von Propyläen , aber ebenso willig , ebenso unschuldig verließ ich sie wieder nach der Reihe . So kam ich endlich in meinen vielen nicht ausgehaltenen Lehrjahren zu Herrn Römer , den die Leser aus meinem Buche kennen ; er ist ein reicher Kaufmann in B. , und ich sollte mich seinem Stande widmen . Ich ward in seiner Familie freundlich aufgenommen , seine Gemahlin kannte meine Eltern , die ich nicht kenne , und nahm sich meiner wie eine Mutter an . Ich habe ein leicht bewegliches Gemüt , und Herr Römer hatte eine sehr schöne Tochter , in die ich mich etwas verliebte . Obschon mein Herz an einer früheren Leidenschaft litt , die ich nie zur Ruhe bringen konnte , so ergab ich mich hier dennoch neuen und leichtern Fesseln . Herr Römer bemerkte bald , daß diese Leidenschaft weder mir noch seiner Tochter zuträglich sei , und überhaupt fand er , daß der Stand , den ich unter seiner Leitung ergriffen hatte , mich nie ergreifen würde . Er stellte mir beides mit vieler Freundlichkeit vor , und da er meinen Schmerz über meine ewige Unbestimmtheit bemerkte , gab er mir ein Päcktchen Briefe mit folgenden Worten : » Mein lieber Maria , dies ist ein Briefwechsel zwischen sehr edlen und intressanten Menschen , er enthält auch einen Teil meiner Lebensgeschichte ; lesen Sie ihn durch , ich glaube , die Geschichte dieser Menschen wird Sie über Ihre , im Verhältnisse mit jener noch sehr einfache , Geschichte trösten . Zu gleicher Zeit bitte ich Sie , den Versuch zu machen , diese Briefe nach dem Faden , den ich Ihnen geben will , zu reihen , und hie und da zu ändern , damit mehr Einheit hineinkömmt . Ich denke das Ganze herauszugeben , und habe die Erlaubnis der vorkommenden Personen dazu . « Und weiter eröffnete er mir , daß er von unbekannter Hand reichliche Anweisungen erhalten habe , mich zu unterstützen , und zwar unter der Bedingung , daß ich auf der naheliegenden hohen Schule studieren solle . So sehr mich auch mein Glück erfreute , war es mir doch schmerzlich , meine Leidenschaft zu der Tochter des Herrn Römers aufzugeben , und da ich diesen Schmerz recht von Herzen äußerte , sagte er mir : » Wenn Sie sich mehr bilden , werden Sie leicht einsehen , was zwischen Ihnen und meiner Tochter liegt , und es leichter überwinden können . « - Wie ich mit den Briefen umging , weiß man ; wie ich mich bildete , wird die Zukunft vielleicht auch wissen , denn bis jetzt habe ich noch nichts gesehen , was zwischen mir und meiner Liebe liegen konnte . Herr Römer erhielt den ersten Band , und über meine ungeschickte Behandlung aufgebracht , versagte er mir seine Tochter auf immer , und noch trauriger - er zeigte mir an , daß ich durch meine unbeholfne Buchverderberei einer spanischen und englischen Büchersammlung sei verlustig geworden , die mir von einem anonymen Intressenten an der Herausgabe des Buchs sei versprochen gewesen , wenn ich es gut bearbeiten würde . Unmutig über mein Unglück , und ohne alle Quellen zu der weitern Fortsetzung des Buchs , zu der ich mich doch durch den ersten Band verbindlich fühlte , - unternahm ich es , Herrn Godwi , von dem ich wußte , daß er sich auf seinem Gute aufhielt , aufzusuchen , wo möglich seine Freundschaft zu gewinnen , und meinen zweiten Teil mit seiner Hülfe auszuschreiben ; und der zweite Teil ist die treue Geschichte , wie ich ihn fand , und was mir mit ihm begegnete . Der Leser wird hieraus sehen , wie mühsam mir dieser zweite Teil wird , und mit mir bedauren , daß Herr Römer mir eigentlich nicht mehr und nicht weniger genützt hat , als daß er mich in neue Lehrjahre hineingestoßen . - Denn zu der gütigen Unterstützung , die mir von unbekannten Händen zufließt , ist er doch nur das kaufmännische Werkzeug - und was wird endlich mein Los sein ? Ich habe mich auf einem schwachen Bote auf das unabsehbare Meer gewagt , und treibe den Wellen überlassen hin . O ihr wenigen Herzen , die ihr liebevoll an mir hängt , ihr seht mich ohne Mast und Steuer auf gutes Glück hinaustreiben , und ich werde euch nimmer danken können ; schon regen sich die Lüfte von allen Seiten , die Wellen bewegen sich , und ich werde in meinem kleinen Kahne wohl zu Grunde gehen ! Erstes Kapitel Als ich in der Stadt nahe bei Godwis Gut angekommen war , erkundigte ich mich im Gasthofe auf eine unbefangene Weise nach Godwi , und hörte mancherlei von den Bürgern , die mit an dem Abendessen teilnahmen , was ihn betraf . Sie erzählten mit jener gemütlichen Geschwätzigkeit , in der sich gewöhnliche Menschen so gern über jeden Ausgezeichneten ergießen , der in ihrer Mitte lebt oder lebte . Ein jeder hatte eine eigne Ansicht von ihm ; ich meine hier den Vater , denn von dem Sohne erfuhr ich nichts Bestimmtes , als daß er ganz allein auf seinem Gute lebte . Ich habe das Bestimmteste dieser Urteile gesammelt , und kann mit einiger Gewißheit folgendes von seiner Erscheinung erzählen . Godwis Vater ging mit wenigen um , und wenige liebten ihn ; dennoch lagen in seinem Leben viele schöne Beweise seiner Menschenliebe , aber keines dieser Bilder zeigte freundlich auf den Meister zurück , keines seiner Werke wollte ihn als Vater anerkennen . Alle Urteile über ihn waren dunkel , und man sprach immer von ihm wie von einem Gespenste , das keinen kränkt , abwechselnd mit Ergebenheit , mit kaltem Absprechen , oder einer Art Frechheit , die am Glauben ermüdet ist . Dieses alles berechtigt mich , ihn für einen Mann zu halten , der seine Umgebung nicht sowohl durch Vorzüge als durch Verschlossenheit beherrschte . Er lag wie ein Geheimnis zwischen Neugierigen , und alles , was er tat , erhöhte dieses Geheimnis ; denn seine Handlungen waren oft wirklich bedeutend , und wurden auffallend , indem sie aus innern Gründen auszugehen schienen , die mit seinem bürgerlichen Standpunkte in keiner Verbindung standen . Er war in die Stadt gekommen , hatte sich das Bürgerrecht erkauft , und ein größeres Handlungshaus errichtet , als je in diesem Orte gewesen war ; aber keiner seines Standes konnte Nachricht geben , woher er kam , warum er es tat , und wie die Wege gewesen , die ihn so schnell zu allem diesem geführt hatten . Man wußte nur , daß er abends angekommen war und im Wochenblatte gelesen hatte , daß ein großes Gut bei der Stadt zu verkaufen sei , welches er auch gleich den folgenden Morgen kaufte . Dann war er einigemal auf die Börse gekommen , hatte große Händel abgeschlossen , und ein Comptoir in der Stadt errichtet . Er selbst arbeitete wenig in diesen Geschäften , sondern überließ sie seinen Factoren , die er sehr begünstigte ; und besonders zeichnete er einen jungen Menschen unter ihnen aus , der ihm als elternlos aus England geschickt worden war ; und endlich zog er sich ganz auf sein Gut zurück . Von diesem Gute selbst erzählte man vielerlei , von seiner ganz eignen innern Einrichtung ; doch kannte es eigentlich niemand genau , seit er es bewohnte , denn die wenigen Diener , die er um sich