Sparsamkeit in Fefelotti ' s Hinterlassenschaft gebracht hatte ... Daß der sich jetzt Cäsar von Montalto nennende , verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam , war kein Geheimniß und mehrte das Interesse ; in diesem Lande war das Urtheil über Italiens Angelegenheiten freigegeben ... Allgemein nahm man die Möglichkeit , in so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu können , für ein Hoffnungszeichen möglicher Genesung ... Bonaventura dachte anders ... Es hat ihn nur gezogen , hier sein letztes Lager zu suchen ... Noch einmal wollte er in seinen Anfang zurück ... So nur war ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklärlich ... Das bescheidene Mahl war zu Ende , als das lebhafte Gehen der Thüren nach dem Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniß im Zustand des Kranken schließen ließ ... Der Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstoßenden Zimmer ... Alle folgten ... Einer der Brüder kam ihnen mit einem Gefäß voll Schnee entgegen , den man anwenden wollte , um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern ... Bonaventura hörte ihn laut phantasiren ... Als er näher gekommen war , fand er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders , seiner nicht bewußt - auch Bonaventura nicht erkennend ... Es schien , als befehligte er noch auf den Breschen der Mauern Roms - als riefe er die Wankenden zusammen ... Mit erhöhter Stimme sprach er bald italienisch , bald deutsch , bald englisch ... Er redete Personen an , die er leibhaft vor sich sah ... Sarzana ! rief er und lachte sogar ... Da haben Sie ' s denn nun ! ... Leichenbruder ! ... Auch Hamlet hatte erst Muth , als eine Ratte hinter der Wand raschelte ! ... War ' s nicht so auch mit Ihnen , Ihrer neuen Loge damals - ? ... Stehen Sie jetzt auf , Sarzana ! ... Ich bitte Ihnen ab , daß ich Sie für einen Verräther hielt ... Ein tollerer Hamlet waren Sie freilich noch als ich ... Achtung aber der Dame , die da kommt und die eine Krone zu tragen würdig ist - Nein - es ist - ja nur die Kammerjungfer - ... Bonaventura las aus Benno ' s wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen , die ihn quälten ... Die letzteren schienen Lucinden zu gelten ... Er redete dem Freunde zu , sich zu fassen ... Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn ... Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um Hülfe bittende Blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen ... Seine wilde Rede stockte ... ... Das Auge starrte um sich ; der Kopf neigte sich zum Kissen zurück und nur die abwehrenden Hände verriethen , daß die Gedanken des Leidenden keine heitern waren ... Fort ! Fort ! rief er und suchte sich der Annäherung von Menschen zu erwehren , dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten ... Allmählich trat eine Entkräftung ein , so bedenklich , daß die hinzugekommenen Aerzte dem Bewußtlosen Stärkungen einflößen mußten ... Darüber verfiel er in einen Halbschlummer ... Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden ... Bonaventura hatte angeordnet , daß hier , in seiner Bibliothek , sein Nachtlager sein sollte ... Man beschwor ihn , seiner selbst zu schonen - Morgen in erster Frühe wollte er die Messe lesen ... Er erwiderte : Nachtwachen bin ich gewohnt ... Dann trat er ans Fenster und deutete an , daß ein Unwetter heraufzöge ; man möchte die Fenster schließen und sich zur Ruhe begeben ... In der That brauste ein plötzlicher Wind , warf offenstehende Thüren und Fenster ... Man entfernte sich und ging scheinbar zur Ruhe ... In Wahrheit schmückte man heimlich den Palast zum morgenden Feste ... Der Kranke lag , als Bonaventura an sein Lager zurückkehrte , in Schlummer versunken ... Sein Athemzug ging schwer und ungleichmäßig ... Die Brüder schlossen nebenan die Fenster und Thüren - das Brausen des Windes nahm zu ... Auch die Thür , die das Schlafcabinet vom Bibliothekzimmer trennte , wurde wieder geschlossen ... Bonaventura trat in letzteres zurück und war nun allein - unter seinen Büchern , von denen die meisten ihm über die Alpen ( ohne Renate , die gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb ) nachgekommen ... Seine Studirlampe brannte auf dem grünbehangenen Tische ... Die Glocken schlugen zehn ... » Nachtwachen bin ich gewohnt « ... Bonaventura war es schon in seinen glücklicheren Tagen ... Wie viel mehr in denen , die seiner Reise nach Wien folgten ... Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor ... Ambrosi hatte dem Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen müssen ... Nun zog er wol wieder mit ihm in Rom ein ... In Rom , wohin auch ihn , den Sohn - die Mutter rief ... Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flüchtig kennen gelernt ... Damals war er als ein Angeklagter erschienen , anfangs in seinen Schritten gehemmt , dann , als sich alles zum Guten wandte , von Huldigungen der maßlosesten Art , durch die Herzogin von Amarillas , Olympien , Lucinden , am wenigsten freigegeben ... Damals war Benno bereits durch die Hülfe der Frauen gerettet ... Die Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn ausgesöhnt ... Daß Benno ihr Sohn , verkündete sie nun selbst ; ihr verzweifelndes Muttergefühl hatte ohne jedes Besinnen den Schleier des Geheimnisses zerrissen - und Lucinde , die vorher so gefürchtete Mitwisserin des Geheimnisses , wurde nun ohne Scheu die Dritte im Bunde ; die Herzogin hatte jede Demüthigung vergessen ... Zwei Menschen gab es nur , die helfen konnten , Olympia und Lucinde - ihr erschienen sie jetzt wie Engel und gottgesandte Heilige ... Als Benno in Sicherheit war , errichteten die Frauen Pforten des Triumphes für Bonaventura ... Fefelotti mußte ihn von ganz Rom wie auf Händen getragen und sogar vom Heiligen Vater begnadet sehen ... Ermüdet und beschämt von soviel Glück und Erfolg , hatte Bonaventura den Trost , zu sehen , daß seine Sache wenigstens von einigen unabhängigen Männern und Richtern aus Ueberzeugung gefördert wurde ... Er hatte gehört , daß seine Angelegenheit besonders freundlich Ambrosi vertrat ... Diesen seltsamen Menschen , für den er ja selbst in Robillante Bischof geworden und von dem er mit doppelt begründeter Rührung vernommen , daß sein Vater ein Professor in Robillante war , der auf einer Alpenwanderung , wo Vermessungen von ihm vorgenommen werden sollten , umgekommen - diesen besuchte er jetzt ... Wie drängte es ihn , zu hören , ob sein Vater , der einen solchen Tod nur fingirt hatte , wirklich als Lehrer oder Verführer zu ketzerischen Gesinnungen mit ihm in näherer Verbindung stand ... Im früheren germanischen Collegium liegt die » Custodia der Reliquien und Katakomben « ... In dem untern Geschoß des düstern Palastes befinden sich lange , an den Fenstern vergitterte Säle , in denen die alten Steinsärge ihres Inhalts entleert , die vermoderten Knochen gesäubert und in grünangestrichene Kisten gesammelt werden ... Nach den Inschriften der Särge werden die Namen der Bekenner festgestellt ... Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten Flüssigkeit , die vielleicht Blut war , so hegt man die Ueberzeugung , die Knochen eines Märtyrers gewonnen zu haben ... Ueberall liegen hier Glassplitter , zerbrochene thönerne Lampen , selbst Kleiderreste einer uralten Vergangenheit ... Soeben war Cardinal Ambrosi beschäftigt , einen von einem Professor des Collegiums , einem Jesuiten , » getauften « heiligen » Xystus « nach Amerika zu versenden , wo man in Mexico das dringendste Bedürfniß ausgesprochen und viel Geld darum nach Rom gesandt hatte , für eine neugebaute Kathedrale den kostbarsten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu besitzen ... Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort : » Ich ziehe in die Katakomben ! « ein Wort , das Frâ Federigo zu Klingsohr und Hubertus gesprochen hatte ... Ueber Hubertus hatte sich Bonaventura schon bei Klingsohr beruhigt , den er mehrmals in Santa-Maria besuchen wollte , endlich nur im Archiv des Vatican fand , wo Pater Sebastus die deutschen Schriften excerpirte , die Rom auf den Index setzt - Wohl eine Thätigkeit , die Bonaventura an Benno ' s Wort vom Vatermorde erinnern konnte , dessen dieser den Sohn des Deichgrafen mehr bezichtigte , als seinen eigenen Vater , den Kronsyndikus ... Klingsohr ' s demüthiger Brief aus San-Pietro in Montorio nach Robillante , den Lucinde damals besorgen sollte und besorgt hatte , stand im auffallendsten Widerspruch - mit einer Cigarre , die Pater