Ich erinnerte mich ihrer Blüthe , unsrer Kinderjahre und schlang meine Arme um ihren Hals . Lange konnten wir beide nicht sprechen ; sie vermochte es zuerst : » Ellen , « sagte sie mit hohler , tonloser Stimme , » Sie sind schrecklich gerächt ! « - Jetzt erinnerte ich mich der Verwünschung , die ich damals , wie sie mich verleugnete , in der Tiefe meiner Noth gegen sie ausgestoßen , und nun ich sie so viel elender sah , als ich jemals gewesen , schien ich mir durch ihren Zustand gestraft . Wie ich meine Augen zu ihr aufhob , blickte sie mit Schaamröthe auf mich hin und sagte : » Nicht wahr , mit mir ist , seit Sie mich nicht sahen , eine traurige Veränderung vorgegangen ? « - » Lassen Sie uns nur hier fortgehen , liebe Julie , dort sollen Sie mir erzählen , was Ihnen widerfuhr « , antwortete ich , indem ich ihr meinen Arm bot . Sie nahm ihn mit einem Blick der Verwunderung ; » gewiß , Ellen « , sagte sie , » Sie müssen sich schämen , mit mir in meinem gegenwärtigen Aufzug durch die Straße zu gehen . « - » O Julie , kann ich in diesem Moment an Ihren Aufzug denken ? « rief ich , im Herzen gekränkt über ihre kleinliche Bemerkung , und führte sie schweigend mit mir fort . Meine Wohnung war weit weg , ihre Kräfte reichten kaum zu dem Weg hin , sie blieb mehrmals stehen , um Athem zu schöpfen . Da mir jetzt beifiel , daß ich ihr das Kind abnehmen müßte , streckte ich meine Arme nach ihm aus , konnte mich aber von dem Verdacht , der mich in diesem Augenblick ergriff , nicht einer Bewegung erwehren , die ihr nicht entging . Eine noch tiefere Röthe überzog ihre schwindsüchtig gefärbte Wange , und sie sagte mit einem festen Blick in mein Auge : » Nein , Miß Percy , nein ! es ist kein Kind der Sünde . « - Mein Herz war nun um vieles erleichtert , ich umfaßte das Kind , und wir setzten unsern Weg fort . Endlich erreichten wir das Haus . Meine Wirthsleute warfen übelwollende Blicke auf den Gast , den ich zu mir einführte . Ich beachtete sie nicht , brachte Miß Arnold in mein Zimmer und theilte alles mit ihr , was sich von Nahrungsmitteln vorfand . Sie aß wie eine Hungrige , aber kaum gesättigt , begann sie ihrem Gespräch die kleinliche Wendung zu geben , die es mir in alten Zeiten so gefährlich gemacht hatte . Sie bemerkte , daß die Zeit , in welcher sie mich nicht gesehen - wenn sie mich verändert - meiner Schönheit nur Zuwachs gegeben , besonders durch die zartere Farbe , welche mein Fieber mir zurückgelassen hatte . - » Doch , Julie , werden Sie mich in einem Punct verändert finden . Ich habe alle Freude an Schmeicheleien verloren - aber von denen soll auch gar nicht mehr die Rede seyn . Jetzt erzählen Sie mir , warum ich Sie so weit von der Heimath entfernt finde , so ... erzählen Sie mir alles , was Sie drückt ! « - Julie schien dazu gar nicht abgeneigt . Sie sagte : ihre vertraute Bekanntschaft mit Lady St. Edmond hätte sie nothwendig Lady Maria de Burgh nähern müssen , » denn diese Dame « , sagte die Arme , indem ein wohlgefälliges Lächeln um ihren blassen Mund spielte , » verlor , nachdem wir kaum ein paar Mal zusammen gekommen waren , ihr Vorurtheil gegen mich . Dazu gehört nun wenig , denn sie ist eine solche Thörin , daß sie nie recht weiß , was sie will . « - Ich erinnerte mich mit Schaamröthe der Zeit , wo Julie mit einer solchen Bemerkung mir Wohlgefallen erregen konnte , schwieg aber und ließ sie forterzählen , wie Lady Marie sich dergestalt an ihren Umgang