ihn sprechen ? Und wenn kein Mahl , kein Opfer mehr der Götter Zorn stillt , wird er gelassen und freudig in die öden Wohnungen der Nacht , des Nichts hinabsteigen ? Die tägliche Erfahrung zeigt uns , daß die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten kann . Die Menschheit muß wiedergeboren werden durch eine Religion , die dem Verderbniß der Sitten durch strenge Moral , dem Egoismus durch Einschärfung der Nächstenliebe , der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre . Diese Religion ist das Christenthum - und sie leistet Alles , was der Menschenfreund für das Zeitalter wünschen kann . Doch , mein Brief ist eine Abhandlung geworden . Zürne der Weitläuftigkeit nicht , mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner Ueberzeugung Rechenschaft geben möchte , und lebe wohl , bis ich Zeit finde , dir noch mehr zu sagen . 51. Valeria an Eneus Florianus . Mantua , im September 302 . Florianus ! Florianus ! Deine Valeria lebt noch ! Sie ruft dir zu - es ist ihr möglich geworden , dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben . O die Verzweiflung war ihr mehr als einmal nahe , während ein endloses Jahr vorschlich , ohne daß ihre Liebe und List ein Mittel gefunden hatte , die engen Schranken zu zerbrechen , die sie fest umschließen , und so unendlich fern von dir halten . Wund haben sie mein Herz längst gedrückt . Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah , eine Spur meines Daseyns bis zu dir zu bringen - wünschte ich sie noch fester , noch enger , daß sie mich ganz erdrückt hätten ! Wirst du mir zürnen , Florianus ? Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht , dem Leben , das als eine unerträgliche Last auf mir lag , zu entfliehen . Es war nicht recht - der Gedanke schreckte mich zurück . Du hast mich in einer Lehre unterwiesen , die den Selbstmord verdammt . Du hast es mir in Britannien , als man uns zuerst trennte , als ich dir diese letzte Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug , streng verwiesen . Mit einander sterben ! Süsses Loos ! Es schmerzt nicht , würde ich wie Arria1 gesagt haben , und gewiß eben so freudig . Aber du wolltest nicht - und ich brachte dir das größere Opfer - ich bin von dir getrennt , und lebe noch . Durch wie viel Städte man mich geschleppt hat , seit in jener fürchterlichen Nacht mein Vater an mein Bette trat , mir befahl aufzustehen , mich anzukleiden , als die Mutter weinend hereintrat , ich Alles zur Abreise fertig sah , der Vater mir den Mantel überwarf , als keine Frage , keine verzweifelnde Bitte Antwort erhielt , keine offenbare Widersetzlichkeit der höhern Gewalt zu entfliehen vermochte , das weiß ich nicht . Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte , war ich auf dem Schiff - sah ich die Küsten der theuren Insel weit hinter mir . Dann wurde ich krank , sehr schmerzlich , sehr gefährlich , so , daß ich hoffte , sterben zu können . Von dir sprach mir kein Mensch , so liebevoll sie mich sonst behandelten , und für alle Fragen , die ich mit verzagender Seele an sie that , waren sie taub . Das erste Mal , als ich mit schwankenden Tritten in ' s Freie geleitet wurde , sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden ; man sagte mir , wir wären am Rheinstrom , und die große Stadt , die ich nicht weit davon ihre Zinnen in seinen Wellen spiegeln sah , wäre Coloniä Agrippinä2 . Ach , guter Gott ! Wie fern , wie abgeschnitten durch den weiten Ocean ! Griffel und Papier , Feder und Tafel3 waren mir entzogen ; einige Versuche , auf ein Stückchen Leinen oder Stoff mit Farbe - mit meinem Blute zu schreiben , wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt , und strenge zernichtet . O warum hätte ich nicht sterben sollen ? Warum mußte ich dies elende Leben ertragen ! Jetzt sind wir in einer Stadt von Italien , Mantua nennen sie die Leute . Ich kann mich nicht in diese Menschen , in ihre Lebensart , in ihr Clima finden . Die unerträgliche