nur nicht gar so talket ! « sagte ein Jäger , der seine Erzählung mit angehört hatte . » Mein Schatz « , sang ein anderer neben ihm : » Mein Schatz , das ist ein kluges Kind , Die spricht : Willst du nicht fechten , Wir zwei geschiedne Leute sind ; Erschlagen dich die Schlechten , Auch keins von beiden dran gewinnt . Mein Schatz , das ist ein kluges Kind , Für die will ich lebn und fechten ! « » Was ist das für eine Liebe , die so wehmütige , weichliche Tapferkeit erzeugt ? « sagte Friedrich zum Studenten , denn ihm kam seine Melancholie in dieser Zeit , auf diesen Bergen und unter diesen Leuten unbeschreiblich albern vor . » Glaubt mir , das Sterben ist viel zu ernsthaft für einen sentimentalischen Spaß . Wer den Tod fürchtet und wer ihn sucht , sind beide schlechte Soldaten , wer aber ein schlechter Soldat ist , der ist auch kein rechter Mann . « Sie wurden hier unterbrochen , denn soeben fielen von mehreren Seiten Schüsse tief unten im Walde . Es war das verabredete Zeichen zum Aufbruch . Sie wollten den Feind nicht erwarten , sondern ihn von dieser Seite , wo er es nicht vermutete , selber angreifen . Alles sprang fröhlich auf und griff nach den herumliegenden Waffen . In kurzer Zeit hatten sie den Feind im Angesicht . Wie ein heller Strom brachen sie aus ihren Schluchten gegen den blinkenden Damm der feindlichen Glieder , die auf der halben Höhe des Berges steif gespreizt standen . Die ersten Reihen waren bald gebrochen , und das Gefecht zerschlug sich in so viele einzelne Zweikämpfe , als es ehrenfeste Herzen gab , die es auf Tod und Leben meinten . Es kommandierte , wem Besonnenheit oder Begeisterung die Übermacht gab . Friedrich war überall zu sehen , wo es am gefährlichsten herging , selber mit Blut überdeckt . Einzelne rangen da auf schwindligen Klippen , bis beide einander umklammernd in den Abgrund stürzten . Blutrot stieg die Sonne auf die Höhen , ein wilder Sturm wütete durch die alten Wälder , Felsenstücke stürzten zermalmend auf den Feind . Es schien das ganze Gebirge selbst wie ein Riese die steinernen Glieder zu bewegen , um die fremden Menschlein abzuschütteln , die ihn dreist geweckt hatten und an ihm heraufklettern wollten . Mit grenzenloser Unordnung entfloh endlich der Feind nach allen Seiten weit in die Täler hinaus . Nur auf einem einzigen Flecke wurde noch immer fortgefochten . Friedrich eilte hinzu und erkannte inmittelst jenen Offizier wieder , der in der Residenz zu seinen Genossen gehörte . Dieser hatte sich , von den Seinigen getrennt , schon einmal gefangengegeben , als er zufällig um den Anführer seiner Sieger fragte . Mehrere nannten einstimmig Friedrich . Bei diesem Namen hatte er plötzlich einem seiner Führer den Säbel entrissen und versuchte wütend , noch einmal sich durchzuschlagen . Als er nun Friedrich selber erblickte , verdoppelte er seine fast schon erschöpften Kräfte von neuem und hieb in Wut blind um sich , bis er endlich von der Menge entwaffnet wurde . Stillschweigend folgte er nun , wohin sie ihn führten , und wollte durchaus kein Wort sprechen . Friedrich mochte ihn in diesem Augenblicke nicht anreden . Das Verfolgen des flüchtigen Feindes dauerte bis gegen Abend . Da langte Friedrich mit den Seinigen ermüdet auf einem altfränkischen Schlosse an , das am Abhange des Gebirges stand . Hof und Schloß stand leer ; alle Bewohner hatten es aus Furcht vor Freund und Feind feigherzig verlassen . Der Trupp lagerte sich sogleich auf dem geräumigen Hofe , dessen Pflaster schon hin und wieder mit Gras überwachsen war . Rings um das Schloß wurden Wachen ausgestellt . Friedrich fand eine Tür offen und ging in das Schloß . Er schritt durch mehrere leere Gänge und Zimmer und kam zuletzt in eine Kapelle . Ein einfacher Altar war dort aufgerichtet , mehrere alte Heiligenbilder auf Holz hingen an den Wänden umher , auf dem Altare stand ein Kruzifix . Er kniete vor dem Altare nieder und dankte Gott aus Grund der Seele für den heutigen Tag . Darauf stand er neugestärkt auf und fühlte die vielen Wunden kaum , die er in dem Gefechte erhalten . Er erinnerte sich nicht , daß ihm jemals in seinem Leben so wohl gewesen . Es war das erstemal , daß es ihm genügte , was er hier trieb und vorhatte . Er war völlig überzeugt , daß er das Rechte wolle , und sein ganzes voriges Leben , was er sonst einzeln versucht , gestrebt und geübt hatte , kam ihm nun nur wie eine lange Vorschule vor zu der sichern , klaren und großen Gesinnung , die jetzt sein Tun und Denken regierte . Er ging nun durch das Schloß , wo fast alle Türen geöffnet waren . In dem einen Gemache fand er ein altes Sofa . Er streckte sich darauf ; aber er konnte nicht schlafen , so müde er auch war . Denn tausenderlei Gedanken zogen wechselnd durch seine Seele , während er dort von der einen Seite durch die offene Tür den Schloßhof übersah , wo die Schützen um ein Feuer lagen , das die alten Gemäuer seltsam beleuchtete , von der andern Seite durchs Fenster die Wolkenzüge über den stillen , schwarzen Wäldern . Er gedachte seines vergangenen ruhigen Lebens , wie er noch mit seiner Poesie zufrieden und glücklich war , an seinen Leontin , an Rosa , an den stillen Garten beim Herrn v. A. , wie das alles so weit von hier hinter den Bergen jetzt im ruhigen Schlafe ruhte . Das Feuer aus dem Hofe warf indes einen hellen Widerschein über die eine Wand der Stube . Da wurde er auf ein großes , altes Bild aufmerksam , das dort hing . Es stellte die heilige Mutter Anna vor , wie sie die kleine Maria lesen lehrte . Sie hatte ein großes Buch vor sich auf dem Schoße . An ihren Knien stand die kleine Maria mit vor der Brust gefalteten Händchen , die Augen fleißig auf das Buch niedergeschlagen . Eine wunderbare Unschuld und Frömmigkeit , wie die demütige Ahnung einer künftigen , unbeschreiblichen Schönheit und Herrlichkeit , ruhte auf dem Gesichte des Kindes . Es war , als müßte sie jeden Augenblick die schönen , klaren Kindesaugen aufschlagen , um der Welt Trost und himmlischen Frieden zu geben . Friedrich war erstaunt , denn je länger er das stille Köpfchen ansah , je deutlicher schienen alle Züge desselben in ein ihm wohlbekanntes Gesicht zu verschwimmen . Doch verlor sich diese Erinnerung in seine früheste Kindheit , und er konnte sich durchaus nicht genau besinnen . Er sprang auf und untersuchte das Bild von allen Seiten , aber nirgends war irgendein Name oder besonderes Zeichen zu sehen . Verwundert ging er in den Hof hinaus und fragte nach den Bewohnern des Schlosses . Nur einige wußten Bescheid und sagten aus , das Schloß werde gewöhnlich bloß von einem Vogte bewohnt und gehöre eigentlich einer Edelfrau im Auslande , die alle Jahre immer nur auf wenige Tage herkomme . Sonst konnte er nichts erfahren . Ihm fiel dabei unwillkürlich die weiße Frau ein , die er schon fast wieder vergessen hatte . - Sein Schlaf war vorbei - er begab sich daher auf die alte steinerne Galerie , die auf der Waldseite über eine tiefe Schlucht