zu sein ... Er nahm den Grafen bei Seite und flüsterte ihm , während Benno in ekstatischer Begeisterung : » Einmal - eh ' - sie - scheiden « , sprechen wollte und auf Armgart als die » letzte Freude « seines Lebens deutete ... Dieser Taumelkelch des letzten Entzückens sollte entweder zu hoch aufschwellen oder sich bitter - vergällen ... Bonaventura berichtete laut die eben gemeldete Ankunft eines sechsspännigen Reisewagens , der , mit einigen Damen besetzt , sofort am Portal des Hauses angefahren wäre ... Die eine der Damen , die ältere , wäre schon in den Vorzimmern - während die andere noch im Wagen verweilte ... Armgart erhob sich ... Eine Todtenstille trat ein ... Auf Bonaventura ' s Lippen lag die Ergänzung des Berichtes : Die Fürstin Olympia - und die Herzogin von Amarillas ... Alle blickten auf Benno , ob er gehört hätte - ... Das - Sakrament - ... sagte er leise ... Die Umstehenden , zu denen sich jetzt in höchster Angst auch Paula gesellte , glaubten , daß Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte ... Deine Mutter ist da ... Bereite dich , sie zu empfangen ... wiederholte Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre ... Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nähe , der sich die Stimmen der Mönche gesellten , die nach vorn gegangen waren und die plötzliche Bestürmung des Kranken hindern wollten ... Paula und der Oberst gingen schleunigst , um ihre Bitte zu unterstützen ... Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen , der mit Geberden , die denen eines flehenden , fiebergeängsteten Kindes glichen , ihn ansah und sprach : Die besten Jahre - meines Lebens hab ' ich ihnen - geschenkt - Der Tod - sei wenigstens mein und - sei euer - Laßt mich - von ihnen - frei ... Fort ! Fort ! ... Beide ! - Beide - ! ... Eiligst war der Graf an die Thür , welche in die Bibliothek führte , getreten und hatte diese verriegelt ... Benno sah diese Handlung , dankte mit zitternd ausgebreiteten Händen , sah flehend in Bonaventura ' s Augen krampfte sich um seinen Hals wie ein Schutzsuchende , wie ein Verfolgter , und wiederholte sein erschreckendes , wie Gespenster verscheuchendes Fort ! Fort ! ... Bonaventura , ohne Fassung , that jetzt nur alles , was Benno ' s nächsten Wunsch unterstützen konnte , verriegelte auch noch die zweite Thür , die in jenes Cabinet führte , in welchem die Mönche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit dem Sakrament harrte ... Im Bibliothekzimmer wurde es still ... Bonaventura bat wiederholt , die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen ... Rufe den Priester - entgegnete Benno - Ich kann - nicht mehr - italienisch - sprechen ... Armgart - mein Cherub ! Helft , helft mir - ! ... Fort ! - ... Und - Beide ! - ... Du wirst leben , Freund ! betheuerte Bonaventura , in der That noch in Hoffnung auf die große Kraft , die soviel Erregungen zu ertragen fähig war ... Wie könntest du bei diesem Entschluß verharren ? ... Ich riß mich - von meinen - Fesseln los und gelobte , sie - nie wieder - anzulegen ! ... Ich sehe dich , Schwester - ! ... Mag die Selbstanklagen , die wilden Worte nicht - hören ... Friede ! - Friede ! - Friede ! ... Mein - Gefühl für diese Mutter war - wie der angesammelte Schatz meiner unerwiderten Liebe zu allen Menschen der Erde ... Was hab ' ich ihr - nicht alles hingegeben ... Als diese heiligen Flammen verloderten , sah ich nur die Asche - Berechnung - Eigenwille - List , Rache , Haß ... Hab ' s - lange ertragen - ... Abgerechnet - nun mit - ihr und - ihrem Schatten - ... Stille - nur Stille - um - mich her ... Ich - ersticke - noch - vor - südlicher - Luft - ! ... Bonaventura und Armgart erbebten ... Sie sahen zehn Jahre eines Lebens voller Qualen , eines Lebens ohne Willen , eines Lebens der Gebundenheit und eine furchtbar ausbrechende Reue ... Wie sollten sie helfen - ! ... Eben mußte auch die Fürstin heraufgekommen sein - Wieder wurde es im Bibliothekzimmer unruhig ... Man hörte das Schluchzen und laute Reden italienischer Frauenstimmen ... Benno bat mit stummem Blick , die Thür nicht zu öffnen ... Die Kraft seines Blicks stand in wunderbarem Contrast