um ihn her in Ruhe schlummerten . - Hatte es also zehn Jahre und erst des Todes seiner Mutter bedurft , um seinen ganzen innern Menschen so mächtig aus einem Zustande der Lethargie zu erwecken - ! ... Terschka stand eine Weile vernichtet , bis er sich sammelte ... Endlich erhob er trotzig sein Haupt , das nun schon durch die Jahre eine natürliche Tonsur trug , griff in die Tasche - gab dem Diener ein Trinkgeld und ließ sich im Gehen erzählen von den Bewohnern des Schlosses , vom Tod der Gräfin , vom morgenden Fest in Coni , von den Ueberraschungen für den Erzbischof , von den Reiseplänen des Grafen , von der dem Obersten hier schon gegebenen Stellung , von Monika ' s Reformen , von Armgart ... Auch von Federigo ließ er den Diener plaudern , vom Einsiedler , der noch im Silaswalde leben sollte , nachdem er in die Hände der Räuber gefallen , aus denen ihn Frâ Hubertus - wie alle Welt erzählte , mit Hülfe seines Hundes , des treuen Sultan - errettet haben sollte ... Terschka forschte mit kurzen Fragen diesem unheimlichen Namen nach , forschte Allem , was von Franz Bosbeck , seinem ehemaligen Retter , den die Nemesis schon zum Richter über Jan Picard gemacht , im Volksmunde hier bekannt war ... Auch Frâ Hubertus mit dem Todtenkopf sollte noch leben ... Er erstaunte - künstlich ... Alles , was er hörte , war ihm schon bekannt - ... Frost durchschüttelte seine Glieder - Jetzt erst warf er des Dieners Mantel um , den er bisher überm Arm getragen hatte , und bat um die Angabe eines kürzern Weges , um ins Thal und dort zum Pfarrer zu gelangen ... Der Wind hatte aufgehört ... Regenströme ergossen sich ... Noch schützten ihn und den Diener hier und da die Bäume der Alleen ... Sie umgingen das geheimnißvoll nächtlich schlummernde Schloß ... Eine Weile sah es Terschka mit dem Blick verzweifelnden Neides an ... Dann fragte er den Diener , ob er sich auch der Gräfin Sarzana erinnern könnte ... Auch von ihr ließ er sich einiges erzählen ... Den im spottenden Ton gemachten Bericht über diesen Besuch unterbrach er mit den dumpf vor sich hingesprochenen Worten : Auch sie - ist in Rom ! ... Terschka befahl jetzt dem Diener , ihn allein zu lassen ... Den Mantel sollte er morgen vom Pfarrer im Thal abholen ... Es war über die elfte Stunde - rings stichdunkel ... Durch ein labyrinthisches Gewinde von Gärten , über schwellend brausende Bäche - endlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich blitzenden Kreuzen vorüber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo ... Aus einem geöffneten Fenster , wo noch Licht brannte , begrüßten ihn die heisern Worte : Ecco ! Ecco ! Al fine venuto ! ... Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines angsterfüllten Kerkermeisters , dem ein entflohener Gefangener endlich wiederkehrt ... Fußnoten 1 Thatsache . 2 Monsignore Charvaz , Bischof von Pignerol , warf sich Karl Albert von Sardinien zu Füßen , um ihn von seinen Begünstigungen gegen die Waldenser zurückzuhalten . 3 1847 . 4 Vor einiger Zeit so zu Münster in Westfalen geschehen . 5 Thatsache . 6 Der den Verrath leitete . 7 Gaisruck . 8 Sturla ' s eigene Worte . 9 Thatsachen . 10 Kommt in Jesuitenhäusern vor . 6. Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewölkten Himmel geleuchtet hatte , fuhr ein kleiner , mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstraße zwischen der Stura und dem Gesso dahin , zweien Bergströmen , die hinter Robillante in ihrem Lauf miteinander wetteifern ... Um die Dämmerung gelangte das kleine Gefährt an die Thore einer Stadt , die in frühern Jahrhunderten stark befestigt gewesen sein mußte ... Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Römerthürme ; noch erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Gräben ... Die Straßen Conis , einer 15000 Einwohner zählenden Stadt , waren am südlichen Thor eng und düster , aber belebt von einer schwatzenden , muntern Bevölkerung , wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt ... Kinder , Frauen , Greise , nichts bleibt dann daheim im geschlossenen Raume ; selbst die unterste Volksklasse sitzt in Hemdärmeln , Manchesterjacken , Blousen vor Kaffeehäusern , raucht , trinkt , schwatzt , streitet über die Tagesneuigkeiten , für deren Kunde ein einziges Zeitungsblatt ausreicht , da unter zwanzig meist nur einer lesen kann ... Gesang ertönte ... Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen ... Der Kutscher erfuhr in dem Lärm erst von Andern , daß hinter ihm sein Passagier nach ihm verlangte ... Er wandte sich theilnehmend ... Coni ist eine ansehnliche Stadt ... Aber die schlechtgepflasterte Straße mußte dem Passagier , der ausgestreckt im Innern der Halbchaise lag , empfindlich werden ... Der Kutscher erfuhr , er sollte langsamer fahren ... Zugleich wurde nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die Antwort ertheilt ... Man begleitete den Wagen , der einen Kranken führte ... Es war ein todtbleiches , männlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden , hier und da ergrauten Bart ... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren ... Die Straßenjugend folgte dem Wagen , der auf einen großen Platz einbog , einen Exercirplatz , wie es schien ; rings war das mächtige Quarrée mit duftenden Lindenbäumen besetzt ... Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag hinter einem gegitterten Vorhof ein großartiges Gebäude , vor welchem der Kutscher in seinem weißen Hute , seiner braunen Jacke , seiner rothen Halsbinde ebenso sicher anfuhr , wie der Führer einer sechsspännigen Carrosse ... Er wußte ja , daß er dem Erzbischof einen theuren Verwandten brachte ... Ein Carabinier mit gezogenem Säbel hielt vor der hohen Eingangspforte des Palastes Wache ... Er deutete auf die Klingel , die der Kutscher , der schon abgesprungen war , nur anziehen sollte ... Ein Diener erschien ... In einer Art Livree von schwarzem Frack , schwarzen Beinkleidern , schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen ... Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft , die dem Diener zur Anmeldung des Besuches übergeben werden sollte ... Zugleich bat er um Hülfe , den Kranken aus dem Wagen zu schaffen ... So wie er da läge il povero , brächte er ihn dritto aus Genua ... Miracolo ! setzte er mit beredsamem Blick hinzu - er brächte einen Mann , der nur durch ein Wunder noch lebte ... Benno , bleich , mit blassen Lippen , starren Gliedern , auf einer halb zum Sitzen , halb zum Liegen eingerichteten Matratze , hörte und sah alles , was sein Führer trieb , aber er schwieg ... In der That schien er an den äußersten Grad der Erschöpfung angelangt ... Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen Zügen erhalten ... Schmächtig und mager schien er geblieben , aber sein Haupthaar war fast grau , wie der mächtige Bart hier und da von gleicher Farbe ... Geronimo , der Kutscher , erzählte den sich schon mehrenden Dienern , zu denen sich Priester gesellten , der Kranke hätte in Rom einen Schuß in die Brust bekommen und die Kugel säße noch fest ; die Aerzte hätten behauptet , der Verwundete würde , nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem Tode nahe gebracht , eine weitere Reise schwerlich überstehen , aber nichts hätte ihn abbringen können , seinen Transport bis nach den Thälern von Piemont zu verlangen . Ihn selbst zwar hätte das Hospital gemiethet und ihm als Ziel seiner Reise nur Nizza genannt . Daß es Coni und dort das erzbischöfliche Palais sein sollte , erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia . Dieser konnte die Arme nicht bewegen , konnte keine Briefe schreiben - sie aber von andern schreiben zu lassen , hätte er abgelehnt . Niemand sollte erfahren , wohin seine Reise ging . Selbst im Spital hätte man sein wahres Ziel nicht wissen sollen ... Wenn der Verwundete jedem die Fährte der Nachfrage nach ihm abschneiden wollte , so war es wol die natürliche Lage eines politischen Flüchtlings ... Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an ... Der Leidende überwand die Schmerzen , die ihm diese Bewegungen zu verursachen schienen ... War doch die Sehnsucht seines Herzens erfüllt , die letzte Freude seines Lebens gewährt ... Geronimo hatte recht berichtet - Benno wollte allen denen , die noch an seinem Leben Interesse haben konnten , selbst seiner Mutter , verborgen bleiben ... Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts über seine Absichten , am wenigsten der Post - ... Und selbst die Feder zu führen , verbot ihm sein Zustand ... Still in Bonaventura ' s Armen zu sterben , war alles , was er vom Leben noch begehrte ... Diesen hoffte er zu finden , auch ohne sich ihm angekündigt zu haben ... So kam es , daß ihn hier niemand erwartete ... Die Diener jedoch , auch wenn sie den Namen » Cäsar Montalto « , der auf der Karte stand , nicht zu deuten gewußt hätten , thaten darum nicht befremdet ... Was sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen können - ! ... Noch war der Fremde nicht bis an die große Marmortreppe getragen worden , als auch schon von oben her , gefolgt von Priestern und Dienern , der Erzbischof in seinem wallenden Hauskleid , einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf und goldener Kette , in athemloser Hast erschien , sich über den unglücklichen Freund warf , ihn in beide Arme schloß und unter Thränen an sein Herz drückte ... Mein Bruder - ! rief er unausgesetzt ... Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen - und Mein Bruder ! Mein Bruder ! hatte er auf der Stiege schon , abwechselnd in deutscher und in italienischer Sprache , gerufen ... Italienisch , um seine Umgebungen über den Anlaß eines so außergewöhnlich großen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette , die in diesem Hause waltete , gebührend aufzuklären und sie aufzufordern , in seine Trauer miteinzustimmen ... Das Bedürfniß , zu helfen , drängte nun sofort jede andere Empfindung zurück ... Schon wurden die ersten Aerzte der Stadt gerufen ... Schon hörte man oben Thürenschlagen , ein emsiges Rennen , ein Klopfen und Hämmern , um Zurüstungen für ein Lager zu treffen ... Das ganze , nur von Priestern bewohnte Haus war in Bewegung ... Die Worte : Wie konntest du in diesem Zustand eine solche Reise unternehmen ! kamen nur halb von Bonaventura ' s Lippen ... Laßt ! bat der Majorduomo , ein stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der Ueberzahl der helfenden Hände ... Nach Benno ' s Wunsch leitete dieser dann allein den Transport ... Auch für den Erzbischof war Sorge zu tragen ... Am eisernen Geländer der mächtigen Treppe hielt er sich mühsam aufrecht ; anfangs vermochte er den Männern , die Benno hinauftrugen , vor physischer Schwäche nicht zu folgen ... In meine Schlafkammer ! war alles , was er zu sagen vermochte , und wieder doch zum Kutscher mußte er sich wenden , der auf die Anrede des Majorduomo , woher sie kämen , vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen - und Trinkgeld begehrte ... Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo ' s , so wichtig sie ihm waren , länger zuzuhören , riß der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt ... Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Geländer der Stiege entlang ... In den hohen weiten Sälen des ersten Stockwerks standen alle Thüren geöffnet ... Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten von Seide , die bunten Malereien , die sich sein Vorgänger Fefelotti für die kurze Zeit seines Verweilens in diesen Räumen hatte anfertigen lassen ... Die Fußböden waren parquettirt ... Die Wände starrten von Bronze und Krystall ... Die Wohnung eines Fürsten schien es zu sein und erst in dem mit grünen Vorhängen von einem Bibliothekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus ... War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar , die einst Bonaventura beim Kirchenfürsten am großen vaterländischen Strome beobachtet hatte und die in dem dem Schönen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte , als im ascetischen Bedürfniß , so hatte doch Bonaventura hier sowol wie in seinen nächsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgängers so weit getilgt , als das dem Palast erblich angehörende Mobiliar von ihm verändert oder entfernt werden durfte ... Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager , verlangte von allem , was ihm zur Erfrischung angeboten wurde , nur ein kühlendes Citronenwasser , vor allem Ruhe und - allein zu sein mit dem geliebten Freunde , der an sein Bett niederkniete , um Benno ' s glühheiße Hand zu küßen ... Alle Umgebungen waren in Bestürzung über den Schmerz des Erzbischofs , - ... Noch dazu wurde ihm dies Erlebniß am Abend seines Namenstages ... Der Majorduomo sorgte dafür , daß die Verwandten allein blieben und nur die Aerzte noch zugelassen wurden ... Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Brüder wurde geschickt , um einen erfahrenen Krankenwärter zu holen ... Mit den von Fefelotti eingeführten Töchtern des heiligen Vincenz von Paula hätte man dem Erzbischof nicht kommen dürfen - ... Die Freunde waren allein - allein mit dem letzten Strahl der Sonne , der sich durch die herabgelassenen Vorhänge stahl - allein mit dem Todesengel , dessen dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura ' s Lieben nicht mehr weichen zu wollen schien - allein mit den Rückblicken auf ein so tief verfehltes Leben , wie es Benno geführt , auf ein so tief vereinsamtes , wie es Bonaventura mitten im rauschenden Gewühl der Zeit und der Welt führte ... Wie brachen die schönen freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken , die sie so lange verschleiert gehalten hatten ... Wie klang ein Ton so wehmüthig und klagend durch die bangen Seelen der Freunde und sprach : Das , das wollten wir - und das haben wir gefunden ! ... Bonaventura ' s Lippen bebten , ob sie fragen sollten : Weißt du denn auch , wie dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfängen - und daß die liebliche Armgart in unsrer Nähe weilt ? Weißt du , daß ich aus Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter , den Besuch Friedrich ' s von Wittekind , deines Bruders , soeben gemeldet erhielt ? Wird dich denn auch , ohne ihre letzten Küsse , deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen ? Wird jene Verirrung , die für immer die Flügel deines Lebens knickte , Olympia , deinen Tod ertragen können , jene Circe , die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank ihrer - wer kennt den Inhalt der Mischungskünste , die eine Frauenhand bietet ! Oder - nun kehrten ihm Klänge des längst abgebrochenen Briefwechsels wieder - war es deine eigene Seele , die dich berauschte , deine eigene Natur , die sich des Höchsten vermaß und sich doch besiegen ließ von dem , was die Menschen dir immer und du dir selbst als dein ärmstes deuteten - deinem Gemüth ! ... Dankbar wolltest du sein - ! Deutscher nicht mehr bleiben - seit du eine von Deutschen gemishandelte Mutter gefunden - und , fast möcht ' ich nach deinen Briefen sagen , mehr noch - seit die Bandiera deine Freunde geworden , die Bandiera , die die Kugel des Henkertodes traf - Benno , Benno , welche Dämonen haben dich fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinüber in soviel Irrgänge deines Lebens und in dies ersichtliche Ende ! ... Zehn Jahre - ! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen , heisern Stimme , die sich mühsam von seiner keuchenden Brust rang ... Rege dich nicht auf ! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des Bettes ... Schlummre ! ... Du bedarfst nur der Ruhe ! ... Benno winkte , daß Bonaventura die Vorhänge am Fenster lüften möchte ... Er wollte den Erzbischof sehen , wollte vergleichen , wie auch ihn das Leben nach so langer Trennung gezeichnet hätte ... Bonaventura erfüllte sein Verlangen und sah Benno ' s - noch volles , aber ergrautes Haar - ... Sein eigenes , war ebenso gefärbt ... Die Magerkeit des Erzbischofs hatte zugenommen ... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren Höhlen ... Furchen umgaben den Mund ... Aber die edle Bildung des Kopfes , die Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht geändert werden und vielleicht der jüngste und noch immer jugendlichste Kirchenfürst in Roms Hierarchie blieb er nächst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem ... Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen Aerzte .... Vom Doctor Savelli , der das Leben der Gräfin Erdmuthe so lange erhalten hätte ... Von dem Arzt der Garnison , der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewährt hätte ... Benno schüttelte das Haupt und erwiderte : Die Kerze ist - nieder ... Bonaventura konnte solcher Schwäche gegenüber nichts entgegnen ... Man brachte den Erquickungstrank ... Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken , winkte nach einer Weile Benno selbst , daß das Fenster wieder verhangen würde ... Fieber durchschüttelte ihn plötzlich ... Sogar auf die grünen Vorhänge des Bibliothekzimmers , durch die sich zu viel Licht stahl , deutete er ... Sie wurden zurückgeschlagen und dafür die Thürflügel ganz geschlossen ... Die Erschöpfung schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden ... Bonaventura bat ihn vor allem , nur zu schweigen ... Reden und Denken griffe ihn ersichtlich an ... Nur fühlen , träumen sollte er - glücklich sein - ... Du bist - bei mir ! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und fast schon hätte er , an Armgart denkend , gesprochen : » Bei uns « - ... In Benno ' s Auge , das wol von Armgart weit- , weitab irrte , traten Thränen ... Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite , jetzt in der That , wie um zu schlummern ... Nun fast störte es , daß die Aerzte kamen ... Sie nahten sich dem Lager , streiften die Decke auf und riethen , trotzdem daß der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte , ihn ganz von seinen Kleidern zu entblößen ... Die entzündete , den Lungen nahe Stelle , wo die Kugel sitzen mußte , war bald gefunden ... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf , als sie berührt wurde ... Die Kugel herauszunehmen hätte den sofortigen Tod veranlaßt ... Im Blick der Aerzte lag die Andeutung , daß auch so die Auflösung schwerlich ausbleiben würde ... Die Ruhe , ja die starre , krampfartige Erschöpfung , in der sie den Kranken fanden , verordneten sie durch nichts zu stören ... Zwei Barmherzige Brüder , die inzwischen gekommen waren , wußten , was sie die Nacht über zu beobachten hatten ... Jetzt galt es , den von der Untersuchung seiner Wunde Ohnmächtigen sich allein zu überlassen ... Bonaventura kehrte , die Hände gen Himmel erhebend , in seine hohen , so prachtvollen , durch die eigenthümlichen Anordnungen , die er ihnen gegeben , wohnlich umgestalteten Zimmer zurück ... Sein einfacher Abendimbiß , der inzwischen aufgetragen wurde , konnte ihn nicht zum Niedersitzen bewegen ... Nur wie schwebend schritt er dahin , faltete die Hände und sah nieder wie ein Verzweifelnder ... Ein einziger Augenblick - wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln können ! ... Den Frieden ! ... Hatte seine Seele Frieden ? ... Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem andern ? ... Das tragische Geschick , das über sein Haus und über sämmtliche Angehörige desselben hereingebrochen schien , hatte er erst heute wieder gesehen , als vom Präsidenten die Nachricht gekommen , daß die Aerzte seiner Mutter den Aufenthalt im Süden vorschrieben ... Sie würden nach Neapel gehen , hatte der Präsident geschrieben ... So nahe dem Silaswalde ! seufzte Bonaventura - und die Mutter bat ihn inständigst , vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen - ! ... Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund , den Cardinal Vincente Ambrosi , geschrieben - hatte sich ihm auf Besuch angemeldet ... Eben noch hatte er ihm die Nachricht mitgetheilt , daß Pater Speziano wagte , heimlich eine Nacht in Robillante sich aufzuhalten , in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka ... Wie mußte bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glücks und der Hoffnung über ihn hereingebrochen sein ... Im Lehnsessel , am Schreibtisch , an feinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendläuten in die rosige Glut des Himmels geschaut ... Morgen war sein Namenstag ... An den schönen Strom der Heimat hatte er denken müssen , an sein kleines erstes Pfarrdorf Sanct-Wolfgang , an eine Gemeinde , wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert ... Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so beneidenswerthes Glück vorm Auge gestanden ... Er hörte die Frühglocke seiner Kirche ; von seinem Gärtchen aus zählte er die Reihe der Kirchgänger ; fühlte seine erste Pfarrersangst , ob ihrer auch genug kämen , um ihm die Beruhigung zu geben , daß sie ihn liebten ... Wieder sah er sich auf dem engen , kaum zum Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar , hörte seinen eigenen Gesang und in der markigen edlen Sprache der Heimat , die er nun schon so lange auf immer abgeschworen , seine Predigt ... Wie sah er denn auch nur gerade heute den alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen , den treuen Hüter der Geheimnisse , die so ganz , ganz anders , als vielleicht sein Vater gewollt , in sein Leben griffen ... Auch seines Kainsmaals gedachte er , jener noch immer unenthüllten Beichte Leo Perl ' s , eines Spuks , der ihn freilich nicht mehr wie sonst schreckte ... Die Jahre und die innern Revolutionen seiner Ueberzeugung hatten ihn allmählich bewahrt , über die Thorheit eines wahnwitzigen Priesters dauernd in solcher Verzweiflung zu leben , wie anfangs ... Das erzbischöfliche Pallium trug er nicht wie eine gleißnerische Hülle innerer Unwahrheit ; mit sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt , dem er nachlebte , ein Ziel , das nur durch den Hirtenstab eines mächtigen Bischofs erreicht werden konnte , ein Ziel , dem die Enthüllung seiner unvollendeten Taufe eine Glorie mehr werden sollte ... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana getraut wurde , hatte er mit ihr Frieden geschlossen ( sie schickte ihm an jedem Namenstage , anfangs aus dem Kloster , der Lebendigbegrabenen , später aus Genua , dann aus Rom , das letzte mal aus Venedig , zu diesem Tage ein Angedenken und ihr diesjähriges war bereits wieder von daher eingetroffen - von ihrer alten Drohung , » ihn vernichten zu wollen « , war nichts mehr zurückgeblieben , als eine Art Superiorität , die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nähe , z.B. bei ihrem Besuch in Coni eine Stellung sicherte , auch wenn andere sie eine Jesuitin , wol gar eine Brandstifterin nannten ... Ihr diesjähriges Geschenk war ein Kelch von Krystall , umsponnen mit silberner Filigranarbeit , eine Arbeit aus den Werkstätten Venedigs , von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte ... Sie wäre auf dem Wege nach Rom , hatte sie geschrieben , » um den Raben auf den Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anständig begraben zu lassen « ... Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt ! ... So weilten Bonaventura ' s Gedanken in fernen glücklicheren Zeiten - da kam diese neue trübe Mahnung an die Gegenwart ... Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula ' s , hatte die seltenste Freundschaft des Grafen , hatte die unermüdliche Sorgfalt Aller für sein Wohl , hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit , jede nur erdenkliche Fürsorge und Ueberraschung , die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe , einem Vater von seinen Kindern kommt - und doch fehlte das Glück ... Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude - er hatte hier und da offene und geheime Bundesgenossen - aber Inneres und Aeußeres in ihm war nicht ausgeglichen ... Nur das Nächste brauchte er zu betrachten - im Grafen sah er Krisen entstehen , die zu neuen Kämpfen der Seele führen mußten - und , blickte er in die Ferne , war denn jenes in die Ferne gerückte Räthsel des Eremiten , seines Vaters , gelöst ? - - ... Friedrich von Asselyn , sein Vater , war damals nur vor seinem Sohn aus Castellungo entflohen ... Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn ! ... Er erblickte darin die Entdeckung seines Geheimnisses ... Seit den lebensgefährlichen Abenteuern , die er bestehen mußte , lebte er jetzt im Silaswalde - ... Cardinal Ambrosi hatte erst vor Kurzem wieder geschrieben , daß sein Jugendlehrer dem muthigen Kirchenfürsten ewig Dank wissen werde für die Mühe und Sorge , die er ihm damals , mit Gefahr seiner hohen Würde , gewidmet ; daß er ihn aber fort und fort beschwöre , bis zu einer bestimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen , ja daß er ihm das heilige Versprechen abnähme , ihn bis dahin nie mehr unter den Lebenden zu suchen - ... Fiat lux in perpetuis ! hatte diese erneute Bitte des Eremiten geschlossen ... Das