der Poesie deines Lebens , jetzt nur keine Etikette mehr , jetzt nur keine Ehe mit anspruchsvollen , dich in moralische Kosten setzenden Frauen , nur keine wirkliche , dich beunruhigende Fürstin ! Sein » Egoismus « ertrug eine ebenbürtige Ehe nicht . Vielleicht auch eine ihn in stillen Stunden durchschauernde Pietät des Herzens für die Vergangenheit ? Das äußere Glück war also für Melanie selten und groß , aber das innere fehlte . Die Fürstin Hohenberg hatte sich nicht umsonst so besonnen gehalten , als sie sich an die Bewerbung eines Fürsten nicht sogleich wegwerfen wollte . In flüchtige und leichtsinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion , die wenigstens wie Tugend aussieht , nicht ohne große Kraft ein . Die äußere Würde genügte ihr nicht , sie wäre so gern wahrhaft glücklich gewesen . Ihr Gatte war nicht leichtsinnig genug , sich in Schulden zu stürzen . Ihr Vater entbehrte nicht nur , sondern gerieth auch , was sie wohl durchschaute , in die bedenklichsten Schwankungen seines Kredits , wenn nicht gar in Schwankungen seiner Ehrlichkeit . Es war ihr wohlbekannt , wie furchtbar der Justizrath darunter litt , daß alle Welt die bei ihm aus diesen oder jenen geschäftlichen Vertrauensgründen niedergelegten Summen jetzt plötzlich sehen , jetzt plötzlich kontroliren , wiederhaben wollte . Dies Flüssigmachen von Kapitalien , die er nicht unter sieben Siegeln gehalten hatte , sagte Schlurck einmal , schwemmt mich noch eines schönen Morgens selbst in die - er nannte den Fluß , an dem die Residenz liegt , und Weib und Kind schrieen auf , sie wußten längst , was manchmal in ihm vorging ... Egon ' s Abneigung gegen die Eltern war eine große Qual für Melanie . Er hätte die Familie hundert Meilen weit entfernt sehen mögen . Ihm darin widersprechen hätte ihr unwürdig und unklug geschienen . Die Macht der Ehe nach dem Altar ungroßmüthig anwenden widersprach ihrem Charakter , widersprach ihrem freien Weltblick , den sie in der That der Philosophie ihres Vaters verdankte . Es war dies nichts Geringes in ihr . Der Fürst ahnte es sogleich , erkannte sie , schenkte ihr den unbedingtesten Glauben , liebte sie . Sie selbst wußte es , sie hatte Beweise seiner ihr allein gewidmeten Herzlichkeit , er kannte ihr Leben , ihre Vergangenheit , sogar ihre Jugendverirrungen und entschuldigte sie . Was sie auch erzählte , Egon hatte Alles geahnt , er entsetzte sich nicht , dachte sich in ihre Erziehung hinein , hatte ihren Thränen unbedingtes Vertrauen geschenkt und da sie tief , tief ihm zu danken hatte , so war sie glücklich unglücklich . Die selige Übereinstimmung mit Egon ' s Natur fehlte und sie mußte ihn doch nehmen , wie er einmal war . Mehrere Stunden hatte die Fürstin in trüber Schwermuth so für sich hingebracht und bei Allem , was sie vielbefragt anzuordnen , vielbeschäftigt vorzunehmen schien - die Frauen können Das - immer doch einem und demselben Gefühle nachgehangen . Sie war für den Abend in einer andern Toilette , als die sie am Mittag getragen hatte ... Es boten sich oft Tagelang keine Gelegenheiten , mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu sprechen . Hier in Hohenberg hatte sie darauf gehofft ; hier hatte sie sich sogar möglich gedacht , Egon ' s tieferer Natur etwas näher zu kommen . Er war von Paulinen befreit , er befand sich in jener Gegend , an die sich seine Jugend knüpfte und wo ihm selbst in jüngster Zeit noch Abenteuer , ja Vorfälle komischer Art begegnet waren ; sie hoffte auf Heiterkeit . Vergebens ! Egon blieb überhäuft mit Geschäften , verstimmt , absorbirt , und die wenige Muße , die er sich gestattete , verwandte er in