Was ändert denn nun Das ? Ihr hättet mir die Theilnahme , die ich jetzt finde , auch früher schenken können , denn ich denke doch , ich bin derselbe Mensch ! Aber Rodewald erkannte mehr in ihm , er erkannte Paulinen ... er sah sich Egon , dem Fürsten von Hohenberg , gegenüber , Paulinen diesem Hackert ... er unterdrückte , was er empfand . Er mußte sprachlos scheiden von dieser ihm jetzt aus Friedrich Zeck ' s Mittheilungen über den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklärlichen armseligen Raume , er mußte scheiden voll innigsten Jammers , herzzerreißenden Schreckens , er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung , die in Tempelheide über ihn kam , um sich endlich , gehoben nur durch das Gefühl , daß das Gute in der Welt mit dem Bösen zwar mit ungleichen Waffen , aber doch nicht ganz ohne siegreiche Erfolge kämpfe , auf den Weg zu machen , die verhängnißvolle Rückreise nach dem Schlosse Hohenberg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Fürsten Egon . Sechstes Capitel Die Meldung Gravitätisch , wie ein Uhu im Walde , rings von Elstern , Dohlen , Krähen , andrem vorwitzigen Gevögel umflattert , gefürchtet zugleich und verspottet , vom Jäger ausgestellt zur Lockung , wenn er zahm ist , oder in der Wildniß sich selbst preisgebend , wenn ihm die blöden Augen Tageshelle blendet , - sitzt auf dem Korridor des Schlosses Hohenberg bei Plessen unter muthwilligem , hin- und hergejagtem , sich und Andre neckendem Dienstpersonale , unter betreßten Jägern , bunten Heiducken , weiß verhangenen Köchen , Küchenjungen , die wie junge Kakadus den alten nachspringen , unter Kammerzofen und alten borstigen Scheuerfrauen der von der Residenz mit Sr. Durchlaucht gleichfalls angekommene Haushofmeister und Ex-Husarenwachtmeister Wandstabler . Strohmatten trennen seine schon in aller Frühe eines Sessels bedürftige Person von dem steinernen Estrich der Korridore , die trotz der den ganzen Sommer hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum würdigen Empfang ihres Herrn nicht jenen luftdichten Thür- und Fensterschluß haben wie das hochfürstliche Palais in der Residenz . Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen , die Wände waren frisch getüncht , die Plafondsstukkaturen in ihren Defekten ergänzt , Blumen und Vasen zierten nach den Angaben der jungen Fürstin jede unschöne Nische , jeden harten Winkel , jedes kahle Fenster , aber die gebrannten Geister zwickten und zwackten schon in aller Frühe an der menschlichen Aufschwemmung , die da im schwarzen Frack , in Schuh und Strümpfen im Sessel sitzt mit gewichstem Schnautzbart , wie in dieses Fürstenthums militärischen Zeiten , und sich bei jedem Klingeln in und außer dem Schlosse erhebt , um der Würde , die ihr der junge Fürst aus Gnaden gelassen hatte , doch einigermaßen noch zu entsprechen . Aber es zwickte hier , es zwickte dort in den alten Gliedern . Alle Kriegsthaten , alle Kriegsstrapazen regten sich und wenn auch Doktor Reinick erklärte , in diesen Schultern , den Armen und den Füßen rumorte weit mehr die behagliche und frohgenossene Metternich ' sche Friedensepoche , die verschiedene Erklärung der Ursachen hob die Wirkung nicht auf . Die beste Behandlung hatte Drommeldey in diesem Falle in der homöopathischen gefunden . Hier ließ er die Wirkung durch die ihm wahrscheinlichere Ursache bekämpfen . Er rieth , den Schrank nicht zu vergessen , in dem Wandstabler die Schlüssel des Residenzpalais bewahrte , und Dore Wandstabler , die Älteste , verstand den Wink ; die gebrannten Geister folgten nach Hohenberg und hielten die rheumatischen Störungen noch in der That am besten ab , eine Methode , die Herr von Sänger , Wandstabler ' s früherer Ritt- , jetzt