, mein Junge ! Alles wird gut werden . Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen , er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse , wie wir beide , aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig . « - » Hi ... hi hi ... tri ... triff gut ... triff gut ! « - So verflüsterte des Doppeltgängers Stimme im Sausen des Morgenwindes , der von dem Feuerpurpur herstrich , welches aufbrannte im Osten . Eben war ich in meiner Wohnung angekommen , als ich zum Fürsten beschieden wurde . Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen . » In der Tat , Herr Leonard ! « fing er an , » Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben ; nicht verhehlen kann ich ' s Ihnen , daß mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist . Ich möchte Sie nicht verlieren , ich möchte Sie glücklich sehen . Überdem ist man Ihnen für das , was Sie gelitten haben , alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig . Wissen Sie wohl , Herr Leonard , wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein veranlaßte ? wer Sie anklagte ? « » Nein , gnädigster Herr ! « » Baronesse Aurelie ! ... Sie erstaunen ? Ja ja , Baronesse Aurelie , mein Herr Leonard , die hat Sie ( er lachte laut auf ) , die hat Sie für einen Kapuziner gehalten ! - Nun bei Gott ! sind Sie ein Kapuziner , so sind Sie der liebenswürdigste , den je ein menschliches Auge sah ! - Sagen Sie aufrichtig , Herr Leonard , sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichen ? « - » Gnädigster Herr , ich weiß nicht , welch ein böses Verhängnis mich immer zu dem Mönch machen will , der ... « » Nun nun ! - ich bin kein Inquisitor ! - fatal wär ' s doch , wenn ein geistliches Gelübde Sie bände . - Zur Sache ! - möchten Sie nicht für das Unheil , das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte , Rache nehmen ? « - » In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen ? « » Sie lieben Aurelien ? « Dies frug der Fürst , mir ernst und scharf ins Auge blickend . Ich schwieg , indem ich die Hand auf die Brust legte . Der Fürst fuhr weiter fort : » Ich weiß es , Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick , als sie mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat . - Sie werden wieder geliebt , und zwar mit einem Feuer , das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte . Sie lebt nur in Ihnen , die Fürstin hat mir alles gesagt . Glauben Sie wohl , daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen , verzweifelten Stimmung überließ , die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte ? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders , um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz . Schon damals wurden Sie geliebt . Nun , Herr Leonard , oder vielmehr Herr von Krczynski , Sie sind von Adel , ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art , die Ihnen angenehm sein soll . Sie heiraten Aurelien . - In einigen Tagen feiern wir die Verlobung , ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten . « - Stumm , von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen , stand ich da . - » Adieu , Herr Leonard ! « rief der Fürst und verschwand , mir freundlich zuwinkend , aus dem Zimmer . Aurelie mein Weib ! - Das Weib eines verbrecherischen Mönchs ! Nein ! so wollen es die dunklen Mächte nicht , mag auch über die Arme verhängt sein , was da will ! - Dieser Gedanke erhob sich in mir , siegend über alles , was sich dagegen auflehnen mochte . Irgend ein Entschluß , das fühlte ich , mußte auf der Stelle gefaßt werden , aber vergebens sann ich auf Mittel , mich schmerzlos von Aurelien zu trennen . Der Gedanke , sie nicht wieder zu sehen , war mir unerträglich , aber daß sie mein Weib werden sollte , das erfüllte mich mit einem mir selbst unerklärlichen Abscheu . Deutlich ging in mir die Ahnung auf , daß , wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde , um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu treiben , jenes fremden Malers Gestalt , aber nicht milde tröstend wie im Gefängnis , sondern Rache und Verderben furchtbar verkündend , wie bei Franceskos Trauung , erscheinen und mich stürzen werde in namenlose Schmach , in zeitliches , ewiges Elend . Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme : » Und doch muß Aurelie dein sein ! Schwachsinniger Tor , wie gedenkst du zu ändern das , was über euch verhängt ist ? « Und dann rief es wiederum : » Nieder - nieder wirf dich in den Staub ! - Verblendeter , du frevelst ! Nie kann sie dein werden ; es ist die heilige Rosalia selbst , die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe . « So im Zwiespalt grauser Mächte hin und her getrieben , vermochte ich nicht zu denken , nicht zu ahnen , was ich tun müsse , um dem Verderben zu entrinnen , das mir überall zu drohen schien . Vorüber war jene begeisterte Stimmung , in der mein ganzes Leben , mein verhängnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien . In düstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher . Alles , was ich dem Richter , dem Leibarzt gesagt , war nun nichts als alberne , schlecht erfundene Lüge , nicht eine innere Stimme hatte gesprochen , wie ich sonst mich selbst überreden wollte . Tief in mich gekehrt , nichts außer mir bemerkend und vernehmend , schlich ich über die Straße . Der laute Zuruf des Kutschers , das Gerassel des Wagens weckte mich , schnell sprang ich zur Seite . Der Wagen der Fürstin rollte vorüber , der Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu ; ich folgte ihm nach seiner Wohnung . Er sprang heraus und zog mich mit den Worten : » Eben komme ich von Aurelien , ich habe Ihnen manches zu sagen ! « herauf in sein Zimmer . » Ei , ei , « fing er an , » Sie Heftiger , Unbesonnener ! was haben Sie angefangen ! Aurelien sind Sie erschienen plötzlich wie ein Gespenst , und das arme nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt ! « - Der Arzt bemerkte mein Erbleichen . » Nun nun , « fuhr er fort , » arg ist es eben nicht , sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück . Von Ihnen , lieber Leonard , sprach Aurelie viel , sie empfindet herzliche Sehnsucht , Sie wieder zu sehen und sich zu entschuldigen . Sie glaubt , Ihnen albern und töricht erschienen zu sein . « Ich wußte , dachte ich daran , was auf dem Lustschlosse vorgegangen , Aureliens Äußerung nicht zu deuten . Der Arzt schien von dem , was der Fürst mit mir im Sinn hatte , unterrichtet , er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen , und mittelst seiner hellen Lebendigkeit , die alles um ihn her ergriff , gelang es ihm bald , mich aus der düstern Stimmung zu reißen , so daß unser Gespräch sich heiter wandte . Er beschrieb noch einmal , wie er Aurelien getroffen , die , dem Kinde gleich , das sich nicht vom schweren Traum erholen kann , mit halb geschlossenen , in Tränen lächelnden Augen auf dem Ruhbette , das Köpfchen in die Hand gestützt , gelegen und ihm ihre krankhafte Visionen geklagt habe . Er wiederholte ihre Worte , die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des schüchternen Mädchens nachahmend , und wußte , indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte , das anmutige Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben , daß es gar heiter und lebendig vor mir aufging . Dazu kam , daß er im Kontrast die gravitätische Fürstin hinstellte , welches mich nicht wenig ergötzte . » Haben Sie wohl gedacht , « fing er endlich an , » haben Sie wohl gedacht , als Sie in die Residenz einzogen , daß Ihnen so viel Wunderliches hier geschehen würde ? Erst das tolle Mißverständnis , das Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte , und dann das wahrhaft beneidenswerte Glück , das Ihnen der fürstliche Freund bereitet ! « » Ich muß in der Tat gestehen , daß gleich anfangs der freundliche Empfang des Fürsten mir wohl tat ; doch fühle ich , wie sehr ich jetzt in seiner , in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin , das habe ich gewiß meinem erlittenen Unrecht zu verdanken . « » Nicht sowohl dem , als einem andern ganz kleinen Umstande , den Sie wohl erraten können . « » Keinesweges . « » Zwar nennt man Sie , weil Sie es so wollen , schlechtweg Herr Leonard , wie vorher , jeder weiß aber jetzt , daß Sie von Adel sind , da die Nachrichten , die man aus Posen erhalten hat , Ihre Angaben bestätigten . « » Wie kann das aber auf den Fürsten , auf die Achtung , die ich im Zirkel des Hofes genieße , von Einfluß sein ? Als mich der Fürst kennen lernte und mich einlud , im Zirkel des Hofes zu erscheinen , wandte ich ein , daß ich nur von bürgerlicher Abkunft sei , da sagte mir der Fürst , daß die Wissenschaft mich adle und fähig mache , in seiner Umgebung zu erscheinen . « » Er hält es wirklich so , kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für Wissenschaft und Kunst . Sie werden im Zirkel des Hofes manchen bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben , aber die Feinfühlenden unter diesen , denen Leichtigkeit des innern Seins abgeht , die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen können , der