dem ihm angebornen und anerzogenen Instruktionseifer auf seine gutsherrliche Lage , auf die Besichtigung seiner Güter und die Prüfung der ihn wahrhaft überraschenden , ja fast beschämenden Thätigkeit jenes Generalpächters Ackermann , den er auf Empfehlung des ihm geistig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum Wiederhersteller , wenn nicht seines Glücks , doch seiner Ehre gewählt hatte . Die Abwesenheit dieses Mannes , den er bewunderte , peinigte ihn . Er kam zu Melanie , als sie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und sagte : Es ist leider sehr wahrscheinlich , daß ich aus der Stadt Briefe über Hofintriguen empfange , die wenigstens meine Anwesenheit hier abkürzen . Es wäre mir das widerlichste Begegniß , wenn ich Ackermann nicht mehr sehen sollte . Er würde mich , da die Ernte überstanden ist , jetzt in der Stadt besuchen können , aber ich hätte ihn hier sprechen mögen , hätte so gern von ihm hier mich führen , mir Alles , was er unternimmt , zeigen und erklären lassen . Glücklicherweise war ich vorhin im Walde dem Förster begegnet , der von Briefen spricht , die für heute Abend seine Rückkehr ankündigen . Egon erklärte nun mit der ihm eigenen Vollständigkeit Alles , was er von Ackermann ' s Einrichtungen schon zu übersehen glaubte . Er wiegte sich in der Vorstellung , daß diesem Manne , der so uneigennützige , fast fabelhafte Bedingungen gestellt hätte , gelingen könnte , das Erbe seiner Väter wieder herzustellen und Melanie ' n das Loos , seine Frau zu heißen , auch wahrhaft zu einem fürstlichen zu machen . Melanie hielt diesen auch heute von ihm beliebten Übergang fest und malte alle die Pläne aus , die sie mit dem gesteigerten Ertrage dieser Besitzungen verbinden wollten . Diese luftigen , natürlich nur scherzweise vorgetragenen Träume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egon ' s auf die ihm so wissenswerth vorkommende Systematik Ackermann ' s und seine Fragen , die er an Melanie , die Ackermann doch gesehen hatte , glaubte richten zu dürfen : Wie ist sein Wuchs ? Ist er alt ? Warum trug sich wohl sein Kind in Knabentracht ? Wie lange mochte er von Deutschland entfernt gewesen sein ? Gesprochen hast du nie mit ihm ? Er ist doch ein geborner Deutscher ? Was trieb ihn wohl von dem heimathlichen Boden ? Wie kam er nur auf den Gedanken , sich grade an meine verlorenen Besitzungen zu wagen ? In diese für den Fürsten sich immer mehr steigernde Aufregung fiel bald diese , bald jene Meldung . Die wichtigste war die , daß man einen politischen Verfolgten , dessen Spur seit einem halben Jahre verloren gegangen wäre und die man selbst im Auslande nicht wieder gefunden , unter den Dienstleuten des Generalpächters entdeckt hätte und ihn eben zur Haft brächte . War die Meldung vorläufig auch nur eine gerüchtsweise , so war sie doch schon störend genug und die Räthe des Fürsten , die sich schon zur Theestunde versammelten , hatten alle Ursache , befremdet zu sein , wie der Generalpächter zu dieser Wahl seines Hülfspersonals käme . Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht . Die Erwähnung des Thurmes in Plessen , die Nothwendigkeit , Verbrecher so nahe am Schlosse , wenn auch nur so lange beherbergen zu müssen , bis der Befehl zur Abführung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Residenz gegeben war , war Allen drückend und Niemanden mehr als der Fürstin , die die unangenehme Wirkung der Erwähnung des Thurmes in ihrem Gemahle , dessen Beziehung zu ihm sie sehr wohl kannte , deutlich genug bemerkte . Die vorfahrenden Abendgäste brachten schon Kunde von der durch diese Verhaftnahme verursachten