blickte bewegt der Eilenden nach . Sie kannte keinen Zusammenhang , suchte ihn auch nicht , forschte auch nicht . Sie begnügte sich , einen schönen vollen Blumenstrauß , den ihr eben Dorette Wandstabler hereintrug , in zwei Hälften zu theilen und die größere sauber mit einem Bändchen zu umwickeln , sie in einen feinen Briefbogen zu hüllen und in die Komthurei als Morgengruß an ihre Eltern zu schicken . Den Rest betrachtete sie voll Nachdenken . Sie mußte sich Selma ' s Rodewald erinnern , die sie ein einziges Mal flüchtig als Knaben gesehen hatte . Sie mußte der Freude gedenken , die dies Mädchen empfand , als sie bisher im Ullagrund Dankmar vor Gefahren schützen konnte , des Schreckens jetzt , wenn sie in Tempelheide das Schicksal des Geliebten erfuhr . Sie mußte sich sagen : Ich bin eifersüchtig auf ihr Glück und ihr Unglück . Egon aber kam Paulinen schon auf halbem Wege entgegen . Sie brauchten sich nichts zu sagen . Beim ersten Blick wußten sie , was sie in dieser Stunde zusammenführte . Sie zogen sich , Reichmeyer war gegangen , in das entlegenste Kabinet zurück . Dort erzählte Pauline , wie sie erst vor wenig Tagen von den Vorfällen auf Tempelheide wäre unterrichtet worden , wie sie erst von Gerüchten die Ankunft einer Enkelin ihrer Schwester , dann durch die Nachforschungen der Ludmer den genauesten Zusammenhang in Erfahrung gebracht hätte . Jener Ackermann , der des Prinzen Güter mit unbestreitbarem Glücke zu bewirthschaften begonnen hätte , wäre Rodewald ! Ihr wär ' es gewesen , als öffneten sich die Gräber ! Aber , fuhr sie fort , Rodewald ein Ökonom , ein Schaafzüchter , ein Wollhändler , ich mocht ' es nicht glauben . Dennoch ist es so . Ich bin gefaßt , Egon . Aber Sie ? Ein Blick auf Egon zeigte ihr dessen tiefste Erschütterung . Er hatte die Hand auf die Sophalehne gestemmt und stützte das bekümmerte Haupt ... Pauline fuhr fort hastig zu erzählen , von Selma , von dem Glück der Schwester , von dem Antheil , den alle Cirkel an dem Vorfall nähmen . Egon erwiderte immer noch nichts . Er kannte alle Persönlichkeiten , die Pauline erwähnte , setzte sich aus ihren Verwickelungen ihre Verhältnisse und gegenwärtigen Situationen zusammen und ließ Pauline reden , die sich neben ihn auf das Kanape setzte und gespannt lauschte , welche Entschließungen sich auf seinem Antlitz kenntlich machen würden . Man erzählt sich , fuhr sie fort , wie die Mädchen Selma und Olga sich und ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten . Im Tannenpark auf Tempelheide hängen Äolsharfen . Eine überraschte die Andre öfters unter den melodischen Klanggrüßen aus unbekannten Luftreichen . So wußten sie bald , daß in ihren jungen Herzen gleiche Flammen schlugen , gleiche Sehnsucht sie in ' s Weite und Unendliche zog . Nun tauschten sie ihre Ideale aus und nannten sie nicht . Im Scherze aber beschrieben sie sie und da Olga eine Malerin ist und Selma von allen Talenten ihres Vaters auch das einer raschen Handhabung des Crayons sich aneignete - auf Reisen welche unschätzbare Annehmlichkeit ! - so sagte Eine zur Andern : Zeichne mir Den , den du liebst ! Und Beide begannen Den zu zeichnen , den sie lieben ! Welch ' ein Schrecken nun , als sie ihre Blätter sich zeigten und eine das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte ! Die erste Angst und Überraschung löste sich in Jubel auf , die Neuverbundenen liefen zu Anna , machten sie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei sich ähnlichen Brüdern und die böse Welt zischelte schon gestern , daß es nun kein Wunder wäre , wenn die juristische