in der Freude mich betrüben , so oft es mir einfällt , welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhaßten lächerlichen Menschen führet , und jeder Schmerz , der mich trifft , wird mir doppelt wehe thun , weil ich immer denken werde : Gabriele ist doch noch tausendmal unglücklicher als ich es je werden kann . « » Frevle nicht mit dem Schicksal , mein armes Kind , « sprach Frau von Willnangen , indem sie die weinende Tochter in ihre Arme schloß . » Du weißt eben so wenig , welche Pfeile es für dich aufbewahren mag , als du im Stande bist , den ganzen Umfang von Gabrielens Elend zu übersehen . So drückend ihr häusliches Leben an der Seite des ungeliebten , sogar widerwärtigen Mannes auch wahrscheinlich seyn wird , es ist doch nicht der höchste Punkt ihres Unglücks . Jedes stille heimliche Opfer läßt sich bringen , das fast Unleidliche läßt sich ertragen , wenn wir es nur den Augen der Welt verheimlichen können . Shakspeares » Smiling at grief « 2 ist mehr oder weniger das Loos und die Tugend der besten unsers ganzen Geschlechts ; wir sind dazu geboren . Nur das Mitleid der Welt ist eine fast unerträgliche Last , und doch wird unsre arme Gabriele diese Last tragen müssen , wenn sie sich nicht in Einsamkeit begraben will oder kann . « » Mit Moritz von Aarheim in der Einsamkeit ! « rief Auguste . » Es ist furchtbar , ich gebe es zu , « erwiederte Frau von Willnangen , » aber immer doch noch besser , als das Mitleid der guten Freundinnen , die von nun an sich alle berufen fühlen werden , zu Gabrielen stets wie zu einer Kranken zu sprechen , und sich einbilden , die Stimme immer ein paar Töne höher nehmen zu müssen , um mit recht kläglichem Laut und Blick zu fragen : wie sie sich denn befinde ? Und denke dir Gabrielens Gefühl in der Gesellschaft , wenn sie bei jeder Plattheit des Menschen , zu dem sie doch nun einmal gehört , unaufhörlich erröthen muß ; denke dir , wie ihr seyn wird , wenn sie das heimliche verlegne Lächeln der Anwesenden und die ängstlich ungeschickte Sorgfalt sich nicht verbergen kann , mit der die Bessern um ihrer willen sich stellen werden , als hätten sie nichts bemerkt ! Ich weiß nichts traurigeres als solch ein Loos . « » Und was fängt Gabriele nun mit Ottokars Bild in ihrem Herzen an ? « rief Auguste . » Ich hoffe , sie soll es heilig und treu bewahren in reiner Brust , « erwiderte Frau von Willnangen . » Möge sie es immer in der Strahlenglorie sehen , in welcher es ihrem jugendlich erwachenden Blicke zuerst erschien , so bleibt es der Schutzgeist ihres Lebens auf einer sehr gefahrvollen Bahn . Meine arme Gabriele ist sehr jung , sehr unerfahren , um in der Welt als Gattin eines Mannes dazustehen , den sie nicht einmal zu lieben vorgeben kann , ohne abgeschmackt oder als Heuchlerin zu erscheinen . Und doch fürchte ich nicht wegen dessen für sie , was die Welt ihr etwa anhaben könnte , ich fürchte nur ihr Herz , wenn es erwacht . Möge Ottokars Angedenken es behüten ! « Sobald Frau von Willnangen nur Fassung dazu erringen konnte , eilte sie , die traurige Entscheidung von Gabrielens Schicksal der Gesellschaft mitzutheilen . Alle hörten sie zuerst mit Entsetzen und bald mit der innigsten Theilnahme , obgleich mancher Nebenumstand im Betragen des Barons und auch die Art seines Todes ihnen um Gabrielens willen verschwiegen ward . Zorn über die Bestimmung des liebenswürdigen Wesens war bei dem ältern Theil der Gesellschaft das überwiegende Gefühl , während Leo und seine Schwestern recht innig mit Augusten trauerten . Herr von Wallburg behauptete , es dem Novitätenkrämer , wie er Moritz von Aarheim nannte , gleich angesehen zu haben , daß sein Erscheinen nichts Gutes bedeuten könne ; der General ging schweigend , aber heftig bewegt , im Zimmer auf und ab , und stand dann vor Adelbert still , der wie vernichtet , bleich und stumm allein in der fernsten Ecke des Zimmers saß . » Armer Adelbert ! « sprach der General , und strich liebkosend ihm über die dunklen Locken hin , » ich hoffte freilich , es solle anders kommen ! « Mit höchst schmerzlicher Geberde ergriff Adelbert seines Oheims Hand , drückte sie an seine brennenden Augen , an sein hochschlagendes Herz . » Vater , « sprach er , » mein gütiger Vater ! ich hoffte nichts , ich wünschte nichts , ach ! ich kenne mich ja zu gut , was kann ein Unglücklicher wie ich noch hoffen oder wünschen ! Aber ich erfreute mich ihrer Nähe , ihres Anblicks , wie ich der Sterne mich freue , ohne sie zu mir herabziehen zu wollen . Sie war so gut , so tröstend gegen mich wie ein Engel des Himmels , und eben weil sie es war , mußte sie untergehen . Ich bin es , ich , der sie dem Verderben entgegenführte ; die Ueberzeugung davon vernichtet mich , und doch ist es so . Nie hätte Moritz von Aarheim nur ihr Daseyn geahnet , wenn sie nicht mitleidig dort im Tempel neben mir verweilte . Er wäre den nehmlichen Abend abgereist , wie er es sich vorgenommen hatte , er wäre nimmer bei Lebzeiten des Barons nach Schloß Aarheim gekommen ; nur um meinetwillen durfte das Verderben sie überschleichen . Ich bin vom Schicksal geächtet , niemand darf freundlich mir nahen ! « Mit verhülltem Gesicht verließ Adelbert nach diesen Worten das Zimmer , nur Allwill wagte es ihm zu folgen , dessen weiche Natur sich von ihm stets angezogen fühlte . Der General sandte noch den nehmlichen Abend einen Eilboten nach Schloß Aarheim , um die Bewohner desselben , nebst Ernesto auf das dringendste zu sich einzuladen . Am folgenden Morgen eilte die ganze Gesellschaft Karlsbad zu verlassen , wo sie nichts mehr fesselte . Ob Herr von Aarheim die Einladung des Generals annehmen , wie er sie aufnehmen würde , war die ganze Reise über der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung . Viele von der Gesellschaft glaubten nach diesem ersten Schritte sein ganzes künftiges Betragen gegen Gabrielen in voraus beurtheilen zu können , sie bedachten nicht die Unmöglichkeit , bei diesem wankenden formlosen Charakter auch nur von der jetzigen Minute auf die zunächst folgende schließen zu können . Alle blieben indessen voll Erwartung , und die , welchen Gabriele am theuersten war , zitterten heimlich vor dem Gedanken an die erste Stunde des Wiedersehens , so sehnlich sie auch diese herbei wünschen mochten . Das bequeme heitre Schloß des Generals , die schönen Umgebungen im bunten herbstlichen Schmuck , vor allem aber des Eigenthümers ungezwungne edle Gastfreundlichkeit verfehlten nicht , am Ziel der Reise auf die Ankommenden den angenehmsten Eindruck zu machen . Ein möglichst freier Lebensplan , der jedermann zufrieden stellen sollte , kam bald zur Sprache und ward förmlich angenommen . Die Männer beschlossen , den Morgen den Freuden der Jagd zu weihen , während es den Frauen überlassen blieb , sich einzeln in ihren Zimmern oder versammelt im gemeinschaftlichen Gesellschaftssaal , nach eigner Wahl zu beschäftigen , bis die späte Stunde der Mittagstafel Damen und Jäger vereinte . Gesellige Freuden , Spiel , Tanz , Musik , gemeinschaftliches Lesen sollten die Abendstunden ausfüllen und geladne Gäste aus der nächsten Umgegend zuweilen Mannigfaltigkeit und Abwechselung in die Gesellschaft bringen . Unter Allwills und des Kapellmeisters Leitung vergingen die ersten Tage größtentheils in Anordnungen geselliger Feste , und in Proben kleiner theatralischer Kunstleistungen , die gewöhnlich mehr Freude gewähren als die Aufführung selbst . Letztere ward bis zu Gabrielens Ankunft verschoben , denn der General wünschte Herrn von Aarheim glauben zu lassen , daß alles einzig zu Gabrielens und ihres Gemahls Empfang veranstaltet worden sey . Herrn von Aarheims dadurch geschmeichelte Eitelkeit , hoffte er , würde ihn dann freundlicher stimmen , und ihn bewegen , Gabrielen recht lange im Kreise ihrer Freunde zu lassen . Weder die Gemüthsstimmung , noch die Gesundheit Adelberts erlaubte diesem , an dem edlen Waidwerk Theil zu nehmen , welchem die Herren den Morgen über , alles andre ausschließend , oblagen . Angezogen von Frau von Willnangens Güte und Augustens traulicher Freundlichkeit , gewöhnte er sich daher gar bald , die Stunden des Vormittags größtentheils im Zimmer dieser Damen , gewöhnlich mit ihnen allein zu verleben . Oft