? Ach , ihr meine unglücklichen Freunde ... was führt Euch in meinen Kerker ? « - Lange konnten die zu seinen Füßen Schluchzenden nicht Worte finden , und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der Thür gebliebnen Frater . Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu befürchten . Neben der auf die Schwelle gestellten Lampe sitzend , hatte er sich mit der Zählung seines leicht erworbnen Geldes beschäftigt , und war dabei eingeschlafen . » Eilt , eilt , edle Herren ; « raunte der junge Altbürger den böhmischen Edelleuten zu : » der Augenblick ist sicher , aber kostbar ! « - » Vater Huß ! « begann der Graf dringend : » Dich zu befreien sind wir hier ! Eile , nur zu willfahren . Hülle Dich in dieses , mein Gewand . Es ist weit genug , Dich und Deine Ketten zu verbergen . Diesen jungen Mann , der unter der Larve der Thorheit den männlichsten Willen und den glühendsten Eifer für das Recht verbirgt , der schon einmal eine Dir zugefügte Beleidigung edelmüthig rächte , haben wir ersehen , Dich aus der Stadt zu bringen . Er kennt alle Schliche , und die Wege rund um im Land ; er und Lanzenbrock schaffen Dich über ' n See in ' s Schweizerland , von wannen sichre Freunde Dich nach der Heimath führen werden . - Fliehe , fliehe , es drängt die Zeit . « - » Träume ich denn ? « fragte Huß , bestürzt um sich schauend . » Steht es denn so schlimm mit mir , daß solche Flucht nothwendig wäre ? « - » Fürchte Alles ! « entgegnete Lanzenbrock : » Deinem Haupte droht die höchste Gefahr . « - » Und ich sollte nicht der Gefahr gedenken , in welche sich der an meiner Statt zurückbleibende Freund stürzen wird ? « fuhr Huß mit ernstem Vorwurf fort . - » Mein Schicksal kümmre Dich nicht ! « unterbrach ihn der Graf : » Von Dir hängt die Freiheit unsrer Kirche , unsers Glaubens ab . Tausende meiner Landsleute können fechten wie ich ; wie Du zu reden , vermag Keiner außer Dir . « » Kommt , kommt , würdiger Herr ; « setzte Dagobert bei : » wir meinen ' s redlich , und das Glück für heut nicht minder . Morgen ist ' s zu spät . « - » Wer sagt Euch , « sprach der Gefangene mit erhabner Sanftmuth : » wer sagt Euch , daß ich morgen anders gesinnt seyn könnte , denn heute ? Ich würde zum Lügner an meiner Lehre , wollte ich diesen Kerker feig verlassen . Das Wort ist ewig , und muß den Sieg erringen . Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach , denn mich bedienen Engel in dieser dunkeln Gruft ; wohl aber diejenigen , die ihren Eid gebrochen haben , und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefäß , das er sich auserlesen . Geht meine Freunde ; meinen Dank für Eure Aufopferung , doch Euch zum Frommen willige ich nicht darein . « - » Grausamer ! « seufzte der Graf : » Du rennst in Dein Verderben ! Unwiderbringlich verloren bist Du . An Wenzel ' s Throne bist Du sicher ; in Sigismund ' s Gewalt des Todes . « - » Unnütze Furcht ! « lächelte Huß wie ein Verklärter : » Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn ; an meinem Haupte werden sie sich nicht vergreifen , und aus den Fesseln , die den Leib belasten , wird mich der Höchste befreien , wann das Werk vollendet ist . « - Ungeduldig ob solchem Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fuße , und die Böhmen umschlangen mit liebevollem Ungestüm die Kniee des Versagenden , mit Worten und Thränen ihn bekämpfend . Sein Entschluß , fest wie ein Fels , begann zu wanken ; seine abweisende Strenge wich dem vereinten Bemühen der Freunde , - schon gab er nach ; schon ward die Möglichkeit einer nahen Freiheit reizend für seine in Kerkernacht erstorbnen Sinne , ... schon griff seine Hand zögernd nach dem Rettungsgewande , ... als es mit einemmale über den Häuptern der Befreier lebendig wurde . Von Ferne , die Treppe herab tönte ein beunruhigendes Laufen und Rennen ; Getöse von Stimmen , zugeschlagnen Thüren , entferntem Waffenklang . » Wir sind verloren ! « flüsterte Lanzenbrock erschrocken , und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm . » Die Zeit ist versäumt ! « rief er : » Schreibt Euch ' s selbst zu , eigensinniger Mann . Wenig würde es Euch jedoch helfen , gingen wir um der ungeschehenen That willen zu Grunde . Wer Muth hat , folge mir frank und frei . Vielleicht bietet sich bald eine andre Gelegenheit zur Rettung ! « - Diese Aufforderung , verbunden mit dem so natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung , wirkte auf den Gefangenen und seine Freunde . Der Erstere beschwor die Überraschten , sich dem Unheil zu entziehen , ihn ruhig seinem Schicksale zu überlassen ; die Letztern stürzten , da das Getümmel lauter wurde , mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewölbe , die Treppe hinan . Dagobert voran stürmend wie eine Windsbraut . Den fest entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst , und ermahnte den Taumelnden , doch die Thüre zu verschließen , damit ihm nicht die Lust anwandeln möchte , seine Haft zu verlassen . Kopfschüttelnd über diese seltne Bitte , gewährte sie der trunkne Dominikus , und schleppte sich langsam die Stiege hinan . Indessen war oben alles in Aufruhr gekommen . Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen Störung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrütende Gerhard gegeben , da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren erblickten , die , satt von den Freuden des Tages , sich behaglich nach ihren Zellen zurückzuwälzen im Begriff waren . Seines Wortes eingedenk , niemand hindurch zu lassen , glaubte er sehr wohl zu thun , wenn er auch diese Klosterbewohner von ihrer Klause zurückhielt . - » Hier geht niemand durch ! « murrte er daher barsch den Arglosen entgegen , und stellte sich ihnen , breit und stämmig , wie er war , in den Weg . Die Mönche , obgleich verdutzt im Augenblicke , sahen doch gar bald , daß sie nur mit einem einzigen , wahrscheinlich trunknen Manne zu thun hatten , und bestanden auf ihrem Hausrecht . Der Weglagerer ließ dasselbe jedoch nicht gelten , und verbot fortwährend den Zutritt zur Pforte . Dringendes Ansuchen von der einen , mürrische Abweisung von der andern Seite . Der Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an . Die Klosterleute , wenig gewohnt sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu lassen , wurden böse und giftig ; der Kämpfer dagegen rauh und grob . Von den Worten kam ' s zu Thätlichkeiten . Die Geistlichen wollten mit Gewalt den Schlagbaum auf die Seite schieben . Gerhard ' s kräftige Faust stieß jedoch beide zurück . Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlaßte einen neuen gewaltigern Angriff , der abermals abgeschlagen wurde . Um seine Drohungen wirksamer zu machen , zog Gerhard den Stoßdegen aus der Scheide . Während nun einer von den Mönchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurückwich , schob sich der andre hinter Gerhard ' s Rücken vorüber nach der Pfortenglocke , und hatte schon beträchtlich Sturm geläutet , so wie mit Händen und Füßen an die Thüre gedonnert , ehe der Hülshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte . Dieses Getöse , das der andre Pater erneuerte , sobald Gerhard , den Ersten verfolgend , den Rücken gedreht hatte , machte endlich die Schlemmer im Refektorium , so wie die Knechte , die im Seitengebäude bei den Würfeln saßen , aufmerksam Die Erstern schrien um Hülfe , die Letztern liefen zum Kreuzgange , ihre rostigen Hellebarden nach sich schleifend . Keiner von den Männern allen jedoch hatte den Muth , die verriegelte Pforte zu öffnen , und den von dem unbekannten Teufelsbraten mißhandelten und zerbläuten Herren zu Hülfe zu kommen . Alle schrien nach dem Prior und dem Pförtner . Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurück , der Zweite nirgends zu finden . Der Kellermeister faßte den Verdacht , der Frater möchte wohl im Keller stecken , und ein verbotnes Faß verkosten , und eilte , so schnell es seine Uebehülflichkeit , und das Gedränge der Übrigen erlaubte , der Treppe zu , die nach den untern Gewölben des Hauses führte , aber des Todes war er fast vor Schrecken , da einige Verlarvte die Stiege heraufstürzten , ihn sammt der Lampe , die er in Händen trug , - der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte , die Ampel ausgenommen , welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hing - zu Boden warfen , und mit Riesensprüngen und Faustschlägen nach allen in den Weg Tretenden , die Pforte gewannen . Der Pickelhäring , der den Vorläufer machte , und dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte , riß , mit der Ortsgelegenheit vertraut , den Riegel auf , und tobte durch die aufklaffende Thüre in ' s Freie . Seine Begleiter säumten nicht dem Beispiele zu folgen . » Aufhalten ! « donnerte Dagobert dem Gerhard zu , der indessen noch immer seine Hetze in dem Gäßlein fortgesetzt hatte , und lief in ' s Weite ; aber der bereitwillige Fechter konnte nicht verhindern , daß einige Klosterknechte dem Flüchtigen nacheilten , dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb , als die dunkeln Gewänder der beiden andern , die nach verschiednen Seiten sich verloren . Unter dem übrigen aus dem Gebäude strömenden Gewühl von Mönchen und Laien wüthete Gerhard ' s flache Klinge mit übermenschlicher Kraft . » Bleibt zurück , ihr Schöpse ! « rief er den Bestürzten entgegen : » Bleibt zurück , oder Ihr seyd des Todes . « - » Greift an ! « hetzten die beiden , seiner Wuth entkommenen Klosterherren : » Er hat das Schwert gezogen , und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann ! « - Der ganze Schwarm wollte sich nun auf den Einzelnen werfen . » Zurück ! « schrie dieser noch lauter , denn zuvor : » Schufte ! habt Ehrfurcht ! Ich bin der Kaiser selbst , ihr Lottergesindel , und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben , daß ihr an mich denken sollt ! « - Diese Aufschneiderei , zu welcher den Edelknecht , dessen Arm schon ermüdete , der Gedanke bewog , daß man ihn bereits heute für den Kaiser angesehen , verfehlte ihre Wirkung nicht . Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurück ; der Mund der anfeuernden Geistlichen verstummte , und indem sich die Blicke bald nach dem Kaiser , bald nach dem Pförtner richteten , der unbefangen , als ob er kein Wasser getrübt und staunend , unter die Menge trat , ging Gerhard stolz und aufrecht von dannen , weder aufgehalten von seinen Gegnern , noch von dem Volke , das sich um das Getümmel versammelt hatte . Seinem jungen Freunde war jedoch kein so ehrenvoller Rückzug vorbehalten . Von den rüstigsten Knechten des Convents verfolgt , sprang er links und rechts , geschmeidig wie ein Aal durch die Straßen und die gaffenden Pöbelhaufen , die sich noch in so später Nacht im Freien befanden . Gern hätte er sich in einen Hausgang geworfen , allein allenthalben waren die Thüren verschlossen . Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend , in dem Erdgeschosse desselben Licht , erwischte , um die Ecke stürzend , einen zu der Thüre heraustretenden Menschen , welcher bedächtig hinter sich zuschließen wollte , beim Kragen , und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in die Arme . - Während nun diese Letztern den ihnen in die Hände Laufenden aufhielten , befragten , und dieser ihnen nichts zu erzählen wußte , da er den , der ihn um die Ecke geworfen , nicht einmal gesehen hatte , machte sich Dagobert eilends in die Unterstube , wo er noch zwei Menschen , einen Mann und ein Frauenbild , fand . » Helft ! « rief er ängstlich dem Manne zu : » ich bin des Teufels , wenn sie mich erwischen ! « - und ohne eine Antwort abzuwarten , schlupfte er in die offenstehende Kammer , und kauerte sich unter das darin stehende Bette , dessen lange Vorhänge jede Spur von ihm verbargen . Der unerwartete Anblick des Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Bestürzung versetzt ; doch war stillschweigend