Hitze thut mir weh ; mein Körper , den die schwere Krankheit erschöpft hat , leidet durch die glühende Sonne und die bösen Ausdünstungen der Sümpfe , die die Gegend umher verpesten . Ich bin der frischen Luft , der kühlen Schatten meiner Insel , ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt ; hier - muß ich verschmachten . Du würdest mich kaum erkennen . Ach , Florianus ! ist es dir nicht möglich , mich zu befreien ? O rette , rette ein unglückliches Wesen , das ohne dich nicht leben , nicht tugendhaft , und dort nicht selig seyn kann ! Du hast mich deinen Glauben , den Glauben der Liebe gelehrt , und jetzt stoßest du mich kalt und streng in die vorige Nacht . O wäre es nicht besser gewesen , mich dort zu lassen ? Jupiter hätte nicht gezürnt , wenn ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt hätte . Minos würde mein Unglück geehrt , und ein mildes Urtheil gesprochen haben . Im Elysium hätten wir uns wiedergesehen : dort , wo Dido ' s Schatten zürnend dem Aeneas4 auswich , wäre ich in deine Arme geeilt ! Wie trüb und düster auch diese Reiche sind , ich wäre mit dir vereinigt gewesen - und sie hätten uns gelächelt ! Ich hätte sterben dürfen ! O glückliche Freiheit ! Florianus , was habe ich gesagt ? O , wirst du mir verzeihen können ? Nein , ich kann es nicht bereuen , eine Christin geworden zu seyn ! Es ist dein Glaube , es ist der Glaube der Liebe , und Liebe ist sein Symbol , die höchste , die reinste , die Mutterliebe . Das Kind auf den liebenden Armen , schwebt sie vom Himmel zu uns herab . Zu ihr wende ich mich auch am öftersten , am liebsten . Ueber Alles erhaben , groß und furchtbar , steht die Gottheit vor meinem schüchternen Blick . Aber sie war Weib , war Mutter , sie lebte , sie litt , sie liebte wie ich , sie versteht meinen Kummer . O , sie hat mich getröstet , wenn ich recht heiß und zitternd vor ihr geweint hatte , wenn ich sie um Linderung , um Fürbitte bei ihrem Sohne gestehet hatte ; und gewiß ist es ihr Werk , daß ich jetzt ein Mittel gefunden habe , dir zu schreiben , und den Brief durch den treuen Menschen , den du wohl kennst , und der morgen von hier nach Eboracum abgeht , abzusenden . Man erzählt hier , Constantin , dein Zögling , sey in großem Ansehen am Hofe des morgenländischen Augustus , und vermöge sehr viel . Könnte er uns denn nicht helfen ? O wende dich an ihn , schreib ihm - die unglückliche Tochter des Augustus hat ja einige Ansprüche auf menschliche Hülfe . Oder bin ich nur darum aus der glücklichen Unwissenheit meines Privatstandes gerissen worden , um zu erfahren , daß auf dieser Höhe Freundschaft , Theilnahme und Mitleid aufhört ? O Florianus ! Schreibe mir bald , aber nicht so streng , so kalt , wie du in den letzten Tagen in Eboracum mit mir sprachst . Ich ehre die Grundsätze , die dich so handeln heißen ; aber ich erliege unter der ersten Last , die sie auf mein allzuweiches Herz legen . Ich kann nicht so heldenmüthig seyn . Ach ich liebe dich mit allen Kräften , mit allen Empfindungen meiner Seele ! O schreibe mir gütig , laß mich nur Einmal einen Strahl jener Liebe erblicken , die in jenen goldnen Tagen mein Leben zum Himmel erhellte ! Nur Ein Wort , wie du mir in unsrer Insel Tausende sagtest ! Wenn du schnell antwortest , und deine Antwort dem Boten gibst , der sie auf einem sichern Weg hierher bringen kann : so trifft sie mich noch hier , denn wir bleiben bis zu Ende des nächsten Monats in dieser Stadt . Das habe ich halb durch List , halb durch Zufall erfahren . Asinius Ponticus hat an Augustus geschrieben , der mein Vater seyn soll , und wird die Antwort hier erwarten . Diese Frist ist vielleicht die einzige , die uns in langen Monaten - vielleicht in Jahren offen steht . O laß sie nicht fruchtlos verstreichen , und laß mich die Versicherung hören , daß du mich noch liebst , daß du noch hoffest , und an Rettung glaubst . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Als Arria und ihr Gemahl Pätus mit einander zu sterben beschlossen hatten , senkte sie zuerst den Dolch in ihr Herz , und gab ihn dann ihrem Manne mit den berühmten Worten : Er schmerzt nicht . 2 Coloniae Agrippinae , das heutige Cöln . 3 Die Römer schrieben bald mir Griffeln auf Tafeln , welche mit Wachs überzogen waren , bald mit Federn von Rohr auf Pergament und eine Art Papier , das aus einer ägyptischen Staude bereitet wurde . 4 Als Aeneas bei seiner Höllenfahrt im Elysium dem Schatten der Dido begegnete , die sich um seiner Untreue willen ermordet hatte , wandte sie sich zürnend von ihm ab . 52. Agathokles an Phocion . Nisibis , im October 302 . Hier bin ich - in Nisibis . Das Haus , das ich bewohne , liegt in derselben Straße , in der ich vor zwölf Monaten mit Demetrius lebte . Es hat den Cäsarn gefallen , diese Stadt auf der äußersten Grenze des Reichs gegen Persien zum Schauplatz der Friedensunterhandlungen zu wählen , die Narses nach der erlittenen Niederlage eröffnet hat , und sehr eifrig zu verlangen scheint . Constantin , als der Sohn des abendländischen Cäsars , durfte nicht dabei fehlen , und ich folgte meinem Fürsten , meinem Freunde , weil er es wünschte . So ist es gekommen , daß ich diese Stadt wieder gesehen , die mir ewig unvergeßlich , und ewig zu schmerzlicher Erinnerung seyn wird . Als Constantin zuerst den Wunsch äußerte , daß ich ihn begleiten möchte , warnte mich eine innere Stimme , dieser Bitte nicht zu willfahren . Aber ich trotzte auf die Macht der Zeit , die jeden Eindruck schwächt , auf die Zerstreuung durch die Geschäfte , die meiner hier warteten , endlich auf die Stärke meines Herzens . Es war thöricht , es war vermessen , dies zu hoffen . Als ich von Weitem diese Mauern erblickte , wo ich so schöne , so selige , so schmerzliche Stunden verlebt hatte - erwachte die ganze Vergangenheit und das Gefühl meines Verlustes mit unwiderstehlicher Kraft in mir , und keine Zerstreuung , keine Beschäftigung hat diesen Eindruck bis jetzt schwächen , kein Kampf ihn besiegen können . Constantin weiß nicht , was er von mir gefordert hat ; es wäre unedel , es ihm jetzt zu sagen , und seinem Herzen die drückende Last einer solchen Verbindlichkeit aufzuwälzen . Ueberhaupt ist es wohl eben so vergeblich als unbillig , Andere , die nichts dazu beitragen können , es wieder herzustellen , mit dem steten Anblick unsrer trüben Mienen , mit der Anhörung unsrer alten Klagen zu quälen . So suche ich mich zu beherrschen , und glaube wenigstens durch diese Uebung meiner Willenskraft einigen Nutzen für mein besseres Selbst zu finden . Es ist seltsam , wie unauslöschlich tief manche Eindrücke bleiben , indessen andre kaum die Zeit ihrer gegenwärtigen Dauer überleben , und noch seltsamer und übler für uns Sterbliche , daß jene meistens unter die traurigen gehören , und die frohen schnell verschwinden . Warum hält des Menschen Sinn den Schmerz so fest , und vergißt so schnell , was ihm wohlgethan hat ? Das ist nicht gut , es führt zur Undankbarkeit gegen Gott und Menschen , und eben darum ist vielleicht auch die Begierde nach Rache bei rohen Menschen der mächtigste und unauslöschlichste Trieb . Für mein Gefühl ist keine Zeit zwischen jenen selig düstern Tagen und dem gegenwärtigen Augenblick . Alles steht hell vor mir , Alles lebt um mich wie damals , nur Eins , Eins fehlt , und dies Eine ! - Es ist kein Wahn , kein Werk der erhitzten Einbildungskraft - ich werde dies Eine nie vergessen ! Warum sind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in Nikomedien , an Alles , was sich dort vereinigte , um ihn mir zu einem schönen hellen Punkte in meinem Leben zu machen , so ganz verschwunden ? Warum drängt sich , wenn ich sie ja zuweilen geflissentlich zurück rufe , um mich zu zerstreuen , nur der einzige Schatten , der darauf liegt - die Eitelkeit und Absichtlichkeit des Wesens , das sonst so liebenswürdig ist , mächtig hervor , und wirft seinen düstern Schein auf das ganze Gemälde , und macht seine fröhlichen Farben erblassen , und kehrt , indem er mich auf den scharfen Gegensatz zwischen Calpurnien und meiner verkärten Jugendfreundin hinweiset , den Stachel grausam gegen mein Herz ? Doch , wo gerathe ich hin ? Was ich noch kurz zuvor als löblich und nöthig anpries , unterlasse ich sogleich selbst , und breche gegen dich , mein väterlicher Freund , was ich gegen Andere zu beobachten mir streng vornehme . Verzeih , wenn zuweilen ein schnelles Gefühl mich hinreißt ! Ich sehe die Zwecklosigkeit und Lästigkeit ewiger Klagen ein , und es ist mein fester Vorsatz , sie nicht laut werden zu lassen . Du aber , der du weißt , wie vieler Nachsicht , Geduld und Liebe mein Herz von jeher bedurfte , um zufrieden zu seyn ; du , der du sie so oft mit mir hattest , und mich Verwaisten mitleidsvoll an das deine schloßest , trage sie noch ferner , und sieh mir gütig nach , was eine schnelle Empfindung , der Vernunft zum Trotze , verbricht . Constantins Freundschaft ersetzt mir viel - und ein stilles Band , das sich mit jedem Tag mehr und mehr um meine Seele schlingt , kann nicht anders , als uns noch näher vereinigen . Er ist ein Christ , wie du weißt , und daher stets mit vielen seiner Glaubensgenossen umgeben , welche sich um ihn als einen festen und erhabenen Mittelpunkt sammeln . Mit ihm besuche ich ihre Versammlungen , und finde - ich weiß , daß trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich nicht beleidigt - immer mehr Grund , die gute Meinung und die schönen Hoffnungen , die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege , zu nähren und zu vergößern . Ihr Gottesdienst , so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf - denn bei der Feier ihrer Mysterien muß nicht allein der Nicht-Christ , sondern auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen - also ihr Gottesdienst , so weit ich Zeuge davon war , besteht in gemeinschaftlichen Gebeten und Gesängen , Vorlesungen aus ihren heiligen Büchern , der Lebensgeschichte ihres Meisters , und in zweckmäßigen Reden darüber . Wie oft hat , wenn du mit mir die Reden des Cicero , des Hortendus , des Demosthenes lasest , ein stilles Feuer meine Brust ergriffen , und in schmerzlicher Erinnerung das Bild jener schönen Zeit vor meine Seele geführt ! . Da sah ich die versammelten Quiriten , ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen , und voll glühender Vaterlandsliebe , mit begeistertem Tone die würdigen Gegenstände , die das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen , würdig und hinreißend vortragen ; ich sah die Menge an seinen Lippen hangen , jetzt von edlem Unwillen , jetzt von großen Entschlüssen bewegt , der Gemüthsstimmung des Redners willig folgen , und in sympathetischer Rührung seine Gefühle theilen . Erhaben und über Alles groß erschien mir dann dieser Beruf , und göttlich die Macht , ein ganzes Volk nach eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu leiten , der Sprache , dieses Himmelsgeschenks , das ganz eigentlich und allein den Menschen über das Thier erhebt , worin seine Perfectibilität , seine schönsten Vorrechte liegen . Das sind die goldnen Ketten , die vom Munde des Hermes fließen . Aber verstummt ist der Mund der Suada , verschwunden das kräftige selbstständige Volk der alten Comitien , die Ketten des Hermes sind verrostet . Nur Sophisten und Rechtsgelehrte mißbrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse , um vor Unwürdigen einen unwürdigen Zweck zu erreichen . Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder in ihrer alten Reinheit und Stärke , und wenn auch die Gegenstände , an denen sie sich übt , nicht von so allgemein bemerkbarem Einfluß , die Menge , vor der sie sich zeigt , nicht ein ganzes selbstständiges Volk ist , so sind jene , die sie wählt , nicht minder würdig und gemeinnützig , und ihre Wirkung auf die versammelte Gemeinde nicht minder groß und wichtig . Mit erhebendem Gefühl , mit Rührung habe ich manche dieser Redner gehört , und mich durch Erfahrung überzeugt , daß jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und Declamation , die mir damals vorschwebten , kein jugendlicher Traum , keine Täuschung waren . Es liegt eine sympathetische Kraft in der lebhaften Rede . Noch ehe uns die vorgebrachten Gründe überzeugt haben , hat das sprechende Auge , die ausdrucksvolle Miene , der bewegte Ton uns überredet . Es ist ein Mensch , ein Wesen wie wir , das wir sich freuen , leiden , zürnen sehen ; und wir leiden , zürnen und jubeln mit ihm . Der Mensch spricht zum Menschen , die Natur ergreift uns mit unsichtbarer Gewalt , und reißt uns fort , wohin zu folgen wir nicht widerstehen können . Ich bin überzeugt , daß , wenn es mir möglich wäre , dich zum Zeugen einer solchen Feier zu machen , ein grosser Theil deiner Abneigung gegen die Christen verschwinden würde . Da es nun unsre Pflicht ist , überall Wahrheit zu suchen , und die Möglichkeit , dich von dieser zu überzeugen , überall in deiner Nähe ist , wo sich ein Christentempel und ein geschickter Redner befindet , so bitte ich dich um deiner Liebe zu mir , um der Beruhigung willen , dich meiner Ueberzeugung näher kommen zu sehen - besuche eine solche Versammlung , höre ihre Redner , und schreibe mir dann , welche Wirkung dies auf dich hatte . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Rostra war ein Gebäude auf dem Hauptplatze von Rom , das aus den Schiffschnäbeln einer besiegten Flotte errichtet worden war , und vor welchem die öffentlichen Reden gehalten wurden . Hermes oder Merkur ist auch der Gott der Beredtsamkeit , und wird als solcher mit goldnen Kettchen gebildet , die von seinem Munde an die Ohren der Zuhörer gehen . 53. Theophania an Sulpicien . Nicäa , im October 302 . Deiner gütigen Aufforderung und dem Wunsche meines Herzens gemäß , schreibe ich dir , meine liebenswürdige Freundin , aus dem stillen Aufenthalte , in welchem ich endlich nach so manchen Stürmen Ruhe zu genießen hoffe . Ich bin nicht in Nikomedien geblieben , wie du aus dem Anfange meines Briefs sehen wirst . Meines Vaters Geschäfte fordern seine Anwesenheit hier , und ich begleite ihn gern . Der Heimathlose findet überall sein Vaterland , wo die wenigen guten Menschen wohnen , die noch einigen Theil an ihm nehmen . Ich habe auf der weiten Welt nun außer der kleinen Familie , bei der ich lebe , und einer einzigen Freundin , die aber gebietende Umstände fern von mir halten , keine Seele mehr , um derentwillen ich irgend einen Ort zum Aufenthalt vorziehen , die um meinetwillen auch nur die geringste Veränderung in ihrer Lebensweise machen möchte . Ich bin allein . Es ist ein eignes Gefühl , so ganz einsam in der Welt zu seyn , zu wissen , daß unser Glück kein fremdes Auge erheitert , unser Schmerz keine fremde Thräne hervorlockt . Es ist traurig - aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin . Es macht uns die Gegenstände und Verhältnisse außer uns so gleichgültig , so beziehungslos , daß wir dadurch in jene stille Fassung kommen , die so viele Weise des Heidenthums als das höchste Gut , das Ziel aller menschlichen Bestrebungen anpriesen , und die die christliche Religion ( ich bin eine Christin , du wirst das schon lange geahnet haben , ) als diejenige Stimmung empfiehlt , die uns am geschicktesten macht , die Welt , ihre Freuden , und uns selbst zu vergessen , und an unsrer Veredlung , unserer Heiligung zu arbeiten . Doch , so still mein Gemüth auch ist , so sehr ich mich bestrebe , Alles , was mir diese Erde an Freuden versprach , und an Schmerzen zumaß , zu vergessen , so wird doch der Abend in Synthium nie aus meiner Seele scheiden . Ich habe dich kennen gelernt , und wenn mich kein Vorurtheil , keine Eitelkeit verführt , so habe ich an dir eine Frau gefunden , die , selbst mit dem Unglücke bekannt , Leidende zu verstehen , zu schonen weiß , so ist die unbekannte Reisende , die sie gastfrei in ihrem