von List sogar blitzte aus seinem Antlitz ... Einige Worte wagte er in deutscher Sprache ; seine Gedanken wurden nicht klar ; er sprach wieder italienisch ... Anerkennend urtheilte er von Klingsohr ' s Gelehrsamkeit ... Vom Bruder Hubertus sagte er : Dem kommt es zu statten , daß der geistliche Stand im Süden Europas etwas anderes ist , als im Norden ... Unsere Mönche sind schwer an ihre Regel zu bannen ... Sie ergreifen jede Gelegenheit , ihrem Temperament zu folgen und viele gibt es , die immer unterweges sind ... Aufträge gibt es genug und wenn sonst kein Entschuldigungsgrund vorliegt , wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen Vocation Gehör gegeben ... Ich war zugegen , wie der Todtenkopf den Auftrag erhielt , den Bischof von Macerata zu befreien , und noch dringender , den Gefangenen des Grizzifalcone , den Pilger von Loretto ... Eines gelang ihm durch List , das andere , hör ' ich , durch wunderbare Abenteuer , an denen - sogar die Treue eines Hundes betheiligt ist ... Der Cardinal erzählte , was Bonaventura durch Klingsohr wußte ... Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zurück ... Mit leiser Stimme gaben sich diese Gefangenen ihrer Würde der Geständnisse immer mehr ... Ambrosi gab die Bestätigung der Schilderungen , die Bonaventura von Benno nach seiner Befreiung von Frankreich aus über die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio Bandiera ' s erhalten hatte ... Bonaventura hörte die Vermuthung , daß sein unglücklicher Vater in seiner Gefangenschaft die Doppelrolle Grizzifalcone ' s hatte unterstützen müssen , die Dienste , die er dem Fürsten Rucca im Interesse der römischen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Interesse der Politik leisten sollte ... Nur angedeutet zu werden brauchte diese Vermuthung , um auch die Gefahr auszusprechen , in die sich Federigo gestürzt haben würde , wenn er , durch die Kunst der Federführung zum Vertrauten des verschmitzten , beutegierigen Räubers geworden , nach Rom gekommen wäre und seine Geständnisse wirklich dem alten Rucca hätte aus dem Gedächtniß wiederholen wollen ... Ich würde sagen , schloß der Cardinal , vom erglühten Aufhorchen seines Besuches nicht zu auffallend befremdet , ich würde sagen , beide , der Gefangene und sein muthiger Befreier , verabscheuten die Rückkehr in eine so verderbte Welt , wenn nicht auch der stille Waldesfriede , den sie dann gefunden haben , wiederum von menschlicher Verworfenheit wäre heimgesucht worden ; man sagt , daß im Silaswald der von Grizzifalcone angelegte Verrath zum Ausbruch kam und auch dort der muthige Mönch seine Mission der strafenden Gerechtigkeit an einem der gedungenen Verräther vollziehen konnte ... Bonaventura hörte zum ersten mal von den näheren Umständen , unter denen die Invasion der Bandiera gescheitert war ... Bisher hatte er nur gewußt , daß die kleine Schaar durch einige aus ihrer Mitte verrathen wurde ... Die Caudatarien hatten sich zurückgezogen , blieben jedoch hörbar ... Der Cardinal sah auf die Uhr ... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit ... Wir sehen uns leider so bald nicht wieder ! sprach er mit Trauer ... Ich muß einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben , in Turin die Wünsche des Consistoriums früher geltend zu machen , ehe dort die Intriguen Fefelotti ' s ankommen ... Lassen Sie sich ' s nicht verdrießen , daß Ceccone es ist , der Ihre Erhöhung fördern muß ... » Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur die Gerechten « ... Nicht wiedersehen - Nach Turin eilen - dachte Bonaventura mit Schmerz und stand im Kampf mit sich selbst ... Sollte er dem Cardinal sagen , daß es auch ihn aufs mächtigste nach dem Silaswalde zog ? ... Aber - wie konnte er es - da sein Vater offenbar nur vor ihm , nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach Robillante geflohen war ... Cardinal Ambrosi sagte , daß er nichts unterlassen würde , sich durch die Klöster über Federigo ' s Befinden zu unterrichten und dann seinem muthigen Vertheidiger über ihn Kunde zu geben ... Ohne das mindeste