umher nach einem neuen , um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten . Unzählig sind die Verlegenheiten , in welche sich der Mensch in solchen Augenblicken versetzt sieht ; unzählig die Mittel , welche eine erfinderische Natur innerhalb ihrer eignen Kräfte zu entdecken , sodann aber auch , wenn diese nicht auslangen , außerhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten weiß . Zu gutem Glück jedoch war der Major durch ein halbes Bewußtsein , ohne sein Wollen und Trachten , schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet . Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet , sich seinem natürlichen Lebensgange wieder überlassen , auf den Schein Ansprüche zu machen aufgehört hatte , empfand er sich am eigentlichen körperlichen Behagen einigermaßen verkürzt . Er empfand das Unangenehme eines Überganges vom ersten Liebhaber zum zärtlichen Vater ; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm aufdringen . Die Sorgfalt für das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer zuerst in seinen Gedanken hervor , bis das Gefühl von Liebe , von Hang , von Verlangen annähernder Gegenwart sich erst später entfaltete . Und wenn er sich Hilarien in seinen Armen dachte , so war es ihr Glück , was er beherzigte , das er ihr zu schaffen wünschte , mehr als die Wonne , sie zu besitzen . Ja er mußte sich , wenn er ihres Andenkens rein genießen wollte , zuerst ihre himmlisch ausgesprochene Neigung , er mußte jenen Augenblick denken , wo sie sich ihm so unverhofft gewidmet hatte . Nun aber , da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich gesehen , die Liebenswürdigste zusammenstürzend , in dem Schoße des Jünglings , beide seiner verheißenen hülfreichen Wiederkunft nicht achtend , ihn an dem genau bezeichneten Orte nicht erwartend , verschwunden in die Nacht , und er sich selbst im düstersten Zustande überlassen : wer fühlte das mit und verzweifelte nicht in seine Seele ? Die an Vereinigung gewöhnte , auf nähere Vereinigung hoffende Familie hielt sich bestürzt auseinander ; Hilarie blieb hartnäckig auf ihrem Zimmer , der Major nahm sich zusammen , von seinem Sohne den früheren Hergang zu erfahren . Das Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schönen Witwe verursacht . Um ihren bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswürdigen , welche Absicht auf ihn verriet , nicht zu überlassen , wendet sie mehr scheinbare Gunst , als billig ist , an ihn . Er , dadurch aufgeregt und ermutigt , sucht seine Zwecke heftig bis ins Ungehörige zu verfolgen , worüber denn erst Widerwärtigkeit und Zwist , darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhältnis unwiederbringlich ein Ende macht . Väterlicher Milde bleibt nichts übrig , als die Fehler der Kinder , wenn sie traurige Folgen haben , zu bedauern und , wo möglich , herzustellen ; gehen sie läßlicher , als zu hoffen war , vorüber , sie zu verzeihen und zu vergessen . Nach wenigem Bedenken und Bereden ging Flavio sodann , um an der Stelle seines Vaters manches zu besorgen , auf die übernommenen Güter und sollte dort bis zum Ablauf seines Urlaubs verweilen , dann sich wieder ans Regiment anschließen , welches indessen in eine andere Garnison verlegt worden . Eine Beschäftigung mehrerer Tage war es für den Major , Briefe und Pakete zu eröffnen , welche sich während seines längeren Ausbleibens bei der Schwester gehäuft hatten . Unter andern fand er ein Schreiben jenes kosmetischen Freundes , des wohlkonservierten Schauspielers . Dieser , durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem Zustande des Majors und von dem Vorsatze , sich zu verheiraten , trug mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor , die man bei einem solchen Unternehmen vor Augen haben sollte ; er behandelte die Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken , daß für einen Mann in gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei , sich des schönen Geschlechts zu enthalten und einer löblichen , bequemen Freiheit zu genießen . Nun zeigte der Major lächelnd das Blatt seiner Schwester , zwar scherzend , aber doch ernstlich genug auf die Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend . Auch war ihm indessen ein Gedicht eingefallen , dessen rhythmische Ausführung uns nicht gleich beigeht , dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige Wendung sich auszeichnete : » Der späte Mond , der zur Nacht noch anständig leuchtet , verblaßt vor der aufgehenden Sonne ; der Liebeswahn des Alters verschwindet in Gegenwart leidenschaftlicher Jugend ; die Fichte , die im Winter frisch und kräftig erscheint , sieht im Frühling verbräunt und mißfärbig aus , neben hell aufgrünender Birke . « Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die entscheidenden Helferinnen zu einer endlichen Entschließung hier vorzüglich preisen ; denn wie ein kleines Ereignis die wichtigsten Folgen haben kann , so entscheidet es auch oft , wo schwankende Gesinnungen obwalten , die Waage dieser oder jener Seite zuneigend . Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen , und er fürchtete , den zweiten zu verlieren . An eine künstlich scheinbare Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken , und mit diesem Mangel um eine junge Geliebte zu werben , fing an , ihm ganz erniedrigend zu scheinen , besonders jetzt , da er sich mit ihr unter einem Dach befand . Früher oder später hätte vielleicht ein solches Ereignis wenig gewirkt , gerade in diesem Augenblicke aber trat ein solcher Moment ein , der einem jeden an eine gesunde Vollständigkeit gewöhnten Menschen höchst widerwärtig begegnen muß . Es ist ihm , als wenn der Schlußstein seines organischen Wesens entfremdet wäre und das übrige Gewölbe nun auch nach und nach zusammenzustürzen drohte . Wie dem auch sei , der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar bald einsichtig und verständig über die so verwirrt scheinende Angelegenheit ; sie mußten beide bekennen , daß sie eigentlich nur durch einen Umweg ans Ziel gelangt seien , ganz nahe daran , von dem sie sich zufällig , durch äußern Anlaß , durch Irrtum eines unerfahrnen Kindes verleitet , unbedachtsam entfernt ; sie fanden nichts natürlicher , als auf diesem Wege zu verharren , eine Verbindung beider Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt , wozu sie sich die Mittel zu verschaffen gewußt , treu und unablässig zu widmen . Völlig in Übereinstimmung mit dem Bruder , ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer . Diese saß am Flügel , zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begrüßende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhören gleichsam einladend . Es war ein angenehmes , beruhigendes Lied , das eine Stimmung der Sängerin aussprach , die nicht besser wäre zu wünschen gewesen . Nachdem sie geendigt hatte , stand sie auf , und ehe die ältere Bedächtige ihren Vortrag beginnen konnte , fing sie zu sprechen an : » Beste Mutter ! es war schön , daß wir über die wichtigste Angelegenheit so lange geschwiegen ; ich danke Ihnen , daß Sie bis jetzt diese Saite nicht berührten , nun aber ist es wohl Zeit , sich zu erklären , wenn es Ihnen gefällig ist . Wie denken Sie sich die Sache ? « Die Baronin , höchst erfreut über die Ruhe und Milde , zu der sie ihre Tochter gestimmt fand , begann sogleich ein verständiges Darlegen der frühern Zeit , der Persönlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste ; sie gab den Eindruck zu , den der einzige Mann von Wert , der einem jungen Mädchen so nahe bekannt geworden , auf ein freies Herz notwendig machen müsse , und wie sich daraus , statt kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen , gar wohl eine Neigung , die als Liebe , als Leidenschaft sich zeige , entwickeln könne . Hilarie hörte aufmerksam zu und gab durch bejahende Mienen und Zeichen ihre völlige Einstimmung zu erkennen ; die Mutter ging auf den Sohn über , und jene ließ ihre langen Augenwimpern fallen ; und wenn die Rednerin nicht so rühmliche Argumente für den Jüngeren fand , als sie für den Vater anzuführen gewußt hatte , so hielt sie sich hauptsächlich an die Ähnlichkeit beider , an den Vorzug , den diesem die Jugend gebe , der zugleich , als vollkommen gattlicher Lebensgefährte gewählt , die völlige Verwirklichung des väterlichen Daseins von der Zeit wie billig verspräche . Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken , obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall höchst natürliche innere Bewegung verrieten . Auf die äußeren glücklichen , gewissermaßen gebietenden Umstände lenkte sich hierauf der Vortrag . Der abgeschlossene Vergleich , der schöne Gewinn für die Gegenwart , die nach manchen Seiten hin sich erweiternden Aussichten , alles ward völlig der Wahrheit gemäß vor Augen gestellt , da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte , wie Hilarien selbst erinnerlich sein müsse , daß sie früher dem mit ihr heranwachsenden Vetter , und wenn auch nur wie im Scherze , sei verlobt gewesen . Aus alle dem Vorgesagten zog nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schluß , daß nun mit ihrer und des Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesäumt stattfinden könne . Hilarie , ruhig blickend und sprechend , erwiderte darauf , sie könne diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen , und führte gar schön und anmutig dagegen an , was ein zartes Gemüt gewiß mit ihr gleich empfinden wird , und das wir mit Worten auszuführen nicht unternehmen . Vernünftige Menschen , wenn sie etwas Verständiges ausgesonnen , wie diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen wäre , dieser oder jener Zweck zu erreichen sein möchte , und dafür sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet , fühlen sich höchst unangenehm betroffen , wenn diejenigen , die zu eignem Glücke mitwirken sollten , völlig andern Sinnes gefunden werden und aus Gründen , die tief im Herzen ruhen , sich demjenigen widersetzen , was so löblich als nötig ist . Man wechselte Reden , ohne sich zu überzeugen ; das Verständige wollte nicht in das Gefühl eindringen , das Gefühlte wollte sich dem Nützlichen , dem Notwendigen nicht fügen ; das Gespräch erhitzte sich , die Schärfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz , das nun nicht mehr mäßig , sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag gab , so daß zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Würde des jungen Mädchens erstaunt zurücktrat , als sie mit Energie und Wahrheit das Unschickliche , ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob . In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurückkehrte , läßt sich denken , vielleicht auch , wenngleich nicht vollkommen , nachempfinden , wie der Major , der , von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt , zwar hoffnungslos , aber getröstet vor der Schwester stand , sich von jener Beschämung entwunden und so dieses Ereignis , das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war , in seinem Innern ausgeglichen fühlte . Er verbarg diesen Zustand augenblicklich seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in diesem Falle ganz natürliche Äußerung : man müsse nichts übereilen , sondern dem guten Kinde Zeit lassen , den eröffneten Weg , der sich nunmehr gewissermaßen selbst verstünde , freiwillig einzuschlagen . Nun aber können wir kaum unsern Lesern zumuten , aus diesen ergreifenden inneren Zuständen in das Äußere überzugehen , worauf doch jetzt so viel ankam . Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit ließ , mit Musik und Gesang , mit Zeichnen und Sticken ihre Tage angenehm zu verbringen , auch mit Lesen und Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten , so beschäftigte sich der Major bei eintretendem Frühjahr , die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen ; der Sohn , der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und , wie er gar nicht zweifeln konnte , als glücklichen Gatten Hilariens erblickte , fühlte nun erst ein militärisches Bestreben nach Ruhm und Rang , wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte . Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiß vorauszusehen , daß dieses Rätsel , welches nur noch an eine Grille geknüpft schien , sich bald aufhellen und auseinanderlegen würde . Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu finden . Die Baronin wartete tagtäglich , aber vergebens , auf die Sinnesänderung ihrer Tochter , die zwar mit Bescheidenheit und selten , aber doch , bei entscheidendem Anlaß , mit Sicherheit zu erkennen gab , sie bleibe so fest bei ihrer Überzeugung , als nur einer sein kann , dem etwas innerlich wahr geworden , es möge nun mit der ihn umgebenden Welt in Einklang stehen oder nicht . Der Major empfand sich zwiespältig ; er würde sich immer verletzt fühlen , wenn Hilarie sich wirklich für den Sohn entschiede ; entschiede sie sich aber für ihn selbst , so war er ebenso überzeugt , daß er ihre