in Cyrene werden in zehn Tagen beendiget seyn , und dann fliege ich mit dem ersten günstigen Winde deiner Zauberinsel zu . Ich bringe dir , auf meine Gefahr , meinen Freund Kleonidas mit ; einen jungen Mann , der es werth ist dich zu sehen , und dir bekannt zu werden , und der so sehr mein anderes Ich ist , daß du schwerlich mehr für ihn thun könntest als ich ihm gönnen würde . Er ist mit allen Anlagen zur bildenden Kunst geboren , gab sich aber in seinen frühern Jugendjahren ganz den Musenkünsten hin . Er würde mich schon vor fünf Jahren nach Griechenland begleitet haben , wenn ihn nicht eine schwärmerische Leidenschaft für die Tochter des damals sich bei uns aufhaltenden Malers Pausias zurückgehalten hätte , die an Schönheit und - Dumpfheit eine andere Theodota ist . Um seine Geliebte so nahe und so oft als möglich zu sehen , bestellte er bei dem Vater ein Gemälde nach dem andern , und brachte , unter dem Vorwande den Künstler arbeiten zu sehen , einen großen Theil des Tages in seinem Hause zu . Die Folge davon war , daß seine Phantasie für die Tochter nach und nach erkaltete , hingegen eine leidenschaftliche Liebe für die Kunst des Vaters in ihm erwachte , für welche er , wie sich in kurzem zeigte , eine entschiedene Anlage hat . Da er reich genug ist bloß zu seinem und seiner Freunde Vergnügen zu arbeiten , wird er die Malerei , wiewohl sie seitdem seine hauptsächlichste Beschäftigung war , schwerlich jemals als Profession treiben . Nichtsdestoweniger verspreche ich mir von ihm , daß er mit der vorzüglichen Geistesbildung und dem Dichtertalent , die ihm dabei zu Statten kommen , ungleich mehr leisten wird , als man gewöhnlich von einem bloßen Liebhaber erwartet . Kurz , ich habe mir in den Kopf gesetzt , es fehle ihm , um noch weiter als sein Lehrer selbst zu kommen , weiter nichts , als die schöne Lais zu sehen , und von ihr aufgemuntert zu werden . Ich habe also nicht von ihm abgelassen , bis ich ihn schon in voraus so verliebt in dich gemacht habe , daß er vor Ungeduld brennt , sich mit seinen eignen Künstleraugen zu überzeugen , ob du noch schöner und reizender bist , als die Idee , die er sich von dir gemacht , und in einem Bilde der Hebe , die dem neu vergötterten Herakles die erste Nektarschale reicht , in der That meisterhaft ausgeführt hat . Wir wollen sehen ! 50. An Hippias . Ich bin wieder in Aegina , mein lieber Hippias - in einem der anmuthigsten Winkel der Erde , in der auserlesensten Gesellschaft , von allem umgeben , was feinern Sinnen schmeicheln , die Phantasie bezaubern , und die edelsten Bedürfnisse gebildeter Menschen befriedigen kann ; um alles mit Einem Worte zu sagen , ich bin bei Lais . - Aber Athen liegt uns zu nah ' ! - Sokrates , den Giftbecher am Munde , mit ten unter seinen die Hände ringenden , in Thränen zerfließenden , oder den Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zurückhaltenden Freunden , stellt sich noch immer und überall zwischen uns und alles , was uns zur Freude einladen will . Unsrer schönen Freundin , der die Bilder der Tage und Stunden , die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte , wieder so lebendig vor den Augen schweben , daß ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart wird , ist es eben so zu Muthe wie mir - Wie wohlthätig , o Hippias , würde uns jetzt deine Gesellschaft seyn ! - Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel übrig , als uns von der verhaßten Scene so weit als möglich zu entfernen . Neue Ansichten , neue Menschen , neue Verbindungen , kurz eine neue Welt um uns her ist nöthig , unsrer dem Gefühl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden Vernunft zu Hülfe zu kommen ; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen nach Milet abzureisen , wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten gedenkt , während ich eine Wanderung durch andere merkwürdige Städte von Ionien , Karien , Lydien und Phrygien unternehmen werde . Findest du nicht auch , Hippias , daß man der Philosophie zu viel Ehre erweist , wenn man ihr die Macht zuschreibt , dem Gefühle der Einbildungskraft , und den Leidenschaften immer unumschränkt zu gebieten ? Wahrscheinlich wird ihr vieles gut geschrieben , das auf Rechnung des Temperaments , einer natürlichen Apathie oder Schwäche des sympathetischen Gefühls und andrer solcher Ursachen zu setzen war . Nichts ist leichter als mit solchen Vortheilen ( wenn sie ja diesen Namen verdienen ) sich die Miene eines Weisen zu geben , und auf andere , die mit einem weichern Herzen , wärmerem Blute , zärtern Nerven und mehr Anlage zu Freundschaft und Liebe geboren sind , als auf schwache Seelen herabzusehen . Aber alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fällen fordern kann , ist , denke ich , daß wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen , und aus vermeinter Pflicht , oder , weil man etwas Schönes und Großes darein setzt , alles hartnäckig von uns weisen , wodurch das gestörte Gleichgewicht in unserm Innern wieder hergestellt , und das Gemüth für die Freude wieder empfänglich gemacht werden könnte . In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund , Kleombrot von Ambracien , den du , wenn du dich dessen noch erinnerst , mehr als einmal bei mir gesehen hast ; einer von den jüngsten und eifrigsten Anhängern des Sokrates . Weder ich , noch Eurybates , dessen Gesellschafter und Hausgenosse er seit einiger Zeit ist , noch Lais , die ihn wohl leiden mag , noch die holde Musarion selbst , mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren Liebesverständniß steht , vermögen etwas über die tiefe Schwermuth , die sich seiner seit dem unseligen Ereigniß zu Athen bemächtigt hat . Er wirft sich selbst vor , daß er seinen Meister verlassen habe , und nicht wenigstens auf die erste Nachricht von der Verschwörung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Athen zurückgeflogen sey . Der Gedanke tödte ihn , sagt er , daß er fähig gewesen sey sich sorglos einer wollüstigen Unthätigkeit zu überlassen , indessen der Anblick und die Gesellschaft seiner getreuen , bis in den Tod bei ihm ausharrenden Freunde das Einzige gewesen , was dem besten aller Menschen zur Erleichterung seines grausamen Schicksals übrig geblieben sey . Kurz , der arme Mensch kann sich selbst nicht verzeihen , daß Sokrates - ohne ihn sterben konnte ; als ob seine Gegenwart etwas anders hätte helfen können , als seine ohnehin überspannte Einbildung bis zum gänzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben . Er besteht nun darauf , nach Ambracien zurückzugehen , und da wir ihn nicht mit Gewalt zurückhalten können - noch wollen , wird er uns an einem der nächsten Tage verlassen . Mich dünkt selbst , es ist das Beste was er thun kann , und wir andern werden uns sehr dadurch erleichtert finden ; denn ein Mensch , der , aller Vernunft zum Trotz , in der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will , paßt nicht wohl in eine Gesellschaft , die sich ' s zur Pflicht macht , dieser schlimmsten aller Krankheiten der Seele , so viel nur immer möglich , alle Nahrung zu entziehen . In dieser Rücksicht kommt mir sehr zu Statten , daß ich meinen geliebtesten Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe , der einer von den Glücklichgebornen ist , die sich nur zeigen dürfen um überall geliebt zu werden . Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen , und es ist mein Glück , daß Lais in seinen Augen zu sehr Göttin ist , als daß es einem Sterblichen geziemen könnte , Ansprüche an sie zu machen . Wie lange dieses religiöse Gefühl dauern wird , muß die Zeit lehren ; genug daß Lais sich an der Abgötterei , die er mit ihr treibt , genügen läßt , und es ihm nicht übel zu nehmen scheint , wenn seine Augen auf den weniger blendenden , aber ein Herz , das nichts von ihnen besorgt , unvermerkt überschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besondern Anmuthung verweilen . Du würdest dich wundern , Hippias , zu was für einer zierlichen Nymphengestalt das Mädchen in der kurzen Zeit , seitdem du sie zu Korinth sahest , sich ausgebildet hat . Wenn ich nicht sehr irre , so ist sie der weinerlichen Rolle ziemlich überdrüssig , die sie , ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen , seit einigen Wochen spielen mußte ; und ich wollte nicht dafür stehen , daß sie nicht in aller Unschuld , und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen vorgeht , zwischen dem schönen , immer heitern , immer zur Freude gestimmten Schwärmer Kleonidas , und dem düstern , traurigen , gleich einem Schatten einherschleichenden , seufzenden und klagenden Schwärmer Kleombrotus , Vergleichungen anstellt , die nicht zum Nachtheil des erstern ausfallen ; zumal da der letztere so tief in seinen Gram versunken ist , daß er von dem allen nichts gewahr zu werden scheint . Kleonidas ist aus Gunst der Natur und der Musen zugleich Dichter und Maler , beides mit einem nicht gemeinen Talent , wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle unter den Meistern dieser Künste . Was ich ihm zu Cyrene von der schönen Lais sagte , brachte ihn auf den Einfall , seine Idee , wie diese Dame nach meiner Beschreibung aussehen müßte , in einem Bilde der Hebe , mit einer einzigen Farbe in der Manier des Zeuxis gemalt , darzustellen . Du vermuthest leicht , daß dieß Nachbild einer bloßen Idee , neben unsre Schönheitsgöttin selbst gestellt , der Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte ; auch konnt ' ich ihn , sobald er die letztere selbst gesehen hatte , nur mit Gewalt abhalten , sein Bild ins Feuer zu werfen : aber , was uns alle