Logik des alten Präsidenten eine Entscheidung des Prozesses befördert hätte , die einer Komtesse , wie Olga , statt des Narren Dystra die Hand eines plötzlich wie in Tausend und einer Nacht bereicherten Künstlers böte . Kurz , alle diese Menschen , schloß sie , kennen sich , alle treten sie in Wechselwirkungen und ziehen um uns Beide geheimnißvolle Kreise zu Zwecken , die wenigstens bei Rodewald noch ganz im Dunkeln liegen . Diese mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr betonten Worte schnellten den Fürsten , der nur halb zugehört hatte , empor . Nein ! rief er ; ich sollte dies elende Leben führen und vor der Enthüllung eines illegitimen Ursprungs zittern ? Tollkühne , verbrecherisch-leichtsinnige Menschen , die mir das Leben gaben , sollten mich im Wirbel kreiseln , willkürlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen können ? Dies Ich , dies festgewurzelte Ich , sollte unterwühlt werden dürfen von Menschen , die mich wie einen ihrer Gnade Überlieferten über dem Wasser hielten und drohend ausriefen : Ich kann dich jetzt , wenn ich will , fallen und ertrinken lassen ? Egon ! unterbrach Pauline ... Ich spreche nicht von Ihnen . Ich spreche von diesem Revenant Rodewald , der mich mit dem Blicke eines Dämons betrachten wird , als gehörte ich ihm ! Wüßte er , wie ich im Grunde ihn haßte ! Und kann ich ihm sagen , was ich so über ihn fühle ? L ' amour dans la haine ? sagte Pauline forschend . Aber Egon erwiderte : Liebe ? Ich will die Sitte , das Gesetz , das ewig Bindende der Tradition im großen Ganzen vertheidigen und soll in mir selbst den Makel der nagenden Lüge fühlen ? Ich soll die Karikatur eines Jahrhunderts spielen , das sich auf den ewigen Zusammenhang der Zeiten , den wellenförmig gleichen Strom der Überlieferung beruft und in sich selbst nur Lüge bärge ? Mitten auf der Tribüne , wenn ich von der Bedeutung des Adels , wenn er recht verstanden wird , spreche , wird mich ein innerer Fieberfrost schütteln und eben wenn ich von Quadersteinen und der grandiosen Architektur der Sitte und des Gesetzes reden will , umtanzen mich tausend Larven , äffen mich und rufen mir den Abend zurück , wo ich schon einmal in der Kammer nach drei schlaflosen Nächten plötzlich ein Riesenbild im Dämmerlicht auftauchen zu sehen glaubte , einen Teufel in rother Tracht , der auf ein Wappen zeigte , wo Fuchs und Löwe sich begatten und dabei sprach : Wir zeugen die Legitimität ! Um Gotteswillen , rief Pauline , Egon , was haben Sie ? Sie sprechen irre ! Geben Sie mir Ihre Hand ! Ich klingle ... Egon wehrte Paulinen ab . Ohne sich zu beruhigen , fuhr er fort : Ich spreche meine Qualen aus . Lassen Sie mich reden ! Wüßten es Alle , es würde mich erleichtern ... Hohenberg ! Pauline hatte soviel Aufregung an dem Fürsten selbst an jenem schrecklichen Abende nicht gesehen , wo er ihr das Testament seiner Mutter abgezwungen ... Wie ist das Leben so toll zusammengesetzt , fuhr er fort , wie ist man Seiltänzer zwischen Wahnsinn und Verbrechen , Lüge und Fratze und Jeder gibt seine Narrheit für Wahrheit aus . O Pauline , überzeugt sein von dem Richtigen und verhindert werden es auszuführen ! Ich kann mir die Thaten des Tiberius , des Philipp von Spanien und der Alba ' s erklären . Ja , ich verstehe , was es heißt : Alles zerstampfen lassen , zertreten diese Widersprüche , die uns an jedes Dummen Meinung binden , der sich Mensch nennt und deshalb geschont sein will ! Was bleibt zuletzt denn übrig ? Ich kann die Schädelkränze begreifen , die die Paläste der orientalischen Dynasten schmücken . Man muß