sei für deine Kunst von seiten deines christlichen Gefühlslebens , das immerhin doch überwiegend bleibt , nichts zu befürchten , selbst wenn zuletzt der Argwohn gewisser Zeloten sich noch rechtfertigen sollte , die einen heimlichen Anhänger der katholischen Kirche und den künftigen Apostaten in dir wittern . Du hast , so dacht ich , ein für allemal die Blume der Alten rein vom schön schlanken Stengel abgepflückt , sie blüht dir unverwelklich am Busen und mischt ihren stärkenden Geruch in deine Phantasie , du magst nun malen was du willst ; nichts Enges , nichts Verzwicktes wird jemals von dir ausgehn . Siehst du , das war mir längst so klar geworden ! und seh ich nun all den glücklichen Zusammenklang deiner Kräfte , und wie willig sich deine Natur finden ließ , jeden herben Gegensatz in dir zu schmelzen , denk ich das unschätzbare einzige Glück , daß dir die Kunst so frühe , fast ohne dein Zutun , als reife Frucht aus den Händen gütiger Götter zufiel , die sich es vorgesetzt zu haben scheinen , in dir ein Beispiel des glücklichsten Menschen aufzustellen - sag mir , soll mich ' s nicht kränken , toller Junge , soll mir ' s die Galle nicht schütteln , wenn du , vom seltsamsten Wahne getrieben , mit Gewalt Einseitigkeit erzwingen willst , wo keine ist , keine sein darf ! Ich rede nicht von deiner Stellung zur allgemeinen Welt , darüber kann ja , wie gesagt , kein Streit mehr sein , aber daß du der freundlichsten Seite des Lebens absterben und einem Glück entsagen willst , das dir doch so natürlich wäre , als irgendeinem braven Kerl , das ist ' s , was mich empört . Zwar geb ich gerne zu , dir hat die Liebe nicht ganz zum besten mitgespielt , ich leugne nicht , daß du seit Agnes - « » Ach , so ? « rief Nolten auf einmal , wie aus den Wolken gefallen , » dahinaus ? das war die Absicht , die du bisher mit soviel schmeichelhafter Beredsamkeit glaubtest vorbereiten zu müssen ? « » Sei nicht unbillig , guter Freund ! Was ich bisher zu deinem Ruhm gesprochen haben mag , war mein aufrichtiger barer Ernst , und es bedarf wohl der Beteurung nicht erst zwischen uns . Übrigens magst du immerhin den Kuppler in mir sehen , ich halte dies Geschäft im gegenwärtigen Falle für ein sehr löbliches und ehrenwertes . - Wo dich eigentlich der Schuh drückt , ist mir ganz wohlbekannt . Deine Liebeskalamitäten haben dich auf den Punkt ein wenig revoltiert , nun ziehst du dich schmerzhaft und gekränkt ins Schneckenhaus zurück und sagst dir unterwegs zum Troste : du bringest deiner Kunst ein Opfer . Du fürchtest den Schmerz der Leidenschaft , sowie das Überschwengliche in ihren Freuden . Zum Teufel aber ! was soll man von dem Künstler halten , der zu feige ist , dies beides in seinem höchsten Maß auf sich zu laden ? Wie ? du , ein Maler , willst eine Welt hinstellen mit all ihrer tausendfachen Wonne und Pein , und steckst dir vorsichtig die Grenzen aus , wie weit du wolltest dich mitfreun und leiden ? Ich sage dir , das heißt die See befahren und sein Schiff nicht wollen vom Wasser netzen lassen ! « » Wie du dich übertreibst ! « rief Nolten , » wie du mir Unrecht tust ! eben als ob ich mir eine Diätetik des Enthusiasmus erfunden hätte , als ob ich den Künstler und den Menschen in zwei Stücke schnitte ! Der letztere , glaub mir , er mag sich drehen , wie er will , wird immerhin entbehren müssen , und ohne das - - wer triebe da die Kunst ? Ist sie denn was anders als ein Versuch , das zu ersetzen , zu ergänzen , was uns die Wirklichkeit versagt , zum