gewöhnt habe , daß sie in sie gedrungen , als Gesellschafterin bei ihr zu leben . » Damals bewarb sich Lord Glendower um Lady Maria oder vielmehr « , sagte Miß Arnold , » die Dame hoffte ängstlich , daß er sich bewerben würde . Ich sah aber bald sehr deutlich , daß er , bei gleichen Umständen , mich bei weitem vorgezogen hätte « . Hier hielt sie inne , als habe sie einen Einwurf von mir erwartet ; wie ich schwieg , fuhr sie fort : » Sie wissen wohl , Ellen , daß ich nicht in der Lage war , eine glänzende Versorgung von mir weisen zu können , ich hatte auch keine Art von Verbindlichkeit gegen Lady Marie , die mich , ihr mein Glück aufzuopfern , hätte vermögen können . « - » Glück ? « rief ich , mich des unwürdigen Charakters dieses Mannes erinnernd . - » Nun , nennen Sie es , wie Sie wollen « , erwiederte Miß Arnold , » in Vergleich der Abhängigkeit , in der ich leben mußte , sey es von meinem Bruder , sey es von Fremden , war es ein Glück ; und ... nach mancherlei Vorgängen , die mir klar bewiesen , daß mir gar nichts Beßres zu thun übrig blieb , entfloh ich mit Lord Glendower nach Schottland . « - » O Julie ! Lord Glendower war ja sein eigner Herr , er konnte ja heirathen , wen er wollte . « - » Je nun , er wünschte es also . Und Sie wissen wohl , Ellen , wenn man liebt ... « - » Nein , Julie , das weiß ich nicht ; allein ich habe durch meine eigne Thorheit das Recht verloren , Ihnen über diesen Gegenstand Bemerkungen zu machen . Fahren Sie fort ! « - » Wie wir hierher kamen , nahm ich leider wahr , daß er mich in der Gesellschaft nicht einführen wollte , und daß ich vor ihren Augen straffällig erschien . Ich durchschaute bald Mylords abscheulichen Plan . Zeugen konnte ich nicht gegen ihn aufstellen , aber ich hatte mich nach den schottischen Gesetzen über die Ehe erkundigt , und da weigerte ich mich , mit Lord Glendower die geringste Gemeinschaft zu haben , bis er nicht wenigstens die Leute , in deren Hause wir wohnten , beredet hätte , daß ich seine rechtmäßige Frau sey ; nachher brachte ich es auch dahin , daß er mir ein Billet sendete , an Lady Glendower überschrieben ; dessen Inhalt hatte gar keinen Werth , mir reichte aber die Ueberschrift aus . Ich war nun bemüht , die Leute um uns her aufmersam zu machen , daß er mich wie seine Gattin behandelte , und in Schottland ist das mehr werth , als zehn Trauscheine . Ein solcher will ja auch gar nichts sagen : was ein Paar unzertrennlich verbindet , ist eine Ehe vor Gott und Menschen . Nicht wahr , Ellen ? « - » Wohl , arme Julie ! « sagte ich , zwischen Mitleid und Widerwillen getheilt , » dazu gehört aber , daß beide Theile fest entschlossen sind , sich unwiderruflich zu verbinden . « - Miß Arnold schlug einen Augenblick die Augen nieder , dann fuhr sie mit Zuversicht fort : » Nun ich diesen Punct gewonnen hatte , weigerte ich mich nicht , ihm nach einem Landhaus , das er in den Hochlanden gemiethet hatte , zu folgen . Dort verweilten wir einige Monate und langweilten uns von ganzem Herzen . Im Winter kamen wir wieder hierher , und Glendower sprach davon , nach London zu gehen . Ich konnte ihn nicht begleiten und mochte es auch wirklich nicht . Der Mensch hatte sich dem Trunk in hohem Grade ergeben . Er ließ mich also zurück , mit dem Versprechen , nach meiner Entbindung wiederzukommen . Aber er war nicht zwei Monate fort , so las ich in den Zeitungen , daß er sich mit Lady Maria vermählt habe . Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag . Aus Schrecken kam ich zu früh nieder und war gefährlich krank . Dennoch dictirte ich Briefe an Glendower und Lady Maria , in denen ich mein Recht darthat und erklärte , im Fall man es nicht beachtete , die Gesetze zu Hülfe rufen zu wollen . Ich schrieb oft , ehe ich eine Antwort erlangen konnte ; endlich hatte Glendower die Frechheit , alle meine Ansprüche an ihn abzuleugnen ; er war sogar so grausam , zu behaupten : die Zeit , wo mein armer kleiner Knabe geboren ward , widerlege zum Theil meine Anklage . « Bis dahin hatte Julie mit einem empörend gleichgültigen Ton erzählt , jetzt brach sie aber in Thränen aus , drückte das Kind an ihre Brust und rief recht innig : » Und so wahr mir Gott helfe , der Knabe ist Glendowers Sohn und , wie ich ernstlich glaube , sein einziger rechtmäßiger Erbe . Könnte ich ihn in seine Rechte eingesetzt sehen , so forderte ich weiter nichts . « Sie bemeisterte bald ihre Rührung und erzählte weiter . Lord Glendower , über die Mißhelligkeiten aufgebracht , die ihre Forderung zwischen ihm und seiner Gemahlin erregt hatte , versagte ihr Unterstützung ; sie wendete sich an ihren Bruder , der ihr sehr zornig antwortete : daß er genug für sie gethan habe , da er ihr eine Erziehung geben ließ , die sie in Stand gesetzt hatte , sich mit Ehren durchzuhelfen , nun aber weiter keine Verbindlichkeiten gegen sie zu haben glaubte . Zugleich schickte er ihr dreißig Pfund , die sie zu irgend einem kleinen Handel anlegen sollte . Dieses Geld reichte eben nur hin , sie aus dem Schuldgefängniß zu befreien . Sie behielt nichts übrig , verkaufte ihre Habseligkeiten , eine nach der andern , und war nun zu der gänzlichsten Entblößung herunter gebracht . Dazu kam noch ihre wankende Gesundheit - » dieser erschöpfende Husten « , sagte sie , » und diese Schwäche , obgleich ich weiß , daß sie von gar keiner Bedeutung sind . « - Bei diesen Worten konnte ich mich eines Schauders nicht enthalten . Abzehrung blickte aus ihren tief liegenden Augen , sprach aus der dunklen , abgeschnittenen Röthe ihrer hohlen Wangen . - » Warum sehen Sie mich so erschrocken an , Ellen ? « rief sie unwillig , » ich bin nicht so krank , wie ich aussehe . « - » Gewiß nicht , gute Julie ! « sagte ich und versuchte zu lächeln . Es war jetzt fast dunkel geworden ; der Ort , wo Julie in der letzten Zeit Unterkunft gefunden hatte , war weit entlegen , ich dachte darauf , sie diese Nacht bei mir zu behalten , als Frau Millner den Kopf in die Thüre steckte und mich ziemlich unverbindlich aus dem Zimmer rief , um mit mir zu sprechen . Da es mir ahnte , wovon die Rede seyn würde , suchte ich die Unterhandlung vor dem Ohr meines unglücklichen Gastes zu verbergen . Meine Hausfrau warf mir mit pöbelhaftem Unwillen vor , eine Landstreicherin in ihr Haus eingeführt zu haben , die sie nicht darin zu dulden gedächte . Ich stellte ihr mit Fassung vor , daß diese Wohnung , so lange ich sie gemiethet habe , mein sey , und es von mir abhinge , ein unglückliches Frauenzimmer , die keineswegs von niedrigem Stande sey , bei mir zu beherbergen . Mit diesen Worten wendete ich ihr den Rücken und kehrte in mein Zimmer zurück . Zornig eilte die Frau hinter mir drein ; » wenn das Ihre Zuversicht ist « , rief sie übermüthig , » so ist die Sache bald geendigt : Sie zahlen mir sogleich den rückständigen Zins , oder räumen das Haus augenblicklich , ohne durch dergleichen Gesindel