Aufregung in Plessen . Und nun kam einer der Sekretaire mit dem soeben vom draußen harrenden Oberkommissär gemeldeten Namen : Dankmar Wildungen ! Dieser selbst ! Der Vielbesprochene , der Allen Bekannte , der nach so entgegengesetzten Seiten hin die Welt in Anspruch Nehmende ! Dieser jetzt hier und verhaftet ! Egon erblassend tritt hinaus und will Pax selber sprechen . Herr von Zeisel begegnet ihm , noch erschöpft von seinem schwierigen Vorverhör und schon gedrängt von seiner Gemahlin . Auch die Fürstin erfährt den Namen . Ihr Erblassen wird von der Gerichtsdirektorin wohl erkannt , wohl verstanden . Der Generalpächter als Hehler politischer verbotener Feuerstoffe war bald durch die ganze Gesellschaft wie ein seltsames Fragezeichen tausend Auslegungen preisgegeben . Melanie hörte nur , zitterte nur , schwankte ... Egon kam zurück ... ja , es war in der That Dankmar Wildungen , derselbe , von dem Alle wußten , daß eine Kette von Zufälligkeiten und Abenteuern ihn mit dem früheren Leben des Ministers in den seltsamsten Zusammenhang gebracht hatte ... Dieser Abend wurde eine Folter . Gespenstische , schattenähnliche Begegnungen von allerlei Menschen unter einander , deren Ja und Nein , deren Excellenz ! Durchlaucht ! Ja wohl ! Ganz gewiß ! Haben Sie von dem Wasserfall im Gebirge schon gehört ? O Sie sollten einmal die Wanderung nach dem Felsengrund versuchen ! Kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung ? Alles nur wie um der Worte willen geführte Gespräche gemischt mit Theetassengeklapper , Kleiderrauschen , Kommen und Grüßen , o eine Phantasmagorie des Nichtigsten und Leersten ... und Das nun aushalten zu müssen , Das schüren zu müssen , wenn der Funke zu verglimmen scheint , Das ersticken zu müssen , wenn die Flammen eines Streites vielleicht zu heftig auflodern ... Die Fürstin saß hinter ihrem Theetopf in Verzweiflung . Der Fürst konnte doch ab und zu . Es wurden doch Thüren geschlagen , Pferde trappelten , Säbel klapperten , sie wußte doch , daß Egon , der so oft ihr schon gesagt hatte : er hielte es für die glücklichste Gunst des Zufalls , daß er nicht in die Lage gekommen wäre , diesem ihm einst und noch jetzt als Charakter und Mensch gleich werthvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer persönlicher Feindseligkeit gegenübertreten zu müssen , seine schmerzlichste Aufregung durch Fragen , Erklärenlassen , Befehlegeben , verbergen , wenn nicht mildern durfte ... sie aber , die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes ehrte , sie , die in diesem Schlosse an seinem Arme gezittert hatte , ihn liebte , noch liebte , wie fast jeder Mensch ein stilles , wenn auch entsagendes Sehnen in sich trägt , sie sollte schweigen , sollte von gewöhnlichen Dingen reden , Jeden bezaubern , Jeden gewinnen , den Adligen sich versöhnen ... Sie hielt es nicht länger aus . Gegen halb zehn Uhr sprach sie von unerträglichstem Kopfweh . Die Damen bemerkten , daß sie das Haupt aufstützte . Die Fürstin ist angegriffen ! Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Migräne der Fürstin . Aber o Himmel , man ist auf dem Lande . Man ist hier so natürlich , so theilnehmend oder so interessirt zudringlich , daß man von allerhand Mitteln spricht gegen Kopfweh ; von einem flachen Messerrücken an die Stirn gedrückt , von Citronensaft , von einem zu öffnenden Fenster ... erst die Räthe aus der Stadt gaben den rechten Rath , Aufhebung der Soiree . Nach einigen Minuten war die Fürstin allein . Egon bestätigte die Verhaftung , erklärte die Identität , verwies vorläufig auf den Thurm . Retten , helfen konnte er nicht . Es war zu spät . Melanie