wenigsten dasjenige doppelt und gereinigt zu genießen , was jene in der Tat gewährt ? Muß demnach Sehnsucht nun einmal das Element des Künstlers sein , warum bin ich zu tadeln , wenn ich drauf denke , mir dies Gefühl so ungetrübt und jung als möglich zu bewahren , indem ich freiwillig verzichte , eh ich verliere , eh ich ' s zum zweiten und zum dritten Male dahin kommen lasse , daß die gemeine Erfahrung mir mein blühend Ideal zerpflückt , daß ich , ersättigt und enttäuscht am Gegenstande meiner Liebe , zuletzt dastehe - arm - mit welkem Herzen ? Du merkst , ich rede hier zunächst von dem gepriesenen Glück der Ehe : denn dies ist ' s doch , um was deine ganze Demonstration sich dreht . « » Und was gilt es , ich bringe dich noch zurechte wenn ich nur erst deine tollen Prätensionen herabgestimmt habe ! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen , wo von Liebe die Rede ist ? Bei allen Grazien und Musen ! ein gutes natürliches Geschöpf , das dir einen Himmel voll Zärtlichkeit , voll aufopfernder Treu entgegenbringt , dir den gesunden Mut erhält , den frischen Blick in die Welt , dich freundlich losspannt von der wühlenden Begier einer geschäftigen Einbildung und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle Alltagssonne , die doch dem Weisen wie dem Toren gleich unentbehrlich ist - was willst du weiter ? « Nolten sah schweigend vor sich nieder und sagte endlich : » Es gab eine Zeit , wo ich ebenso dachte . « Er wandte sich erschüttert auf die Seite , ging mit lebhaften Schritten durch den Saal und ließ sich dann erschöpft auf einen entfernten Stuhl nieder . Der Schauspieler , nachdem er die Erörterung des ihm über alles wichtigen Gegenstands nicht ohne Klugheit und Nachdruck bis hieher geführt , war voll Begierde , den Augenblick zu nutzen , und jetzt mit dem Gedanken an Agnes entschiedener hervorzutreten , mußte jedoch von diesem Wagnis ganz abstehen , da er bemerkte , wie heftig Nolten angegriffen war ; er suchte deshalb das Gespräch zu wenden , allein es wollte nichts mehr weiterrücken , man war verstimmt , man mußte zuletzt höchst unbefriedigt scheiden . Seit seiner Haftsentlassung hatte Larkens einen Entschluß gefaßt , wovon er bis jetzt noch gegen Nolten nichts laut werden ließ . Er wollte auf unbestimmte Zeit die Stadt verlassen und ins Ausland gehen . In mehr als einer Hinsicht schien dies wünschenswert und notwendig . Sein Schauspielkontrakt war seit kurzem zu Ende , der hiesige Aufenthalt war ihm durch die öffentlichen Vorfälle verbittert , der Hof selber schien seine Entfernung , auf eine Zeit wenigstens , nicht ungerne zu sehen . Aber dringender als dieses alles empfand er das eigene Bedürfnis , durch Zerstreuung , ja durch völlige Entäußerung von seiner bisherigen Lebensweise sich innerlich auszubessern und auszuheilen . Er entdeckte Theobalden seine Absicht , soweit er vorderhand für rätlich fand , und dieser , obgleich höchst unangenehm dadurch überrascht und fast gekränkt , konnte bei genauerer Betrachtung nichts dagegen sagen . Wie man aber , ehe an die Zukunft gedacht wird , vor allen Dingen der Gegenwart und der Vergangenheit ihr Recht erzeigen muß , so hatte Larkens im stillen einen Abend ausersehen an dem man die Erlösung von so mancherlei Unlust und Fährlichkeit recht fröhlich miteinander feiern wollte . Er besorgte ein ausgewähltes Abendessen und machte sich ' s besonders zum Vergnügen , die kleine , für ein Dutzend Gäste berechnete Tafel auf alle Art mit den frühesten Blumen