Eindruck des Jammers , der hier so plötzlich Alles umgewandelt hatte , nahm mir alle Fassung . Gleich der Thüre gegenüber lag der bleiche Georg , ganz in Betten und Decken gehüllt , so , daß nur das seitwärts , auf die Brust hängende blonde Lockenköpfchen sichtbar war . Neben ihm saß des Amtmanns Mutter , die sanften , feuchten Augen auf die geschlossenen des Kindes gerichtet ; zu ihren Füßen kniete eine unkenntliche Gestalt , dem Tode ähnlicher als den Lebendigen , bewußtlos , regungslos , verriethen nur die starken und raschen Athemzüge , daß der Schmerz wenigstens diese arbeitende Brust bewege . Es war die schöne , unglückliche Präsidentin . Der bunte Zierrath des Zimmers , die hohen Blumenkübel , das frische Roth unzähliger , in Körben und Schaalen umher stehender Rosen , all der Schmuck jugendlicher Sinnenlust , stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe der tiefsten Trauer ab . Ich näherte mich leise . Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf mich zu . Wir drückten einander schweigend die Hände . » Ich fürchte , « flüsterte er , » ein Schlagfluß hat hier schneller geendet , als meine rasche Hülfe es sonst begreiflich macht . Das Kind lag nicht über einige Minuten im Wasser . « Ich erwiederte nichts . Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen , an dessen oberstem Rande , da , wo es die Wange des Schlummernden berührte , eine Feder leise hin und her zu wehen schien . Der Baron folgte meinem Blicke . Ich bog mich über das Bett . Ich hörte schwache Athemzüge . Ohne mich weiter zu bedenken , öffnete ich dem Kind eine Ader . Das Blut tropfte erst langsam , dann sprang es in einem Bogen über die weiße Decke auf die gefaltenen Hände der Mutter , die mit einem Schrei aus ihrer Betäubung auffuhr . Sie sah irre und verstört umher . » Er hat mich geküßt ! « flüsterte sie , kaum hörbar . » Wahrhaftig , er hat mich geküßt ! Er lebt ! « » Ja , « versetzte ich zuversichtlich . » Er lebt . Aber jetzt erschrecken Sie die rückkehrende Besinnung nicht . Schweigen Sie , um Ihres eignen Friedens Willen , nur noch wenige Augenblicke . « Sie sah mich schüchtern an . Auf ihren Zügen lag dumpfe Ungewißheit . Doch that sie , was man ihr sagte . Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand , so schob sie sich doch auf diesen seitwärts in einen Winkel des Zimmers , von wo sie , angstvoll zusammengesunken , auf Georg sah . Der Umschwung in dem kleinen Körper war schnell geschehen . Von der Betäubung zum Erwachen brauchte es , sobald die Springfedern innerer Thätigkeit in Bewegung gesetzt waren , nur wenige Minuten . Ein paar Tropfen Aether , der flüchtige Geist scharfer Essenzen , und das Anwehen frischer Luftzüge durch die geöffneten Fenster , vollendeten das Werk völliger Wiederbelebung in Kurzem . Das erste vollständige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche , dann wiederholte Ruf nach der Mutter . Diese schauerte vor dem Tone , als komme er aus einer andern Welt . Sie hatte kaum die Kraft , sich zu erheben . Ich eilte auf sie zu . Alle Glieder flogen ihr , wie im stärksten Fieberfrost . Sie schwankte , die fragenden Augen bittend umher gesandt , nach dem Bette des Kleinen . Wie dieser aber jetzt aufsah , die Aermchen matt hob , und mit dem rührendsten Tone : » Liebe Mutter ! « sagte , da sank sie laut schluchzend über ihn hin , und vielleicht waren es ihre Thränen , die seine Brust vollends erwärmten , die Schläge seines Herzens schneller hoben . Hier war jetzt die gestörte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zurückgetreten . Die Natur stellte sich durch sich selbst her . Des Kindes Rettung beflügelte die Seele der Mutter . Gehoben und gesammelt , stand diese nach einer Weile wieder unter uns . Sie schien nichts gelitten , nichts empfunden zu haben . Mit einer Wärme und Innigkeit , wie sie nur dieser reichbegabten , unwiderstehlichen Frau inwohnt , ließ sie uns ihr Entzücken theilen . Sie sagte wenig , that nichts , aber aus jeder Miene , aus den rührenden Blicken , aus dem stillen , tiefsinnigen Versinken über ihr unbegreifliches Glück , athmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen . Leider ! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden . Der Präsident stürzte , nach einer kurzen Abwesenheit , ungestüm ins Zimmer . Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen gedrungen . Die große Erschütterung plötzlicher Freude erhöhte den leidenschaftlichen Zustand seines Gemüths , der heute zum erstenmal , in reifern Jahren , aus den Grundsätzen beherrschender Mäßigung , in die dammlose Fluth empörter Gefühle hineingerathen war . Seine unzusammenhängenden Worte , das Heftige , ja Stürmische in ihm , erschreckte den Knaben . Er ward blöde , schwieg oder weinte , und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters , ihn zwar lebend , doch krank und leidend wiedergefunden zu haben . In seiner unbemeisterten Besorgniß äußerte dieser das unverhohlen , wie er überhaupt , ganz im Gegensatz sonstiger Rücksicht , jetzt nur laut dachte und empfand , was die Umstehenden in große Verlegenheit setzte . Die Verwirrung stieg auf das Höchste , als der Präsident , nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheißen , sich , ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten , zu der Mutter des Amtmanns mit den Worten wandte : » Nun dann , Madame Lindhof , so übertrage ich Ihnen die Sorge für des armen Knaben Gesundheit , bis ich von einer unerläßlich gewordenen Reise zurückkehre . « Er nahm hierauf die verlegen dastehende , ängstlich überraschte Frau bei der Hand , führte sie in ein anderes Zimmer , um das Nähere seiner Anordnungen zu bestimmen . Ich hatte nicht den Muth , vom Boden aufzusehen . Der Baron gab mir einen Wink , das Zimmer zu verlassen . Wir eilten in den Garten . » Gott ! « rief ich hier , unter die Last unerträglicher Gefühle gepreßt , aufseufzend , » muß denn dies Haus zusammen brechen ! Und ist keine Klarheit nach dem Gewitter zu hoffen ? « » Keine ! « entgegnete der Baron , der noch bleicher und melancholischer aussah , als sonst . » O , « sagte ich lebhaft , » warum wurdest du denn ins Leben zurückgerufen , armes Kind ! Besser wäre es gewesen , du hättest den unnatürlichen Riß häuslicher Eintracht still verschlafen ! dein kleines Herz wäre gebrochen , ehe Unwille und Bitterkeit darin keimten . « Der Baron sah mich schmerzlich an , ohne etwas zu erwiedern . Wir gingen mit raschen Schritten tiefer in das Gebüsch . Meine Seele war voll Kummer . Ich sah nicht , wohin uns der Weg führte , als mich das zertretene Gras und der Anblick des Sees plötzlich aufschreckte . » Hier also ? « fragte ich stillstehend . Mein Begleiter nickte bejahend , während sein betrübtes Auge langsam über die Wellen glitt . » Wie kam es nur , « fragte ich zögernd , » und was trug sich sonst noch Unseliges zu , das solche Folgen haben konnte ? « Der Baron schien mit der Antwort zu kämpfen . Ich hatte bis jetzt eine Scheu gehegt , deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen . Die schonungslose Härte des Präsidenten erschütterte und empörte mich . Ich wollte ihn allein schuldig wissen . Die Frage sprang mir über die Lippen . Was ich von ihm erfuhr , war Folgendes : Der Präsident kam gegen Abend auf seinem Landhause unerwartet an , fand Niemand dort , fragte hierauf seine Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus ; doch ihre Antwort nicht erwartend , stürzte er eilig dem Garten zu . Hier sah man ihn ungestüm hin- und herlaufen , hörte ihn laut rufen , und bemerkte nicht ohne Besorgniß , daß er in einen Kahn sprang , diesen losmachte und nach dem jenseitigen Ufer des Sees hinüberfuhr . Die unmäßige Heftigkeit , welche affectlose Menschen zu Zeiten , wie mit triumphirender Gewalt , befällt , mußte die bestürzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfüllen , als das sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon längst an ihr zum Verräther ward . Niemanden unter allen