der schauerlichen Einsamkeit , wagte , auf alle diese unheimlichen Dinge anzuspielen ... Es ist eine Pflicht unserer Seelenhirten , sagte er nach einer Betrachtung über feurige Hunde , die sich öfters hier den Schäfern nächtlich zugesellen , für das geistige und leibliche Wohl der Ihrigen zu sorgen ... Der Pfarrer in Spezzano ist gewiß ein Santo , aber auch er heilt die Kröpfe und kann Geister bannen ... Meinen Pepe da hat er mit allen Weihen versehen ... Rosalia Mateucci hatte das Thema des verhängnißvollen Hundes verlassen ... Scagnarello richtete jedoch mit umspähender Miene an sie die Frage : Frau - noch seh ' ich den Bruder Franciscaner nicht - sagt : Ist es wahr , hat der den Hund ganz feierlich begraben - ? ... Kaum war das aus der Hölle gekommene Thier , erzählte sie , gefallen , so kam , wie wir damals glaubten , ein Abgesandter des Satans , der die ihm verfallene unreine Seele abholen sollte ... Auf dem Platz erschien ein langer hagerer Mönch mit einem Todtenkopf , der , wie die Magd erzählte , im Kloster Firmiano vor kurzem erst Herberge gefunden hatte ... Die Kinder liefen ihm aus dem Wege - eine Sprache hatte er , wie unser Truthahn , wenn ich mein rothes Kleid anziehe ... Das alles hat sich geändert ! unterbrach Scagnarello ... Jetzt fürchten ihn nur noch die Leute mit zu langen Flinten und besonders der Schmied von Spezzano ... Denn ein Hufeisen bricht er wie trockene Nudeln entzwei , wenn die Arbeit schlecht ist ... Gäule heilt er , die schon unter den Galgen kommen sollten ... Talarico ! Der bekam Angst vor ihm , als er hörte , daß das der Frate war , der in Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht ... Nun , bei San-Firmiano ! Der heilige Vater hat ihn auch gewiß nur hergeschickt , daß er ' s dem Giosafat ebenso machen sollte ... Signora , ich hörte aber doch - mit dem Hund hatt ' es Dinge auf sich , die einen guten Christen um die Absolution bringen können ... Andere meinen , der Alte mit dem Todtenkopf hat wenigstens seitdem nichts mehr mit der Hölle ... Ein Heiliger ist ' s geworden , wie nur der Erzbischof von Cosenza auch - und - Euer , unter uns gesagt , vortrefflicher Bruder - ... In voller Glückseligkeit über diese Anerkennung sagte Rosalia : Ja , Signor ! ... Ich glaube es für gewiß , daß Frâ Hubertus sich zu Gott gebessert hat ... Gerade von ihm hat mir der heiligste Erzbischof von Cosenza gesagt : Geht getrost , liebe Frau ! Bis Ihr in San-Giovanni in Fiore seid , ist Frâ Hubertus von Neapel zurück gekehrt ... Und nun ist er da ... Und ich denke doch , es muß alles gut werden ... Scagnarello erhielt noch einmal die Flasche , leerte sie und lobte sehr den Wein von Nocera ... Auf seine Frage , was nur der Todtenkopf in Neapel gethan hätte , erhielt er die Antwort : Der heilige Erzbischof schickte ihn nach Neapel , um sein Begehren beim rechten Mann vorzubringen ... Beim rechten Mann ? ... wiederholte der Kutscher ... Und welches Begehren - ... Daß die Bewohner von San-Firmiano nicht mehr - wie die Canarienvögel von Cosenza gehalten werden ... Sind sie denn nicht alle Santi geworden ? Hat mein Bruder sie nicht bekehrt ? Hat der Todtenkopf ihnen nicht allen die Schrecken der Hölle zu Gemüth geführt , die er so gut kannte - ? ... Ich sage Euch , bis nach Nocera hin steht das Kloster im Geruch der Heiligkeit - ! ... Scagnarello wußte vollkommen , daß unter den Canarienvögeln die gelbgekleideten Galerensträflinge zu verstehen sind , die in Neapel öffentlich im Dienst der Straßen- und Hafenpolizei arbeiten müssen ... Auch über die gute Aufführung der Bewohner von San-Firmiano herrschte , nur Eine Stimme und Alle wußten , daß Dom Sebastiano darüber nicht reden konnte , ohne so zornig zu werden wie ein Puterhahn ... Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden , die blos vom Teufel kämen - ... Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine Meinung zurück ... Die Einsamkeit , welche dann und wann nur vom Gruß eines Hirten oder eines mühsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde , hörte bei Annäherung an San-Giovanni auf ... Es wurde lebhafter rings im Gebirge ... Zwar war die Nacht nun ganz hereingebrochen , Nebel stiegen auf , welche die Feuchtigkeit der Luft so vermehrten , daß Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mäntel übernahmen ; der mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grünen Waldabhängen , den einzelnen Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung ; aber , wo der Strom der Gewässer am Wege nicht zu rauschend stürzte , da hörte man deutlich und von mannichfachem Echo weitergetragen , das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden , die zur Nachtruhe unter den mächtigen Eichen sich lagerten , hörte das Blasen einer einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und unerschöpfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks ... Jagdschüsse erschollen sogar zuweilen dicht über den Häuptern der Gefährten und machten den Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von Apostrophen , die Scagnarello an die Vernunft des Thieres richtete ... Tüchtige Peitschenhiebe unterstützten die Beweiskraft ... Um ein verhältnißmäßiges Stück war man schon ganz in die Nähe San-Giovannis gekommen ... Rosalia erkannte die Gegend ... Die mit Früchten überladenen Kastanienbäume , die zuweilen am Wege standen , rauschten ihr wie mit vertrautem Gruß ... Dort stand ein altes Gemäuer , das der urältesten Zeit Groß-Griechenlands angehörte ... Der Mond schien durch die zerklüfteten Fenster ... Sie kannte jeden dieser , bald als Aufbewahrungsort des frischgemähten Heus , bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte ... Ihr Herz wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller ... Scagnarello erzählte jetzt von einem Stein , an welchem sie bald angekommen sein müßten , wo Frâ Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Männern gerungen hätte , die im Silaswald umirrten und die » Freimaurer « , welche später in Cosenza erschossen wurden - die Bandiera und ihre Genossen - verrathen wollten ... Denen begegnete » dort oben am Kreuz « , erzählte er , der Bruder mit dem Todtenkopf , redete den einen , den er kannte , in fremder , ich glaube russischer Sprache an und warf ihn jählings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto ... Die Bürgersfrau von Nocera , die sich auf Betrieb des Bruders vortheilhaft mit einem Verwandten verheirathet hatte , war in diesen Ereignissen bewandert ... Sie konnte lesen und schreiben und führte ihrem Mann sein Hauptbuch ... Was im Silaswald vorging , hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem größten Interesse verfolgt ... Lebhaft stand ihr in Erinnerung , wie man sich damals gewundert , warum der fremde Mönch , ein Sohn des heiligen Franciscus , wiederum auch für diese wilde That so heil und ungestraft davonkam ... Diesmal wie bei Gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone ... Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach ... Er hat gute Freunde , sagte Scagnarello ... Er hat sie da , wo sie am meisten nützen können - in Rom ... Und wenn man Rom hat , hat man Neapel ... Damals , als der Freimaurer in den Neto flog , sah und hörte man lange nichts mehr vom Frâ Hubertus ... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den Hut vor ihm ab ... Hätte der Bruder die Weihen , er wäre längst in San-Firmiano Guardian ... Rosalia kannte alles das und schwieg , in Hoffnung auf die Geltendmachung eines so großen Einflusses in Neapel ... Nach einer Weile fragte Scagnarello : Signora - wart ihr denn auch schon dazumal an - den - ich meine , an den Bluteichen - ? ... Die Frau erschrak über diese Frage und schwieg ... Ich meine , habt Ihr ihn nie gesehen ? fuhr Scagnarello leise und lächelnd fort ... Die Frau wußte vollkommen , was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte ... Hm ! Hm ! räusperte er sich und fuhrt fort : Ich möcht ' es , bei San-Gennaro , auch einmal wagen und ihn besuchen ... Nur um die Nummern zu hören , die ich im Lotto spielen soll ... Da war ein Mann von Cotrone - wißt Ihr , was er dem gesagt hat , als der die nächsten Nummern hören wollte , die herauskommen - ? ... Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen - ? ... antwortete Rosalia ... Nein , entgegnete Scagnarello - Das kann sich Jeder selbst sagen - ! Dem Mann von Cotrone hat er gesagt : Wer gab dir früher deine Nummern ? ... » Der Pfarrer von San-Geminiano in Cotrone ! « ... Kamen sie heraus ? ... » Nein ! Auch die auf den Namen Mariä nicht ! « ... Warum nicht auf den Namen Mariä ? ... » Der Pfarrer rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus - M. war 12. Sie kamen aber nicht heraus « ... Ich verstehe ! Kannst du lesen ? ... » Nein ! « ... Auch nicht das ABC ? ... » Nein ! « ... Im Namen Maria kommt zweimal A vor - das gab zweimal 1 ... » Da nahm der Pfarrer für das zweite 1 das Doppelte ; manchmal das Dreifache ; so hab ' ich zehn Jahre auf Maria und die Heiligen gesetzt , aber nicht mehr gewonnen , als ausreichte , um den Pfarrer zu bezahlen - « ... - « ... Der Pfarrer ließ sich bezahlen ? ... » Ich bezahlte die Messen , die meine Todten aus dem Feuer erlösten ! « ... Nun , mein Sohn , sagte der Alte von den Bluteichen , so nimm einmal den Namen » Jesus ! « Siehst du , das sind auch fünf Buchstaben , auch fünf Zahlen und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt - 9. 5. 18. 20. 36 ... - So hab ' ich sie behalten - ! unterbrach sich Scagnarello - Gewinnst du , sagte der Hexenmeister , dann danke deinem Erlöser durch gute Anwendung des Geldes ! Verlierst du aber , so nimm an , daß er dir eine christliche Lehre geben wollte und dich blos durch deine Arbeit reich machen wird ! ... Der Mann aus Cotrone spielte und gewann - eine Terne ; es ist auch so ein ganz reicher Mann ... Das Ding sprach sich aus ; alles setzte auf den Namen Jesus ; es hat aber keinem mehr so glücken wollen , wie dem Mann aus Cotrone ... Rosalia seufzte über diese Zaubereien und sann über Scagnarello ' s Aeußerung , daß der Mann von Cotrone wol noch eine besondere Anweisung bei diesem kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben müßte ... Sie hatte die vollkommene Geneigtheit , dieser Meinung zuzustimmen ... Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius , von solchen durch die Hölle angerathenen Lottonummern , auch von den Bluteichen , von den nächtlichen Versammlungen , welche dort die Geister hielten , besonders aber von dem erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Thaten des Bruders Hubertus zu schweigen und auf eine baldige glückliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen ... Nach einer halben Stunde , welche Scagnarello im schmollenden Gespräch mit Pepe und zuletzt mit Klagen über die theuere Zeit und die von der Hitze versengte zweite Heuernte zubrachte - letzteres im Interesse eines erhöhten Trinkgeldes - deutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell beleuchteten Gegenstand an demselben Wege , welchen sie fuhren ... Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und fragte jetzt : Seht Ihr denn da etwas , Signor ? ... Es ist - so wahr ich Napoleone heiße - endlich der braune Bruder ... Ich wette um meinen Pepe - er ist ' s ... Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche unterstützt ... Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen , daß Scagnarello ' s Vermuthung über einen an einem hölzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Mönch Wahrscheinlichkeit für sich hatte ... Die braune Kapuze war halb niedergeschlagen ; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf lugen , der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige , was übrigbleibt wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden ... Scagnarello , jetzt vollends ermuthigt und sogar von dem hinter den Felsen her immer heller und heller läutenden Glockenthurm von San-Gio schon angenehm überrascht , schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau , die glücklich war , schon jetzt dem Manne zu begegnen , welcher die gute Kunde aus Neapel nach San-Firmiano bringen sollte , jede tröstliche Versicherung ... Ein Franciscaner , in Sandalen , mit brauner Kutte , den weißen wollenen Strick um die magere Hüfte , saß in der That auf dem Stein am Wege ... Es war Frâ Hubertus ... Er saß am Gedächtnißkreuz des von ihm vor Jahren hier in den brausenden Neto geschleuderten Jân Picard ... Als er die Klingel des Pepe hörte , stand er auf und ging fürbaß ... Er schien keine Neigung zu haben , auf eine verspätete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich düster angeregten Empfindungen stören zu lassen ... Ihn einzuholen wäre beim Bergauf unmöglich gewesen , wenn ihm nicht Scagnarello alle möglichen Interjectionen nachgerufen hätte aus jenem unerschöpflichen , in seinem Reichthum noch von keinem Gelehrten würdig abgeschätzten Wörterbuch der neapolitanischen Natursprache ... Zu den thatsächlichen Motiven , welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte , um den rüstigen Greis zum Stehenbleiben zu bewegen , gehörte , in seltsamen Abkürzungen freilich , die ganze Geschichte der Frau , welche hinter ihm hochaufgerichtet stand , in der Linken mit dem schlafenden Kinde , in der Rechten mit ihrem Tuch , mit dem sie unablässig wehte ; gehörte endlich auch ein Gruß vom Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Glückseligkeiten , die sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben würden ... Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen Gewälschs ... Sein Kopf wurde darüber ein einziges - Gebiß von Zähnen ... In der » Campanischen « Sprache , jenem Italienisch der Neapolitaner , in welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden , oft der eine ganz für den andern eintritt und statt » Michel « Kaspar gesagt wird , hatte Hubertus in der That Fortschritte gemacht ... Er blieb stehen ... Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gruß an die ihm sehr wohl erinnerliche Schwester Paolo Vigo ' s keineswegs sein fernerer Mittheilungsdrang ... Letzterer schüttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt erwachte , schreiende Kind auf den Arm , versichernd , daß seine Sehnsucht , den trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen , nicht minder groß , als die ihrige nach so vielen Jahren wäre - ja er kannte das schöne dem Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu , daß der Erzbischof von Cosenza hinlänglich heilig wäre , um auch weissagen zu können ... Gewiß ! Gewiß ! Es wird alles gut werden ! wiederholte er zum öftern ... Aber - dem ganzen Wesen fehlte die rechte , von Innen kommende Freudigkeit ... So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren ? fragte die Frau voll Bestürzung über dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein , neben ihr Platz zu nehmen ... Hubertus folgte dieser Aufforderung , nahm die noch an Schönheitsanschauungen nicht gewöhnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos , sang ihr eine alte holländische Liedstrophe und versicherte , die Hoffnung wäre das schönste Lebensgut , das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nöthen bewahren müsse ... Die Hoffnung ? ... Bei San-Gennaro ! rief die Frau und zitterte ... Weiter bringt Ihr nichts von Neapel zurück , als - Hoffnung ? ... Und schöne Feigen ! Seht die Feigen ! erwiderte Hubertus und reichte deren aus seiner Kutte Marietten eine Hand voll , während die Frau ihm bereits ihre Eßwaaren angeboten hatte ... Was kann mir alles das helfen ? wehklagte Rosalia Mateucci ... Hab ' ich darum so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht ? ... Haben wir darum zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt ? ... Das wird sich einbringen , Frau ... Hofft in Gottes Namen ! wiederholte Hubertus ... Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringlicheren Interesse an , dem Meister Scagnarello sein Erstaunen über die neue Garnison von Spezzano auszudrücken ... Was wollen nur all diese Reiter und Jäger wieder ? Geht der Weg nach Frankreich durch den Silaswald ? ... Scagnarello deutete an , daß nicht gut von solchen Dingen zu reden wäre , seitdem hier schon die besten Leute zu den » Canarienvögeln « in Neapel gekommen wären ... Guter Bruder , was bringt Ihr von Neapel ? ... drängte die Frau ... Ihr redet von Canarienvögeln ... Nur zu wohl weiß ich , die Raben , die schwarzen , die hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus ... Steht das wo geschrieben ? entgegnete Hubertus und schien betroffen von dieser Rede , die er vollkommen verstand und für ebenso prophetisch hielt , wie sie wohlgesetzt war ... Die Jesuiten ( diese nur konnte Rosalia unter den schwarzen Raben verstanden haben ) , hatten allerdings hier die Hauptentscheidung ... ... Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die letzte Instanz verwiesen , von welcher hier alles abhängen würde ... Alle Welt wußte , daß zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel hatten entfliehen müssen , sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die rechte Hand des Herrschers über dies unglückliche Land blieb des Königs Beichtvater , Monsignore Celestino Cocle , Erzbischof von Neapel , ein fanatischer Agent des Al Gesú , eben jener » rechte Mann « , von welchem die Wünsche der Bewohner San-Firmianos abhängen sollten ... Zehn Jahre , erzählte wehklagend die Frau , hab ' ich meine Kniee gebeugt vor dem heiligen Erzbischof von Cosenza ... Jeden Quatember , wenn neue Priester geweiht wurden , lief ich zu Fuß die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und beugte meine Kniee auch nach der Messe noch ... Wenn der heilige Herr in seinen Palast ging , rief ich ihn um Gnade an für meinen unglücklichen Bruder ... Und immer gab er mir seinen Segen und sagte : Ihr seht ja , liebe Frau , die Pfarre von San-Giovanni bleibt ihm offen ; das Sacro Officio prüft lange , aber gründlich - ! ... Heiliger Gennaro ! ... Zehn Jahre prüfte das Officio - ! ... Ich wußte nicht , ob mein Bruder noch lebt - ! ... Wir schickten - mein Dionysio ist gut - was wir nur vermochten - bald an den ehrwürdigen Guardian , bald an den heiligen Erzbischof - - aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen Freiheit ... Sogar damals , als doch alles frei wurde , als selbst die , denen zeitlebens die Kugel am Fuß zu tragen besser gewesen wäre , zu Ehren kamen , kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einöde zurück ... Damals hatte nur Marietta leider das Fieber , mein Dionysio mußte unter die Guardia civica , Jeder war froh , wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen - Verdienst gab es nicht ... Dann aber , als die Ruhe wiederkehrte , als alle Welt erzählte , wie die Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden , da fiel ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor allem Volk um Paolo ' s Freiheit ... Zum Glück - verzeih ' mir ' s die heilige Jungfrau ! - war gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich hörte , daß sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner bekommen sollte , weil auf ein Jahr die Einkünfte auch dem heiligen Erzbischof gutschmecken , kauft ' ich nochmals , nach allem , was schon draufgegangen war , für zehn Ducati Wachskerzen und schenkte sie in Cosenza der heiligen Rosalia ... Seitdem hieß es : » Seid gutes Muthes , Frau , reist getrost nach San-Giovanni - In San-Firmiano sind Wunder geschehen - Der Guardian hat einen Boten nach Neapel geschickt an das heilige Officio . Wir wissen es ja , das ganze Kloster ist heilig geworden - Sie bekommen alle die besten Stellen in der Christenheit , denn die Mutter Kirche ist gütig und belohnt jeden , welcher sie liebt - ja , und ein Bote , Frâ Hubertus , muß bald zurück sein von Neapel - « ... So sprach der Erzbischof und das ganze Kapitel stimmte ein ... Da vertraut ' ich denn und machte mich auf den Weg und jetzt bin ich da und Ihr seid es auch und nun bringt Ihr doch nichts und schweigt - ? Ihr wißt , denk ' ich , nur zu gut , daß mein guter Bruder nur durch Euch ins Elend gekommen ist .... Ohne Euch könnte er längst in Nocera Bischof sein ... Diese muthige , für Scagnarello zum Bewundern sachgemäße und kenntnißreiche , nur am Schluß etwas frauenzimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus theils mit seufzenden , theils mit begütigenden Worten begleitet ... Scagnarello hoffte , der schwer Beleidigte würde mit einer Rechtfertigung früherer Misverständnisse , vor allem mit Rückblicken auf die wunderbare Geschichte vom feurigen Hunde vernehmbar werden ; aber Hubertus beschäftigte sich allein mit dem Kinde und sang seine » russischen « Lieder ... Rosalia Mateucci ersah nun wol aus Allem , daß Hubertus kein Vertrauen auf den Erfolg seiner Mission hatte , und fuhr in ihren Klagen über diese arge Welt fort ... Sie ließ dabei jedem seine äußere Ehre , bezeichnete ihn aber bei näherer Betrachtung um so mehr als Spitzbuben ... Vom Standpunkt einer vermögenden Krämerin von Nocera gab sie einen Rückblick auf die ganze bewegte Zeit der letzten Jahre - namentlich auf die wilde Anarchie , welche damals entstand , als die in Neapel durch Lazzaroniaufstand und Schweizerregimenter gesprengte Nationalvertretung sich in Cosenza noch einmal , unterstützt von einem Aufstand der Calabresen , wieder gesammelt hatte , doch von jenem ehemaligen Räuber , spätern General Nunziante , im Süden , vom General Lanzi im Norden angegriffen mehr durch Uneinigkeit , als Ueberlegenheit der Truppen sich auflöste ... Die Bewaffneten wurden damals zu Flüchtlingen , und wie es im Süden geht , zu Wegelagerern und Räubern ... Dieser anarchische Zustand hatte im Silaswald erst seit kurzem aufgehört ... Das Kloster San-Firmiano hatte lange Zeit nur ein Gefängniß und Lazareth sein können , wo die Brüder sich wahrhafte Verdienste erwarben ... Und nun sollten alle diese guten Thaten ohne ihren Lohn bleiben ? Märtyrer sollten sich bewährt haben und keine Krone gewinnen - ! Da müßte ja der Giosafat von Lipari als ein wahrer Retter ersehnt werden und mit der Zeit in Neapel am königlichen Schlosse kein Stein mehr auf dem andern bleiben ... Hubertus entgegnete in leidlichem » Campanisch « auf diese unausgesetzten Verwünschungen , die schon Marietta ' s Weinen und Scagnarello ' s loyalen Protest zur Folge hatten : Beim heiligen Hubert , meinem Schutzpatron ! Frau , ich kann Euch versichern , daß ganz San-Giovanni und wer anders noch von damals am Leben ist , sich freuen wird , Euch und die kleine Marietta zu sehen ... Euern heiligen Bruder nehm ' ich nicht aus , wenn ich auch zweifle , daß Eure Hoffnung , ihn als Pfarrer in San-Spiridion nach Nocera zu bekommen , so bald in Erfüllung geht , zugleich auch , ob dies seinen Wünschen entspricht ... Indessen beruhigt Euch ! ... Ei , so weint nicht ! ... Ich will Euch sagen , wie es ist ... Ich hätte gute Freunde und Gönner - sagt man ? ... Nun , das San-Officio in Neapel war sackgrob - ... Aber gut - ich fand immer , die Leute sind geneigter , uns Gehör zu geben , wenn sie grob sind ... Leider , leider - kann ich dasselbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majestät , Monsignore Celestino , sagen ... Das ist wahr , artig war er ... Dem mußt ' ich haarklein erzählen , was seit Jahr und Tag hier in diesen Bergen vorgegangen ist ! ... Und wenn ich jetzt so schlummerköpfig nachdenklich bin , so ist es blos , weil ich , aufrichtig gesagt , meine Erzdummheit bereue ... Ich ging auf alle seine Artigkeiten ein ... » Gut ! Gut ! Das freut mich ! Um so besser ! Und was wünschen die guten Brüder von San-Firmiano ? « - ... Ich Tropf ! Das hätt ' ich mir doch sagen sollen , daß es mit all diesen Süßigkeiten nur bitter stand - ! ... Wir Brüder haben in San-Firmiano um nichts gebeten , als um was die Hechte bitten , wenn in einem Teich ihrer zu viel sind ... Laßt Euer Licht leuchten vor den Leuten ! hat schon unser allerheiligster Erlöser gesagt - und nur deshalb sehnen sich unsere Gefangenen von San-Firmiano in ihre Klöster und Pfarreien zurück , um zu zeigen , daß sie aus Wölfen gute Hirten geworden sind ... Seht nun , das alles hab ' ich in Neapel vorgetragen ; aber - Ei was ! Bei Alledem kann ich mich irren ! Es ist im Namen unsres heiligsten Erlösers gar nicht unmöglich - wir finden in San-Firmiano