und Treibhauspflanzen , sowie mit den verschiedenen Geschenken aufzuputzen , deren sich eine ziemlich bunte Sammlung von teilnehmenden Freunden und Gratulanten eingefunden . Was unter diesen hübschen und zum Teil kostbaren Dingen am meisten figurierte , war eine große Alabastervase von höchst zierlicher Arbeit , welche für Nolten bestimmt , in der Mitte des Tisches mit üppigen Gewächsen prangte . Sie war eine Gabe des Malers Tillsen , der sich heute überhaupt als einen der herzlichsten und redseligsten erwies . Der wunderliche Hofrat hatte nach seiner Weise die Einladung nicht angenommen und sich entschuldigt , doch zum Beweis , daß er an anderer Wohlsein Anteil nehme , einen Korb mit frischen Austern eingeschickt . Die übrige Gesellschaft bestand meist aus Künstlern . Unser Maler , von soviel ehrenden Beweisen der Freundschaft gleich anfangs überrascht und bewegt , hatte gegen eine wehmütige Empfindung anzukämpfen , die er , eingedenk der heitern Forderung des Augenblicks , für jetzt abweisen mußte . Die Unterhaltung im ganzen war mehr munter und scherzhaft abspringend , als ernst und bedeutend ; ja es nahmen die Späße eines gewissen Akteurs und Sängers dergestalt überhand , daß jeder eine Weile lang vergaß , selbst etwas Weiteres zur allgemeinen Ergötzlichkeit beizutragen , als daß er aus voller Brust mitlachte . Larkens , der Laune seines theatralischen Kollegen zuerst nur von weitem die Hand bietend , wiegte sich lächelnd auf seinem Stuhle , während er zuweilen ein Wort als neuen Zündstoff zuwarf ; bald aber kam auch er in den Zug , und indem er nach seiner Gewohnheit einen paradoxen Satz aufstellte , der jedermann zum Angriff reizte , wußte er durch den lustigen Scharfsinn , womit er ihn verfocht , die lebendigste Bewegung unter den sämtlichen Gästen zu bewirken , und immer das Beste , was in der Natur des einzelnen verborgen lag , war es Gemüt , Erfahrung oder Witz , mit Leichtigkeit hervorzulocken , wodurch denn unvermerkt das Interesse des Gesprächs sich auf das höchste vermannigfaltigen mußte . Zuletzt als man dem Frohsinn ein äußerstes Genüge geleistet , ward Larkens zusehends stiller und trüber ; er nahm , da man ihn damit aufzog , keinen Anstand , zu erklären , daß er der glücklichen Bedeutung dieses Abends im stillen noch eine andere für sich gegeben habe , und daß er sich die Bitte vorbehalten , es möge nun auch die Gesellschaft in ebendem besondern Sinne die letzten Gläser mit ihm leeren ; er werde auf längere oder kürzere Zeit aus der Gegend scheiden , um einige lang nicht gesehene Verwandte aufzusuchen . - Der Vorsatz , so natürlich er unter den bekannten Umständen war , erregte gleichwohl großes , beinahe stürmisches Bedauern , und um so mehr , als einige vermuteten , man werde den geschätzten Künstler , den sich die ganze Stadt seit kurzem erst gleichsam aufs neue wiedergeschenkt glaubte , bei dieser Gelegenheit wohl gar für immerdar verlieren , aber Nolten verbürgte sich für die treuen Gesinnungen des Flüchtlings . So wurden denn die Kelche nochmals angefüllt , und unter mancherlei glückwünschenden Toasten beschloß man endlich spät in der Nacht das muntere Fest . Die Ungeduld , mit welcher von jetzt an Larkens seinen Abgang betrieb , verhinderte ihn nicht , das fernere Schicksal seines Freundes zu bedenken , vielmehr wenn er sich bisher zur ernstlichsten Aufgabe gemacht hatte , die Neigung Noltens wieder auf die Braut zurückzulenken , wenn er sich vermittelst jenes fromm täuschenden Verkehrs mit