Anzeichen , als wäre ihm Federigo ' s näheres Verhältniß zu seinem Besuche bekannt , kam er wieder auf seine Heimat und seinen eignen Vater zurück ... Dieser war ein Lehrer der Mathematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen , hatte eine Alpenreise gemacht , war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden ... Um im Berner Oberland , wo er Höhenmessungen hatte vornehmen wollen , Spuren seines Verbleibens aufzufinden , hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo Deutsch lernen wollen ... Die Reise , die er dann wirklich gemacht , war ohne Erfolg geblieben ... Bonaventura , der dies Verhältniß nie so vollständig übersehen hatte , wie nach dieser Erzählung , stand wie an einem Abgrund ... Warum nur trat ihm die furchtbare Morgue auf dem Sanct-Bernhard vors Auge ! ... Er gedachte : Wie muß diese Eröffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben , der eine mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage - nur fingirt hatte - ... Federigo konnte damals - wol noch nicht lange - bei Castellungo sein - ? fragte er ... Als ich ihn zuerst sah ? ... Als Ihr Vater vermißt wurde - ... Einige Wochen erst ... Sprach Ihnen - Federigo - nie - von den Gefahren des Schnees - denen auch - Er - ? ... Ambrosi blieb dem plötzlich stockenden Wort ein unbefangener Hörer und verweilte nur bei seinem eigenen Leid ... Ohne Mutter , ohne Verwandte , wär ' er nur der Zögling der Liebe seines Vaters gewesen ... Als er ihn verloren , hätte er ein Gefühl der Theilnahme bei allen gefunden ; doch ein solches , das ganz seinem Schmerze gleichgekommen , nur bei Federigo ... Dieser Edle hätte seine Thränen aufrichtig zu denen gemischt , die er selbst vergossen ... Er hätte ihn seinen Sohn genannt - ... Bonaventura stand über eine dunkle Ahnung zitternd ... Er versicherte mich , fuhr Ambrosi , des Sichabwendens seines Besuchs nicht achtend , fort , für bestimmt , daß mein Vater todt wäre , er säh ' es im Geist , - doch sollte ich ihn nur aufsuchen ... Verlorenes , wenn auch Unwiederbringliches suchen wäre so gut wie es finden - - wenigstens fände man anderes , neue Schätze ... Seine Thränen deutete mein Gönner nicht allein auf die Theilnahme für den Vater , sondern auch auf die Erkenntniß , daß auch ihm aus tiefster Reue über seine begangenen Fehler , aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der Erhebung geworden wäre ... Bonaventura verbarg die Thränen in seinem Auge - er verrieth nichts von einer Ahnung , daß des Vaters fingirter Tod - wol gar mit dem wirklichen Tode des Professors Ambrosi zusammenhing ... Wenn hier eine Schuld des Vaters vorläge ? dachte er schaudernd ... Seine Hände zitterten ... Das erbrochene Grab des alten Mevissen , die aufgefundenen Angedenken , die Urkunde Leo Perl ' s , alles trat ihm gespenstisch entgegen ... Sein Vater - konnte doch - kein - Verbrecher sein - ! ... Ist Ihnen nicht wohl ? fragte Ambrosi , ihm näher tretend ... Bonaventura hätte sich ihm an die Brust werfen , alles offenbaren , alles von sich und von seinem Vater eingestehen mögen ... Aber diese neue Verwickelung wieder - war zu beängstigend - sie zwang ihn , seine Worte zu hüten ... Nachdem er sein Befinden als wohl bezeichnet , wagte er noch ein Entscheidendes , indem er leise , gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi ' s , die Worte sprach : Räthsel - Räthsel ... Fiat lux - in perpetuis ! ... Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus ... Sein Antlitz blieb ruhig ... Von einem besondern Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen ... Nun mahnten die Caudatarien wiederholt ... Ambrosi mußte Abschied nehmen und sofort für längere Zeit , da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlaßten ... Noch sprach er sein sichres Vertrauen aus , daß der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag , das Erzbisthum Coni an den Bischof von Robillante zu geben , Erfolg haben würde - rieth aber , nach dem Entschluß des Papstes sofort nach Turin zu reisen ... Er wünschte Bonaventura Glück und trennte sich von ihm , nur noch mit einer bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung , daß es aufgeklärte , brave und wohlwollende Priester auch in Rom gäbe ... Ueber den Eremiten im Silaswalde würde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben ... Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni vorgeschlagen ... Auch Ceccone verlangte , daß er , um Intriguen vorzubeugen , sofort nach Turin eilte ... Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht wiedergesehen ... Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste , blieb die Fortsetzung ihrer ersten Begegnung ... Bonaventura sah das Wachsen des Lichts und der Aufklärung auch in Italien ... Ambrosi gestand in aller Offenheit , daß schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Frâ Federigo bestand ... Aber das Wort desselben : Er beschwöre den Erzbischof von Coni , bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen ! wurde von ihm ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt ; es wurde nur auf die Lage des Erzbischofs , seine Theilnahme für einen Deutschen bezogen ... Unterwarf sich Bonaventura diesem Befehl ? ... Die That eines Mannes , sagte er sich zuletzt über diese schmerzliche Lücke seines Lebens , darf nicht halb sein ... Darf ich den Vater hindern , seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden , als er ihm ohne den Selbstmord möglich schien ? ... Noch lebt die Mutter ... » Es ist eine der grausamsten Handlungen , die es geben kann , jemand an einem schon begonnenen Selbstmord hindern « , hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem letzten , theilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand : » Ich nehme dein Ehrenwort , Bona - nehme es nicht vom Priester , sondern vom Asselyn , daß du vor dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchst - nie kennst - « ... Bonaventura gelobte es ... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spät , das Gelöbniß blieb aber gegeben ... Mit Freuden riß sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen Beruf , durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los ... Er sah die Leidenschaft Olympiens für Benno - er sah die Aussöhnung der ihm schon in Wien nur wenig sympathischen Mutter mit ihren ärgsten Feindinnen ... Er sah die Zurüstungen der Reise , durch die Ercolano Rucca » an die Brust seines besten Freundes zu gelangen « wünschte ... Er ahnte alles , was kommen mußte , las es aus den Mienen Lucindens , die wol auch ganz offen sagte : » Benno liebt ja Olympien ! Man liebt mit Leidenschaft nur das , was man versucht sein könnte unter andern Umständen zu hassen ! Er sieht alle ihre Fehler , aber er wird sich überreden , sie verbessern zu können . Und ist es unmöglich ? Wir Frauen sind die Erzeugnisse unseres Glücks oder unseres Unglücks ! « ... Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana , nachdem er die Bedingung gemacht , daß ihm Beichte und Examen ( beide müssen jeder Trauung vorangehen ) vom Pfarrer der Apostelkirche , der die Cession gegeben , abgenommen wurde ... Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen , mit dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte ! ... Grade heute hatte sie ihm geschrieben : » Dieser Sarzana ! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden , der tückische Schurke , den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren ! An den Galgen gehörte er von Rechts wegen - wenn ich auch die Posse mitmachen und ihm durch eine Beisetzung eine anständige Entsühnung geben will ... Ich beschwöre Sie , mein hochverehrter Freund ! Lassen Sie doch von nun an Ihre kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit ! Mit unversöhnlicher Macht ergreift Rom jetzt die Zügel und ich weiß , es wird niemand mehr geschont werden ! Der Schrecken wird die Welt regieren - und es ist gut so , denn die Tyrannen hab ' ich immer menschlicher gefunden , als die Philosophen , die Humanitätsschwärmer , die Tugendhelden , die Volksfreunde , die Aufklärer , die Pietisten , die Gensdarmen , die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebens - die fand ich immer grausam , herzlos und da , wo sie recht tüchtig Widerstand finden , recht feige und erzdumm ... Denken Sie nur allein an die Intrigue , die mich damals zur Gräfin Sarzana machte - muß man nicht das italienische Volk gehen lassen , wie es ist ? Eine Bestie ist ' s und zum Gehorchen bestimmt ... Und , mein Freund - die Kirche ! Ich begreife in der That Ihr Reformen nicht ! ... Die katholische Kirche ist gerade darum so schön und rührend , weil sie ganz und gar eine Antiquität ist . Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte Kommode geworden , in der ich meine liebsten Siebensachen , meine alten verblaßten Bänder , meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe ... Aus meinem im Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frühling leg ' ich dann und wann eine Rose in die alten Schubläden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte beweinenswerthe Herrlichkeit ... Ein bischen moderig bleibt ' s immer , nun ja ! aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte , wurmstichige Holz mit den messingenen Ringen und schnörkligen Schildern dran ein - ach ! auch schon manche Thräne ist mir in den alten Rumpelkasten gefallen ... Lassen Sie doch Ihre Principien , hochverehrter Freund ! Der alte Gott sorgt ja schon selbst für seine Anerkennung ! ... Der Vernünftigste , den ich seit lange beobachtet habe , war Ihr Vetter Benno , von dem ich gar nicht einen solchen Cäsar Montalto erwartet hätte - den dummen Rückfall ausgenommen , der ihn nach Rom unter die Narren von 47 trieb ! ... Glauben Sie mir , er hat in Paris und London glückliche Stunden verlebt ; er nahm , was sich ihm bot , und reflectirte nicht ... Kommen Sie nun auch endlich einmal ordentlich nach Rom ? - Sie müssen Cardinal werden , und mehr ! Nur beschwör ' ich Sie , machen Sie es einst , wenn Sie die dreifache Krone tragen , wie es alle machten , nicht etwa wie unser jetziger Phantast , der sich auf den Vatican , die Hochwarte des wenigstens mir sicher bekannten Universums , wie ein Kind hinstellen und aus einem thönernen Pfeifenstummel Seifenblasen puhsten konnte ! ... Wie leben Sie denn , mein hochverehrter Freund ? ... Ist die alte Gräfin auf Castellungo entschlafen in jenem HErrn , bei dem nur sie allein courfähig war ? ... O , des Hochmuths dieser Frommen ! ... Finden Sie nicht , mein hochverehrter Freund , daß Jesus in den Evangelien eigentlich nur recht bei denjenigen steht , die sich gegen Gesetz und Regel auflehnen , tief in der Irre gehen und mit den respectabeln andern Leuten auf gespanntem Fuße leben ? ... Rauft einer am Sonntag Aehren aus , gleich entschuldigt er ihn ; wäscht ihm eine Frau die Füße mit kostbaren Salben , gleich sagt er : Laßt doch die gute Närrin ! Alles , was Jesus that , war , wie ' s die andern Leute nicht thun - ... Und das wäre denn der Herr für diese wohlanständigen , vornehmen Seelen , deren Sünden höchstens Neid und Hochmuth sind ? Nimmermehr ! ... Auch das hat mich katholisch gemacht , daß mein allersüßester Jesus Mein ganz aparter Freund ist ... Im Dunkel einer kleinen Kapelle , da ein Gekennzeichneter , ein polizeilich Verfolgter , vom vornehmen Pharisäervolk Gesteinigter wie ich , gehört er ausschließlich Mir an ... Vor dem dunkelsten Altar , da , wo von einem Crucifix , von einem schlechten Tüncher geklext , die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite , zum Greifen dick , herunterfließen , da hab ' ich den Liebling meiner Seele und hör ' es , als sagte er : Lucinde - Alte , wie geht es dir ? Bist du immer noch in der Irre , immer noch unverstanden und ohne Herzen , die dich lieben ? ... Das ist wahr , vor der allerseligsten Jungfrau , zu der Sie mir vor langen Jahren riethen , mich besonders vertrauensvoll zu beugen , vor Maria entzündet sich noch immer nicht ganz mein Herz , wie ich möchte ... Ach , die Königin des Himmels hat einen Sohn verloren , hat den gelästert gesehen - das sind gewiß , gewiß große Leiden - aber sie selbst litt nicht viel unter Lästerungen ... Maria ist noch immer