fühlte dies Zuspät ! nicht sich , wohl aber der Pflichtenlehre und dem Charakter ihres Mannes nach . Er erklärte die Anwesenheit Dankmar ' s grade bei Ackermann für eine Folge der Liebe Dankmar ' s zur Tochter des Generalpächters . Melanie bestätigte diese Vermuthung als die wahrscheinlichste Auslegung eines Aufenthaltes , der der erste trübe Flecken auf dem von Egon so hochgehaltenen Bilde des Generalpächters war . Sie sahen beide Alles , wie es wohl war und wie es sein konnte und schieden voll Schmerz . Egon , der noch zu arbeiten und sein Schlafzimmer im andern Flügel des Schlosses hatte , die Fürstin , die mit Schrecken von ihm hörte : Es wird diese Unbesonnenheit ihm leicht einige Jahre Gefängniß kosten können , die nicht abzuwenden sind , falls die Genossen seiner Verschwörung nicht dazwischen treten . Wenn die Wildungen den Prozeß gegen die Stadt gewinnen sollten , erleben wir Verwickelungen , die eine Stellung wie die meinige leicht zu einem Kampf gegen Geister und Zaubereien machen dürften . Ich weiß nicht , ob man nicht von Glück sagen darf , daß bis dahin vielleicht die Partei Trompetta-Flottwitz am Ruder ist . Der Hof war in Tempelheide , hat sich von Windharfen und Naturmystik unterhalten lassen ; General Voland liest jeden Abend die Kapitel seines neuen Werkes über die alchymistischen Vorstellungen , die das Mittelalter mit der Natur der Steine verband ; die frommen Präsidenten drängen aus der Provinz herein . Wohlan ! Man kann bald Gelegenheit finden , die Politik zu behandeln , wie jene Helden , die im Zauberwalde Armidens ihre Schwertstreiche auf Feinde richteten , die vor ihnen wie die Luft zerrannen ! Die Fürstin , die ein Großes und Gewaltiges im Leben nur ertragen und durchführen konnte , wenn eine erwiderte Liebe ihren Muth beflügelte , ihren Arm stärkte , Melanie begab sich zur Ruhe . Zum Thurme gehen , eine Befreiung zu wagen , List , Verschlagenheit anzuwenden , wie damals im Heidekrug ... Diese Zeiten waren vorüber . Sie ging zur Ruhe ... Egon aber , als Alles im Schlosse still geworden und er allein war , öffnete das Fenster und blickte zu den Sternen auf ... Nie haben wir ihn mit sich selbst beobachtet . Nur seine Worte im Gespräch mit Andern , nur seine Thaten ließen wir für ihn reden . Es gebührte diese Zurückhaltung dem Bilde einer Persönlichkeit , die Alle als den lebendig gewordenen Egoismus nehmen . Dieser Charakter , fast von Allen verurtheilt , die mit ihm in nähere oder entferntere Berührung traten , konnte nur durch die Andern geschildert werden . Aber dennoch dürfen wir an die zerrissenen Empfindungen glauben , mit denen Egon an das geöffnete Fenster seines Schlafzimmers trat , die schon kühlere Nachtluft an seine heiße Stirn wehen ließ und voll Wehmuth auf den Garten des Schlosses hinunterblickte , auf die Bäume und Boskette , hinter denen der Gerichtsthurm des Dorfes Plessen versteckt lag . Wenig über ein Jahr war vorüber und was hatte sich Alles seitdem begeben ! Nur die Jedem , wieviel mehr einem Hochbegabten sich aufdrängende Überzeugung , daß wir in einer Zeit der gewaltigsten Umwälzungen inner- und außerhalb der Menschenbrust leben , konnte die Wandlungen glaublich erscheinen lassen , die seit dem Tage , wo Dankmar in die Gefängnißzelle des Fürsten trat , die er nun selbst bewohnte , diesem geschehen waren ! Egon war sich selbst kein Räthsel , aber er fühlte es mit Schmerz , daß er ein furchtbares Andern sein mußte . Jener Stunden , die ihn im Thurme um die Freundschaft eines jungen , unternehmenden Kopfes werben ließen , gedachte er jetzt mit solcher Lebhaftigkeit , daß er auf einen Sessel niedersank , an der