Agnesen fortwährend von der Liebenswürdigkeit des Mädchens , von ihrem reinen und schönen Verstande , aber auch von dem natürlichen Verlangen überzeugte , womit , wie billig , ein zärtliches Kind sich den Geliebten bald für immer in die Arme wünscht , wenn er Theobalds ganze Verfassung , die noch immer drohende Nähe Constanzens bedachte , so konnte ihm nichts angelegener sein , als diesem zweifelhaften Schwanken einen raschen und kräftigen Ausschlag zu geben . Sein Plan deshalb stand fest , aber er sollte erst nach seiner Abreise in Wirkung treten , ja es war der günstige Erfolg , dessen er sich vollkommen versichert hielt , gewissermaßen auf seine Entfernung berechnet . Nun schrieb er an Agnesen , und wirklich , er dachte nur ungerne daran , daß es zum letzten Male sei . » Was für ein Tor man doch ist ! « rief er aus , indem er nachdenklich die Feder weglegte . » Mitunter hat es mich ergötzt , von der innersten Seele dieses lieblichen Wesens gleichsam Besitz zu nehmen , und um so größer war mein Glück , je mehr ich ' s unerkannt und wie ein Dieb genießen konnte . Ich bilde mir ein , das Mädchen wolle mir wohl , während ich ihr in der Tat soviel wie nichts bedeute ; ich schütte unter angenommener Firma die ganze Glut , die letzte , mühsam angefachte Kohle meines abgelebten Herzens auf dies Papier und schmeichle mir was Rechts bei dem Gedanken , daß dieses Blatt sie wiederum für mich erwärme . O närrischer Teufel du ! kannst du nicht morgen verschollen , gestorben , begraben sein , und wächst der Schönen drum auch nur ein Härchen anders ? Bei alledem hat mir die Täuschung wohlgetan , sie half mir in hundert schwülen Augenblicken den Glauben an mich selbst aufrechterhalten . Es fragt sich , ob es nicht ähnliche Täuschungen gibt , eben in bezug auf unsre herrlichsten Gefühle ? Und doch , es scheint in allen etwas zu liegen , das ihnen einen ewigen Wert verleiht . Gesetzt , ich werde diesem wackern Kinde an keinem Orte der Welt von Angesicht zu Angesicht begegnen , gesetzt , es bliebe ihr all meine warme Teilnahme für immerdar verborgen , soll das der Höhe meines glücklichen Gefühls das mindeste benehmen können ? Wird denn die Freude reiner Zuneigung , wird das Bewußtsein einer braven Tat nicht dann erst ein wahrhaft Unendliches und Unveräußerliches , wenn du damit ganz auf dich selbst zurückgewiesen bist ? « Er nahm jetzt in Gedanken den herzlichsten Abschied von dem Mädchen , und weil nach seiner Berechnung schon ihr nächster Brief wieder unmittelbar an Nolten kommen sollte , so gab er ihr deshalb die nötige Weisung , jedoch so , daß sie dabei nichts weiter denken konnte . Verriet nun das Benehmen des Schauspielers in diesen letzten Tagen überhaupt eine gewisse Unruhe und Beklommenheit , so war er bei dem Abschied von Theobald noch weniger imstande , eine heftige Bewegung zu verbergen , welche , zusammengehalten mit einigen seiner Äußerungen , auf ein geheimes Vorhaben hinzudeuten schien und unserm Maler wirklich auf Augenblicke ein unheimliches Gefühl gab , das denn Larkens nach seiner Art , wobei man oft nicht sagen konnte , ob es Ernst oder Spaß sei , schnell wieder zu zerstreuen wußte . Übrigens fühlte Nolten die große Lücke , welche durch des Schauspielers Entfernung notwendig nach innen und außen bei ihm entstehen mußte , nur allzubald , und die vielfachen Nachfragen der Leute zeigten ihm genugsam , daß er nicht als der einzige bei dieser Veränderung entbehre . Die beiden Freunde Leopold und Ferdinand reisten