ihr Entschluß gefaßt , ehe noch die Verfolger in die Stube drangen . - » Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen ! « seufzte der Mann , den die Knechte beim Fittig hereinzogen : » liebwerthester Gastfreund ! wollt Ihr mir nicht bezeugen , daß ich bin der Elieser , der Sohn des langen Schmuls , der gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden ? Verdiene ich nicht redlich mein Brod durch Handel und Wandel , und weiß ich etwas von dem schlechten Menschen , der mich hat umgeworfen und getreten mit Füßen , ohne daß ich weiß , wo er ist hingekommen ? « - » Halt das Maul ! « fuhr ihn einer von den Klosterknechten an : » Dich suchen wir auch nicht , furchtsamer Jude , aber von Dir « zu dem Andern gewendet » von Dir wollen wir erfahren , ob sich nicht hier ein fremder Mann versteckt hat ? « - » Gesteht es , Ben David ! « klagte Elieser : » bringt nicht Euch in ' s Unglück , und nicht mich . « - » Ich will sterben , wenn ich weiß , was ihr wollt ; « erwiederte Ben David kalt : » Ich habe wohl gehört , wie ein Mensch rannte hier vorbei , doch herein ist keiner gekommen . Nicht wahr , Esther ? « - » Wahrlich , wahrlich , Vater ; « bekräftigte Esther ganz unbefangen . - » Laßt sehen ! « erwiederte der Klosterknecht , nach dem Lichte greifend : » Euch verdammten Juden ist nie zu glauben . Hier ist er nicht , doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich . « - Er leuchtete in die Kammer hinein ; kehrte aber , da er nichts in Unordnung fand , und auch kein Geräusch hörte , unzufrieden zurück . - » Wenn Ihr doch schwarz würdet , lüderliches Volk ! « brummte er : » bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren , und wer weiß , was indessen daheim vorgefallen ist . « - » Heraus Bruder ! ich hab ' ihn ! « schrie ein vor dem Hause als Wache zurückgebliebener Knecht , der einen , harmlos vorüberstreichenden Fastnachtsnarren , seines Abwehrens ungeachtet , aufgegriffen hatte . » Die ganze Rotte stürmte auch hinaus , versammelte sich um den Zitternden , der in seiner Betroffenheit aussah , als hätte er irgend etwas Übles verschuldet , und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster , theils in der Meinung , sie hätten den Rechten erwischt , theils aber auch , um nur nicht ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren . « Von Ungeduld und Erschöpfung gepeinigt , lag , das Ende des Vorgangs abzuwarten , Dagobert auf der Erde , als Ben David mit der Kerze in der Hand vor ihn trat , und ihm anzeigte , daß die Gefahr vorüber sey . Als der Verfolgte aus seinem Schlupfwinkel kroch , und die Larve vom Gesichte nahm , erstaunte er nicht wenig in Ben David den Juden zu erkennen , den er beim Herzog eingeführt hatte . - » Dienst gegen Dienst ! « sagte Ben David zu dem jungen Manne , dessen Gesicht , obgleich verstört aus der Narrenkleidung schauend , ihm wohl erinnerlich war : » Ihr scheint große Angst ausgestanden zu haben . « Verfolger und Verräther sind ferne . Genießt ein Glas Wein , wenn es Euch nicht Eckel macht , von einem Juden die Erquickung anzunehmen . Esther ! aus der geschliffenen Flasche dort in der Ecke ! - Dieser Name schlug betäubend an des Jünglings Ohr , der sich willenlos in die größre Stube ziehen ließ . Sein Schreck , wenn gleich ein freudiger , war noch betäubender , da Esther selbst in der Blüthe ihrer Schönheit vor ihn trat , den Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller . Die Bewegung Dagobert ' s war nur mit der des Mädchens selbst zu vergleichen , da es unmittelbar nachher den Mann erkannte , an welchem seine ganze Seele hing . Teller und Becher drohten ihrer bebenden Hand zu entschlüpfen . Ben David nahm der Jungfrau die Last ab . » Es ist Schade , « sprach er , » daß Dein von dem vorigen Auftritte herrührender Schrecken Dich unfähig macht , dem edeln Herrn die Labung zu reichen . Von der Hand der Jugend hätte er sie um so lieber genommen . Empfangt sie indessen von mir , und