sie über das Ganze erhebt , sieht man nur selten , sie bleiben auch wohl ganz aus . Bei dem besten Willen , sich recht vorurteilsfrei zu zeigen , mischt sich in das Betragen des Adligen gegen den Bürger ein gewisses Etwas , das wie Herablassung , Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht ; das leidet kein Mann , der im gerechten Stolz wohl fühlt , wie in adliger Gesellschaft oft nur er es ist , der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine und Abgeschmackte . Sie sind selbst von Adel , Herr Leonard , aber wie ich höre , ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen . Daher mag es kommen , daß Sie der erste Adlige sind , an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adligen auch jetzt nichts Adliges , im schlimmen Sinn genommen , verspürt habe . Sie könnten glauben , ich spräche da als Bürgerlicher vorgefaßte Meinungen aus , oder mir sei persönlich etwas begegnet , das ein Vorurteil erweckt habe , dem ist aber nicht so . Ich gehöre nun einmal zu einer der Klassen , die ausnahmsweise nicht bloß toleriert , sondern wirklich gehegt und gepflegt werden . Ärzte und Beichtväter sind regierende Herren - Herrscher über Leib und Seele , mithin allemal von gutem Adel . Sollten denn auch nicht Indigestion und ewige Verdammnis den Courfähigsten etwas weniges inkommodieren können ? Von Beichtvätern gilt das aber nur bei den katholischen . Die protestantischen Prediger , wenigstens auf dem Lande , sind nur Hausoffizianten , die , nachdem sie der gnädigen Herrschaft das Gewissen gerührt , am untersten Ende des Tisches sich in Demut an Braten und Wein erlaben . Mag es schwer sein , ein eingewurzeltes Vorurteil abzulegen , aber es fehlt auch meistenteils an gutem Willen , da mancher Adliger ahnen mag , daß nur als solcher er eine Stellung im Leben behaupten könne , zu der ihm sonst nichts in der Welt ein Recht gibt . Der Ahnen- und Adelstolz ist in unserer , alles immer mehr vergeistigenden Zeit eine höchst seltsame , beinahe lächerliche Erscheinung . - Vom Rittertum , von Krieg und Waffen ausgehend , bildet sich eine Kaste , die ausschließlich die andern Stände schützt , und das subordinierte Verhältnis des Beschützten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst . Mag der Gelehrte seine Wissenschaft , der Künstler seine Kunst , der Handwerker , der Kaufmann sein Gewerbe rühmen , siehe , sagt der Ritter , da kommt ein ungebärdiger Feind , dem ihr , des Krieges Unerfahrne , nicht zu widerstehen vermöget , aber ich Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin , und was mein Spiel , was meine Freude ist , rettet euer Leben , euer Hab und Gut . - Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde , immer mehr treibt und schafft der Geist , und immer mehr enthüllt sich seine alles überwältigende Kraft . Bald wird man gewahr , daß eine starke Faust , ein Harnisch , ein mächtig geschwungenes Schwert nicht hinreichen , das zu besiegen , was der Geist will ; selbst Krieg und Waffenübung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit . Jeder wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt , aus seinem innern geistigen Vermögen muß er das schöpfen , womit er , gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden äußern Glanz , sich der Welt geltend machen muß . Auf das entgegengesetzte Prinzip stützt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz , der nur in dem Satz seinen Grund findet : Meine Voreltern waren Helden , also bin ich dito ein Held . Je höher das hinaufgeht , desto besser ; denn kann man das leicht absehen , wo einem Großpapa der Heldensinn kommen und ihm der Adel verliehen worden , so traut man dem , wie allem Wunderbaren , das zu nahe liegt , nicht recht . Alles bezieht sich wieder auf Heldenmut und körperliche Kraft . Starke , robuste Eltern haben wenigstens in der Regel eben dergleichen Kinder , und ebenso vererbt sich kriegerischer Sinn und Mut . Die Ritterkaste rein zu erhalten , war daher wohl Erfordernis jener alten Ritterzeit , und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges Fräulein , einen Junker zu gebären , zu dem die arme bürgerliche Welt flehte : Bitte , friß uns nicht , sondern schütze uns vor andern Junkern ; mit dem geistigen Vermögen ist es nicht so . Sehr weise Väter erzielen oft dumme Söhnchen , und es möchte , eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das psychische untergeschoben hat , rücksichts des Beweises angeerbten Adels ängstlicher sein , von Leibniz abzustammen als von Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde . In der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwärts , und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich ; daher denn auch wohl jenes taktlose , aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem Staat hoch geltende Bürgerliche das Erzeugnis eines dunkeln , verzagten Gefühls sein mag , in dem sie ahnen , daß vor den Augen der Weisen der veraltete Tand längst verjährter Zeit abfällt und die lächerliche Blöße sich ihnen frei darstellt . Dank sei es dem Himmel , viele Adlige , Männer und Frauen , erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebenshöhe , die ihnen Wissenschaft und Kunst darbieten ; diese werden die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein . « Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt . Niemals war es mir eingefallen , über den Adel und über sein Verhältnis zum Bürger zu reflektieren . Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen , daß ich ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte , die nach seiner Behauptung der Stolz des Adels nicht trifft . - War ich denn nicht in den vornehmsten adeligen Häusern zu B. der hochgeachtete , hochverehrte Beichtiger ? - Weiter nachsinnend , erkannte ich , wie ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte , indem aus dem Namen Kwiecziczewo , den ich jener alten Dame bei Hofe nannte , mein Adel entsprang und so dem Fürsten der Gedanke einkam , mich mit Aurelien zu vermählen . - Die Fürstin war zurückgekommen . Ich eilte zu Aurelien . Sie empfing mich mit holder jungfräulicher Verschämtheit ; ich schloß sie in meine Arme und glaubte in dem Augenblick daran , daß sie mein Weib werden könne . Aurelie war weicher , hingebender als sonst . Ihr Auge hing voll Tränen , und der Ton , in dem sie sprach , war wehmütige Bitte , so wie wenn im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht , in dem es gesündigt . - Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin denken , lebhaft drang ich darauf , alles zu erfahren ; ich beschwor Aurelien , mir zu vertrauen , was sie damals so erschrecken konnte . - Sie schwieg , sie schlug die Augen nieder , aber sowie mich selbst der Gedanke meines gräßlichen Doppeltgängers stärker erfaßte , schrie ich auf : » Aurelie ! um aller Heiligen willen , welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns ! « Sie sah mich voll Verwunderung an , immer starrer und starrer wurde ihr Blick , dann sprang sie plötzlich auf , als wolle sie fliehen , doch blieb sie und schluchzte , beide Hände vor die Augen gedrückt : » Nein , nein , nein - er ist es ja nicht ! « - Ich erfaßte sie sanft , erschöpft ließ sie sich nieder . » Wer , wer ist es nicht ? « - frug ich heftig , wohl alles ahnend , was in ihrem Innern sich entfalten mochte . - » Ach , mein Freund , mein Geliebter , « sprach sie leise und wehmütig ; » würdest du mich nicht für eine wahnsinnige Schwärmerin halten , wenn ich alles ... alles ... dir sagen sollte , was mich immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe ? - Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben , er stellte sich mit seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns , als ich dich zum ersten Male sah ; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an , als du so plötzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin . Wisse , so wie du damals , kniete einst neben mir ein verruchter Mönch und wollte heiliges Gebet mißbrauchen zum gräßlichen Frevel . Er wurde , als er , wie ein wildes Tier listig auf seine Beute lauernd , mich umschlich , der Mörder meines Bruders ! Ach und du ! ... deine Züge ! ... deine Sprache ... jenes Bild ! ... laß mich schweigen , o laß mich schweigen . « Aurelie bog sich zurück ; in halb liegender Stellung lehnte sie , den Kopf auf die Hand gestützt , in die Ecke des Sofas , üppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Körpers hervor . Ich stand vor ihr , das lüsterne Auge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz , aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn , der in mir rief : » Du Unglückselige , du dem Satan Erkaufte , bist du ihm denn entflohen , dem Mönch , der dich im Gebet zur Sünde verlockte ? Nun bist du seine Braut ... seine Braut ! « - In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien , die ein Himmelsstrahl zu entzünden schien , als , dem Gefängnis , dem Tode entronnen , ich sie im Park wiedersah , aus meinem Innern verschwunden , und der Gedanke , daß ihr Verderben meines Lebens glänzendster Lichtpunkt sein könne , erfüllte