Rentmeister , als er bei Sr. Durchlaucht zu Tische und fast jeden Abend zum Thee , aber mit vielem Rum , geladen war , dem treuen Wachtmeister als die beste für den Fall zugestand , daß man nicht in der Lage wäre , auf die zarten Nerven und die empfindliche Laune eines drittgeheiratheten Weibes Rücksicht zu nehmen . Dore , die Allwaltende in der Residenz , war es auch seit den rasch vorübergeschwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg . Schon vierzehn Tage war sie von der jungen liebenswürdigen Fürstin ( die bei Egon Alles nahm , wie sie ' s fand ) vorausgeschickt worden , um einen Komfort herzurichten , wie ihn auf dem Schlosse ein Herbstaufenthalt , Egon ' s erster offner Besuch seiner Herrschaften , bedingte . Die Fürstin hatte nur Komfort verlangt , Pauline von Harder aber , die leider selbst zu kommen sich nicht entschließen konnte , Pauline hatte Pracht bestellt . Der Fürst hielt eine Mittelstraße . Er wünschte viel Menschen um sich her , viel Leben und Bewegung , Zerstreuung , Übertäubung vielleicht , wenn man seine Gedanken ganz errieth . An Einsamkeit fehlte es dem jungen Staatsmann schon nicht . Sein ganzes Herz war schon einsam genug . Es fror schon recht auf den höchsten Gipfeln seiner Wirksamkeit . Er fand dort oben an den Gletscherrändern die Alpenrose Melanie , die durch Selbstbeherrschung , klügste Berechnung aller Umstände und die Förderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimräthin von Harder es dahin gebracht hatte , unter legitimen Bedingungen dem Verfechter alles Legitimen für das Leben anzugehören ; aber die Gletscher starrten doch und todtes Schweigen ruhte doch auf ihnen , tiefe urweltliche Stille . In Hohenberg wollte Egon Leben , Bewegung , Zerstreuung , und so war bei seinen geringen Mitteln doch nichts gespart worden , um den Sommer über dies verfallne Schloß , den verwüsteten Garten leidlich wieder herzustellen und den Mittelpunkt der Besitzungen auch zum würdigsten Haupte jener Umwälzungen und neuen Bildungen zu machen , die sich von des Generalpächters gesegneter Hand hervorgerufen hier überall ersichtlich darstellten . Dorette Wandstabler war ein Genie des Dienens . Den Vater , so lächerlich und so gefährlich sein Beispiel dem ganzen Hausgesinde , das ihn verspottete , blieb , duldete man theils aus Pietät , theils aus Dank für das Talent der Tochter , das selbst die junge Fürstin anerkannte . Es will viel sagen , von einer neuen Herrschaft bewährt erfunden werden , geduldet bleiben nicht aus vorläufiger Politik , sondern aus nachhaltiger Überzeugung . Dorette diente und liebte das Wohlergehen Derer , denen sie diente . Florette und Laura , vulgo Flore und Lore , die beiden jüngeren Schwestern , genossen die Früchte der Mühen ihrer älteren Schwester und konnten mit ihr in Nichts verglichen werden . Die Zeiten der Dore , Flore , Lore waren im Palais des Fürsten von Hohenberg vorüber . Die letzteren wohnten nicht mehr in diesem Palais . War nicht ohnehin der geistreiche Hofrath Stromer im Begriff , vielleicht gar eine von Beiden zu seiner neuen Gemahlin zu erheben ? War nicht die schwierigste Aufgabe eines Familienrathes der Wandstablers gewesen , zu entscheiden , wer , wenn Hofrath Stromer den glänzenden Anträgen des Ritters Rochus vom Westen nach der südlichen Hauptstadt folgte , die ostensible Gemahlin des gefeierten , weder dem Islam , noch dem Katholicismus abgeneigten Enthusiasten in der dortigen Gesellschaft und für die Eröffnung seiner projektirten » Cirkel « vorstellen sollte ? Man erzählte sich , daß Hofrath Stromer oft von den Diskussionen über die Wahl der eigentlichen künftigen Hofräthin handgegriffne Spuren davontrug . Man setzte seinen phantasievollen Vermittelungen der