Sebastus am offenen Fenster in der Nähe der Loggien des Raphael zu rauchen wagte ... Soviel stand fest - die Situation hier oben , dieser Blick auf die Größe Roms , dieser heraufströmende Duft aus den lieblichen Gärten des Vatican - es verlohnte sich , mit dem deutschen Vaterland , mit Schiller , Goethe , Kant gebrochen zu haben ... Klingsohr analysirte sein Glück mit der ganzen Kraft der ihm zu Gebote stehenden poetischen Reproduktion - ... Die » dummen , albernen Wahngebilde « in den Büchern vor ihm , die ewige Schönheit Raphael ' s um ihn her - auch Lucindens beseligende Nähe - alledem wußte der kahlköpfige , hektisch hustende Mönch goldene Worte zu leihen ... Von Hubertus berichtete er , daß dieser den Pilger von Loretto aus der Gefangenschaft der Räuber mit Lebensgefahr befreit hatte , dann aber leider , den Verfolgern ausweichend , mit dem Geretteten nach dem Süden verschlagen wäre ... Hubertus unterhandelte damals mit dem General der Franciscaner um die Erlaubniß , in dem Kloster San-Firmiano , am Eingang in den Silaswald , für immer bleiben zu dürfen und schon hatte seine Bitte die Unterstützung Lucindens und Ceccone ' s gefunden - Beide waren froh , den Unheimlichen in der Ferne zu wissen ... In ruhiger Ergebenheit ließ Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit , alle Erfahrungen seines Gemüthes gegen einen Mann durchzusprechen , der ihm so mannichfach nahe stand ... Und wie orakelte Klingsohr ! ... Am längsten verweilten seine Einfälle und Paradoxen diesmal beim Leben - der » Thierseele « ... Hubertus sollte den Pilger mit Hülfe eines Hundes , ohne Zweifel des seinem Herrn bis nach Loretto und dann bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen » Sultan « entdeckt haben ... Den Pilger selbst charakterisirte Klingsohr als einen Deutschen , der der alten Zeit des Turnerthums und der Romantik entlaufen wäre und » sozusagen Eichendorff ins Protestantische übersetzt hätte - « , wahrscheinlich hätte er in Loretto » die Andacht statistisch studiren « und das hochheilige Wunder von der durch die Lüfte nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmstädter Kirchenzeitung lächerlich machen wollen ... Grizzifalcone hätte einen scharfen Blick verrathen , als er diesen Mann zu seinem Schreiber machte ... Bonaventura hielt seinen heftigsten Zorn und Unwillen zurück und rühmte nur die Bildung des Verschollenen ... Klingsohr räumte diese ein und erzählte : Als wir in einer Nacht im Walde campirten und ich nicht schlafen konnte , sang er , neben mir im Moose liegend , ein provençalisches Lied ... Von einer edlen Dame , glaub ' ich , der ein in den Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurückläßt ... Ich übersetzte es - glaub ' ich : Weil ich Dich , Liebste , lassen muß , Wie darf ich je noch fröhlich werden ! Nimm hin noch mit dem letzten Kuß Das Liebste mir nach Dir auf Erden ! - - Bonaventura ging dann erschüttert ... Er sah ja den Abschied des Vaters von Gräfin Erdmuthe ... Als er erfahren hatte , daß sich in Santa-Maria vielleicht eine Möglichkeit fand , mit dem Silaswald in Verbindung zu treten , als Klingsohr mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens Macht und Einfluß und , Bonaventura ' s fast spottend , von ihrer baldigen Grafenkrone gesprochen hatte , verließ er ihn , um ihn nicht wiederzusehen ... Klingsohr behandelte ihn , im Hinblick auf Lucinden , mit Vertraulichkeit , fast Protection ... Es währte eine halbe Stunde , bis Ambrosi , den er für fernere Nachforschungen im Silaswalde zu interessiren hoffte , sich ihm widmen konnte ... Er sah sich die auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsärge an ... Auf allen Verzierungen derselben fanden sich die nämlichen Embleme des Glaubens an Auferstehung ... In roher Darstellung , ohne Zweifel von Fabrikhänden gefertigt , waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt , ein Mythus , der den Formen der Schönheit wenig entgegenkommt - ebensowenig wie der auf allen Särgen wiederkehrende Fisch , der in seinem griechischen Namen die Anfangsbuchstaben für Jesus und seine Erlöserwürde ausdrückt ... Endlich erschien der Cardinal ... Bonaventura fand eine kleine Gestalt , von weiblichweichen Formen , von einer noch ebenmäßigeren Schönheit , als sie ihm oft war geschildert worden ... Ambrosi ' s Lächeln war sein , sarkastisch sogar , seine Sprache sanft und melodisch ... Was er Bonaventura zur ersten Begrüßung sagte , schien ein Herzensbedürfniß auszudrücken , das schon lange von ihm genährt wäre und in dem Wunsch nach inniger Bekanntschaft mit einem Manne bestünde , der einen Bischofssitz einnahm , der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen ... Nach Entschuldigungen dann für die Eile , die die Verpackung des heiligen Xystus hätte , da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker lichte , nach den ersten schärferen Forschungen in der Natur der beiden sich in ihrem innern Grund bereits bekannten Männer , sagte Bonaventura beziehungsvoll : Es weht mich aus diesen Symbolen , so unschön die Formen sind und so - man kann wol sagen , roh , einem Bauer gleich , die Gestalt Jesu abgebildet wird , doch eine seltsame Weihe an ... Man sieht einen nächtlichen Gottesdienst geheimnißvoller Verbrüderung in einer unterirdischen Krypte ... Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen ! sprach Ambrosi und führte seinen Besuch an den Steinsärgen entlang , auch an noch uneröffneten ... Der Geruch in diesen Sälen war peinlich genug ; die Stimmung aller Anwesenden seltsam beklommen ; nicht gerade des Moders wegen , sondern wie im verschütteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen werden darf , so hier keiner dieser einträglichen Knochen , die im Preise von Juwelen standen ... Ein Priester mußte den andern bewachen und die Wächter hatten wieder über sich ihre Wächter ... In der That - als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnißvollen Wunderzeichen dargestellt sähe ! sprach Bonaventura , staunend über die an den Särgen angebrachten Basreliefs ... Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch über die neuesten Forschungen in den Katakomben ... Dann sagte er : Die Gleichheit aller Särge und die gemeinsame Begräbnißstätte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig zusammenhängenden Gemeinde ... Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten ... Ein großes Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen der gekreuzten Schlüssel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nähte der Emballage ... Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer führen ; wieder fand sich eine Störung ... Gleichsam als käme alles zusammen , was den Gedanken wecken mußte : Sind denn das nicht Heuchler , die einen gottseligen Sinn haben wollen und solchem Aberglauben huldigen ? - traten ihm die Superiorin , die Vicarin und Sacristanin der » Lebendigbegrabenen « in ihren braunen Röcken und weißen Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen , um das Fürwort des jüngsten der Cardinäle für die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen ... Sie verneigten sich tief ... Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichniß aller Wunder entgegen , die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte ... Bonaventura sah , daß Ambrosi nicht lächelte , sondern ernst die Blätter überflog , sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prüfen versprach ... Beide begegneten sich als katholische Priester ... Beide waren erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf ... Jedenfalls kannten sie keine Reform , als die auf Grundlage des katholischen Lebens ... An einen Uebertritt zum Lutherthum denkt nicht der alleraufgeklärteste , nicht der allerunabhängigste unter den Katholiken ... Als die Nonnen sich entfernt hatten , saßen zwei Menschen , Heilige , wie sie oft genannt wurden , sich gegenüber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke ... Der eine war ein Märtyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhöht ... Der andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Würde zu Würde ... Jener ein contemplativer Charakter , dieser zum Handeln und zur praktischen Bewährung geneigt ... Die Ruhe beider die gleiche ; beim einen war sie ein Wachen wie über einen Schatz von schönen Hoffnungen , die alles Leiden endlich belohnen würden , beim andern wie über einen Schatz voll Ergebung , dem kein neues Leiden mehr eine Ueberraschung bieten konnte ... Ambrosi