dessen guten Ruf zu beflecken . « Da ich , unfähig , meine Fassung aufrecht zu erhalten , nicht sogleich antwortete , wendete sich Frau Millner an Miß Arnold und befahl ihr , das Haus zu verlassen . Diese mochte wohl leider schon oft der Härte solcher Menschen nur Flehen entgegen zu setzen gehabt haben , denn sie bat wimmernd : » Erbarmt euch doch ! ich habe ja nicht Kräfte , um nach Hause zu gehen . « Mir schnitt diese Erniedrigung ins Herz ; ich rief ihr zu , sich nicht wegzuwerfen , sondern in meiner Begleitung sich sogleich auf den Weg nach ihrer Wohnung zu machen . Bei diesen Worten zog ich meinen Beutel heraus , zählte nochmals die kleine Summe , welche ich aus meinem Kleide gelöst hatte , und warf Frau Millner ihren Miethzins auf den Tisch . Zu meinem Erstaunen fuhr Miß Arnold während dessen fort , mit Frau Millner um die Erlaubniß , bei mir bleiben zu dürfen , mit einer Beharrlichkeit zu bitten , die mich empörte und mir erst im Verfolg erklärlich ward . Ohne auf die Hausfrau zu hören , die bei dem Anblick meines Geldes sehr besänftigt ward und mir versicherte , ihre Wohnung sey mir nicht verweigert , wenn die Hausordnung ihr gleich auferlegte , sie Fremden zu verschließen , ergriff ich Miß Arnolds Arm und zog sie mit mir fort . Sie folgte mir widerwillig und erschwerte sich selbst den Weg durch vergebliche Klagen über ihre Unfähigkeit , dessen Ziel zu erreichen . Es war Abend , ich zitterte vor der Aussicht , diesen langen Weg im Dunkeln allein zurückkehren zu müssen , ich zitterte , in der Gesellschaft meiner unglücklichen Gefährtin der Rohheit der Vorübergehenden ausgesetzt zu seyn . Jedes Mal , daß sie , nach Athem ringend , stehen blieb , war mir bang , die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf uns zu ziehen ; ich sprach ihr Muth ein und erlag fast selbst beim Fortschreiten unter ihrer Last , da sie sich kraftlos auf mich lehnte , und der des armen Kindes , das wimmernd auf meiner Schulter lag . Endlich hatten wir Miß Arnolds Wohnung erreicht . Sie befand sich in den Mansarden eines Hauses , dessen verschiedne Stockwerke jedes für zwei Familien eingerichtet schien , also insofern viel besser , als Cecilens Wohnung , gewesen war , die mit einer ganzen Kolonie auf demselben Boden gewohnt hatte . Julie klopfte zögernd , ein schmuziges , armseliges Weib öffnete behutsam , und ihr stellte mich Miß Arnold vor als ein Frauenzimmer , das ... Ich verstand , daß sie mich ihr als Miethsfrau vorschlagen wollte ; allein das Weib hörte sie gar nicht an , sondern überschüttete sie mit Schimpfreden , aus denen mir klar ward , daß die Unglückliche schon lange bei ihr Schulden gemacht , und dann schloß sie die Thür mit erschütterndem Lärm vor uns zu . Starr von Schrecken , wendete ich mich zu meiner Begleiterin , die von Jammer überwältigt , auf die Stufen der Treppe gesunken war und kaum vernehmlich mir zurief : » O Ellen , bitten Sie für mich , bitten Sie ! denn ich kann mich nicht weiter fortschleppen . « - Ich klopfte von neuem an die Thür , entschlossen , mich der ganzen Härte der Hausfrau auszusetzen , um nur ein Obdach für meine unglückliche Gefährtin zu erhalten ; allein es war vergeblich , sie öffnete sich nicht . Es blieb mir nun nichts mehr übrig , als Julie zu ermuthigen , daß sie noch einmal den Weg zu Frau Millner zurück machen möchte , überzeugt , daß diese Frau , nun sie bezahlt war , mir nicht versagen würde , diese eine Nacht eine