Hand ausschlagen müsse . Bedauern wir den guten Mann , dem diese Sorgen , diese Qualen wie ein beweglicher Nebel unablässig vorschwebten , bald als Hintergrund , auf welchem sich die Wirklichkeiten und Beschäftigungen des dringenden Tages hervorhoben , bald herantretend und alles Gegenwärtige bedeckend . Ein solches Wanken und Schweben bewegte sich vor den Augen seines Geistes ; und wenn ihn der fordernde Tag zu rascher , wirksamer Tätigkeit aufbot , so war es bei nächtlichem Erwachen , wo alles Widerwärtige , gestaltet und immer umgestaltet , im unerfreulichsten Kreis sich in seinem Innern umwälzte . Dies ewig wiederkehrende Unabweisbare brachte ihn in einen Zustand , den wir fast Verzweiflung nennen dürften , weil Handeln und Schaffen , die sich sonst als Heilmittel für solche Lagen am sichersten bewährten , hier kaum lindernd , geschweige denn befriedigend wirken wollten . In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein Schreiben mit Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Städtchens , wo ein eilig Durchreisender ihn dringend zu sprechen wünschte . Er , bei seinen vielfachen Geschäfts- und Weltverhältnissen an dergleichen gewöhnt , säumte um so weniger , als ihm die freie , flüchtige Hand einigermaßen erinnerlich schien . Ruhig und gefaßt nach seiner Art begab er sich an den bezeichneten Ort , als in der bekannten , fast bäuerischen Oberstube die schöne Witwe ihm entgegentrat , schöner und anmutiger , als er sie verlassen hatte . War es , daß unsere Einbildungskraft nicht fähig ist , das Vorzüglichste festzuhalten und völlig wieder zu vergegenwärtigen , oder hatte wirklich ein bewegterer Zustand ihr mehreren Reiz gegeben , genug , es bedurfte doppelter Fassung , sein Erstaunen , seine Verwirrung unter dem Schein allgemeinster Höflichkeit zu verbergen ; er grüßte sie verbindlich mit verlegener Kälte . » Nicht so , mein Bester ! « rief sie aus , » keineswegs hab ' ich Sie dazu zwischen diese geweißten Wände , in diese höchst unedle Umgebung berufen ; ein so schlechter Hausrat fordert nicht auf , sich höfisch zu unterhalten . Ich befreie meine Brust von einer schweren Last , indem ich sage , bekenne : in Ihrem Hause hab ' ich viel Unheil angerichtet . « - Der Major trat stutzend zurück . - » Ich weiß alles « , fuhr sie fort , » wir brauchen uns nicht zu erklären ; Sie und Hilarien , Hilarien und Flavio , Ihre gute Schwester , Sie alle bedaure ich . « Die Sprache schien ihr zu stocken , die herrlichsten Augenwimpern konnten hervorquellende Tränen nicht zurückhalten , ihre Wange rötete sich , sie war schöner als jemals . In äußerster Verwirrung stand der edle Mann vor ihr , ihn durchdrang eine unbekannte Rührung . » Setzen wir uns « , sagte , die Augen trocknend , das allerliebste Wesen . » Verzeihen Sie mir , bedauern Sie mich , Sie sehen , wie ich bestraft bin . « Sie hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg , wie bitterlich sie weinte . » Klären Sie mich auf , meine Gnädige « , sprach er mit Hast . - » Nichts von gnädig ! « entgegnete sie himmlisch lächelnd , » nennen Sie mich Ihre Freundin , Sie haben keine treuere . Und also , mein Freund , ich weiß alles , ich kenne die Lage der ganzen Familie genau , aller Gesinnungen und Leiden bin ich vertraut . « - » Was konnte Sie bis auf diesen Grad unterrichten ? « - » Selbstbekenntnisse . Diese Hand wird Ihnen nicht fremd sein . « Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin . - » Die Hand meiner Schwester , Briefe , mehrere , der nachlässigen Schrift nach vertraute ! Haben Sie je mit ihr in Verhältnis gestanden ? « - » Unmittelbar nicht , mittelbar seit einiger Zeit ; hier die Aufschrift : An * * * . « - » Ein neues Rätsel : An Makarien , die schweigsamste aller Frauen . « - » Deshalb aber auch die Vertraute , der Beichtiger aller bedrängten Seelen , aller derer , die sich selbst verloren haben , sich wiederzufinden wünschten und nicht wissen wo . « - » Gott sei Dank ! « rief er aus » daß sich eine solche Vermittlung gefunden hat , mir wollt ' es nicht ziemen , sie anzuflehen , ich segne meine Schwester , daß sie es tat ; denn auch mir sind Beispiele bekannt , daß jene Treffliche , im Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels , durch die äußere verworrene Gestalt irgendeinem Unglücklichen sein rein schönes Innere gewiesen