indessen auch ab , und doppelt und dreifach ward jetzt des Malers Verlangen geschärft , das Gleichgewicht seines Wesens vollkommen herzustellen . Der Entwurf eines neuen Werkes , wozu die erste Idee während der Gefangenschaft bei ihm entstanden war , lag auf dem Papier , und nun ging es an die Ausführung mit einer Lust , mit einem Selbstvertrauen , dergleichen er nur in den glücklichsten Jahren seines ersten Strebens gehabt zu haben sich erinnerte . Dennoch mußte er nach und nach bemerken , daß ihm zu einer völligen Freiheit der Seele noch vieles fehlte ; er ward verdrießlich , er stellte die Arbeit unwillig zurück , er wußte nicht , was ihn hindere . Eines Morgens bringt man ihm die Schlüssel zu den Zimmern des Schauspielers . Dieser hatte sie bei seiner Abreise einem dritten Freunde mit dem ausdrücklichen Wunsche hinterlassen , daß er sie erst nach Verfluß einiger Tage an den Maler ausliefere , welcher dann nicht säumen möge , die Zimmer aufzuschließen und was darin sich vorfinde , teils in Empfang zu nehmen , teils zu besorgen Zugleich erhielt Nolten ein Verzeichnis der sämtlichen Effekten , nebst Angabe ihrer Bestimmung . Er stutzte nicht wenig über diese sonderbare Kommission und befragte jene Mittelsperson mit einiger Ängstlichkeit : Was denn das alles zu bedeuten hätte ? Der junge Mensch aber wußte nicht viel weiter Bescheid zu geben und entfernte sich bald . Sogleich öffnete Nolten die Zimmer , wo er Mobilien , Bücher , Kupferstiche , Uhren und dergleichen wie sonst in der besten Ordnung fand . Alsbald aber zogen einige an ihn überschriebene Pakete , die auf einem Tischchen besonders hingerüstet waren , seine Augen auf sich . Hastig riß er den Brief auf , welcher obenan lag . Gleich bei den ersten Linien geriet Nolten in die größte Bewegung , es zitterte das Blatt in seiner Hand er mußte innehalten , er las aufs neue , bald von vorne , bald aus der Mitte , bald von hinten herein , als müßte er die ganze bittere Ladung auf einmal in sich schlingen . Inzwischen fiel sein Blick auf die übrigen Pakete , deren eines die Überschriften hatte : » Briefe von Agnes . Von deren Vater . Meine Briefkonzepte an Agnes . « Ein anderes zeigte den Titel : » Fragmente meines Tagebuchs . « Ohne recht zu wissen was er tat , griff er nochmals nach dem einzelnen Schreiben , er durchlief es ohne Besinnung , indem er sich von einem Zimmer , von einem Fenster zum andern rastlos bewegte ; er wollte sich fassen , wollte begreifen , nachdem er schon alles begriffen , alles erraten hatte . Er warf sich aufs Sofa nieder , die Ellbogen auf die Kniee gestützt , das Gesicht in beide Hände gedrückt , sprang wieder auf und stürzte wie ein Unsinniger umher . Sein Bedienter hatte soeben das Pferd zum Spazierritt vorgeführt und meldete es ihm . Er befahl , es wegzuführen , er befahl , noch zu warten , er widersprach sich zehnmal in einem Atem . Der Bursche ging , ohne seinen Herrn verstanden zu haben . Nach einer halben Stunde , während welcher Nolten , weder die übrigen Papiere anzusehen , noch sich einigermaßen zu beruhigen vermocht hatte , wiederholte der Diener seine Anfrage . Rasch nahm der Maler Hut und Gerte , steckte die nötigsten Papiere zu sich und entkam wie betrunken der Stadt . Wir wenden uns auf kurze Zeit von ihm und seinem traurigen Zustande weg und sehen inzwischen nach jenem wichtigen Schreiben . Larkens an Nolten » Indem Du diese Zeilen liesest , ist der , der sie geschrieben , schon viele Meilen weit von Dir entfernt , und wenn