Unglückliche zu beherbergen ; allein die Erschöpfung des Körpers hatte sich auch der Seele mitgetheilt , Julie war keines Entschlusses fähig , sondern wimmerte hülflos : » ich kann nicht weiter ; gehen Sie , verlassen Sie mich ! ich verließ Sie ja , wie das Unglück über Sie einbrach , thun Sie , was ich an Ihnen verdient habe ! « - Diese schrecklichen Worte gaben mir einen übernatürlichen Muth . - Uebernatürlich ; denn Gott senkte ihn in der Gestalt des Glaubens in mein Herz . Ich wußte keinen Ausweg aus dem Abgrund der Hülflosigkeit , in dem ich mich versunken sah , weder für das zerschlagne Geschöpf , das sich vor mir am Boden krümmte , noch für das weinende Kind , das vor Hunger oder Furcht auf meinen Armen bebte . Aber mit einer Zuversicht , als hörte ich den Fuß des Retters sich nahen , rief ich : » Nein , Julie , ich verlasse Sie nicht , und hülflos , wie wir sind , wollen wir nicht verzweifeln , sondern zu Gott beten , daß er sich unser erbarme . « - Die Arme war dieses Aufflugs des Geistes nicht fähig , sie antwortete mir nur durch dumpfe Klagtöne , aber das Kind fester in meine Arme schließend , wendete ich mich ab und bat Gott mit unaussprechlicher Inbrunst , uns eine Hülfe zu senden . Der Schall eines die Treppe heraufsteigenden schwerfälligen Schrittes schreckte mich jetzt auf . Ich beschwor Miß Arnold mit leiser Stimme , ihren Jammer zu mäßigen , damit man uns nicht des letzten Obdachs , welches dieser Treppengang uns vielleicht für diese Nacht gewähren könnte , beraubte . Doch umsonst , sie fuhr fort zu stöhnen ; doch ward ich , über die herannahende Person ruhiger , da ich unerachtet der Dunkelheit , sie für ein Frauenzimmer erkannte . Sie ging über den Vorplatz und klopfte an die jener , von wo man Miß Arnold so unbarmherzig abgewiesen hatte , anstoßende Thür , dann kehrte sie zu meiner Gefährtin zurück und fragte , was ihr fehle . - » Sie ist fremd , sie ist krank « , sagte ich , mich ihr nähernd , » und der einzige Ort , wo sie diese Nacht Obdach finden könnte , ist zu weit , als daß sie ihn zu erreichen im Stande wäre . « - Jetzt öffnete sich die Thür , ein junges Mädchen trat mit einer Lampe heraus , mehrere freundliche Gesichter begrüßten die heimkehrende Mutter , ich erblickte durch die offne Thür die gewöhnliche Helle eines Caminfeuers in einer reinlichen , wenn gleich sehr beschränkten Wohnung . - Ach , wie beneidenswerth kam mir diese Frau vor ! Ich betrachtete sie , die Lamve beleuchtete sie , ihre Züge schienen mir bekannt - sie war die Wittwe des armen Gärtners , der in Greenwich in meinem Beiseyn starb . - Sie sprach mitleidig mit Miß Arnold , da zog sie das kleine Mädchen beim Aermel und sagte leise : » Mutter , die sieht der guten englischen Dame ähnlich . « Die Frau richtete ihre Blicke auf mich , konnte ihren Augen nicht trauen und rief : » Nein , das ist gar nicht möglich . « - » Es ist nur zu möglich , liebe Frau Campell « , sagte ich , » das wandelbare Schicksal hat mich nun zum Fremdling im Lande gemacht . « - » So sind Sie es wirklich ? « rief die Wittwe mit fröhlichem Lächeln . » Gott segne Sie ! Sie werden mir nie ein Fremdling seyn ; treten Sie ein und ruhen Sie aus ! und wenn Sie für die arme kranke Person kein Unterkommen wissen , so sagen Sie ihr , daß sie auch herein komme ! « - Nur der einsame Wandrer , der , in Feindes Land gerathen , unerwartet eine gastfreie Hütte sich eröffnen sieht , kann begreifen , mit welcher