Losungswort der Briefe , die ihm und dem Onkel Dechanten einst aus Italien gekommen waren - der Augenblick der Versammlung unter den Eichen von » Castellungo « an einem Sanct-Bernhardstage ... Noch lag dieser Tag um Jahre hinaus und doch mußte er bestimmend und bindend wirken ... Mußte nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter willen erfüllen ? ... Zu seiner Beruhigung diente , daß dem Vater ein treuer Wächter im Silaswalde geblieben war , sein Retter aus Räuber- und Mörderhand , jener kühne Laienbruder Hubertus ... Wie die Reise der Mutter nach Neapel in diese Räthsel eingreifen konnte , hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben vergegenwärtigt ... Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute seines Lebens geworden - nur wußte derselbe nicht , daß Federigo des deutschen Freundes Vater war ; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden , daß in den Zeilen , die er ihm eben geschrieben , jene Beziehung ausgenommen , sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertönen durften ... Ein Erzbischof kann , wie ein Fürst , nicht frei gehen und wandeln ; er ist der Gefangene seiner Würde ... Im Speisezimmer wurde Licht angezündet und der Haushofmeister kam mit bittender Miene , Excellenza möchte sich nicht dem Mahl entziehen und die nothwendige Stärkung zu sich nehmen ... Der Erzbischof aß nicht allein ... Eine Anzahl Hausbewohner , Hülfspriester , Secretäre , Schüler , waren seine regelmäßigen Tischgenossen ... Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach , setzte sich zur Tafel auf seinen Ehrensessel und sah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch , das er befohlen hatte , heute Abend neben ihm aufzuschlagen ... Es war ein Theil der Werke des heiligen Bonaventura , denen er sich seines Namenstages wegen hatte widmen wollen ... Es ist mein Namenstag morgen - sprach er mit leiser Stimme und im reinsten Italienisch ; ich beschäftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus ... Die Stelle , die ich vorlesen wollte , - ( er blätterte mit seinen magern weißen Fingern ) - ich kann sie nicht wiederfinden ... Lesen Sie , wandte er sich erschöpft zu einem jungen Vicar , der bei ihm den Freitisch genoß - eine jede Stelle wird auf unser Leben passen ... Der junge Mann las , was er fand : » O wär ' ich doch jener Baum des Kreuzes und wären die Hände und Füße des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen , so hätt ' ich zu jenen Menschen gesprochen , die ihn vom Kreuze abnahmen : Nimmermehr laß ' ich mich trennen von meinem Herrn ; begrabt mich mit ihm ! Doch da ich das dem Leibe nach nicht thun kann , so thu ' ich es der Seele nach . Drei Stätten will ich mir im Gekreuzigten erwählen ; die eine in den Füßen , die andere in den Händen , die dritte in seiner Brust ! Dort will ich athmen und ruhen ! Dort wohnen , trinken aus dem Quell ihrer unaussprechlichen Liebe ! Oft wandelt mich Furcht an , ich möchte herausfallen aus diesem Aufenthalt ! Glückselige Lanze , glückselige Nägel , die ihr diesen Weg des Lebens uns öffnet ! O wäre es mir vergönnt gewesen , jene Lanze zu sein , nimmermehr wär ' ich dann aus dieser göttlichen Brust zurückgekehrt ! « ... Lästerung ! unterbrach der Erzbischof plötzlich aufwallend und nahm das Buch an sich ... Alle erschraken ... Doch bei näherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht befremdlich an ihrem Oberhirten , der die Wärme der Religion nur beim Lichte suchte ... Er winkte mit der Hand und deutete an , daß man unbehindert den Speisen zusprechen sollte ... Da er selbst nur wenig aß , konnte er seinen Tischgenossen sagen : Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht , die mit der Feder in der Hand betet ! ... Wahrheit ! Wahrheit ! ... Und vor wem denn mehr , als vor dem Herrn der Welten , vor dem Gedanken : Was ist die Ewigkeit ! ... Dann erzählte er von Benno ' s Leben - bis seine Thränen ihn hinderten ... Der Haushofmeister , der am untern Ende der Tafel vorlegte , kannte Benno noch von seinem Aufenthalt in Robillante her ... Es war ein schlichter Mann , der dem Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und