war Gabriele der Gegenstand ihres Gesprächs , und Adelbert konnte dann nie aufhören , den Unstern anzuklagen , welcher ihn , wenn gleich schuldlos , zur ersten Veranlassung ihres traurigen Geschicks machte . » Mutter ! « sprach eines Morgens Auguste , da er eben niedergeschlagener als gewöhnlich sich bezeigte , » liebe Mutter ! der Rittmeister verdient unser ganzes Vertrauen , ich kann es nicht länger tragen ihn so sich quälen zu sehen . Ich bitte dich , erlaube , daß ich ihm alles sage , was wir aus Ernestos Briefe von den Umständen wissen , die Gabrielens Vermählung begleiteten . Was du allen andern mit Recht verhehlst , darf er erfahren , denn gewiß er ist jeder Unbesonnenheit unfähig , die Gabrielens Ruhe gefährden könnte . « Adelbert blickte verwundert auf Augusten , wie sie mit blitzenden Augen und glühenden Wangen bei ihrer Mutter für ihn sich verwendete . » Fräulein ! « sprach er endlich , halb lächelnd , halb gerührt , » Sie wünschen mir Trost zu geben , Sie nehmen Theil an meinem Kummer , o hüten Sie sich ! auch Sie sind liebenswürdig , jung , ein Engel an Güte , wie ihre Freundin , auch Sie ergreift das Verderben , wenn Sie mit Wohlwollen sich mir nahen . « » Ich wage es darauf , « erwiderte lächelnd Auguste , » denn Sie retteten meiner Gabriele das Leben . Ja , das thaten Sie , Herr Rittmeister ! und eben so unbewußt , als Sie dem unseligen Moritz sie auslieferten . Wollen Sie über das letzte verzweifeln , so müssen Sie auch des erstern sich rühmen . Sagen Sie mir nicht , daß es vielleicht besser sey , Gabriele wäre gestorben ; im ersten Schmerz dachte ich das auch ; aber eigentlich halte ich doch viel vom Leben . Im Leben ist Hoffnung , wer weiß , welche Freuden es Gabrielen noch aufbewahrt , die sie alle dann Ihnen verdanken muß . « Frau von Willnangen hatte indessen Ernestos Brief hervorgesucht . » Ich wage es auf Augustens Verantwortung , « sprach sie , indem sie ein Blatt desselben Adelberten hinreichte . » Ja , ich will Ihnen vertrauen , was aus tausend Gründen jedem Andern ein Geheimniß bleiben muß . Der Antheil , den sie an meiner Gabriele nehmen , ist zu innig , als daß ich nicht wünschen sollte Sie von der unverschuldeten Qual zu erlösen . Wissen Sie denn , der eigne Vater hatte Gabrielen dem Tode geweiht ; gekränkter Hochmuth brachte den wahnsinnig Verzweiflenden zu dem entsetzlichen Entschlusse , sie , der er keine , ihrer Geburt gemäße Existenz zu sichern wußte , mit sich hinabzuziehen in das Grab . Darum ließ er so plötzlich sie zu sich entbieten , und nur durch Moritzens unerwartete Ankunft ward sie gerettet , ohne selbst die entsetzliche Gefahr zu ahnen , in welcher sie geschwebt hatte . Der Baron fand in der Vermählung des letzten Zweigs des Hauptstammes seines Geschlechts mit dem Erben der Vorrechte desselben den einzig möglichen ehrenvollen Ausweg . Gabriele wurde dem Leben erhalten , während der verfinsterte Geist ihres Vaters allein , freiwillig , hinabstieg ins Reich der Schatten . Lesen Sie hier die Bestätigung des Unglaublichen . « Adelbert las ; das lebhafteste Entsetzen malte sich während dessen in seinen Zügen . » Sind Sie nun überzeugt ? « fragte Auguste , als er schweigend das Blatt zurückgab , » oder werden Sie noch ferner fortfahren , sich selbst mit fruchtloser Reue zu peinigen ? « » Das sollten wir überhaupt nie , « sprach Frau von Willnangen , » denn wie wenig wissen wir was wir thun , wenn es auf den Erfolg unsrer Thaten ankommt ! Wie selten hilft uns unsre Klugheit ! Was half es denn , daß Ernesto Gabrielen begleitete ? Vermochte er es , sie zu beschützen ? Das Leben geht mit uns seinen gemessenen Gang ; wir werden mitgezogen ; unsre besten , überdachtesten Plane scheitern heute am Zufall , unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern zum Glück aus . Was hilft es , darüber zu klügeln ? Laßt uns nur immer das Gute ernstlich wollen und üben , und uns darein ergeben , wenn es anders wird als wir dachten , oder wenn aus unseren an sich gleichgültigen Handlungen ein unvorhergesehenes Uebel entspringt . Der Zukunft vorgreifen wollen , ist vermessen . Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln , die gerade das angedrohte Unheil herbeiführten , weil die Menschen zu ängstlich strebten , ihm auszuweichen . « Der Eilbote , welchen der General nach Schloß Aarheim gesandt hatte , kehrte zur rechten Zeit zurück , und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von Aarheim , sehr zierlich , auf goldnem Papier , mit himmelblauer Tinte geschrieben , in welchem dieser bedauerte , daß Geschäfte , tiefe Familientrauer und die noch immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmöglich machten , die an ihn ergangne Einladung anzunehmen . Alle fühlten sich durch diese abschlägige Antwort verstimmt , und da unbefriedigte Neugier keinen kleinen Antheil an dieser Verstimmung haben mochte , so sah man sich wenige Tage später durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos um so freudiger überrascht . Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen , drängte sich an ihn mit tausend Fragen und Erkundigungen nach allem , was Gabrielen betraf , und es bedurfte seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit , um dem überlästigen Forschen schicklich auszuweichen , nicht bald hier zu viel , bald dort zu wenig zu sagen . Mit Noth und Mühe gelang es ihm endlich , eine ruhige Stunde zu erringen , in welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz ungestört ausschütten konnte . Der Schmerz über alles was vorgegangen war seit sie sich zum letztenmal sahen , erneute sich auf das lebhafteste in dieser traulichen Zusammenkunft , und es währte ziemlich lange , ehe Ernesto dazu kommen konnte , von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben . » Das unerträglichste bei Gabrielens Geschick , dünkt mir , ist dessen Farblosigkeit , « sprach Ernesto . » Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage , wo es weder friert noch regnet , sondern alles in einem dicken handgreiflichen Nebel eingehüllt ist , der erkältend jedes Leben erstarren läßt , ohne es eben zu tödten . Blumen und Blätter sind nicht erfroren , nicht verwelkt , nicht erstorben , aber sie sehen aus , als wären sie das alles . Ein rechtschaffner Orkan , in welchem die Welt zittert und splittert , wäre mir tausendmal lieber . « » Moritz ist gut , « fuhr er im Laufe des Gesprächs fort , » aber es ist nicht die rechte , warme , menschliche Güte , die ihn beseelt ; nicht jene Güte , die zum Herzen geht , weil sie recht aus dem Grunde des Herzens kommt , und bei der jedermann wohl wird . Er ist gut , weil er nicht böse ist , er ist nicht böse weil es sich nicht schicken will , weil nichts dabei herauskommt , weil - ich weiß , Sie werden mich nicht mißverstehen wenn ich es ausspreche - weil er nicht den Muth dazu hat , wenn gleichwohl zuweilen die Neigung . Er ist feig , wie alle Narren seiner Art , obwohl ihn dann und wann der Moment hinreißt , wie damals als er dem Baron das Fläschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte . Dies scheint indessen die größte Heldenthat seines Lebens gewesen zu seyn , denn er hörte nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war . Ich halte diese Feigheit Moritzens für dessen gefährlichste Eigenschaft , denn in ihr ruht der Keim zu tausend andern , als da sind : Mißtrauen , Eifersucht , Unwahrheit , Kleinlichkeit , Eigensinn . « - » O genug , genug von ihm , « rief Auguste , » sprechen Sie uns von unsrer Gabriele . « » Die ist ein Engel , von dem sich eben nichts weiter sagen läßt , wenn man den Erdenklumpen nicht erwähnen darf , an den diese Psyche leider gefesselt ist , « war Ernestos Antwort . » Woher das junge Kind den Muth , die Geduld , ja sogar die Lebensklugheit hernimmt , die sie bei jeder Gelegenheit an den Tag legt , ist mir unbegreiflich . Wahrlich ja , ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen , daß der Mutter verklärter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite . Sie erinnern sich , wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so gewaltsam emporrang , daß nach überstandner Lebensgefahr die Genesene , obgleich immer dieselbe , uns damals wie in einem verklärten erhöhten Zustande erschien . Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine glückliche Zukunft geschieden , wie damals von dem Gegenstande ihrer stillen Liebe , und zum zweitenmal hat die nehmliche Veränderung mit ihr sich zugetragen , denn zum zweitenmal fühlt sie sich erhoben und gekräftigt durch das Bewußtseyn des schweren Siegs über sich selbst . So hoch die Gabriele , welche in Karlsbad von Ihnen schied , über dem furchtsamen , blassen , zitternden Kinde steht , das bei den Tableaus der Gräfin Rosenberg zuerst erschien , so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele über jene , die Sie verlassen mußte . Auch im Aeußern ist sie verändert . Sie ist größer , lieblicher , schöner als je . Bescheiden , demüthig sogar , vereint sie mit dem Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemüth , eine Würde , einen edlen Anstand , der sogar mir imponirt , und den armen Moritz oft dahin bringt , daß er ärger als je alle Sprachen durcheinander jagt , um das rechte Wort zu finden ; besonders wenn er ihr etwas anzukündigen hat , von dem er ahnet , daß es ihren Wünschen nicht zusagen möchte , wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals . « » War es denn nicht möglich ihn zu bewegen , diese anzunehmen ? « fragte Auguste . » Ich glaube , es wäre Gabrielen möglich gewesen , aber sie scheint sich Verhaltungs-Regeln vorgeschrieben zu haben , denen ich nicht einzureden wage , « war die Antwort . » Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so bestimmt , so sicher , dabei so eigen , daß es Pflicht ist sie ungestört gehen zu lassen . Ihr eignes Vergnügen , jeden Genuß opfert sie Moritzen auf , sobald er den Wunsch davon nur äußert , ohne es der Mühe werth zu achten , ihm merken zu lassen , daß sie ihm ein Opfer bringt . Im Gegentheil , sie ist gerade in solchen Momenten noch freundlicher gegen ihn als sonst . Zu Bitten erniedrigt sie sich nie , denn wen man nicht liebt oder wenigstens achtet , von dem kann ein edler Sinn nichts für sich erbitten wollen . Gilt es aber ihrem Gefühle von Recht und Unrecht , dann erklärt sie ihre Meinung , ruhig und bescheiden , und hält sie fest , und läßt sich nicht irren , ohne sich weiter mit ihm darüber zu streiten . Freilich habe ich dieses nur einmal erlebt , aber sie ist ja auch noch nicht viel über einen Monat ihm vermählt . Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen , die er bei Frau Dalling in Schloß Aarheim lassen wollte . Er war im Begriffe für Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben , und kündigte ihr dieses mit großem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen Sorgfalt für sie an . Gabriele erklärte ihm mit wenigen Worten , daß Annette ihr zu große Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe , als daß sie je sie von sich lassen könnte . Die fremde Bedienung verbat sie sich gänzlich , weil dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe . Moritz redete sich Stunden lang außer Athem , um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der ausländischen Kammerfrauen zu beweisen , Gabriele gab alles zu , behauptete aber ganz gelassen , nichts von diesen Talenten nöthig zu haben , und Annette bleibt bei ihr nach wie vor . « » Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden ? zur Uebung ihrer Talente ? zum Genuß ihrer selbst ? « fragte Frau von Willnangen . » Gottlob nein , « sprach Ernesto , » wenigstens nicht für jetzt , so lange die Marotte vorhält , die er sich in den Kopf gesetzt hat , seinen Ehestand auf englische Weise zu führen . Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit , und fühlt sich obendrein sehr glücklich , daß diese Art zu leben sie einer Menge lästiger Vertraulichkeiten überhebt . So fällt es ihnen zum Beispiel gar nicht ein , einander mit Du anzureden . Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim , sie ihn Herr von Aarheim . Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt , so würde er es höchst unschicklich finden , wenn ein Fremder an ihrer Art mit einander umzugehen merken könnte , daß sie ein verheirathetes Paar sind , und er beeifert sich deshalb , besonders vor Leuten , einer oft höchst lächerlichen formellen Höflichkeit gegen sie , die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt hält . Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch früher auf als er , um sich in ihr Zimmer zu begeben . Er bleibt dann noch ein Stündchen allein sitzen , knackt Nüsse auf , und da er kein Trinker ist , so läßt er seinen Wein vor sich stehen und verrauchen ; dabei langweilt er sich fürchterlich ohne es zu achten , denn es geschieht à l ' angloise . Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den größten Theil des Tages für sich , den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten Beschäftigungen zubringt , ohne daß es Herrn von Aarheim oft einfiele , sie durch seine Gegenwart zu unterbrechen . Er ist zufrieden , wenn sie nur bei den Mahlzeiten die Honneurs macht , mehr fordert man ja auch in England von keiner Lady . Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre Gegenwart hier im Schlosse gebracht . Moritz behauptet , ein neuvermähltes Paar dürfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen , was leider Gabrielens Gesundheit nicht erlaubt hat , aber während der Flitterwochen sich in Gesellschaft zu zeigen , wäre unschicklich , undelikat und gemein , und eigentlich müsse er sich wundern , wie man ihm nur habe so etwas zumuthen können . Ich glaube aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen , sie heißt Eifersucht , Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand , und deshalb um so gefährlicher . Herr von Aarheim möchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten , eigentlich mehr aus Mißtrauen in sich als in sie . Seine englischen Grundsätze , welche dem Mädchen jede , der Frau keine gesellige Freiheit erlauben , kommen ihm dabei trefflich zu statten . Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild , trotz der Narben und des lahmen Fußes ihm als das eines höchst gefährlichen Nebenbuhlers vor . Unaufhörlich suchte er mich und Gabrielen auf das ängstlichste über ihn auszuforschen , nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei Gabrielens Mienen auf eine wirklich lächerliche Art. Uebrigens aber , glaube ich , thut er auch mir die Ehre an , mich für gefährlich zu halten , da er mit Gabrielen nach seinen Gütern am Rheine gegangen ist , wo er den Winter zubringen will , ohne mich einzuladen , sie zu begleiten , oder auch nur späterhin zu besuchen . Im Gegentheil nahm er es als ganz bekannt an , daß ich hieher gehen müßte . « Die Abende wurden immer länger . Graue Nebel verhüllten Tage lang die Sonne und trieben die eifrigsten Waidmänner bei ungewohnt früher Zeit dem warmen kerzenhellen Versammlungs-Saale zu , wo die gesellige Freude in steter Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte . Seit es entschieden war , daß die zur Königin der Feste bestimmte Gabriele nicht erscheinen würde , hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen . Zwar war sie weder vergessen , noch war der Antheil gesunken , welchen Freunde und Bekannte an ihrem Geschick nahmen , aber man hatte sich darüber ausgesprochen und wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenständen zu . Jeder Eindruck verlischt , der nicht täglich erneut wird , vergebens sucht man ihn festzuhalten , vergebens strebt man , sich länger zu freuen oder zu betrüben , sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt . Selbst Auguste ließ oft vom fröhlichen Taumel sich hinreißen , obschon sie gleich darauf sich leichtsinnig schalt , so fröhlich gewesen zu seyn , während ihre freudenarme Gabriele einsam-traurige Stunden verlebte . » Sie versündigen sich an der Natur und an sich selbst , « erwiderte ihr einst Ernesto auf eine ähnliche Aeußerung , welche sie über ihre jugendliche Fröhlichkeit that . » Wie könnten wir nicht nur den Schmerz , sondern auch die Freude tragen , bliebe ihr Empfinden immer sich gleich ? Glauben Sie mir ; Niemand von uns überlebte das zwanzigste Jahr , wenn uns nicht die alles ebnende , alles erleichternde Gewöhnung zur tröstenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben wäre ; lebenssatt , oder mit gebrochnem Herzen sänken wir alle lange vor der Zeit in das Grab . « Im übrigen Schlosse ging es unterdessen gar fröhlich her , und je bunter und lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeiströmenden Gästen betrieben wurde , je zufriedner bezeigte sich der General . Mit der zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand , munterte zur Ausführung jedes Einfalls auf , den irgend einer seiner Gäste zum allgemeinen Vergnügen angab , und ward dabei selbst mit jedem Tage heitrer . Auch die Freude über Adelberts sichtbares Genesen verjüngte augenscheinlich den liebenswürdigen Greis , der mit mehr als väterlicher Liebe an diesem hing . Seine Augen glänzten , wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten , dessen Wange in der Farbe der Gesundheit wieder zu erblühen begann , und dessen ganzes Wesen von neuem in frischer lebendiger Theilnahme an der Außenwelt erwachte . Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder , der Arm blieb freilich steif , obgleich fast unmerklich , aber der gelähmte Fuß erlaubte ihm schon an Augustens Seite im Polonoisen-Takte den Saal zu durchwandern , und sey es nun die oft belobte Nachwirkung der Brunnenkur , oder die Wirkung des gegenwärtigen heitren Lebens , Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er bedurfte , um von allen Fräuleins drei Meilen in der Runde für höchst interessant erklärt zu werden . Die Zeit , welche man ursprünglich im Schlosse des Generals zu verweilen beschlossen hatte , war unbemerkt längst vorübergezogen und der mit starken Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft , sehr ernstlich an den Abschied von ihrem freundlichen Wirthe zu denken , sich zur Heimreise zu rüsten . Die Ungewißheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten machte dieser indessen manche Sorge . Vergebens hatte sie fortwährend Beide mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet ; Leos Benehmen und Augustens Herz wurden ihr mit jedem Tage räthselhafter , und sie selbst immer unentschiedener , ob es nicht die Pflicht der Mutter heische , Augusten um ihr Verhältniß zu dem jungen Manne zu befragen , dessen auffallende Weise , sie allen andern vorzuziehen , von der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde . » Wecken Sie keinen Nachtwandler , indem Sie ihn beim Namen rufen , « sprach Ernesto , den sie deshalb zu Rathe zog . » Sie gerathen in Gefahr , ihn eben dadurch in den Abgrund zu stürzen , wodurch Sie ihn warnen wollten . Leo ist ein ganz guter Mensch , aber leider gehört er zu jener Legion von Kurmachern , die in der Mädchenwelt so viel Unheil stiften . Zum Glück ist Auguste mit ihrer gegenwärtigen Lage zufrieden genug , um keine Veränderung ihres Zustandes herbei zu sehnen . Ich bin überzeugt , daß Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht haben kann , obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen läßt . Bei alle dem wäre es aber dennoch möglich , daß sie eine Zeitlang sich einbildete , ihn zu lieben , wenn man durch unnütze Fragen sie auf diese Gedanken brächte ; sie könnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen , wenn er sich erklärte und sich für unglücklich zu halten , wenn er es unterließe , was aus Furcht vor dem gnädigen Papa und der gnädigen Mama wahrscheinlich geschehen wird . « » Glauben Sie in der That nicht , daß Leo Augusten genug liebt um wenigstens einen Versuch zu wagen , die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit ihr zu erhalten ? « fragte Frau von Willnangen . » Ich glaube es nicht , « erwiderte Ernesto ; » denn was konnte ihn bestimmen , fast bis zum Abschiedstage damit zu zögern ? Mir scheint es , er gehört zu der Zahl junger Leute , welche wie im Traume umherwandeln , ohne eigentlich zu wissen , was sie wollen . Sie seufzen , sie werfen mit zärtlichen Blicken um sich , sie thun bedeutend , alles ohne Plan und Zweck . Dabei sind sie wetterwendisch wie eine Kokette aus dem vorigen Jahrhundert . Heute glühend , morgen kalt wie Eis , scheinen sie die gestern