und ihn auf einmal erst mit sich selbst befriedigt und zu einem neuen Leben aufgefordert hat . « - » Diese Wohltat erzeigte sie auch mir « , versetzte die Schöne ; und in diesem Augenblick fühlte unser Freund , wenn es ihm auch nicht klar wurde , dennoch entschieden daß aus dieser sonst in ihrer Eigenheit abgeschlossenen merkwürdigen Person sich ein sittlich-schönes , teilnehmendes und teilgebendes Wesen hervortat . - » Ich war nicht unglücklich , aber unruhig « , fuhr sie fort , » ich gehörte mir selbst nicht recht mehr an , und das heißt denn doch am Ende nicht glücklich sein . Ich gefiel mir selbst nicht mehr , ich mochte mich vor dem Spiegel zurechtrücken , wie ich wollte , es schien mir immer , als wenn ich mich zu einem Maskenball herausputzte ; aber seitdem sie mir ihren Spiegel vorhielt , seit ich gewahr wurde , wie man sich von innen selbst schmücken könne , komm ' ich mir wieder recht schön vor . « Sie sagte das zwischen Lächeln und Weinen und war , man mußte es zugeben , mehr als liebenswürdig . Sie erschien achtungswert und wert einer ewigen treuen Anhänglichkeit . » Und nun , mein Freund , fassen wir uns kurz : hier sind die Briefe ! sie zu lesen und wieder zu lesen , sich zu bedenken , sich zu bereiten , bedürften Sie allenfalls einer Stunde , mehr , wenn Sie wollen ; alsdann werden mit wenigen Worten unsere Zustände sich entscheiden lassen . « Sie verließ ihn , um in dem Garten auf und ab zu gehen ; er entfaltete nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien , dessen Inhalt wir summarisch andeuten . Jene beklagt sich über die schöne Witwe . Wie eine Frau die andere ansieht und scharf beurteilt , geht hervor . Eigentlich ist nur vom Äußern und von Äußerungen die Rede , nach dem Innern wird nicht gefragt . Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung . Schilderung eines solchen Wesens von innen heraus . Das Äußere erscheint als Folge von Zufälligkeiten , kaum zu tadeln , vielleicht zu entschuldigen . Nun berichtet die Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns , der wachsenden Neigung des jungen Paars , von der Ankunft des Vaters , der entschiedenen Weigerung Hilariens . Überall finden sich Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit , die aus der gründlichen Überzeugung stammt , daß hieraus eine sittliche Besserung entstehen müsse . Sie übersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schönen Frau , deren himmelschönes Innere nun hervortritt und das Äußere zu verherrlichen beginnt . Das Ganze schließt mit einer dankbaren Erwiderung an Makarien . Sechstes Kapitel Wilhelm an Lenardo Endlich , teuerster Freund , kann ich sagen , sie ist gefunden , und zu Ihrer Beruhigung darf ich hinzusetzen , in einer Lage , wo für das gute Wesen nichts weiter zu wünschen übrigbleibt . Lassen Sie mich im allgemeinen reden ; ich schreibe noch hier an Ort und Stelle , wo ich alles vor Augen habe , wovon ich Rechenschaft geben soll . Häuslicher Zustand , auf Frömmigkeit gegründet , durch Fleiß und Ordnung belebt und erhalten , nicht zu eng , nicht zu weit , im glücklichsten Verhältnis der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften . Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten , anfänglichsten Sinne ; hier ist Beschränktheit und Wirkung in die Ferne , Umsicht und Mäßigung , Unschuld und Tätigkeit . Nicht leicht habe ich mich in einer angenehmeren Gegenwart gesehen , über welche eine heitere Aussicht auf die nächste Zeit und die Zukunft waltet . Dieses , zusammen betrachtet , möchte wohl hinreichend sein , einen jeden Teilnehmenden zu beruhigen . Ich darf daher in Erinnerung alles dessen , was unter uns besprochen worden , auf das dringendste bitten : der Freund möge es bei dieser allgemeinen Schilderung belassen , solche allenfalls in Gedanken ausmalen , dagegen aber aller weitern Nachforschung entsagen und sich dem großen Lebensgeschäfte , in das er nun wahrscheinlich vollkommen eingeweiht sein wird , auf die lebhafteste Weise widmen . Ein Duplikat dieses Briefes sende an Hersilien , das andere an den Abbé , der , wie ich vermute , am sichersten weiß , wo Sie zu finden sind . An diesen geprüften , im Geheimen und Offenbaren immer gleich zuverlässigen Freund schreibe noch einiges , welches er mitteilen wird ; besonders bitte , was mich selbst betrifft , mit