ja grausam sein , wenn man nützen will ... Pauline war sprachlos . Sie hatte oft bemerkt , daß Egon von Hohenberg in allmäliger Folge seiner Berufung zum Minister eines großen tonangebenden Staates schon Anfälle von Geisteserschütterungen , von förmlicher Seelenstörung gehabt hatte . Sie hatte sich in Egon ' s Interesse von Drommeldey warnen lassen . Die Pathologie des Genius , sagte dieser oft zu ihr , bietet die schaudervollsten Erscheinungen . Ich bitte Sie , Geheimräthin , suchen Sie diesen Vulkan zu mildern . Er will durch sein Feuer die Welt zerstören ; er wird sich zerstören ! Denken Sie an Castlereagh , der sich das Leben nahm , an Canning , der an den Folgen seiner aufgeregten politischen Leidenschaft so früh starb ! Pauline that auch seitdem Alles , was Egon nur beschwichtigen konnte . Aber dies Auftauchen eines Todtgeglaubten ! Dies dreiste , rasche Eingreifen Rodewald ' s in das nächste Schicksal seines Sohnes ! Sie entgegnete , um die wahre Ursache der Aufregung des Fürsten zu mildern : Rodewald kann nicht geglaubt haben , daß die Fürstin von der Erde nicht hat scheiden wollen , ohne das Maaß der tiefsten Erniedrigung mit sich zu nehmen . Er hat Hohenberg gesehen , den Leichenhügel Amanda ' s , er hat in der Nähe dieser Erinnerungen bleiben wollen aus Liebe für Sie , Egon ... Der Teufel ! schrie Egon . Liebe für mich ? Ich erwidre diese Liebe nicht . Ich würde , wenn ich ihm begegnete , nicht den mindesten Schauer von Ehrfurcht empfinden . Ich finde seine Handlungsweise , wie schön sie die Mutter auch zu entschuldigen wußte , von seiner Seite verbrecherisch unter allen Umständen und vollends - Sie sagen , er würde das Geheimniß ehren ? Finden Sie darin Diskretion , daß er sich so dicht , so unmittelbar ohne Weiteres schon an meiner Existenz niederläßt ? Pauline ergriff die Hand des Tobenden und zog ihn zu sich nieder . Sie suchte den Sturm seiner Empfindungen zu mildern ... Egon , sagte sie , am Abend , wenn die Sonne sinkt , werfen die Menschen und die körperlich irdischen Dinge Schatten über die Erde , riesengroß , erschreckend anzuschauen . In der Mittagshöhe sind die Schatten klein , geringer als sie sollten , lügnerisch , schmeichelnd unsern Fehlern , Alles verkürzend und vermindernd . Ach , mein junger Freund , ich wünsche oft , ich hätte die Abendschatten schon in meiner Jugend gesehen , dem Alter würden die Riesenschatten jetzt wie die der Zwerge erscheinen . Aber dennoch , wenn wir nur Eines , nur irgend ein uns ganz beglückendes Streben noch am Abend des Lebens erreichten , legt sich allmälig die Furcht vor Menschlichem . Nennen Sie meinen Zustand , wie Sie wollen , ich bin ruhiger geworden , ich könnte Rodewald begegnen und ihm die Hand bieten zur Versöhnung ; ich könnte mein ganzes vergangnes Leben wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen , ich könnte segnen , wo ich einst fluchte , wenn nach dem Fluche unsrer Thaten nicht jede Reue zu spät käme . Ja , ich bereue meine Verblendung , meine Hast , meine immerwährende fieberhafte Sucht nach Bewährung meiner selbst und Erlebniß durch Andere ; nein , ich entschuldige nicht Alles , was auf meinem Herzen lastet ... ach , Egon , seit ich glücklich bin im Bunde mit Ihnen , möcht ' ich viel Gutes thun , alte Wunden heilen , alte Versäumnisse nachholen . Es ist aber gut , daß ich es nicht thue , mein eignes zerflossenes Gemüth nicht in den Dingen selbst , denen es sich nähern möchte , auch voraussetze ; es gäbe nur neue bittre Erfahrungen ; denn nichts rächt sich mehr , als wenn wir da gut sein wollen , Egon , wo einmal