Brüstung des Fensters sein Haupt aufstützte und sich in Empfindungen wie diesen kaum zu sammeln wußte : Du Ärmster ! sagte er sich . Würde Alles so gekommen sein , wenn das Geheimniß des Bildes , das Geständniß der Denkwürdigkeiten deiner Mutter dich nicht in deiner Bahn plötzlich an einen entsetzlichen Abgrund geführt hätte , wo du die Besinnung verlorst und dich an die einzige dir nahestehende Hand klammertest ! Diese Mutter , die sich einbildete , mich Demuth zu lehren und mich die Lüge lehrte ! Hoffte sie , daß ich von meiner weltlichen Stellung herabsteigen , mein Leben der innern Beschaulichkeit , der entsagenden Demuth widmen würde ? Sie hat sich vielleicht nicht getäuscht . Sie hat vielleicht den Punkt getroffen , der meine Zukunft , wenn ich noch eine haben werde , mehr bedingt , als die Liebe , die Bewunderung oder der Haß , den ich in meinem gegenwärtigen Mühen ernte ! Aber im ersten Augenblick des Schreckens verlor ich die Besinnung . Die Lüge war hier eine nothwendige , eine erlaubte Selbsthülfe . Der Makel der Geburt brannte so auf meinen Stolz , der Zorn des Sohnes über eine durch die Religion verblendete Mutter wallte so siedend in mir auf , daß ich gerade mit Leidenschaft Das sein wollte , was ich nicht bin . Die Sitte ist auch hier das Gesetz . Die Sitte heiligt auch hier die Unsitte . Es ist wie im Staat , seine Mängel geben nicht das Recht , ihn selbst zu zerstören . Ich bin der Fürst von Hohenberg . Aber daß ich es sein wollte , daß ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen , die mit dieser Pauline hätten entschlummern können , mich sträubte , mich gegen mein Schicksal bäumte , Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es ist mir wie ein Bild der Zeit , denn diese Extreme , die mich stürzen werden , verrathen noch mehr als ich , daß in ihr etwas morsch und faul ist und man die Prozedur einer sittlichen und strengen Revision mit diesen Zuständen nicht mehr wagen darf ! Es schlug schon eilf Uhr vom Dorfthurme herüber ... Nächtliche Vögel schossen , rasch im Kreise mit hängenden Flügeln sich wendend , an den Fenstern des Schlosses vorüber ... Egon träumte fort : Auch Dankmar Wildungen wird diese Schläge der Uhr hören , er wird sie zählen wie ich , er wird auf mich vielleicht rechnen ! Oder nein ! Er war mir an Einsicht schon damals überlegen , als ich ihm so zerflossen , so abentheuerlich und in der Gefahr feige erschien ! Wie war ich hastig , unsicher , von meiner Lage fast bis zu tragischer Besinnungslosigkeit überrascht ! Wie schäm ' ich mich , als dieser Posa seinem Carlos erwiderte : » Gibt es denn noch Freundschaften ? « Du hast Recht . Es gibt keine , Dankmar Wildungen ! Und doch ist es eine Wahrheit , daß grade wir Menschen , die die Welt als Götzendiener des Ich ' s verurtheilt , die unendlichste Sehnsucht nach Liebe haben ! Grade wir Egoisten , wir Kaltgescholtenen schmachten nach dem Thau des Verständnisses , grade wir leiden unter der Einsamkeit , die sich um uns her wie eine wüste Steppe ausbreitet , leiden wie etwa die großen Männer leiden müssen , die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen aus Scheu Niemand sich zu nähern wagt , wie den höchsten trauernden Schneespitzen der Alpen . Ich hoffte einen neuen , deutschen Armand in dir zu finden und dachte mir darunter einen Bewunderer meines Werthes , einen Diener meiner Launen , ein Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane . Der feine Kopf verstand die Absicht , die ich selbst nicht fühlte . Er sah an Louis Armand , was ich mir unter ihm wohl dürfte gedacht haben und mistraute der aufdringlichen Zärtlichkeit eines Hochgestellten , der in der That die Probe nicht bestand . Ich verlor ihn , mit ihm Louis Armand , mit ihm Helenen , ich verlor die selbständige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische ... es ist nicht gut , die Liebe Derer nicht ertragen zu können , die sich doch auch ein wenig selber achten . Der Fürst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter . Er wühlte in den eignen Eingeweiden und bestätigte auch darin eine Erfahrung , die man oft an großen Männern gemacht haben will , daß ihr Denken nicht ihr Handeln ist . Ihr Denken ist ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit , ihr Handeln nur Eines , ein entschlossener Aufschwung , eine energische That . Die weiche Empfindsamkeit der Größe würde kein Geheimniß der Seelenlehre sein , wenn die großen Menschen ihre Gedanken belauschen ließen und die Fülle von Erwägungen bloßgäben , die sie im Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen , wo irgend eine Gefahr ruft , irgend ein Entschluß mit Blitzesschnelle gefaßt sein muß . Egon sprach klein , ohnmächtig , zagend von sich und in diesem Augenblick hätte das Posthorn eines Kuriers ertönen , eine Depesche hätte ihm überbracht werden dürfen , die einen raschen Entschluß erforderte , er würde sich nicht fünf Minuten besonnen haben , den Befehl zu ertheilen , der ihm der nothwendige und den Verhältnissen angemessene erschien . Doch blieb es still . Nur ein schärferer Nachthauch fuhr durch die herbstlichen Blätter ... der Fürst schloß das Fenster ... Noch floh ihn der Schlaf . Noch drückten zu viel der Lasten die Brust eines Mannes , der bei der eisigen Athmosphäre der Politik doch noch nicht ganz in seinem innersten Herzen erstarrt war . Was trennt mich denn von Euch , sagte er noch hinausstarrend durch die geschlossenen Fenster in die Nacht und die Hände zusammengefaltet im Schooße ruhen lassend , was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen , daß sie nicht mehr zusammengehen konnten ? Standesvorurtheile ? Die Verschiedenartigkeit der Interessen ? Ihr denkt so , ich weiß es und eine Weile , als ich mit Eurer Hülfe an jenem stürmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert hatte , dachte ich selbst nicht anders . Aber schon hatte ich den Träumen widersprochen , mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet , schon mein System der Pflichten aufgestellt Euerm System der Rechte gegenüber . Was ist zu thun , wenn zwei streitende Gedanken plötzlich auseinandergerissen werden von dem Leben , das dem Einen sagt : Lasse Das ! und dem Andern : Thue Das ! Die Aufforderung zum Handeln kommt , so lange die Erde stehen wird , wohl an jeden Gedanken zu früh . Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen , immer wird ein Moment ihm noch zu gewinnen sein , die allgemeine Übereinstimmung , und schon soll er handeln , schon das Leben umgestalten , schon sich in der Welt , wie sie gegeben , fest bewähren . Da hatt ' ich keine Möglichkeit mehr , mit Euch zu wandeln . Die große Aufgabe des Staatsmannes traf mich überraschend , aber nicht unvorbereitet . Ich hatte Das , was Genf , was Bonn und Göttingen mich lehrten , nicht vergessen , in Paris hab ' ich nicht aufgehört , mein theoretisches Rüstzeug zu mehren , es zu schärfen , rein zu erhalten vom Roste der Alltäglichkeit . Das Denken , das Lernen , das Aufspeichern war mir , als ich mit dem Volke lebte , eine klösterliche Vorbereitung auf einen Beruf , den mir der Zufall schenkte , denn suchen konnt ' ich ihn nicht , in dieser süßträgen Lethargie nicht , die wir unter Büchern und Frauen empfinden . Es gibt keine gefährlichere Wonne , als die