Gegensätze , seinen Blumenkränzen der Rhetorik , die er um die Schwierigkeiten , zwischen Aspasia oder Diotima zu wählen , versöhnend hing , meist nur Rückfälle in die alte unvermittelte Menschennatur entgegen und stellte ihn , den zwischen silbernen Äpfeln in goldnen Schaalen oder zwischen goldnen Äpfeln in silbernen Schaalen verlegen Wählenden , eher wie Buridan ' s Esel hin , der zwischen zwei Bündeln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte . Aber glücklicherweise rettete ihn und sein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter Rochus vom Westen , der ihm als erste Bedingung zum Eintritt in die höchste , wieder weltbewegende Sphäre seines Staates die Ehelosigkeit vorschrieb . Und von einer Erörterung dieser eigenthümlichen , von der ältesten Wandstabler vollkommen standesgemäß erfaßten Wendung der Schicksale des vielgesuchten Halb-Schwagers kam eben die Lore , als ihr Vater wie eine Vogelscheuche unter dem Geschwirr des Schlosses stand und eigentlich nur so lange mitfühlender Mensch war , als sein Ohr die verschiedenen Klingeln unterscheiden konnte , die des Fürsten Durchlaucht , die des vortragenden Rathes erster Klasse , des vortragenden Rathes zweiter Klasse , des ersten und zweiten Sekretärs , des Expedienten A. , des Expedienten B. ; die drei Supernumerare nicht zu vergessen und die Kanzleiboten , die hier nicht zu laufen , sondern nur zu siegeln hatten , kurz der ganzen komplizirten Maschinerie , die dem Staatsminister auch hierher hatte folgen und von ihm würdig untergebracht werden müssen . Dorette kam vom Amtshause , war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand sie nicht gleich wieder zu ordnen , zu befehlen , zu verhindern ! Zwei Kuriere angekommen , einer sogleich abzufertigen ; der Staat betraf Doretten nicht , aber es gebührte sich doch ein Frühstück , bis die Depeschen herunter kamen von der Kanzlei ... und diese Besuche , diese Anfragen ! Ein Diner von dreißig Kouverts für die mitgebrachte Bureaukratie und den Adel der ganzen Umgegend täglich ! Frau von Zeisel und von Sänger , Das ginge noch , die sind zufrieden mit ihren Tischnachbarn und der Ehre ... aber Graf Bensheim , die Sengebusch ' s , die von Busche ' s täglich , täglich ein Gesandter , der hierher kommt , seine Aufwartung zu machen , täglich ein Attaché , ein Präsident und dann wol gar wieder einmal Einer , wie Ritter Rochus selbst , der , wie die Sage ging , selbst kochen konnte , selbst , wie jene Abbé ' s der alten Schule , in den Gesellschaften die Schürze vorband und einen Salat , eine italienische Olla Potrida anrührte ... alle diese Möglichkeiten und Wirklichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz , keine Anlehnung an den Vater , ja noch hindernde Überflüssigkeiten , wie diese alte Beschließerin Brigitte , der halbtaube Gärtner Winkler ! Dorette hatte Mühe , die versäumte Amtshausstunde einzuholen . Und nun nicht einmal eine Seele , der man sich über das dort oben Vernommene ausschütten konnte ? Köchen , Bedienten , Kanzleiboten sagen , was sie erlebt hatte ? Das ging nicht . Herr Pax , der Oberkommissär , der politische Spürer , der in der Nähe des Premierministers nicht fehlen durfte , Herr Pax war der Einzige , der würdig schien , wenigstens die Mittheilung zu empfangen : Dreihundert Thaler , Herr Oberkommissär , finden Sie Das zu wenig ? War man nicht zufrieden ? lautete im Vorüberschießen die Antwort . Die Frau wol , sie weinte nur ... aber Herr von Zeisel blieb bei vierhundert und rechnete an den Fingern die Kinder vor ... Der Hofrath kann ' s geben ... Aber die Scheidung ... Die Frau will nicht , will nicht klagen ... Ihre Aussagen werden sie dazu zwingen ... Wenn Sie die Briefe zeigen , die Ihre