mit dem ersichtlichen Zunehmen seiner Schwäche ... Ich will gehen , Freund ... sprach Armgart athemlos ... Laß ' sie ein , sie , denen du jahrelang ihr Glück gewesen bist ... Benno hielt krampfhaft ihre Hand fest und ebenso die des Erzbischofs ... Die Frauenstimmen verhallten wieder und nun sagte Bonaventura , er wolle gehen und sie beruhigen , Benno würde inzwischen selbst auf einen andern Entschluß kommen ... Nein ... Nein - ! ... sprach dieser und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort : Priester ! ... Wenn der letzte - Wunsch eines - Sterbenden - dir heilig ist , bewahre mich vor diesen Klagerufen ! ... Die Todten - hören noch lange - hören die Klagen um - ihr - Abscheiden ... Angiolina , auch du vernahmst - den Ruf der Mutter - ! ... Abgerechnet - Stille - Stille - wie im Walde - die Blätter - rauschen - an unserm - schönen - Strom - Armgart ! - Laßt - - mich - ... Im Hinblick auf Hüneneck , Drusenheim und Lindenwerth schien sein Bewußtsein zu erlöschen ... Erschöpft sank Benno in die Kissen zurück ... Bonaventura fragte Armgart , ob sie die Kraft behalten würde , eine Weile allein beim Freunde auszuharren , bis er den Vicar schicken würde ... Armgart verneigte bejahend das Haupt ... Bonaventura verließ durch die hintere Thür das Zimmer , machte einen Umweg durch mehrere der Gemächer und kam in den Empfangssaal zu den Aerzten und den Brüdern , die er glücklicherweise allein fand ... Er bedeutete sie , leise und unbemerkt mit dem Priester und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten ... Dann ging er ins Nebenzimmer , aus dem die wildesten Weherufe der Frauen erschallten ... 8. Vier Personen traf Bonaventura , die wol die größten Gegensätze der Charaktere und der äußeren Erscheinung bildeten ... Olympia , die jetzt Dreißigjährige , in Reisekleidern ... Die Herzogin von Amarillas , eine weißhaarige Matrone - redend gegen die verschlossene Thür , ja an ihr - mit den Nägeln kratzend ... Graf Hugo , der die Herzogin von Amarillas , nachdem sie ihm als Angiolinens Mutter bekannt war , heute zum ersten male sahe ... Die reine , nur in der Hoheit ihres Schmerzes strahlende Paula trostspendend und versuchend die Frauen zu beruhigen ... Olympia ging , wie die Löwin im Käfig , auf und nieder ... Schmerz , Reue , tiefbeleidigter Stolz kämpften in ihren Mienen ... Reue - denn sie hatte seit einigen Jahren mit Benno in Streit gelebt , hatte ihm , als er ohne sie nach Rom gegangen war , Lebewohl für immer gesagt ... Die kleine Gestalt war bewegt von Athemzügen , die ihr mächtig die Brust hoben ... Ihre seidnen Gewänder rauschten ganz schrillenden Tones ... Die Herzogin , ohnehin von der Reise erschöpft , sank zitternd , beengt von den Umgebungen , auf einen Sessel ... Sie blickte auf den Grafen , auf die Thür ... Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrsinn ... Der Graf mußte sich mit Paula beschäftigen , die keine Kraft besaß , diesen wilden südlichen Leidenschaften , denen , wie man deutlich ersah , Benno ' s Kraft schon in Paris und London hatte erliegen müssen , länger die Spitze zu bieten ... Noch ahnten die Ankömmlinge nicht die Ablehnung Benno ' s ... Sie jammerten nur um die lange Verzögerung , die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Erscheinen ... Sie wußten doch , daß Armgart von Hülleshoven am Krankenlager war ... Olympia kannte diese als Benno ' s Jugendliebe ... Ihre Mienen glichen dem elektrischen Leuchten eines dunkeln Gewölks , das ein Ungewitter birgt ... Als die Herzogin und die Fürstin Bonaventura eintreten sahen , stürzten sie auf ihn zu , warfen sich ihm an die Brust , umklammerten sogar sein Knie und beschworen ihn , sie wissen zu lassen , wie es ihrem Cäsare erginge ... Sie wollten den Geliebtesten sehen ... Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer ... Sie sahen am Benehmen des Erzbischofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens , eine ernste Entschlußnahme ... Wohl kannten sie die Strenge , deren sein sonst so mildes Gemüth unter Umständen fähig war , kannten die ganze Aufrichtigkeit , mit welcher in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde ... Meine Damen ! begann er in italienischer Sprache ... Welches traurige Wiedersehen ! ... Tröste Sie wenigstens die Gewißheit , daß mein edler Freund in den Armen von Menschen weilt , die ihn lieben ... Mehr , mehr , als wir ? ! - Als wir ? ! - Lassen Sie uns zu ihm ! riefen beide Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht ... Erfüllen Sie mir eine Bitte , sprach Bonaventura ... Die Augenblicke des Geliebten sind gezählt ... Er stirbt ? ... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus ... In wenig Stunden ist seine edle Seele hinüber ... Lassen Sie ihm die Ruhe - die jetzt um ihn her waltet ... Eben versieht ihn - die Hand des Priesters ... Ohne mich , ohne - sein Weib ? - fiel die Fürstin ein ... Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden ... Ein strafender Blick traf sie sowol aus dem Auge des Erzbischofs , wie aus dem des Grafen , der die Thür zuzog ... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende , daß Paula jetzt ihn beruhigen mußte ... Angiolinens Tod , der Ritt Olympiens durch den Park von Schloß Salem stand vor seinen Augen ... Die Herzogin war im Casino damals anfangs seinem Schmerz theilnehmend verbunden gewesen - die Zeit , die Ueberlegung , die Beurtheilung des Preisgebenkönnens ihrer Kinder hatte die freundliche Stimmung des Grafen von damals verändert ... Beruhigen Sie sich beide , sprach der Erzbischof , ich achte die Ansprüche , die Sie auf den letzten Händedruck des Freundes haben - ... Meines Sohnes ! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Thür , die zu den nach Benno ' s Lager auf andrem Wege führenden Zimmern offen stand und jetzt von Bonaventura geschlossen wurde , indem er sprach : Nehmen Sie an , Sie hätten für immer von Ihrem Sohne Abschied genommen - ... Für immer - ? - riefen beide Frauen und Olympia fügte mit gellender Betonung hinzu : ... Er will uns nicht sehen - ? ... Bonaventura schwieg ... Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich ... Dann schien sie nachzudenken , welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklärung hätten bestimmen können ... Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschluß auf und wollte an die Thür des Bibliothekzimmers ... Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes störende Geräusch verhindern ... Herzogin - ! ... sprach er fest und bestimmt ... Dann seine Stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschließende Olympia blickend , begann er : Geben Sie diese Beweisführung Ihrer Liebe auf ! ... Niemand zweifelt daran ! ... Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden , sein letzter Wille sei Ihnen heilig ... Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen , weinen Sie mit uns - ! ... An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde - ... Lassen Sie ihm die stille Ruhe des Abschieds vom Leben ... Er entschläft - in Gott ... Er bat nur um Eines - um - ewige Ruhe ... Welche Liebe ? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene , als hätte sie des Erzbischofs Worte nicht verstanden ... Meinen Gatten will ich sehen - denn das ist er - ! ... Sie rasselte an der Thür , bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia anima ! Mio cuore ! zu beschwichtigen suchte ... Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelaute - ohne Echo , ohne ein Zeichen , daß sie drüben vernommen und erhört wurden ... Graf Hugo schloß noch die von innen verriegelte Bibliothekthür ab , steckte den Schlüssel zu sich , ging zu Paula zurück und blickte nur im Vorübergehen auf den Erzbischof , andeutend , ob er nicht besser thäte , zu Benno zurückzukehren und zu versuchen , ihn umzustimmen ... Aber Bonaventura stand regungslos ... Wir stören die heilige Handlung des Abbate Orsini , sagte er ... Beten können wir auch hier ... Olympiens Augen wurden weiß vor Zorn ... Ihre Gestalt schien wie von Luft ... Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte , die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und Verurtheilung seiner Undankbarkeit verständlich waren ... Nichtsdestoweniger wiederholte er : Beten wir ! ... Drüben hörte man die Klingel des Ministranten ... Weihrauchduft durchzog die Zimmer ... Die Herzogin weinte nur noch ... Bonaventura sprach ihr mit weicher Stimme : Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank , wie sein Körper ... Lassen Sie ihm den letzten Frieden , um den er gebeten ... Mich , einen Priester , bat er , die Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten , wenn sein Auge gebrochen ist ... Es muß ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wünschen sein ... Kann ich etwas dagegen thun ? ... In jener Zeit , wo der Freund nur noch Ihnen und Italien angehörte , muß er schwer gelitten haben ... Wahnsinn ! ... Wahnsinn ! ... rief Olympia ... Sagen Sie : Verklärung und Erhebung vom Irdischen ! entgegnete Bonaventura ... Ein Gericht hat er nicht über Sie halten wollen , sondern über sich ... Sie können nicht begreifen , wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging , wie die Wipfel der Tannen , unter denen Sie einst betrogen wurden , Herzogin - wir alle wissen es mit Beschämung - doch ihm die süßesten Märchenträume sangen ... Anfangs wand er sich künstlich vom Zauber seiner Heimat , seines deutschen Vaterlandes los und verbitterte künstlich sein Gemüth gegen die Welt , in der er lebte ... Da fand er dann Sie und der künstliche Haß wurde ein scheinbar natürlicher ... Ihnen , dem Lande seiner Mutter , Ihren Interessen , Ihren Hoffnungen widmete er sich ganz ... Das wurde zum Fieberbrand , der ihn zuletzt verzehrte ... Der nordischen Sehnsucht zum Süden ging es immer so ... Nun aber , nun weht ihn noch einmal die Kühle aus den deutschen Eichen an - umgaukeln ihn die Bilder aus den grünen Tannenwäldern der Heimat des Mannes , der ihn erzog , seines wahren Vaters , des Dechanten - lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heißen Sonnenbrand , während Sie drei ja einst - genug zusammen glücklich waren - ... Die Zauberei eines Mädchens seh ' ich , das ihn in seinen letzten Augenblicken bestrickt ! unterbrach Olympia und ihre Zähne glänzten , wie sie der Wolf im Anblick seiner Beute wetzt ... Lästern Sie nicht , Fürstin ! sprach Bonaventura voll Unwillen , doch kehrte er zur Milde zurück und sagte zur Mutter : Reisen Sie mit Gott , Herzogin ! ... Sie haben lange ein Herz besessen , das sich Ihnen opferte ... Wenn dies Herz im letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit , die den armen verstoßenen Knaben , der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte , umfing , wenn er an die grünen Wälder zurückdenkt , die Sie verfluchten , weil Ihr Ehrgeiz dort betrogen wurde , lassen Sie ihm diese Erinnerungen ... Armgart von Hülleshoven schloß ebenso die Augen seines zweiten Vaters , des Dechanten ... Ich vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes , der so fest , so unwiderruflich fest ausgesprochen wurde - ... Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben ... Sie erinnerte sich der letzten Jahre in London , die unausgesetzt für Benno nur Qualen geboten hatten - Olympia hatte wieder angefangen , ihre tyrannische Natur , Eifersucht und jede Plage geltend zu machen - ... Die Mutter verstand , was Benno gethan , als er floh , und was er eben that - sie verstand , warum sein schroff gewordener , verdüsterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte ... Olympia fühlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe , aber sie ergab sich nicht ... Starr blickte sie zur Erde ... Sie hatte sich allmählich setzen müssen ... Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht ... Die Thränen der Herzogin rührten den Erzbischof ... Er gedachte der eigenen Mutter , die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das Gefühl einer großen Schuld zeigen konnte ... Er bemerkte die wiederholt bittenden Blicke des Grafen , der von Olympiens Kälte und ihrem drohenden Schweigen allmählich das Schlimmste befürchtete ... Schon hatte er gehört , daß sie in Verbindung mit Gräfin Sarzana stand ... Jetzt mußte er sogar der Terschka ' schen Drohungen gedenken ... Bitte ! sprach er zum Erzbischof und deutete an , daß man besser thäte , den Versuch zu machen , ob sich nicht Benno umstimmen ließe ... Wollen Sie mir versprechen , sich ruhig zu verhalten ? erwiderte Bonaventura ... Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten ... Die Frauen hoben flehend die Hände , selbst Olympia ... Da trat Paula , die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der Nähe der Sakramentsertheilung geweilt hatte , ihm entgegen und sank weinend in die einzigen Arme , die sich ihr entgegenstrecken durften - die ihres Gatten ... Sie sagte mit erstickter Stimme : Er ist hinüber ... Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt ... Sie schwiegen eine Weile , wie vom Strahl des Himmels getroffen - und in der That wie bestraft für all ' die Qual , welche Frauen , unter dem Vorwande der Liebe , über die Freiheit des männlichen Willens und ein nothwendiges Sichbewußtbleiben seiner Kraft verhängen können - ... Sie drängten , Benno sehen zu wollen - die Mutter wie eine Irrsinnige - ... Bonaventura erinnerte sie , wie oft der Freund von Angiolinens Tod gesprochen , wie oft er behauptet , die Schwester hätte die entsetzliche Scene zwischen ihm und der Mutter noch hören müssen , die Todten verließen die Erde weit langsamer als wir glaubten ... Und eben noch hatte der Freund in diesem Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten ... Bonaventura bat die Frauen , zu bleiben ... Selbst Klagen , selbst Thränen nicht in seiner Nähe ! ... Er hätte dies dem Freunde geloben müssen ... Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen Thür vorüber ... Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und Selbstbeherrschung ... Bonaventura benutzte diesen Moment , um sich zu entfernen ... Graf Hugo begleitete ihn ... Es drängte beide an das Lager des todten Freundes ... Beide durften es Paula überlassen , mit der ihr eigenen Güte des Tons , mit der ihr im bittersten Leid eigenen Hoheit den zurückbleibenden Frauen Worte des Trostes zu spenden ... Die Fürstin sah , daß die Herzogin dieser edlen Erscheinung gegenüber schon lange die Fassung verloren hatte , ob sie gleich wußte , daß diese blonde Deutsche die Ursache des Bruchs zwischen dem Grafen und Angiolinen war ... Oft , wenn von ihrem Ritt durch den Park von Schloß Salem als Ursache des Todes Angiolinens gesprochen wurde , hatte Olympia die Schuld auf diese Gräfin und ihr Geld geworfen ... Jetzt auch sah Olympia allmählich schon verächtlich zu ihr empor und sprach zur Herzogin , die auch von den Jahren schon tiefgebeugt schien , ein Andiamo ! nach dem andern ; ja als diese mit den Nägeln in ihrem Antlitz wühlte , brauchte sie die kalten Worte : Keine Schwäche ! ... Die Nähe des nun wirklich eingetretenen Todes beängstigte im Grunde niemanden mehr als Olympien ... Sie hätte den ehemals heißgeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten können ... » Nichts ist schöner , als der Tod ! « hatte einst die Mutter Benno ' s gesagt , als sie zu Angiolinens Leiche trat ... Sie wiederholte dies Wort - ... Sie kannte aber Olympiens abergläubische Furcht , ergab sich und sagte nun schon , daß sie auch ihrerseits fürchtete , dem Anblick zu erliegen ... Die aufgeregt hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauses konnten es zuletzt natürlich finden , daß die greise Dame , die zum allgemeinem Staunen die Mutter des Hingeschiedenen war , langsam die Treppe niederstieg und am Portal in ihren Wagen sank ... Die Fürstin ging der Schluchzenden zur Linken ... Paula begleitete sie zur Rechten ... Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der Erzbischof und der Graf nachgekommen und begleiteten sie beide bis zum Portal ... Noch einmal bat Bonaventura um Vergebung und lud die Frauen ein , in einigen Stunden wiederzukommen - Graf Hugo träfe Anstalten , dem Geschiedenen einen militärischen Katafalk zu errichten mit allen kriegerischen Reliquien , die sich noch in Benno ' s Gepäck vorgefunden hätten ... Ohne Zweifel strömte die ganze Stadt herbei , den römischen Republikaner zu sehen ... Die Herzogin versprach , in einigen Stunden zu kommen ... Olympia schwieg ... Sie sah sich mit Verachtung und einer vor Zorn bitterlächelnden Miene um ... Ihre Gedanken schienen abwesend ... Fast war