen , mit silbernen Blümchen geschmückt , holte sie aus dem großen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug , in dem Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest . Bei dieser Gelegenheit hörte ich die genaue Geschichte Deiner Geburt , die ich gleich aufschrieb . Da fand sich denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongeperücke ! - Sie war sehr erfreut über diesen Fund und erzählte mir , daß man sie ihnen geschenkt habe , wie ihr Vater Syndikus geworden war . Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold , wie auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt ; ich hätte den kleinen Kerl gar zu gern gehabt . Sie meinte , er müsse Deinen Nachkommen aufbewahrt bleiben , und so kam ' s , daß wir ein wenig Komödie mit ihm spielten . Sie erzählte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend , aber nichts von Dir ; aber eine Geschichte , die mir ewig wichtig bleiben wird , und gewiß das Schönste , was sie zu erzählen vermag . Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne , er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens . Glück ist nicht immer das , was die Liebe nährt , und ich hab mich schon oft gewundert , daß man ihm jedes Opfer bringt , und nicht der Liebe selbst , wodurch allein sie blühen könnte , wie jener Myrtenbaum . Es ist besser , daß man Verzicht auf alles tue , aber die Myrte , die einmal eingepflanzt ist , die soll man nicht entwurzeln - man soll sie pflegen bis ans Ende . Alles , was Du verlangst , hoff ich Dir noch zu sagen , Du hast recht vermutet , daß mir die Zerstreuung hier viel rauben würde , aber Dein Wille hat Macht über mich , und ich hoffe , er soll Feuer aus dem Geist schlagen . Die Herzogin von Baden ist fort , aber unsre Familie samt anhängenden Freunden ist so groß , daß wir ganz Schlangenbad übervölkern . Adieu , ich schäme mich meines dicken Briefs , in dem viel Unsinn stecken mag . Wenn Du nicht frei Porto hättest , ich schickte ihn nicht ab . Von der Mutter hab ich die besten Nachrichten . Bettine Zweiter Teil An Goethe Da ich Dir zum letztenmal schrieb , war ' s Sommer , ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Köln ; als ich zurückgekommen war , verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter , wo sie freundlicher , leidseliger war als je . Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr , küßte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen . Denn ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen ; ich wußte wohl , sie hätte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen . Sie ist nun tot , vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete ; sie wußte wie und warum ich Dich liebe , sie wunderte sich nicht darüber . Wenn andre Menschen klug über mich sein wollten , so ließ sie mich gewähren und gab dem Wesen keinen Namen . Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschließen mögen , noch fester , tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mögen , und doch hielt dies mich ab vom Schreiben . Später warst Du so umringt , daß ich wohl schwerlich hätte durchdringen können . Jetzt ist ein Jahr vorbei , daß ich Dich gesehen habe , Du sollst schöner geworden sein , Karlsbad soll Dich erfrischt haben . Mir geht ' s recht hinderlich , ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen , an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte . Doch soll es nicht lange mehr währen , bis ich Dich wiederseh ; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten . Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht , ich schätze es immer als ein Glück , daß ich ihn sehen und sprechen konnte ; aber dazu bin ich nicht gekommen , - aufrichtig gegen ihn zu sein , und die Liebe , die man seinem Wohlwollen schuldig ist , ihm zu bezeigen . Seine beiden Schwestern verpallisadieren ihn , es ist empfindlich , durch leere Einwendungen von ihm abgehalten zu werden . Er ist duldend bis zur Schwäche und hat gar keinen Willen gegen ein paar Wesen , die Eigensinn und Herrschsucht haben , wie die Semiramis . Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Präsidentenstelle an der Akademie , sie wecken ihn , sie bekleiden ihn , knöpfen ihm die Unterweste zu , sie reichen ihm Medizin , will er ausgehn , so ist ' s zu rauh , will er zu Hause bleiben , so muß er sich Bewegung machen . Geht er auf die Akademie , so wird der Nimbus geschneutzt , damit er recht hell leuchte : da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prächtigem Zobel gefüttert , der Wärmkorb wird vorangetragen , kommt er aus der Sitzung zurück , so muß er ein bißchen schlafen , nicht ob er will ; so geht ' s bis zum Abend in fortwährendem Widerspruch , wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren ziehen und ihn zu Bette führen . Der Geist , auch unwillkürlich , bahnt sich eine Freistätte , in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht , was diesem nicht Eintrag tut , wird er gern der Willkür andrer überlassen . Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen , daß Deine Würde aus Deinem Geist fließe , und daß Du einer andern nie nachgestrebt habest ; die Mutter sagte , Du seist dem Genius treu , der Dich ins Paradies der Weisheit führt , Du genießest alle Früchte , die er Dir anbietet , daher blühen Dir immer wieder neue , schon während Du die ersten verzehrst . Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich , und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius , wenn der ihm einen Apfel schenkt , so fragt er jene erst , ob der Wurm nicht drin ist . Es braucht keinen großen Witz , und ich fühle es in mir selber gegründet : im Geist liegt der unauslöschliche Trieb , das Überirdische zu denken , so wie das Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel ; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu , alles was dieser entspricht , das reißt der Geist an sich und genießt es mit Entzücken , drum glaub ich auch , daß die Liebe der Flug zum Himmel ist . Ich wünsch es Dir , Goethe , und ich glaub es auch fest , daß all Dein Forschen , Deine Erkenntnis , das , was die Muse Dir lehrt , und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden , und daß der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde , wenn er ihn ablegt , sondern schon in jenen geistigen Leib übergeströmt . Sterben mußt Du nicht , sterben muß nur der , dessen Geist den Ausweg nicht findet . Denken beflügelt den Geist , der beflügelte Geist stirbt nicht , er findet nicht zurück in den Tod . - Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen , sie begriff meine Denkweise , sie sagte : » Erkenne erst alle Sterne und das letzte , dann erst kannst Du zweifeln , bis dahin ist alles möglich . « Ich habe von der Mutter viel gehört , was ich nicht vergessen werde , die Art , wie sie mir ihren Tod anzeigte , hab ich aufgeschrieben für Dich . Die Leute sagen , Du wendest Dich von dem Traurigen , was nicht mehr abzuändern ist , gerne ab , wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab , lerne sie kennen , wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr . Heute sag ich Dir nichts mehr , denn ich sehne mich , daß dieser Brief bald an Dich gelange ; schreib mir ein Wort , meine Zufriedenheit beruht darauf . In diesem Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut ; in wenig Tagen gehe ich nach München , um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren . Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen , ach besonders Dir hab ich nichts Höheres zu verkünden , als bloß Dich anzulächeln . Leb wohl , bleib mir geneigt , schreib mir wieder , daß Du mich lieb hast , was ich mit Dir erlebt habe , ist mir ein Thron seliger Erinnerung . Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel , nämlich glücklich zu sein , wie schnell bin ich befriedigt , wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst . Ich bitte die Frau zu grüßen , sobald ich nach München komme , werde ich ihrer gedenken . Landshut , den 18. Dezember 1808 Dir innigst angelobt Bettine Brentano , bei Baron von Savigny An Frau von Goethe Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet ; allein ich muß gestehen , daß Mißlaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten . Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter bestimmt . Ich dachte , Sie sollten diese während der Trauer tragen , und immer verschob ich die Sendung , zum Teil weil es mir wirklich unerträglich war , auch nur mit der Feder den Verlust zu berühren , der für mich ganz Frankfurt zu einer Wüste gemacht hat . - Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den müßigen Stunden vollendet . Bleiben Sie mir freundlich , erinnern Goethe in den guten Stunden an mich , ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde , die mich mehr schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine . Sie sehen also , welchen Reichtum Sie mir spenden können , indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern . Auch für ihn hab ich etwas , es ist mir aber so lieb , daß ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze . Ich mache mir Hoffnung , ihn in der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen , wo ich es ihm selbst bringen kann . Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter . Meine Schwachheit , Ihnen Freude machen zu wollen , behandeln Sie wie immer mit gütiger Nachsicht . München , 8. Januar 1809 Bettine An Goethe Andre Menschen waren glücklicher als ich , die das Jahr nicht beschließen durften , ohne Dich gesehen zu haben . Man hat mir geschrieben , wie liebreich Du die Freunde bewillkommnest . - Seit mehreren Wochen bin ich in München , treib Musik und singe viel bei dem Kapellmeister Winter , der ein wunderlicher Kauz ist , aber grade für mich paßt ; denn er sagt : » Sängerinnen müssen Launen haben « , und so darf ich alle an ihm auslassen ; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu , er leidet an Gicht , eine Krankheit , die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt ; ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus ; ein Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die große Ruhe ein anziehender Aufenthalt , ein Kranker , der mit gelaßnem Mut seine Schmerzen bekämpft , macht es zum Heiligtum . Du bist ein großer Dichter , der Tieck ist ein großer Dulder , und für mich ein Phänomen , da ich vorher nicht gewußt habe , daß es solche Leiden gibt ; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen , sein Gesicht trieft von Angstschweiß , und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine müde geängstigte Schwalbe , die vergeblich einen Ort sucht , wo sie ausruhen kann , und ich steh vor ihm verwundert und beschämt , daß ich so gesund bin ; dabei dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauß Schneeglöckchen , die ich ihm bringe , sooft ich komme , fordert er zuerst , daß ich dem Strauß frisch Wasser gebe , dann wische ich ihm den Schweiß vom Gesicht ganz gelinde , man kann es kaum , ohne ihm weh zu tun , und so leiste ich ihm allerlei kleine Dienste , die ihm die Zeit vertreiben , Englisch will er mich auch lehren , allen Zorn und Krankheitsunmut läßt er denn an mir aus , daß ich so dumm bin , so absurd frage und nie die Antwort verstehe , auch ich bin verwundert ; denn ich hab mit den Leuten geglaubt , ich sei sehr klug , wo nicht gar ein Genie , und nun stoße ich auf solche Untiefen , wo gar kein Grund zu erfassen ist , nämlich der Lerngrund , und ich muß erstaunt bekennen , daß ich in meinem Leben nichts gelernt habe . Eh ich von Dir wußte , wußt ich auch nichts von mir , nachher waren Sinne und Gefühl auf Dich gerichtet , und nun die Rose blüht , glüht und duftet , so kann sie ' s doch nicht von sich geben , was sie in geheim erfahren hat . Du bist , der mir ' s angetan hat , daß ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern , die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schätzenswert finden . Das Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht . Klavier spielen , Arien singen , fremde Sprachen sprechen , Geschichte und Naturwissenschaft , das macht den liebenswerten Charakter , ach und ich hab immer hinter allem diesem erst nach dem gesucht , was ich lieben möchte ; gestern kam Gesellschaft zu Tieck , ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm , ich wär auch gewiß da eingeschlafen , wenn nicht mein Name wär ausgesprochen worden , da hat man mich gemalt , so daß ich mich vor mir selber fürchten müßte ; ich kam auch plötzlich hervor und sagte : » Nein , ich bin zu abscheulich , ich mag nicht mehr allein bei mir sein . « Dies erregte eine kleine Konsternation , und mir machte es viel Spaß . - So ging mir ' s auch bei Jacobi , wo Lotte und Lene nicht bemerkt hatten , daß ich hinter dem großen runden Tisch saß , ich rief hervor mitten in ihre Epistel hinein : » Ich will mich bessern . « Ich weiß gar nicht , warum mein Herz immer jauchzt vor Lust , wenn ich mich verunglimpfen höre , und warum ich schon im voraus lachen muß , wenn einer mich tadelt : sie mögen mir aufbürden die allerverkehrtesten Dinge , ich muß alles mit Vergnügen anhören und gelten lassen . Es ist mein Glück ; wollte ich mich dagegen verteidigen , ich käm in des Teufels Küche ; wollte ich mit ihnen streiten , ich würde dummer wie sie . Doch diese letzte Geschichte hat mir Glück gebracht . Sailer war da , dem gefiel ' s , daß ich Lenen dafür beim Kopf kriegte und ihr auf ihr böses Maul einen herzlichen Schmatz gab , um es zu stopfen . Nachdem Sailer weg war , sagte Jacobi : » Nun , die Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen . « » Wer ist der Mann ? « fragte ich . » Wie ! Sie kennen Sailer nicht , haben ihn nie nennen hören , den allgemein gefeierten geliebten , den Philosophen Gottes , so gut wie Plato der göttliche Philosoph ist ? « - Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen , ich freue mich unendlich auf den Sailer , er ist Professor in Landshut . Während dem Karneval ist hier ein Strom von Festen , die einen wahren Strudel bilden , so greifen sie ineinander ; es werden wöchentlich neue Opern gegeben , die meinen alten Winter sehr im Atem erhalten , ich hör manches mit großem Anteil , wollt ich ihm sagen , was ich dadurch lerne , er würde es nicht begreifen . Am Rhein haben wir über Musik geschrieben , ich weiß nicht mehr was ; ich hab Dir noch mehr zu sagen , Neues , für mich Erstaunungswürdiges , kaum zu fassen für meinen schwachen Geist , und doch erfahre ich ' s nur durch mich selbst . Soll ich da nicht glauben , daß ich einen Dämon habe , der mich belehrt , ja es kommt alles auf die Frage an , je tiefer Du fragst , je gewaltiger ist die Antwort , der Genius bleibt keine schuldig ; aber wir scheuen uns , zu fragen , und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu begreifen , denn das kostet Mühe und Schmerzen ; anders können wir nichts lernen , wo sollten wir ' s herhaben , wer Gott fragt , dem antwortet er das Göttliche . Auf den Festen , die man hier Akademien nennt - Maskenbälle , in der Mitte ein kleines Theater , worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin Pierrot und Pantalon - hab ich den Kronprinzen kennengelernt ; ich habe eine Weile mit ihm gesprochen , ohne zu wissen , wer er sei , er hat etwas zusprechendes Freundliches und wohl auch originell Geistreiches ; sein ganzes Wesen scheint zwar mehr nach Freiheit zu ringen , als mit ihr geboren zu sein ; seine Stimme , seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch , der sich mit großem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf , eine zitternde Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat . Und wer weiß , wie seine Kinderjahre , seine Neigungen bedrängt oder durch Widerspruch gereizt wurden , ich seh ihm an , daß er schon manches überwinden mußte , und auch , daß sich Großes aus ihm entwickeln kann ; ich bin ihm gut , ein so junger Herrscher in der Vorhölle , wo er leiden muß , daß sich jede Zunge über ihn erbarmt ; seine gute Münchner , wie er sie nennt , sind ihm nicht grün ; ja wartet nur , bis er mündig ist , entweder er beschämt euch alle , oder er wird ' s euch garstig eintränken . Am 31. Januar Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht widerstehen , der warme mailiche Sonnenstrahl , der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz , war überraschend , es hat mich hinausgetrieben in den kahlen , englischen Garten , ich bin auf alle Freundschaftstempel , chinesische Türme und Vaterlandsmonumente geklettert , um die Tiroler Bergkette zu erblicken , die tausendfach ihre gespaltnen Häupter gen Himmel ragt ; auch in meiner Seele kannst Du solche große Bergmassen finden , die tief bis in die Wurzel gespalten sind , kalt und kahl ihre hartnäckige Zacken in die Wolken strecken . Bei der Hand möcht ich Dich nehmen und weit wegführen , daß Du Dich besinnen solltest über mich , daß ich Dir in Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwürdiges , dem Du nachspürtest , wie zum Beispiel einem Intermaxilarknochen , über den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Soemering behauptest , sag mir aufrichtig , werde ich Dir nie so wichtig sein als ein solcher toter Knochen ? - Daß Gott alles wohlgefügt habe , wer kann das bezweifeln ! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschränkt habest , dagegen erheben sich bei mir zu manchen trüben Stunden Zweifel , von schweren Seufzern begleitet . Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben , ja ich war ganz in Deiner Gewalt , und was ich dachte und fühlte , war