hinausging , um dort den Morgen abzuwarten . Dort fand er auch den gefangenen Offizier , der in einem dunklen Winkel zusammengekrümmt lag . Er setzte sich zu ihm auf das halb abgebrochene Geländer . » Das Unglück macht vieles wieder gut « , sagte er , und reichte ihm die Hand . - Der Offizier wickelte sich fester in seinen Mantel und antwortete nicht . - » Hast du denn alles vergessen « , fuhr Friedrich fort , » was wir in der guten Zeit vorbereitet ? Mir war es Ernst mit dem , was ich vorhatte . Ich war ein ehrlicher Narr , und ich will es lieber sein , als klug ohne Ehre . « - Der Offizier fuhr auf , schlug seinen Mantel auseinander und rief : » Schlag mich tot wie einen Hund ! « - » Laß diese weibische Wut , wenn du nichts Besseres kannst « , sagte Friedrich ruhig . » Du siehst so wüst und dunkel aus , ich kenne dein Gesicht nicht mehr wieder . Ich liebte dich sonst , so bist du mir gar nichts wert . « - Bei diesen Worten sprang der Offizier , der Friedrichs ruhige Züge nicht länger ertragen konnte , auf , packte ihn bei der Brust und wollte ihn über die Galerie in den Abgrund stürzen . Sie rangen einige Zeit miteinander ; Friedrich war vom vielen Blutverluste ermattet und taumelte nach dem schwindligen Rande zu . Da fiel ein Schuß aus einem Fenster des Schlosses ; ein Schütze hatte alles mit angesehen . - » Jesus Maria ! « rief der Offizier getroffen , und stürzte über das Geländer in den Abgrund hinunter . - Da wurde es auf einmal still , nur der Wald rauschte finster von unten herauf . Friedrich wandte sich schaudernd von dem unheimlichen Orte . Die Schützen hatten unterdes ausgerastet , das Morgenrot begann bereits sich zu erheben . Neue Nachrichten , die soeben eingelaufen waren , bestimmten den Trupp , sogleich von seinem Schlosse aufzubrechen , um sich mit den andern tiefer im Lande zu vereinigen . Eine seltsame Erscheinung zog jedoch bald darauf aller Augen auf sich . Als sie nämlich auf der einen Seite des Schlosses herauskamen , sahen sie jenseits zwischen den Bäumen auf einer hohen Klippe eine weibliche Gestalt stehen , welche zwei von den Ihrigen , die ihr nachstiegen , mit dem Degen abwehrte . Friedrich wurde hinzugerufen . Er erfuhr , das Mädchen sei gegen Morgen allein mit verwirrtem Haar und einem Degen in der Hand an dem Schlosse herumgeirrt , als suche sie etwas . Als sie dann auf den erschossenen Offizier gestoßen , habe sie ihn schnell in die Arme genommen , und den Leichnam mit einer bewunderungswürdigen Kraft und Geduld in das Gebirge hinaufgeschleppt . Zwei Schützen , denen ihr Herumschleichen verdächtig wurde , waren ihr bis zu diesem Felsen gefolgt , den sie nun wie ihre Burg verteidigte . Als Friedrich näher kam , erkannte er in dem wunderbaren Mädchen sogleich Marie , sie kam ihm heute viel größer und schöner vor . Ihre langen , schwarzen Locken waren auseinandergerollt , sie hieb nach allen Seiten um sich , so daß keiner , ohne sie zu verletzen , die steile Klippe ersteigen konnte . Als dieselbe Friedrich unter den fremden Männern erblickte , ließ sie plötzlich den Degen fallen , sank auf die Knie und verbarg ihr Gesicht an der kalten Brust ihres Geliebten . Die bärtigen Männer blieben erstaunt stehn . » Ist in dir eine solche Gewalt wahrhafter Liebe « , sagte Friedrich gerührt zu ihr , » so wende sie zu Gott , und du wirst noch große Gnade erfahren ! « Die Umstände nötigten indes immer dringender zum Aufbruch . Friedrich ließ daher einen des Weges kundigen Jäger