Hause aufnahm , nicht ganz aus ihrem Andenken verschwunden . Diese Hoffnung ist es auch , welche mir Zuversicht gibt , deine gütige Aufforderung zu einem Briefwechsel für mehr als Artigkeit zu nehmen , und dir zuweilen Nachricht von dem einsamen vergessenen Wesen zu geben , das einige Stunden in deiner Nähe verlebte . Wenn deine schöne Freundin im Wirbel ihrer bräutlichen Geschäfte und Freuden , in der Fülle ihres Glückes , mit dem Manne vereinigt zu werden , den ihr Beide als so edel und liebenswürdig schildert , noch einige Erinnerung an eine gleichgültige Erscheinung behalten hat , so rufe mein Andenken in ihre Seele zurück , und vergiß nicht , wenn du mich , wie ich hoffe , mit einer Antwort erfreuen willst , mir zu sagen , ob sie bereits vermählt ist , oder wann sie es seyn wird . Schreibe mir auch den Tag und die Stunde , wenn du recht gütig seyn willst . Calpurniens Reiz und unwiderstehliche Liebenswürdigkeit , der Umstand , daß sie deine Freundin ist , macht sie meinem Herzen werth , und es wäre mir sehr wichtig , die große Stunde , die ihr Geschick auf eine solche Art entscheiden wird , in meiner Einsamkeit nach meiner Stimmung zu feiern . Noch hätte ich eine Bitte , aber sie grenzt an Unbescheidenheit , und so fehlt mir der Muth , sie vorzutragen . Auch betrifft sie nicht dich , sondern die reizende glückliche Braut . Wüßte ich , daß sie sich meiner mit einiger Theilnahme erinnerte , und mir nicht zürnte , wenn ich sie um eine große Gefälligkeit bäte : so würde ich in meinem nächsten Brief meinen Wunsch entdecken , und freundliche Gewährung hoffen . Leb ' wohl ! 54. Sulpicia an Theophania . Synthium , im November 302 . Was dem ermüdeten Wanderer in der öden Gleichförmigkeit einer weiten wüsten Ebene der Anblick eines waldigen Hügels ist , der ihm Kühlung , Ruhe und Erholung verspricht , das war mir dein Brief , meine geliebte Theophania ! Mein Leben schleppt sich so freudenlos , so eintönig hin , mein Herz darbt so sehr an seinen bessern Freuden , daß die bloße Aussicht , ein Wesen gefunden zu haben , das mich verstehen , und Geduld und Treue für mich haben könnte , seit dem Tage , als ich dich kennen lernte , wie ein freundlicher Stern durch die trübe Dämmerung meines Daseyns strahlte . Gern hätte ich schon damals mehr Schritte gegen dich gethan , aber eine zarte Furcht , nicht zudringlich zu scheinen , und meiner Freundschaft selbst ihren Werth dadurch in deinen Augen zu benehmen , hielt mich ab . Um desto erfreulicher war mir dein Brief , denn er gab mir Gewißheit über das , was ich im ersten Augenblick geahnet hatte , über die gleiche Stimmung unserer Seelen , und einen geheimen Zug , der uns wechselsweise zu einander führt . Ja , es bleibt ewig wahr - nur gleiche Denkart macht die Freundschaft fest , und nur unser Geschick bestimmt unsere Denkart . Wie kann das fröhliche Wesen , das im Sonnenschein des Glückes sein Freudenleben verflattert , mit dem Unglücklichen gleich fühlen , den ein ernstes Schicksal von der Wiege an zu Entbehrungen und Leiden erzogen hat ? Ihnen beiden muß notwendiger Weise die Welt , und Alles um sie her in einem so verschiedenen Lichte erscheinen , daß an einen festen Zusammenhalt , der gegen Zeit und Stürme ausdauert , nicht zu denken ist . So lange kein entscheidender Fall eintritt , wo Eines für das Andre auf die Probe einer schweren Wahl , oder eines großmüthigen Opfers gestellt wird , mag das Bündniß dauern . Kommt einmal jener Zeitpunkt , so muß die verschiedene Stimmung , der entgegengesetzte Geschmack , der ihnen ihr Glück in ganz verschiedenen Gegenständen zeigt , die losen Bande leicht zerreißen . Darum wohl den gleichgestimmten Seelen , bei denen ähnliche Schicksale - ähnliche Gesinnungen und ähnliche Wünsche erzeugt haben , die keiner Opfer bedürfen , um auf dem selbst gut geheißnen Pfade einig mit einander zu wallen ! Uns dunkeln Gemüthern , denen das Schicksal selten lächelt , hat es doch auch wieder einige Freuden