glaubt , sie ist Euch geboten von einer treuen Hand . « - Starr auf die Tochter blickend , nahm Dagobert das Glas , und trank , ohne mit dem Blick von ihr zu weichen , gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein kostete . Die Röthe der verlegnen Scham färbte Esther ' s Wangen , doch ihre Lippen waren eben so stumm , als ihr Herz , fast hörbar pochend , eine laute Sprache führte . - » Geh zu Bette , mein Kind ; « redete ihr der Vater zu : » Der heilige Gott segne Deinen Schlaf , wie den der frommen Rebbecka , und Lilis bleibe fern von Dir . « - Esther , schmerzlich bewegt , so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu müssen , und dennoch halbfroh , aus seiner ihr beiderseitiges Geheimniß bedrohenden Nähe zu kommen , neigte sich verschämt vor Dagobert , der den Gruß wortlos erwiederte , und verschwand in die Kammer . - » Ruht jetzt aus , werther Herr ! « sagte Ben David , und lud den Jüngling ein , auf dem Polstersitze Platz zu nehmen : » Der Zufall hat mir gedient , da er mich ließ in etwas vergelten , was Ihr an mir gethan . Besonders ist mein Herz freudig , da Ihr gewiß Nichts gethan , das wirklich gescholten werden könnte , böse . Ihr seyd ein Vertrauter des Herzogs , und der edle Mann kann nur haben Edle in seinem Vertrauen . Bedürft Ihr das Geringste , so wendet Euch an mich . Was ein armer Jude thun kann , Euch zu gefallen , soll geschehen . « - Dagobert wich allen Fragen aus , die Ben David mit der geschickten Neugier seines Volks ihm stellte , um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen ; das letztere Anerbieten wies er jedoch nicht förmlich von sich , um sich die Möglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren , nicht zu rauben . Er verplauderte eine geringe Weile mit Esther ' s Vater , und verließ ihn endlich mit dem Versprechen , ihn wieder zu sehen . » Du wirst doch nicht ? « flüsterte sein Verstand . - » Ach ! ich fürchte , Du wirst ! « entgegnete sein Herz , und zerrissen von Überraschung , Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an , woselbst er sich auf ' s Lager warf , um nicht zu schlummern . Dreizehntes Kapitel . Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne , Ewig dienst Du ihr dann als fröhnender Knecht . Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte , mußte an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhön treten . Mäßig war er besetzt von Gästen und Speisen , allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten , wie des zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit , welche die magern Fastengerichte in einen königsüppigen Pfingstschmauß verkehrte . Die Sonne eines heitern Tages , wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet , schaute behaglich durch die weiten Fenster des Mörsburger Schlosses auf den kleinen Haushalt des Wildmeisters , dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzählte , welche sie schon öfters zum Besten gegeben hatte . Mit liebevoller Geduld horchte Bilger der Geschwätzigen zu ; das Töchterlein , halb auf dem Schooße der Mutter gelehnt , stellte sich eben so aufmerksam , und selbst der Bärenfänger Haltan schien , vor dem Tische aufrecht sitzend , und das Gesicht in die Sammetfalten des beschauenden Ernstes gelegt , das stille Vergnügen seiner Herrschaft zu theilen . Des Herrn von der Rhön Aufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehörten Bericht nicht so sehr in Anspruch genommen , daß er das Geräusch überhört hätte , das sich in dem Hofe vernehmen ließ ; den Hufschlag ankommender Pferde , das Rufen der Reiter , und die langgehaltnen Hornstöße des Wächters . Er eilte , an das Fenster zu kommen , und erblickte , da er die gemalten Flügel aufschlug , mehrere in des Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze , theils zu Gaule sitzend , theils einen aalglatten Schimmel haltend , dessen reiches Sattelzeug alsobald den vornehmen Reiter verrieth . Der Pförtner machte aus seinem