lobte Bonaventura ' s Eifer für die Waldenser , nicht weil er ihre Lehre billigte , sondern weil die Waldenser ihre Rechte hätten ... Voll Theilnahme und beruhigend sprach er über den Eremiten , den er einen Landsmann des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wußte ... Die Berichte , die er gab , bestätigten , was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren hatte ... Als Bonaventura von Frâ Federigo nähere Kunden zu hören wünschte , wich allerdings sein Gönner aus und rühmte nur - die Gegend um Robillante ... Auf einsamen Wegwanderungen hab ' ich da die großen Begebenheiten kennen gelernt , die dem Einsamen Stoff zur Betrachtung geben - sagte er ... Mein erstes Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich später in die Schule , ins Seminar , ins Kloster kam , fand ich freilich , daß ich infolge dieses Träumens alles , was eine Unternehmung werden sollte , linkisch anfaßte ; der Erfolg war immer kleiner , als meine Absicht ... Da begann ich nichts mehr und nun hatt ' ich alles ... Gefahrvoll für die Welt , griffe solcher Quietismus um sich ! ... sagte Bonaventura mit aufrichtigem Tadel ... Darauf machte mich Frâ Federigo aufmerksam , dem ich mein Leiden klagte ... fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung , offenbar über seine Worte wachend , fort ... Warum suchten Sie ihn auf ? ... fragte Bonaventura ... Ich wollte deutsch von ihm lernen , um in die Schweiz zu reisen ... Ich brachte es nicht weit ... Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig über die Grammatik , mehr über Gott und die Welt ... Bonaventura sah den Einfluß seines Vaters auf den jungen Theologen und fragte : Sie wußten , daß Sie mit einem Ketzer sprachen ? ... Das wußt ' ich ... Ich ging auch mit großer Angst zu ihm ... War ich aber bei ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim , so erschien ich mir wie Jakob , der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang ... Ich kämpfte oft einen Riesenkampf gegen diese mächtige Erscheinung und doch suchte ich meinen Gegner wieder auf , gerade weil ich bei ihm die Kraft fand , um mit jenem Engel im Nebel , mit Gott zu ringen ... Jeder Schlag , den ich von Gottes allmächtigem Geist empfing , verbreitete Kraft durch meine Glieder ... Sie hatten Recht , mein theurer Bruder , sich für diesen edlen Landsmann zu verwenden ... Ich denke , Sie sind jetzt über ihn beruhigt ? ... Bonaventura ' s Brust hob sich mit dem Gefühl der Beseligung und zugleich der Spannung auf die Möglichkeit , daß Ambrosi seine nähere Beziehung zum Eremiten kannte ... Ist es wahr , begann er nach einigem Schweigen , während dessen seine Augen umirrten , daß Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind ? ... Der Cardinal erröthete , wie öfters , so auch jetzt - gleich einem Mädchen ... Dann wiegte er den schönen Kopf wie über die Seltsamkeit aller solcher Gerüchte und über sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lächeln ... Er hatte geschwiegen , aber seine Geberden sagten ein Ja ! und wieder auch ein : Nein ! ... Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fähigkeit eines so ausdrucksvollen Mienenspiels ... Ein Mönch zu sein ! fuhr Bonaventura beobachtend fort . Konnte - Sie das so reizen - so zu den staunenswerthesten Entbehrungen - ? ... Ein Mönch in alten Tagen , unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte Huldigung mit lächelnder Miene , war ein lebensmüder Einsiedler ... In den unsern bedeutet er entweder weniger oder - mehr ... Ich stellte mir mit meinem Verlangen nach Gott eine Aufgabe ... Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so , daß wir unsere Schultern nur zum Tragen göttlicher und unsichtbarer Dinge stärker machen wollen ? ... Diese Reliquien , diese Seligsprechung , von der Sie eben hörten - diese rechne ich auch zu dem , was mit dem Baldachin des Himmels , der Offenbarung , der Verehrung für überirdische Dinge überhaupt zu tragen ist ... Warum tragen wir es noch und handeln danach ? ... Noch ? wiederholte Bonaventura ... Ein flüchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals ... Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel , ein beredsames Schweigen ... Wie mit plötzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen ... Dieser Priester , sagte er sich , ist ein Schüler deines Vaters ! ... Alle Grundsätze desselben hat er eingesogen ! ... Um sie in die katholische Kirche einzuführen trachtete er danach , eine hohe Würde zu erklimmen , die ihm möglich machte , Reformator mit Erfolg zu sein ... Unter allen Mitteln , um zu steigen , wählte er das - eines Lebens der Ascese ... Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen von Castellungo , an den Tag des heiligen Bernhard , an den Tag , wo Scheiterhaufen oder göttliche Läuterungsflammen der Kirche sich erheben würden ... Fiat lux in perpetuis ! schwebte auf seinen Lippen ... Schon wollte er die geheimnißvolle Losung aussprechen ... Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom Hause ab ... Nicht zu weit entfernt vom Sopha , auf dem sie saßen , stand ein Tisch , auf dem eine Anzahl jener gelben , wie Ockererde zerbröckelnden Reliquienknochen lag ... So mußte er seine Vision wol als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen ... Sie sind befremdet , sprach der Cardinal , der ihn so in Gedanken verloren fand , wenn ich Ihnen gestehe , daß ich diesem Ihnen vielleicht verdrießlich erscheinenden Amte sogar mit Liebe obliege ? ... Es erinnert mich doch gewiß an Eines - an den Tod , der unser aller sicherstes Loos ist ... Aber diese Reste der Vergangenheit verehren ? entgegnete Bonaventura mit wiederkehrendem Muthe ... Sogar Wunder verlangen von diesen - todten Knochen ? ... Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetung - nie unterstützt ... Es war ein gewagtes Wort , das Bonaventura gesprochen - ... Der Cardinal nahm es ruhig hin ... Der Aufgeklärte und Denkende , sprach er , wird immer trauern , wenn er sieht , daß diesen todten Resten der Vergangenheit eine göttliche Ehre erwiesen wird ... Aber trägt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten , das Haar einer theuern Mutter , und treten Sie nicht mit feierlichem Gefühl in die Gruft der Scipionen , die Sie auf der Via Appia finden ? ... Ist nicht der Besuch der Gräber die heiligste Gelegenheit , unsere irdischen Gedanken zu läutern und von uns so vieles abzustreifen , dem wir allzu thöricht nachjagen ? ... So möcht ' ich auch diese Gebeine , die man tausend Jahre lang heilig hielt , nicht sofort , wie die Sansculotten mit den Gräbern der französischen Könige in Sanct-Denis thaten , auf die Straße werfen ... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben wünsch ' ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer Sache der Dankbarkeit gemacht ... Bewundert doch , möcht ' ich rufen , den Zusammenklang der Zeiten ! Diese von uns fortgeführte Melodie alter Hoffnungen und Tröstungen ! ... Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen ! Sie leben so gut wie Christus ... Aber auch hier : Sie können immer mehr dem rein äußerlichen Bann ihrer Bilder entschweben , können immer mehr in ihren irdischen Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehen - das soll und muß und wird kommen - ... Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so schnell zertrümmern ohne Gefahr , auch das Gute zu verlieren , das sich an sie knüpft ? ... Zumal in südlichen Ländern , wo Jahrtausende hindurch die Religion nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog ... Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen ... Auch ihn band Pietät ... Doch hatte sein Glaube angefangen , alles auf die Bibel zu geben ... Und er sagte dies ... Sorgen Sie nur , daß sie alle lesen können ! ... erwiderte der Cardinal mit einem Seufzer ... Das Bild des Aberglaubens im Volke , der Unbildung der Massen lag nun ganz vor den beiden freigesinnten Priestern ... Ambrosi hörte die beredte Schilderung des Bischofs , wie Deutschland so weit voraus wäre ... Wie Italien dagegen zurückstand , zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo ' s unter den Räubern - alle ihre Qualen verdankte der Unglückliche allein seiner Schreibekunst ... So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfüllung seiner kühnsten Träume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele ... Die Formen der katholischen Kirche aufzugeben und so zu denken , wie Luther dachte , war ihnen nicht gegeben - sie