ihm aber - in Ihrem Interesse , Graf - so lange zu , bis ich , ohne Ihre dringende Abmahnung , diesen Gegenstand weiter zu verfolgen , ohne Zweifel der Wahrheit über den Schloßbrand auf den Grund gekommen wäre - ... Sie wußten , daß es ein Gauner war , sagte der Graf , und empfahlen ihn doch jenen Flüchtlingen , deren Partei ich nicht nehme , die aber , mein ' ich , einige brave Menschen in ihren Reihen zählen ... Empfahlen ihnen einen Kerl , der ganz gewiß jener Diener auf Westerhof war , Dionysius Schneid ja wol , für den Ihr alter Hubertus hätte verantwortlich gemacht werden müssen , wenn der alte Freund und zuweilen nicht zurechnungsfähige Protector Ihrer Jugend , einer unter Räubern zugebrachten Jugend , nicht damals mit dem Doctor - Klingsohr ja wol - entflohen wäre - ... Graf - ! unterbrach Terschka mit verdrossener Geberde und hielt , vorauseilend , beide Hände an seine Schläfe , als könnte er Dinge nicht hören , die - das Mal auf seinem Arm erglühen machten ... Nun , nun , beruhigen Sie sich nur ! rief ihm der Graf nach und folgte langsam ... Mein Vorwurf trifft nur die Möglichkeit , wie Sie Ihren Freunden in London einen notorischen Bösewicht haben empfehlen können ! ... Meine Freunde ! wiederholte Terschka und lachte ... Was ist , was war mir diese Freiheit Italiens ! Diese Aufstände , diese Bewegungen ! ... Ich bin zu Grunde gegangen an meinem Bedürfnis , andere froh und glücklich zu sehen ... Jesus , mein Ehrgeiz war schon da befriedigt , wenn ich unter dem Schein der Freundschaft so viele Jahre nur Ihr Bedienter war ... Protestiren Sie nicht , Graf ! ... Ich liebte die Geselligkeit , habe die Rechte , die sie gab , nie mißbraucht , ich lebte ihren oft sehr schweren Pflichten ... Sie haben es gesagt , das unglückliche Gespenst meiner geringen Herkunft ist es , das mich überall verfolgt ... Sie haben sich gut erinnern - ; ich gestand es Ihnen selbst - damals , als Sie sich von dem lieblichen - Kinde in Zara nicht trennen konnten ... Terschka sah den Eindruck seiner an dieser Stelle in Weichheit übergehenden Stimme am Stillstehen des Grafen ... Ein stürzendes Bergwasser begrenzte den Garten ... Eine Erlenbrücke führte hinüber ... Der Graf lehnte sinnend über die weißen Stämme dieser Brücke hinweg und blickte in die rauschende Flut ... Angiolina ! fuhr Terschka in melancholischem Tone fort ... Ach , wenn du , du noch lebtest ! ... Nie würde dein alter , verwitterter , lebensmüder Freund so tief ins Elend gerathen sein ! ... O , diese Zeiten ! ... Graf , oft hör ' ich sie noch im Geiste weinen und - lachen ... Wie sie lachen konnte - die Angiolina - wie sie halt wieder gut machte , was ihre Wildheit zerstört hatte ... O Graf , um Angiolinen schont ' ich ihren Bruder - noch vor drei Tagen sah ich ihr Bild wie zum Verwechseln vor mir - in den Zügen dieses - mir immer nur impertinent gewesenen Bruders - ... Sie sahen - Montalto ? erhob sich der Graf vom Geländer der Brücke ... Wo ? ... Er soll ja verwundet sein - ... So wissen Sie noch nicht , daß er in Coni beim Erzbischof ist ? ... Wer ? fuhr der Graf auf ... Benno von Asselyn ? - in - ? ... Coni ! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet ' ich ihm ... Vor wenig Tagen ... Ich glaubte damals nicht , daß er noch den nächsten Tag überlebt ... Aber er ist , verlassen Sie sich , in Coni - ... Der Graf gerieth in die höchste Aufregung ... Dachte er auch nur an die morgende Fahrt nach Coni , so war Grund genug vorhanden , sich zur Umkehr zu wenden ... Lassen Sie mir diese letzte Stunde ! bat Terschka und ergriff die Hand des Grafen ... Es ist die letzte - meiner Freiheit ! Graf , lassen Sie uns so nicht scheiden ! ... Ich bin eine elende Ruine , zu Grunde gerichtet , verloren ... Das ist mein Unglück , ich kann ohne die Vorsehung anderer Menschen , ohne eine Kette nicht leben ... O diese Kette - wie ist sie unendlich - und ach ! - wie schwer - ! ... Sie sind also in der That der Pater Stanislaus wieder ! ... sagte der Graf nicht ohne wärmeren Antheil ... Die Fessel ist dehnbar aber sie reißt - nie ! ... antwortete Terschka im Tone der Vernichtung ... Eine dumpfe Pause trat ein ... Eine öde Stille , ... Nur die Blätter der Bäume fingen mächtiger und mächtiger zu rauschen an ... Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens , den er schon lange gelernt hatte vom Katholicismus selbst zu unterscheiden ... Aber er empfand mit Terschka persönlich Mitleid ... Sie Aermster gehen also nach Rom ! ... Zum Gericht ! fiel Terschka ein ... Und kommen direct ? ... Von Genua - ... Da sahen Sie - Benno von Asselyn ! ... Auf dem Wege nach Coni ... Ich sprach ihn natürlich nicht ... Schon in Witoborn war er mein Todfeind ... Ich sah ja Armgart eben - auf der Altane ... Graf , es wird kühl ... Schließen Sie Ihr Kleid ... Armgart wird erstaunen - ihren Benno wiederzusehen - ... Die nächtlichen Wanderer standen am Eingang zu jenem mächtig sich ausdehnenden Eichenwalde , der die noch unzerstörte Einsiedelei des Eremiten barg ... Sie schritten in die sich mehrende Dunkelheit hinaus ... Eben gingen der Pfarrer und der Gemeindeälteste an ihnen vorüber und sprachen , als beide stillstanden und sie vorüberließen , ein : Salute ! ... Buon viaggio ! durfte der Graf erwidern , da die Wanderer bis zu ihrem Gebirgsthale eine weite Strecke hatten ... Terschka wandte sich abseits , um nicht erkannt zu werden ... In früheren Jahren war er nicht selten hier gewesen und geredet wurde noch oft genug von ihm ... Er kannte hier Weg und Steg ... Werden Sie denn auch für diese Schwärmer , fragte er den Vorausgehenden nach , ebenso ein Protector sein , wie Ihre Mutter ? ... Die Gesetze protegiren sie ... entgegnete der Graf und sah , nur noch Benno ' s gedenkend , nach der Uhr ... Terschka wollte ihn nicht lassen ... Er suchte ihn in Interessen zu verwickeln , die für beide gemeinschaftliche waren ... Man sagt , begann er , daß Ihre Freundschaft für den Erzbischof von Coni - Ihre Zärtlichkeit für - Ihre Gemahlin jetzt vielleicht - nach dem Tode - Ihrer Mutter - - ... Der Graf hörte nicht ... Seine Gedanken waren nur dem Schlosse und Coni zugewandt ... Warum bin ich nur so feige und tödte mich nicht selbst ! ... unterbrach sich Terschka mit wilder Geberde und weckte somit gewaltsam den Grafen aus seinem fortgesetzten Brüten ... Sie erwarten wirklich jetzt erst in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens für Ihre Flucht ! ... sagte der Graf , mit zerstreuter Theilnahme auf seine Worte hörend ... Terschka erwiderte nichts , sondern blickte nieder ... Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzählt ! fuhr der Graf , um ihn zu beruhigen , fort ... Werden Sie also in einer dunklen Zelle zubringen müssen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult , mit dem Bild einer - verwesenden Leiche in Ihrem Bett - ? 10 ... Terschka schwieg ... Das sind doch in der That nur kindische Dinge ... Auch hab ' ich gehört , daß Sie Ihren Uebertritt , Ihren Verrath am Orden , wenn Sie wollen , als eine wohlberechnete Strategie darstellen dürfen , als ein Mittel , desto besser zu Ihrem Ziel zu gelangen - ... Ja - was war - denn mein Ziel ? fiel Terschka mit zustimmendem Aufhorchen ein ... Der Graf bereuete diese Andeutung gegeben zu haben ... Sie werden , begann Terschka anfangs lebhaft , bald aber seine Stimme dämpfend , als könnten die Blätter der immer mehr bewegten Bäume seine Worte weiter tragen , Sie werden in diesem Thal , in diesen öden Wäldern nicht ewig bleiben wollen ... Ihre Liebe zu den Waffen wird sich wieder regen , zumal wenn Sie sehen , daß eine Zeit kommt , wo nur noch die Waffen die Welt regieren ... Oft schon sind Ihnen glänzende Anerbietungen zum Rücktritt in die Armee gemacht worden ... Ihre Lage , zweien Staaten angehören zu sollen , zumal zweien , die sich unausgesetzt befehden werden , wird Sie zuletzt zu einem Entschluß veranlassen müssen ... Ich weiß nicht , wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht ... Katholisch sein ! ... Selbst in jenen lächerlichen Exercitien des Ignatius liegt ein - dumpfer Ernst - mache nur Einer mit , was ich in Freiburg habe erleiden müssen ... Die Revolution machte dem schrecklichen Kinderspiel , das man mit mir trieb , ein Ende ... Was in Freiburg unterbrochen wurde , wird in Rom wieder aufgenommen werden - ? ... Ja Graf - ! Aber gesetzt , Sie nähmen wieder bei Ihren alten Waffengefährten Dienste , Sie lebten in Wien , wofür sich doch zuletzt die Sehnsucht Ihres Herzens entscheiden wird - Gesetzt - Sie brauchten ja Castellungo nicht zu verkaufen - die Nothwendigkeit für Ihre Gemahlin , in des Erzbischofs Nähe leben zu müssen - ... Was reden - Sie ! ... unterbrach der Graf ... Vergebung ! schmiegte sich Terschka in demüthiger Geberde ... Sie misverstehen mich - Ich meine , der Oberst von Hülleshoven ist ein Projectenmacher und eigensinnig wie seine Frau ... Hedemann wäre für die Verwaltung Castellungos zu brauchen gewesen - Aber der ist - ja wol auch todt ? ... Sie sind - ein schneller - Reiter ! ... entgegnete Graf Hugo , sich erst langsam beruhigend ... Nie noch hatte jemand gewagt , ihm persönlich die Nothwendigkeit , Paula in des Erzbischofs Nähe zu lassen , so offen auszusprechen , wie Terschka ... Ihm war Bonaventura nothwendig , Er nur blieb in des Freundes Nähe - ! So und nie anders hatte sich seit Jahren das Verhältniß im Munde seiner Umgebungen gestalten dürfen ... Wollen Sie diese herrliche Besitzung zu Grunde gehen lassen ? fuhr Terschka immer demüthiger fort ... Konnten Sie über meine Art , in Westerhof zu Geld für Sie zu kommen , klagen ? ... Behalten Sie mich hier ! ... Ich verstehe nicht - entgegnete der Graf ... Ich fürchte mich vor Rom ... Man wird Dinge von mir verlangen - die über meine Kraft gehen ... Die einzige Möglichkeit der Rettung für mich wäre , daß ich draußen in der Welt eine Aufgabe fortsetzte ... Was ich Ihnen früher im Geheimen war , Graf , wenn ich es offen würde - und - sagen könnte - ... Der Graf horchte auf ... Treten Sie über ! ... Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg gekrönt sein ! ... Thun Sie es öffentlich , so soll es mir nicht zu schwer werden , es meinen Obern so darzustellen , als wenn alles , was ich mir seither habe zu Schulden kommen lassen , nur ein Mittel war zu höherm Zweck ... Thun Sie es geheim , wohlan dann desto besser ... In diesem Fall würd ' ich Ihr Gewissensfreund bleiben , würde Ihr Wächter scheinen dürfen und könnte so fortleben , wie bisher - selbst unterm Schein , Priesterstand und was nicht alles verwirkt zu haben ... Oesterreich erhält die Weisung , meine Lage zu ignoriren - Piemont schützt uns ohnehin ... Werden Sie katholisch , Graf ! ... Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht ... Es gab eine Stelle in seinem Innern , die von Terschka ' s Vorschlägen elektrisch berührt wurde ... Die Jesuiten waren ihm nicht der Katholicismus ... Religion nannte er übliche Sitte und Landesart ... Der geselligen Spaltungen , die in seiner frühern militärischen Stellung für ihn als Akatholiken lagen , erinnerte er sich ungern ... Den stolzen Muth seiner Mutter , gerade im Widerspruch mit weltlichen Rücksichten zu leben , besaß er nicht ... Mehr noch , wirkliche Liebe zu Paula fing ihn zu bestimmen an ... Um sich , um die Mutter aus bedrängten Verhältnissen zu reißen , hatte er eine Standesehe geschlossen , ohne Paula die Zumuthungen einer Gattin zu machen - ... Und die ersten Jahre war es ein Verhältniß gewesen , wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde ... Als aber Paula in Italien , in Bonaventura ' s unmittelbarer Nähe lebte , als sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte , als die bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder , wie Paula rührte - die Jahre und die Reife des Geistes bringen allem Menschlichen sein Maß und lehren uns die wahren Güter des Lebens in Höherem suchen , als im persönlichen Glück - da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib ganz mit der Werbung eines Liebenden ... Das Aussterben seines Stamms , die der Möglichkeit , noch einen Erben zu gewinnen , immer mehr gezählten Stunden - schon allein diese Rücksicht verlangte ein Entweder-Oder ... Und da glaubte denn Graf Hugo schon lange , daß er sich und Paula diese Entschlüsse durch seinen Uebertritt erleichtern würde ... Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war er entrückt ; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine größere geistliche Neigung voraus , als er sie besaß ... Aus solchem Indifferentismus , verbunden mit Resignation des Gemüthes , erfolgte schon oft ein Uebertritt zur römischen Confession ... Und so konnte er Terschka ' s Vorschläge hören , ohne sie sofort von sich zu weisen ... Hatte er nicht auch eine Reihe der glücklichsten Jahre mit diesem Menschen verlebt , oft über seine Rathschläge den Stab gebrochen , oft sie dennoch befolgt - ? ... Zwischen ihm und Terschka hatte von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn für einen erwiesenermaßen nicht immer ehrlichen , aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht ... Der Abendwind erhob sich mehr und mehr ... Wolken legten sich über die Sterne ... Graf Hugo ließ Terschka reden - ließ sich ihm bald rathen , bald schmeicheln - ließ sich von ihm den Rock zuknöpfen , aus Besorgniß , der Graf möchte sich » verkühlen « - Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemüthes wurde er berührt ... Auch das Glück schilderte Terschka , das er sonst hier gefunden haben wollte bei des Grafen Mutter ... Die Herrliche , Gütige ! sprach Terschka ... In London - - da lag ich zerknirscht zu ihren Füßen ... Sie schickte mir einen Geistlichen , dem ich meinen Glauben abschwören sollte ... Oeffentlich in einer Kirche hab ' ich es nicht gethan - ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt ... Graf , darin sind wir - einig ; was mich einst zum Priester machte - was war es ? ... Für mich waren die Weihen nichts , als eine Erlösung vom Gewöhnlichen ... Die klugen Väter erkannten es zu spät und gaben mir einen Auftrag , der mich dem Weltleben zurückgab ... Kann man den Jesuiten , den Soldaten der Kirche , verdenken , daß sie Werth auf den Besitz eines Namens legen , wie des Ihrigen ? ... Graf Hugo verabscheute , was er hörte , aber - er dachte an Paula und die Zukunft seines Namens ... Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf ihm ... Was jeder verworfen hätte , was Monika Unmoralität nannte , vertrug sich bei ihm mit manchen geheimnißvollen Stimmungen der Seele ... Es gab keinen andern Ausdruck für sein Gefühl , als den , daß die reinere Natur des Katholicismus , die Natur , die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte , geheime und mystische edle Dinge verklärte ... » Der erste Beichtstuhl wurde aus dem Baum der Erkenntniß gezimmert « hatte die Gräfin Sarzana vor einigen Jahren hier gesagt ... Graf Hugo versank immer mehr in ein brütendes Nachdenken ... Terschka erging sich in Lobpreisungen des katholischen Glaubens vom Standpunkt der Weltlichkeit , die beide früher so eng verbunden hatte ... Und hätte ihn ein noch schlimmerer Ruf verfolgt , als der , den der Graf kannte , es lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezügen , ihre Erinnerungen trafen so oft auf einem Punkte zusammen , daß ihn der Graf nahm , wie er sich gab ... Terschka knüpfte immer und immer an Angiolinen an ... Und der Graf wußte , wie energisch Terschka auf Schloß Neuhof für sie gesprochen hatte ... Terschka kam auf Angiolinens Mutter , die Herzogin von Amarillas , die aus London erwartet würde und wieder in Rom wohnen wollte , wenn sie nicht , unterbrach er sich , wol gar noch hierher kommt , um ihren , wie ich glaube , hoffnungslosen Sohn aufzusuchen ... Der Graf gab alle diese Möglichkeiten zu , hörte sie aber voll Schrecken und Wehmuth ... Terschka erzählte von Fürstin Olympia , deren Verhältniß mit Benno schon seit lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte ... Der Graf hörte Terschka ' s welt- und herzenskundige Auffassungen ; aber so groß seine Theilnahme für Angiolinens Bruder war , so sehr er Benno ' s Seelenkraft bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schloß Salem , wo Schwester und Mutter in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden , so sehr ihn der Eindruck ergriff , den nun Benno ' s Anwesenheit in Coni auf alle , vornehmlich Armgart hervorrufen mußte - sein Fragen und Forschen nach Diesem und Jenem war nur ein Verbergenwollen der größeren Sorgen , die sein Inneres um Paula drückten ... Terschka sah seinen Einfluß wiederkehren , sah , wie Graf Hugo sich an seinen Ton , seine alte Weise gewöhnte ... Er blickte um sich ... Sie waren tief im Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit hätte es werden müssen , an die Rückkehr zu denken ... Immer mehr und mehr verstärkte sich der Wind , der von den Bergen wehte ... Die schwanken Wipfel der Bäume ließen Raum hier und da zu Durchsichten , wie in einem kunstvoll angelegten Park ... Die Wanderer gingen einen Bach entlang , der behend unter den jetzt hin-und hergepeitschten Blütenbüschen dahinschoß ... Nur allmählich erhob sich die grüne Bergwand ... Schon war die Einsiedelei Federigo ' s in der Nähe ... Eine Gruppe der mächtigsten Eichen stand auf der Höhe so dicht beieinander , daß ihre Baumkronen von fern her zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen ... Ich war vor drei Tagen noch in Genua , erzählte Terschka , des Brausens und Rauschens um ihn her nicht achtend , wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war ... Dort schon hört ' ich , daß sich Cäsar von Montalto , schwer verwundet , unter den Trümmern der römischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war , ohne Zweifel zum Erzbischof ... Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten wir ihm ... Wir ? wiederholte der Graf ... Pater Speziano und ich - ... Pater Speziano ! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land ! ... Wir stiegen in Robillante aus - wohin ich bis morgen früh - zurück muß ... Incognito - bis - - nach Rom - Graf ! ... Erzählen Sie ! ... Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile , ohne auszusteigen ... Vor einem Kaffeehause , wo unsere Pferde gewechselt wurden , stand ein halb offner Wagen ... Sehen Sie da ! rief Pater Speziano und deutete auf den Wagen ... Ein Kranker lag in ihm zurückgelehnt ... Ich blicke näher - mich schützten die Jalousieen des Postwagens - und erkenne den Bruder Angiolinens ... Sollt ' ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden ? ... Sein Zustand sah dem eines Sterbenden ähnlich ... Speziano hielt mich zurück ... Der Graf gerieth in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes ... Sollte alles dem Verhängniß verfallen , überall der Tod seine Opfer suchen ! ... Wo sind Sie abgestiegen ? fragte er noch einmal , ehe sie sich zur Rückkehr wandten ... In Robillante - ... Aber für diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer ... Und die Herzogin - seine Mutter - ? ... Ist mit Fürstin Olympia eilends aus London gekommen ... Die letzten Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz ... Erfuhren sie von Montalto ' s Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute , so kommen sie ohne Zweifel hierher ... Olympia - ! rief der Graf und dachte an eine nothwendig werdende Vorbereitung Armgart ' s auf so erschreckende Möglichkeiten - .. Vielleicht klopfte er noch jetzt dem Obersten und zog zunächst diesen ins Vertrauen ... Aber werden Sie katholisch , Graf ! drängte Terschka ... Es ist die Religion der reinen Menschlichkeit ... Krönen Sie mein Werk , dem ich dann achtzehn Jahre meines Lebens geopfert habe - So läßt es sich wenigstens darstellen ... Die Mittel , die ich anwandte , sind natürliche gewesen und ich bin gerettet - ... Sie erlösen mich von Strafen , die alles überschreiten werden , was meine Natur erträgt ... Das Al-Gesú macht ein Endurtheil über mich - ... Ich habe keine Kraft , einem Geschick zu trotzen , das mich in die Mitte der beiden mich verfolgenden Parteien nimmt ... Wollt ' ich auch zum zweiten male entfliehen , ich wäre vor Mazzini ' s Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Gesú ... Graf , werden Sie katholisch ! ... So hab ' ich wenigstens Ruhe vor Denen , die auf mich die ersten Rechte hatten ... Terschka versicherte dann , daß ihn Pater Speziano nach Rom führen müsse wie einen Gefangenen ... Der Graf stand schon lange wie eingewurzelt ... Er blickte um sich und sah , daß er in dem Hain des Eremiten unter dem majestätischen Dach der uralten » Eichen von Castellungo « stand ... Noch glänzte die von Birkenzweigen und verwittertem Moos gebaute Hütte ... Noch lag wie sonst der Verschlag für Federigo ' s treuen Hund , den » Sultan « , wie er hieß , unverändert ; noch die Hütte für die Ziege , beide Thiere , die die einzige lebende Gesellschaft des Freundes seiner Mutter waren ... Eine mächtige runde Steinplatte , verwittert und mit gelblichen Moosflechten überzogen , die als Altar zu dienen pflegte , stand in der Mitte des mächtigen Rundes , über dem die Baumkronen sich schüttelten im zunehmenden Sturm ... Noch hing in den ächzenden Zweigen des stärksten dieser Bäume die Glocke , durch deren Ruf der Einsiedler in einiger Verbindung mit der Welt blieb ... Die schlummernden Vögel auf den Zweigen schienen zu träumen , mancher leise Laut erscholl , mancher Vogel flog erschreckt vom Neste ... Der Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke ... Zuweilen schlug sie an - leise , geheimnißvoll , geisterhaft - Graf Hugo sah ein ganzes Leben ihn hier wie mit stiller Bitte mahnen ; er hörte den Ruf der Mutter , als sie ihn um die Erhaltung der Glocke - um die Erhaltung Castellungo ' s und des Glaubens seiner Väter bat ... Terschka erkannte diese Zauber der Bestrickung für den Grafen ... Oft hatte er hier selbst den Eremiten gesprochen , hatte sich mit dem » Sultan « in der Hütte dort geneckt ; er wußte , daß dies treue Thier dem vermeintlichen Gefangenen der Inquisition gefolgt sein sollte ... Noch deutlich sah er die Gräfin auf einem Sessel von Baumzweigen , auf dem sie hier oft stundenlang bei ihrem Schützling zu verweilen liebte ... Gerade damals war Terschka hier zum ersten mal gewesen , als sich die Sage von Vincente Ambrosi verbreitet hatte , der vor Frâ Federigo ' s Lehren geflohen wäre ... Träumend stand der Graf und blickte auf die Glocke , deren Bewegungen immer stärker und stärker wurden ... Er fuhr auf , als er Fußtritte hörte und die beiden Diener sah , die gefolgt waren und jetzt näher kamen , um die Mäntel anzubieten ... Mechanisch nahm er den einen und bot Terschka den andern ... Dieser nahm ihn schnell , nur um die Diener zu entfernen ... Lebhafter und lebhafter drängte er auf Entscheidung ... Er schilderte alles , was er wünschte , als ein Facit von Umständen , die gebieterisch gegeben wären ... Der Graf lauschte der Glocke unter den Bäumen , die die heftigen Windstöße in Bewegung erhielten ... Der ungleiche Klang war wie die unregelmäßigen Athemzüge einer von Angst bedrängten Seele ... Das Bild der sterbenden Mutter stand dem Sohn vor Augen ... Ihr Wort : » Du wirst dem Thiere folgen ! « , ihre Bitte für diese Glocke , ihre Bitte für den jetzt schon in so wilder Störung begriffenen Frieden dieses einsamen Ortes sprach ihm aus dem Wehen jedes zitternden Blattes ... Lassen Sie , Terschka ! schnitt er jetzt , wie aus Träumen erwachend , alle Vorstellungen ab , die ihm dieser im Ton einer unverstellten Verzweiflung machte - Es war eine Proselytenwerbung so eigner Art , wie sie auch nur durch Jesuiten veranstaltet werden konnte ... Keine Salbung , keine Ueberzeugung - eine Sache nur der Etikette und der praktischen Psychologie ... Der Graf widerstand ... Dort hinaus führen Sie meine Diener auf kürzerm Weg nach San-Medardo zurück , sagte er ... Was die Zukunft bringen