er Dir denn die Absicht gesteht , daß er sich fortgestohlen , um so bald nicht wiederzukehren , daß er seinen bisherigen Verhältnissen auf immer und auch Dir , dem einzigen Freunde , vielleicht auf Jahre sich entziehen will , so soll folgendes wenige diesen Schritt , so gut es kann , rechtfertigen . Gewiß klingt es Dir selber bald nicht mehr wie ein hohles und frevelhaft übertriebenes Wort , was Du wohl sonst manchmal von mir hast hören müssen : mein Leben hat ausgespielt , ich habe angefangen , mich selber zu überleben . Das ist mir so klar geworden in der letzten Zeit , wo ja unsereiner wahrhaftig schöne Gelegenheit hatte , die Resultate von dreißig Jahren wie Fäden mit den Fingern auszuziehn . Ich mag Dir die alte Litanei nicht vorsingen ; genug , mir ist in meiner eigenen Haut nimmer wohl . Ich will mir weismachen , daß ich sie abstreife , indem ich von mir tue , was bisher unzertrennlich von meinem Wesen schien , vor allem den Theaterrock , und dann noch das eine und andere , was ich nicht zu sagen brauche . Mancher grillenhafte Heilige ging in die Wüste und bildete sich ein , dort seine Tagedieberei gottgefälliger zu treiben Ich habe noch immer etwas Besseres wie das im Sinn . Am End ist ' s freilich nur eine neue Fratze , worin ich mich selber hintergehen möchte ; und fruchtet ' s nicht , nun so geruht vielleicht der Himmel , der armen Seele den letzten Dienst zu erweisen , davor mir denn auch gar nicht bang sein soll . Den Abschied , Lieber , erlaß mir ! O ich darf nicht denken was ich mit Dir verliere , herrlicher Junge ! Aber still ; Du weißt , wie ich Dich am Herzen gehegt habe , und so ist auch mir Deine Liebe wohlbewußt . Das ist kein geringer Trost auf meinen Weg . Auch kann es ja gar wohl werden , daß wir uns an irgendeinem Fleck der Erde die Hände wieder reichen . Aber wir tun auf alle Fälle gut , diese Möglichkeit als keine zu betrachten . Übrigens forsche nicht nach mir , es würde gewiß vergeblich sein . Und nun die Hauptsache . Mit den Paketen übergeb ich Dir ein wichtiges , ich darf sagen , ein heiliges Vermächtnis . Es betrifft Deine Sache mit Agnesen , die mich diese letzten zehn Monate fast einzig beschäftigte . Mein Lieber ! ich bitte dich , höre mich ruhig und vernünftig an . In der gewissesten Überzeugung , daß die Zeit kommen müsse , wo Dein heißestes Gebet sein werde , mit diesem Mädchen verbunden zu sein , ergriff ich ein gewagtes Mittel , Dir den Weg zu diesem Heiligtume offenzuhalten . Vergib den Betrug ! nur meine Hand war falsch , mein Herz gewißlich nicht : ich glaubte das Deine treulich abzuschreiben ; straf mich nicht Lügen ! Laßt mich den Propheten eurer Liebe gewesen sein ! Ihr Märtyrer war ich ohnehin ; denn indem ich Deiner Liebe Rosenkränze flocht , meinst du , es habe sich nicht manchmal ein Dorn in mein eigen Fleisch gedrückt ? Doch das gehört ja nicht hieher genug , wenn meine Episteln ihren Dienst getan . Fahre Du nun mit der Wahrheit fort , wo ich die Täuschung ließ . O Theobald - wenn ich jemals etwas über Dich vermochte , wenn je der Name Larkens den Klang der lautern Freundschaft für Dich hatte , wenn Dir irgend das Urteil eines Menschen richtiger , besser scheinen konnte als Dein eignes , so folge mir diesmal ! Hätt ich Worte von durchdringendem Feuer , hätt ich die goldne Rede eines Gottes , jetzt würd ich sie gebrauchen , um Dein Innerstes zu rühren , Freund , Liebling meiner Seele ! - So aber kann ich ' s nicht ; mein Kiel ist stumpf , mein Ausdruck matt Du weißt