wollten diese Formen zurückgelenkt sehen in die Bedürfnisse des Gemüths , diese geläutert durch einen Geist , dessen allgemeiner Ausdruck die Anerkennung der bisher im katholischen Kirchenleben verpönten Bibel war ... Im Haß gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich ; beide gelobten , sie mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen ... Das läßt mich meinen Krummstab lieben , daß er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist , keine schwache einzelne Kriegerwaffe - ! ... sagte Bonaventura ... Bald verrieth Ambrosi ' s leuchtendes Auge , daß auch ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Mönches nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein war ; das zischt auf und hinterläßt nichts , als ein wenig Rauch ... In der Frage , die er dann an den Bischof richtete , ob er diesen oder jenen Namen der Hierarchie schon kannte , lag die Andeutung , wie schon die Zahl der Gegner Ceccone ' s und Fefelotti ' s im Wachsen war ... Bonaventura versprach , sich den genannten zu nähern ... Die hohe Wonne , die dem Menschen Uebereinstimmung gewährt , verklärte sein Angesicht ... Noch mehr , selten ist das Glück gewährt , noch in späteren Lebensjahren , in Stellungen , die den Anschluß der Herzen nicht mehr erleichtern , eine Freundesbrust zu gewinnen ... Das hob ihm jetzt die seinige ... Das Gespräch wurde lebhafter und zutraulicher ... Diesem Priester , den Bonaventura einen » heiligen Scheinheiligen « hätte nennen mögen und mit mancher ähnlichen Erscheinung der Kirchengeschichte , mit Philippo Neri verglich , hätte er sich ganz entdecken mögen ... Kämpfend mit dem , was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch schon auf sein Bedürfniß der vollen Hingebung zielend , sagte er : So vieles in unserm Glauben ist wie die Beichte ... Auch ihr liegt eine Erfahrung des Gemüths zum Grunde , die ohne höhere Einbuße niemanden entzogen werden kann ... Aber wie sie jetzt besteht , ist sie doch der unwürdigste Zwang ... Eine Zeit wird kommen , wo man erkennt , daß sie dem Priester das Unmögliche zumuthet ... Was drückt unsere innere Würde mehr als die Beichtbürden , die wir tragen , ohne das Gute befördern , das Schlechte , das wir erfahren , verhindern zu können ... Wenn die Unmöglichkeit und der nothwendige Heuchelschein des katholischen Priesterthums erst erkannt sein wird , dann - ... Bonaventura brach ab und erhob sich , weil ein Geräusch vernehmbar wurde ... Auch der Cardinal erhob sich und betrachtete Bonaventura mit heißen , glänzenden Augen ... Ich möchte nur von dem die Beichte hören , dem ich sie selber spräche , sagte er ... Ein Austausch des Vertrauens unter Freunden - ... Ihnen - - könnt ' ich wahr sein - ... wallte Bonaventura in seiner deutschen , vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin ... Der Cardinal nahm sie zitterndbewegt - ... Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgerückte Stunde ... Eine Sitzung des Consistoriums rief ihn ab ... Der Caudatar ließ die Thür offen , durch die er gekommen und wieder gegangen war , und harrte im Nebenzimmer ... Es handelt - sich heute - um Ihre Ernennung zum Erzbischof von Coni - sprach Ambrosi tief bewegt . Sie sollen an die Stelle Fefelotti ' s kommen ... Bonaventura ' s Mienen drückten einen Schmerz aus , als trüg ' er zu schwer schon an seinem gegenwärtigen Kleide des Nessus ... Der Cardinal winkte ihm - zu schweigen - Die Zahl der Diener , die draußen harrten , mehrte sich ... Denken Sie an Ihren Commandostab ! sprach er ... Es muß ein Feldherrnstab sein - , den wir in unsern Händen haben ! Was ist ein - einzelnes Kriegerschwert ! ... Der Ton dieser Worte war so muthig , so offen - daß Bonaventura seine Vision bestätigt sah ... Ambrosi hatte Jahre lang sich selbst getödtet , um eine Auferstehung zur That zu feiern ... Kein Zweifel , daß diese Annahme die richtige war ... Und nun hätte er weiter forschen , von seinem Vater beginnen mögen , fragen , ob nie über dessen Herkunft , über dessen frühere Verhältnisse von ihm gesprochen wurde - nur seiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mittheilung , der immer höher stieg - Endlich begann Ambrosi , der Umgebung lauschend , von gleichgültigen Dingen ... Ein Schimmer