Schwestern vom Hofrath besitzen , wenn ich selber bezeuge , daß diese Ehe längst gebrochen ist ... Länger dauerte diese Unterredung nicht . Pax wurde von Gendarmen , Dorette von den Wäscherinnen abgerufen ... nur die Worte bekam sie zu ihrem Erstaunen von Pax noch in das Kellergeschoß nachgerufen : Machen Sie , daß die Sache fertig wird ! Ich glaube fast , Durchlaucht bleiben nicht lange . Die Geschäfte in der Residenz sind zu dringend ... Pax sah die über seine Meldung erstaunte Miene nicht mehr , sondern wandte sich dem Amthause zu . Mit der Aufgabe , sich immer in der Nähe eines Staatsmannes zu halten , der mit Dem , was ihm an der Gesellschaft schädlich erschien , kurzen Prozeß machte , verband Pax Zwecke , auf die ihn eigner Instinkt führte . Er war allein hier , ohne Hackert , ohne Schmelzing , ohne Mullrich und Kümmerlein . Aber er forschte mit doppelten Fühlhörnern nach zwei Richtungen hin . Einmal hatte er von dem Assessor Müller und Frau Charlotte Ludmer , seiner Gönnerin , den Auftrag , zu erforschen , ob man sich dabei beruhigen könnte , daß jener Engländer , Namens Murray , für den so große Summen und so ehrenvolle Zeugnisse deponirt waren , in der That den Schmied Zeck nur niedergeschossen , weil dieser in der Absicht betroffen wurde , dessen Schwester Ursula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen Schrankes zu tödten ? Zweitens , ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten medizinischen Rezepten bestanden hätte , was der Blinde , der Geld vermuthete , nicht wissen konnte ? Drittens , ob jener Murray , dessen mögliches Inkognito in der Residenz keine Macht der schlauesten Inquisition lüften konnte , niemals von einem Friedrich Zeck gesprochen hätte , dem Bruder des Schmieds , der in der Fremde , wahrscheinlich in England , wenn nicht in Amerika lebte oder einer von den Zeck ' s erhobenen Erbschaft zufolge gestorben wäre ? Viertens , wie sich der Förster Heunisch , der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Anneliese über diese Vorfälle ausließen und ob Louis Armand in der That nur zufällig bei dem Forsthause mit seinem Freunde dem Engländer erschienen wäre , weil er ein flüchtiges Interesse an der Nichte des Jägers gehabt hätte und bei solcher Gelegenheit den Schmied überraschte ? ... Mit dieser Kriminal-Aufgabe verband Pax dann noch eine politische Nachforschung . Es war den Behörden nicht entgangen , daß über das Postamt zu Plessen und zu Schönau hin sich gewisse Briefe kreuzten , die oft in rätselhaftesten Formen des Styls jenem großen Geheimbunde anzugehören schienen , auf dessen Sprengung die Behörden alles Gewicht legten . Ja es war vorgekommen , daß eine Zeit lang diese Korrespondenz mit adligen Wappen , längere Zeit sogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehörde geschlossen war . Und grade die gefährlichsten Mittheilungen von einer nun bald bevorstehenden großen Zusammenkunft dieser Geheimbundsglieder waren über Plessen und Schönau mit dem Siegel derjenigen Polizeiabtheilung geführt worden , der Pax selber angehörte , sodaß Pax schon auf den Schreiber Schmelzing , dessen Käuflichkeit aus dem Briefverfälschungsbubenstück gegen den Major von Werdeck sattsam bekannt war , Verdacht faßte , wenn nicht gar auf Hackert , der doch sonst sein ganzes Vertrauen besaß ! Über die Sache der Ludmer hatte Pax nur geringfügige Ergebnisse gewonnen . Ursula Marzahn war todt . Der taube Sohn des Zeck war im Augenblick der Forsthausvorfälle grade im Ullagrunde gewesen , nur die einzige Magd des Schmieds hatte ausgesagt , daß Louis Armand den Schmied , um mit ihm in den Wald zu gehen , abgeholt hätte , sonst wäre zwischen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet worden , als ein Ding zu schmieden , das auf jene Stimmschraube hinauskam ... Ergiebiger war Paxen ' s Forschung auf dem politischen Gebiete . Hier ergab sich Drossel ' s , des Gelben Hirschenwirths , trotzigste Gesinnung , die sich vermehrt haben sollte , als er die Vortheile der Mitverwaltung des Heidekrugs so allzukurz nur genießen konnte und Justus dafür eine Art Kompromiß in politischen Dingen mit ihm geschlossen hatte . Ein Geldvorschuß von Heunisch , dem Drossel gradezu die Veranlassung des Todes seiner Schwester Schuld gab , rettete ihn , wie auf einige Zeit den eben so » wühlerisch « gesinnten Sägemüller , der gleichfalls unheimliche Sagen benutzte , den leicht eingeschüchterten , seit dem Tode Heinrich Sandrart ' s und dem Glücke Franziska ' s von jeder Willenskraft verlassenen alten Junggesellen Leberecht Heunisch zu schrauben und gleichsam über den Löffel zu barbieren . Ja Pax ging soweit , in den Generalpächter , so sehr er von dem ganzen Fürstenthum angebetet und vom Minister mit wahrem Bedauern vermißt , ja auf das Ungeduldigste erwartet wurde , Mistrauen zu hegen und es wenigstens vorläufig höchst sonderbar zu finden , daß dieser ohnehin für einen Republikaner geltende Einwanderer sich grade in dem Augenblick von seinem Sitz im Ullagrunde entfernte , wo der Chef der Regierung , sein Herr , sein Patron , sein Richter , der Fürst erwartet wurde . Und nun der murmelnden Misstimmung zu schweigen , die Pax überall wegen des jungen Sandrart antraf , dessen Schicksal man im ersten Augenblick streng , aber unvermeidlich und nach den Gesetzen gerecht , im Verlaufe der Zeit aber viel zu grausam und von dem Geiste , der jetzt im Lande herrschen sollte , viel zu rachsüchtig diktirt gefunden hatte . Wie mußte sich der thätige , jeder Ehre , die der Staat nur zu verleihen hatte , würdigste Sicherheitsagent auf das Angenehmste überrascht fühlen , als er auf dem Amtshause Zeuge einer Scene wurde , die seine kühnsten Erwartungen übertraf ! Beim Justizdirektor in sein Verhörzimmer eintretend , vernahm er den wüsten Lärm eines Bauernmädchens , das gewählter gekleidet als üblich , keckerer Zunge , als ihrem Stande geziemte , vor den Schranken einem jungen , schönen , in Schwarz gekleideten weiblichen Wesen eine Menge von jähzornigen Reden anzuhören gab , die der Herr Aktuar Weiße schon mit dem runden Befehl abschnitt : Ruhe hier ! Fräulein wird Sie gehen lassen , wohin Sie will ! Unverschämte Person ! Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekrüger gelernt ? Man sah , der sonst so untergebene Aktuar war derselbe Despot von Oben , wie er selber Knecht von Unten war . Diese Stufenfolge ist ganz hergebracht . Und als der Justizdirektor vom Seitenzimmer , wo er eben Butterschnittchen gefrühstückt hatte , eintrat , bekam er vom Aktuar in drastischen Umrissen den Bericht : Die Magd da , Liese Dammler oder Rammler , was wisse er , diene beim Generalpächter , hätte sich dem Fräulein Franziska Heunisch da ungehorsam erwiesen und wolle mit Gewalt fort . Sie behauptete sogar vom Schreiber des Generalpächters geschlagen zu sein . Wie Dem sei , Fräulein Franziska bestehe darauf , daß sie bliebe . Sie wisse wohl , daß es das aufsätzige böse Mädchen zöge , wieder beim klüger gewordenen Heidekrüger Justus ihren alten Dienst anzutreten , aber vor der Rückkehr des Herrn Ackermann ließe sie Niemanden vom Hofe und sie müsse ihrem Dienst vorstehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn . Herr von Zeisel fand diesen Bescheid ganz in der Ordnung , lobte Fränzchen ' s tapfern Zusammenhalt ihres großen , ihr jetzt schon seit länger als acht Tagen ganz allein überlassenen Wirthschaftswesens , erkundigte sich voll Antheil nach der Rückkehr des Generalpächters , den Se . Durchlaucht mit einer unglaublichen Ungeduld erwarteten , und entließ Fränzchen mit dem Bescheide , daß die Magd ihr zu gehorsamen hätte bis zum Ablauf ihrer Dienstzeit und daß ihr wieder , nämlich der Liese Dammler oder Rammler , unbenommen bliebe , sich wegen etwaiger Ohrfeigen oder sonstiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpächter , im äußersten Falle einer satisfactio denegata , hier beim Amte Genugthuung zu holen . Fränzchen ging nun . Sie empfahl sich voll Artigkeit . Sie hatte die Pfarrerin am Fenster weinen sehen , sie wollte zu dieser Armen ... Die Magd aber polterte sich nun erst recht aus und wäre leicht nach Requisition Pfannenstiel ' s mit Gewalt entfernt worden , wenn Pax nicht , der den stummen Zuhörer und Beobachter eines ländlichen mündlichen Verfahrens abgab , auf gewisse höhnische Bezeichnungen des Schreibers aufmerksam geworden wäre und nach mehren leichthingeworfenen Fragen herausbekommen hätte , daß jener Schreiber wol längst seine Aufmerksamkeit verdient hätte . Die Liese nannte ihn gradezu einen Vagabunden , der sich schon im Heidekrug einmal für den Prinzen ausgegeben . Man horchte , man forschte , Herr von Zeisel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr. Durchlaucht , der grade eintretende Pfannenstiel auf den Doppelgänger , den Besuch im Thurme , es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen , um hier eine Identität herzustellen , die der überraschendste und glücklichste Fund war , der dem Oberkommissär nur gelingen konnte . Gensdarmen wurden sogleich gerufen , wurden instruirt , zum Ullagrund vorausgesandt , Pax folgte , begleitet von der jetzt plötzlich vom Sonnenschein der Huld begnadigten Liese Dammler oder Rammler ; Pfannenstiel staunte und rieb sich mehrere : War mir ' s doch immer mit dem Schreiber ! hinter den Ohren heraus ; Herr von Zeisel lief zu seiner Frau und theilte ihr eine wunderbar überraschende Möglichkeit mit , die tausend andre Möglichkeiten in sich schloß . Der Schreiber beim Generalpächter Dankmar Wildungen ? Der Freund des Prinzen auf den Gütern des Prinzen verborgen ? Aber mein Gott , wie ist Das nur ? Herr von Zeisel fühlte , daß hier besonders zwei Möglichkeiten waren , entweder der Miskredit des Generalpächters als eines Flüchtlinghehlers oder wiederum eine furchtbare Bêtise seinerseits , indem er einen Flüchtling aufstöberte , der , weil er einst der Freund des Fürsten war , von diesem selbst in alter Anhänglichkeit grade bei den Seinen am sichersten verborgen bleiben sollte ... Frau von Zeisel fühlte dieselbe entsetzliche Alternative , sah das Grauengespenst einer neuen aufsteigenden Dienstgewitterwolke und erholte sich nur erst durch die Einladung , die eben vom Schlosse kam : Heut ' Abend um acht Uhr Thee . Die Liste des gallonirten Lakaien , die sie sich zeigen ließ , war so lang , daß sie vor Erwägung ihrer Toilette nun keine andern Gedanken mehr hatte als die : Wie vertret ' ich mich und die Nutzholz-Dünkerkes ! Geh ' mir weg , Zeisel , mit deinen Bedenklichkeiten ! Ich habe für mich und meine Geburt zu sorgen ! Fränzchen aber , in ihren um das Leid des Adoptiv-Vaters , den sie seit dem Frühjahr gefunden , noch nicht abgelegten Trauerkleidern , genug auch trauernd im Herzen über Anlaß und innere Folge dieses äußeren Glückes , wandte sich während dieser Enthüllungen und ihrer gefährlichen Folgen zum Pfarrhause , wo sie am Fenster unter den schon herbstlich welken Linden Thränen gesehen hatte . Sie wußte , was diese Thränen bedeuteten . Es that ihr wohl , als sie eintretend und von dem Leide dieser Frau beginnend von ihr aufgefordert wurde , um der Kinder Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten . Dieser Garten lag