seine übrigen Werke den Nachfolgern überlassen zu sollen , daß er sich anbequemte und Gedanken annahm , die eben auch in der konservativen Sphäre die üblichen Allerweltsgedanken waren . Die Freunde , Dankmar an der Spitze , der nun in seine Hand Gegebene , hatten ihm diese Wendung vorausgesagt . Er konnte sie nicht vermeiden , haßte darum aber auch nicht wenig die Urheber dieses Zerwürfnisses mit sich selbst und diese Urheber saßen dicht in der Nähe des Monarchen , buhlten um seine Gunst , waren die tägliche Genossenschaft der auch ihm unzerstörbaren kleinen Cirkel . Der Hof genoß die Ruhe , die Egon dem Lande schaffte , in brusterlösenden , athembefreienden Zügen . Das war eine Seligkeit , so die Gefahren allmälig verschwinden zu sehen , wie verrollende Donner . Die großen Mächte hatten sich wieder gefunden , die Höfe sich ausgesöhnt , die nationalen Reibungen wurden für falsche Deckmäntel der Revolution ausgegeben . Die Monarchen wollten sich unter sich selbst verstehen , sie schlossen sogar die Minister aus und erklärten , wohl zu verstehen , worauf es in Europa ankäme , nämlich lediglich auf ihre Selbsterhaltung . Sie wollten nur Armeen , nur Soldaten , nur Kanonen , nur Orden , nur Geld . Das Übrige , selbst an den ihnen ergeben scheinenden und doch nicht ganz spezifisch geläuterten Staatsmännern , war überflüssig und nicht selten verdächtig . Ganz besonders war es die junge Königin , die genug mit tonangebenden Fürstinnen dieser Zeit korrespondirte , um diese Idee energisch zu vertreten . Es kostete Mühe , wenigstens dem Könige noch den General Voland und seinen weltträumerischen , sentimental haltlosen Standpunkt zu retten . Die Königin verdächtigte Alle , ausgenommen einige Kammerherren , einige Offiziere , einige Präsidenten und Räthe , einige Professoren , einige Zeitungsschreiber . Sie erklärte , daß im Augenblick der Gefahr sich im Grunde Niemand bewährt hätte , und als der König erwiderte : Aber General Voland würde es , wenn er nicht gerade auf Reisen gewesen wäre ! widersprach sie zwar nicht , bemerkte aber , der Staat käme ihr vor wie ein schwankendes Schiff , Alles renne auf ihm hin und her , Jeder wolle helfen und grade von dem Rennen , grade von dem Helfenwollen verlöre das Fahrzeug das Gleichgewicht und schlüge über ; es solle daher nur Jeder ruhig auf seinem Platze sitzen bleiben , dann würden Alle gerettet werden . So konnte sie auch an Fürst Egon zwei Dinge durchaus nicht ertragen . Einmal : seine mangelnde » Sittlichkeit « und zweitens die geringe patriotische Schwärmerei . Grade das Tiefsittliche in Egon , grade das gegen den Hang der Natur in ihm fortwährend Rebellirende verstand sie nicht . Sie wollte die Demonstration der allgemein herrschenden Sittlichkeits-Grundsätze . Sie wollte Kirchenbesuch , Adelsgefühl , die Theilnahme an dem Esprit de corps jenes moralischprüden Wesens , wie man es einmal eingeführt und festgehalten wünschte . Egon paßte in diese Kategorieen nicht . Er besuchte die Kirche nicht , er that nichts für die innere Mission , er heirathete ein schönes , den verschiedenartigsten Urtheilen ausgesetztes Mädchen . Er führte diese Frau zwar nirgends ein , muthete Niemanden zu , ihr zu huldigen , ließ sie nur da gelten , wo man sich ihr zu nähern sich selbst gedrungen fühlte ; aber auch in diesem Stolz lag etwas Verletzendes für die hochgestellten Menschen , die unbedingt einmal nicht wollen , daß sie in irgend einem Vorfall der Welt umgangen , in irgend Etwas unberücksichtigt , vermieden bleiben . Dieser Stolz des Fürsten wurde vollends beleidigend für die Sphäre des Hofes , wenn Egon von Hohenberg gar