bei Marie zurück , der sie in Sicherheit bringen sollte . Das Mädchen richtete sich halb auf und sah still dem Grafen nach ; sie aber zogen singend über die Berge weiter , über denen soeben die Sonne aufging . Neunzehntes Kapitel Der Krieg wütete noch lange fort . Friedrich hatte im Laufe desselben den Ruhm seines alten Namens durch alte Tugend wieder angefrischt . Der Fürst , dem er angehörte , war unter den Feinden . Friedrichs Güter wurden daher eingezogen . Das Kriegsglück wandte sich , die Seinigen wurden immer geringer und schwächer , alles ging schlecht : er blieb allein desto hartnäckiger gut und wich nicht . Endlich wurde der Friede geschlossen . Da nahm er , zurückgedrängt auf die höchsten Zinnen des Gebirges , Abschied von seinen Hochländern und eilte güterlos und geächtet hinab . Über das platte Land verbreitete sich der Friede weit und breit in schallender Freude ; er allein zog einsam hindurch , und seine Gedanken kann niemand beschreiben , als er die letzten Gipfel des Gebirges hinter sich versinken sah . Er gedachte wenig seiner eigenen Gefahr , da rings in dem Lande die feindlichen Truppen noch zerstreut lagen , von denen er wohl wußte , daß sie seiner habhaft zu werden trachteten . Er achtete sein Leben nicht , es schien ihm nun zu nichts mehr nütze . - So langte er an einem unfreundlichen , stürmischen Abend in einem abgelegenen Dorfe an . Die Gärten waren alle verwüstet , die Häuser niedergebrannt , die wenigen übriggebliebenen schienen von den Bewohnern verlassen ; es war ein trauriges Denkmal des kaum geendigten Krieges , der an diesen Gegenden besonders seine Wut recht ausgelassen hatte . An dem andern Ende des Dorfes fand Friedrich endlich einen Mann , der auf einem schwarzgebrannten Balken seines umgerissenen Hauses saß und an einem Stück trockener Brotrinde nagte . Friedrich fragte um Unterkommen für sich und sein Pferd . Der Mann lachte ihm widerlich ins Gesicht und zeigte auf das abgebrannte Dorf . Ermüdet band Friedrich sein Pferd an und setzte sich zu dem Manne hin . Er befragte ihn , wie so großes Unglück insonderheit dieses Dorf getroffen ? - Der Mann sagte gleichgültig und wortkarg : » Wir haben uns den Feinden widersetzt , worauf unser Dorf abgebrannt und mancher von uns erschossen wurde . Was kümmert mich aber das , und das Land und die ganze Welt « , fuhr er nach einer Weile fort , » mir tut ' s nur leid um mich , denn zu fressen muß man doch haben ! « - Friedrich sah ihn von der Seite an , wie er so an seinem Brote kauete , sein Gesicht war hager und bleichgelb , und sah nach nichts Gutem aus . Eine lustige Tanzmusik schallte inzwischen immerfort durch die Nacht zu ihnen herüber . Sie kam aus einem altertümlichen Schlosse , das dem Dorfe gegenüber auf einer Anhöhe stand . Die Fenster waren alle hell erleuchtet . Inwendig sah man eine Menge Leute sich drehen und wirren ; manches Paar lehnte sich in die offenen Fenster und sah in die regnerische Gegend hinaus . » Wem gehört das Schloß da droben , wo es so lustig hergeht ? « fragte Friedrich . » Der Gräfin Romana « , war die Antwort . Unwillkürlich schauderte er bei dieser unerwarteten Antwort zusammen . Erstaunt drang er nun mit Fragen in den Mann und hörte mit den seltsamsten Empfindungen zu , da dieser erzählte : » Als die letzte Schlacht verloren war und alles recht drunter und drüber ging , heisa ! da wurde unsere Gräfin so lustig ! - Ihr Vermögen war verloren , ihre Güter und Schlösser verwüstet , und