mich ganz und gar . - Man rief Aurelien zur Fürstin . Klar wurde es mir , daß Aureliens Leben gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse ; und doch fand ich keinen Weg dies zu erfahren , da Aurelie , alles Bittens unerachtet , jene einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte . Der Zufall enthüllte mir das , was sie zu verschweigen gedachte . - Eines Tages befand ich mich im Zimmer des Hofbeamten , dem es oblag , alle Privatbriefe des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post zu befördern . Er war eben abwesend , als Aureliens Mädchen mit einem starken Briefe hineintrat und ihn auf den Tisch zu den übrigen , die schon dort befindlich , legte . Ein flüchtiger Blick überzeugte mich , daß die Aufschrift an die Äbtissin , der Fürstin Schwester , von Aureliens Hand war . Die Ahnung , alles noch nicht Erforschte sei darin enthalten , durchflog mich mit Blitzesschnelle ; noch ehe der Beamte zurückgekehrt , war ich fort mit dem Briefe Aureliens . Du Mönch oder im weltlichen Treiben Befangener , der du aus meinem Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest , lies die Blätter , die ich hier einschalte , lies die Geständnisse des frommen , reinen Mädchens , von den bittern Tränen des reuigen , hoffnungslosen Sünders benetzt . Möge das fromme Gemüt dir aufgehen , wie leuchtender Trost in der Zeit der Sünde und des Frevels . Aurelie an die Äbtissin des Zisterzienser-Nonnenklosters zu ... Meine teure gute Mutter ! Mit welchen Worten soll ich Dir ' s denn verkünden , daß Dein Kind glücklich ist , daß endlich die grause Gestalt , die , wie ein schrecklich drohendes Gespenst , alle Blüten abstreifend , alle Hoffnungen zerstörend , in mein Leben trat , gebannt wurde durch der Liebe göttlichen Zauber . Aber nun fällt es mir recht schwer aufs Herz , daß , wenn du meines unglücklichen Bruders , meines Vaters , den der Gram tötete , gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen Jammer - daß ich dann dir nicht wie in heiliger Beichte mein Innres ganz aufschloß . Doch ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis auszusprechen , das tief in meiner Brust verborgen lag . Es ist , als wenn eine böse unheimliche Macht mir mein höchstes Lebensglück recht trügerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte . Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen . Doch der Himmel half , wie durch ein Wunder , in dem Augenblick , als ich im Begriff stand , unnennbar elend zu werden . - Ich muß zurückgehen in meine frühe Kinderzeit , um alles , alles zu sagen , denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt , der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte . Erst drei oder vier Jahre war ich alt , als ich einst in der schönsten Frühlingszeit im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte . Wir pflückten allerlei Blumen , und Hermogen , sonst eben nicht dazu aufgelegt , ließ es sich gefallen , mir Kränze zu flechten , in die ich mich putzte . » Nun wollen wir zur Mutter gehen « , sprach ich , als ich mich über und über mit Blumen behängt hatte ; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit wilder Stimme : » Laß uns nur hier bleiben , klein Ding ! die Mutter ist im blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel ! « - Ich wußte gar nicht , was er damit sagen wollte , aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich an , jämmerlich zu weinen . » Dumme Schwester , was heulst du , « rief Hermogen , » Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel , er tut ihr nichts ! « Ich fürchtete mich vor Hermogen , weil er so finster vor sich hinblickte , so rauh sprach , und schwieg stille . Die Mutter war damals schon sehr kränklich , sie wurde oft von fürchterlichen Krämpfen ergriffen , die in einen todähnlichen Zustand übergingen . Wir , ich und Hermogen , wurden dann fortgebracht . Ich hörte nicht auf zu klagen , aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein : » Der Teufel hat ' s ihr angetan ! « So wurde in meinem kindischen Gemüt der Gedanke erweckt , die Mutter habe Gemeinschaft mit einem bösen häßlichen Gespenst , denn anders dachte ich mir nicht den Teufel , da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war . Eines Tages hatte man mich allein gelassen , mir wurde ganz unheimlich zumute , und vor Schreck vermochte ich nicht zu fliehen , als ich wahrnahm , daß ich eben in dem blauen Kabinett mich befand , wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem Teufel sprechen sollte . Die Türe ging auf , die Mutter