Leuten des Hauses , blieb der Zweck jener langen , nach der Wohnung der Tannenhäuserin führenden Spatziergänge , ein Geheimniß . Hierher flüchtete die schöne Frau , und beruhigte ihr Gewissen , wenn der Graf in seinem schmalen Boot stehend , mit ihr redete , während sie am Ufer saß , und es das Ansehen hatte , dem Freunde zufällig begegnet zu sein . Jäger und Fischer , welche Abends des Weges kamen , hatten sie oft so gesehen . Es ward hier und da darüber gesprochen . Mehrere weissagten längst nichts Gutes davon . Jetzt war es klar , dem Präsidenten mußte Jemand die Augen geöffnet haben . Auf Tavanelli fielen Alle . Er ließ sich seitdem , ganze Tage nicht sehen . Den Knaben , hieß es , habe er mitgenommen . Andere wollten versichern , dieser spiele im Garten . Er sei mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen . Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte , hörten sie ein kurzes , wiederholtes , helles Angstgeschrei von der Seite her , wo sie Georg zuletzt gesehen hatten . Es war ein herzzerschneidender Ton , den das Echo über den See gellend zurückschallte . » Das Kind ! das Kind ! « sagten Alle voller Entsetzen , indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten . Ehe sie gleichwohl die Stelle erreichen konnten , wo das Unglück geschehen war , hatte der Baron Wildenau , von bangem Vorgefühl getrieben , und in der Absicht , den verstörten , unstäten Tavanelli aufzusuchen , sich in den Garten begeben . Seine Entschlossenheit rettete den schönen Knaben . Er entriß ihn den Wellen , doch trug er ihn leblos ans Land . Indeß war der fürchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen . » Georg ! « sagten alle Stimmen der Seele zugleich in ihm . Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder nach dem Garten zurück . Ungeübt , mit dem Kahne zu fahren , erreicht er erst das Ufer , als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt . Sprachlos vor Angst theilt er die Menge . Sein erster Blick begegnet der athemlos herbeistürzenden Mutter , die das bleiche Kind an sich reißt , es umschlingt , küßt , mit Entsetzen in die Höhe gegen das Licht hält , und da sie die Augen geschlossen sieht , kein Leben spürt , zu den Füßen ihres Mannes sinkt , mit der Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt , und laut ruft : » Er und ich ! - « Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen . Die Zunge versagte ihr . Aber in Blick und Miene lag eine schwerere , eine zermalmende Anschuldigung . Der Präsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung . Er mochte sein Geschick nicht fassen . Diese Stille , dies Verstummen tiefster Natur in dem Manne , der als Richter hier vor ihr stand , löste ihr ganzes Wesen in leidenschaftliche Verzweiflung auf . Sie klagte sich jetzt laut und fürchterlich an , bekannte ihre heiße Liebe für den Grafen , gesteht , daß , um ihn zu sehen , sie das Kind beredet , hier im Garten zu spielen , während sie die weite Strecke bis zur Tannenhäuserin in kurzer Zeit zurückzulegen gedachte ; nannte sich im Aufruhr aller Sinne , des Knaben Mörderin , und flehte den strafenden Himmel nur um die erbarmende Gnade an , ihrem sündlichen Leben ein Ende zu machen . Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast über ihre Lippen , ohne daß die Umstehenden es hindern konnten . Der Präsident starrte sie lange ungewiß an . Endlich , als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder , zuckte er zusammen , und wandte sich rasch nach dem Grafen hin . Der Moment war entscheidend . Jener empfand sogleich , worauf es ankam . Er trat dem schwer Beleidigten mit wehmüthiger Ruhe entgegen , indem er leise sagte : » Sie haben keine Minute zu verlieren , um das Leben Ihres Kindes zu retten . Das ist jetzt das Nächste . Später wie und wann Sie wollen . « Die Mahnung an Georgs Gefahr , die Furcht , ihn vielleicht schon verloren zu haben , drückte für einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglücklichen Vater