als unser Dorf in Flammen aufging , sahen wir sie mit einem feindlichen Offiziere an dem Brande vorbeireiten , der hatte sie vorn vor sich auf seinem Pferde , und so ging es fort in alle Welt . Seit einigen Tagen hatte der Feind dort unten auf den Feldern sein Lager aufgeschlagen ; da war ein Trommeln , Jubeln , Musizieren , Saufen und Lachen , Tag und Nacht , und unsere Gräfin mitten unter ihnen , wie eine Marketenderin . Gestern ist das Lager aufgebrochen und die Gräfin gibt den Offizieren , die heute auch noch nachziehen , droben den Abschiedsschmaus . « - Friedrich war über dieser Erzählung in Nachdenken versunken . - » Ich sehe den Offizier noch immer vor mir « , fuhr der Mann bald darauf wieder fort , » der den Befehl gab , unsere Häuser anzustecken . Ich lag eben hinter einem Zaune , ganz zusammengehauen . Er saß seitwärts nicht weit von mir auf seinem Pferde , der Widerschein von den Flammen fiel ihm durch die dunkle Nacht gerade auf sein wohlgenährtes , glattes Gesicht . Ich würde das Gesicht in hundert Jahren noch wiedererkennen . « - Die Lichter in dem Schlosse , während sie so sprachen , fingen indes an zu verlöschen , die Musik hörte auf , und es wurde nach und nach immer stiller . Der Mann wurde seltsam unruhig . » Jetzt werden die Offiziere auch fortziehn , wollen wir ihnen nicht sicheres Geleit geben ? « - sagte er abscheulich lachend , und stand auf . Friedrich bemerkte dabei , daß er etwas Blitzendes , wie ein Gewehr , unter seinem Kittel verborgen hatte . Eh er sich aber besann , war der Mann schon hinter den Häusern in der Finsternis verschwunden . Friedrich trauete ihm nicht recht , er zweifelte nicht , daß er etwas Gräßliches vorhabe . Er eilte ihm daher nach , um ihn auf alle Fälle zu verhindern . Tief im Walde sah er ihn noch einmal von weitem , wie er eben eilig um eine Felsenecke herumbog ; darauf verschwand er ihm für immer , und er hatte sich vergebens ziemlich weit vom Dorfe in dem Gebirge verstiegen . Als er eben auf einer Höhe ankam , um sich von dort wieder zurechtzufinden , stand sehr unerwartet die Gräfin Romana plötzlich vor ihm . Sie hatte eine kurze Flinte auf dem Rücken und dieselbe feenhafte Jägerkleidung , in welcher er sie zum letzten Male auf der Gemsenjagd gesehen hatte . Versteinert wie eine Bildsäule blieb sie stehen , als sie Friedrich so unverhofft erblickte . Dann sah sie ringsherum und sagte : » Ich habe mich hier oben verirrt , ich weiß den Weg nicht mehr nach Hause - führe mich , wohin du willst , es ist alles einerlei ! « - Friedrich fiel das ungewohnte » Du « auf , auch bemerkte er in ihrem Gesichte jene leidenschaftliche Blässe , die ihn sonst schon oft an ihr gestört hatte . Die Nacht überdeckte schon unten die stillen Wälder , der Mond ging von der andern Seite über den Bergen auf . Er führte sie an Klippen und schwindligen Abhängen vorüber den hohen , langen Berg hinab , sie sprachen kein Wort miteinander . So kamen sie endlich nach einem mühsamen Wege zu dem Schlosse der Gräfin zurück . Es war eine alte Burg , mitten in der Wildnis , halb verfallen , kein Mensch war darin zu sehen . » Das ist mein Stammschloß « , sagte Romana , » und ich bin die letzte des alten , berühmten Geschlechts . « Sie führte ihn durch die hohen , gewölbten Gemächer . In dem einen Zimmer lag alles vom Feste noch unordentlich umher , zerbrochene Weinflaschen und umgeworfene Stühle ; durch das zerschlagene Fenster pfiff der Wind herein und flackerte mit dem einzigen