nur immer « , sagte sie , » wo ich auf etwas bestehe , habe ich sicher meinen geheimen Grund ; so wußte ich recht gut , daß mich der Baron liebte , jede Frau weiß das einem Manne abzusehen ; so kannte ich recht gut seinen gefährlichen Charakter und drang damals so ernsthaft in dich , seiner im Zweikampfe nicht zu schonen . Noch immer fürchte ich , daß er zum Mittagessen entweder nicht erscheint , oder eine geheime Bosheit ausführt ! « Sechsundzwanzigstes Kapitel Der häßliche Baron , Nudelhuber , Kirre und Waller ziehen in den Krieg Es schlug und läutete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schloß , aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lächerlichen Begleitern ausstieg ; auch Waller wurde sichtbar , doch mit geborstenen Lippen , die ihm das Lachen nicht erlaubten , und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem Filialklepper herbei . Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen , bat der Baron noch einmal den Grafen und die Gräfin wegen seines Frevels um Verzeihung , wobei die lächerlichen Begleiter schweigend die Gebärden nachahmten ; er zeigte ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfüllung seines Versprechens zu einem tätigen Leben überzugehen . Alle verziehen , doch wurden ihm manche Fragen noch über seine sonderbare Bildung vorgelegt . » Von meiner häßlichen Bildung « , sagte er , » kommt alles ; Liebe zu erwecken , schien mir von frühester Kindheit unmöglich , weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte , mit meinem Grinsen Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf . Ich suchte also den Leuten bedeutend zu werden , indem ich mich in aller andern Art , nur nicht im Guten , auszuzeichnen suchte ; unzählige Schläge und Kränkungen machten mich noch härter und trotziger , und was anfangs nur ein willkürlicher Versuch war , mich geltend zu machen , das wurde bald meine andre Natur und meine einzige . Hätte ich ein glattes Gesicht behalten , wie der Graf , ich glaube auch , daß ich zu allem Großmütigen aufgelegt gewesen und geblieben wäre ; und punktierte , tatowierte , bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden , so hätte ich ausgesehen wie alle andern und wäre auch ein edler Mensch ; die Schönheit macht aber alles Unglück der Welt . « - Dieser widrige Mensch entzückte Wallern ; vielleicht mochte auch die Kränkung der vorigen Nacht , vom Grafen heimlich beobachtet zu sein , nachwirken ; genug , er beschloß den Baron zu begleiten , der mit rechtem Behagen seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte . Waller sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die Amtmannstöchter , beschwor sie bei der Liebe , die sie zu seiner Frau getragen , bei der reinen Segnung , die ihnen aus dem Himmel dieses reinen Engels herabstrahlen werde , der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen , es sei gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen . Traugott überließ er dem Grafen , doch wagte er ihm nicht mündlich Ermahnungen zu geben , sie hätten sonst allesamt in den Lachkrampf , wie in der Nacht bei der Mühle zurückfallen können . Nun suchte er sich im Hause zusammen , was er auf der Reise brauchen könnte ; statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des Grafen auf , packte aber alle seine Sachen in Tücher gebunden nicht auf das Pferd , sondern in den Wagen des Barons ; die beiden Ziegen verkaufte er dem Grafen , der sie ihm vielfach teurer bezahlte , als sie wert waren . Nachher setzte er sich zuerst in den Wagen und ließ sein Reitpferd anbinden , darüber vergaß er den Abschied ; der Baron schied mit der ersten Rührung seines Lebens und setzte sich still neben ihn ; der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung , es wären doch liebe , liebe Leute , der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt . Wie erschrak aber der gute Malm , als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers besetzt fand ; ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus . Waller fiel über ihn her , aber jener drückte ihn als der Stärkere zusammen ; der Prinzenhofmeister stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke über dies Ereignis ; der Baron rief : » Fahr zu ! « und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte sich stille hinter ihnen . Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tücher gebunden wie alte Wäsche ; die Tücher hatten sich gelöst und die Blätter flogen im Winde umher . Der Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd , sie zu erfassen , aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Flüchtigkeit in allen , daß immer zehne wieder entflogen , während eines dieser Papiere eingefangen wurde . Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne Blätter , in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und große Stücke aus einem kleinen epischen Gedichte über das Weltmeer entdeckte , und dieser brachte den Grafen , der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen wollte , auf den Gedanken , neben tausend besseren Denkmälern auch alle diese Papiere in der großen kupfernen Kugel , dicht verlötet , in die höheren Regionen erheben zu lassen , daß sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten , wie weit es unsre Zeit gebracht habe . Siebenundzwanzigstes Kapitel Kirchweihe Eine feierliche Kirchweihe mit allen den geheimnisvollen Gebräuchen , die der katholische Glaube gestattet , den Räucherungen , Weihungen und Austreibungen , welche eine ganze Nacht bei verschlossenen Türen in ihr festgesetzt werden , beschäftigte , sehr verschieden von der vorhergehenden , die nächste Nacht ; da dann der Morgen die Kirche mit Grün und Blumen herrlich geschmückt , von Weihrauch duftend , von unzähligen Lampen erhellt , der Geistliche das Allerheiligste in der Hand , der staunend niederstürzenden Menge eröffnete . Nachher hallten die Chöre des Grafen einen abwechselnden Gesang , der bei jedem Kirchweihfeste in alle Zeit , so weit des Menschen Wille reicht , wiederholt werden sollte . Die Gräfin fand diese Gebräuche sehr abgeschmackt , ob sie gleich davon ergriffen wurde ; der Graf , der an der Anordnung mit wahrer Liebe gearbeitet , konnte ihr nichts antworten , als daß alle Speisen nicht mehr schmeckten , wenn man ihrer genugsam gegessen , wer sie aber genossen , solle dankbar sein dem Geber aller Dinge , denn so stehe im Vaterunser . Achtundzwanzigstes Kapitel Die Ernte Die Ernte , die bei schönem trockenen Wetter glücklich angefangen wurde , beschäftigte den Grafen mehrere Wochen ausschließlich , er selbst war gern den ersten Tag eine Stunde lang Vormäher , seine Kraft und seine Kenntnis und seine Wertschätzung des Geschäftes öffentlich zu beweisen . » Wie überfällt mich so liebe vieljährige Erinnerung « , sagte er , » denk ich der Ernte , wie ich als Kind schon die schweren Garben zusammen zu tragen suchte , und sie doch hinter mir herzog , wie ich dann , alles mit durchspielend , mich zu dem Bierfasse setzte und einen Schluck des Getränkes jauchzend leerte , und mir ein kleines Mädchen aufsuchte , daß sie mir einen Strauß mit Silberband schenkte , daß auch ich geschmückt wie jeder Mäher einherziehen könnte ; wie ich dann so früh aufwachte , so gerne ich sonst schlief . Wahrlich , die Kindheit aller Menschen gehört aufs Land , kein Mensch sollte seine früheren Jahre in der Stadtmauer zubringen ! « So rief der Graf einmal heimkehrend seiner Dolores zu , der die Anstrengung bei diesen sogenannten Freuden , so verhaßt war , daß sie nicht gern den Ernteleuten begegnete , und sie spottend Feldscherer nannte ; diesmal kam hinzu , daß der Graf sehr beschmutzt heimkehrte , auch in der Ermüdung dies wenig bemerkte oder verbesserte , dazu endlich die Hitze , welche Tage und Nächte mit Feuer und schreckhaften Gewittern füllte ; genug , diese hocherwünschte Zeit war ihr zum Verzweifeln verhaßt , und sie