am Friedhofe . Sonst hatte Guido Stromer hier Rosen geschnitten für Melanie Schlurck , die ihn auf dem Gewissen hatte , den unglücklichen , aus Rand und Band gekommenen Genius . Noch blühten Astern , da und dort dunkle Georginen , trauernde Blumen des Scheidens und des Lebewohls , noch einmal zusammenfassend alle bunten Farben des Frühlings , kaleidoskopisch durcheinander würfelnd von jeder Blume Etwas , aber duftlos , keine ganzen Veilchen , keine Maiblumen , keine Rosen mehr ... Alle hatten dies Ende des Stromer ' schen Hauses kommen sehen nach Dem , was man vom wildgewordenen Guido erfuhr . Nun war es da und es kam so grausam wie doch unerwartet . Was hätte die Frau nicht vergeben , vergeben um diese Kinder ohnehin , vergeben auch um sich ! Sie wußte , wie wenig sie Guido bot , sie hatte immer gelitten unter dem Schmerz , daß ein Ehrgeiziger sich in ihrer Wahl vergriff und daß die Quellen seiner höhern Erquickung ihr nicht entströmten . Warum aber so enden , so gewaltsam , so grausam ? Stromer hätte selbst am liebsten die geräuschloseste Trennung gewünscht . Er hatte wirklich einen Schwall von glänzenden Worten dem Weibe geschrieben von der unwiderstehlichen Macht des Berufes , dem innern Orakel , dem Dreifuß der Sibylle , die über dem hohlen Herzen throne , er hatte sich mit dem heiligen Patriarchen verglichen , der auf Gottes Geheiß Hagar in die Wüste sandte , hatte seine Kinder eine Ismael-Bürde der Mutter genannt , hatte von der Feigheit des Entschlusses gesprochen , an der sein ganzes Dasein gekränkelt , von dem Geyer des Prometheus , der einzig und allein einen Titanen strafen könne , und dieser Geyer wäre die auch ihm gewiß noch einst kommende Reue , - die Reue hacke wahrhaft dem Großen die Leber aus , daß es nicht leben , nicht sterben könne , - noch aber fühle er sie nicht , noch müsse er langen nach dem Sitz der Götter , wo diese ihr heiliges Feuer hütheten ... all dies Durcheinander wurde von den Betheiligten , von Manchen , bei denen die Frau Raths erholte , ganz so feierlich genommen , wie es da stand , bei Jenen aus Verehrung , bei Diesen aus Schonung ; aber die Quintessenz , die etwa , wenn z.B. Doktor Reinick wäre gefragt worden , gelautet hätte und die auch bei Ackermann im Stillen lautete : Dieser Mann ist ein echt deutscher Lumpen-Titan , in dessen Gefolge sich eine große Erbärmlichkeit unsrer Nation zieht ! regte sich nun allmälig doch auf dem Grunde des Für und Wider selbst auch bei seiner Geopferten . Herr von Zeisel hatte jährlich vierhundert Thaler für sie und die Kinder verlangt . Sie selbst wollte , da Hofrath Stromer in eine auswärtige deutsche Staatskanzlei zog , in die Residenz , wo ihr Oleander , der Gefängnißprediger , versprochen hatte , väterlichst die Erziehung der Kinder zu überwachen ... Und Franziska Heunisch hatte so an Umsicht , Lebensblick , Erfahrung gewonnen , daß sie die jetzt weinende Frau durch manches treffende Wort erheben konnte . Sie pries sie sogar glücklich , von solchem Misverhältniß freizukommen und beklagte nur die Umständlichkeit des Scheidens , wo immer etwas Schamloses erst gerichtlich zur Sprache gebracht werden müßte , bis die Trennung erfolge , die doch wie mürber Zunder sich von selber ergäbe . Das war grade der Pfarrerin ein Kummer . Sie hatte klagen sollen ! Sie hatte die Beweise führen sollen ! Man gab ihr den Beweis der Ehescheidungsgründe in die Hände und zwang sie fast , sich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekümmern , wie sie gar nicht mochte ! Sie war eine wirkliche Gläubige . Sie wollte nichts Böses von Guido wissen . Wozu denn ? sagte sie . Was quält man mich ? Warum ist die Gesellschaft und das Gesetz liebloser als der Mensch selbst ! Fränzchen