meine Feindin , wie alle Frauen ... Grüßen Sie Paula , die ich mehr liebe , als sie glaubt ... Hindern Sie den Grafen nicht , katholisch zu werden ... Es wird sich dann alles zwischen Ihnen leichter machen ... Die katholische Religion ist die der menschlichen Schwäche - und eben in seiner Schwäche liegt die Größe des Menschengeschlechts ... « Jahr ein , Jahr aus kamen diese Ausbrüche einer erbitterten Welt- und Lebensanschauung ... Näherer persönlicher , so innigst von ihr gesuchter Umgang war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmöglich gewesen - eben durch die Art , wie sich ihre Denkund Gefühlsweise mit einer scheinbar tiefüberzeugten Art , allen , selbst den bigottesten Vorschriften der Kirche nachzukommen , vertrug und wie sie ihm dadurch den katholischen Glauben , dem er immer noch sein Tieferes und Besseres abzuringen suchte , ganz verhaßt machen konnte ... Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken können , als er es zuerst erfuhr und das Bekenntniß eines verbitterten Hypochonders in den Händen einer rachsüchtigen Feindin wußte ... Diese Feindschaft hatte sich durch Paula ' s Heirath , durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu Maria-Schnee in Wien gemildert , ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um Bonaventura ' s Liebe das Feld geräumt ... In Bonaventura ' s Innern gingen soviel Veränderungen vor , daß ihm an ein Verhältniß , das er nur zum größten Triumph derjenigen Richtungen hätte aufklären können , die er bekämpfte , die Gewöhnung kam ... Einen Augenblick , der in den immer höher gesteigerten Wirren der Zeit einst ihm noch kommen müsse , einen Augenblick großer Entscheidungen dachte er als ihm ganz gewiß beschieden . Dann wollte er zur Widerlegung des tridentinischen Concils sich erheben und sagen : » Priester oder Gott - das ist die Frage ! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten Vorstand derselben ? Kann der Wille eines schwachen Menschen deshalb , weil er gesalbt wurde , die Menschenseele zu seinem Spielball machen ? Seht , ich bin getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe ! Und doch , doch bin ich ein Heide , wenn unsere Seele von Priestern abhängt ! Unsere Kirche steht und fällt mit der Entscheidung über mein Lebensschicksal ! « ... Dann sich denkend , daß alle seine Würden von ihm niedergelegt werden müßten , alle kirchlichen Acte , die er vollzogen , für ungültig erklärt , sich vorstellend , daß er in ein Kloster gehen , sich neu taufen , neu weihen lassen müßte , fühlte er das mächtigste Verlangen , bei irgend einer großen Krisis der Zeit seine Lage selbst zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo Perl ' s Beispiel befolgt und eine Urkunde aufgesetzt , die nach seinem Tode erbrochen werden sollte ... In ihr hatte er seinen Fall ausgeführt ... Noch wußte er nicht und kämpfte mit sich , ob er dies Bekenntniß in die Hände des römischen Stuhls selbst oder nur in die seiner näherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im Reinen - er verachtete den Spuk des Zufalls ... Nur der höhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken - Lucinde ... Aber selbst als sie von Castellungo im äußersten Zorn damals geschieden war , selbst da hatte sie zu Bonaventura , der sie , um Abschied von ihr zu nehmen , im Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte , auf ein Kästchen gedeutet und versöhnt gesagt : » Dort liegt mein Testament ! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen alles , was ich hinterlasse - cum beneficio inventarii - meinen Schulden ! Sie finden Serlo ' s Denkwürdigkeiten , die , wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte , die Schule meiner Kunst wurden , Leiden zu ertragen . Glauben Sie mir , Thomas a Kempis war nichts als der geistliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die nämliche Philosophie , nur daß der Mönch seine Verachtung der Welt und Menschen in religiöse Vorschriften kleidete ... Wenn Thomas a Kempis anräth , Gott zu lieben , so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen : Verachtet die Welt und die Menschen ! ... Dann finden Sie - noch - « setzte sie stockend und leise hinzu : » die Hülfsmittel jener - Rache , die ich Ihnen einst in einem kindischen Wahnsinnanfall geschworen hatte - « ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder Fefelotti auslieferten ? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich , nahm einen Schlüssel , der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing , ging an ihr Kästchen und schloß es auf ... Nehmen Sie , sagte sie und deutete auf ein gelbes , vielfach gebrochenes großes Schreiben mit zerbröckeltem Siegel ... Es war ein Moment , an den Bonaventura oft zurückdenken mußte ... Damals drängte sich alles zusammen , was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und nun - ein Augenblick der seligsten Erleichterung - ! ... Aber wie ein Blitzstrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres : War und ist dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr , als die Furcht vor diesem zufälligen Verhängniß ? Bist du nicht Herr deines Willens , Schöpfer deiner Freuden und Leiden ? Wie kannst du erbangen vor einer Anklage , die du verachtest , weil sie die teuflische Verhöhnung der christlichen Idee ist ? ... Bonaventura wandte sich und sagte : Behalten Sie ! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten Vertrauens und wurde davon so überwältigt , daß sie eine Weile hocherglühend und in zitternder Unentschlossenheit stand , dann ihr Knie beugte und sich vor Bonaventura zur Erde niederließ ... Gräfin , lassen Sie ! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Füße ... Ein in der Nähe entstandenes Geräusch mußte sie bestimmen , sich zu erheben ... Man hörte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen , den Schlüssel wieder zu sich gesteckt hatte , trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein , die nicht verfehlen wollte , dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige Ehrfurcht zu bezeugen ... Einige Zeit nach einem ihm unvergeßlichen Seelenblick , den damals Lucinde auf ihn warf , war es Bonaventura , als fand sich in den Drohungen Sturla ' s , der von Genua kam , ein Anklang an die Urkunde Leo Perl ' s ... Doch konnte er sich auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit vor , dessen Züge auf den fremden Eindringling passen sollten , und unter anderm lief die Bemerkung unter : » Unglaublich , was die Archive Roms von Deutschland mittheilen könnten , hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniß zu vermeiden ! « ... Wie bitter , und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen über Paula ! ... Auch er fühlte es ja nach , was die lutherischen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter sich sagten : Solch ein unnatürliches , jede Empfindung verletzendes Verhältniß ist nur auf katholischem Gebiete möglich ! ... An sich , vor den Augen der Welt war jede Rücksicht auf Misdeutung gewahrt - Paula war die Nichte des Kronsyndikus , Bonaventura der Sohn des Präsidenten , ihres Vetters - die Verwandtschaft war die allernächste des Blutes und Graf Hugo durfte , ohne Anstoß zu erregen , in Coni einen schönen Palast bewohnen , wo im Kreise einer Geselligkeit , die Paula mit Mitteln zu unterhalten wußte , die sich ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu Gebote stellten , allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensätze , ja Paula wurde erfinderisch und ergab sich jenem schönen Triebe , nach- und vorauszudenken allem , was über rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des Gewissens fehlte nicht bei Alledem - es war ein Verhältniß , an dem , wie sich Bonaventura sagte , » Gott keine Freude haben konnte « ... Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula längst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs begründet ... Und lenkt nicht jede Liebe , selbst die leidenschaftlichste , zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung ? ... Kuß und Umarmung ! Was sind sie denn , als ein letztes Ziel , ein Zerreißenwollen jedes Rückhaltgedankens , der Brücke , die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persönlichen Freiheit zurückführen könnte ; Kuß und Umarmung werden begehrt und gewährt , weil sie den Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten , künstlich gleichsam eine gemeinschaftliche Schuld erzeugen , die beide Theile fast zwingt , auf ewig Eins zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des seelischen Lebens ein . Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedürfniß des Herzens . Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur auf den Gruß , auf das Lächeln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine Stunden der Tag , in ihre Minuten die Stunde , jedes Atom der Zeit ist erfüllt vom Glück der Gewöhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen - Das ist das Glück , das auch in der Ehe , lange schon vorm Ersterben der Leidenschaft , Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ... In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der Erzbischof , nachdem er in jedem früheren längst überwunden hatte ... Jeden Abend war er auf dem Schloß des Grafen , das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland großen Familien des Landes gehört hatte , die im Lauf der Zeiten zu Grunde gingen und nichts behielten , als die glänzende Hülle ihrer Vergangenheit ... An diesen Palast schloß sich ein Garten , altmodischen Geschmacks , wie die Gärten auf den Borromäischen Inseln ... Der Graf hatte eine Aufgabe , diesen Garten der freien Natur zurückzugeben ... Ein geselliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts gestört ... Später blieben freilich nur Einige , die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stören ließen ... Gewiß wäre der Graf , als die Revolutionen ausbrachen , nach seinem deutschen Vaterland zurückgekehrt , wenn nicht auch dort die Verwirrung für seine Denkweise das Maß überschritten hätte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt - er mäßigte den Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte die Sehnsucht nach Thätigkeit , die den Grafen bestimmen mußte , entscheidende Entschlüsse zu fassen , ja er kannte des Grafen Sehnsucht - nach einem Erben - ... Noch mehr , Graf Hugo liebte Paula ... Es mußte kommen , daß dies zehnjährige Zusammenleben in Coni aufhörte ... Und doch , doch kannte er den Grafen dafür , daß dieser im Stande war , die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen : Die Frau Präsidentin ist krank und Herr von Wittekind in Rom ? Das wird Ihre Kraft übersteigen , mein theurer Freund , wir müssen Sie begleiten ; wir gehen mit nach Rom ... In solchen , sein Inneres zerreißenden Stimmungen , zu denen sich an jedem der ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nähernden Vater gesellte , verweilte Bonaventura heute unter seinen Büchern ... Hier , wo ihn so oft die nächtliche Stille geheimnißvoll umfing - hier , wo sein Gemüth der Muttersprache noch zuweilen ein Opfer brachte , wie in den Versen : Du wunderbare Stille , Wer deutete dich schon , Im Erd- und Himmelschweigen Den Weltposaunenton ! Die namenlose Sehnsucht In flücht ' ger Welle Gang , In stiller Brunnen Plätschern Den mächt ' gen Rededrang ! Wenn Mondenglanz die Rose Sanft zu entschlummern ruft Und Nachtviole trinket Den Thau der Abendluft , Wenn frei die Sterne treten Aus ihrem blauen Zelt , Worin das Licht der Sonne Sie Tags gefangen hält - Wie predigt da die Rose ! Viole singt im Chor ; Das kleinste Blatt hält Tafeln Der Offenbarung vor ! Es rauschet und es klinget Ein jeder todte Stein ; Der Stäubchen allgeringstes Will nur verstanden sein ! Nur in die dunklen Schatten Hat Gott das Licht gestellt , Nur in die öde Wüste Die Herrlichkeit der Welt ; Nur brechend nimmt ein Auge Den rechten Lebenslauf ! O , schließet euch , ihr Zauber Der ew ' gen Stille , auf ! Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen , die , hochragend und stolz , doch erst aus welken Blättern emporsteigt - so erhebt sich die Lilie über den am Fuß des Schaftes schon beginnenden Tod - dafür besaß seine Selbstschau zu