Hercules , der die Landstraßen säuberte , von Theseus , von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen ... Von Osten her weht hellenische Luft , vom Süden sarazenische ... Flibustierthum ist die eigentliche Lebensbewährung aller dieser am Meer wohnenden Völker , die auch schon deshalb das Leben nicht so ruhig , wie andere , nehmen können , weil unter ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint : Was du dir nicht heute genommen vom Ueberfluß der Erde , das verschlingt vielleicht schon morgen der uralte Neid der Götter auf unser Menschenglück - ... Wenn sich auf einem zweirädrigen , aber menschenüberfüllten , von einem Pferd und einem Maulthier zugleich gezogenen Karren , der in Kalkstaub gehüllt die Felsenstraße von Cosenza sich hinaufwindet , die Furcht ausspricht , daß auf dem Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen würde und mancher seine kleine Baarschaft an ein mit Flintenläufen unterstütztes : Gott grüß ! hingeben müßte , so hatte sie vollkommene Begründung ... Nur dürfen ebenso die acht Personen , die an dem zweirädrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hängen , dem Impresario der Gebirgsdiligença , Meister Scagnarello , Recht geben , der die unausgesetzten , bald liebkosenden , bald drohenden Anstachelungen seiner Thiere mit einem lauten Lachen unterbrach , als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen Dialekt noch von dem furchtbaren Räuber Giosafat Talarico zu meckern anfing und vom Scagnarello hören mußte : Das wißt ihr also noch drüben nicht , wer euer vornehmer Nachbar geworden ist ? ... Auf Lipari , dicht vor eurer Nase , könnt ihr den Vater Giosafat und seine ganze Familie wie einen Prätore leben sehen ... Seine Excellenz der Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen , sprachen ein ernstes Wort mit dem tapfern Mann und für achtzehn Ducati monatlich vergnügt er sich jetzt auf der Jagd am Strand der See ... Sie klagen in Cosenza , daß seitdem so wenig wilde Gänse mit dem Südwest zufliegen ... Die Gesellschaft , die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur acht Fuß Länge und sechs Fuß Breite doch in mehreren Stockwerken saß , ordentlich , dem Preise nach , ein Coupé , ein Intérieur und eine Impériale hatte , ja noch Körbe , Säcke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung unterzubringen wußte , mußte bestätigen , daß Meister Scagnarello vollkommen Recht hatte ... Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig Insurgenten , die Brüder Bandiera an der Spitze , hatte erschießen lassen , mußte sie wol des Blutes für einige Zeit genug haben ... Del Caretto , gewöhnlich der » Henker Neapels « genannt , kam nach Cosenza , nahm die Fürbitte des Erzbischofs für die durch einen glücklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico , der an Morden und unzähligen Räubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark Ancona wetteifern konnte , in ernste Erwägung und vollzog es wirklich , was der alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur für eine erwägenswerthe Möglichkeit gehalten hatten ... Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als Bürgermeister , wie sich , vor dem Schuß des deutschen Mönches Hubertus , Grizzifalcone von Ascoli geträumt hatte , aber er lebte daselbst freier und vergnüglicher , als Napoleon auf Sanct-Helena ... Mit den achtzehn Ducati hatte es seine vollkommene Richtigkeit1 ... Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden ... In Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Thurms dieser alten Stadt , wo einst am Busento Alarich , der Gothenkönig , sein geheimnißvolles Grab gefunden , genug halbnackte Gefangene um Almosen betteln und , wenn sie keins erhielten , hinterher eine höhnische Frazze schneiden ... Bis die Diligença Signors Scagnarello in der Nothwendigkeit war , um der engen Wege willen die Thiere so zu spannen , daß sein Maulthier voran , sein Rößlein hinterher ging , war die Zahl seiner Passagiere bedeutend zusammengeschmolzen ... Der Handschuhmacher traf die Ziegen , die er erhandeln wollte , schon in Pedaco , dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum nach Rossano auf die große Ledermesse begeben - ein Männlein war ' s , wie die