entfernte sich und tröstete die bedrängte Frau mit der Nachricht , daß Herr Ackermann sicher noch heute Abend zurückkäme und von Oleander ' n Grüße wie seine eignen Rathschläge ihr bringen würde ... Streng hatte auch Franziska gesprochen , aber so streng doch nicht , wie eben ein Mann zur Pfarrerin sprach , der sie vom Kirchhofe her über die niedrige zerbröckelte Gartenmauer anrief und den sie nicht kannte , obgleich sie die Dame kannte , die an seinem Arme hing . Dieser Mann war hoch , schlank gebaut , aber gebückt im Gang , hinfällig in der Haltung . Er schien jung und dennoch hing sein Haar nur spärlich von den Schläfen und wo es im Nacken saß , war es ergraut . Er trug einen Oberrock und fröstelte fast . Sein Schritt war sicher , aber das Auftreten schien den ganzen Körper zu erschüttern . Die Reizbarkeit seiner Nerven sprach sich in einem lauten fast schreienden Tone aus . Die ihn fast überragende , weibliche Begleiterin in graugerippter , hochzugehender , seidner Herbstrobe mit seidnen Schnüren und eben solchen Knöpfen auf der Brust , mit dem weißen kleinen Hütchen , dem feinen Battisttaschentuche und dem schwebenden sylphidenartigen Gange kannte die Pfarrerin wohl - und so war es denn der Fürst , der , eben aus dem Mausoleum seiner Mutter tretend , den Kopf emporhob , sein blasses Antlitz über die niedrige Mauer richtete und etwas sehr barsch , etwas sehr rauh die Frage an sie stellte : Sind wol die Frau Pfarrerin ? Und noch ehe die Eingeschüchterte , den Fürsten Egon jetzt voraussetzend , sich sammelte , hatte mit freundlichem Tone , mildem Gruße , die silbergraue Glaçehandschuhhand über die Mauer reichend , schon die junge , schöne Fürstin gesprochen : Guten Tag , liebe Frau Pfarrerin ! Wie geht es Ihnen ? Es ist ein Jahr her , daß wir uns sahen . Fast hätt ' ich so ohne Begrüßung von dannen müssen ! Der Fürst spricht von einer nothwendigen Beschleunigung der Rückreise . Vergessen Sie uns nicht ! Wie geht es Ihren Kindern ? Grüßen Sie sie bestens ! Sie hätten uns doch oben besuchen sollen ! Adieu , Frau Pfarrerin ! Und so wäre die Fürstin Melanie am liebsten rasch über eine Erinnerung , die ihr peinlich war , hinweggekommen , hätte gern den von dem Kirchhof und dem Mausoleum der Mutter verstimmten Gemahl von diesen Gräbern hinweggezogen - eben standen sie an Gräbern , wo die einfachsten Menschen begraben waren , der Schmied Zeck , Lene Drossel vor Jahren , Nantchen von Sägemüllers , Ursula Marzahn , die Müllerin , Alle still , sanft und auf Gott wartend beisammen - aber der Fürst blieb stehen und sagte zu der den Handdruck der Fürstin zaghaft erwidernden Frau : Thut mir leid , daß Sie die Wohnung verlassen sollen ! Dem Hofrath hätt ' ich vor einem Jahre sagen müssen : Ihr Genius ist da , wo Ihre Kinder sind ! Der Mann hat viel Geist , hat aber auch schon viel Verwirrung damit angerichtet und wird deren noch mehr anrichten ... Die Pfarrerin schlug die Augen nieder ... Die Fürstin trat verlegen etwas zur Seite ... Egon zu hindern , daß er etwas that , was er thun wollte , war ihre Sache nicht . Der Hofrath ist in der Lage , sprach der Fürst in seinem kurzen , polternden Tone weiter , für Sie sorgen zu können , liebe Frau ! Fassen Sie diese Sache von ihrer besseren , nützlicheren Seite ! Sie werden , hör ' ich , in die Stadt ziehen , die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten . Wieviel Kinder haben Sie ? Die Pfarrerin nannte die Zahl ... Die Fürstin trat noch mehr bei Seite ... Der Hofrath ist ein reichbegabter Kopf , der eine umgekehrte Entwickelung macht , wie Andre , die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhören . Das wird nicht hindern , ihn noch in vielerlei Wirrniß und zuletzt in die katholische Kirche