es nicht sagen ? Warum soll ich das harte Wort nicht aussprechen : dies Kind ist aus einem doppelten Ehbruch erzeugt ! es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir , wie es uns hätte verbinden sollen . Mag es denn gegen mich zeugen , mögen diese herrlichen Augen den deinigen sagen , daß ich in den Armen einer andern dir gehörte ; mögest du fühlen , Ottilie , recht fühlen , daß ich jenen Fehler , jenes Verbrechen nur in deinen Armen abbüßen kann ! Horch ! « rief er aus , indem er aufsprang und einen Schuß zu hören glaubte , als das Zeichen , das der Major geben sollte . Es war ein Jäger , der im benachbarten Gebirg geschossen hatte . Es erfolgte nichts weiter ; Eduard war ungeduldig . Nun erst sah Ottilie , daß die Sonne sich hinter die Berge gesenkt hatte . Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebäudes zurück . » Entferne dich , Eduard ! « rief Ottilie . » So lange haben wir entbehrt , so lange geduldet . Bedenke , was wir beide Charlotten schuldig sind . Sie muß unser Schicksal entscheiden , laß uns ihr nicht vorgreifen . Ich bin die Deine , wenn sie es vergönnt ; wo nicht , so muß ich dir entsagen . Da du die Entscheidung so nah glaubst , so laß uns erwarten . Geh in das Dorf zurück , wo der Major dich vermutet . Wie manches kann vorkommen , das eine Erklärung fordert . Ist es wahrscheinlich , daß ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner Unterhandlungen verkünde ? Vielleicht sucht er dich auf in diesem Augenblick . Er hat Charlotten nicht getroffen , das weiß ich ; er kann ihr entgegengegangen sein , denn man wußte , wo sie hin war . Wie vielerlei Fälle sind möglich ! Laß mich ! Jetzt muß sie kommen . Sie erwartet mich mit dem Kinde dort oben . « Ottilie sprach in Hast . Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen . Sie war glücklich in Eduards Nähe und fühlte , daß sie ihn jetzt entfernen müsse . » Ich bitte , ich beschwöre dich , Geliebter ! « rief sie aus , » kehre zurück und erwarte den Major ! « - » Ich gehorche deinen Befehlen , « rief Eduard , indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schloß . Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn auf das zärtlichste an ihre Brust . Die Hoffnung fuhr wie ein Stern , der vom Himmel fällt , über ihre Häupter weg . Sie wähnten , sie glaubten einander anzugehören ; sie wechselten zum erstenmal entschiedene , freie Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich . Die Sonne war untergegangen , und es dämmerte schon und duftete feucht um den See . Ottilie stand verwirrt und bewegt ; sie sah nach dem Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu sehen . Der Umweg war groß am See hin ; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde . Die Platanen sieht sie gegen sich über , nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade , der sogleich zu dem Gebäude hinaufführt . Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den Augen . Die Bedenklichkeit , mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen , verschwindet in diesem Drange . Sie eilt nach dem Kahn , sie fühlt nicht , daß ihr Herz pocht , daß ihre Füße schwanken , daß ihr die Sinne zu vergehen drohn . Sie springt in den Kahn , ergreift das Ruder und stößt ab . Sie muß Gewalt brauchen , sie wiederholt den Stoß , der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke seewärts . Auf dem linken Arme das Kind , in der linken Hand das Buch , in der rechten das Ruder , schwankt auch sie und fällt in den Kahn . Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und , wie sie sich erhalten will , Kind und Buch nach der andern , alles ins Wasser . Sie ergreift noch des Kindes Gewand ; aber ihre unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen . Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich umzuwenden , sich aufzurichten ; endlich gelingts , sie zieht das Kind aus dem Wasser , aber seine Augen sind geschlossen , es hat aufgehört zu atmen . In dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück , aber um desto größer ist ihr Schmerz . Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees , das Ruder schwimmt fern , sie erblickt niemanden am Ufer , und auch was hätte es ihr geholfen , jemanden zu sehen ! Von allem abgesondert , schwebt sie auf dem treulosen , unzugänglichen Elemente . Sie sucht Hülfe bei sich selbst . So oft hatte sie von Rettung der Ertrunkenen gehört . Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt . Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand . Sie reißt ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel ; zum erstenmal drückt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte Brust , ach ! und kein Lebendiges . Die kalten Glieder des unglücklichen Geschöpfs verkälten ihren Busen bis ins innerste Herz . Unendliche Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberfläche des Erstarrten einen Schein von Wärme und Leben . Sie läßt nicht nach , sie überhüllt es mit ihrem Schal , und durch Streicheln , Andrücken , Anhauchen , Küssen , Tränen glaubt sie jene Hülfsmittel zu ersetzen , die ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt sind . Alles vergebens ! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen , ohne Bewegung steht der Kahn auf der Wasserfläche ; aber auch hier läßt ihr schönes Gemüt sie nicht hülflos . Sie wendet sich nach oben . Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen über ihre unschuldige Brust , die an Weiße und leider auch an Kälte dem Marmor gleicht . Mit feuchtem Blick sieht sie empor und ruft Hülfe von daher , wo ein zartes Herz die größte Fülle zu finden hofft , wenn es überall mangelt . Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen , die schon einzeln hervorzublinken anfangen . Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach den Platanen . Vierzehntes Kapitel Sie eilt nach dem neuen Gebäude , sie ruft den Chirurgus hervor , sie übergibt ihm das Kind . Der auf alles gefaßte Mann behandelt den zarten Leichnam stufenweise nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem bei ; sie schafft , sie bringt , sie sorgt , zwar wie in einer andern Welt wandelnd , denn das höchste Unglück wie das höchste Glück verändert die Ansicht aller Gegenstände ; und nur , als nach allen durch gegangenen Versuchen der wackere Mann den Kopf schüttelt , auf ihre hoffnungsvollen Fragen erst schweigend , dann mit einem leisen Nein antwortet , verläßt sie das Schlafzimmer Charlottens , worin dies alles geschehen , und kaum hat sie das Wohnzimmer betreten , so fällt sie , ohne den Sofa erreichen zu können , erschöpft aufs Angesicht über den Teppich hin . Eben hört man Charlotten vorfahren . Der Chirurg bittet die Umstehenden dringend , zurückzubleiben , er will ihr entgegnen , sie vorbereiten ; aber schon betritt sie ihr Zimmer . Sie findet Ottilien an der Erde , und ein Mädchen des Hauses stürzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen . Der Chirurg tritt herein , und sie erfährt alles auf einmal . Wie sollte sie aber jede Hoffnung mit einmal aufgeben ! Der erfahrne , kunstreiche , kluge Mann bittet sie nur , das Kind nicht zu sehen ; er entfernt sich , sie mit neuen Anstalten zu täuschen . Sie hat sich auf ihren Sofa gesetzt , Ottilie liegt noch an der Erde , aber an der Freundin Kniee herangehoben , über die ihr schönes Haupt hingesenkt ist . Der ärztliche Freund geht ab und zu ; er scheint sich um das Kind zu bemühen , er bemüht sich um die Frauen . So kommt die Mitternacht herbei , die Totenstille wird immer tiefer . Charlotte verbirgt sichs nicht mehr , daß das Kind nie wieder ins Leben zurückkehre ; sie verlangt es zu sehen . Man hat es in warme wollne Tücher reinlich eingehüllt , in einen Korb gelegt , den man neben sie auf den Sofa setzt ; nur das Gesichtchen ist frei ; ruhig und schön liegt es da . Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich bis nach dem Gasthof erschollen . Der Major hatte sich die bekannten Wege hinaufbegeben ; er ging um das Haus herum , und indem er einen Bedienten anhielt , der in dem Angebäude etwas zu holen lief , verschaffte er sich nähere Nachricht und ließ den Chirurgen herausrufen . Dieser kam , erstaunt über die Erscheinung seines alten Gönners , berichtete ihm die gegenwärtige Lage und übernahm es , Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten . Er ging hinein , fing ein ableitendes Gespräch an und führte die Einbildungskraft von einem Gegenstand auf den andern , bis er endlich den Freund Charlotten vergegenwärtigte , dessen gewisse Teilnahme , dessen Nähe dem Geiste , der Gesinnung nach , die er denn bald in eine wirkliche übergehen ließ . Genug , sie erfuhr , der Freund stehe vor der Tür , er wisse alles und wünsche eingelassen zu werden . Der Major trat herein ; ihn begrüßte Charlotte mit einem schmerzlichen Lächeln . Er stand vor ihr . Sie hub die grünseidne Decke auf , die den Leichnam verbarg , und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er nicht ohne geheimes Grausen sein erstarrtes Ebenbild . Charlotte deutete auf einen Stuhl , und so saßen sie gegeneinander über , schweigend , die Nacht hindurch . Ottilie lag noch ruhig auf den Knieen Charlottens ; sie atmete sanft ; sie schlief , oder sie schien zu schlafen . Der Morgen dämmerte , das Licht verlosch , beide Freunde schienen aus einem dumpfen Traum zu erwachen . Charlotte blickte den Major an und sagte gefaßt : » Erklären Sie mir , mein Freund , durch welche Schickung kommen Sie hieher , um teil an dieser Trauerszene zu nehmen ? « » Es ist hier , « antwortete der Major ganz leise , wie sie gefragt hatte - als wenn sie Ottilien nicht aufwecken wollten - , » es ist hier nicht Zeit und Ort , zurückzuhalten , Einleitungen zu machen und sachte heranzutreten . Der Fall , in dem ich Sie finde , ist so ungeheuer , daß das Bedeutende selbst , weshalb ich komme , dagegen seinen Wert verliert . « Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung , insofern Eduard ihn abgeschickt hatte , den Zweck seines Kommens , insofern sein freier Wille , sein eigenes Interesse dabei war . Er trug beides sehr zart , doch aufrichtig vor ; Charlotte hörte gelassen zu und schien weder darüber zu staunen noch unwillig zu sein . Als der Major geendigt hatte , antwortete Charlotte mit ganz leiser Stimme , so daß er genötigt war , seinen Stuhl heranzurücken : » In einem Falle , wie dieser ist , habe ich mich noch nie befunden , aber in ähnlichen habe ich mir immer gesagt : Wie wird es morgen sein ? Ich fühle recht wohl , daß das Los von mehreren jetzt in meinen Händen liegt ; und was ich zu tun habe , ist bei mir außer Zweifel und bald ausgesprochen . Ich willige in die Scheidung . Ich hätte mich früher dazu entschließen sollen ; durch mein Zaudern mein Widerstreben habe ich das Kind getötet . Es sind gewisse Dinge , die sich das Schicksal hartnäckig vornimmt . Vergebens , daß Vernunft und Tugend , Pflicht und alles Heilige sich ihm in den Weg stellen : es soll etwas geschehen , was ihm recht ist , was uns nicht recht scheint ; und so greift es zuletzt durch , wir mögen uns gebärden , wie wir wollen . Doch was sag ich ! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch , meinen eigenen Vorsatz , gegen die ich unbedachtsam gehandelt , wieder in den Weg bringen . Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das schicklichste Paar zusammengedacht ? Habe ich nicht selbst beide einander zu nähern gesucht ? Waren Sie nicht selbst , mein Freund , Mitwisser dieses Plans ? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe unterscheiden ? Warum nahm ich seine Hand an , da ich als Freundin ihn und eine andre Gattin glücklich gemacht hätte ? Und betrachten Sie nur diese unglückliche Schlummernde ! Ich zittere vor dem Augenblicke , wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewußtsein erwacht . Wie soll sie leben , wie soll sie sich trösten , wenn sie nicht hoffen kann , durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen , was sie ihm als Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat ? Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung , nach der Leidenschaft , mit der sie ihn liebt . Vermag die Liebe , alles zu dulden , so vermag sie noch viel mehr , alles zu ersetzen . An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht werden . Entfernen Sie sich in der Stille , lieber Major . Sagen Sie Eduarden , daß ich in die Scheidung willige , daß ich ihm , Ihnen , Mittlern die ganze Sache einzuleiten überlasse , daß ich um meine künftige Lage unbekümmert bin und es in jedem Sinne sein kann . Ich will jedes Papier unterschreiben , das man mir bringt ; aber man verlange nur nicht von mir , daß ich mitwirke , daß ich bedenke , daß ich berate . « Der Major stand auf . Sie reichte ihm ihre Hand über Ottilien weg . Er drückte seine Lippen auf diese liebe Hand . » Und für mich , was darf ich hoffen ? « lispelte er leise . » Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben , « versetzte Charlotte . » Wir haben nicht verschuldet , unglücklich zu werden , aber auch nicht verdient , zusammen glücklich zu sein . « Der Major entfernte sich , Charlotten tief im Herzen beklagend , ohne jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu können . Ein solches Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück . Er dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm , als den vollkommensten Ersatz für das , was sie Eduarden geraubt ; er dachte sich einen Sohn auf dem Schoße , der mit mehrerem Recht sein Ebenbild trüge als der abgeschiedene . So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele , als er auf dem Rückwege nach dem Gasthofe Eduarden fand , der die ganze Nacht im Freien den Major erwartet hatte , da ihm kein Feuerzeichen , kein Donnerlaut ein glückliches Gelingen verkünden wollte . Er wußte bereits von dem Unglück , und auch er , anstatt das arme Geschöpf zu bedauern , sah diesen Fall , ohne sichs ganz gestehen zu wollen , als eine Fügung an , wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt wäre . Gar leicht ließ er sich daher durch den Major bewegen , der ihm schnell den Entschluß seiner Gattin verkündigte , wieder nach jenem Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurückzukehren , wo sie das Nächste überlegen und einleiten wollten . Charlotte saß , nachdem der Major sie verlassen hatte , nur wenige Minuten in ihre Betrachtungen versenkt ; denn sogleich richtete Ottilie sich auf , ihre Freundin mit großen Augen anblickend . Erst erhob sie sich von dem Schoße , dann von der Erde und stand vor Charlotten . » Zum zweitenmal « - so begann das herrliche Kind mit einem unüberwindlichen , anmutigen Ernst - » zum zweitenmal widerfährt mir dasselbige . Du sagtest mir einst , es begegne den Menschen in ihrem Leben oft Ähnliches auf ähnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken . Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen , dir ein Bekenntnis zu machen . Kurz nach meiner Mutter Tode , als ein kleines Kind , hatte ich meinen Schemel an dich gerückt ; du saßest auf dem Sofa wie jetzt ; mein Haupt lag auf deinen Knieen , ich schlief nicht , ich wachte nicht ; ich schlummerte . Ich vernahm alles , was um mich vorging , besonders alle Reden sehr deutlich ; und doch konnte ich mich nicht regen , mich nicht äußern und , wenn ich auch gewollt hätte , nicht andeuten , daß ich meiner selbst mich bewußt fühlte . Damals sprachst du mit einer Freundin über mich ; du bedauertest mein Schicksal , als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein ; du schildertest meine abhängige Lage und wie mißlich es um mich stehen könne , wenn nicht ein besondrer Glücksstern über mich walte . Ich faßte alles wohl und genau , vielleicht zu streng , was du für mich zu wünschen , was du von mir zu fordern schienst . Ich machte mir nach meinen beschränkten Einsichten hierüber Gesetze ; nach diesen habe ich lange gelebt , nach ihnen war mein Tun und Lassen eingerichtet zu der Zeit , da du mich liebtest , für mich sorgtest , da du mich in dein Haus aufnahmst , und auch noch eine Zeit hernach . Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten , ich habe meine Gesetze gebrochen , ich habe sogar das Gefühl derselben verloren , und nach einem schrecklichen Ereignis klärst du mich wieder über meinen Zustand auf , der jammervoller ist als der erste . Auf deinem Schoße ruhend , halb erstarrt , wie aus einer fremden Welt vernehm ich abermals deine leise Stimme über meinem Ohr ; ich vernehme , wie es mit mir selbst aussieht ; ich schaudere über mich selbst ; aber wie damals habe ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet . Ich bin entschlossen , wie ichs war , und wozu ich entschlossen bin , mußt du gleich erfahren . Eduards werd ich nie ! Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir die Augen geöffnet , in welchem Verbrechen ich befangen bin . Ich will es büßen ; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz abzubringen ! Darnach , Liebe , Beste , nimm deine Maßregeln . Laß den Major zurückkommen ; schreibe ihm , daß keine Schritte geschehen . Wie ängstlich war mir , daß ich mich nicht rühren und regen konnte , als er ging . Ich wollte auffahren , aufschreien : du solltest ihn nicht mit so frevelhaften Hoffnungen entlassen . « Charlotte sah Ottiliens Zustand , sie empfand ihn ; aber sie hoffte durch Zeit und Vorstellungen etwas über sie zu gewinnen . Doch als sie einige Worte aussprach , die auf eine Zukunft , auf eine Milderung des Schmerzes , auf Hoffnung deuteten : » Nein ! « rief Ottilie mit Erhebung ; » sucht mich nicht zu bewegen , nicht zu hintergehen ! In dem Augenblick , in dem ich erfahre , du habest in die Scheidung gewilligt , büße ich in demselbigen See mein Vergehen , mein Verbrechen . « Funfzehntes Kapitel Wenn sich in einem glücklichen , friedlichen Zusammenleben Verwandte , Freunde , Hausgenossen , mehr als nötig und billig ist , von dem unterhalten , was geschieht oder geschehen soll , wenn sie sich einander ihre Vorsätze , Unternehmungen , Beschäftigungen wiederholt mitteilen und , ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen , doch immer das ganze Leben gleichsam ratschlagend behandeln , so findet man dagegen in wichtigen Momenten , eben da , wo es scheinen sollte , der Mensch bedürfe fremden Beistandes , fremder Bestätigung am allermeisten , daß sich die einzelnen auf sich selbst zurückziehen , jedes für sich zu handeln , jedes auf seine Weise zu wirken strebt und , indem man sich einander die einzelnen Mittel verbirgt , nur erst der Ausgang , die Zwecke , das Erreichte wieder zum Gemeingut werden . Nach so viel wundervollen und unglücklichen Ereignissen war denn auch ein gewisser stiller Ernst über die Freundinnen gekommen , der sich in einer liebenswürdigen Schonung äußerte . Ganz in der Stille hatte Charlotte das Kind nach der Kapelle gesendet . Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses . Charlotte kehrte sich , soviel es ihr möglich war , gegen das Leben zurück , und hier fand sie Ottilien zuerst , die ihres Beistandes bedurfte . Sie beschäftigte sich vorzüglich mit ihr , ohne es jedoch merken zu lassen . Sie wußte , wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte ; sie hatte nach und nach die Szene , die dem Unglück vorhergegangen war , herausgeforscht und jeden Umstand teils von Ottilien selbst , teils durch Briefe des Majors erfahren . Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das augenblickliche Leben . Sie war offen , ja gesprächig , aber niemals war von dem Gegenwärtigen oder kurz Vergangenen die Rede . Sie hatte stets aufgemerkt , stets beobachtet , sie wußte viel ; das kam jetzt alles zum Vorschein . Sie unterhielt , sie zerstreute Charlotten , die noch immer die stille Hoffnung nährte , ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen . Allein bei Ottilien hing es anders zusammen . Sie hatte das Geheimnis ihres Lebensganges der Freundin entdeckt ; sie war von ihrer frühen Einschränkung , von ihrer Dienstbarkeit entbunden . Durch ihre Reue , durch ihren Entschluß fühlte sie sich auch befreit von der Last jenes Vergehens , jenes Mißgeschicks . Sie bedurfte keiner Gewalt mehr über sich selbst ; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens nur unter der Bedingung des völligen Entsagens verziehen , und diese Bedingung war für alle Zukunft unerläßlich . So verfloß einige Zeit , und Charlotte fühlte , wie sehr Haus und Park , Seen , Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen täglich in ihnen beiden erneuerten . Daß man den Ort verändern müsse , war allzu deutlich , wie es geschehen solle , nicht so leicht zu entscheiden . Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben ? Eduards früherer Wille schien es zu gebieten , seine Erklärung , seine Drohung es nötig zu machen ; allein wie war es zu verkennen , daß beide Frauen mit allem guten Willen , mit aller Vernunft , mit aller Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden ? Ihre Unterhaltungen waren vermeidend . Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen , öfters wurde aber doch ein Ausdruck , wo nicht durch den Verstand , wenigstens durch die Empfindung mißdeutet . Man fürchtete sich zu verletzen , und gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten . Wollte man den Ort verändern und sich zugleich , wenigstens auf einige Zeit , voneinander trennen , so trat die alte Frage wieder hervor , wo sich Ottilie hinbegeben solle . Jenes große , reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht , einer hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu verschaffen . Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch Briefe war Charlotte aufgefordert worden , Ottilien dorthin zu senden ; jetzt brachte sie es abermals zur Sprache . Ottilie verweigerte aber ausdrücklich , dahin zu gehen , wo sie dasjenige finden würde , was man große Welt zu nennen pflegt . » Lassen Sie mich , liebe Tante , « sagte sie , » damit ich nicht eingeschränkt und eigensinnig erscheine , dasjenige aussprechen , was zu verschweigen , zu verbergen in einem andern Falle Pflicht wäre . Ein seltsam unglücklicher Mensch , und wenn er auch schuldlos wäre , ist auf eine fürchterliche Weise gezeichnet . Seine Gegenwart erregt in allen , die ihn sehen , die ihn gewahr werden , eine Art von Entsetzen . Jeder will das Ungeheure ihm ansehen , was ihm auferlegt ward ; jeder ist neugierig und ängstlich zugleich . So bleibt ein Haus , eine Stadt , worin eine ungeheure Tat geschehen , jedem furchtbar , der sie betritt . Dort leuchtet das Licht des Tages nicht so hell , und die Sterne scheinen ihren Glanz zu verlieren . Wie groß und doch vielleicht zu entschuldigen ist gegen solche Unglückliche die Indiskretion der Menschen , ihre alberne Zudringlichkeit und ungeschickte Gutmütigkeit ! Verzeihen Sie mir , daß ich so rede ; aber ich habe unglaublich mit jenem armen Mädchen gelitten , als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des Hauses hervorzog , sich freundlich mit ihm beschäftigte , es in der besten Absicht zu Spiel und Tanz nötigen wollte . Als das arme Kind bange und immer bänger zuletzt floh und in Ohnmacht sank , ich es in meine Arme faßte , die Gesellschaft erschreckt , aufgeregt und jeder erst recht neugierig auf die Unglückselige ward , da dachte ich nicht , daß mir ein gleiches Schicksal bevorstehe ; aber mein Mitgefühl , so wahr und lebhaft , ist noch lebendig . Jetzt kann ich mein Mitleiden gegen mich selbst wenden und mich hüten , daß ich nicht zu ähnlichen Auftritten Anlaß gebe . « » Du wirst aber , liebes Kind , « versetzte Charlotte , » dem Anblick der Menschen dich nirgends entziehen können . Klöster haben wir nicht , in denen sonst eine Freistatt für solche Gefühle zu finden war . « » Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt , liebe Tante , « versetzte