hatte , waren für jede Erklärung verloren . Er hatte seinen Sohn dort bei sich , der , nach der Aussage der vielen Erzieher , die ihn verlassen hatten , ein wunderlicher Mensch sein sollte . Das Gut gehörte ehemals einem mennonitischen Edelmann , und die Pächter waren alle von dieser Glaubenslehre . Da der Besitzer gestorben war , fiel es der Regierung anheim , und von dieser kam es in Godwis Besitz . Seine Gesellschaft auf diesem Gute war stets wechselnd , denn sie bestand aus durchreisenden Künstlern , die er einige Zeit beschäftigte , und die ihm stets beteuern mußten , was sie bei ihm gebildet hatten , zu verschweigen . Viele Maler , Bildhauer und Dichter kannten seine Freigebigkeit , und hatten einige Zeit bei ihm zugebracht . Ein Teil seiner Wohnung soll nach der allgemeinen Sage sogar seinem Sohne und allen seinen Hausgenossen verschlossen geblieben sein , und hier war es , wo er die Arbeiten der Künstler , die bei ihm gewesen waren , aufbewahrte . Ehemals war es eine kleine Kirche , der sich die verstorbenen Besitzer des Gutes zu den religiösen Versammlungen ihrer Glaubensbrüder bedient hatten ; von außen war es auch Kirche geblieben , im Innern aber nach dem Plane des Engländers verändert worden . Das Wohnhaus des Gutes hatte er in seinem vernachlässigten Zustande gelassen ; so nicht die Gärten , deren Verunstaltung er zu einer zierlichen Verwilderung erhob . Der gesuchten Nachlässigkeit in der Erhaltung dieses Gutes war sein Haus in der Stadt völlig entgegengesetzt , wie seine eigene finstre Untätigkeit seinem kaufmännischen Wohlstande . Dieses Haus war das geschmackvollste und geräuschvollste ; seine Zahlstube wimmelte von zierlichen Arbeitern , seine Gewölbe waren in voller Tätigkeit , die Treppen und Eingänge waren mit Bedienten und Türstehern besetzt , und die Einrichtung der Gemächer schimmerte in dem gediegensten Luxus . Seine Factoren gaben Gesellschaften , Gastereien , Konzerte und Bälle , an denen der ganze gebildete Teil der Stadt und die vielen , an seine Handlung empfohlenen Reisenden teilnahmen . Er allein erschien nur das erstemal bei der Eröffnung eines solchen Zirkels , und bemühte sich dann mehr ernstlich als teilnehmend , die ganze Gesellschaft zu einer fröhlichen Anmaßlichkeit auf diese Vergnügungen seines Hauses zu bewegen , und erschien gleich einem Lehnsherrn , der sie mit herkömmlichen Besitzen belehnt . Das Gute , was er tat , wagte er nicht sich anzumaßen ; dennoch wendete er ebensowenig Fleiß darauf , es zu verbergen als es bekannt zu machen , und niemand ehrte seine Wohltaten , wenn gleich jeder Bedürftige sie wünschte . Seine Wohltaten sahen aus wie Buße . Wie er gekommen war , war er auch wieder verschwunden ; schon einige Jahre waren hin , daß er mit einer Gesellschaft , deren Zusammenhang mit ihm man nicht näher kannte , plötzlich nach Italien gezogen war . Das Gut aber blieb dem Sohne , der es jetzt bewohnte , und von dem mancherlei Gerüchte gingen . Besonders schwatzte man viel von einem prächtigen Grabmale , das er einem Mädchen habe errichten lassen , welches nicht den besten Ruf habe und mit ihm von seinen Reisen gekommen sei . Man sprach davon , daß sie verrückt geworden sei , und daß das Grabmal darauf anspiele ; sie habe Violette geheißen , und einige Offiziere , die den letzten Feldzug am Rheine mitgemacht hatten , wollten sie sehr gut gekannt haben . Dem sei nun , wie ihm wolle , aber alle stimmten darin überein , daß man nichts