Beweise fehlten . Die Untersuchung wegen Tödtung des Schmied ' s im Forsthause wurde von der Residenz aus , wo man mehr , als man wissen wollte , zu entdecken fürchtete , plötzlich abgebrochen , und Herr von Zeisel , der bequeme , seinen Garten , seinen Schlafrock , seine Whistpartieen liebende Justizdirektor , an dem auch glücklicherweise die Gefahr einer nicht verbessernden Versetzung vorüberging , Herr von Zeisel war nicht der Mann , der solchen Dingen à tout prix auf den Grund zu kommen trachtete . Nur Pfannenstiel , Drossel , der Sägemüller grübelten . Die lärmten , die drohten , aber nicht im Einverständniß . Die Polizei ging mit der Demokratie nicht Hand in Hand . Onkel Heunisch mit der Meerschaumpfeife und dem rothen , nun recht winternden Fuchsbarte genoß in vollen überfließenden Zügen das Glück seiner Nichte , so schmerzlich es erkauft war . Er hatte die Hinrichtung mit angesehen , war voll Jammer über sie , aber doch wurde er fast eifersüchtig auf den alten Bauer und grämelte mit ihm . Er sah nur Das , was auf sein nächstes Behagen ging . Seine Hunde , sein Wild , seinen Wald kannte er . Aber mit Menschen konnte er reden , die er kennen sollte und er hätte geschworen , daß er sie nie gesehen . So mit Dankmar , der oft an derselben Stelle mit ihm stand , wo er ein Jahr vorher mit ihm geplaudert hatte . Aber den Veränderten und Umgestalteten für den Doppelgänger Sr. Durchlaucht zu nehmen , wäre ihm nicht im Traume eingefallen . Er war für ihn ein völlig Anderer , als der er jetzt , ein ahnungsreicher Jurist , die Data über die in Liebe zu einem so guten Waidmanne entbrannte Ursula und ihren heimtückischen Bruder wohl am klarsten in Händen hatte , ohne daß er jedoch in der Lage und Laune sein konnte , sie öffentlich zu verknüpfen und von Andern seinen Scharfsinn prüfen zu lassen . In diese Zustände der Ruhe , des Schmerzes , der Freude , des Harrens und Hoffens kam dann die Ankunft des Fürsten auf dem Schlosse . Rodewald hatte die Sammlung nicht , sie abzuwarten . Auf einem Wege , wo er ihm zu begegnen vermied , entschloß er sich , Selma ihrer nächsten Bestimmung entgegen zu führen . Der Abschied von Dankmar war der schmerzlichste . Denn auch ihn mußte es drängen , von einem Orte sich zu entfernen , wo ihm die Luft nun den Athem abpressen mußte . Melanie als Fürstin Hohenberg , Egon selbst , Selma von ihm hinweggenommen - er wartete nur des Vaters Rückkunft ab , um sich nach dem Westen nun auch zu entfernen . Hatte er doch hier und da schon Verdacht erregt und glaubte er doch von einer Person , die noch dazu nicht die beste von Sinnesart war , halberkannt zu sein , von jener Liese , die früher im Heidekrug bei dem jetzt schmollenden konstitutionellen Patrioten Justus diente und zu Fränzchen Heunisch ' s Erhebung immer nur scheel genug gesehen hatte . So war denn Rodewald von seinem Hause endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerflossene Selma mit der Zukunft getröstet , mit jenem Zauberbalsam , der sich kühl und linde auf alle Wunden legt . Anna von Harder nahm die ihr so wunderbar Geschenkten nicht wie eine Genugthuung des Schicksals , sondern wie eine Mahnung , sich zu demüthigen , auf . Die Freude und der Schmerz , die Wonne , in Selma ein Abbild zu besitzen von der , deren Tod sie zu bitterster Gewißheit nun bestätigt sah , alle diese Empfindungen machten sich in denselben Thränen geltend und jede Betrachtung , jeder erörternde Rückblick blieb ausgeschlossen von den ersten Schrecken und Wonnen dieser Begegnung . Rodewald wollte sogleich scheiden , Anna ließ ihn nicht . Sein Pferd wurde von den Dienern versorgt , doch wollte er zur Stadt , Selma sollte da bleiben , wenn Anna sie zu behalten gedächte . Anna war keiner Anordnung fähig , nur Das wußte sie , daß sie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben wollte . Die edle Frau umhalste Selma und hielt sie gegen das Sternenlicht , gegen den Lampenschimmer im Hause , um sich an den Ähnlichkeiten , deren sie Hunderte mit ihrem Kinde schon entdeckte , zu erheben ... aber daß dies Kind wirklich todt war , daß es auf fremder Erde , zerstoben und verwesend schon , ruhte , Das umwehte sie mit Geisterhauchen , als müßte sie nun bald selbst hingehen in die Wohnungen des Friedens und könnte sich nicht mehr zurechtfinden in dieser schmerzlichen Sinnenwelt . Olga nahm ihr etwas von den nächsten Pflichten , die sie fühlen mußte , auffallender Weise schon ab . Olga begrüßte den Ankömmling mit einem Ton , der ihrer geistigen Vornehmheit sonst nicht eigen war . Sie bewirkte sogar , daß man die Geräthschaften abpackte , erinnerte an Vergessenes , reichte dar , was ihr Selma entgegenzunehmen zu wünschen schien , Dinge , die sie kaum nennen konnte . Sie schlang zuletzt sogar ihren Arm um Selma und führte sie mit einem allerdings sonderbaren , stummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu , wo sie hoffte , die Enkelin Anna ' s als Nachbarin zu gewinnen . Anna ließ Alles geschehen und Selma hatte nur Augen für den Vater , der ihr so tief zu leiden schien und der von Abschied sprach . Ich sehe Dich morgen früh wieder ! beruhigte er , aber ihre erste Freude zeigte sich bald als die Erregung des Momentes ; die aufgespannten Nerven ließen nach und die Lust verwandelte sich in Wehmuth . Wie war dies Haus so düster , so einsam , wie dunkel diese Wände , wie fremdartige Töne vernahm sie da und dort ... die alten Bedienten , das leise Sprechen , um den Greis nicht zu stören , den man morgen erst langsam vorzubereiten gedachte , alles Das erfüllte sie mit einer Beklommenheit , die fast den Wunsch auszusprechen schien : Laßt mich beim Vater bleiben , hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehören ! Anna sammelte sich mit Olga ' s Hülfe . Olga schien ein wenig aufgeweckt aus ihrer Traumwelt . Sie sah etwas , was sie verstand , mit der höheren Poesie ihrer Empfindungen vergleichen konnte , wenn auch Kaktus , Pinien , Palmen und das Meer dabei fehlten . Aber die Enkelin Anna ' s kommt aus Amerika und bringt sich selbst für die todte Mutter ! Sie fühlte eine solche Erfahrung fremden Lebens wie ihre eigne nach und war so voll Eifers , das Rechte und Nothwendige zu treffen , daß Selma schon die sie umschlingende und nur ruhig neben ihr hingehende Großmutter fragen mochte : Welches seltsame Wesen hast du nur da bei dir ? Und wem hab ' ich da gleich an Werth für dich und Vollkommenheit nachzueifern ? Dystra , hätte er die Scene beobachtet , würde gesagt haben : Comtesse Olga ist wie die Memnonssäule , à l ' ordinaire kalt und starr , wohllautend aber doch , wenn nur die rechten Sonnenstrahlen auf sie fallen ! Während sich Selma in der für sie vorläufig bestimmten Lokalität zurecht fand , wollte Rodewald gehen , aber Anna zog ihn in den stillen klaren Abend , zog ihn unter den Pavillon und drückte ihm voll Vergebung die Hand . Er wollte sprechen , erzählen . Anna duldete es nicht , weil er sich selbst anklagte . Ich bin Schuld , sagte sie , ich , daß ich an der unverwüstlichen sittlichen Kraft eines edlen Mannes zweifelte ! Welcher Hochmuth war es , der mich trieb , Sie zu verurtheilen , Rodewald ! Alle Steine , die die Welt auf Sie warf , hätten sich mir selbst in Blumen verwandeln sollen , da mein Kind Sie liebte . Pauline konnte nichts erfinden , als sie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale sprach ! Ich zerstörte es , aber mit ohnmächtigen Werkzeugen . Jeder Fehler , den ich Ihnen nachsagte , verwandelte sich vor dem einmal bezauberten Kinde in eine Tugend . Ich war so durchdrungen von Paulinens Verrätherei , ich glaubte nichts Anderes , als , sie bindet , wie Das täglich geschieht , den Mann ihrer Liebe an ein unbedeutendes Mädchen , um ihn stets in ihren Fesseln zu behalten , nie mehr zu verlieren , denn selbst die Rechte der Verwandtschaft mußten Sie zuletzt in ihre Nähe bannen . Ich sah Das vor mir , sah Arrangement , sah Verabredung frivoler Gemüther . Ich habe nie so in Flammen gestanden wie damals , als ich in meinem Zorn mich selbst verzehrte und all mein Lebensglück . Ich danke Ihnen , Rodewald , daß Sie mir verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens diese überschwängliche Gnade schenken , Ihr Kind bringen , Selma ' s Kind , und daß Sie ' s Selma nannten ! Thränen erstickten die Stimme der Vielgeprüften , die seit dem frühen Tode eines jungen , gutmüthigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht hatte . Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu . Das Tragische unserer Lebenserfahrungen , sagte er , bestünde eben in dem Zusammenstoß von Interessen , wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegründet wäre , und das seinige wäre es nicht einmal im Anfange gewesen , sondern erst geworden durch die Hingebung , die unaussprechliche Güte und das kindliche Vertrauen jenes Mädchens , das er zur Gattin wählte und dem er kein besseres Angebinde hätte verehren können als einen neuen Menschen . Fort von diesem Boden der Lüge , fort aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahr - denn , beste Mutter , sagte Rodewald , Das werden Sie auch als nothwendig im Leben anerkannt haben , die Versuchung darf nicht zu nahe stehen , wenn zweifelnde Augenblicke über uns kommen . Oft hatt ' ich selbst noch in Amerika , nachdem wir Frankreich , England bereist hatten , irgend eine kleine Irrung mit Selma , irgend einen nicht stimmenden Akkord , aber wir mußten ihn unter uns auflösen , wir konnten nicht mit unserm Kummer falsche Tröster finden , die die Wunde statt zu heilen , nur weiter aufrissen , wir mußten uns selber wieder erkennen und es ging . Diese Ehe hat mir nach vielfach zerfahrner , oft poetischer Irrung - ich will nicht wie ein Büßender sprechen - die Sammlung meiner selbst gegeben . Ich wurde zufrieden und lernte die Grenze würdigen , die dem Leben gezogen ist . Anna hielt Rodewald ' s beide Hände und saß so ruhig neben ihm unter den Sternen . Noch sprach er von der nächsten Zukunft , Anna billigte Alles , wenn sie nur Selma behielt . Ihr will ich mich widmen , ihr die letzte Kraft meines Lebens geben ! sagte sie und erst nach längerm Träumen kam ihr die Frage : Und Sie , Rodewald ? Der Vater , der höhere Rechte hat , als ich ? Vergeben Sie , wenn ein Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersättlich ist ! Wie staunte Anna , als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Güter sprach ! Sie wußte nichts von Rodewald ' s Beziehung zur Fürstin Amanda , die ihr eine theure Freundin in erster Jugend gewesen , aber seit der Heirath des Generalfeldmarschalls entrückt war . Sie konnte mit stiller Freude vernehmen , daß Selma ' s Vater in ehrenvollen Verhältnissen ihr so nahe bleiben würde und als sie von seinem vorläufig angenommenen Namen Ackermann hörte , als sie sich beklagte , daß ihr über ein Jahr lang Selma entzogen war , wo Ackermann schon in Deutschland weilte , hatte sie jetzt nur die eine Sorge noch auszusprechen , die sich in dem Namen Schwester Pauline ! kundgab . Wie lebt Pauline ? fragte Rodewald . Sie lebt , wie sie als Kind lebte ! sagte Anna . Nach jedem zerbrochenen Spielzeug ein neues . Es verschenken , verlieren , oder selbst zerstören , gleichviel , nur rasch ein Ersatz ! Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor der Welt . Ich mag Ihnen nicht darin blättern , Rodewald ! Lesen Sie es bei Andern . Manches hat sie selbst verrathen , im günstigeren Lichte darstellen wollen , sie hat die Feder ergriffen und geschrieben . Ich konnte mich erst nach Jahren , wo alle Welt ihre Bücher vergessen hatte , entschließen , sie zu lesen . Da fand ich mehr in ihnen , als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten lassen . Ich fand ein wirklich unglückliches , nur durch die Eitelkeit und früheste Verwöhnung verdorbenes und unverbesserliches Herz . Mich rührte das Meiste von Dem , was Andere belachten . Ich haßte sie weder , noch verachtete ich sie , aber ich mußte sie meiden . Ihre Nähe wirkte auf mich , wie die Nähe der Mörder auf die Erschlagenen wirken soll . Die Wunden fangen wieder an zu bluten . Ich mied sie nur . Sie war zu stolz , zu schwindelnd hoch in ihrer wilden Lebensphilosophie , als daß ich jemals auf das Anerbieten einer Versöhnung hätte rechnen können . Jetzt , wo sie auf ' s Neue eine große Rolle spielt ... Rodewald wußte , daß Egon ihr ganz gehörte ... Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich für eine Annäherung zu gewinnen ; ich weiche aus . So lange Dämonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer Nähe weilen ... Lebt die Ludmer noch ? sagte Rodewald gelassen staunend ... O die ist zäh wie Schlangen , die auch zerstückt noch nicht sterben können , sagte Anna . Ich tröste mich immer , wenn ich von dem Vielen , was die Welt Bedenkliches über Paulinen sich erzählt , die Schuld auf jenes Wesen werfen kann , das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist , als daß sie jemals wagen könnte , sich von ihm zu befreien . Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhältnisse . Von der Irrung , die der seinigen folgte , von der Geschichte des Baron Grimm , den er so oft am Missouri in der Person jenes Morton erblickt hatte , während Morton in ihm den englisch gewordenen Master Harry , jetzt nur den Generalpächter Ackermann kannte , wußte er nichts . Anna fühlte sich nicht veranlaßt , über das Leben ihrer Schwester dem Manne Enthüllungen zu geben , den sie in diesem Augenblick froh und glücklich sehen wollte . Sie gestand zu : Es wird Aufsehen machen , großes Aufsehen , wenn es heißt , jener einst von der schönen Welt ebenso wie von den Staatsmännern und Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zurückgekehrt , ist ein einfacher Ökonom geworden , hat die Güter des Fürsten von Hohenberg gepachtet , hat der alten Landräthin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen Tochter , eine Enkelin , überbracht ... ja , Rodewald , sagte sie , als dieser lächelte , ja man hat das Gedächtniß für die alten Tage nicht ganz verloren und spricht Das , dessen man sich fernher erinnert , mit großer Schonungslosigkeit aus ... Nein , nein , unterbrach Rodewald , die neue Freiheit Deutschlands macht nur , daß solche Verhältnisse geringfügig erscheinen ... Anna aber ließ sich nicht nehmen , daß noch Tausende lebten , die da