Lichte , das , fast schon bis an den Leuchter herabgebrannt , in der Mitte auf einem Tische stand und spielende Scheine auf eine Reihe altväterischer Ahnenbilder warf , die rings an den Wänden umherhingen . » Sie sind alle schon morsch , die guten Gesellen « , sagte Romana in einem Anfalle von gespannter , unmenschlicher Lustigkeit , als sie die Verwüstung betrat , die noch vor so kurzer Zeit vom Getümmel und freudenreichen Schalle belebt war , nahm ihre Stutzflinte vom Rücken und stieß ein Bild nach dem andern von der Wand , daß sie zertrümmert auf die Erde fielen . Dazwischen kehrte sie sich auf einmal zu Friedrich und sagte : » Als ich mich vorhin im Gebirge umwandte , um wieder zum Schlosse zurückzukehren , sah ich plötzlich auf einer Klippe mir gegenüber einen langen , wilden Mann stehen , den ich sonst in meinem Leben nicht gesehen , der hatte in der einsamen Stille seine Flinte unbeweglich mit der Mündung gerade auf mich angelegt . Ich sprang fort , denn mir kam es vor , als stehe der Mann seit tausend Jahren immer und ewig so dort oben . « - Friedrich bemerkte bei diesen verwirrten Worten , die ihn an den Halbverrückten erinnerten , dem er vorhin gefolgt , daß der Hahn an ihrer Flinte , die sie unbekümmert in der Hand hielt und häufig gegen sich kehrte , noch gespannt sei . Er verwies es ihr . Sie sah in die Mündung hinein und lachte wild auf . » Schweigen Sie still « , sagte Friedrich ernst und streng , und faßte sie unsanft an . - Er trat an das eine Fenster , setzte sich in den Fensterbogen und sah in die vom Monde beschienenen Gründe hinab . Romana setzte sich zu ihm . Sie sah noch immer blaß , aber auch in der Verwüstung noch schön aus , ihr Busen war unanständig fast ganz entblößt ; sie hielt seine Hand , er bemerkte , daß die ihrige bisweilen zuckte . » Heftiges , unbändiges Weib « , sagte Friedrich , der sich nicht länger mehr hielt , sehr ernsthaft , » gehn Sie beten ! Beschauen Sie recht den Wunderbau der hundertjährigen Stämme da unten , die alten Felsenriesen und den ewigen Himmel darüber , wie da die Elemente , sonst wechselseitig vernichtende Feinde gegeneinander , selber ihre rauhen , verwitternden Riesennacken und angeborne Wildheit vor ihrem Herrn beugend , Freundschaft schließen und in weiser Ordnung und Frömmigkeit die Welt tragen und erhalten . Und so soll auch der Mensch die wilden Elemente , die in seiner eigenen dunklen Brust nach der alten Willkür lauern und an ihren Ketten reißen und beißen , mit göttlichem Sinne besprechen und zu einem schönen , lichten Leben die Ehre , Tugend und Gottseligkeit in Eintracht verbinden und formieren . Denn es gibt etwas Festeres und Größeres , als der kleine Mensch in seinem Hochmute , das der Scharfsinn nicht begreift und die Begeisterung nicht erfindet und macht , die , einmal abtrünnig , in frecher , mutwilliger , verwilderter Willkür wie das Feuer alles ringsum zerstört und verzehrt , bis sie über dem Schutte in sich selber ausbrennt - Sie glauben nicht an Gott ! « - Friedrich sprach noch viel . Romana saß still und schien ganz ruhig geworden zu sein , nur manchmal , wenn die Wälder heraufrauschten , schauerte sie , als ob sie der Frost schüttelte . Sie sah Friedrich mit ihren großen Augen unverwandt an , denn sie wußte alles , was er in der letzten Zeit getan und aufgeopfert , und es war im tiefsten Grunde nur ihre unbezwingliche Leidenschaft zu ihm im zerknirschenden Gefühl , ihn nie erreichen zu können , was das heftige