Schöneres sehen könne als dieses Grabmal , denn es war in der Stadt öffentlich gezeigt worden . Dies waren ungefähr die Nachrichten , die ich abends in dem Gasthofe sammelte und in dieser Ordnung niederschrieb . Ich entschloß mich , den andern Morgen vor Sonnenaufgang meinen Weg nach dem Gute anzutreten , das einige Stunden von der Stadt entfernt im Gebürge lag . Zweites Kapitel Der Morgen dämmerte kaum , als ich meinen Weg antrat ; meine wenigen Geräte hatte ich im Gasthofe zurückgelassen , und mir vorgenommen , ehe ich mich Godwi als seinen unberufenen Geschichtschreiber zu erkennen gäbe , ihn unter einem andern Vorwande zu berühren , um seinen guten Willen zu gewinnen . Ich wollte mich für einen reisenden Künstler ausgeben , der Violettens Grabmal sehen wolle . Ich ging unter diesen Gedanken den Berg hinauf , und hatte auch wirklich eine große Begierde , Violettens Grab zu sehen , denn der Gedanke des Bildes konnte unstreitig sehr schön ausgeführt sein , und ich liebe besonders bedeutungsvolle Werke , die zugleich schön sind , wenn sie auch nichts als sich selbst bedeuteten . Durch die Bedeutung erhält ein gutes Bild immer ein höheres Leben , denn es liegt so eine Geschichte in seiner Erscheinung , indem es , um schön zu sein , seine Bedeutung besiegt . Als ich auf dem Berge angelangt war , ergoß sich eine herrliche Aussicht um mich , die Sonne ging schön auf , und es war mir sehr wohl . Ein schöner Wald drängte sich von der entgegengesetzten Seite , und rauschte freudig mit seinen Zweigen des Friedens in der frischen Morgenluft . Ich fühle in einem Walde , bei den großen lebendigen Säulen der kühlen zusammenrauschenden Gewölbe , immer eine tiefe Berührung im Innern . Friede , Versöhnung , freudigen Ernst und schaffende Ruhe könnte ich nur singen in Wäldern , bei den allmächtigen Stämmen , die nicht streitbar sind , in der Ruhe freudig verwachsen , sich umarmen und ausweichen , still und ernst , leises Wehen ihrer Küsse , und leichtes Sinken sterbender Blätter . Fest auf sich selbst und aus sich selbst , im Sturme mächtiges Brausen , kräftige , schwingende Bewegung , oder großer stürzender Tod , daß die Erde erbebt und die nahen Freunde mit hinab müssen zu der Ruhe ; und wenn die Sonne aufsteigt und weggeht , wie die Gipfel sie golden begrüßen , und es niedersteigt an den Stämmen leise und feierlich , wie einer des andern Licht teilt und Dunkel , wie jeder seinen Schatten dann an den Boden streckt , das Maß seiner Größe , das endlich in allgemeiner Herrlichkeit zerrinnt , wenn der Mittag herabstrahlt und ihre Häupter in Pracht und Leben verglühen , während die Füße noch im kühlen Grabe der Schatten weilen , wie dann die Schatten wieder auferstehen , wenn die Sonne untergeht ; wie endlich der letzte Kuß der Sonne noch an den Wipfeln hängt , bis alle gleich werden in der tiefen Nacht , wie sie es in der Pracht des Mittags waren , oder der sanfte Mond nach denselben Gesetzen den milden Tag der Liebe und des innern stillen Treibens im Herzen über sie ausgießt . Friede , Versöhnung , freudigen Ernst und schaffende Ruhe möchte ich nur singen in Wäldern . An dem Ausgange des Waldes , der das ganze Tal erfüllte und auf der andern Seite wieder in die Höhe zog , wo er sich endigte , bemerkte ich einen hohen Rauchfang , auf dem ein Storch sein Nest erbaut hatte , und vermutete , daß dieses Gebäude zu dem Landgute gehöre . Der Storch war noch nicht wieder da , denn er hat eine weitere