Hüttchen die Geberden der größten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herüber , und das Räthsel löste sich diesem bald , denn die Thüre sprang auf , und der Kaiser selbst trat im einfachen Reitkleide herein , ... den Vogt verabschiedend , der ihn bis hieher geleitet hatte . Bilger ' s und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs , da der Fürst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle Bewillkommnung von der Hand wies , Reverenz und Gewandkuß untersagte , und so vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm , als sey dieses seine ihm zustehende Stelle . » Keine Zierereien ! « sprach Sigmund , während er durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirthin in die kaum verlaßnen Lehnstühle wies , und das lächelnde Kind auf den Schooß zog , in den warmen Marderpelz : » Wenn man gute Freunde heimsucht , thut man sich weder Zwang an , noch duldet man ihn ; und ich denke ja , ich bin bei guten Freunden . « » Bei den treusten Dienern Ew . römischen Majestät ; « versicherte der Wildmeister . - » Ich wollte mich von Euerm Wohlseyn überzeugen , « fuhr der Kaiser fort : » und sehen , wie das holde Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt . « Die Wildmeisterin erröthete verschämt ; Bilger aber erwiederte : » Mit drei Worten , gnädigster Herr , kann ich Euch hierüber berichten : ich bin glücklich . Meine Katharine ist das Gestirn , das mildiglich meinen Lebensweg , überstrahlt , und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat . « - » Wie bin ich froh , solch Zeugniß aus Eurem Munde zu vernehmen , Herr von der Rhön , « versetzte der Kaiser : » so hat denn doch der Befehl Eures Vaters , dem ihr so lange widerstrebtet , gute Früchte getragen . So stößt man oft die Perle lange zurück , die uns das Schicksal wohlwollend reicht . Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand aufgethan . Wohl Euch ! « Mit verdüstertem , aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die Hand . Sigmund fuhr indessen fort : » Ihr Leute wißt gar nicht , wie glücklich ihr seyd . Ihr freut euch des Daseyns in eurem eignen Hause , während Meinesgleichen in weitläufigen Burgen und Städten mit dem Mißmuth Hand in Hand gehen . Es ist ein schwer Ding um das Regiment über Land und Leute . Wie gerne vertauschte ich den Fürstenpelz mit Euerm Rocke , und würde ein Wildmeister , wie Ihr . Aber so ist es mein Beruf , der ganzen Welt Händel zu schlichten , wie es eben geht . Hier soll ich begnadigen , dort mit dem Schwerte drein schlagen ; an allen Orten soll ich zugleich seyn . Bald machen mich die Städte unwirsch , bald hab ' ich ' s mit der Herrenbank verdorben ; die Fürsten spreizen sich , die Bauern murren , die Ketzer predigen alles Unheil . Gegenwärtig hab ich ' s mit der Geistlichkeit zu thun , und der liebe Gott helfe mir gnädig über diesen stachlichen Zaun . Hab ' ich aber auch mit Angst und Noth dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen , - flugs reiben sich gewöhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Bürgerleben . Hat sich nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdrießlichen Handel ein Dummbart unterstanden , sich , für meine Person auszugeben , und mich dadurch vor aller Welt in einen ärgerlichen Verdacht gezogen ? Doch übergenug . So wie des römischen Reichs erwählter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit , so sind seine Sorgen auch die größten , und darum bitte ich geziemend das liebliche Weiblein um einen Becher Wein , damit ich auf ihre Gesundheit trinkend , Grab und böse Erinnerung vom Herzen schwemmen möge . « Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf , griff nach den Schlüsseln am Schenktisch , und eilte nach dem Keller , um dem vornehmen Gast den verlangten Labetrunk so frisch als möglich zu reichen . Der Kaiser legte das auf seinen Knieen entschlummerte Mägdlein behutsam , wie eine sorgende Mutter , in ' s Ruhebettlein , und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister , der , seinem Willen zuwider , ebenfalls sitzend verharren mußte . - » Bilger , « sprach Sigismund leiser : » Ich muß Euch bekennen , wie es nicht eitel Zufall ist , daß ich mich hieher begeben , obschon mir angenehm ist , wenn die Leute glauben , daß es auf einem unbestimmten Lustritte , oder Euch zu Liebe allein geschehen sey . Eigentlich jedoch bin ich hier , um ein Amt zu verrichten , das nicht zu den Regalien gehört ; das Marschalkenamt nämlich . - Eine edle Frau , an deren Schicksal ich viel Theil nehme , wünscht einige Tage in strenger Abgeschlossenheit in diesem Hause zuzubringen , da ihr zu Costnitz , wie sie befürchtet , eine nicht geringe Gefahr droht . Das schwache Weib zu schützen ist jedes Ritters Pflicht ; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also , der ein Meister ist über alle Ritter deutschen Volks . Ich habe der edlen Frau meine Obhut zugesagt in diesem Schlosse , das der Bischof vom Reich zu Lehen trägt , und vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm , so daß Ihr keinen Menschen in ihre Nähe lasset , der ihr Unheil bringen könnte . « » Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen , wird mein Bestreben seyn ; « versicherte Bilger von der Rhön . - » Heute noch wird das würdige Frauenbild hier eintreffen , « fuhr der Kaiser fort : » Ich verbiete ausdrücklich nach ihrem Namen und Stand zu forschen . Ich habe ohnedies das Mißgeschick , meine Huld gegen ehrenwerthe Frauen häufig verkannt zu sehen ; ich will nicht ihre Namen der Verläumdung Preis geben . Es ist nichts Zarteres , als des Weibes Leumund . Wie gesagt jedoch : Euerm Schirm vertraue ich die Freundin , und empfehle sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirthin , da sie , wie ich vermuthe , ihre Leute zu Costnitz lassen wird , bis die böse Conjunktur vorüber . « - » Es soll geschehen , wie kaiserl . Majestät befiehlt ; « erwiederte Bilger unterwürfig , und der Kaiser wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt , daß er den Becher , den ihm Frau Katharine kredenzte , in einem Zuge auf das Wohlseyn des Hauses von der Rhön leerte . - » Traun ! « lächelte der Wildmeister : » es ist hohe Zeit . Ich bin der Einzige und Letzte meines Stammes , seit mein Vater vor einem Jahre zur Grube fuhr , und mir wird das Wappenbild nachgeworfen , wenn meine gute Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut . « - » Tröstet Euch mit Kaisern und Königen , denen es dann und wann um nichts besser geht ; « versetzte Sigmund : » und freut Euch , in dem Alter zu seyn , das eine Hoffnung noch zuläßt . Nun aber , lieber Wirth , laßt uns zu Roß steigen , um eurem holden Gaste entgegenzureiten . Er kann nicht mehr lange säumen . « - Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau Katharinen auf das Zierlichste , drückte einen Kuß auf ihre Stirn und Wange , ließ die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes gleiten , und schied . Der Wildmeister ritt zu seiner Linken , und sie waren noch nicht weit vor das Städtlein hinausgekommen , als schon in der Ferne eine Sänfte sichtbar wurde , von einigen Reisigen geleitet . Der Anführer derselben , - ein buntgekleideter Rittersmann , - stolzirte selbstgenügsam voran . - » In dem Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann ! « sprach der Kaiser lächelnd zu seinem Begleiter , und winkte den Scheckigen heran , der auch dienstfertig herzusprengte , während die Sänfte zögernd folgte . Drei Schritte von dem Kaiser entfernt , warf sich der Reiter vom Gaule , und nahte dem Fürsten mit allen Zeichen betroffner Ehrfurcht . » Sieh da , mein Herr von Königseck ! « redete ihn Sigmund , sich verwundert stellend , an : » Unverhofft kommt oft . « » Bei des heil . Stephans Krone ! Wie kömmt es , daß Ihr Euch aus der warmen Stube in den Frost wagt ? Wer ist die Schönheit , die Ihr in jener festverschloßnen Sänfte zu geleiten scheint ? « -