Weib nach und nach bis zu diesem schwindligen Abgrund verwildert hatte . Es war , als ginge bei seinem neuen Anblick die Erinnerung an ihre eigene ursprüngliche , zerstörte Größe noch einmal schneidend durch ihre Seele . Sie stand auf und ging , ohne ein Wort zu sagen , nach der einen Seite fort . Friedrich blieb noch lange dort sitzen , denn sein Herz war noch nie so bekümmert und gepreßt , als diese Nacht . Da fiel plötzlich ganz nahe im Schlosse ein Schuß . Er sprang , wie vom Blitze gerührt , auf , eine entsetzliche Ahnung flog durch seine Brust . Er eilte durch mehrere Gemächer , die leer und offen standen , das letzte war fest verschlossen . Er riß die Tür mit Gewalt ein : welch ein erschrecklicher Anblick versteinerte da alle seine Sinne ! Über den Trümmern ihrer Ahnenbilder lag dort Romana in ihrem Blute hingestreckt , das Gewehr , wie ihren letzten Freund , noch fest in der Hand . Ihn überfiel im ersten Augenblicke ein seltsamer Zorn , er faßte sie in beide Arme , als müßte er sie mit Gewalt noch dem Teufel entreißen . Aber das wilde Spiel war für immer verspielt , sie hatte sich gerade ins Herz geschossen . Der müde Leib ruhte schön und fromm , da ihn die heidnische Seele nicht mehr regierte . Er kniete neben ihr hin und betete für sie aus Herzensgrunde . Da sah er auf einmal helle Flammen zu den Fenstern hereinschlagen , durch die offene Tür erblickte er auch schon die andern Gemächer in vollem Brande . Kein Mensch war da , die Nacht auch gewitterstill , sie mußte das Schloß in ihrer Raserei selber angesteckt haben , vielleicht um Friedrich zugleich mit sich zu verderben . Er nahm den Leichnam und trug ihn durch das brennende Tor ins Freie hinaus . Dort legte er sie unter eine Eiche und bedeckte sie mit Zweigen , damit sie die Raben nicht fräßen , bis er im nächsten Dorfe die nötigen Vorkehrungen zu ihrem Begräbnisse getroffen . Dann eilte er den Berg hinab und schwang sich auf sein Pferd . Hinter ihm stieg die Flamme auf die höchste Zinne der Burg und warf gräßliche Scheine weit zwischen den Bäumen . Das Schloß sank wie ein dunkler Riese in dem feurigen Ofen zusammen , über der alten , guten Zeit hielt das Flammenspiel im Winde seinen wilden Tanz ; es war , als ginge der Geist ihrer Herrin noch einmal durch die Lohen . - Zwanzigstes Kapitel Es war Friedrich seltsam zumute , als er den andern Tag am Saume des Waldes herauskam und den wirtlichen , zierlich bepflanzten Berg mit seinen bunten Lusthäusern und dunklen Lauben dort auf einmal vor sich sah , auf dem er beim Antritt seiner Reise die ersten einsamen , fröhlichen Stunden nach der Trennung von seinen Universitätsfreunden zugebracht hatte . Überrascht blieb er eine Weile vor der weiten , von der Sonne hell beschienenen Gegend stehen , die ihm wie ein Traum , wie eine liebliche Zauberei vorkam ; denn eine Gegend aus unserm ersten , frischen Jugendglanze bleibt uns wie das Bild der ersten Geliebten ewig erinnerlich und reizend . Dann lenkte er langsam den lustigen Berg hinan . Dort oben war alles noch wie damals , die Tische und Bänke im Grünen standen noch immer an derselben Stelle , mehrere Gesellschaften waren wieder bunt und fröhlich über den grünen Platz zerstreut und schmausten und lachten , aller kaum vergangenen Not vergessend . Auch der alte Harfenist lebte noch und sang draußen seine vorigen Lieder . Friedrich suchte das luftige Sommerhaus auf , wo er damals gespeist und den eben verlassenen Gesellen frisch zugetrunken