so that , als wäre der Staat ein Erstes und die Monarchie doch erst ein Zweites und nun gar dies Königshaus wohl selbst erst ein Drittes . Die reaktionäre Wildheit und Blindheit hatte grade umgekehrt nicht nur die Monarchie , sondern grade diese Monarchie , dies Herrscherhaus grade mit seinen Erinnerungen , seinem historischen Gepränge , seinen Wappen und seinen Bannerfarben für das Erste im Staate und den Staat selbst erst als das Zweite erklärt und in einer solchen Ideenwelt stand Egon trotz seiner Demokratenverfolgung , trotz seiner rücksichtslosen Bekämpfung der ihm anarchisch scheinenden Gesellschaftselemente , gradezu wie ein Fremdling da . Und sonderbar , Pauline von Harder hatte Recht , als sie ihm einmal , da er bei irgend einem Anlaß von seinem wahren Vater Heinrich Rodewald gesprochen hatte , erwiderte : Im Gegentheil , Egon ! Sie besitzen ja einen Adelstolz , wie ich ihn bei keinem Marschalk , keinem Harder angetroffen habe ! Sie sind ja das ganze Bild jenes unabhängigen Adelsgeistes , den die Fürsten im Grunde so sehr fürchten , wenn er nicht zu Hofe hält und von der Sonne ihrer Huld sich bescheinen läßt ! Wissen Sie denn , daß Amanda von Bury stolz war und ihren Adel höher hielt als den der Hohenbergs , bis in der That die Fürstenkrone sie ganz verwirrte ? Ihr tiefes Körperleiden , ihre geringen gesellschaftlichen Erfolge untergruben sie . Voll Schmerz und Zorn floh sie auf die ländliche Zurückgezogenheit ihrer Güter und ich kann mir ' s denken , daß trotz aller Selbstkasteiung , trotz alles Beichtbedürfnisses sie eine eigenthümliche Befriedigung darin gefunden hat , Ihnen zu sagen , daß Sie ihr Sohn , nicht der des gefürsteten Grafen Waldemar von Hohenberg sind ! ... Egon lehnte diese Vermuthung , lehnte seinen Adelsstolz ab und nannte sich nur einen Staatsphilosophen , der an seiner eignen Geschichte erkenne , was eigentlich den modernen Staat wurme und an ihm zehre ; es wäre dies das tiefe Gefühl seines eignen innerlichsten Irrthums ! Am Hofe mußte er bei solchen offnen und verschwiegenen Auffassungen längst für einen Grillenfänger gelten , den man nur noch zu schonen hatte . Man schonte ihn , weil man noch keinen Nachfolger hatte und erst allmälig die Menschen , die besonders die Königin ihm aus den Reihen der frömmelnden und servilen Beamten oder der bramarbasirenden Junker gern substituirt hätte , von ihren niedrigen Stellungen in der Beamten-Hierarchie emporsteigen lassen mußte . Egon erkannte diese Politik sehr wohl und unterschrieb die Beförderungspatente von Legationssekretären , Subaltern-Offizieren , bisherigen Landräthen , reaktionären Zeitungsredakteuren einst mit einem Worte , das man am Hofe sehr abscheulich fand : Jeder Mensch ernährt mit seinem besten Lebensblut die Würmer , die ihn tödten , die aber dafür auch zuletzt den hohen Genuß haben , an seinem Leichnam sich selber todt speisen zu dürfen . Mit düstrer Verbitterung sich in alles Das ergebend , was sich in seinen Verhältnissen zu den früheren Freunden nun einmal so und nicht anders gestaltet hatte , ging der Fürst gegen zwölf Uhr endlich zur Ruhe . Hatte ihn gleichsam die eigne Schuld Dankmar ' s an dessen Loose beruhigt , hatten ihn wieder die Papiere versöhnt , die er über Ackermann ' s Verwaltung neben seinem Bette liegend fand , er schlief besser als jemals und hörte am Morgen spät erwachend mit ruhiger Gelassenheit , daß der Gefangene schon in aller Frühe in einem Wagen zur Residenz abgeführt war . Er fährt einer Überraschung entgegen , sagte einer seiner in der Frühe mit ihm arbeitenden Räthe , er wird den Prozeß gegen uns und die Stadt vielleicht