in Erstaunen setzte , war , daß die kleine Musarion - der Hebe meines Freundes so ähnlich sah , als ob sie ihm dazu gesessen hätte . Natürlich veranlaßte dieß mancherlei Scherze , wobei die beiden betroffenen Personen die Miene hatten , als ob sie nicht übel Lust hätten Ernst daraus zu machen . Immer ist dieses Spiel des Zufalls , das einer sympathetischen Ahnung so ähnlich sieht , sonderbar genug . Verzeihe , Hippias , daß ich dich so lange bei einem Unbekannten aufhalte , der dich wenig interessiren kann . Aber ich hoffe , du wirst ihn persönlich kennen lernen , und es mir dann eher danken als übel nehmen , daß ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt habe . Weniger gleichgültig wird dir auf alle Fälle seyn , zu hören , daß unser edler Freund Eurybates glücklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen worden ist ; wenigstens noch zeitig genug , um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu werden . Wirklich waren wir , Lais und ich , in sehr ernstlichen Berathschlagungen begriffen , wie wir dabei zu Werke gehen wollten , ohne daß sie sich zu mehr , als sie Willens ist , verbindlich zu machen scheinen möchte : als ein abermaliger Zufall , oder vielmehr Eros , der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns Aegineten treibt , uns auf einmal aller weitern Mühe überhob , die Sache zu einem glücklichen Ende zu bringen . Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schönen Droso , einer von den drei Grazien unsrer Freundin , - wie wir ihre drei gewöhnlichen Aufwärterinnen zu nennen pflegen , seitdem sie von mir zu dieser Würde erhoben wurden . An einem dieser letzten Abende führte uns Lais an das Ufer einer stillen kleinen Bucht , die an einen Theil ihrer Gärten anspült , um uns das Vergnügen des Fischens mit der Angel zu verschaffen . Eurybates war auch dabei . Zufälliger Weise hatte sich die schöne Droso mit ihrer Angelruthe auf einer unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt ; der Fuß glitschte ihr aus , sie verlor das Gleichgewicht , und fiel ins Wasser . Eurybates , der es zuerst gewahr wurde , und , wie die meisten Athener , ein guter Schwimmer ist , springt ihr augenblicklich nach , er faßt sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen , und bringt sie glücklich ans Land . Der Schrecken des Falls und die Schamröthe , in nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt worden zu seyn , war , nebst den Scherzen , welche das arme Mädchen von ihren Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte , das Schlimmste , was dieser Zufall nach sich zog . Das Beste davon ward ihrem edeln Retter zu Theil ; denn seit diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens , und von Lysandra war so wenig mehr die Rede , als ob sie nie in der Welt gewesen sey . Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden . Der Tag unserer Abreise nach Milet rückt heran . Ich begleite Lais , Kleonidas begleitet mich . Eurybates hat glücklicherweise Geschäfte zu Milet . Daß Musarion und die drei Grazien von der Partie sind , versteht sich . Mache mir die Freude , lieber Hippias , recht bald Nachricht von dir und dem schönen Syrakus zu erhalten , und von euerm Tyrannen , den ich ohne Bedenken zum Selbstherrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien krönen würde , wenn König Jupiter , dessen Statthalter ( nach Homer ) die bescepterten Herren auf Erden sind , mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde überlassen wollte . 51. Hippias an Aristipp . Man ist es an den Athenern zu sehr gewohnt , daß sie ihren größten und verdientesten Männern am übelsten mitspielen , als daß die gerichtliche Mordung des alten Sokrates sonderliches Aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte . Hätte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier , der ein eben so wackerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war , nicht bei Zeiten aus dem Staube gemacht , so würde dieser die Ehre nicht erhalten haben , der erste zu seyn , den sie ( sagt man ) aus der Welt schafften weil er zu weise für sie war . Unter uns , Aristipp , ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr Böses nach als sie verdienen . Der gute Sokrates141 hätte mit aller seiner Weisheit , die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab , ihrentwegen noch lange leben können , wenn er durch seine Ironie , und den Faunischen Muthwillen , alle Leute die sich mit ihm einließen zu necken und in die Enge zu treiben , und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere , sich nicht schon seit langer Zeit verhaßt , und durch seinen anscheinenden Müßiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verächtlich gemacht hätte . Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten Classe entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben , oder der Republik unmittelbare Dienste thun . Sokrates that , ihrer Meinung nach , weder dieses noch jenes : denn daß er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen und zu hören war , und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging , um die Leute mit seinen Fragen und Subtilitäten ( wie sie es nannten ) zu beunruhigen , wurde ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann , und selbst von den meisten aus den höhern Classen , für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet , wie gut er selbst es auch damit meinen mochte . Wenn wir niemand Unrecht thun wollen , Aristipp , müssen wir billig seyn . Um die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können , müßten wir untersucht haben , ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten Vorstellungsart anders von ihm denken konnten ; und wer dieß untersuchen wollte , müßte sich völlig an ihren Platz stellen können . Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urtheile über diese Tragödie , die , so lange sie die Neuigkeit des Tages war , auch das Einzige war wovon überall gesprochen wurde . Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen , besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter vertheidigte oder vielmehr nicht vertheidigen wollte , fast allgemein getadelt . Doch fanden sich auch einige , denen dieser Ton der einzige schien , der sich für ihn schickte , wiewohl er leicht voraussehen konnte , was er ihm kosten werde . Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein , darin nämlich , daß er unrecht gethan habe , den Beistand zur Flucht , den ihm sein Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang , so eigensinnig auszuschlagen . Wenn er auch ( sagt man ) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rücksicht nehmen wollte , so war es Pflicht eines guten Bürgers , den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller übrigen Griechen zu ersparen . Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden . » Ich bin , sagte er , den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig ; meine gesetzmäßigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum Tode verurtheilt ; also bin ich schuldig das Urtheil an mir vollziehen zu lassen . « - Gleichwohl ( wenden die anders Denkenden ein ) war er selbst überzeugt , daß er unschuldig verurtheilt worden sey . Hatte dieß seine Richtigkeit , so war er nicht nach dem Gesetz verurtheilt ; denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen . - » Aber , sagte Sokrates , ich bin nicht zum Richter über meine Richter gesetzt ; ich kann mich also ihrem Urtheil deßwegen , weil es ungerecht ist , nicht entziehen ; denn dadurch würde ich mich eigenmächtig zu ihrem Richter setzen . « - Ich habe diesen Einwurf in seinem Namen öfters geltend gemacht , und es ist mir von niemand eine Antwort geworden , die ihn wirklich entkräftet hätte ; auch gestehe ich , daß ich ihn , in der bürgerlichen Ordnung der Dinge , für unwiderleglich halte . Woher kam es also , daß jedermann , wenn er nicht weiter konnte , sich auf sein innerstes Gefühl berief , welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme ? Wie kann die Vernunft mit unserm innern Gefühl dessen was recht ist in Widerspruch stehen ? - Höre , wie ich mir dieses Problem auflöse , und sage mir deine Meinung davon . Das Gefühl , worauf sich meine Antisokratiker beriefen , ist nichts anders als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs , der zwischen dem nothwendigen Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft vorwaltet . Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten gemacht . Alle andern stehen unter dieser , und müssen ihr im Fall eines Zusammenstoßes weichen ; denn um irgend eine Pflicht erfüllen zu können , muß ich da seyn . Da also dieses Naturgesetz allen bürgerlichen vorgeht , so konnte Sokrates den Satz , daß er sich keines Richteramtes über seine Richter anmaßen dürfe , nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen . Du wirst mir vielleicht einwenden : » wenn dieser Schluß gelte , so sey auch ein rechtmäßig Verurtheilter befugt , sich der verdienten Strafe zu entziehen , wenn er könne « - und ich habe keine andere Antwort hierauf als - Ja ! Auch Dionysius scheint , trotz seinem Tyrannenthum , der Meinung zu seyn , daß Sokrates sich hätte retten sollen , da er es mit Sicherheit konnte . Als neulich in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde , sagte er : ich bedaure den alten Mann ; er sollte willkommen gewesen seyn , wenn er sich zu mir hätte flüchten wollen ; weder seine Philosophie noch sein Dämonion sollte ihm die mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben . - Doch genug von einer Sache , die nun nicht mehr zu ändern ist . Wenn euch Kleombrotus lieb ist , so verliert ihn ja nicht aus den Augen . Einem Schwärmer von dieser Stärke oder Schwäche ( wie man ' s nehmen will ) ist nicht über die Gasse zu trauen . Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat ihm unwiederbringlichen Schaden gethan . Es ist mit schwachen Köpfen , die sich an solche meteorische Menschen hängen , wie mit Leuten von mittelmäßigem Vermögen , die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich thun wollen ; sie gehen bei Zeiten zu Grunde , wiewohl sie keinen größern Aufwand machen als den diese sehr wohl aushalten können . Plato ist ein weit größerer Schwärmer als Kleombrot ; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft überlegen . Plato wird von seiner Schwärmerei , wie ein guter Reiter von seinem Pferd , immer Meister bleiben , oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen werden ; mit dem armen Phaëthon Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch , und ich besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen . Ich habe nicht gern mit solchen Menschen zu schaffen ; dieß war die Ursache , warum ich mich deinem Gedanken , ihn mit uns nach Syrakus zu nehmen , so ernstlich widersetzte . Kleonidas könnte mir auch bloß als dein Freund nicht gleichgültig seyn ; um so mehr danke ich dir für seine Bekanntschaft , da ich mir viel Vergnügen von ihr verspreche . Der Zufall , daß seine aus der bloßen Phantasie gemalte Hebe der jungen Musarion so ähnlich sah , ist in der That ( vorausgesetzt die Aehnlichkeit sey wirklich so groß als du sagst ) ein artiger - Zufall , und weiter nichts . Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympathetische Ahnung ? Ich kann mir nichts dabei denken . Ich weiß von keiner andern Sympathie , als von Uebereinstimmung der Gemüther aus Aehnlichkeit der Gefühle und Neigungen . Was hat aber diese mit Ahnungen zu thun ? Wie käme der Mensch zu Ahnungen ? Welches unsrer Organe sollte das Vehikel derselben seyn ? Wenn ich Ahnungen zugeben müßte , so sehe ich nicht , warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare und Unglaubliche für möglich halten müßte , was unsre Mythologen aus Aegyptischen , Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmährchen in unsre Götter- und Heldengeschichte übergetragen haben . Alle diese Phantasmen gehören ins Gebiet der Dichter , und können unter ihren Händen zur Unterhaltung des großen Haufens , und , mit Geist und Geschmack behandelt , sogar zum Vergnügen der Verständigen dienen ; aber in die Reihe der Ursachen , woraus die wirklichen Dinge erklärbar sind , sollen sie sich nicht stellen . Dionysius , nach welchem du dich erkundigest , ist noch immer mit den gewaltigen Zurüstungen beschäftiget , deren Anfang du gesehen hast . Syrakus sieht wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus , wo sich alle wiederaufgestandenen Kureten , Cyklopen , Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben hätten , mit allen Künstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu kommen , um alles Metall im Schooß der Erde und alles Holz auf ihren Bergrücken zu einer Unternehmung , wie die Welt noch keine gesehen hat , zu verarbeiten . Man muß gestehen , daß Dionysius alle mögliche Maßregeln nimmt um seiner Sache gewiß zu seyn , und daß die Kunst , große Dinge mit kleinen Mitteln zu thun , keinen Reiz für seinen Ehrgeiz zu haben scheint . Es ist nun kein Geheimniß mehr , daß alle diese Kriegszurüstungen den Carthagern gelten , und die Feindseligkeiten sind im Begriff auszubrechen . Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne , je mehr überzeuge ich mich , daß die Athener ( mit Erlaubniß der schönen Lais zu sagen ) ein gutartiges , lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind . Es ist leicht vorher zu sehen , daß die Harmonie , die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint , von keiner langen Dauer seyn wird . Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen , und lauern Tag und Nacht , mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird , auf Gelegenheit , ihn entweder , wenn es mit Vortheil geschehen kann , offenbar anzugreifen , oder in eine der Schlingen zu locken , die sie ihm überall zu legen beflissen sind . Ich möchte wohl wissen , wie es möglich wäre , daß ihn dieß nicht mißtrauisch , argwöhnisch , feindselig und streng gegen Leute machen sollte , von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist . Man hört die bittersten Klagen , daß keine zwei oder drei Bürger aus den höhern Classen mit einander sprechen können , ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen : als ob dieß eine andere Ursache hätte , als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann , daß nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen , ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden . Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maßregeln , und schreien dann über seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit . Wäre er nicht immer von etlichen Freunden , die einerlei Interesse mit ihm verbindet , und von einer ausländischen Leibwache , auf die er sich gänzlich verlassen kann , umgeben , so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten seyn , er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher . Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu , ein Mann , dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte , von strenger Vernunft und launenhaftem Witz , von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit , Humanität und Grausamkeit ist , um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten . Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft , dieß hängt zwar , dem Ansehen nach , ziemlich stark an ihm ; aber es gibt nichts Veränderlichers , in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners , und Dionysius weiß recht gut , daß er sich auf seine Popularität bei den untern Classen eben so wenig verlassen kann , als er auf die Dankbarkeit eines Aristokraten zählen darf , dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat . Die arbeitsamen Classen hängen jetzt an ihm , weil er ihnen viel zu verdienen gibt , und weil die großen Zurüstungen , woran sie für ihn arbeiten , große , wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in ihnen erregen , auf deren Ausgang sie gespannt sind ; aber ich stehe ihm nicht dafür , daß sie sich nicht , wenn der Krieg ausgebrochen seyn wird , beim ersten widrigen Zufall von irgend einem stürmischen Demagogen durch eine einzige mit emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plötzlich umwenden , und dahin bringen lassen , die Waffen , an welchen sie jetzt arbeiten , anstatt gegen Carthago , gegen Dionysius zu gebrauchen . Auch versieht er sich keines Bessern zu ihnen , wiewohl er ihnen äußerlich das unbefangenste Vertrauen zeigt . In Ermangelung anderer Vorwürfe - und in der That sehe ich nicht , was an seiner Regierung mit Grund auszusetzen wäre - bemühen sich seine Feinde , ihn dem Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhaßt zu machen . Es gibt zwar schwerlich ein unmoralischeres , verderbteres , leichtfertigeres und ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner , alle Laster , wegen deren ehemals Sybaris , Krotona und Tarent143 berüchtigt waren , gehen unter ihnen ziemlich öffentlich im Schwang ; Athen und Korinth haben dermalen nichts vor ihnen in diesem Punkte voraus : aber dafür sind sie eifrige Götzendiener , und halten scharf über gewisse gesetzliche Formen . Weder das eine noch das andere ist bei Dionysius der Fall ; er denkt sehr frei , und erlaubt sich zu handeln wie er denkt . Bekanntermaßen nahm er sich , als die Syrakusaner in ihrem ersten Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten , auf Einen Tag zwei andere ( eine aus Lokri und die andere aus Syrakus ) die mit ihm und unter sich selbst in dem besten Einverständnisse leben . Ich will die Freiheit , die er sich dadurch gegen die in Griechenland eingeführte Sitte herausnahm , keineswegs und am allerwenigsten aus politischen Gründen rechtfertigen ; aber die Natur entsetzt sich doch nicht vor einer solchen That ! Wenn die Bigamie gegen die Griechische Sitte ist , so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenländern allgemein ; und am Ende , wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind ( wie das wirklich der Fall ist ) , wem kann es nicht gleichgültig seyn , ob er nur Eine Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber , oder zwei Gemahlinnen144 und kein Kebsweib hat ? Aber du solltest hören , was diese tugendhaften Syrakusaner , die , ohne alles Bedenken , ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie bestreiten können , für ein Aufhebens über diese Unthat des Tyrannen machen , und was ihre ehemaligen Volksredner , aus dieser Veranlassung , der Tyrannie für Lobreden halten ! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit , die das tyrannische Ungeheuer begangen hat . Höre an und erstaune , daß die menschliche Natur eines solchen Gräuels fähig ist ! Du erinnerst dich vermuthlich noch der großen Bildsäule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen massivgoldnen Barte , die in seinem Tempel zu Syrakus steht . Stelle dir vor , daß der Unmensch - der jetzt freilich zu seinen großen Ausgaben viel Geld nöthig hat - sich gottesvergessenerweise erfrechte , dem marmornen Aesculap145 seinen goldnen Bart - abscheren zu lassen , und den Frevel noch gar durch einen Scherz ( der freilich in einer Aristophanischen Komödie den Athenern großen Spaß gemacht hätte