staunen , die Köpfe zusammenstecken würden ... Und schon die einzige Pauline , die Ludmer ! sagte sie . Erschrecken Sie nicht , ihnen wieder zu begegnen ? Meine Wege sind nicht die ihren ... Aber Selma ! Ich gestehe , daß ich mich rüsten muß ! Die überfallen mich gewiß und geben sich das Ansehen , dies Kind mit ihrer Liebe erdrücken zu müssen ! Wenn Das wäre - ha , ich werde bitter ... Kommen Sie , Rodewald ! Anna wollte aufstehen , aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hause ihnen entgegen . Rasch benutzte Anna die noch übrige Zeit , dem Schwiegersohne zu sagen : Dies blasse Mädchen ist die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi , die mir dies Kind , weil es aufmerksamer Führung bedarf , zur Pflege hinterließ . Ich bin erstaunt , welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne Natur gemacht hat ! Ich wäre glücklich , wenn sich diese Mädchen verständen und jede zu ihrem Guten noch das Gute der Andern sich hinzuthäte . Indem noch Rodewald lächelnd sagte : an Schlacken , die dann ausgestoßen werden müßten , würd ' es auch bei Selma nicht fehlen , kamen die Mädchen und gaben die Absicht zu erkennen , durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell gewonnenen Vertraulichkeit die Ältern zu erfreuen . Selma sagte , daß sie schon wisse , wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken würde , aber sie wäre unruhig und würde ihre Nachbarin viel plagen , von der sie hörte , daß sie bis neun Uhr schliefe . Mit der Möglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen . Rodewald lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab , trat an seinen Wagen , mit dem er in der Residenz einzukehren gedachte und verließ Tempelheide mit dem Versprechen , morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein . Drei Tage hatte Rodewald für diese Reise bestimmt . Er fühlte die Nothwendigkeit , sich bei Zeiten am Fuße des Hohenbergs einzufinden und dem Fürsten seine Aufwartung zu machen . Dennoch hinderte ihn daran eine unüberwindliche Befangenheit . In Tempelheide hob ihn Alles , auf dem Hohenberg hätte ihn Alles erniedrigen müssen . Dort konnte er sein Haupt erheben und im Licht der Wahrheit verklärt wandeln , hier hätte er die Augen niederschlagen , sich vor sich selbst entwürdigen müssen . So wurden aus drei Tagen fünf , aus fünf acht . Es fesselte ihn außer Oleandern wenig in der großen Weltstadt . Er sah sich wohl die neuen Denkmäler und Bauten , die Sammlungen der Kunst an , aber die Eindrücke konnte er erst bei Anna und den Kindern zurecht legen . Auch dem Obertribunalspräsidenten wurde er vorgestellt und , wie sich von dem Humanitätsfreunde erwarten ließ , mit Nachsicht beurtheilt . Die Urenkelin stand dem Greise bald näher als Olga , nicht durch die Verwandtschaft allein , sondern auch durch die leichtere Art , aus sich herauszugehen . Wie aufmerksam lauschte Rodewald dem weisen Freunde der Natur und des Lebens ! Wie schnell fand er sich in die wunderliche Neigung zu den Thieren ! Er verglich diese Richtung einer auf die allgemeine Seelenlehre sich gründenden Weltauffassung mit den herrschenden Doktrinen des Tages , dieser größeren Fülle an Material , strikteren Form der Beweisführung , aber geringeren Rückwirkung auf die Bildung des Herzens . Da Rodewald zufällig in der amerikanischen Union Freimaurer geworden war , konnte er sich bald überzeugen , daß in der alten Excellenz der Naturalismus seiner Anschauungen nicht ohnmächtig als todtes Pfund in der Erde lag , sondern oft genug nach außen hin auch über die Grenze seines nächsten