antwortete ihm statt der Beistimmung mit der Bitte , sich zu waschen und umzukleiden , es wäre sonst in seiner Nähe nicht auszuhalten . - Der Graf besah Hände und Stiefeln und fand , daß sie recht hatte ; aber die Erinnerung kam so wunderbar in seine Erinnerungen eingekeilt , daß er sich eines kleinen Ausrufs : » Wie gehört das hierher ? « nicht erwehren konnte . Überhaupt sei jedermann vorsichtig in einem geliebten Umgange gegen irgend etwas einen Ekel auszudrücken ; ist es auch etwas Vorübergehendes , was weggeschafft werden kann , es ist doch eine Störung im Vertrauen , einem geliebten Wesen auch nur für einen Moment ekelhaft gewesen zu sein . Darum ehre ich auch die Gesinnung mancher Mütter , die ihren Widerwillen gegen manche unvermeidliche Unreinlichkeiten der Kinder mit einer freundlichen Ergebung , ja selbst mit einer Art Ehrgefühl , dulden , als sei diese Duldung eine reizende Pflicht . Was aber den Grafen mehr als jene eigne Kränkung beunruhigte , war der Widerwille seiner Dolores dem kleinen Traugott , der nach dem Tode der Mutter immer kränkelte , beizustehen ; keine Viertelstunde konnte sie es in seinem Krankenzimmer aushalten , und doch hatte das schöne Kind , wie dies häufig gefunden wird , durch diese krankhafte eine ernste Beziehung auf sich , eine vorreife sehr überraschende Geistesbildung erhalten , so daß man oft glaubte , es spreche nach , wo es tief aus sich gedacht hatte . Der Kleine litt an einem unregelmäßigen kalten Fieber ; trat nun der Frost ein , so suchte er die sonnigen Stellen sich auf , wo er ihn ungestört überstehen konnte . Der Graf hatte vergebens seine Frau gebeten , sie möchte doch hindern , daß der Knabe sich nicht auf feuchte Erde lege , sondern ihm eine Matratze oder einen Stuhl nachtragen lassen ; die Gräfin vergaß es , sich darum zu bekümmern , und der Kleine mochte niemand bemühen . Er schlich ganz heimlich fort und da ihn niemand auf dem Kirchhofe suchte und der Rasen dort voll Blumen aller Art und sehr weich war , so hatte er dort schon mehrmals sein Fieberlager gehalten , als er auch einmal zufällig auf dem Grabe seiner Mutter einschlief . Nun träumte ihm wunderbar während der Fieberhitze , daß er nach einer Blume greife , die er für herrlich halte , weil sie in Gelb glühete , daß er sie nach kindischer Art essen wolle : denn so versuchen die Kinder alles , was ihnen gefällt ; daß aber die Mutter , ganz wie er sie in den letzten Stunden gesehen , die Blume ihm entreiße , und er darüber weine . Er wachte von diesem Weinen auf , und sah , daß er in seinen Händen eine gelbliche Blume trug , die er in der Fieberschwärmerei abgepflückt . Aus Verwunderung darüber brachte er sie nach Hause und zeigte sie dem Grafen , der eben von der Aufsicht über die Ernte heimkehrte . Der Graf erkannte sie bei den ersten Blicken für Belladonna , und riß sie ängstlich dem Kleinen weg mit der Frage , ob er auch noch nicht davon genossen , sie sei sehr giftig , heiße Schöne Frau , nur den tollen Hundsbiß heile sie zuweilen . Der Kleine wurde verwundert und noch blässer , als er war , und der Graf meinte schon , daß seine Besorgnis leider gegründet , als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte , gegen sein Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben , und dann erzählte er ihm den wunderbaren Traum auf der Mutter Grabe und meinte ganz fest , die Mutter lebe noch . Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine Arme und trug ihn schmeichelnd auf sein Zimmer , es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute , wo niemand weiß , was zu tun , wo jeder staunt , unwissend wohin es deute ; denn wo so verschlossene Wege sich öffnen , warum soll der Mensch da die gewöhnlichen des Lebens weiter gehen . Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eignes Vergnügen den Leuten im Hause das Zukünftige zu sagen ; er ließ sich die Hände zeigen und wußte ihnen so ins Herz zu reden , daß sie vor ihm erbebten . Auch die Gräfin hielt ihm die Hand einmal hin , aber der Kleine hatte mit dem Kopfe geschüttelt und nichts sprechen wollen . Kleine Begebenheiten trafen wirklich ein und der Glaube an ihn vermehrte sich im Dorfe so gewaltig , daß selbst des Grafen Ansehen , wenn er auch den Willen dazu gehabt , den Zulauf nicht gehemmt hätte . Unsre Bücher schweigen von dem geheimen Volksglauben , weil die lesenden Stände ihn aufgegeben haben ; die nichtlesenden wissen von Thomasius nichts und es vergeht ihnen kaum eine merkwürdige Zeit ohne geglaubte außerordentliche Einwirkung der höheren Kräfte und Erscheinungen , die den Dichtern als eine unterhaltende Täuschung verziehen werden , deren sich aber die Historiker , ungetreu allen ihren Grundsätzen über die Benutzung der Quellen , immerdar noch schämen . Ich erzähle , wie ich die Geschichte empfangen , einzig besorgt , sie nicht zu entstellen . Alonso , der Bruder des kleinen Traugott , kam von Zeit zu Zeit seinen Bruder zu besuchen , aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen Austausch von Zärtlichkeit und Ehrfurcht aufgelöst ; Alonso wagte es nicht mehr mit ihm zu spielen , und Traugott führte ihn mit Tränen an seiner Mutter Grab , wo er ihm von einer Blume erzählte , die nicht giftig wäre und doch gelb , zu der die Sonne wie ein Staub täglich neu fliege und falle , sie schwimme wie eine Wasserlilie auf dem Meere . Wenn Alonso nun fragte , woher er das wisse , so sagte Traugott , die Mutter habe es ihm gesagt . Und wenn er ihn fragte , ob er wohl ein Verlangen nach der Blume habe ? » Ei Gott nein « , antwortete er , » zu der bin ich noch lange nicht reif , vor der müßte ich ganz und gar vergehen ! « Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft für Traugott ; er wollte ihn immer beobachten , aber der Kleine verschloß sich vor ihm wie das Nolimetangere vor jeder unkeuschen Berührung ; ja seine Nähe machte dem Kleinen physischen Schmerz . Der Arzt des Fräuleinstifts , der berühmteste der Gegend , kam einen Tag um den andern , aß bei dem Grafen , ging einen Augenblick zu Traugott , fühlte den Puls , besah die Zunge , und versicherte , er sei sehr zufrieden , es werde bald ganz gut werden . - Eines Tages sagte der Knabe , er werde seinen Vater bald sehen , und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schloß geritten und brachte der Gräfin einen prächtigen , mit einem Helmgefäße in Bronze verzierten Kürassierdegen , den der häßliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet . Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lächerlich ; er hielt sie für eine große Fuchtelmaschine und erzählte , wie der Schweizer vor den Gefechten so herum schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segenssprüchen zu hohen Preisen absetze , und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des Barons eine große Pharaobank aufgeschlagen , um den Rest des Geldes an sich zu reißen . Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefüllt , und im Lager hatte er ein großes Puppenspiel gehalten , worin er sich über alle kommandierende Feldherren unter veränderten Namen aufgehalten . » Keine Art von Menschen « , rief er , » hat mehr Sinn für echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten , keine so wenig Sinn und Urteil als Offiziere ; ihr bißchen Taktik und ihre steifstellige Ehre und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spaß gerade in die Augen zu sehen ; sie möchten gern recht vornehm fühlen , und da schämen sie sich mit den Soldaten zu lachen , wo sie es nicht kommandiert haben . « - Nach seinen Kindern hatte er weiter kein Verlangen , aber wohl nach seinen Werken , die damals so schnöde aus dem Wagen geworfen . Welcher Schrecken , als ihm der Graf den hohen Turmknopf als ihren gegenwärtigen Ehrensitz zeigte , und ihn fragte , ob er Lust hätte sich da hinaufziehen zu lassen , um die Kugel aufzumachen , und nachzusuchen . Er warf sich schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen , so stark trieb ihn die Versuchung dahin , er schwor , daß er hinauf müsse , und koste es ihm das Leben . Vergebens stellte ihm der Graf die künftige Unsterblichkeit vor , wenn nach mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf eröffnet würde , vielleicht bliebe er dann allein noch übrig von allen Dichtern ; er wollte den Ruhm in seiner Zeit und es mußte alles angeordnet werden , um die Kugel wieder zu eröffnen . Sehr beschäftigt mit diesem Gedanken , bat er sich zu seiner Stärkung ein neues Getränk aus , das allen im Schlosse noch gänzlich unbekannt war , er nannte es einen Brenner und bereitete es selbst . In eine große breite , nicht allzu tiefe Porzellanschale goß er mehrere Flaschen Rum und drückte ein paar Zitronen hinein , dann legte er zwei Degen quer über und auf die Degen große Stücken Zucker ; nun bat er die Gräfin die Flüssigkeit mit einem seiner Gedichte anzuzünden . Als die Flamme blau aufloderte , löschte er die Lichter aus , und bald erschienen die Menschen umher wie Geister , nämlich so wie Geister gewöhnlich gedacht werden , farbelos und unbestimmt . Waller durchkreuzte die Luft mit fürchterlichen Beschwörungen , und schrieb Charaktere auf den Boden ; jetzt flammte das rötlich gelbe Feuer des Zuckers auf und indem die Gräfin schauderte - sagte Waller , daß alles beendigt , und die Loge geschlossen sei , zündete die Lichter wieder an , blies das geistige Feuer aus , und schenkte rings die Gläser voll . Alle schworen , dies Getränk sei die höchste Erfindung , keiner kannte dessen mächtig berauschende Kraft ; auch die Gräfin trank ihr Glas , eigentlich mehr , als ihr gut war . Es ist ungemein reizend , eine schöne Frau sich selber unbewußt von fremder irdischer Kraft höher belebt zu sehen ; nur die reine Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht bringen . Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten ; kein Schauspiel hatte ihn je so angezogen als diese schöne Beweglichkeit , der Glanz der Augen , das Hingeben des ganzen Wesens . Da Waller bemerkte , daß niemand seiner achte , stimmte er ein lautes Soldatenlied an , das er kürzlich auf den Brenner gesungen hatte : Der Mantel ist mein lustig Haus , Drin ist gewölbt ein Keller , Da gibt es manchen schönen Schmaus , Da geht es stets herein , heraus , Und kostet keinen Heller . Ein Ofen ist in diesem Haus , Das ist die Tabakspfeife , Die macht mir Wölklein weiß und kraus , Es scheint recht wie ein Blumenstrauß , Weg ist ' s , wenn ich nach greife . Der Brenner ist des Teufels Kost , Mit Feuer ich ihn locke , Und für den einzigen Höllentrost Er alle Feinde niederstoßt , Zu Dutzend und im Schocke . Mein Pferdchen , das mit Sprüngen trabt , Hab ich durch ihn erbeutet , Wie es mir nun das Herze labt , Als hätt ich es zum Thron gehabt , Wenn es die Mähne breitet . Es ist ein großer Federkrieg In aller Welt entstanden , Die hohe Feder wallt zum Sieg So weit mein Schwert reicht , alles liegt , Als wüchs es auf dem Sande . Wir sitzen ab im Städtlein drin , Die Bürgermädchen schauen , Die erste faß ich an das Kinn , Die zweite sieht , daß ich es bin , Und tut mich lieblich hauen . Ich laß mir ein klein Zettelein Von ihrem Ratsherrn schmieren , Dafür läßt mich ein jeder ein , Und bringt mir gleich den Krug mit Wein , Ich und mein Pferd regieren . Das Mädchen führt uns in den Stall , Im Stall , da ist es dunkel , Da leuchtet dann ihr Aug zumal Wie Sonne über Berg und Tal , Mit lieblichem Gefunkel . Das schöne Kind klatscht mir mein Pferd , Möcht ihm zu fressen geben . » Nur glühe Kohlen frißt mein Pferd , Die Augen dein , die sind der Herd ; Dir ist es ganz ergeben . « Wer das Kommißbrot hat erdacht , Das war ein guter Reiter , Das steht uns frei bei Tag und Nacht , Mein Pferdchen es auch nicht veracht , Es macht uns fest und heiter . Während dieses wilden Liedes , das Waller mit allerlei Gebärden akkompagnierte , war der Gräfin , deren Blut sehr bewegt war , so angst geworden vor ihm , daß sie sich furchtsam an den Grafen drückte und endlich fort lief , der Graf ihr nachging , und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten Tropfen alles rein aus . Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken Traugott , aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern , klagte er ihm sein Unglück mit den Papieren . Der Kleine faßte ihn an und sagte , daß er alles lesen könne , was im Kirchenknopfe liege ; Waller schimpfte ihn aus , aber er fing an herzusagen , und sagte dem Vater ganze Stücke , die er niemals vorgelesen hatte . Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf , holte Papier und Feder , und ließ sich alles wieder diktieren , wovon er keine Abschrift genommen hatte , bildete am Morgen , als alles fertig war , der Gräfin ein , er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere , die ihm wert , abgeschrieben , und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem Kleinen fort in die weite Welt . Die Gräfin , die nachher von Traugott den Zusammenhang erfuhr , erklärte sich alles aus einem glücklichen Gedächtnisse des Kindes , das dem Vater sonst zugehört , wenn er seine Verse laut nachskandierte , wie das immer seine Gewohnheit war . Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht , das der Graf , wie wir wissen , unverändert gelassen ; wie sie an einer kleinen Staffelei in Rötel die Gegend halb aufgezeichnet hatte , so lag noch die Zeichnung , der Rötel , selbst die Semmelkrumen , mit denen sie einiges ausgerieben . Wir erinnern dies , weil es zum Verständnisse eines Liedes notwendig , das der Graf und die Gräfin , einige Tage nach dieser letzten Abreise Wallers , von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden : Lichte Streifen von dem Himmel Leicht zur Erde niederwallen ; Will das Licht die Saiten stimmen ? Will ein Regen niederfallen ? Eilend ist meine Streiferei , Wo das Paradies wohl sei . Viele dichte Dornenhecken Sollen es der Welt verschließen , Tausend Vögel drinnen stecken , Tausend Bäche rauschend fließen ; Eilend ist meine Streiferei , Wo das Paradies wohl sei . Wie viel tausend rote Blicke In dem grünen Klee hier winken , Winkt ihr mir zu meinem Glücke , Blumen , die im Grün ertrinken ? Endet hier meine Streiferei , Wo das Paradies wohl sei ? Zwei Kaninchen auf zwei Beinen Sitzen da an einem Blatte , Während sie ' s zu fressen scheinen , Sie sich recht geküsset hatten ; Liebet ihr euch im Ehestand , Nehmet mich auf in dem sel ' gen Land . » Mit den Kaninchen sind wir gemeint « , sagte die Gräfin . Freundlich mich die beiden laden , Doch sie beide mein vergessen , Und was könnt ich ihnen schaden , Wäre ich auch zu vermessen ; Gnädig sind wohl die Grafen hier , Aber die Liebe ward nicht mir . Seht , der Wind kommt wie verschlafen , Der der Erde Teppich kehrt , Will den Staub zusammen raffen Und sich gar an mich nicht kehrt ; Höflich ist nicht die Dienerei , Wenn ' s das Paradies auch sei . » Da bekommen deine Mägde auch ihr Teil « , sagte der Graf . Von dem höchsten Apfelbaume Schüttelt Wind die Früchte alle , Weckt ein Kindlein aus dem Traume Mit der harten Früchte Falle ; Wärest du mein , die Streiferei , Wäre voll Geschrei dabei . » Da hat Traugott wieder im Grase gelegen « , sagte der Graf . Dieses Kind , das sollt ich kennen , Auch der Bäume Schattenrisse , Doch die Regenstreifen rennen , Herz und Himmel sind zerrissen , Traurig wird meine Streiferei , Wo das Paradies wohl sei . Kindlein , bist du hier alleine ? » Ganz alleine mutterselig ! « Und was willst du damit meinen ; Ist die schöne Mutter selig ? Seit die Menschen sind verstört , Ist das Paradies betört . Eine Ziege kommt gesprungen , Aus dem Euter Milch verlieret , Ist vom Blumenkranz umschlungen Und sie frißt ihn , der sie zieret : Traurig ist meine Streiferei , Wo das Paradies wohl sei . » Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt « , sagte die