gewinnen ! Der Generalpächter soll gestern Abend die Nachricht mitgebracht haben , daß zwei kleine Pünktchen in den alten lateinischen Urkunden die Entscheidung herbeigeführt hätten . Ist Ackermann also da ? fragte Egon , trotzdem , daß sich Dankmar bei diesem verborgen gehalten , von der Nachricht seiner Ankunft angenehm berührt . Er hoffte , sich gegen ihn aussprechen zu dürfen . Er hoffte , ihm sagen zu können , daß er seine Nachsicht aus Liebe zu Selma , seinem Kinde , verzeihlich finde . Er hoffte , Versicherung geben zu können , daß gegen Dankmar nur der Verdacht vorläge , Stifter eines geheimen , den Staat bedrohenden Bundes , keiner eigentlichen Verschwörung zu sein ... er hoffte auf eine , seine Brust erleichternde Unterredung mit diesem Landwirth , der ihm unter so vielen Querköpfen , mit denen er zusammenstieß , seit lange die gediegenste und tüchtigste Natur erschien ... Er hatte die Absicht , im Laufe des Tages das Schloß zu verlassen und in die Residenz zurückzukehren , wo seine Gegenwart bei der wühlerischen Unruhe der Königin und ihrer Partei nothwendig schien ... Eine Anfrage an die Fürstin , ob sie geneigt wäre , für heute schon die gemeinschaftliche Rückreise zu gestatten , brachte die Antwort : Mit Freuden ! Egon fühlte , daß Melanie unter Dankmar ' s Schicksal litt . Er wußte nicht , daß sie ihn geliebt hatte , er wußte nicht , wie sie ihm jenes Bild der Mutter erobern half , aber er wußte , daß er ihr werth war und zu seiner Philosophie gehörte es , einem Weibe , das man liebt , nicht die Vergangenheit vorzuhalten . Er hatte Das auch bei Helenen nie gethan und bei Melanie dafür neue Beweise gegeben . Um neun Uhr wollte er die Fürstin sprechen ... es hieß , sie hülfe räumen , einpacken ... Um zehn fragte er ungeduldig , wann denn endlich Ackermann käme ... Um halb eilf kam Herr von Zeisel und berichtete über Dankmar Wildungen und seine ruhige Ergebung in das ihm widerfahrene Geschick . Überraschend war die Mittheilung , daß der Generalpächter schon gestern Abend , als er Herrn von Zeisel mit dringender Theilnahme wegen des Gefangenen im Amthause befragte , die sonderbare Enthüllung über seine Person gegeben hätte , daß er bisher von Verhältnissen gedrungen gewesen wäre , einen andern Namen zu führen , als der ihm eigentlich gebühre . Er bäte davon Act zu nehmen . In der Residenz hätt ' er sich aus Ursachen seinen Verwandten erst jetzt entdecken können und bäte ihn nun ... zu nennen ... aber wie ? Egon fand es sehr in Herrn von Zeisel ' s Art , daß er den zu seinem neuen Befremden erst jetzt angegebenen wahren Namen des Generalpächters nicht behalten hatte . In demselben Augenblicke aber wurde von dem Bedienten der Generalpächter Rodewald genannt , als derjenige , den Se . Durchlaucht jetzt in der That sprechen könnten , er stünde im Vorzimmer ... Wer ? fragte der Fürst und glaubte nicht recht gehört zu haben ... Richtig ! Rodewald ! sagte Herr von Zeisel und gab nun mehrmals den Namen an , der ihm entfallen war . Rodewald ! Der Generalpächter erzählte mir in der Theilnahme für das Geschick seines vermeintlichen Schreibers , den er duldete , weil er seine Tochter liebte , daß er vor dreißig Jahren auswanderte , der Sitten und Beziehungen der Heimath unkundig , nicht ahnend , daß er die Verantwortlichkeit einer Schuld auf sich lade , die auch vielleicht geringer wäre , als sie die Gesetze darstellten ... Welcher Name ? sagte der Fürst fast schon tonlos ... Rodewald ! wiederholte der Justizdirektor . Ich werde die Verdienste und das Genie dieses Mannes nie in Abrede stellen . Er hat sich eine Aufgabe gestellt , die über meine