vorausgesetzt worden ist , daß wir schlimm sind . Was red ' ich Ihnen ? Was will ich ? Ich möchte Sie bestimmen , gleichgültig zu sein . Ich möchte aus den langen Schatten des Abends und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen , daß beide unwahr sind , nichts uns übermäßig sorglos , nichts uns übermäßig schreckhaft stimmen soll . Gott , Gott , könnt ' ich mir die Vergangenheit zurückrufen und meine vergangenen Thorheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen ! Was wollen Sie so verzweifeln , so tief auf den Grund aller Dinge sehen , so sich von Ungeduld verzehren , daß nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt ! Sie sind bewundert von der Welt , Sie haben sich einen Namen im Buche der Geschichte geschrieben , Sie haben Freunde , die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren lassen und sollte es auch erst dann sein , wenn Andre nach Ihnen kommen werden , was , will ' s Gott ! lange dauern soll ! Sie haben philosophische Bedürfnisse , nach denen Sie sich Ihr Leben einrichten können ... Der Fürst wollte widersprechen ... Nein , Egon , mach ' ich Ihnen Vorwürfe ? Soll ich denn dies Prinzip der Selbsterhaltung , das bei Ihnen in der größten und weihevollsten Form zur Geltung kommt - Ich bin kein Egoist , schaltete der Fürst mit Nachdruck ein . Ich bin nur in der Lage , wie alle Menschen , die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten . Was Ihr Euch Egoismus nennt , ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns selbst . Wir würden Euch nicht Egoisten sein , wenn wir Alles thäten , was Euch gefällig wäre und gegen unsre eigne tiefste Würde stritte . Wären wir schwach , würdet Ihr uns die Liebe selbst nennen ! Nun gut , Egon , räumte Pauline ein , die ihr Glück , mit dem wichtigsten und ersten Manne des Tages so zu stehen , wie sie mit ihm stand , in langen und seligen Zügen genoß und die aus diesem innigsten Behagen fließende Sorglosigkeit wieder eine » Läuterung « nannte ; wie Sie wollen , Egon , aber gewöhnen Sie sich nur an das Unabänderliche ! Lassen Sie Allegorieen , die Sie mit sich selber anstellen , diese hypochondrischen Parallelen , die Sie zwischen Ihrer Aufgabe , Ihrer Zeitauffassung und Ihrer persönlichen Lage ziehen . Warten Sie ab , was kommt ! Mit dem Stolze , den Sie auf Ihren Namen haben dürfen , sind Sie gewappnet gegen jede Anmaßung , jede zweideutige Einmischung in Ihre Existenz . Ist Ihnen der Gedanke lästig , ist die Nähe dieses Mannes Ihnen störend an sich , so könnten Sie ihn ja entfernen . Oder glauben Sie , daß seine Verwaltung - Ich gebe sie ungern auf , fiel Egon ein , allein ich opfre lieber mein ganzes Besitzthum , als in diesem geheimnißvollen , mich drückenden , meine Unbefangenheit störenden Verhältnisse ausharren . Bankier Reichmeyer war auf meinen Wunsch schon in aller Frühe bei mir . Ich will alle meine Besitzungen verkaufen , wenn es irgendwie geht ... Der Entschluß ist rasch , Egon ... Oft erwogen ! Mein Stamm wird aussterben . Für Melanie ' s Zukunft wird sich sorgen lassen ... Ich gebe diesen Besitz auf . Überlegen Sie ! Grade meinen Gegnern gegenüber , die auf den Boden basiren und Steuerbefreiungen haben wollen , geb ' ich mein Besitzthum auf . Ich wäre nicht mehr Minister , wenn wir Allodial- und Majoratsvertretungen in unserm Staatsorganismus einführten , ich verließe Deutschland . Ich will kein Pair des Hofes sein , wenn erst die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairsmachen wieder angelangt sein wird ... Eine Unterbrechung störte diese Auseinandersetzung . Pauline wußte , daß Egon von Hohenberg keine Absicht hatte , sich durch Rodewald ' s Rückkehr aus Amerika von seiner Bahn des Ruhmes stören zu lassen . Sie fand ihn so erfüllt vom Standes- und Kastengeist , wie es ihr in der Ordnung schien . Für die Sentimentalität der Mutter war hier kein Raum gegeben . Trotz ihrer schönen Redewendungen über lange Abend- und kurze Mittagsschatten , trotz ihrer melancholischen Schleier , die sie auf ihre jüngere , richtiger mittlere Lebensepoche warf , hätte sie nichts dagegen gehabt , wenn der Fürst irgend eine gewaltsame Entfernung seines eignen natürlichen Vaters beantragt hätte . Sie hörte voll Zufriedenheit , daß sich der Fürst begnügen würde , das Pachtverhältniß des Ankömmlings rückgängig zu machen , lobte Egon ' s Entschluß , dies Vorhaben schon innerhalb der nächsten vierzehn Tage in Ausführung zu bringen , bat den Sohn ihrer Liebe , wie sie ihn gern nannte , zur Erörterung so vieler Dinge , die seit der Abwesenheit des Ministers vorgefallen , heute bei ihr wie sonst ohne seine Gemahlin ein trauliches Diner einzunehmen , erhielt die Zustimmung und verließ den Fürsten , an den inzwischen bereits auch schon wieder die mächtige Woge und durch die kurze Abstauung nur stürmischer gewordene Brandung der Geschäfte anschlug , mit vollster Zufriedenheit . Er fuhr zum König , sie ging zu Melanie . Diese war mit ihrer Toilette beschäftigt und unterhielt sich mit ihr nur zum Abschied durch eine spanische Wand . Sie hörte die Bestimmung , daß Egon bei Paulinen äße und öffnete nur , um das schöne unfrisirte Haupt hinauszustrecken mit der leise geflüsterten Frage : Wurde von ihm gesprochen ? Von wem ? Dem Gefangenen ? Beste ! Das muß seinen Lauf gehen . Diesem Glücklichen winken so viel Lebensfreuden , blühen so viel große Hoffnungen , daß ihm für seine geheime Verbindung eine Haft von einem oder zwei Jahren - ich kenne das Strafmaaß für Verschwörungen nicht - keine so grauen Haare machen wird , wie er und das Treiben seiner Genossen schon dem Fürsten gemacht haben . Damit , fast strafend , ging die große , schlanke , stolze Frau von Dannen . Die Fürstin aber drückte die Tapetenthür zu , vollendete ihre Toilette und benutzte die nun bis spät gegen Abend dauernde Abwesenheit des Fürsten zu ihrer liebsten Erholung . Durch Dorette Wandstabler , die sich ihr , mit klugem Takte , unbedingt ergeben hatte , ließ sie in einem der kleinen Kabinette des Gartensalons heizen , eine ausgezeichnete Tafel zu drei Couverten herrichten und die Eltern , die so theuern , so geliebten Eltern für heute zu sich einladen . Nach einer halben Stunde schon wußte sie , daß die Mutter , schmollend , wie seit der ganzen Heirath , da Melanie keine » Ehepakten « dulden wollte , nicht kommen würde , aber der Justizrath , hieß es , würde kommen ... Schlurck kam . Es war dasselbe Palais , in dem er früher als Herrscher gewaltet hatte , dasselbe , das er mit der Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen müssen ; jetzt würde er es , als Vater der Fürstin , mit dem alten sichern Selbstgefühl wieder haben betreten dürfen , aber les jours de fête sont passés , sagte er oft selbst . Er war zusammengefallen , älter geworden , nachlässiger in seiner Kleidung sogar . Zwar trug er noch keine schwarzen Fräcke , er war bei seinen blauen mit Metallknöpfen geblieben , aber es saß ihm Alles weit und schlottrig . Es fehlte die alte Elastizität . Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht ... Seine Plaudereien über den Pavillon , die kleinen Gemächer , die servirte Tafel waren ganz im alten Geschmack , er begrüßte die Fürstin mit Innigkeit , entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prüfungen des Geschicks über die Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor , meinte dann aber doch , diese ihm so von seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe hätte etwas dermaßen Rührendes für ihn , daß er fürchte , die Speisen würden nicht von seinem Appetit die Anerkennung finden , die der Koch des Palais ' verdiente . Doch ermunterte ihn Melanie , setzte sich ihm gegenüber und genoß die Freude , den Vater eine Weile glücklich zu sehen . Die Weine machten ihn beredter . Er fragte nach dem Hohenberg , nach Frau von Zeisel , seiner letzten Herzensverirrung , über die er zu seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte , er wollte von Henrietten ' s von Sänger gegenwärtiger Neigung hören , ob Civil , ob Militär , ob Geistlich , ob Weltlich , er wollte von Ackermann hören , über dessen Metamorphose er nicht unterrichtet war . Melanie erzählte ihm Alles . Er kannte Rodewald nur aus dunkelster Erinnerung ; er besann sich , einmal den Namen in jüngern Jahren gehört zu haben . Von Dankmar ' s Verhaftung wußte er nichts . Er las keine Zeitungen . Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben , das ihm zu beweisen schien , daß die Welt in der That aus Nichts geschaffen wurde . Noch ehe die Fürstin , aus Rücksicht auf die Bedienung , von jenem sie und den Fürsten so nahe berührenden Vorfall sprechen konnte , hatte er geäußert : Diese neue plötzliche Erhebung hat jede Narrheit mündig gemacht ! Die Blätter sind weißes Papier , die nach Füllung lechzen und womit füllt man sie ? Das geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich immer gleich so aus , als wenn es bestimmt wäre , die ganze Geschichte des Alterthums , der Hohenstaufen , Schiller und Goethe zu ersetzen . Ich mußte früher über diese Politik lachen , jetzt ärgr ' ich mich über sie . Glaubt man , irgend eine Frage in dem großen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen zu können , meldet man sich gleichsam um ' s Wort , so hat es schon ein Dutzend Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die Welt gekommen zu sein . Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt , Kind , der alle Schönheitsregeln über Bord geworfen hat ! Früher waren wir auch egoistisch , wir thaten im Durchschnitt immer mehr für uns als für Andre , aber so malhonett wie jetzt ging es dabei doch nicht her . Jetzt stößt man sich auf die plumpste Art vom Brunnen weg , um Wasser zu holen , früher wartete man doch , unterhielt sich doch , plauderte , schwatzte durch gute Witze die Mägde vom Schwengel weg und ging mit seinem gefüllten Eimer lachend davon , wenn jene noch auf die Pointe warteten und das Maul aufsperrten . Ach , mein bestes Kind , diese schrankenlose Emanzipation nicht etwa der Presse , sei die frei , nicht etwa der Juden , mögen die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstände werden , nicht der Frauen , eine Emanzipirte haßt die andre so , daß sie sich unter einander selbst aufheben ; aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit , siehst du , die ist schrecklich ! Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Fünftel der Mitglieder immer das Maul . Denn warum ? Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch oder Hebräisch . Jetzt solltest du dies Gesumme hören ! Jeder kommt um ' s Wort ein und Jeder weiß auch etwas zu sagen ; denn eben das Redenswerthe ist jetzt nur noch der alltägliche Zeitungsschnack ... Nun kommt man mir oft und will von den Maßnahmen des Ministeriums hören . Ich kann mit Fug und Recht fragen : Wer ist jetzt Minister ? Denn wer z.B. unsre Finanzen verwaltet , das weiß ich in der That nicht . Ich erstaune über Aufstände , die längst unterdrückt sind und weiß wirklich nicht , sind die Schleswig-Holsteiner in Kopenhagen oder sind die Dänen wieder in Altona ? Oft bereu ' ich , daß ich damals nicht mit dem Übergang in die Politik Ernst machte . Ich glaubte nicht an die Möglichkeit , daß ich jemals meine Administrationen verlieren würde . Was ich jetzt wäre , weiß ich nicht . Vielleicht bankrott , wie jetzt eben fast auch , aber eine Nationalsubskription hätte mir vielleicht ein Landhaus gekauft , hätte meinen Wagen , meine Pferde gerettet und ich könnte auf hundert Komités Wechsel ziehen . Wer weiß , ob ich nicht einige Minister zu Tode geärgert hätte ! Wer weiß , wenn es geheißen hätte : Nun fehlt nur noch eine Stimme , die des Justizraths und Obertribunalprokurators Franz Schlurck , und nun hätt ' ich mich in Preis gesetzt , ich hätte für mein Ja ! den Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt , etwa im Steuerfache , wo einem die Sportel-Delikatessen verfaulen , weil man die Menge nicht unterzubringen weiß und doch damit keinen Handel eröffnen kann . Warum nicht ? Meiner Familie zu Liebe hätt ' ich vielleicht alle Bürgerkronen der Welt ausgeschlagen , falls man mir eine fixe Anstellung von 5000 Thalern als Äquivalent geboten hätte . Dann - ah bah ! - dann - dann hätt ' ich immer noch manchmal ein bischen rebellisch werden können und auf Zulage , Gratifikationen hin meine Pandekten anders interpretiren als die Minister . Denn Das weißt du doch noch , liebes Kind , daß der beste Kommentar über die Pandekten aus dreißig Bänden besteht und der Verfasser desselben Glück heißt ? Das Glück ist unser wahrer Professor der Rechte ! Das Glück legt die Pandekten immer am Bequemsten aus , nur das Unglück weiß gleich den Sinn zu finden , der hinreicht , Einem den Hals umzudrehen . So hör ' ich z.B. , daß jetzt in unserm Johanniterprozesse ... Leider wurde der Justizrath an dieser für seine Tochter fesselnden Stelle durch die Bedienung unterbrochen ... Die Speisen , die Melanie ihrem Vater bei diesen kleinen geheimen Diners zu serviren pflegte , waren so kunstvoll zubereitet , so auf seinen feinsten Kennergeschmack berechnet , daß er sich bei der Würdigung derselben , wenn sie eben aufgetragen wurden , von jeder Erörterung abstrakter Fragen entfernte und den Faden derselben in der Analyse von Zubereitungen verlor , wo er jedem Pfefferkörnchen , jeder Kaper , jeder zerriebenen Sardelle nachspürte und die Komposition und ihre Bestandtheile in die Zeit des Kochens , des Röstenlassens , des Durchseihens u.s.w. fachkennerisch auflöste . Der Champagner floß dabei und die Tochter ließ den Vater ruhig durcheinander reden . Sie gönnte ihm diese stillen Augenblicke seines verkürzten Lebensglückes . Endlich gegen Ende der Tafel , die zuletzt doch wieder alle Lebensgeister Schlurck ' s geweckt hatte , fand sie Gelegenheit , ihm das neueste Erlebniß auf dem politischen Gebiete , das er nicht kannte , die Verhaftung Dankmar Wildungen ' s , mitzutheilen . Diese würde Schlurck wenig interessirt haben , sie würde ihm sogar eine Genugthuung für all ' das Unglück gewesen sein , das seit dem Schrein mit dem vierblättrigen Kleeblatt-Kreuze über sein Leben gekommen war , aber er wußte , wie Melanie für den kühnen , entschlossenen , kalten jungen Mann fühlte , dem er damals vergebens die Hand des schönsten Mädchens der Welt anbot , er sah