nieder . Er flog auf den Kleinen zu , entriß ihn der Mutter , setzte alles in Bewegung , um Hülfe herbei zu holen . Er selbst ging und kam , klagte , schalt , trieb und drängte die geängstigte Dienerschaft hin und her , so daß diese es kaum wußte , als er , vielleicht in der Absicht , selbst ärztlichen Beistand zu suchen , unter den Umstehenden verschwand . Jedermann war so betäubt von dem Schreck , so vertieft in dem eifrigen Bemühen , den Tod von des Knaben Schläfen zu verscheuchen , daß selbst der nahe Knall zweier Schüsse bei Niemanden Sorge erweckte , und man sich erst besann , den Präsidenten vermißt zu haben , als dieser zurückkehrte . » Es sind , « hub Baron Wildenau , nachdem er mir soviel mitgetheilt hatte , nach einer Pause wieder an . » Es sind hier dunkle Schattenstellen , die uns einen Theil des Zusammenhanges verhüllen . Lassen wir sie , ohne daran zu rühren . Die Zeit wird Alles aufklären . « Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren , als wir , durch das Geräusch eines vorüberrollenden Wagens aufmerksam gemacht , uns umsahen . Auf das Höchste überrascht , erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin . Die große Reisekutsche , die beiden , in dunkelroth und schwarz gekleideten Bedienten auf dem Bock . Es ließ sich nicht verkennen . » Mein Gott , Emma ! « rief der Baron , beide Hände , wie von einem großen Schreck überwältigt , zusammenschlagend ! » Was ist mit ihr ? « fragte ich unruhig . » Die Mutter entführt sie gewaltsam , « entgegnete er . » Sehen Sie doch nur , ihr Wagen schlägt den Weg ein , welcher auf die große Straße führt . Sie kehrt nach der Heimath zurück . Wie würde sie das thun , begleitete sie die Tochter nicht . Nimmermehr würde sie solche jetzt zurücklassen . « » Bei dem Gesundheitszustand der Gräfin ? « warf ich ihm ein . » Eben deshalb ! « versetzte der Baron . » Eben diese Schwäche giebt der entschlossenen Mutter volle Gewalt über sie . « Aus der Ungewißheit zu kommen , eilte ich nach der Burg zurück , da mich länger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte , und mich ohnehin hier nichts band . Ich fand den Comthur einsam in seinem Zimmer . Es war geschehen , wie es Baron Wildenau voraussagte . Die Betäubung der Gräfin , die Verwirrung im Hause , alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen , heimlichen Abreise . Wie sie die Tochter überrascht , wie sie sie überredet hat , ist noch ein Geheimniß . Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts , als : » Wir verlassen die Burg ! daß ein Dach uns nicht länger beschirmen kann , ist klar . Genießen Sie nun Ihre Freiheit , wie Sie können . « Das Blatt fiel in des Oheims Hände . Er zögerte noch , es dem Neffen zuzustellen . Dieser läßt Niemand vor sich . Ich versuchte vergebens , zu ihm zu dringen . Weiter wüßte ich dem treuen Bericht , in Bezug der unglücklichen Familienverwirrung beider verehrten Häuser , nichts hinzuzufügen . Der Präsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten . Seine Gemahlin verließ die Gegend . Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein . Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns . Er erzählt jedem , der es hören will , seinen Unfall , mit dem Zusatze : daß er sich aus Furcht vor dem Vater , der so laut und lärmend nach ihm gerufen , im Rohr versteckt , nachher aber nicht wieder an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hätte , in der Angst ausgegleitet und ins Wasser gefallen sei . Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen . Zweiter Theil Sophie an Elise Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie , liebe , arme Freundin ! Werden Sie denn aber auch noch etwas von dem hören wollen , was unter den Schauern der Vergangenheit , hinter Ihnen liegt ? Vielleicht legen Sie den Brief bei Seite , dessen Siegel Ihnen verräth , von wem er kommt ! Der Name meines Stifts ruft zugleich andere , schmerzliche Namen zurück . Ach , meine Gute ! wie traurig , daß Ihnen diese so wehe thun müssen ! Nein , es ist kein Vorwurf , was ich hier sage . Es ist nur eine von den unzähligen Klagen , die mir das Geschick der liebsten , besten Menschen auspreßt . Gewiß , ich habe kein anderes Gefühl in meiner Brust , als Mitleid und Theilnahme für Sie Alle ! Für Sie Alle ! Ja , glauben Sie es nur . Dasselbe Gewebe , das Ihr argloses Herz umspannt , hat seine Fäden so weit gezogen , so sonderbar verschlungen , daß die schönsten Kräfte dadurch gefesselt , die reichsten Gemüther ohnmächtig geworden sind , und statt des bewegten Lebens , schwarze Melancholie durch die vereinzelten Kreise der Freunde zieht . Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zurückkam ; wer , wie ich , das Bild warmer Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten Innern festhielt , wer den freien Horizont und die leichte , elastische Luft der Heimath wieder zu finden dachte , und nun überall auf verschlossene Häuser , auf abgebrochene Verhältnisse stößt , stumme Trauer , undurchdringliche Nebel ihn umgeben , und schneidende , zusammenpressende Kälte allein ihn erinnert , daß er ein Herz hat , der könnte versucht werden , an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bösen Geistern zu glauben . Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen . Die Wände der Zimmer , das Geräth , die Bäume vor den Fenstern , alles ist unverändert , aber es macht nur den Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener . Ich fühle mit unsäglichem Kummer , daß der Inhalt verschwunden , der lebendige Geist entflohen ist . Die Räume sind leer . Der Gedanke verliert sich in die unergänzten Lücken . Beste Freundin ! Was waren es für Stunden , die wir mit einander zubrachten ; so friedliche , harmlose Stunden ! O , der Mensch achtet die Stille nicht hoch genug , die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren , feinern Geistesblüthen vergönnt ist ! Der Frühling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flüchtiger , als der der äußeren , an uns vorüber , und wir besinnen uns erst nachher , wie reich wir waren , wenn die Blüthenzeit vorüber ist , und neue Entwickelungen sich unter mannigfachen Kämpfen vorbereiten . Wohin ich jetzt den Fuß setze , tönt mir Störendes entgegen . Jeder Gegenstand erinnert an das , was nicht mehr ist , jeder Besuch ängstigt , jede Frage verletzt mich . Auch komme ich zu Niemanden . Die Burg bleibt Jedem unzugänglich . Der Comthur fürchtet , wie alle Männer , durch lebhafte Erschütterungen , aus dem äußern Gleichgewicht zu gerathen . Er hat mir ein Paar gute , treue Worte geschrieben , doch vermeidet er , tiefer in den Gegenstand einzugeben , den ich nur leise berühren mochte . So verstummt dann die Gegenwart völlig . Der einzige Genuß , den ich mir zuweilen erlaube , ist der , Ihre früheren kleinen Briefchen zu lesen , die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon überbrachte . Wie erkenne ich , wie höre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder , liebenswürdige Elise ! Ja , Sie sind unverändert dieselbe geblieben . Wie Sie in Nichts Arges suchen , so rein blieben auch Ihre eignen Gefühle . Sie glaubten nie an das Böse , Sie suchten es nicht in sich , und treu der Wahrheit , die Sie erkannten , heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt , seit Gottes Finger die Wolke theilte . Wie viel hiervon dem Bewußtsein , wie viel der Natur in Ihnen angehört ? möchte wohl schwer zu entscheiden sein . Genug , Sie konnten nicht anders ! Wie sollte ich Sie nun mißkennen und tadeln , weil das Ihr Unglück gemacht , was stets die Eigenthümlichkeit Ihres Wesens begründete . Freimüthig bis zum Selbstvergessen , ein losgebundenes Kind der Natur , spielten Sie mit den Fesseln , die Sie sich abgestreift , ohne einen andern Halt zu suchen , als Ihr kühnes Wollen . So zeigten Sie sich von je , und immer begleitete ich Sie mit Sorgen . Wer aber hätte Sie warnen können ? wem würden Sie geglaubt haben ? Göttliche Gewalt hat nur das Göttliche . Erschrecken Sie nicht zu sehr , Sie , das möchte ich beschwören , finden Ihren Weg wieder . Dulden Sie doch die Freundin zur Seite . Lassen Sie mich es wissen , wie und wo Sie Trost suchen ? Was Sie ergriffen , wie Sie leben ? Hier , denken Sie wohl , erfahre ich nichts von Ihnen . Wen dürfte ich deshalb befragen ? Zuweilen hatte ich den Gedanken , Madame Lindhof einen Besuch zu machen . Aber ich bin nicht im Stande , den Weg dahin anzutreten ! Wie sollte ich jetzt schon den Anblick Ihres Hauses , des Gartens - Nein , Elise , nein ! meine Seele ist zu wund , um sie den schneidenden Luftzügen in den ausgekälteten Räumen so frühe bloszustellen . Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Thränen , am Grabe ihres Glückes empört sich das Gefühl gegen die Ohnmacht , Geschehenes nicht ungeschehen machen zu können . Ich habe so genug mit mir zu thun , die ängstigende Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten : Ob es auch recht war , daß ich die Oberhofmeisterin reisen ließ , da ich damals schon ahndete , wie sehr Sie der Freundin bedurfte ? Es ist nicht immer leicht , von zweien Pflichten die dringendere zu wählen , vollends aber wird es denen erschwert , die , in unabhängiger Beziehung zur Welt , sich selbst im entscheidenden Augenblicke bestimmen sollen . Ich glaubte damals das Unerfreuliche thun zu müssen , und dachte mir in dem Opfer eigner Wünsche zu genügen . Vieles wäre wohl unterblieben , willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen Freundin ! Doch wie ist das Leben zu berechnen ! durfte ich hoffen , es mit einem so mächtigen Feinde , als Ihr eigenes Herz , beste Elise , aufnehmen zu dürfen ? Sehen Sie aber hieraus , wie schwach ich bin , und wie wenig es mir einfällt , bei Ihnen die Starke spielen zu wollen . Gewiß , Beste ! Sie können mich dreist in die Falten Ihres Innern sehen lassen , ich bin gewiß , nur die eignen , verborgen gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen . Kann Sie auch das nicht bewegen , mir wieder die liebe , vertrauende Elise zu werden ? Elise an Sophie Gütige Freundin ! Ja , Sie sind die Alte geblieben ! Sie verläugneten sich nie . Das thut der Mensch überhaupt selten . Wir täuschen uns nur über ihn . Wie ich der Welt jetzt erscheine , läßt sich denken . Jede geschäftige Hand sucht wohl die dunkelsten Tinten aufzutragen , um das Bild , wie aus Nacht und Hölle heraussehen zu lassen ! Es war sehr albern von mir , daß ich denken konnte , Sie würden sich durch solche Karrikatur irre machen lassen , und mich verkennend zu erkennen glauben Sie sehen , Sophie ! ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem Berge . Ich gestehe Ihnen , daß ich aus diesem unbilligen Mißtrauen nicht an Sie schrieb , und vielleicht auch weniger an Sie dachte . Ich habe darunter gelitten , denn nichts thut so wehe , als eine kalte Stelle in der Brust , die uns unaufhörlich an den erloschenen Funken erinnert . Sie haben diesen wieder angehaucht , Sophie , und ein Verhältniß neu belebt , das ich , mit so vielem Andern , zerrissen wähnte . Tausend , tausend Dank , treue , feste Freundin ! die Klarheit Ihrer Empfindungen beschämt mich schon darum , weil sie mir beweist , daß Sie das Unvergängliche wahrer Zuneigung in höherem Grade besitzen , als ich zu glauben wagte . Und doch beruht anderer Seits mein ganzes Dasein gerade auf diesem Glauben ! Es ist wohl immer die Folge ungewöhnlicher Zustände , daß wir ein wenig zittern , ehe wir uns zu fassen im Stande sind . Ich habe große Erschütterungen erduldet . Kein Wunder , wenn mir es dunkel vor den Augen ward , und ich die treuesten Menschen undeutlich sah ! Ueber Eins , liebe Sophie , kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus ! Wie geht es zu , daß Sie mich , bei so festem , ruhigem Auffassen meiner tiefsten Eigenthümlichkeit , dennoch in der Hauptsache ganz mißverstehen ? Sie halten mich nämlich in meiner gegenwärtigen Stellung zur Welt für höchst bedauernswürdig . Sie sehen