Reise zu machen als der Frühling . Die Seite des Bergs , an der ich hinabstieg , war meistens Felsenwand , und hin und wieder mit reinlichen steinernen Treppen unterbrochen . Es zog sich so freundlich hinab , um und um rauschte der Wald , die Sonnenstrahlen fielen schräg das Tal herein , und mein Schatten hüpfte und ging mir gesellig in allerlei gebrochenen Gestalten zur Seite . Ich war recht munter , blieb manchmal stehn , wenn mir mein Schatten gar zu wunderlich aussah , bewegte mich auf verschiedene Weisen , um ihn zu verändern , und freute mich über meine langen großen Schattenbeine ; dann dachte ich , wenn du nur so auf den Schattenbeinen hinuntergehen könntest , und hob einen Fuß auf , beinahe zwanzig Stufen wäre ich unten ; da ich aber nicht lange den Fuß so halten konnte , setzte ich ihn wieder nieder , und war auf dem alten Flecke . Über dem engen Tale voll Wald stieg ein zarter Nebel auf , und löste sich um mich herum in den Sonnenstrahlen , die höchsten Bäume schimmerten schon in der Sonne , und bald war der ganze Wald unter mir erleuchtet ; auch wurden die Vögel immer lustiger , und ich wünschte nur , auf der andern Seite bald wieder oben zu sein , damit ich bald an dem Schlosse wäre ; denn ich vermutete , da unten in der Wildnis möchte irgend eine allerliebste Anlage , ein Tempelchen oder dergleichen stecken , in das ich mich hineinsetzen , ausruhen und weiter gar nicht ans Weitergehen denken könnte . Ich vermutete so etwas , weil ich weiß , daß die Engländer immer viele Anlagen zu solchen Anlagen haben , und weil ich durch mein munteres , unregelmäßiges Gehen und besonders durch meine Schattenspiele etwas müde geworden war . Ich schritt darum wacker zu , der Rauchfang mit dem Storchneste war mir wie ein Magnet : es liegt etwas Heimliches , Getreues und Heimatliches in so einem Storchneste ; denn ein gastfreies Dach bedeckt gastfreie Menschen . So reflektierte ich , denn ich war hungrig , und um mir diese Reflexion zu bemänteln , machte ich geschwinde noch folgende über das Schreiten auf Schattenbeinen , und hob , um der Anschauung willen , die Beine noch einigemal , den Schritt des Schattens beobachtend . Drittes Kapitel Es giebt allerdings Leute , die so mit den Schattenbeinen zu gehen glauben und große Beschreibungen von solchen Reisen zu erzählen wissen . Ich meine eine gewisse Gattung junger Philosophen , denen die Sonne noch nicht grade über dem Kopfe steht , sondern hinter dem Rücken . Das Licht , das die Sonne vor ihnen hergießt , nennen sie ihr eignes Produkt , ihr ganzer Gesichtskreis ist ihnen ihr Objekt , und ihren Schatten nehmen sie als ihr Subjekt , ihr Ich , an , das ihnen durch Anschauung zum Objekt geworden ist . Erst stehen sie sehr ernsthaft still , schütteln in tiefen Gedanken den Kopf , schneiden Gesichter , und betrachten das im Schatten , und nennen es zum Selbstbewußtsein kommen ; dann heben sie wechselsweis Arme und Beine - so viel als möglich zierlich , der Ästhetik halber - und haben sie dies im Schatten beobachtet , so sind sie zum Bewußtsein der reinen Akte gekommen . Haben sie dieses alles einige Zeit getrieben , so bedenken sie , daß es nützlich sei , die äußere Welt an sich zu reißen , ihre physische Kraft zu befestigen . Dies geschieht nun , indem sie ihren Gesichtskreis , ihr Objekt auf alle Weise in sich herein bringen , das heißt , indem sie durch Hin- und Wiederspringen bald dieses , bald jenes Stück Wegs mit ihrem Schatten