Anteil zu betrachten und mit frommen , treuen Wünschen mein Vorhaben zu fördern . Wilhelm an den Abbé Wenn mich nicht alles triegt , so ist Lenardo , der höchst wertzuschätzende , gegenwärtig in eurer Mitte , und ich sende deshalb das Duplikat eines Schreibens , damit es ihm sicher zugestellt werde . Möge dieser vorzügliche junge Mann in euren Kreis zu ununterbrochenem bedeutendem Wirken verschlungen werden , da , wie ich hoffe , sein Inneres beruhigt ist . Was mich betrifft , so kann ich , nach fortdauernder tätiger Selbstprüfung , mein durch Montan vorlängst angebrachtes Gesuch nunmehr nur noch ernstlicher wiederholen ; der Wunsch , meine Wanderjahre mit mehr Fassung und Stetigkeit zu vollenden , wird immer dringender . In sicherer Hoffnung , man würde meinen Vorstellungen Raum geben , habe ich mich durchaus vorbereitet und meine Einrichtung getroffen . Nach Vollendung des Geschäfts zugunsten meines edlen Freundes werde ich nun wohl meinen fernern Lebensgang unter den schon ausgesprochenen Bedingungen getrost antreten dürfen . Sobald ich auch noch eine fromme Wallfahrt zurückgelegt , gedenke ich in * * * einzutreffen . An diesem Ort hoff ' ich eure Briefe zu finden und meinem innern Triebe gemäß von neuem zu beginnen . Siebentes Kapitel Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen , schritt er , durch manchen benachbarten Gebirgszug fortwandernd , immer weiter , bis die herrliche Talgegend sich ihm eröffnete , wo er , vor Beginn eines neuen Lebensganges , so manches abzuschließen gedachte . Unerwartet traf er hier auf einen jungen , lebhaften Reisegefährten , durch welchen seinem Bestreben und seinem Genuß manches zu Gunsten gereichen sollte . Er findet sich mit einem Maler zusammen , welcher , wie dergleichen viele in der offnen Welt , mehrere noch in Romanen und Dramen umherwandeln und spuken , sich diesmal als ein ausgezeichneter Künstler darstellte . Beide schicken sich gar bald ineinander , vertrauen sich wechselseitig Neigungen , Absichten , Vorsätze ; und nun wird offenbar , daß der treffliche Künstler , der aquarellierte Landschaften mit geistreicher , wohl gezeichneter und ausgeführter Staffage zu schmücken weiß , leidenschaftlich eingenommen sei von Mignons Schicksalen , Gestalt und Wesen . Er hatte sie gar oft schon vorgestellt und begab sich nun auf die Reise , die Umgebungen , worin sie gelebt , der Natur nachzubilden ; hier das liebliche Kind in glücklichen und unglücklichen Umgebungen und Augenblicken darzustellen und so ihr Bild , das in allen zarten Herzen lebt , auch dem Sinne des Auges hervorzurufen . Die Freunde gelangen bald zum großen See , Wilhelm trachtet , die angedeuteten Stellen nach und nach aufzufinden . Ländliche Prachthäuser , weitläufige Klöster , Überfahrten und Buchten , Erdzungen und Landungsplätze wurden gesucht und die Wohnungen kühner und gutmütiger Fischer so wenig als die heiter gebauten Städtchen am Ufer und Schlößchen auf benachbarten Höhen vergessen . Dies alles weiß der Künstler zu ergreifen , durch Beleuchten und Färben der jedesmal geschichtlich erregten Stimmung anzueignen , so daß Wilhelm seine Tage und Stunden in durchgreifender Rührung zubrachte . Auf mehreren Blättern war Mignon im Vordergrunde , wie sie leibte und lebte , vorgestellt , indem Wilhelm der glücklichen Einbildungskraft des Freundes durch genaue Beschreibung nachzuhelfen und das allgemeiner Gedachte ins Engere der Persönlichkeit einzufassen wußte . Und so sah man denn das Knaben-Mädchen in mannigfaltiger Stellung und Bedeutung aufgeführt . Unter dem hohen Säulenportale des herrlichen Landhauses stand sie , nachdenklich die Statuen der Vorhalle betrachtend . Hier schaukelte sie sich plätschernd auf dem angebundenen Kahn , dort erkletterte sie den Mast und erzeigte sich als ein kühner Matrose . Ein Bild aber tat sich vor allen hervor , welches der Künstler auf der Herreise , noch eh ' er Wilhelmen begegnet , mit allen Charakterzügen sich angeeignet hatte . Mitten im rauhen Gebirg glänzt der anmutige Scheinknabe , von Sturzfelsen umgeben , von Wasserfällen besprüht , mitten in einer schwer zu beschreibenden Horde . Vielleicht ist eine grauerliche , steile Urgebirg-Schlucht nie anmutiger und bedeutender staffiert worden . Die bunte , zigeunerhafte Gesellschaft , roh zugleich und phantastisch , seltsam