ja , es ist alle Schönheit von mir gewichen ; die dürre nackte Wahrheit blieb mir allein , sie und - die Reue . Vor dieser möcht ich Dich bewahren . Ich bin Dein guter Genius , und indem ich von Dir scheide , sei Dir ein andrer , besserer , empfohlen . Ich meine Agnesen . Setze das Mädchen in seine alten Rechte wieder ein . Du findest auf der Welt nichts Himmlischers , als die Seele dieses Kindes ist . Glaub mir das , Nolten , so gewiß als schwür ich ' s auf dem Totenbette . - Du hast Dich in Deinem Argwohn garstig geirrt . Lies diese Briefe , namentlich des Vaters , und es wird Dir wie Schuppen von den Augen fallen . Dann aber zaudre auch nicht länger ; fasse Dich ! Eile zu ihr , tritt sorglos unter ihre Augen , sie wird nichts Fremdes an Dir wittern , sie weiß nichts von einer Zeit , da Theobald ihr minder angehört als sonst ; das Feld ist durchaus frei und rein zwischen euch . Es steht bei Dir , ob der gute Tropf das Intermezzo erfahren soll oder nicht ; bevor ein paar Jahre vorüber , würd ich kaum dazu raten . Dann aber wird euch sein , als hättet ihr einmal in einem Sommernachtstraum mitgespielt , und Puck , der täuschende Elfe , lacht noch ins Fäustchen über dem wohlgelungenen Zauberspaß . Dann gedenket auch meiner mit Liebe , so wie man ruhig eines Abgeschiednen denkt , nach welchem man sich wohl zuweilen sehnen mag , doch dessen Schicksal wir nicht beklagen dürfen . « * Auf einem besondern Zettel befand sich noch folgende Nachschrift » Schon war mein Brief geschlossen , als es mir nachgerade gewaltigen Skrupel machte , Dir einen Umstand verschwiegen zu haben , der Dich vielleicht verdrießen mag , mir aber ad inclinandam rem nicht wenig dienen konnte . Ein Winkelzug gegen die Gräfin . So höre denn , und fluche mir die ganze Hölle auf den Hals und heiß mich einen Schurken , wenn Du das Herz hast - ich weiß doch , was ich zu tun hatte . Constanze wurde durch mich , oder vielmehr durch einen angelegten Zufall ( hinter welchem sie weder mich noch sonst jemand vermuten kann ) avertiert , daß ein gewisser Freund bereits irgendwo auf der Liste der glücklichen Bräutigame stehe . - Ich hoffe nicht , Dich durch den Coup zu stark kompromittiert zu haben , und ein weniges war schon zu wagen . Wenn ihr die Neuigkeit nicht schmeckte , so ist das in der Regel ; nicht , weil sie in Dich verliebt , sondern weil sie ein Weib ist . Wir haben die Ungnade , worein sie uns gleich auf jenes Possenspiel hat fallen lassen , einer elenden Konvenienz gegen die Hofsippschaft zugeschrieben , und einesteils bin ich noch jetzt der Meinung ; gesteh ich Dir nun aber zugleich , daß sie um die nämliche Zeit auch die Agnesiana zu schlucken bekam , so seh ich schon im Geist voraus , an was für neuen verzweifelten Hypothesen nun plötzlich Dein armer Kopf anrennen wird . Wie , wenn Madam sich mit ganz andern Gründen zum Zorne hinters allgemeine Zeter ihrer Schranzen versteckt hätte ? Holla ! das läuft dem guten Jungen heiß und kalt über die Leber ! Auch will ich ein Rhinozeros von Propheten sein , wenn sich Dir nicht in diesem Augenblick die rührende Gestalt von der Ferne zeigt , den schwarzen Lockenkopf in Trauer hingesenkt , weinend um Deine Liebe . Ein verführerisch Bild , fürwahr , dem schon Dein Herz entgegenzuckt , Doch halt , ich weise Dir ein anderes . - In dem sonnigen Gärtchen hinter des Vaters Haus betrachte mir das schlichte Kind , wie es ein fröhlich Liedchen summt , seine Veilchen , seine Myrten begießt . Man sieht ihr an , sie hat