Kräfte gegangen wäre . Es ist ein Kameralist in der besten Bedeutung des Wortes . Nach seinen Mittheilungen glaub ' ich zu schließen , daß diese Übernahme der Güter Ew . Durchlaucht ihm rein eine Sache der Liebhaberei und dabei ein heiliger , ja edler Ernst ist und ich möchte bitten , meinem guten Nachbar das Versehen ... Aber Herr von Zeisel mußte eine eigenthümliche Wirkung seiner freundlichen Rede bemerken . Er sah , daß der junge Fürst schwankte , sich zum Herzen griff , nach seinem Stuhle langte ... Um ' s Himmelswillen , was ist Ihnen , Durchlaucht ? rief der gutmüthige Mann und wollte klingeln . Der Bediente entfernte sich rasch , wollte Wasser holen , rief ohne Zweifel dem wahrscheinlich noch mehrere Zimmer entfernten Rodewald zu , er möchte später kommen ... Der Sekretair des Fürsten begegnete aber dem Bedienten schon und hatte eine Karte in der Hand , die er dem Fürsten von dem Harrenden noch übergeben sollte ... Egon erholte sich etwas und vernahm , was ihm unter Fragen nach seinem Befinden gemeldet wurde ... Der Generalpächter hätte diese Karte abgegeben , die den vollständigen Namen enthalte , den er seit acht Tagen führe ... er bäte Se . Durchlaucht um Verzeihung über sein langes Ausbleiben ... Familienverhältnisse hätten seine Rückkehr verzögert ... Indem las Herr von Zeisel die Worte : Heinrich Rodewald , Generalpächter der Besitzungen Sr. Durchlaucht des Fürsten von Hohenberg ... Egon griff nach der Karte , überflog sie ... man brachte Wasser ... Er schien sich aber erholt zu haben . Die Hülfe war nicht mehr nöthig . Der Justizdirektor glaubte sagen zu dürfen : Es nimmt allerdings gegen eine Persönlichkeit ein , wenn sie gleich Anfangs nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaub ' ich , dieses kleine aus Familienrücksichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch der Nachsicht Ew . Durchlaucht anempfehlen zu müssen ... Diese Vermittelung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nöthig . Egon hatte schon entschieden . Ein furchtbarer Verdacht , nicht mehr Herr seiner selbst , außer Paulinen von Harder , nicht einziger Besitzer seines Geheimnisses zu sein , hatte ihn wie ein Blitz ergriffen . Das erste Gefühl bei dem Namen Rodewald war das des Entsetzens , der Furcht , der Liebe , der Rührung . Als er aber wieder hörte : Heinrich Rodewald , als er Dankmar Wildungen mit Dem , der ohne Zweifel Der war , der ihm das Leben gegeben hatte , in Verbindung sich dachte , ergriff ihn die entsetzliche , ihn nicht zu Boden schmetternde , sondern zum Zorn , ja zur Wuth aufstachelnde Vorstellung von einem geheimen ihn umspinnenden Netze einer bösen verrätherischen Absicht ... und nun gar das Wort : Generalpächter der Besitzungen Seiner ... O sagen Sie dem Generalpächter ... Der Name erstickte auf der Zunge . Dennoch raffte er sich auf und fuhr zu dem Sekretair fort : Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald , daß ich ihn jetzt nicht mehr sprechen kann . In einer Stunde reis ' ich ab . Nach der Residenz würd ' ich ihm den Tag melden lassen , wo ich ihn zu sehen wünsche , falls ihn der Ruf der Gerichte nicht früher dorthin vor die Schranken fordern sollte . Der Sekretair ging mit dieser den Umständen angemessenen Antwort . Herr von Zeisel wurde leidlich freundlich entlassen ... Keiner Besinnung mehr fähig , gab Egon die Befehle zur Abreise . Er war wie ein zur Flucht Gehetzter ... Melanie erstaunte ... begriff den Zusammenhang nicht ... Nur fort ! fort ! herrschte der Fürst in dem ihm eignen kalten und unerbittlichen Tone , wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der Nothwendigkeit