bedecken . Am Ende werden sie dann müde , sie setzen die Füße nieder , ihr Schatten wird immer kleiner , denn die Sonne steigt , und steht ihnen bald grade über dem Kopfe . Es ist voller Mittag , und sehr heiß , sie haben nichts getan , nicht einmal Optik studiert . Um sich abzuspannen , trinken sie eiskaltes Wasser in der Hitze , und werden krank , das heißt , verlieren die Bewußtlosigkeit ihrer Organisation , und sterben . An ihr Grab stellen sich einige Freunde , und berühren es so lange mit ihrem Schatten , oder vielmehr , stellen so lang reine Freundschaftsakte an , bis andre Freunde es ihnen ebenso machen . Ich erinnerte mich dabei mehrerer Jünglinge , die ich gekannt hatte , auch eines Dichters , der zwar nicht zu den Schattenbeinichten gehörte , aber doch gute Freunde unter ihnen hatte , und mir nicht recht gut war , denn ich haßte stets allen Schatten-Bombast . Während diesen wunderlichen Gedanken war ich weiter hinabgegangen , und erschrak nicht wenig , als ich plötzlich neben mir an der Bergwand folgende Worte ängstlich sprechen hörte : » Nun kömmt es , nun kömmt es , ach es ist sicher ein wildes Tier , wenn ich nur erst geschossen hätte , - ein Tier , ein Tier ! « Ich war von jeher auch nicht sehr mutig , besonders fürchtete ich mich vor Feuergewehr in ungeschickten Händen , und sprang deswegen schnell beiseite , indem ich mit furchtsamem Pathos ausrief : » Wer Sie auch sind , der sich hier zu schießen fürchtet , so fürchte ich mich , geschossen zu werden , und bin kein Tier , sondern ein Mensch . « - Hierdurch hatte ich meine und seine Furcht vor dem Schießen aufgehoben , und ging nach der Stelle hin . Hinter dem Gebüsche fand ich eine kleine Nische in den Felsen eingehauen , und wer war darin ? - Niemand anders als der Dichter Haber , dessen ich soeben bei den Schattenphilosophen gedacht hatte - Er sah mich so groß an , als er klein war , und sprach dabei mit Verwunderung : » Ei , Maria , wo kommen Sie her ? « - » Ei , Haber , wie finde ich Sie hier , « erwiderte ich , » Sie hätten mich ja beinahe totgeschossen « - Er : Ich bitte sehr , - ehe ich schieße , spreche ich immer das Wesen an , damit es , wenn es ein vernünftiger Mensch ist , antworten kann . Ich : Sie können auf diese Weise noch die Tauben und Stummen totschießen . Das Beste wäre das Ansehen . Er : Ich bin von Herrn Godwi zur Jagd beredet worden , der gleich hier im Gebüsche auf dem Anstande steht . Eigentlich wollte ich bloß hier einige Verse machen , konnte aber über dem Geräusche , daß Sie durch die dürren Blätter machten , meine Gedanken nicht sammeln , und noch etwas sehr Seltsames störte mich : vor einigen Minuten , als ich anfing zu schreiben , flog mir einigemal ein ungeheurer Schatten über das Papier , gestaltet wie ein ungeheurer Fuß . Ich : Der große Fuß ist etwas wunderbar , besonders da Sie grade mit den Füßen der Verse beschäftigt waren , und ebensosehr wundert es mich , daß ich in dem Augenblicke , in dem Sie mich beinahe erschossen hätten , sehr lebhaft an Sie dachte . Er : Gott weiß , es ist hier in dem ganzen Tale sehr schauerlich , und Ihre Gesellschaft ist mir recht angenehm . Hier wendete ich mich gegen die kleine Flinte , die er zwischen den Ast eines Baumes gezwängt hatte , und noch immer auf mich zielte , um sie wegzunehmen . Er hatte vermittelst seines Strumpfbandes und Schnupftuches , die aneinander und den Drücker der Flinte geknüpft waren , sich eine künstliche Maschine verfertigt , um bei dem Schusse weit vom Feuer zu sein ; ich nahm die Flinte weg , und schoß sie in die Luft , worüber er etwas erschrak . Auf den Schuß kam Godwi herbei ; er glaubte , Haber habe etwas geschossen , und wollte ihm Glück wünschen . Haber erzählte den ganzen Hergang , Godwi lächelte , und fragte , wer ich sei . Der Dichter stellte mich vor , und ich bat ihn um die Erlaubnis , Violettens Denkmal zu sehen . Er ward etwas ernster bei meiner Bitte , und sagte mir , nachdem er mich mit den Augen gemessen hatte : » Sie können es sehen , aber nicht eher als morgen früh , denn es ist niemand zu Hause , wir sind alle auf der Jagd . Harren Sie also , bis wir heute abend heimziehen , Sie können die Nacht bei mir zubringen . Bedürfen Sie irgend einer Erquickung , so lassen Sie sie sich im Jägerhause reichen , und wenn Sie gerne schießen , so lassen Sie sich eine Flinte geben . « Ich dankte ihm , und nahm alles gerne an . Hier wendete er sich zu Haber , bat diesen , mich hinab ins Jägerhaus zu führen , und verließ uns . Haber hängte seine Flinte mit einem lustigen Stolze und etwas lächerlichen Vorsicht um , da sie abgeschossen war , und trabte stillschweigend an meiner Seite tiefer ins Tal hinab . Dies war also der Godwi , von dem ich so viel geschrieben habe - es ist eine eigne Aufklärung , wenn so plötzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt . Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt . Ich fürchtete mich etwas vor ihm , denn es gehört eine große Seelenruhe dazu , einen Autor vor sich zu sehen , der einen so unscheniert herausgiebt , und die Menschen noch im Wahne läßt , als habe er alles das erfunden . Gut , daß er nichts davon zu wissen schien , und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war , hoffte ich , der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen , ich wendete mich daher mit der Frage an ihn - » Sind Sie schon lange hier ? « » Sechs Wochen sind es , « erwiderte er , » daß ich Herrn Godwi hier im Walde fand , und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward wie Sie . Ich arbeitete grade auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte , und machte , um dem Dinge mehr Leben zu geben , einen Spaziergang hierher , wo ich ihn jagend traf , mit ihm ging , und bis jetzt bei ihm blieb . « Ich bat ihn , mir Godwi etwas zu schildern . » Es ist ein ganz eignes Wesen um diesen Mann , « fuhr er fort , » Sie werden schwerlich mit ihm auskommen , denn er ist sehr einfach , ruhig und verschlossen ; innerlich muß er einen großen Kummer haben , und ich fühle mich sehr von ihm angezogen . Er ist ein schöner , kräftiger Mann , voll Seele , ganz zur süßesten Freundschaft gemacht . Über seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von reiner Wollust ergossen , und dennoch hat er gar keinen Sinn für innige , dringende , brennende Freundschaft . Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit , und fühlt gar kein Bedürfnis des Umschlingens mit andern Menschen ; ich werde daher nicht lange mehr hiersein , denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte ich es nicht mehr lange aus . « » Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen , « fuhr ich fort , » werde ich mich besser zu Herrn Godwi schicken als Sie ; denn wenn er keinen Sinn für die verliebte Freundschaft hat , so ist mir das recht lieb , ich mag sie auch nicht recht leiden . Der Liebe bin ich gern so nahe als möglich , denn in ihr