durch die Gesetze gebundenen Berufes gewirkt hatte . Der Greis klagte über die Richtung der Loge . Er hatte sie ganz an Gelbsattel , Rodewalds Schulpforter Genossen , überlassen müssen . Sie hat , sagte er , einen Trieb zur Nüchternheit , zur leersten Verschönerung des Lebens bekommen , der mich abschreckte , länger für sie zu wirken . Ich weiß wohl , die tiefere und geheimnißvolle Richtung der Loge ist zu unwürdigen Zwecken misbraucht worden , die sich in Lug und Trug verloren . Aber so ganz diesen Bund auf Nichts zu stellen , wie es jetzt eingerissen ist , so ganz ihn alles Zusammenhanges mit großen geschichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur in eine Art feinerer Liedertafel umzuwandeln , wer möchte da noch mitgehen ? Man hat Diejenigen steinigen wollen , die wie einst Bruder Krause und Moßdorf unsere Geheimnisse verriethen , aber man ist hinter diesen , die nur zur Reform unsres Bundes Öffentlichkeit wollten , weit zurückgeblieben . Wohl weiß ich , daß das graue Alter unsrer Kunsturkunden nicht zu ermitteln ist , aber der Geist , der sich in der Loge sammelte , war jener immer landflüchtig gewordene Geist der Johanneslehre , die vor Christus schon bei Plato , Sokrates , Virgil christlich dachte , d.h. jener Lehre der überall vorhandenen Christlichkeit , wo reines Menschenthum waltet . Das ist der Angelpunkt der Welt und der Geschichte . Die Humanität beginnt mit Duldung gegen Alles , was außer uns lebt , mit dem Thiere , der Pflanze . Was ist der Mensch ? Ein Ursachenthier , sagt Lichtenberg . Die andern Thiere sind Wirkungsthiere . Wir sehen , was da wird , blüht und vergeht . Wir fragen , warum ist die Schöpfung ? Aber daß wir keine Auskunft wissen , stellt uns allem endlich Lebenden gleich . Dieser allgemeine Glaube ist der , der immer parallel ging mit den rohen und brutalen Erscheinungen der Geschichte , der Theologie , der Politik , der Sittenlehre . Neben dem Heiden- und Christenthum , neben den Staaten der Griechen , Römer , Franken , zog sich doch dieser einige Faden der reinen Menschheitslehre von Pythagoras und Thales herab bis auf diejenige Philosophie unserer Tage , die des Namens würdig ist . Für diese Lehre ist der Menschheitsbund die größte Geschichtsthat . Zu ihr gehörte Jeder , der Humanität übte . Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen . Wie oberflächlich hat sie es gethan ! Sie konnte Größeres wirken . Das Christenthum war erst auch ein Geheimbund . Es war erst auch eine Religion bei verschlossenen Thüren . Das Christenthum war auf Logen begründet , die man Agapen nannte . Man speiste zusammen und feierte seine Erinnerungen . Die Loge hat viel gut zu machen , wenn sie nicht zerfallen will . Als sie vor vierzig Jahren in Deutschlands wüstester Zeit sich weigerte , ihre Mission zur Heranbildung eines Menschenbundes anzuerkennen und sich nur der Lehre von einer laxen Brüderlichkeit und gegenseitigen Förderung innerhalb der gegebenen Lebensverhältnisse ergab , hatte sie ihre Bedeutung für die Geschichte verloren und wird in Apathie , Überschuldung und bei vielen Einzelnen in Mangel an Appetit zu Grunde gehen . Der Greis hatte seine Rüge scherzhaft geendet , zum Bedauern Rodewald ' s , der von einer Annäherung an Dankmar ' s Ideen überrascht war und fast verstummte über die wunderbare Fügung , daß der Präsident , er wußte es selbst nicht , die Gelegenheit in der Hand hatte , seinen Traum von einer großartigeren Entwickelung der Freimaurerei wahr zu machen . Gern hätte er Dankmar ' n Kunde von etwaigen Aussichten seines Prozesses gebracht , aber