Ottilie . » Die schätzenswerteste Freistatt ist da zu suchen , wo wir tätig sein können . Alle Büßungen , alle Entbehrungen sind keineswegs geeignet , uns einem ahnungsvollen Geschick zu entziehen , wenn es uns zu verfolgen entschieden ist . Nur wenn ich im müßigen Zustande der Welt zur Schau dienen soll , dann ist sie mir widerwärtig und ängstigt mich . Findet man mich aber freudig bei der Arbeit , unermüdet in meiner Pflicht , dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten , weil ich die göttlichen nicht zu scheuen brauche . « » Ich müßte mich sehr irren , « versetzte Charlotte , » wenn deine Neigung dich nicht zur Pension zurückzöge . « » Ja , « versetzte Ottilie , » ich leugne es nicht ; ich denke es mir als eine glückliche Bestimmung , andre auf dem gewöhnlichen Wege zu erziehen , wenn wir auf dem sonderbarsten erzogen worden . Und sehen wir nicht in der Geschichte , daß Menschen , die wegen großer sittlicher Unfälle sich in die Wüsten zurückzogen , dort keineswegs , wie sie hofften , verborgen und gedeckt waren ? Sie wurden zurückgerufen in die Welt , um die Verirrten auf den rechten Weg zu führen ; und wer konnte es besser als die in den Irrgängen des Lebens schon Eingeweihten ! Sie wurden berufen , den Unglücklichen beizustehen ; und wer vermochte das eher als sie , denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte ! « » Du wählst eine sonderbare Bestimmung , « versetzte Charlotte . » Ich will dir nicht widerstreben ; es mag sein , wenn auch nur , wie ich hoffe , auf kurze Zeit . « » Wie sehr danke ich Ihnen , « sagte Ottilie , » daß Sie mir diesen Versuch , diese Erfahrung gönnen wollen . Schmeichle ich mir nicht zu sehr , so soll es mir glücken . An jenem Orte will ich mich erinnern , wie manche Prüfungen ich ausgestanden und wie klein , wie nichtig sie waren gegen die , die ich nachher erfahren mußte . Wie heiter werde ich die Verlegenheiten der jungen Aufschößlinge betrachten , bei ihren kindlichen Schmerzen lächeln und sie mit leiser Hand aus allen kleinen Verirrungen herausführen . Der Glückliche ist nicht geeignet , Glücklichen vorzustehen ; es liegt in der menschlichen Natur , immer mehr von sich und von andern zu fordern , je mehr man empfangen hat . Nur der Unglückliche , der sich erholt , weiß für sich und andere das Gefühl zu nähren , daß auch ein mäßiges Gute mit Entzücken genossen werden soll . « » Laß mich gegen deinen Vorsatz « , sagte Charlotte zuletzt nach einigem Bedenken , » noch einen Einwurf anführen , der mir der wichtigste scheint . Es ist nicht von dir , es ist von einem Dritten die Rede . Die Gesinnungen des guten , vernünftigen , frommen Gehülfen sind dir bekannt ; auf dem Wege , den du gehst , wirst du ihm jeden Tag werter und unentbehrlicher sein . Da er schon jetzt seinem Gefühl nach nicht gern ohne dich leben mag , so wird er auch künftig , wenn er einmal deine Mitwirkung gewohnt ist , ohne dich sein Geschäft nicht mehr verwalten können . Du wirst ihm anfangs darin beistehen , um es ihm hernach zu verleiden . « » Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren , « versetzte Ottilie , » und wer mich liebt , hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten . So gut und verständig als der Freund ist , ebenso , hoffe ich , wird sich in ihm auch die Empfindung eines reinen Verhältnisses zu mir entwickeln ; er wird in mir eine geweihte Person erblicken , die nur dadurch ein ungeheures Übel für sich und andre vielleicht aufzuwiegen vermag , wenn sie sich dem Heiligen widmet , das , uns unsichtbar umgebend , allein gegen die ungeheuren zudringenden Mächte beschirmen kann . « Charlotte nahm alles , was das liebe Kind so herzlich geäußert , zur stillen Überlegung . Sie hatte verschiedentlich , obgleich auf das leiseste , angeforscht , ob nicht eine Annäherung Ottiliens zu Eduard denkbar sei ; aber auch nur die leiseste Erwähnung , die mindeste Hoffnung , der kleinste Verdacht schien Ottilien aufs tiefste zu rühren