mein Geschick gebrochen , mich in den Staub gebeugt . Sie verzweifeln , das Geschehene nicht ungeschehen machen zu können , und setzen voraus , ich sei nur durch einen eben so übereilten , als gewaltigen Stoß aus dem geordneten Gang der Natur herausgehoben , in den sich mein zerrüttetes Verhältniß zurücksehne . Ja , Sophie , ja , ich bin wie von einem fürchterlichen Schlage getroffen , ganz zusammengeschreckt , ganz durchbebt , in eine fremde , Grauen erregende Wildniß geworfen . Wohin ich blicke , zeigt sich mir kein Ausweg . Alles ist übereinander gefallen . Selbst der Reichthum des überfüllten Daseins dient nur , die Sinne zu verwirren . Aber nicht erst jenes äusserlich umwandelnde Ereigniß war es , was mich so stellte ; das plötzliche Erwachen meiner Seele , der jähe Blitz , der diese durchzuckte , die Schauer verborgener Wahrheit , die ganze Last ihres Gewichts , die hatte mich aus meinem Himmel gerissen . Können Sie mir denn zutrauen , ich würde nach der Entdeckung den Selbstbetrug genährt , oder einen weit ärgern geduldet haben ? Ist es Ihnen möglich , an die Dauer solcher Verhältnisse zu glauben , die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Höhe erreicht hatten ? O Sophie , das Göttliche im Menschen ist da , ohne daß er es weiß . Es kommt ihm im Schlaf , er trägt es mit sich in das Leben hinein , es wird ihm ein zweites Leben , er selbst erfährt es eben nur dann , wenn ihm das Andere entgegen tritt . So ist es auch mit der Liebe . Das Paradies bleibt nur Paradies , bis die Schlange das Bewußtsein weckt . Ich war bis zum Tode erschrocken , als ich empfand , was mir Hugo sei . Gleich damals stand es fest in mir , den Verrath an der Treue , die Verletzung des gegebenen Wortes durch offnes Geständniß meiner Schuld zu büßen . Ich sagte es Hugo . Er hielt mich zurück . Er bat mich , den entscheidenden Schritt zu prüfen . Wir stritten hin und her . Mein schwaches Herz wankte , es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub . Da schrien tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein . Ich zerriß alle Schranken , und vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrthum . Ich würde es ohnehin gethan haben ! doch später ; vielleicht zu spät ! Jetzt ist nur geschehen , was geschehen mußte . Es ist wahr , ich bin für die Welt im Allgemeinen todt ; und dies Losreißen , wie leicht es gesagt ist , vollbringt sich nie ohne Kampf . Die blühende Hülle des Daseins hält den Blick in seinem kühnen Fluge zur Unendlichkeit freundlich an , und zähmt den höchsten Wunsch durch die Erfüllung unzähliger kleiner Wünsche . Ich empfand das sehr frühe . Ich liebte daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen . Mich führte mein leichter Muth ohne Anstoß durch sie hin . Es schlang sich hier und da ein Band um mein Herz , ich ließ es damit verwachsen , und sah mein Leben mannigfach verzweigt . Jetzt habe ich Abschied genommen von allem , was ich liebte , von jeder Hoffnung , die ich bis dahin genährt ; niemals kann sich das völlig Umgestaltete wieder herstellen . Eduard kann nicht verzeihen , was er nicht begreift . Der Bruch zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten Laut , der meiner Gewissensangst entfuhr . Ich habe seine Verachtung mit Wehmuth , den stummen , kalten Abschied , den letzten vernichtenden Blick mit großem Schmerz erduldet ; was aber schildert Ihnen mein Gefühl bei der Trennung von dem einzigen , von dem über allen Ausdruck heißgeliebten Kinde ? O Sophie , weg ! weg von der Erinnerung dieses Augenblicks . Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz , wenn der Mensch gleichwohl noch lebt ! - - Ja , ich lebe ! und ich lebe mit Muth ! Ich bin ganz aufgestanden von dem gewaltigen Sturz . Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin , die Willkühr achtsam an . Sie trägt Fesseln in den Händen , und bindet , was sich ihren Gesetzen entziehen will . Soll ich verzweifeln , weil mich das Loos mit vielen Andern traf ? Kann ich tadeln