Liebe einer schönen Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch bloßes geistiges Aufnehmen aus Büchern , Reisen , allen erdenklichen Wissensquellen , nur nicht dem Born des eignen Arbeitensollens , des eignen Schaffens ! Ionischer Himmel , die Liebe Kleopatrens und die Bibliothek von Alexandria ... an dieser höchsten aber gefährlichen Seligkeit des Lebens , zugleichgenossen , sind die größten Genies zu Grunde gegangen ... ich wollt ' es nicht , ohne darum ein Genie zu beanspruchen . Die unwillkürliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Sessel empor . Es schauderte ihn hinüberzublicken auf die Fenster , wo eben Melanie ' s Licht erlosch ... Helene blieb ein Akkord in seiner Seele , der , selbst wenn sie einem Maler Namens Heinrichson gehören und jetzt mit diesem in Paris weilen konnte , ihm einen Schmerz verursachte , wie wenn er sich plötzlich in einem Gefängniß erblickte . Er trat auf mit schallendem Fußtritt , er fühlte sich elektrisirt , er wußte nicht , ob vor Wonneschmerz oder vor Wuth , er hätte an Eisenstäbe greifen , an ihnen rütteln mögen ... er konnte sich nicht beruhigen , ehe er nicht die kühlen feuchtansetzenden Scheiben des Fensters an seiner Stirn fühlte . An diese lehnte er sich und dachte mit Klagen : Was wär ' es nun , wenn ich den Mantel nähme , diese Zimmer verließe , den Berg hinunterschritte , an den Thurm träte und , der Wachen nicht achtend , die ihn hüten werden , zu dem Fenster emporriefe : Schläfst du , Wildungen ? Fürchte nichts ! Mich schwindelt auf der Bahn , die ich wandele ! Dein Märtyrerthum ist größer als meine Freiheit ! Und wenn du Freiheit willst , ich will sie dir geben , will mit dir fliehen , hinaus in die Welt , in ein Felseneiland , will dies künstliche Gewebe , das mich umsponnen hat , zerreißen , dies Gehäuse zertrümmern ... ich will ein Genosse deines Bundes sein , dieser furchtbar anwachsenden , wie das Erzgeäder in einem Bergschacht verbreiteten und dich vor uns verurtheilenden Ritterschaft vom Geiste ... Es war ein Augenblick , der ihn so überflog , so aus der künstlichen Selbstbeherrschung und der Aufgabe , die er für die Welt durchführte , hinausschleudern konnte ... Melanie , Pauline , Amanda , das waren Namen , die ihn immer nur starr machten , kalt , entschlossen ... Bei Helenens Namen aber überwehte es ihn wie einer jener weichen Südwestwinde , die wie auf feuchten Schwingen mild und lockend uns plötzlich anhauchen nach langer trockner Witterung ... Die Verführung dauerte aber nicht lange . Sie hörte mit dem Anruf der Wachen auf , die er vom Thurme hörte . Es waren Gendarmen , die die Posten wechselten ... morgen in der Frühe sollte der Gefangene in einem verschlossenen Wagen in die Residenz geführt werden . Ah ! der Fürst strich sich gleichsam das Haar von der Stirn zurück . Er vergaß , daß sich der Scheitel nach seiner Krankheit völlig gelichtet hatte , während der Rest , der ihm geblieben , schon graue Spitzen zeigte . Er runzelte die Augenbrauen und stellte die Lichter so , daß er nicht in Versuchung gerieth , sich im Spiegel zu erblicken . Er war zerfallen wie schon ein welkender Mann , während er etwa dreißig zählte . Aus jeder Kammersitzung kam er erschöpfter . Wenn er bei sich anfuhr , schlich er die Treppe hinauf , warf sich in ein Kanape und verlangte eine halbe Stunde Ruhe um sich her , da er nicht sprechen konnte und vom leisesten Geräusch gereizt wurde . Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts , ohne daß er es selber merkte . Wie todt streckte er sich dann , ließ die Arme hängen und staunte tief in sich selber , daß diese ohnmächtige Hülle ein ihm selbst noch fühlbares Bewußtsein enthielt . Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf Schlaf gehofft . Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen . Die Gesichtsfarbe wurde gelb , ein Beweis , daß die Leber litt bei einem Ärger , den ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte , sondern die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer , für die er wirkte . Egon stritt gern über Prinzipien . Eine Rede gegen die Demokratie hob ihn , erheiterte ihn . Eine Rede gegen die Parthei der reinen Konstitutionellen , gegen die Fractionen Justus und Ähnliche verursachte ihm Appetit für den Mittag , denn er gab Diners , bei denen er kaum mehr als einige Löffel Suppe aß . Aber Das , was an seiner Leber nagte , war die Überzeugung von der tiefen innern Verdorbenheit des Staates , den er vertheidigte , und seiner Organe selbst . Der Ehrgeiz der Beamten , die heimlich den Boden unter ihm durchwühlten , konnte ihm Anfälle von Raserei machen . Er sah da Menschen , die in stillen Zeiten emporgekommen waren , nie ein Prinzip hatten als das der Beförderung , auch nie um ein anderes gefragt wurden , da die alte Zeit alle Berufung an die Gewissen der Menschen ausschloß , Menschen , die nun auf bedeutenden Posten stehend sich bei dem großen Kampfe , den er auszufechten hatte , wie müßige Zuschauer gebehrdeten . Man beneidete ihm hier seine Stellung , die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war . Ohne für das Beamtenthum gebildet gewesen zu sein , war er Staatsmann geworden . Seine Jugend , sein Mangel an Bekanntschaft mit dem gewöhnlichen Geschäftsgange der Ressorts , die er durch Ministerialvorstände verwalten ließ , während er sich die Prinzipien vorbehielt , nach denen die einzelnen Fälle entschieden wurden , sein Terrorismus , der in der That von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine brüske Reizbarkeit ausartete , alles Das hatte angefangen , ihm seine Stellung sehr schwierig zu machen . Er nannte die neutrale Gleichgültigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei mit der Revolution . Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen Minister , die Gott und dem Genius des Vaterlandes hätten danken sollen , daß er das ihnen mislungene Werk vollführte , die Hydra der Revolution bändigte , und die statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravitätische Ruhe affektirten , jeden seiner Anträge erst prüften , in den Commissionen die gründlichsten Ausweise verlangten und ihn so hinstellten , als wenn er zwar die Ausübung der Macht , sie aber die Macht selber wären . In der That hatte sich bei Hofe und in der Adelskoterie auch schon die Meinung festgestellt , daß diese ganze Politik des Fürsten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der großen durch die Umstände zum Feiern gezwungenen Köpfe lebe , die sich wie Pairs des Reiches im alten catalonischen Sinne gebehrdeten . Die Art Ständevertretung , die Egon selbst früher bezweckt hatte , war eine Idee gewesen , die man , als er sie den nächsten Rathgebern des Königs vorschlug , erst bewunderte . Als aber die Emeuten besiegt waren , als man einige Beispiele von Kraft auf der Straße und in den Vestungen gegeben hatte , als sich tonangebende selbst hochgestellte Demokraten nicht mehr aufrecht erhalten konnten , sondern im Auslande lebten oder sich durch einen Bund nur stärken konnten , der in diesem Augenblicke die einzige Beunruhigung der Gesellschaft war , da drang auch Egon mit seiner Theorie der Arbeit nicht mehr durch und war schwach genug , verwöhnt genug schon durch die Macht , gereizt genug schon durch den Zorn ,