wird , weiß ich nicht ... So , wie Sie es begehren , Terschka , wird und kann es nicht sein ... Graf ! flehte Terschka ... Ist das Ihr letztes Wort ... Mein letztes , Terschka ! Mein Inneres - Sie haben es errathen - ist zerrissen und unglücklich ... Noch weiß ich nicht , was werden soll und ob ich länger mein Loos ertrage ... Ich liebe - mein Weib ! ... Aber Ihr Auskunftmittel - - Weiß ich doch kaum , ob die Gräfin gerade dies noch begehren würde - ! ... Graf , um so mehr ! fiel Terschka ein . Allbekannt ist die Gesinnung des Erzbischofs ... Auch die Gräfin , sie , die einst eine Seherin war , erkaltete in ihrer alten Glut und Andacht für den Glauben ... Es ziehen Gefahren für Ihren Freund herauf , denen er jetzt erliegen dürfte , jetzt , wo die Richtung der Zeit sich ändern wird ... Verachten Sie meinen Beistand nicht - auch ein Sturla kann mich kennen lernen ... Aber nehmen Sie mich wieder auf ! Schützen Sie mich durch Ihren geheimen Uebertritt ! Ich lenke alles , was Ihr Herz , Ihre Natur , das Glück Ihrer Freunde verlangt ... Und Monika , selbst den Obersten gewinn ' ich - pah durch einen einzigen Tag ... Selbst Armgart soll nicht vor mir entfliehen ... Ich bin ja - ein Greis - alt - ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung - durch meine Demuth ... Graf , zum letzten mal , ich , ein Abtrünniger , rettungslos Verlorener , ich darf mit einem großen Zweck leben , wie und wo ich will - ich darf mit den Waldensern gehen - Protestant scheinen ... Nur besuchen Sie die Messe in Coni , in Robillante - wo Sie wollen - man liest sie Ihnen geheim ... Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien - Ihre Gattin folgt - Ihr erstes Kind wird auf einen Heiligen getauft - Das ist die Sprache der Welt , der gesunden Vernunft , der Verhältnisse , in denen Sie leben , die Sprache des Trostes , der Erhebung für - die Gräfin selbst - ... Der Graf schüttelte den Kopf und entgegnete : Ein Abschied fürs Leben ... Wir sehen uns nicht wieder - ! ... Haben Sie Mitleid mit mir - ! rief Terschka ... Die Glocke schlug unausgesetzt ... Die Bäume rauschten im Sturme ... Die Natur war im Aufruhr ... Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht ... In französischer Sprache rief ihm Terschka nach : Graf ! Ich beschwöre Sie ! ... Sie werden es einst aus eigenem Antriebe thun ... Thun Sie ' s jetzt um mich , um Ihren alten - treuen - unglücklichen Freund ! .. Die Glocke tönte ... Mit hellen , mit klagenden , mit stärkeren , mit schwächeren Klängen ... Noch einmal wandte sich der Graf zu Terschka , wartete , bis dieser näher kam , bot ihm die Hand und sagte ihm ein letztes Lebewohl - ... Unsere Wege sind getrennt , setzte er hinzu ... Erde und Himmel können vielleicht für mich bürgen und für das , was ich thue oder lasse , Sie nicht mehr ... Das sag ' ich alles ohne Groll , Terschka , ohne Sie kränken oder verurtheilen zu wollen ; ich urtheile , Sie wissen es , über Menschen überhaupt nicht ; lassen Sie alles wie es ist ... Beschütze Sie jetzt der Himmel , Terschka ! ... Sans adieu ! Sans adieu ! ... Der Graf schritt mächtig zu , gleichsam - um dem drohenden Unwetter zu entfliehen ... Auch begann es in der That zu regnen ... Ein Diener blieb bei Terschka in dem wildbewegten Eichenhain zurück ... Der Graf sah sich nicht mehr um ... Ohnehin ging es bergab ... Er eilte wie jetzt selbst vom Sturm ergriffen ... In einer halben Stunde hatte sein Fuß das Schloß erreicht ... Die Frauen wachten noch ... Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die Mittheilung über Benno ... Sein Mund blieb auch dem Obersten noch geschlossen über alles , was er gehört ... Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und sein Ohr vertausendfachte ihm alles , was er vernommen ... Die grünen sturmbewegten Wipfel der Eichen rauschten um ihn her wie ferne Donner ... Der Geisterton der klagenden Glocke wurde eine Mahnung , als bedrohte eine Feuersbrunst die Welt und - vor allem die theuersten Menschen , die