den Strauß im Sinne , den ihr heimkehrender Verlobter bald unter tausend tausend Küssen zum Willkomm haben soll ; jeden Tag , jede Stunde erwartet sie ihn - - Was nun ? wohin , Kamerade ? Nicht wahr , ein bittrer Scheideweg ! Hier wollt ich Dich haben ! so weit muß ich ' s führen . Der Rückweg zu Constanzen - vielleicht er steht noch offen , ich zeig ihn Dir , nachdem Du ihn schon für immer verschlossen geglaubt . Du solltest freie Wahl haben ; das war ich Dir schuldig . Inzwischen hast Du gelernt , es sei auch möglich , ohne eine Constanze zu leben , und damit mein ich , ist unendlich viel gewonnen . Theobald ! noch einmal : denk an den Garten ! Neulich hat sie die Laube zurechtgeputzt , die Bank , wo der Liebste bei ihr sitzen soll . Wirst Du bald kommen ? wirst Du nicht ? - Wag es sie zu betrügen ! Den hellen süßen Sommertag dieser schuldlosen Seele mit einem verzweifelten Streiche hinzustürzen in eine dumpfe Nacht , wehe ! das wimmernde Geschöpf ! Tu ' s , und erlebe , daß ich in wenigen Monden , ein einsamer Wallfahrer , auf des Mädchens Grabhügel die kraftlose Posse , das Nichts unsrer Freundschaft , und die zerschlagene Hoffnung beweine daß mein elendes Leben , kurz eh ich ' s ende , doch wenigstens noch so viel nutz sein möchte , zwei gute Menschen glücklich zu machen . « * Wer war unglücklicher als der Maler ? und wer hätte glücklicher sein können als er , wäre er sogleich fähig gewesen , seinem Geiste nur so viel Schwung zu geben , als nötig , um einigermaßen sich über die Umstände , deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinauswuchsen , zu erheben und eine klare Übersicht seiner Lage zu erhalten . Doch dazu hatte er noch weit . In einer ihm selbst verwundersamen , traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam , bald hitzig einen einsamen Feldweg , und statt daß er , wie er einigemal versuchte , wenigstens die Punkte , worauf es ankam , hätte nach der Reihe durchdenken können , sah er sich , wie eigen ! immer nur von einer monotonen , lächerlichen Melodie verfolgt , womit ihm irgendein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den Ohren lag . Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte , die ärmliche Leier kehrte immer wieder und schnurrte , vom Takte des Reitens unterstützt , unbarmherzig in ihm fort . Weder im Zusammenhange zu denken , noch lebhaft zu empfinden war ihm gegönnt ; ein unerträglicher Zustand . » Um Gottes willen , was ist doch das ? « rief er zähneknirschend , indem er seinem Pferde die Sporen heftig in die Seiten drückte , daß es schmerzhaft auffuhr und unaufhaltsam dahinsprengte . » Bin ich ' s denn noch ? kann ich diesen Krampf nicht abschütteln , der mich so schnürt ? Und was ist ' s denn weiter ? wie , darf diese Entdeckung so ganz mich vernichten ? was ist mir denn verloren , seit ich das alles weiß ? genau besehen - nichts , gewonnen - nichts - ei ja doch , ein Mädchen , von dem mir jemand schreibt , sie sei ein wahres Gotteslamm , ein Sanspareil , ein Angelus ! « Er lachte herzlich über sich selbst , er jauchzte hell auf und lachte über seine eignen Töne , die ganz ein andres Ich aus ihm herauszustoßen schien . Indem er noch so schwindelt und schwärmt , stellt sich statt jener musikalischen Spukerei eine andere Sucht bei ihm ein , die wenigstens keine Plage war . Seine aufgeregte Einbildungskraft führte ihm mit unbegreiflicher Schnelligkeit eine ganze Schar malerischer Situationen zu , die er sich in fragmentarisch - dramatischer Form