bestürzt in ihr Auge , er wußte , daß sie litt , daß sie Egon , diesen ihm aus tiefster Antipathie verhaßten Schwiegersohn , nur aus Pflichtgefühl in Ehren hielt und voll Wehmuth ihr die Hand reichend , sagte er nach einem Rückblick auf die erste Bekanntschaft mit Dankmar : Mit diesem abenteuerlichen jungen Manne würden wir uns in Strudel gestürzt haben , bei denen selbst das größte Glück der Erde uns keinen Genuß bereitet hätte ! Schon im Heidekrug damals verrieth sich die Idee einer solchen Verschwörung , wie sie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geschlossen sein soll . Diese neuen Propheten des Geistes thun schon Wunder , die Todten stehen schon auf , die Blinden sehen und die Tauben hören . Sie gehören gewiß auch zu diesem merkwürdigen neuen Bunde ? sagte mir kürzlich der Propst Gelbsattel und wollte die geheimen Zeichen der Verschwornen wissen . Ich sagte ihm , ich wisse nicht mehr davon als die Kühe , von denen mir unbekannt wäre , ob sie im Klee Dreiblätter von Vierblättern unterschieden . Aber nun biß er erst recht an . Sagen Sie mir nur , rief er in seiner Geheimnißsucht , wie und wo bringen die Ritter vom Geiste ihr Symbol , das vierblättrige Kleeblatt , an ? Machen Sie das Zeichen auch mit den Fingern am Halse , wie wir Freimaurer oder drücken Sie sich auch die Hände auf unsre Art ? Haben Sie einen verborgenen Kultus , höhere und niedere Grade ? Ist es wahr , daß Sie sich in Höhlen versammeln und von den alten Templern Ceremonieen entlehnten , die an unsre Kunst anknüpfen ? Auf alle diese wundergläubige Geheimnißsucht konnt ' ich nur erwidern , daß sich die geheime Vehme noch bei mir nicht hätte blicken lassen ; man erzähle sich aber , sie klopfe bei Jedem an , der irgend eine kühne That unternähme , irgend eine Lanze mit den Fürsten breche , irgend ein Dogma der Kirche umzustoßen wage , besonders wenn er dabei ein Amt zu verlieren nicht achtete ; solchen freiwilligen Märtyrern geschähe es augenblicklich , daß Nachts etwas an ihr Fenster poche und wenn sie hinaussähen , ständen gewöhnlich drei Vermummte auf der Straße , riefen mit Beziehung auf den in der Schlafmütze zum Fenster hinausblickenden abgesetzten Regierungsrath oder disziplinirten Appellationspräsidenten oder nicht mehr zu Hofe geladenen Kirchenprälaten : Ein Vierblatt ! Und augenblicklich , sagt man , hebt sich ein Stock in der Form eines Pilgerstabes in die Höhe , an dessen krummem Endschnabel sich ein Sack mit vollwichtigen neuesten Doppelfriedrichsd ' oren befände ! Gelbsattel lachte ungläubig . Aber ich sagte , er möchte es nur einmal versuchen , er möchte nur einmal der Regierung den Fehdehandschuh hinwerfen für den Beweis , daß unsre Verfassung mit der Macht der Oberkonsistorien in keinem Einklang stünde und überhaupt die Wiederherstellung einer Menge von organischen Institutionen nur dazu versucht würde , um allmälig die Verfassung aufzulockern und in die inzwischen erstarkten andern Institutionen , als da sind : Kreistage , Kirchentage , Provinziallandtage u.s.w. aufzulösen , er möchte nur einmal ausrufen : Christus würde auch die Deutschkatholiken für Menschen erklärt haben ! Da stutzte der Mann , erschrak , zitterte , grübelt aber doch , ich wette , Tag und Nacht , welchen kleinen Handschuh er dem Ministerium Hohenberg in ' s Gesicht werfen könnte , ohne dabei 1 ) die Gunst des Hofes , 2 ) seine Propstei zu verlieren und 3 ) wo möglich doch den nächtlichen Besuch der Ritter vom Geiste und ein Exemplar der Statuten zu gewinnen , die auf einem merkwürdigen Papiere geschrieben sein sollen , nämlich