feinen Leute dort gehen , in dunkelgrüner Jacke , kurzen braunen Beinkleidern , braunen Strümpfen und schwarzen Kamaschen , mit einem braunen Mantel und einem weißen Hut , so spitz wie ein Zuckerhut , eine rothe Feder darauf , als gehörte auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht , auch von zwei Priestern , die hier in vergnüglichster Weise ganz zum Volke gehören und oft vertrauter mit den Räubern sind , als mit ihren Verfolgern ... Zuletzt blieb dem Scagnarello von Männern nur noch ein Soldat treu , der den Weg von Cosenza zu Wagen machte , obgleich er zu den berittenen Scharfschützen gehörte - Sein Pferd lag hüftenlahm , erzählte er , in Spezzano , einem Oertchen , das sonst keine Besatzung hatte , heute aber mit Soldaten überfüllt war - eine Erscheinung , die die Passagiere nicht zu sehr überraschte , denn wo waren nicht die Truppen jetzt nöthig , um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten Stürmen der letzten Jahre zurückgebliebenen versteckten Compromittirten vorzunehmen , morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken - Sicilien und Calabrien hatten auch für ihre politischen Vulkane geheime Zusammenhänge genug ... Außer dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde , die weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in Unterhandlungen stand , was sie wol zahlen würde , wenn sie die Diligença noch bis in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte , bis nach San-Giovanni in Fiore hinauf ... Eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano , wo die hierorts bekannte Welt aufhörte ; denn jenseits Firmianos begann die Wildniß , die nur den Räubern , einigen Hirten und den Geistern gehört , sowol den alten dorthin gebannten classischen , als welche im Volksglauben besonders noch Cicero und Virgil spuken , wie den neueren muselmännischen , besonders seeräuberischen , vorzugsweise dem berüchtigten Renegaten Ulusch-Ali und ähnlichen Dämonen , die schon manchen hier in die Hölle abholten ... Sechs Uhr war es und doch lag das enge Thal , aus dessen Mitte Spezzano auf einem hochgelegenen Felsen hervorragte , schon in einiger Dämmerung ... Nur das Städtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein ... Der Ort war schwer zu erreichen ... Langsam wand sich der Weg auf und ab , oft tief hinunter über das brückenlose wilde Rauschen hier des Crates , dort des Busento , die querdurch vom Wäglein mit Sack und Pack passirt werden mußten , bald wieder hinauf in die steilste Höhe , wo es dann einen entzückenden , die Phantasie dieser Reisenden wenig beschäftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinüber zu dem Felseneiland Lipari gab ... In den Schluchten war die Vegetation die üppigste , aber kaum ließ sich begreifen , wie sich an den schroffen Abhängen den Kastanienbäumen beikommen ließ , um die schweren Lasten , die sie trugen , abzuernten ... In Spezzano , einem Oertchen von einigen hundert Seelen , einem Durcheinander von Lumpen , Schmutz , von wie Wäsche aufgehängten frischgewalzten Nudeln , von wildwuchernden riesigen Feigenbäumen an Schutthaufen alter Castellmauern , fanden die beiden letzten Passagiere die größte Aufregung durch die Soldaten , die schon einen Tag hier campirten ... Das rasselte mit langen Säbeln über die höckerigen Straßen , die fast erklettert werden mußten . Die Pferde konnten nur am Zügel geführt werden ... Außer den Reitern gab es ein Detachement Fußschützen , die zur Schweizerarmee gehörten - Leute , die nicht eben heiter blickten , da die militärische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemüth wahrhaft verletzenden Unfreundlichkeit verfahren ... ... Fast scheint es , als hätten die in der Schweiz so wenig bedeutenden höhern Ansprüche einiger alten Adelsgeschlechter , besonders in den Urcantonen , durch die militärische Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction für die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen ... Was aber mag denn nur vorgehen ? fragte jetzt doch Signor Scagnarello , als er seinen Pepe , das Maulthier , und seine Gallina , das Rößlein , ausspannte und ganz Spezzano zusammenlief , um die wichtigen Begebenheiten des Tränkens , Fütterns , Verwünschens der Wege , Verwünschens