Gräfin . Diese Wiesen , diese Gänge Wandelt ich in Liebchens Schatten , Durch des Morgens schöne Klänge In dem zärtlichen Ermatten , Und wie ist es mir bewährt , Auch das war der Müh nicht wert . Langeweile gähnt in Blumen , Nichts zum Trinken , nichts zum Schmause , Von dem Zeichnen Semmelkrumen In dem bunten Frühlingshause ; Ach und ich weiß es nun aufs Haar , Wo das Paradies einst war . Offen stehn die Paradiese , Und ich stehe drin verlassen , Ewigkeit , die sie verhießen , Würd ich ohne Kunst doch hassen , Ach und ich fühl es nun bewährt , Dieses war der Müh nicht wert . Wie mit geflügelten Heuschrecken ziehend Über die dürr zerfressenen Halme , Zieh ich mit dem Heere glühend , Daß ich die Wurzeln des Grüns zermalme , Such ich in ew ' ger Streiferei , Wo das Ende der Welt wohl sei . » Sollte man nicht glauben , er wär in der größten Verzweifelung über den Verlust seiner Frau , und hätte sich deswegen zur Armee begeben ; wenn wir nicht alles ganz anders wüßten , wir müßten dran glauben « , sagte der Graf . - » Aber was will er mit der unhöflichen Aufnahme sagen ? « fragte die Gräfin . » Liebe Dolores « , antwortete der Graf , » das kann wahr sein , wo die Frau sich um nichts bekümmert , werden Bediente leicht unhöflich ; mir ist es wie jedem Manne unerträglich , mich um so etwas zu kümmern . « - » Ich will schon Ordnung stiften « , meinte die Gräfin . Neunundzwanzigstes Kapitel Erntefest . Traugotts Tod Das Erntefest , das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig begangen wurde , lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab , der sich den Tag besonders wohl fühlte ; man ging in die Kirche , von da auf den Tanzplatz , und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermißt ; sie suchten ihn überall immer ängstlicher , je später es wurde , und ihr Rufen zog auch den Grafen in diese Nachforschungen . Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den Gottesacker , und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter fröhlich lächelnd eingeschlafen , - er fand ihn tot . Die fröhliche Ernte schloß mit der Todessichel , welche die schönste Blüte niedergemähet hatte ; sie schloß wie das Jahr , das schon seinen kalten Totenwagen über die Stoppeln hinüberstürmen ließ , - das Erntefest ist das wehmütigste des ganzen Jahres , ein Scheideruf an alles , was uns am Jahre freut , und würde es nicht vertanzt , es müßte verweint werden . Der Graf konnte bei dem feierlich großen Leichenzuge kaum ausdauern ; erst lange nachher vermochte er die Beängstigung zu überwinden , mit der ihn ein Lied verfolgte , das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen ; wir warnen fröhliche Herzen dagegen . Es sonnte sich ein kranker Knabe Auf seiner armen Mutter Gruft , Da fasset ihn der Ahndung Gabe , Er wittert einer Blume Duft , Die ferne schwebet in dem Meere , Weit an dem Ende aller Welt , In die aus hoher luft ' ger Leere Die Sonne wie ein Same fällt . Es glüht auf seiner blassen Wange Nun eine Röte wunderbar , Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange , Es wird sein Auge ihm so klar , Es glänzt auf seinem stillen Herzen Ein Regenbogen wie ein Strauß , Der hat verkündet seine Schmerzen Hoch in des Himmels sel ' gem Haus . Dem Himmel hat er ihn verbunden , Zeigt ihm das offne Himmelstor , Er schauet nun in Schmerzensstunden , Was Lust ihm nie gezeigt zuvor , Wie kann er nun die Welt verschmerzen , Ihm ist verschwunden aller Graus , Sein Herz , gebrochen einst in Schmerzen , Sieht froh die Witterung voraus . Er sieht voraus die Liebestage , Wo Hand in Hand sich gern ergeht , Manch Mädchen zeigt die Hand zur Frage , Weil er die Linien jetzt versteht ; Des Knaben Ruf ist weit erschollen , Denn jeder frägt nach Witterung , Die Alten , weil sie ernten wollen , Und weil sich lieben , die noch jung . Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen , Da nimmt die Mutter seine Hand , Da sieht er all , was ihm vergangen ,