hatte . Dort fand er den Namen Rosa wieder , den er an jenem schwülen Nachmittage mit seinem Ringe in die Fensterscheibe gezeichnet . - Er hielt beide Hände vor die Augen , so tief überfiel ihn die Gewalt dieser Erinnerung . Die treuen Züge blitzten noch frisch in der Sonne , aber die Züge jenes wunderschönen Bildes , das er damals in der Seele hatte , waren unterdes im Leben verworren und verloren für immer . - Er lehnte sich zum Fenster hinaus und übersah die schöne , noch gar wohlbekannte Gegend , und sein ganzer damaliger Zustand wurde ihm dabei so deutlich , wie wenn man ein lange vergessenes , frühes Gedicht nach vielen Jahren wiederliest , wo alles vergangen ist , was einen zu dem Liede verführt . Wie anders war seitdem alles in ihm geworden ! Damals segelten seine Gedanken und Wünsche mit den Wolken ins Blaue über das Gebirge fort , hinter dem ihm das Leben mit seinen Reisewundern wie ein schönes , überschwenglich reiches Geheimnis lag . Jetzt stand er an demselben Orte , wo er begonnen , wie nach einem mühsam beschriebenen Zirkel , frühzeitig an dem andern , ernstern und stillern Ende seiner Reise und hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Plunder hinter den Bergen und weiter . Die Poesie , seine damalige , süße Reisegefährtin genügte ihm nicht mehr , alle seine ernstesten , herzlichsten Pläne waren an dem Neide seiner Zeit gescheitert , seine Mädchenliebe mußte , ohne daß er es selbst bemerkte , einer höheren Liebe weichen , und jenes große , reiche Geheimnis des Lebens hatte sich ihm endlich in Gott gelöst . Während er dies alles so überdachte , fiel ihm ein , wie Leontins Schloß ganz in der Nähe von hier sei . Er fühlte ein recht herzliches Verlangen , diesen seinen Bruder und jene Waldberge wiederzusehen . Der Gedanke bewegte ihn so , daß er sogleich sein Pferd bestieg und von dem Berge hinab die schattige Landstraße wieder einschlug . Die Sonne stand noch hoch , er hoffte den Wald noch vor Anbruch der Nacht zurückzulegen . Nach einiger Zeit erlangte er einen hohen Bergrücken . Die Lage der Wälder , der Kreis von niederern Bergen ringsumher , alles kam ihm so bekannt vor . Er ritt langsam und sinnend fort , bis er sich endlich erinnerte , daß es dieselbe Heide sei , über welche er in jener Nacht , da er sich verirrt und das seltsame Abenteuer in der Mühle bestanden , sein Pferd am Zügel geführt hatte . Der Schlag der Eisenhämmer kam nur schwach und verworren durch das Singen der Vögel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf . Es war ihm , als rückte sein ganzes Leben Bild vor Bild so wieder rückwärts , wie ein Schiff nach langer Fahrt , die wohlbekannten Ufer wieder begrüßend , endlich dem alten , heimatlichen Hafen bereichert zufährt . Ein Gebirgsbach fand sich dort in der Einsamkeit mit seiner plauderhaften Emsigkeit neben ihm ein . Er wußte , daß es der nämliche sei , der die schöne Wiese von Leontins Schlosse durchschnitt , und folgte ihm daher auf einem Fußsteige die Höhen hinab . Da erblickte er nach einem langen Wege unerwartet auch die berüchtigte Waldmühle im Grunde wieder . Wie anders , gespensterhaft und voll wunderbarer Schrecken hatte ihm damals die phantastische Nacht diese Gegend ausgebildet , die heute recht behaglich im Sonnenscheine vor ihm lag . Der Bach rauschte melancholisch an der alten Mühle vorüber , die halbverfallen dastand und schon lange verlassen zu sein schien ; das Rad war zerbrochen und stand still . Auf der einen Seite der