der Fliegen , des Ausscheltens des noch trinkscheuen » Pepe « , Schmeichelns der alten geduldigen » Gallina « lachend und spottend mit durchzumachen - ( in Italien geht das nicht anders und Neapel scheint vollends die Stammschule aller Possenreißer zu sein und trotz der schönen , edlen , malerischen Gestalten , die überall sich lehnten und kauerten , den Uebergang vom Affen- zum Menschenthum zu vertreten ) ... Was mag nur vorgehen ? rief Scagnarello im Stall ... Die Kopfsteuer haben wir doch schon am Ersten bezahlt und die Vettern des Talarico - die hoffen ja auch auf ihre Anstellung beim Zollfach und halten sich ... Das Fest der Madonna von Spezzano ist erst übermorgen und zu unserer Illumination , seh ' ich , hilft von den Soldaten Keiner , obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen ... Die Swizzeri bringen uns nie etwas , sondern holen nur ... Von Spezzano - ! ... Unser armes , frommes Spezzano ! ... Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen zerbrochen - ! ... Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionärer Regungen gründlich abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung begreifen , noch auch von den Soldaten , die ihre eigene Verwendung nicht kannten , darüber eine Aufklärung erhalten ... Ein bunter Kreis bildete sich um das von Scagnarello gehaltene Gasthaus , die » Croce di Malta « , wo seine Giacomina die Militärchargen bewirthete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht litt ... Die Offiziere hörten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen Frau zu , die , ihr Kindlein im Schose , auf einem verwitterten Steinblock saß und ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildniß hinein und zwar aufs lebhafteste erörterte ... Alles bewunderte den Muth Scagnarello ' s , der sich bereitwillig fand , nach einer einstündigen Rast seines Pepe , noch bis in die späte Nacht hinaus in die Berge zu fahren . Die alte Gallina besaß die Ausdauer nicht , wie der wilde ohrenspitzende Pepe , dem die Freuden im » Torre del Mauro « , dem besten und einzigen Wirthshaus von San-Giovanni in Fiore , so lebhaft von seinem Herrn geschildert wurden , als müßte die ganze außergewöhnliche Unternehmung , die der Frau baare zwei Ducati ( Thaler ) kostete , erst von seiner gnädigsten Zustimmung abhängen ... Die Frau , die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprächs der auf guten Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte , kam aus Nocera , das über Cosenza hinaus dicht am Meere liegt ... Sie hätte ihrem Kinde zufolge noch jung sein müssen ; aber sie trug schon , wie hier überall die Frauen , die Spuren zeitigen Verblühens ... Sie war die Frau eines Krämers in Nocera und konnte sich etwas zu Gute thun auf die Feinheit ihres Hemdes , das mit schönen Spitzen besetzt theils über ihr Mieder hinauslugte , theils an den Achseln sichtbar wurde , wo die Aermel ihres braunen Kleides nur durch Schnüre am Leibchen befestigt waren ... Auf dem Kopf trug sie ein rothgelbes Tuch , das in Ecken gelegt flach am schwarzen Scheitel auflag und mit seinen Enden , die mit gleichfarbigen Franzen besetzt waren , an sich gar schelmisch in den Nacken fiel ... Die schwarzen Augen der sonst schmächtigen und behenden Frau gingen hin und her , schon vor Aufregung über die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano ... Ihre kleine Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen , die schon an den Gerüsten für das Madonnenfest hingen , bald nach den bunten Uniformen der Soldaten , von denen einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie » Bisch guët ? « » Willsch Rössli reita ? « und ähnliche deutsche Herzenslaute , die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn verloren gingen ; denn auch ohne Wörterbuch , und keinesweges nur durch den Austausch von Blicken und Geberden , verstehen sich in guten Dingen alle Nationen - nur Haß und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden ... Durch den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus , die Frau war an den Gewürzkrämer Dionysio Mateucci in Nocera verheirathet , hieß ursprünglich Rosalia Vigo und wollte nach San-Firmiano , wo ihr Bruder im Kloster lebte ... Auf diese Mittheilung hin belebten sich Scagnarello ' s Züge und niemanden mehr , als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Geschichte dieser Frau erzählt ... Die Rosalia Vigo ! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ! ... Das ist nur gut , daß Herr Dom Sebastiano ( der Pfarrer von Spezzano ) beim Erzbischof in Cosenza ist - denn noch in seiner letzten Predigt an Mariä Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglücklichen , der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen müsse als andere , weil ihm sein geschorenes Haupt mit heiligem Priesteröl gesalbt wäre und bekanntlich Oel im Feuer nicht eben löscht ... Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefaßt ... Vollends hörte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers , ihren geliebten Bruder wol gar aus San-Firmiano ganz abzuholen und mitzunehmen ... Der seitwärts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano , des Murmelns einiger Graubärte , der Bekreuzigungen einiger Matronen , die Hexen nicht unähnlich sahen , achtete Scagnarello nicht - obgleich er alles zu deuten verstand und vollkommen wußte , wie sehr es eine ganz eigene Bewandtniß hatte mit der Geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ... Ach , auch Rosalia Matteucci verstand , warum einige alte Schäfer , die in der Nähe standen und den Soldaten gegenüber ihre Flinten , über ihre Schaffelle hinausragend , mit aller Keckheit trugen - sie wollten zur Messe nach Rossano - auf ihre großen Hunde blickten und deren Blässe berührten , die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser besprengt hatte ... Pepe und die Gallina und alle Pferde , Esel und Maulthiere , alle Hunde und Katzen , überhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in näherem Umgang lebte - das wilde Heer des nächsten Umgangs der Flöhe u.s.w. ausgenommen - hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen2 ... Mit dem allgemeinen , die junge Frau mehr beschämenden , als erhebenden Rufe : Das ist die Rosalia Vigo ! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ! fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder ... Schauerlich durfte es ihr erklingen , als am Fuß des Felsens , auf dem Spezzano liegt , ein Schweinehirt , der dem auf dem zerbröckelten Gestein des Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte , ihr einen Willkommen kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies ... Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten , der ihnen folgen konnte - sogleich ging es wieder bergauf - sein abenteuerliches Unternehmen , noch in die lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu wollen ... Rühmte er sich auch nicht , mitzutheilen , was er damit verdiente , so schilderte er doch die Fahrt als eine , die sich schon allein durch die guten Leute von San-Giovanni belohne ... Im Grunde alles nur , um die vollere Zustimmung des Pepe zu gewinnen , dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange der Muschel einen musikalischen Genuß empfunden haben mußten ; Pepe schlich , wie in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren ... Auch Rosalia blieb nachdenklich ... Ohnehin an Unterhaltung durch den Lärm der rauschenden Gewässer , die wieder ohne Brücken zu passiren waren , gehindert , begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen ... Sie brachte dies zu Stande nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied , sondern durch einen einzigen , lang gehaltenen Ton in A ... Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos fort , bis ihr Kindchen einschläft ... Eine Melodie würd ' es ja wach erhalten - ... Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort , das freilich im Gegentheil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte : Maccaroni ! ... Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem Zugthier die Hoffnung erwecken , am erreichten Ziel seines Führers Lieblingsspeise theilen zu dürfen , oder ist es noch ein alter Rest der hier einst üblich gewesenen Griechensprache , wo Makarie ! ein Schmeichelwort war , wie : » Du altes gutes Haus ! « - ? Gleichviel , Pepe that sein Möglichstes ... An die Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien üblichen energischen Peitschenhiebe ... Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr , als einen Wald von riesigen Farrenkräutern , die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm entspringenden Neto niederzogen ... Zur Rechten starrte die schroffe Felswand ... Jenseits der Anhöhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines Buchenwaldes , die dann jede weitere Aussicht versperrten ... Miracolo ! ... begann jetzt Scagnarello ; ihr sagt , Euer Bruder würde San-Firmiano verlassen können und wieder nach San-Giovanni in seine Pfarre kommen , die er vor zehn Jahren - der Aermste - ! - hat verlieren müssen ? Warum doch ? ... Die Frau unterbrach ihr Singen und mußte die kleine Marietta aufheben , die sich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bändigen lassen ... Ihr glaubt , sagte sie , auf eine solche Pfarre , wo die Birnen aus nichts , als kleinen Steinen bestehen ? ... Nein , ich glaube nicht , daß in San-Giovanni auch jetzt noch ein anderer Wein wächst , als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen getrunken hätten ... Signore ! Nein ! ... Seine Excellenza hat mir eine bessere Hoffnung gemacht ... Mein Bruder wird Pfarrer zu San-Spiridion in Nocera ... Ho ! Habt ihr Euch nicht versprochen , Frau ? brach Scagnarello in Erstaunen aus und Pepe benutzte ein Sichumwenden seines Herrn , um sogleich still zu halten ... San-Spiridion in Nocera ? ... Da tauscht er ja mit keinem Erzbischof drüben in Sicilien ... Dies setzte er mit einem Avanti ! und einem tüchtigen Peitschenhieb hinzu ... Freilich - in Sicilien hab ' ich ein Kloster gekannt , wo die Brüder verhungerten , wenn sie nicht abends mit der Flinte aufpaßten , ob Engländer vom Aetna kamen ... Aber in Nocera soll Euer Bruder Pfarrer werden ! ... Scagnarello war gutmüthig genug , seine Meinung : » Ich dachte , daß ihm sowol im Jenseits , wie schon hienieden die ewige Verdammniß bestimmt ist « - nicht auszusprechen ... Bei San-Gennaro ! sagte die Schwester Paolo Vigo ' s ; ich dächte , daß er sich diese Auszeichnung redlich erworben hat ... Zehn Jahre hat er büßen müssen und die Heiligkeit ist er selbst geworden ... Wißt Ihr für ganz gewiß , daß sie ihn losgeben ? äußerte Scagnarello mit bescheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend ... Der heilige Erzbischof von Cosenza , fuhr die Frau fort und reichte ihrem mildurtheilenden Führer , der die schlimmen Ansichten der übrigen Bewohner von Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu theilen schien , eine Flasche Wein aus einem ihr zu Füßen stehenden großen Korbe , der mindestens auf eine Woche mit all ' den Dingen versehen war , die man , nach ihrer Erfahrung , hinter San-Giovanni in Fiore nicht mehr als in der Welt auch nur gekannt vorauszusetzen berechtigt war - der heilige Erzbischof von Cosenza , sagte sie zuversichtlich , hat es noch gestern betheuert ... Ich bin dreimal von Nocera herübergekommen und jedes mal war der heilige Herr liebreicher und gnädiger mit mir ... Alles hab ' ich ihm erzählt , warum mein Bruder ins Unglück gekommen ist - ... Redet nur nicht davon ! ... unterbrach sie jetzt Scagnarello mit einigem Schaudern , die Flasche zurückgebend , aus der er einen kräftigen Zug gethan hatte ... Der Trunk hatte , schien es , sein Gedächtniß gestärkt , das ihm anfangs versagte , als es sich um den Gewinn von zwei Ducati handelte ... Rosalia Mateucci nahm die Flasche , stellte sie wieder in den Korb und schwieg in der That ... Sie verstand vollkommen , daß es gewisse unheimliche Dinge im Leben ihres Bruders gab , von denen man in solcher Abenddämmerung und in der stillen Gebirgswildniß nicht sprechen soll ... Ohnehin galt der Silaswald für verzaubert ... Es ist dies die Ruhestätte , wo noch immer der » große Pan schläft « ... In Abenddämmerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfüßen und Hörnern genug , sehen aus den Bäumen noch nickende langhaarige Dryaden , ertönt oft noch ein schrilles Lachen in der Luft und niemand weiß , wo all die vergessenen Schelmerein des Alterthums am Tage sich versteckt halten ; des Nachts sind sie da ... Rosalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied ... Die Sonne war höher und höher an die Buchengipfel gestiegen und endlich ganz verschwunden ... Schon hatte der Mond sich in dem weiteren Himmel , der auf kurze Zeit jetzt zur Rechten sichtbar wurde , mit silbernem Glanze gezeigt ... Die Straße , die eigentlich nur ein jetzt ausgetrocknetes Flußbett war , zwängte sich durch zwei Felsen , die sich so nahe standen , daß sie oberhalb , einige hundert Fuß höher , durch eine Brücke hätten verbunden werden können ... Scagnarello wußte nun allmählich im vollen Zusammenhang , daß seine Passagierin Rosalia Vigo , die jüngste Schwester ihres Bruders Paolo Vigo war , der in Neapel Theologie studirt hatte und doch nur die ärmste Pfarre der Welt , zu San-Giovanni in Fiore im Silaswalde , gewann ... Ein feuriger , muthiger , wissensdurstiger Jüngling , hatte er aber diese Pfarre bereitwilligst angetreten , weil sie mit einer Aufsicht über das naheliegende Kloster San-Firmiano , eine Art geistlicher Strafanstalt , verbunden war ; andererseits weil das Innere des theilweise unzugänglichen Silaswaldes noch von Ketzern bewohnt sein sollte , welche sich aus urältesten Zeiten dort erhalten haben und mit zerstreuten Anhängern in Verbindung standen , die an gewissen Tagen , auf nur ihnen bekannten Wegen , dort zusammenkamen3 ... Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte sich die Bekämpfung und Ausrottung dieser Secte gerade empfohlen ... Die Ketzer trieben Zauberei , besonders mit Hülfe der Bibel ... Da erfuhr dann aber alle Welt , daß im Gegentheil auch Paolo Vigo plötzlich von ihnen verwirrt wurde , die Bibel auf die Kanzel von San-Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von Spezzano suspendirt , ja nunmehr selbst in jenes Kloster der Pönitenten verwiesen wurde , wo er hatte erziehen und bessern wollen ... Der Guardian dieses Klosters mußte in San-Giovanni solange die Messen übernehmen , während die übrigen pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden ... Rosalia Mateucci wußte gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und des Signor Scagnarello über ihren Bruder an sich nichts einzuwenden ... Doch behauptete sie , daß ihr Bruder , wenn auch eine Zeit lang von Zauberern verblendet , doch nie im Stande gewesen wäre , in die unkatholischen Greuel mit einzustimmen ... Daß Paolo Vigo beschuldigt wurde , vorzugsweise gegen Einen , den auch Scagnarello vollkommen als einen gefürchteten Hexenmeister kannte , Nachsicht geübt zu haben - das alles ließ sich nicht wegleugnen ... Auch nicht die haarsträubende Geschichte von einem feuerschnaubenden , geradezu aus der Hölle gekommenen Hunde , welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt haben sollte , obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtschoß ... Scagnarello wußte das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen Erinnerungen : Bitte ! Bitte ! - fragte aber doch , ob sich die Frau noch des Skeletts erinnerte , das dazumal ihren Bruder um den Tod des höllischen Hundes so in Harnisch gebracht hätte ? ... Des Frâ Hubertus ! sagte die Frau mit einem halb beklommenen , halb freudigen Tone ... Er lebt noch ... Ich weiß es ja - ! ... An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zählen ! entgegnete Scagnarello , aber - gewiß lebt er noch - und ich will Euch nur gestehen - ich hatte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt , könnten wir nicht hoffen , noch den Bruder Hubertus einzuholen ... Heilige Mutter Gottes ! rief die Frau freudig erregt und wagte die gefährlichste Stellung von der Welt in Scagnarello ' s zweirädrigem Karren . Sie stand auf , hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr , selbst überzustürzen , im Arm und reckte spähend den Hals in die Weite ... Saht Ihr denn den Frâ Hubertus ? rief sie und lugte in die dunkle Ferne ... Beruhigt Euch ! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverständlich auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau , meinen Kindern und dem Pepe zugemuthet habe , mich bis Mitternacht noch auf die Straße zwischen Spezzano und San-Gio hinauszulassen , so ist es , aufrichtig gesagt , geschehen , weil ich hörte , daß Frâ Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist ... Denn was der Frate nun auch sein mag , ob ein Russe oder von Geburt ein Türke , wir alle haben ihn hier anfangs gleichfalls für den leibhaftigen Boten der Hölle gehalten - ja da erst gar , als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto gestoßen - ! ... Ich bitte Euch ! ... sagte die Frau sich niedersetzend ... Aber habt darum keine Furcht ! fuhr Scagnarello fort ... Holen wir den Bruder ein , so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten ... Der Pfarrer von Spezzano , im Vertrauen gesagt , mag ihn noch jetzt nicht - aber darum hat der Bruder , der soeben in Neapel war , doch hohe Gönner und Beschützer und , was seine Leibeskräfte anlangt , so kenn ' ich manchen , der ihm noch jetzt abends aus dem Wege geht - ... Er war in Neapel - Und ist zurück ! ... Ich weiß es ja - weiß alles - ... rief Rosalia freudig und verstummte dann . Letzteres zum Aerger Scagnarello ' s ... Er merkte , daß es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren gab ... Diese wich seinen Fragen aus und versank in eine wehmüthige Stimmung ... Es knüpften sich ihr aus der Zeit , wo sie vor Jahren ihres Bruders Wirthschaft in San-Giovanni geführt hatte , an diesen » Bruder mit dem Todtenkopf « Erinnerungen voll Schrecken ... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll für die Seinigen gesorgt , hatte ihnen jede Ersparniß nach Salerno , wo sie her waren , geschickt , hatte , der gute Sohn , die Gebühren seiner ersten Messen nur seiner Mutter verehrt ... Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und hatte das Ihrige gethan , ihm einen so traurigen Aufenthalt einigermaßen erträglich zu machen ... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie , zumal durch die Nähe des Klosters San-Firmiano selbst ... Seinem Gemüth mußte es schmerzlich sein , so viel verabscheuungswürdige Priester kennen zu lernen , die in jenem in Felsen eingezwängten , eine melancholische Aussicht in eine düstere Waldgegend bietenden Kloster leben mußten ... Außerdem lebten hier alle ehrlichen Leute damals im Kampf mit Giosafat Talarico ... Die Räuber der Abruzzen , die Genossen des Grizzifalcone , standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und Trutzbündniß und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden ... Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Geräthschaften des Opferdienstes gestohlen worden ... Kein Wunder , daß der Pfarrer sich mit Waffen versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte über seinem Bett hängen hatte ... Nun geschah es aber eines Tages , daß die Bewohner von San-Giovanni in der größten Aufregung durcheinander rannten , auf dem Marktplatz , dicht vorm Fenster des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Häusern versteckten ... Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund des lauten Geschreis ... Da hieß es , im Orte wär ' ein toller Hund ... Vom Fenster aus erblickte man in der That ein wandelndes Thiergerippe , die Zunge lang aus dem Munde hängend , die Haare borstig aufwärts gebäumt - es war ein Hund , der einem verhungerten Wolfe glich ... Kaum konnte das entsetzliche Thier sich aufrecht erhalten ... Schon knickte es zusammen und taumelte dann wieder wildschnappend auf , bis es aufs neue zusammensank ... Der Pfarrer erwies den Bewohnern von San-Giovanni die Wohlthat , in rascher Regung die Flinte zu ergreifen , abzudrücken und das Ungethüm niederzuschießen ... Und eben die Folgen dieser raschen That waren die seltsamsten ... Sie lagen in Schleier gehüllt , endeten aber damit , daß Rosalia ' s Bruder oft tagelang abwesend war , mit dem Bruder Hubertus gesehen wurde , sogar einen Ziegenhirten in San-Giovanni , der schon seit lange für einen Ketzer galt , an seinen Tisch nahm , zuletzt mit der Bibel auf der Kanzel erschien und in einer Weise predigte , die einen so großen Anstoß erregte , daß ihn sein Diöcesanbischof suspendiren mußte ... Man ließ ihn bis auf Weiteres im nahgelegenen Kloster wohnen und verbot ihm seine kirchlichen Functionen und Reden ... Aus dieser provisorischen Maßregel wurde ein Zustand , welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen schien ... Die Stolgebühren von San-Giovanni behagten auch dem Dom Sebastiano von Spezzano ... Scagnarello war durch die Hoffnung , bald den riesenstarken Bruder Todtenkopf einzuholen , so ermuthigt , daß er , trotz