liegt Notwendigkeit , man muß sich in ihr wechselsweise recht innig beistehen , sonst kömmt nimmer nichts heraus , der eine oder der andere Teil wird krank , vor Hunger und Durst nach dem andern , und es giebt eine elende erbärmliche Ziererei , der die Sentimentalität zu einer lindernden Salbe werden muß . Das nüchterne Lieben ist nur ein Cursus , in dem sich das Wesen der beiden vor beider Augen entwickelt , damit sie sich erkennen und einsehen , ob sie sich einander zutrauen können , das körperliche und geistige Dasein ihrer selbst freudig auseinander zu entwickeln , zu verwickeln und einem Dritten , ihrem Kinde , zu vertrauen , damit ein lebendiges Produkt , des bloßen Liebens und Lebens , des reinsten , süßesten Geheimnisses unschuldige Verkündigung , hervorgehe , mit denselben Rechten als sie . So wird jedes Paares Liebe unendlich , ein Werk der Ewigkeit , und ein Heiligtum aller Erkenntnis . Die allgemeine Liebesziererei ist übrigens das Geschäft eines Complimenteurs , wie es Philander von Sittewald übersetzt : eines compli menteur , eines vollkommnen Lügners . Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbärmliche , süßliche Schwäche , völlige Unmännlichkeit des einen Teils , oder Täuschung . Ich bin versichert , daß der Freund , der mir lange in den Armen liegt , entweder ohnmächtig , sterbenskrank , verwundet und dergleichen ist , oder mich gar nicht meint , sondern irgend ein hübsches Mädchen , oder eine heimliche , unerreichliche Geliebte , in deren Armen er gern so rechtlich , so ungestört und frei liegen möchte . Wenn ich es daher ja dulde , daß mein Freund so etwas tue , so tue ich es aus Mitleid , ich laß ihn an sein Mädchen denken , und denke wo möglich auch an irgend eine . Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestört , denn es besteht nicht in Auswechslung , in Vermischung und Durchdringung , es besteht in bloßer Geselligkeit . « Hier unterbrach mich Haber , - » bloße Geselligkeit ist nach meinen Gefühlen noch lange keine Freundschaft , ich kenne sehr gesellige Menschen , die keiner eigentlichen warmen Freundschaft , die so recht aus der Seele kömmt , fähig sind , die den Drang , sich an Freundesbrust zu schließen , Herz an Herz , Aug an Aug , Lippe an Lippe , Pulsschlag , Blick , Hauch und Wort zu teilen , nicht in sich haben « , - » oder gar eine Art von Handschuh über den ganzen frierenden guten Freund werden mögen « , fuhr ich lächelnd fort ; » ich zum Beispiel kann schon keines Menschen Freund werden , der mit seinem Herzen , seinen Augen , seinem Hauche nicht für sich allein fertig werden kann ; seine Worte , auf die mache ich Anspruch , aber am meisten auf seinen Geist , und seine Wahrheit . - Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung entstanden , die in einem ewigen Krieg miteinander stehen , und ist daher nichts als stillschweigendes Bündnis durch gleiches Bedürfnis . « » Aber « , versetzte Herr Haber , » die reinste Freundschaft dringt über alle Stufen hinab und hinauf , sie ist frei , und kein Vorurteil des Standes kann sie hemmen , sie schließt sich bloß an den geliebten Menschen , an das bloße Nackte ohne alle Bekleidung von Sitte , Stand und anderm dergleichen Unsinn . « Was Herr Haber sagte , langweilte mich , dennoch wollte ich es der Freundschaft nicht entgelten lassen , da ich hier unter den hohen Eichen so recht gestimmt war , ihr eine Rede zu halten . Viertes Kapitel Ich lehnte mich daher an einen Baum , und