Freude ich diese Einladung annahm . Ich hob Julien vom Boden auf , führte sie in Frau Campells Zimmer und dankte Gott für die Zuflucht , die er uns so unverhofft bereitet hatte . Wir befanden uns in einem Gemach , das zugleich als Küche und Wohnzimmer diente ; unsre Wirthin rückte einen großen gepolsterten Armstuhl an das Feuer und lud mich ein , darin Platz zu nehmen . Julie , die vor Mattigkeit ganz zusammensinkend neben mir stand , zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich . » Der Platz gebührt meiner kranken Freundin , liebe Frau Campell « 4 , sagte ich , die Arme zu ihm leitend , Lady Glendower ist vielleicht einstens im Stand , Ihre Gastfreundschaft zu erkennen . « - Ich wollte meiner armen Gefährtin durch diese Anerkennung ihrer Verhältnisse wohlthun , wollte aber auch meine eigne Lage , die mich in einer so traurigen Gesellschaft aufgeführt hatte , in ein beßres Licht setzen . Mein Verstand hatte recht , meine Jugend und Vereinzelung bedurfte Beweggründe , um so ein Verhältniß begreiflich zu machen , allein meine Eitelkeit mochte doch dabei nicht ohne alle Theilnahme seyn . Sobald ich Julie unter diesem Namen eingeführt hatte , ward es mir leichter , bei Frau Campell anzufragen , ob sie dieselbe nicht aufnehmen könnte . Die gute Frau war sehr froh , mir dienen zu können , und das kleine Mädchen , dessen Schüchternheit allen meinen Versuchen , die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern , widerstanden hatte , bot nun ihrer Mutter leise an , ihr Bett der Fremden zu überlassen . Das war aber gar nicht nöthig . Seit Frau Campell durch meine Beihülfe in ihre Heimath zurückgekehrt war , hatte es ihr , da sie eine geschickte Wäscherin war , nie an Erwerb gefehlt . Seit kurzem hatte ihr Bruder , ein wandernder Krämer , der Wittwer geworden war , sie gebeten , jetzt ihm hauszuhalten , und da dieser , auf mehrere Wochen abwesend war , bot sie Julien den Gebrauch seines Zimmers an . Nun für meine Gefährtin gesorgt war , fing ich an wegen meines eignen Unterkommens bange zu werden . Mitternacht war beinahe herangekommen ; ich war fast eine Stunde von Frau Millners Wohnung entfernt ; und ob ich gleich diese rohe Frau jetzt bezahlt hatte , so konnte ich doch nicht ganz sicher rechnen , von ihr aufgenommen zu werden . Doch mir blieb keine Wahl . Die Bitte , auch bei meiner guten Wittwe zu übernachten , schien mir zu anmaßend ; ich fürchtete damit ihre Gutwilligkeit gegen die arme Julie zu schwächen . Doch mich in dieser Nachtzeit allein auf die Straße zu wagen , schien mir unmöglich , und so bat ich Frau Campell , mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten . Sobald Julie meine Absicht fortzugehen wahrnahm , überfiel sie der unbillige Gedanke , daß ich sie möchte verlassen und nicht wiederkehren wollen . Anfangs suchte sie durch die ängstlichsten Bitten , wie ich diesen aber vernünftige Vorstellungen entgegensetzte , durch das ungestümste Flehen mich davon zurückzuhalten . Die Nacht rückte unter diesem Streite fort , ich fürchtete , daß die Heftigkeit der Unglücklichen in meiner Abwesenheit ihre neue Hausfrau ermüden könnte , und erbot mich endlich , den Rest der Nacht an ihrem Bette zu wachen . Unsre gute Wirthin überließ alles meiner Willkür und führte uns sogleich unter den wiederholtesten Entschuldigungen , uns nicht besser bedienen zu können , in das uns bestimmte Zimmer ein . Ach sie wußte nicht , daß es bei weitem das