Otto von Dystra , den er in seiner Wohnung in der Stadt Rom begrüßte , bemerkte ihm sogleich , daß ihr gemeinschaftliches Interesse für die Gebrüder Wildungen von diesem in Amtssachen drakonisch strengen und gewissenhaften Greise nichts hervorlocken würde . Dystra ' s Beziehung zur Comtesse Olga schien Rodewald , der an die anorganischen Verbindungsgesetze der großen Welt gewöhnt war , nicht so komisch wie dem Touristen selbst . Von Siegbert ' s Beziehung zu Olga wußte Rodewald nichts . Dankmar hatte sich wohl gehütet , seinem im Ullagrunde nicht sehr empfohlenen Bruder noch die Bürde einer solchen in der Luft schwebenden Liebe aufzuhängen . Dystra war in der Hauptsache der Alte , an Allem interessirt und für nichts auch nur einen Tropfen Bluts , dafür mit Freuden einen Beutel Geld lassend , ganz wie es in der Oberflächlichkeit einer Zeit liegt , die auf Kommunikation und Beschleunigung der Mittheilungen , auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt , auf Stenographie , Autographie , Lichtbildnerei u.s.w. ihr größtes Gewicht legt ; doch überraschte ihn Dystra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom Geiste . Sind Sie Mitglied des Bundes ? fragte Rodewald erstaunt . Ich baue vorläufig dem Bunde eine Kapelle , sagte Dystra , ich baue ihm ein Archiv für seine Statuten , im Nothfalle Kasematten für seine Märtyrer . Sie werden staunen , wenn wir den ersten Bundestag halten . Am Ufer eines majestätischen Stromes erhebt sich , in der Nähe des Königlichen Schlosses Buchau , ein bewaldeter Bergesrücken , auf dessen Mitte der Tempelstein eine Warte des schon staunenden Reisenden ist ! Schon erheben sich Mauern und Thürme . Arkaden verbinden die Höfe , die vom Schutte gereinigt sind und neu wieder sprudelnden Quellen Raum lassen mußten . Die Sommerhalle und die Winterhalle harren schon des wohnlichen Schmuckes , den ich in Belgien , Holland , am Mittelrhein und in Franken für sie fertigen lasse . Parkanlagen schafft ein königlicher Gärtner , er weiß es nicht , welche Orakel unter diesen Bäumen gesprochen werden sollen . Rodewald , es war schön unter Ihren rothbraunen Urwaldsbäumen ! Aber es ist schöner , sich einen Garten zu zaubern , wo uns nicht Wilde , höchstens die Häscher der weltlichen Hermandad überfallen können . Komme , was kommen mag ! Ich eröffne im nächsten Jahre zum September Nachts um zwölf Uhr meinen Tempelstein . Unten an meiner interimistischen Wohnung melde sich wer kommen will , Ritter oder Knecht , Mönch oder Laie , vermummtes Visir oder offnes , eine Reiterstandarte in der Hand oder eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge ! Von meiner untern Villa schreitet man über eine Brücke , die ich zwischen zwei Abgründen aufführen lasse mit hochgeschwungenen Bögen , dem Untenwandelnden scheinen sie ein Thor . Dann hinauf zur Burg ! Die Zacken , die Mauern , die Verzahnungen sollten Sie sehen , die unter hundert hämmernden und klopfenden Händen schon aufwachsen ! Die Säulen dann umwunden mit Kränzen , von Altane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sängerkriege , die Fahne mit dem vierblättrigen Kleeblatt hoch vom Söller wehend ... Sie lachen ? Genug Meister Harry ! Vorläufig fühl ' ich mich nur verpflichtet , für den Komfort dieser neuen Institution zu sorgen und es den Geistern der alten Ritter , die bei uns zur Nacht speisen werden , auch nach Rumohr ' s Geist der Kochkunst bequem zu machen . Sorgen Sie nur dafür , daß Dankmar endlich sein Arkadien bei Ihnen aufgibt und sich an die Sicherheit der Grenze begibt , die mein Tempelstein