es , als wollte sie die Menschen messen , die sie sah , und etwa wahrnehmen , bis wie weit sie an ihnen ihre Rache kühlen könnte ... Der Graf bot sofort den beiden Scheidenden eine Wohnung in seinem Palais an , ja er traf in ihrer Gegenwart Anordnungen , sie bis zum Begräbniß und noch auf längere Zeit würdig bei sich zu beherbergen ... Die Herzogin sah gerührt und bittend auf Olympien ... ... Diese nickte gelassen mit dem Kopf und ließ zum Hotel fahren ... Olympia hatte anders beschlossen ... Von den flehentlichsten , ja fußfälligen Bitten der Herzogin , daß sie beide wenigstens bis zum Begräbniß blieben , erfuhren nur zufällige Lauscher an den Thüren des Hotels ... Trotz Benno ' s Beistand , trotz der Mittel , die ihr Benno schon bei seiner Abreise nach Rom lebenslänglich ausgesetzt hatte , war die Herzogin schon wieder nur die Duenna Olympiens ... Sie hatte gegen diesen wilden Charakter keine Kraft des Widerstands ... Olympia fragte die gebeugte , reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie , ob sie Verlangen trüge , Armgart von Hülleshoven kennen zu lernen - ? ... Alle Welt erstaunte , als sie dann Postpferde bestellte ... Diese kamen nicht sofort und schon machte sie dem Wirth eine Scene ... Ihr Reisewagen fuhr an , sie bezahlte den Aufenthalt dieser wenigen Stunden und schritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geöffneten , rings von Menschen umstandenen Schlag ihres Reisewagens ... Die Herzogin kam nicht ... Olympia ließ den Postillon eine Mahnung blasen ... Zehn Minuten und die Herzogin erschien ... Wären die Frauen noch einen Tag geblieben , so hätte sich ein Zwiespalt , der , wie sämmtliche über diese Abreise erstaunten Freunde fürchten mußten , nicht ohne Folgen bleiben konnte , durch eine glückliche Vermittlung vielleicht gelöst ... Thiebold de Jonge traf am Morgen nach dem erschütternden Heimgang Benno ' s ein und bot eine wahrhafte Erquickung allen trauererfüllten Herzen , die er hier antraf ... Auch der Oberst und Monika waren von Castellungo herübergeeilt , sogar Hedemann , der dem ersten Jugendleben Benno ' s so nahe gestanden hatte ... Thiebold , der in innigster Verbindung mit Benno geblieben war , hatte kaum von den ersten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio gelesen , als er sich » vom Geschäft « losriß und » bei allem Unglück den glücklichen Gedanken « hatte , erst über Coni und Castellungo zu reisen ... Mit dem ganzen Schmerz der hingebendsten , treuesten , bis über den Tod ausdauernden Freundschaft traf er den Freund schon vom Leben geschieden ... Bebend trat er an den ausgestellten Leichnam , weinte wie ein Kind - ordnete aber doch sogleich des Freundes graue Locken mit seiner Linken und drückte mit der Rechten Armgart ' s Hand , die ihn gewähren ließ ... Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der natürlichen Ergebung zuerst wieder und konnte , den theuern , mit seinem Leben so innig verwachsenen Freund betrachtend , mit liebevollster Prosa sagen : » Merkwürdig ; eigentlich hat er sich nicht verändert ! « so konnte er doch sein » Er hat mich erzogen ! « mit einem Schluchzen sprechen , wie eine mit vierzig Jahren » mutterlos dastehende Waise « ... Die Verbindung mit Benno war ungetrübt geblieben ; seine von unermüdlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den stürmischen letzten Lebensjahren des Freundes die äußersten Katastrophen zu verhindern gewußt ... Jetzt war alles so gekommen , wie jener Scherz in den zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen ließ und wie er doch , nach den Regeln der Nemesis , hatte enden müssen ... Armgart und Thiebold konnten an Benno ' s Leiche noch manche Melodie aus alten Zeiten vernehmen ... Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab - » Durch wessen Schuld - ? « lag in Thiebold ' s Blicken , als er die hohe , so seltsam anders , als er erwartet , entwickelte Gestalt Armgart ' s betrachtete und an den räthselhaften Abschied erinnerte , den sie ihnen beiden einst im Schloß zu Westerhof - ihres Gelübde wegen - hatte geben können ... Jetzt erdrückte ihn fast eine Art » Ehrfurcht « vor Armgart ' s Geist und gereiftem Urtheil ... Die Veränderung des tiefbetrübten Lebenskreises wurde die mächtigste , als Bonaventura unmittelbar nach Benno ' s Bestattung zu seiner inzwischen in Rom angekommenen Mutter gerufen wurde und in der That der Graf , trotz aller Gährungen seines Innern , erklärte , das Bedürfniß zu haben , auch seinerseits den Präsidenten zu begrüßen und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten ... Monika erglühte über diese Ausrede , die einer ganz andern Rücksichtsnahme galt , vor mächtigster Regung einer Entrüstung , die sie sich nur gerade jetzt in dieser allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute ... Ein Glück , daß Thiebold ' s rege Fürsorge für alle und über alles wachte ... Das Begräbniß des Freundes , die Ausschmückung des Grabes , das Errichten eines Denksteins , alles das fiel auf seinen Theil und nichts ließ er sich von dem , » was sich ja von selbst verstände « , nehmen ... Er sagte : » Auf unserm gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Ueberträge zu gute , daß ich sie in diesem Leben nimmermehr auslöschen kann ! « ... Armgart , wie die Sonne am herbstlichen Tag , dankte ihm voll wehmüthiger Freude - so für sein Kommen wie für sein längeres Bleiben - ... 9. Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhälfte des südlichen Italien und berührt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten Trinacria , Siciliens ... Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Ausläufe der Apenninen mit den hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese ... Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete , hier in schroffe Felsklüfte zerspaltene , dort in grüne , weidenreiche , aber engumschlossene Thäler sich absenkende Gebirgskette , der Silaswald ... Wer da weiß , daß man auf dem Aetna , während unten die Dattelpalme und Feige grünt , auf der Höhe von Schneestürmen überfallen werden ' kann , begreift , daß zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Füßen und an beiden Meeren hin die ganze Pracht der südlichen Vegetation entfaltet , auf seinen Höhen aber und in seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen muß - schmale , an reißenden Berggewässern hingehende Wege , Thäler , die von hohen Felsen umgeben sind , auf denen Adler horsten , Wälder , an die sich seit Jahrhunderten die Axt nicht legte , weil die Mittel und die Kräfte fehlen , die Stämme in die Ebene zu führen ... Oft wirft die Sonne ihre südlichen Strahlen senkrecht in die feuchten Felsritzen und läßt in ihnen eine tropische Luft entstehen , wie in einem Treibhause ; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lücken zwischen den von Zwergeichen umkränzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so eisig , daß die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle , mit denen sie den nackten Körper bekleiden , über und über zusammenbinden müssen wie die Grönländer ... Weiße spitze Hüte decken die schwarzbraunen , scharfgeschnittenen Köpfe mit ihren dunkelbraunen Augen , deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen sanften , gutmüthigen Ausdruck geben ... Andere blicken dafür wieder desto wilder ... Die Schaffelle sind am Leib nach innen , an den Füßen nach außen gekehrt und bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnüre befestigt ... Ein braunrother Mantel dient als Decke für die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell ausbrechenden Gewitter ... Die Thätigkeit der Silaswaldbewohner ist größtentheils Viehzucht ... Die Ziegen Calabriens , die zu Tausenden an den schroffen Felsabhängen ihre Nahrung suchen , während die Hirten den Dudelsack blasen oder auf der alten Pansflöte vielstimmiges Echo wecken , liefern jene elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand ... Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder für Schafe und Rinder die fetteren Weideplätze sucht oder Kohlen brennt , verlegt sich auf das einträgliche Gewerbe des Schmuggels , seit uralten Tagen für dies buchtenreiche Land ein ebenso überliefertes wie der Raub ... Hier weht die classische Luft , die uns umfängt , wenn wir von den Thaten des