und gemein , zu locker , um Furcht einzuflößen , zu wunderlich , um Vertrauen zu erwecken . Kräftige Saumrosse schleppen , bald über Knüppelwege , bald eingehauene Stufen hinab , ein buntverworrenes Gepäck , an welchem herum die sämtlichen Instrumente einer betäubenden Musik , schlotternd aufgehängt , das Ohr mit rauhen Tönen von Zeit zu Zeit belästigen . Zwischen allem dem das liebenswürdige Kind , in sich gekehrt ohne Trutz , unwillig ohne Widerstreben , geführt , aber nicht geschleppt . Wer hätte sich nicht des merkwürdigen , ausgeführten Bildes gefreut ? Kräftig charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen ; die alles durchschneidenden schwarzen Schluchten , zusammengetürmt , allen Ausgang zu hindern drohend , hätte nicht eine kühne Brücke auf die Möglichkeit , mit der übrigen Welt in Verbindung zu gelangen , hingedeutet . Auch ließ der Künstler mit klugdichtendem Wahrheitssinne eine Höhle merklich werden , die man als Naturwerkstatt mächtiger Kristalle oder als Aufenthalt einer fabelhaftfurchtbaren Drachenbrut ansprechen konnte . Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des Marchese ; der Greis war von seiner Reise noch nicht zurück ; sie wurden aber auch in diesem Bezirk , weil sie sich mit geistlichen und weltlichen Behörden wohl zu benehmen wußten , freundlich empfangen und behandelt . Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm ; denn ob er gleich den würdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich begrüßt hätte , so fürchtete er sich doch vor dessen dankbarer Freigebigkeit und vor irgendeiner aufgedrungenen Belohnung jenes treuen , liebevollen Handelns , wofür er schon den zartesten Lohn dahingenommen hatte . Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer , den See in jeder Richtung durchkreuzend . In der schönsten Jahrszeit entging ihnen weder Sonnenaufgang noch -untergang und keine der tausend Schattierungen , mit denen das Himmelslicht sein Firmament und von da See und Erde freigebigst überspendet und sich im Abglanz erst vollkommen verherrlicht . Eine üppige Pflanzenwelt , ausgesäet von Natur , durch Kunst gepflegt und gefördert , umgab sie überall . Schon die ersten Kastanienwälder hatten sie willkommen geheißen , und nun konnten sie sich eines traurigen Lächelns nicht enthalten , wenn sie , unter Zypressen gelagert , den Lorbeer aufsteigen , den Granatapfel sich röten , Orangen und Zitronen in Blüte sich entfalten und Früchte zugleich aus dem dunklen Laube hervorglühend erblickten . Durch den frischen Gesellen entstand jedoch für Wilhelm ein neuer Genuß . Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben . Empfänglich für sichtbare Schönheit nur an menschlicher Gestalt , ward er auf einmal gewahr : ihm sei durch einen gleichgestimmten , aber zu ganz andern Genüssen und Tätigkeiten gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen . In gesprächiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend , mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die Augen aufgetan und er von allen sonst hartnäckig gehegten Zweifeln befreit . Verdächtig waren ihm von jeher Nachbildungen italienischer Gegenden gewesen ; der Himmel schien ihm zu blau , der violette Ton reizender Fernen zwar höchst lieblich , doch unwahr und das mancherlei frische Grün doch gar zu bunt ; nun verschmolz er aber mit seinem neuen Freunde aufs innigste und lernte , empfänglich wie er war , mit dessen Augen die Welt sehen , und indem die Natur das offenbare Geheimnis ihrer Schönheit entfaltete , mußte man nach Kunst als der würdigsten Auslegerin unbezwingliche Sehnsucht empfinden . Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern Seite entgegen ; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt und dadurch ruhige Stunden auf weit- und breiter Wellenfahrt gar innig belebt und begleitet . Nun aber traf sich ' s , daß er in einem der Paläste ein ganz eigenes Saitenspiel fand , eine Laute in kleinem Format , kräftig , vollklingend , bequem und tragbar ; er wußte das Instrument alsbald zu stimmen , so glücklich und angenehm zu behandeln und die Gegenwärtigen so freundlich zu unterhalten , daß er , als neuer Orpheus , den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang und ihn freundlich nötigte , das Instrument dem Sänger auf eine Zeitlang zu überlassen , mit der