zierlichste war , welches ich mir aus eignen Mitteln zu verschaffen je fähig gewesen ! Es war freilich niedrig , mit dunkeln , wollnen Tapeten behangen , aber mit gutem Hausrath und einem Bette versehen , dessen reine Wäsche dem ekelsten Geschmack genügt hätte . Julie ließ mich ohne Widerstand für ihr armes Kind sorgen , das vielleicht seit mehrern Tagen nicht so vollständig , wie heute , gesättigt , reinlich gewaschen , und in einen reinen Bettüberzug , den ich von Frau Campell entlehnt , warm eingewickelt , zu den Füßen seiner Mutter ruhig fortschlief . Während sich meine arme Gefährtin einem unruhigen , doch dem Anscheine nach tiefen Schlaf ununterbrochen überließ , überdachte ich meine Lage . Sie war durch die Verhältnisse , in welche ich nun mit Julie gerathen war , furchtbar verschlimmert worden ; doch die Verbindlichkeit , diese Unglückliche der Verwilderung und dem Elende zu entreißen , war mir so heilig , daß mir kein Gedanke aufstieg , so lange sie so hülflos sey , mich von ihr zu trennen . Ich war gesund , ich hatte Thätigkeit und ein unbeflecktes Gewissen . Mit demuthvoller Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzüge als Aufforderung und Mittel , für meine hülflose Kranke zu sorgen . Dieser Mittel waren sehr wenig : fürs Erste zeigte sich der Erwerb , über welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann verabredet hatte , und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu theilen . Ich erinnerte mich , daß ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondre Leichtigkeit gehabt hatte , zierliche Spielwerke zu erfinden , und hoffte sogar , daß diese Gattung von Arbeit , indem sie ihrem Geschmack angemessen wäre , zu ihrer Ermunterung beitragen sollte . Die Gegenwart des armen Kindes , das sie mir zubrachte , bekümmerte mich nicht sehr ; die herzliche Freundlichkeit , mit der Frau Campells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten , und die Hoffnung , welche mir sein gesunder Schlaf gab , es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald erstarken zu sehen , halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben entwerfen , wenn ich Frau Campell , mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen , bewegen könnte . Eine andre Weise , Julien zu unterstützen , konnte ich nicht ersinnen . Was ich ihr allmälig von meinem Erwerb mittheilen konnte , würde nicht hingereicht haben , sie zu unterhalten , und meinen ernsten Zweck , ihr Kind wohl verpflegt zu sehen , konnte ich damit gar nicht erreichen ; denn nach allem , was ich von der Unglücklichen vernahm , ward es mir klar , daß ihre Mutterliebe nicht von der Art war , ihre Thätigkeit , selbst da , wo ihre Kräfte hinreichten , für ihr Kind zu verwenden . Sobald ich es in der Küche meiner guten Wittwe laut werden hörte , begab ich mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor . Da sie den lebhaften Wunsch hatte , mich zu verbinden , und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte , wurden wir sehr bald des Handels einig . Meine nächste Sorge war nun , meine wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen . Julie hatte nichts dagegen , doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht , die sie bei meinem Weggehen befiel , und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte , rief sie mich zurück und reichte mir ihr Kind , mit der Bitte , es mitzunehmen , weil sie heute nicht im Stande sey es