trat leichenblaß herein und vor eine leere Wand hin . Sie rief mit dumpfer , tief klagender Stimme : » Francesko , Francesko ! « Da rauschte und regte es sich hinter der Wand , sie schob sich auseinander , und das lebensgroße Bild eines schönen , in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes wurde sichtbar . Die Gestalt , das Gesicht dieses Mannes machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich , ich jauchzte auf vor Freude ; die Mutter , umblickend , wurde nun erst mich gewahr und rief heftig : » Was willst du hier , Aurelie ? - wer hat dich hieher gebracht ? « - Die Mutter , sonst so sanft und gütig , war erzürnter , als ich sie je gesehen . Ich glaubte daran schuld zu sein . » Ach , « stammelte ich unter vielen Tränen , » sie haben mich hier allein gelassen , ich wollte ja nicht hier bleiben . « Aber als ich wahrnahm , daß das Bild verschwunden , da rief ich : » Ach das schöne Bild ! wo ist das schöne Bild ! « - Die Mutter hob mich in die Höhe , küßte und herzte mich und sprach : » Du bist mein gutes , liebes Kind , aber das Bild darf niemand sehen , auch ist es nun auf immer fort ! « Niemand vertraute ich , was mir widerfahren , nur zu Hermogen sprach ich einmal : » Höre ! die Mutter spricht nicht mit dem Teufel , sondern mit einem schönen Mann , aber der ist nur ein Bild und springt aus der Wand , wenn Mutter ihn ruft . « Da sah Hermogen starr vor sich hin und murmelte : » Der Teufel kann aussehen , wie er will , sagt der Herr Pater , aber der Mutter tut er doch nichts . « - Mich überfiel ein Grauen , und ich bat Hermogen flehentlich , doch ja nicht wieder von dem Teufel zu sprechen . Wir gingen nach der Hauptstadt , das Bild verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann nicht wieder lebendig , als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zurückgekehrt waren . Der Flügel des Schlosses , in welchem jenes blaue Kabinett gelegen , blieb unbewohnt ; es waren die Zimmer meiner Mutter , die der Vater nicht betreten konnte , ohne die schmerzlichsten Erinnerungen in sich aufzuregen . Eine Reparatur des Gebäudes machte es endlich nötig , die Zimmer zu öffnen ; ich trat in das blaue Kabinett , als die Arbeiter eben beschäftiget waren , den Fußboden aufzureißen . Sowie einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob , rauschte es hinter der Wand , sie schob sich auseinander , und das lebensgroße Bild des Unbekannten wurde sichtbar . Man entdeckte die Feder im Fußboden , welche , angedrückt , eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte , die ein Feld des Tafelwerks , womit die Wand bekleidet , auseinanderschob . Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre , meine Mutter stand wieder vor mir , ich vergoß heiße Tränen , aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von dem fremden herrlichen Mann , der mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute . Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet , was sich zugetragen , er trat herein , als ich noch vor dem Bilde stand . Nur einen Blick hatte er darauf geworfen , als er , von Entsetzen ergriffen , stehen blieb und dumpf in sich hineinmurmelte : » Francesko , Francesko ! « Darauf wandte er sich rasch zu den Arbeitern und befahl mit starker Stimme : » Man breche sogleich das Bild aus der Wand , rolle es auf und übergebe es Reinhold . « Es war mir , als solle ich den schönen herrlichen Mann , der in seinem wunderbaren Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam , niemals wiedersehen , und doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück , den Vater zu bitten , das Bild ja nicht vernichten zu lassen . In wenigen Tagen verschwand jedoch der Eindruck , den der Auftritt mit dem Bilde auf mich gemacht hatte , spurlos aus meinem Innern . - Ich war schon vierzehn Jahre alt worden und noch ein wildes , unbesonnenes Ding , so daß ich sonderbar genug gegen den ernsten feierlichen Hermogen abstach und der Vater oft sagte , daß , wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene , ich ein recht ausgelassener Knabe sei . Das sollte sich bald ändern . Hermogen fing an , mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben . Er lebte nur in Kampf und Schlacht , seine ganze Seele war davon erfüllt , und da es eben Krieg geben sollte , lag er dem Vater an , ihn nur gleich Dienste nehmen zu lassen . Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklärliche Stimmung , die ich nicht zu deuten wußte und die bald mein ganzes Wesen verstörte . Ein seltsames Übelbefinden schien aus der