ergriffen hatte . Er aß nichts . Er stand Niemanden Rede . Jedermann glaubte , nur ein Staatsgeheimniß könnte ihn so erschüttern , so aufregen . Man gehorchte seinen Befehlen . Aus einer Stunde wurden aber doch zwei , drei , vier , fünf ... trotz Dorette Wandstabler , die Wunder wirken konnte , wenn man ihr etwas aufgab , wie eine solche plötzliche Abreise . Um ein Uhr fuhr man in der That erst vom Schlosse ab . Zuerst wenigstens Fürst Egon und seine Gemahlin , die in die Residenz zurückkehrten nach einem Aufenthalte , der statt drei beabsichtigter Wochen wenig über zehn Tage gedauert hatte . Alle hatten sich dies Wiedersehen anders gedacht , selbst der alte Winkler und Mutter Brigitte , die von den Zeiten des Feldmarschalls her sich viel schöne Erinnerungen an Trinkgelder und allerhand Lustbarkeiten erhalten hatten . Selbst ihre Frömmigkeit hätten Beide dem neuen Regimente zum Opfer gebracht , wenn es doch nur auch einigermaßen nach alter fürstlicher Art und Hoheit hergegangen wäre . Es war aber nicht gewesen und Allen blieb ein Erstaunen , ein tiefstes Befremden , ein Kopfschütteln , ein Rathen und Klagen über gute alte , nie rückkehrende Zeit zurück . Die größte Bestürzung setzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald ! ... Fränzchen Heunisch sah auch bei ihm nur Thränen und deutete sie auf den guten , immer so heitern , freundlichen , gerechten Dankmar Wildungen und sein Schicksal . Sie war es , die darüber an Selma schrieb . Sie war die einzige Vertraute dieses stillen , Allen jetzt erst sich aufklärenden Verhältnisses zwischen ihr und dem unglücklichen Dankmar gewesen . Als sie den Brief geendet hatte , fragte sie den tief in Gedanken versunkenen Generalpächter , ob er nicht selbst noch ein Wort beifügen wollte ... Er hörte nicht ... Sein Kopfschütteln nahm sie für eine Verneinung . Sie schloß selbst den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach Plessen , von wo die Briefe auf das Postamt zu Schönau befördert wurden . Siebentes Capitel Der Spruch des Obertribunals Zu einer für die Sitten der höhern Stände außerordentlich frühen Stunde fuhr am Palais des Fürsten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor , dem eine hohe , schlankgewachsene , schon ältere weibliche Erscheinung entstieg . Sie fand die Dienerschaft in voller Bewegung . So schnell hatte man die Rückkunft der Herrschaften nicht erwartet . Um Mitternacht waren sie angekommen nach einer Fahrt ohne Aufenthalt , fast wie vom Sturmwinde dahergeführt ... Es war ein regnerischer Tag . Die Aussteigende achtete kaum des Schirmes , den der Bediente über sie hielt . Mit raschen Schritten war sie unter dem Säulenportal , die Stiegen hinauf , an die Zimmer der Fürstin gekommen , wo sie trotz der frühen Stunde Einlaß fand . Die Kommende war eine Frau , der das ganze Palais wie ihre eigne Wohnung offen stand , Pauline von Harder . Die Fürstin , eben erst nach der ermüdenden so plötzlich anberaumten Rückfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erstanden , ordnete in einer Anzahl von Paketen und Zusendungen aller Art , die sie auf dem Hohenberg nicht hatte empfangen wollen . Sie war in ihren Räumlichkeiten etwas beschränkt . Das große Palais trug überall die Spuren des langen Alleinbesitzes durch den Generalfeldmarschall . Das hier den Frauen gebührende untere Stockwerk war vernachlässigt und bedurfte eines Umbaues , zu dem dem Fürsten jetzt die Mittel und die Muße fehlten . So war sie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl Kabinette beschränkt , deren Ausstattung nach den Anforderungen des neuesten Komforts viel zu wünschen