in die freie Luft zu bringen . Ich durchschaute sie sogleich . Sie wollte mir das arme Geschöpf als ein unvermeidliches Hinderniß , von ihr entfernt zu bleiben , aufdringen . Dieses Mißtrauen nach dem , was ich gestern für sie gethan , in dem Augenblick , wo sie Zeugin meiner Abrede für alles , was zu ihrem Besten gethan werden konnte , gewesen war , erfüllte mich mit Abneigung . Ich war im Begriff , sie lebhaft zurückzuweisen , aber ein Blick auf ihr entstelltes Gesicht , ihre hinfällige Gestalt entwaffnete mich : ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres Verdachts vor , suchte sie von dem Bedürfniß zu überzeugen , das mich antrieb , Gottes Gebot gemäß gegen sie meine Pflichten zu erfüllen , und eilte meinem Geschäfte nach . Sobald ich mein kleines Gepäck von Frau Millner fortgeschafft hatte , kaufte ich von dem wenigen mir übrigen Gelde zuerst die unentbehrlichen Bedürfnisse für den gegenwärtigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der Kästchen , Beutelchen und Nadelkistchen , die ich bei dem Kaufmann anzubringen hoffte . Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war , machte ich mich an die Arbeit . Ach es ist unendlich peinlich , mit recht schwerem Herzen eine Beschäftigung zu treiben , die uns wohl einstens zum Spiel der Fantasie , zur Ausfüllung müßiger Augenblicke gedient hat ! Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte , die fantastischen Figürchen malte , beneidete ich manchmal Frau Campells kleine Marthe , die an ein paar groben Soldaten-Socken strickte , und noch mehr den Kohlenträger , der , seines täglichen Gewinnes sicher , unter seiner Last schweigen , oder ein lustiges Stückchen pfeifen konnte , je nachdem es ihm gefiel . Allein die Noth mußte hier der begeisternde Genius seyn , und das fromme Bewußtseyn , unter Gottes Segen zu arbeiten , machte es mir alle Tage leichter . Juliens Hülfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschäft . Das Unglück hatte in ihr keine Kräfte entwickelt , und körperliche Schwäche würde ihr jetzt die Ausführung mit festem Willen sehr erschwert haben . Sie fing manche Arbeit an , unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite . Ich mußte froh seyn , wenn ich Mittel fand , eine und die andre Unternehmung zu beenden ; oft sah ich mit Bekümmerniß die eingekauften Stoffe vergeudet , ohne irgend einen Vortheil daraus ziehen zu können . Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht übernommen hatte , für diese Unglückliche zu sorgen , erlaubte ich mir nicht die kleinste Ermahnung , ihre üblen Gewohnheiten zu überwinden ; allein die Unzufriedenheit , welche Müßiggang und Beschränkung nach sich ziehen , blieb bei ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigenthümliche böse Laune vermehrt . Gegen mich ließ sie dieselbe nicht aus , aber das war ein bittrer Zwang , den sie sich auflegte ; denn so zart ich sie behandelte , hielt sie sich doch oft für verletzt und konnte sich der Ueberzeugung dann nie erwehren , daß ich sie für ihr früheres Verfahren gegen mich büßen lassen wolle . Bald gesellte sich zu dieser übeln Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost , welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte . Ihre kranke Eßlust sehnte sich täglich nach einer andern Nahrung , von der sie jedes Mal Erleichterung , wenn nicht gar Heilung hoffte . Ich entzog mir das Nothwendige , um ihr das Mögliche von diesen erträumten