fast selber ist . Auf waldiger Höhe , zugänglich nur den Schmugglern und Grenzwächtern , liegt eine einsame Grenzhütte , bewohnt nur von einem Greise in weißem Bart ! Halte man ihn für einen Verwandten Rübezahl ' s oder einen Gnomen andrer Seitenlinien , der Alte vom Berge empfängt Besucher , deren Namen nur in Steckbriefen zu lesen . Dankmar wird von dem Greise längst erwartet ; längst hat er das Wort , das ihm oben an der Tannenhütte Einlaß verschafft bei ' m Alten am Kaffeetopf , den er immer sieden hat , man sagt , um den fernen Gästen durch den Rauch die fast unzugängliche Lage der Hütte zu verrathen . Es ist Zeit , den Alten mit dem Wort aufzujagen und Dankmar ' n alle kleinen Bequemlichkeiten zu verschaffen , die die Gäste der Hütte vom Tempelstein geliefert erhalten . Sie sollten unsre kleine romantische Existenz dort unter den Eulen und Füchsen kennen ! Ich nehme Abschied , weil meine Anwesenheit dort nöthig wird ; ich reise , um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dystra herzurichten . Rodewald würde schon , gedrängt von diesem neuen Beweis der wachsenden Idee des Bundes , beruhigt über Selma ' s nächste Zukunft und Anna ' s sorgfältig mit ihm besprochenen weitern Bildungsplan der Tochter , zurückgereist sein , hätte ihn , nach einem Besuche bei dem in Trauer um Selma ' s ihm abgewandtes Herz vom Ullagrund geschiedenen und in Liedern und dem schwersten Lebensberuf sich tröstenden Oleander , nicht Murray gefesselt , den er zu seinem wunderbarsten Erstaunen von Dystra als jenen todtgeglaubten Morton bezeichnen hörte . Sie leben , alter Freund ? rief er Murray zu . Sie leben als Geizhals in dieser Mördergrube ? Sie stellen sich todt , um von Ihren Verwandten bei Ihrer Rückreise nicht geplündert zu werden ? Was treiben Sie hier ? Wer ist um Sie ? Wer sorgt für Sie ? Erfuhren Sie , daß ich Ihr Geld richtig abgegeben , an Menschen , die sie für Ihren Bruder erklärten ? Sind Sie der Bruder jenes Schmieds , der von der Hand eines Fremden tödtlich getroffen wurde ? Und Sie waren wirklich selbst dieser Fremde , Sie selbst das Werkzeug dieser Strafe , die einen Menschen traf , der , wie Louis Armand beschworen hat , eben die eigne Schwester tödten wollte ? Sie heißen Friedrich Zeck , nicht Morton , nicht Murray , wie ich nicht Harry , nicht Ackermann , sondern Rodewald ? Die Folge dieser Begegnung , die Wirkung dieser Fragen war für Murray , der an einer Kupferplatte saß und wie aus Träumen auffuhr , so furchtbar , daß sich zwischen ihm und Rodewald dieselben Stunden wiederholten , die im vorigen Herbst zwischen ihm und Louis Armand auf dem Schlosse von Hohenberg nur der Sturmwind , der an den Fenstern rasselte , die knisternde Flamme des Ofens , das singende Heimchen im siedenden Theetopf belauscht hatten ... Sie jener Rodewald , auf den Baron Grimm folgte ? sagte Friedrich Zeck fast sprachlos . Rodewald wußte nichts vom Baron Grimm ... aber was er von ihm , über und durch ihn jetzt erfuhr , ließ ihn schaudern . Diese Pauline ! rief es in ihm wie im wildesten Aufruhr aller Seelenkräfte . Und Ihr Sohn ? Ist gefunden ... Lebt ! Die Thür ging auf . Hackert trat ein ... Das ist er ! sagte der Vater , der ihn vor Rodewald nicht verläugnen wollte . Rodewald stand wie erstarrt . Er erkannte diesen blassen , jungen , verdrießlichen Mann . Er erkannte dies röthliche Haar , dies hellblaue Auge , dieses fragende , bittre Lächeln ... Es war der Gefährte von der Landstraße , der Nachtwandler vom Heidekrug ... Hackert erkannte auch den Fremden und grüßte ihn mit dem Scheine , als wollte er sagen :