fröhliche Gesichter und Euer edler Bruder lacht hellauf , wenn er morgen früh - eher rath ' ich nicht bei unserm Kloster anzupochen - die Ueberraschung hat : Gelobt sei Jesu Christ ! von seiner Schwester zu hören und gar von der Kleinen da - wie heißt sie ? ... Alles heißt hier Marietta ... Kommt niemand von Euch auch einmal - auf den Namen - Hedwigis - ? ... Diese Worte waren so gutmüthig , endeten mit einem so elegischweichen Tone , daß Rosalia Mateucci der wohlthuenden Wirkung derselben sich nicht entziehen konnte ... Sie sagte : Bei San-Gennaro ! Hat denn San-Gio jetzt gar die neue Beleuchtung von Neapel - ! Seht , wie hell es da liegt ! ... - Nun lachte sie freudiglich ... Scagnarello fand die Aufnahme des Mönches beim Erzbischof von Neapel ebenfalls nicht so bedenklich und im Gegentheil außerordentlich schmeichelhaft ... Nun versteh ' ich , sagte er , warum die Leute Recht haben , wenn sie sagen , daß sogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch wäre und Euch schon in Rußland kannte ; denn unser heiliger Vater ist weitgereist ! - ... Ja aber auch mit Recht ! Habt Ihr nicht das hochheilige Erbe Petri vom Grizzifalcone befreit ? ... Wußte denn auch der Erzbischof das alles von Euch ? ... Hm ! auch vom Kreuz - da überm Neto ? ... Und - hm ! hm ! - von Eurem - feurigen Hunde ? ... Auf den ich Euch manchmal aufbinden möchte ! schnitt Hubertus die neugierige Rede ab ... Was schlagt Ihr nur so grausam auf Euern armen Pepe ! In Spezzano , vor Eurer Abfahrt nach Cosenza , da konntet Ihr ihm gewiß schmeicheln ! Da konntet Ihr ihn nennen : Pepito ! Mein zuckersüßes Brüderchen ! Unterwegs aber ist alles vergessen ! ... Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs und Wort halten muß man Jedermann - selbst seinem Maulesel ! ... Ein alter Jäger weiß ich , daß im Wald und auch draußen in der Welt unsere besten Freunde - wie oft - doch nur unsere Pferde und unsere Hunde sind ! - ... Hubertus sprach voll Scherz , aber auch voll Wehmuth und hörbaren Anklangs an einen Gegenstand , der ihn rührte - ... Doch kam er nicht auf den Hund ... Im Gegentheil zeigte er Rosalien die sich jetzt ein wenig öffnende Gegend , an deren östlicher und walddunkler Grenze , dicht unter den glänzendsten Sternbildern , eine schwarze Thurmspitze in die Höhe ragte - das Kloster San-Firmiano ... San-Giovanni war erreicht ... Ein Bergflecken , wo sich vor Jahrhunderten einige Menschen um einige halbzerstörte Thürme der Normannenzeit angesiedelt und einige hundert Nachkommen hinterlassen haben , die keinen Anblick für Götter bieten ... Aber ein Maler hätte darum doch seine Lust an diesem Städtchen gehabt ... Die Thurmmauern ragten von Epheu überwuchert ... In riesiger Ausdehnung spazierte der immergrüne Kletterer bis auf die Felsen hernieder und an diesen wieder , wie eine einzige Wiese , entlang bis zu den rauschenden , sich hier vereinigenden Gewässern des Neto und des Arvo ... Ein viereckiger Glockenthurm der Kirche war der Mittelpunkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden Wildbächen sich aufdachenden sogenannten » Straßen « ... Nun erst entdeckte man , warum es scheinen konnte , als wäre in San-Gio die Gasbeleuchtung eingeführt ... Schon in einiger Entfernung hörte man die beim Morraspiel üblichen , aber in San-Gio nie so laut vernommenen Flüche und Verwünschungen ... Auch deutsche Laute wurden hörbar ... Pechkränze und Bivouakfeuer loderten auf ... Auch San-Giovanni war von Soldaten überfüllt ... Hubertus sah das voll äußersten Erstaunens , sprang vom Wagen und eilte in wilder Erregung auf den Marktplatz ... Fußnoten 1 Gregorovius ' » Siciliana « . 2 Ueblicher Brauch . 3 Ph. J. von Rehfues ' Schriften . 10. Der » Torre del Mauro « eine Locanda , die einer Scheune ähnlich sah , war erreicht ... Man fand sie von Soldaten in Beschlag genommen ... Ein Leutnant in einer jener überladenen südeuropäischen Uniformen , mit Troddeln und Stickereien , die bei uns keinem Obersten zukommen würden , stand mit der Cigarre im niedrigen rauchgeschwärzten Thor eines von brennenden