übrig ließ . Die übergroßen , hohen , oben gerundeten Fenster hatten etwas Peinlich-Feierliches , in das sich Pauline von Harder am wenigsten finden konnte . Jedes Mal , wenn sie zur Fürstin kam , war ihr erstes Wort eine Anklage ihrer Zimmer . Nein , diese Reitsäle , nein , diese Kirchenfenster , nein , diese Laternen-Existenz ! Ihr müßt bauen lassen , dieser alte Palast-Styl ist zu rococo geworden , zu unbequem ! Alle Zimmer wie Eßsäle in den Kasernen , wie die Räume eines anatomischen Museums ! Hier könnt ' ich nicht leben ! Wie Das hier zieht ! Nein , treten Sie hierher , Melanie , wie hier die Fenster wackeln ! Halten Sie die Hand dahin ! Und diese Parketts , diese Thüren , diese Plafonds ! Hier brecht Ihr einmal förmlich durch oder die Decke fällt Euch eines schönen Morgens gradezu auf den Kopf ! Heute machte die Geheimräthin eine Ausnahme von dieser fast stereotypen Regel . Sie überraschte die Fürstin auf ihrem gewöhnlichen Etablissement , einem an ein großes Fenster gerückten Durcheinander von Stühlen , Halbsophas , Chaiseslongues , » Balzacs « , die rings um einen Tisch gerückt waren und so standen , daß man auf ihnen sitzend oder liegend ein volles Licht genoß . Die Fürstin war nach ihrem häuslichen Winkelwerk in der alten Komthurei sehnsüchtig nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage zugewandt . Und die Geheimräthin tadelte beim Eintreten gewöhnlich auch diese Niederlassung . Immer trat sie mit dem zweiten Theile ihrer Predigten ein : Aber , Beste ! Sie sitzen schon wieder auf der Straße ! Ich sehe Sie schon wieder zum Fenster hinausfallen ! Sie haben nun das Einzige , was diese alte Kommode von Palais noch brauchbar macht , die dunkeln Winkel und dennoch - rücken Sie doch die Etage ? re da fort und stellen Sie das Kanape dahin - Himmel , wie könnt ' ich so aushalten ! Ich würde die Chaise longue umwenden , so fällt das Licht besser , hier die Tabourets , da der Spiegel ! Die Konsolen müssen drüben hin an den Blumentisch , mit dem würd ' ich die Chaise longue maskiren und den Balzac , den würd ' ich dorthin schieben , wo der Fürst das Licht auf sich fallen hat ! Welche Frau läßt denn immer das Licht auf sich fallen und die Männer im Dunkeln sitzen ! Grade umgekehrt ! Aber auch diese zweiten stereotypen Eintrittsworte der Geheimräthin fielen heute fort . Sie hatte nie ein Besserwissen bei ihnen im Sinne , sondern nur ein Besserwollen , wirkliche Absicht sich nützlich zu erweisen . Der Fürst war ja fast ihr Sohn geworden und die Fürstin noch mehr , ihr Bijou . Sie hatte diese zwei Menschen von der ganzen übrigen Welt wie losgelöst und gleichsam für sich adoptirt . Gesellschaftlich existirten sie nur für sie und Diejenigen , denen sie gestattete , sich ihnen zu nähern . Und regelmäßig auch , wenn Pauline die Bauart des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte , bewunderte sie die Toilette der Fürstin und ihre Schönheit . Das stand so fest . Erst der Ausfall auf diese Treppen , diese Fenster , dann sogleich eine Polemik gegen die Chaises longues und die Balzacs , aber zur Aussöhnung dann auch : Sie haben freilich das Helldunkel der petits coins nicht nöthig ! Sie sind ein Edelstein , der immer à plein jour gesehen werden muß ! Und diese allerliebste gelbe Kapotte , wie lange tragen Sie die ? O wie lieb hab ' ich die natürliche Seide ! Sie erinnert mich immer an die zarten Cocons von Italien ... charmant , diese Morgenrobe ! Wie allerliebst das Gewebe dieser Brandenbourgs ! O wie bewundr ' ich Ihren Geschmack , Sie sind schon die Tonangeberin der Gesellschaft geworden und Alles richtet sich nach Ihnen ! Heute wurde aber auch diese Anerkennung der Schönheit , des Geschmackes und der Morgentoilette nicht ausgesprochen , obgleich grade diese neu war und für den Herbst hier schon die Fürstin erwartete . Es war nur das Einzige : Warum sind Sie schon da ? Was treibt Sie zurück ? Wo ist der Fürst ? Ich muß ihn sprechen . Verrieth er Nichts ? Sagt ' er Nichts ? Hat man Nichts entdeckt ? Was wissen Sie ? Was weiß Egon ? Reden Sie doch ! Ich beschwöre Sie ! Die Fürstin schwieg jetzt vollends erst , sie war betroffen genug über die plötzliche Abreise von Hohenberg . So wie sie einst eine ganze Gesellschaft von jenem Schlosse mit dem Machtworte : Wir reisen ! entführt hatte , so war sie jetzt selbst entführt worden und unmöglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen sein , der wenn auch unter traurig veränderten Umständen die Veranlassung dieser Eile war . Einfach berichtete sie : Wir sind Kurier gefahren . Von ein Uhr gestern Mittags bis diese Mitternacht , ohne Aufenthalt . Egon schien bewegt , gereizt , ja voll Zorn . Sie wissen , daß ich in solchen Fällen meine alten Arien trällere und durch meine schlechte Stimme sein zum Tadeln geneigtes Gemüth auf einen Gegenstand ablenke , den ich von Herzen gern dem Spott und einem Ausrufe : Verschone meine Ohren ! preisgebe . Pauline von Harder kannte diesen eigenthümlichen Pflichtenkultus , der den Frauen gestellt ist , sich in ein fremdes Männerwesen , das zufällig mit uns verheirathet wird , ohne Sympathie des Herzens hinüberleben zu müssen . Sie nannte diese Aufgabe eine von den mehreren Märtyrerschaften der Frauen . Sie wußte , daß Melanie den Fürsten nicht mit der Innigkeit des seligsten Einverständnisses liebte , sondern daß sie in Furcht und Zagen , dabei diese Furcht verbergend und hinter guter Laune versteckend , so hintastend in dem fremden , seltsamen Manne sich festzuwurzeln suchen mußte . Es ist Das unser Aller Loos , sagte sie sonst wol schon , wir müssen Alle diesen Schauder überwinden , ein durch Zufall an uns gekommenes Wesen unser zu nennen und nun zu forschen , wie sich wol dieser dunkeln Persönlichkeit menschlich beikommen läßt , bis dann gewöhnlich uns die eingefleischten Teufel angrinsen , lügnerische , gemeine Naturen erkenntlich werden , Betrüger , oft falsche Spieler , ja Räuber ... kurz , Pauline von Harder , wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichsam gerufen hätte : Aber Pauline ! würde zur Bestätigung dieser einen von den mehreren Märtyrerschaften der Frauen vielleicht gar die Geschichte des Barons Grimm erzählt haben . Sie bewunderte immer an Melanie diese große Kunst , mit der sie sich in ein ihr fremdes und innerlichst antipathisches Leben eindachte und Egon selbst einmal zu der etwas dunkeln Bemerkung veranlaßte : Ich fühle Das so , liebe Pauline , daß ich glaube , Melanie mit mehr belohnen zu müssen als nur mit meinem Fürstentitel ! Heute aber verließ die Geheimräthin sogleich das Feld der Reflexionen und wollte Thatsachen . Sie sprach von der schon in aller Frühe durch Pax und die Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen , dessen frühere Beziehung zu Egon , besonders aber zu Melanie und die dem Fürsten unbekannt gebliebene Theilnahme desselben an der dunkelsten Geschichte der Eroberung des Bildes seiner Mutter ihr geläufig genug war . Es gab ein Geheimniß über Egon , das die Geheimräthin Melanie verschwieg , den Inhalt jenes Testamentes der Mutter , und es gab wieder ein Geheimniß von Melanie , das die Geheimräthin Egon verschwieg , die Art , wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde , das jene Denkwürdigkeiten enthielt , gekommen war . Die Diskretion über so gewaltige Lebensfragen gehörte bei dieser in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur . Sie machte nicht einmal Anspruch , daß ihr diese Diskretion als eine Tugend angerechnet wurde . Pauline wollte sogleich von Dankmar reden , aber wichtiger war ihr doch , ein furchtbares Wort von der Zunge zu lösen : Sprach der Fürst seinen Generalpächter ? Nein , erwiderte Melanie . Geschäfte hielten diesen fern und als er zurückkam , hatte der Fürst schon den Plan zur schnellen Rückreise gefaßt . Sagte er nichts von ihm ? Nannte er ihn nie ? Wen ? Sie sind so ruhig , Melanie ! Nannte er nie - Was ist nur ? Der Fürst sprach ihn nicht ? Sah ihn nicht ? Dankmar Wildungen ? O Sie Gute ! Woran denken Sie ? Ich glaube wol , daß Sie nur an ihn denken ... Sie sprechen von jenem Ackermann - doch nein , er heißt ... Sie wissen ? ... Egon weiß ? Mein Gott , was sind Sie aufgeregt ! Sagen Sie mir , Beste ... was red ' ich denn ? O , ich kann nicht da sitzen , ich kann nicht da stehen ... ich habe den Fürsten zu sprechen ... Die Fürstin begriff die Aufregung der Geheimräthin nicht , die im Zimmer auf und ab schritt und zuletzt abbrach , um sich zu den Zimmern des Fürsten zu wenden , die ihr offen standen zu jeder Zeit . Schon hatte sie den Drücker in der Hand , als ein Bedienter mit Papieren eintrat , Rechnungen , Büchern ... Durchlaucht zu sprechen ? Melden Sie mich ihm ! sagte Pauline . Excellenz , Bankier Reichmeyer sind drüben ... Reichmeyer ? So wie er geht , sagen Sie , ich bäte um einen Augenblick . Der Diener ging . Pauline sank auf einen Sessel . Melanie fragte nach der Ursache ihrer Aufregung . Nichts , Beste ! Nichts ! Aber Sie sagten , der Fürst weiß , daß der unter dem Namen Ackermann bei ihm in Dienste getretene Ökonom seines wahren Namens Rodewald heißt ! Rodewald ! antwortete Melanie , die den Namen nicht hatte behalten können . Der Fürst schien ungehalten über ihn , sprach oft vor sich hin jenen Namen , zog eine Visitenkarte , die den Namen , richtig , Heinrich Rodewald , enthielt ... Heinrich Rodewald ! Aber was haben Sie nur mit diesem Namen ? Er sprach ihn nicht ? Der Fürst den Verwalter ? Nein ! Er vermied ihn ? Er schien erzürnt auf ihn . Das Auftreten mit einem falschen Namen schien ihm zu misfallen . Seine lange Abwesenheit , während wir in Hohenberg waren , ohnehin . Und wenn ich recht verstanden habe - Was ? So empörte es ihn , daß Wildungen , ein Verfolgter , ein Kompromittirter sich auf seinen eignen Gütern hatte aufhalten , bei seinen eignen Beamten hatte Schutz finden können ... Wildungen ist ja der Neffe jenes Rodewald ... In der That ? Das entschuldigt den Generalpächter . Der Neffe ! Man sollte nicht zu streng sein in der Art , wie man jetzt die Verläugnung der natürlichsten Gefühle verlangt . Und Sie wissen doch , daß Wildungen die Tochter dieses Rodewald liebt ... also seine Cousine ! Meine Nichte ! Ihre Nichte ? Selma ! Selma Ihre Nichte ? Ha ! Was sag ' ich ! Ich vergesse , daß ich in der Sphäre der Großmütter lebe . Die galante Sprache hat für die Großtanten keinen Namen , der mit dem Begriff Enkel korrespondirt . Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte , die Enkelin Annen ' s. Sie ist draußen in Tempelheide ... Weiter kam Pauline nicht in Aufklärungen , die die Fürstin überraschen mußten . Der Diener war zurückgekehrt . Bankier Reichmeyer konnte nicht hindern , daß Pauline sogleich zum Fürsten eintrat . Hatte doch , wie man zugleich erfuhr , eben angespannt werden sollen , damit der Fürst grade zur Geheimräthin fuhr ! Sie verschwand . Die Fürstin war allein und