geschenkt . Wir genießen das Glück der Freundschaft . Keine Zerstreuung wendet unsere Gedanken so leicht von der Freundin ab , keine Eitelkeit verleitet uns , auf fremde Kosten zu glänzen , keine Eroberungssucht bringt uns in Collisionen mit unsern Gespielinnen , uns , die wir nach nichts Anderem streben , als mit allen Kräften einen Gegenstand auf ewig fest zu halten , und keinen größern Schmerz kennen , als ihn zu verlieren , sey es durch den Tod oder durch Wankelmuth . Doch nein - nicht gleichviel ! O , meine Theophania , ich kenne dein Schicksal nicht ganz , aber fast möchte ich dich beneiden ! Der Tod entriß dir den Gemahl , den liebenden , den treuen , in der Zeit , als , nach deinen Jahren und deiner Trauer zu urtheilen , eure Liebe noch in schöner Blüthe stand , und der Quell der Empfindung voll und rein durch eure beiden Herzen floß . Du liebst ihn noch , obgleich die Urne seine Asche birgt , und du hoffst nach deinem Glauben , in einer Region des Lichts und unzerstörbaren Freude ihn wieder zu sehen . Ihr Glücklichen ! Eure Liebe hat eure Verbindung , sie hat Euer Daseyn überlebt . O ! weh denen , deren Daseyn , deren Verbindung ihre Liebe überlebt ! Wenn Eines kalt und abgestorben an des Andern Seite kaum noch den Schatten jener Entzückungen nachzubilden fähig ist , die es einst hinrißen , wenn jenes Feuer , in dem sich die trunkenen Seelen zur Götterwonne emporschwangen , zu matten Aeußerungen achtungsvoller Freundschaft herabgekommen ist , wenn die glühende Brust des länger Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Asche zu strömen sucht , und ein ungeheurer Schmerz um das , was war , und nicht mehr werden kann , die tief erregte Brust zerreißt , die mit allen ihren Wunden , sich nur in abgemessener Förmlichkeit an einen Marmorbusen gedrückt fühlt - das ist Schmerz , Theophania ! wüthender , verzehrender Schmerz , und daß er der letzte ist , ist das einzig Tröstliche daran ! Du hast , wie es scheint , meine geliebte Freundin ! einen flüchtigen Scherz , den wir uns in deiner Gegenwart erlaubten , etwas zu ernst genommen . Calpurnia ist noch nicht Braut , sie ist nur die geachtete vertraute Freundin jenes Mannes , dessen Bild du gesehen hast . Daß er für sie empfindet , ist wohl nicht zweifelhaft - aber wer kann auf Männerliebe bauen ? Es ist nicht lange , daß er einen sehr theuern Gegenstand , eine Freundin verloren hat , die er von Jugend auf mit heftiger und unglücklicher Zärtlichkeit geliebt hat . Dennoch fängt er an , bei der reizenden Calpurnia seines Verlustes zu vergessen , und der unbeschreiblichen Gewalt zu weichen , mit der dies gefährliche Mädchen bisher auf alle Männer wirkte , indeß sie selbst unbefangen blieb . Nur bei Agathokles scheint ihre Stunde auch gekommen zu seyn , und wenn keine neuen Hindernisse eintreten , wenn die Zeit über das Vergangene den mildernden Schleier gezogen haben wird , so sehe ich diesem Bündniß mit Hoffnung und Freude entgegen . Dir aber den Zeitpunkt zu bestimmen , ist , wie du selbst einsiehst , nicht möglich . Agathokles ist mit den Cäsarn in Nisibis , wo der Friede geschlossen wird ; wir hoffen ihn erst in einem Monate zu sehen . Vielleicht kann ich dir dann mehr sagen . Calpurnien will ich den Antheil , den du an ihrem Schicksal nimmst , melden ; ich weiß , es wird sie freuen , von einer Frau geachtet zu seyn , deren Anblick nichts Gewöhnliches verkündigte , und deren näherer Umgang das Versprechen des ersten Augenblicks wahr gemacht hat . Was die Bitte betrifft , so glaube ich sie im Voraus in meiner Freundin Namen zusagen zu können , und so ersuche ich dich , sie mir mitzutheilen , von was immer für einer Art sie seyn mag . Theophania kann um nichts bitten , dessen Gewährung nicht ihren Freundinnen zur angenehmen Pflicht würde . Leb ' wohl ! 55. Junia Marcella an Theophania . Apamäa , im November 302 . O meine Theophania ! meine theure unvergeßliche Freundin ! Du hast Recht , wenn du im Anfange