den feineren Rücksichten der Geselligkeit und Eleganz , führt dieser Congregation des Sacré Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu ... Mütter , oft bereuend , was sie selbst in ihrem Leben verschuldeten , glauben in ihren Töchtern durch so zeitige Fürsorge alles nachholen zu können , was sie an sich selbst versäumten ... So strömte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz-Jesu-Damen zu ... Zweigvereine bildeten sich unter dem Namen der » Dorotheïnerinnen « bei den Frauen , der » Raffaëliner « bei den Männern , der » Leonhardiner « unter den Klerikern ... Die obere Leitung aller dieser weitverzweigten und auf ein System gegenseitiger Ueberwachung ( in den lieblichsten Ausdrücken , als : » Bewahre dir den Duft der geistlichen Blume zur einstigen festlichen Ausstellung am Altare ! « d.h. : Lebe so , daß es dich nie verdrießen wird , in den Conduitenlisten von andern nach deiner geistlichen Aufführung beurtheilt zu werden ! ) begründeten Genossenschaften hatten die Superioren der Jesuitenklöster ... Ihnen gehörte das Beichtbedürfniß , Tod und Leben dieser Seelen und ihres ganzen Anhangs ... Die Stadt , das Land wußten , wie nahe der Erzbischof von Coni wiederum bei den äußersten Gefahren für seine Stellung angekommen war , als die neue Aera der Hoffnungen Italiens anbrach ... Schon vorher war eines Tages Lucinde - sie zählte nun schon dreißig Jahre - in Coni erschienen und hatte , man sprach wenigstens so , dem Erzbischof aus Rom die ernstesten Warnungen gebracht ... Die Leiden , die ihm dieser fast ein Vierteljahr dauernde Aufenthalt Lucindens in Coni zuzog , gehörten seinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verstanden werden ... Graf Hugo war es , der die Gräfin Sarzana damals mit Gewalt aus der Gegend vertrieb ; er erinnerte sie an Nück und den Mordbrenner Picard ... Hier erst erfuhr die kleine genfer Colonie , daß Lucinde von hier nach einem Abend verschwunden war , wo auf Castellungo im Kreise der alten Gräfin , die sie nur widerstrebend empfangen hatte , die Rede auf den Bruder Hubertus kam , der noch im Silaswalde beim Eremiten Federigo leben sollte ... Man hatte erfahren , daß Hubertus einen der Verräther der Brüder Bandiera entdeckt und in seinem wilden Zornesmuthe gerichtet haben sollte - einen Belgier oder Franzosen , den die Emigration aus London absandte , um von Korfu aus die Bandiera zu unterstützen ... Viele behaupteten - erst jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns - daß dieser Genosse Boccheciampo ' s6 jener Jan Picard gewesen , der ohne Zweifel den Schloßbrand in Westerhof angelegt und damals spurlos verschwunden war ... Allen schien ein Zusammenhang Lucindens mit diesen Vorgängen erwiesen ... Graf Hugo lehnte die Aufklärungen ab , die von ihm den Freunden gegeben werden konnten ... Man drängte in ihn ... Erst als sogar Terschka ' s Name als dessen , der jenen Picard der Emigration empfohlen und später Vortheile vom Scheitern der Expedition gezogen haben sollte , mitgenannt wurde , brach man von den dunkeln , Monika , den Obersten und Armgart erschreckenden Vorgängen ab ... Von Gräfin Sarzana sah man wol , daß ihr Muth , ja ihre Keckheit , auf Castellungo zu erscheinen , ihr theuer zu stehen gekommen war ... Paula behandelte sie mit Artigkeit , der Graf aber nur als eine Störerin der Ruhe seines Freundes Bonaventura und die alte Gräfin vollends wandte der Apostatin den Rücken ... Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti ' s selbst , Abbate Sturla aus Genua ... Die Welt erzählte sich , daß Sturla ' s erster Besuch beim deutschen Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen hätte , die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf ... Bald nach Sturla ' s Abreise gingen dunkle Gerüchte von einer neuen Reise des Erzbischofs nach Rom , ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwürde , von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang in ein deutsches Kloster ... Da brach die neue Aera an ... Abbate Sturla , der inzwischen in Turin und Mailand gewesen ( auch hier war der Erzbischof ein Deutscher7 ) und über Coni nach Genua zurückkehren wollte , predigte in Robillante ... Sturla erlaubte sich am Schluß seiner Rede gegen das in wenig Wochen umgewandelte Rom die Wendung : » Laßt uns beten für das Seelenheil des Heiligen Vaters ! Laßt uns beten , daß Gott ihn vor dem Schicksal , ein Atheist zu werden , bewahren möge ! « 8 Da verlangte Bonaventura , daß der Bischof von Robillante dem Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an , Sturla schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und müßte angehalten werden , sich Geistesübungen zu unterwerfen ... Sturla floh mit der wachsenden Bewegung nach Frankreich und Spanien9 ... Nach einer wilden , an Hoffnungen und ebenso vielen Täuschungen reichen Zeit , wo namentlich Graf Hugo in der größten Aufregung lebte und unter dem Druck seines politischen Doppelverhältnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt , war Sturla der erste , der in Genua wieder die alten Umtriebe begann ... Noch ehe die Franzosen im Kirchenstaat landeten , erhob schon die Reaction ihr Haupt ... Was sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten , flog wieder auf ... Die Dorotheïnerinnen hatten sich in Pisa , in der Nähe von Florenz , niedergelassen ... Die Leonhardiner suchten wieder die Priester für das Gelübde der » Ignoranz « zu gewinnen ... Die Raffaëliner waren jene füßliche Bruderschaft , die dem Rosenbunde Schnuphase ' s entsprach , sich und andere als Blume pflegte und begoß und die kleinen Insekten der Fehler und Sünden , die etwa dem Wuchs der Nachbarblüte gefährlich werden konnten , in Form von Angebereien , letztere in kleine beschriebene Zettel gewickelt , in eine monatlich am Altar aufgestellte Büchse warf ... Diesen Bündnissen gehörte der mächtigste Einfluß auf die politischen Wahlen für Staats- und Gemeindeleben ... Nach Toscana kehrte eine Dynastie zurück , die sich gelobte , ganz nur die Jesuiten walten zu lassen ... Jede Bibel , die in eines Katholiken Hand gefunden wurde , wurde verbrannt ... Pater Speziano wagte aus der Schweiz nach Coni zu schreiben , er würde mit acht Priestern , fünf Scholaren und sieben Laienbrüdern zu San-Ignazio wieder einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden ... Beichtstuhl , Schule , Pensionat , Universität , Oberaufsicht der Nonnenklöster , Missionspredigt , die ganze Richtung vorzugsweise dieses freisinnigen Staates sollte aufs neue zu einem äußersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten ... Nun war Rom gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal für die Rückkehr aller alten Positionen Fefelotti ' s ... Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das überwiegende ; selbst bei den Waldensern , größtentheils fleißigen und wohlhabenden Bauern ... Verwünschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestoßen , der den nur unnützen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrücken um einige Tage hatte verlängern wollen ... Abendlich las man die Schilderungen aus dem » Monitore Romano « , wie die einrückenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen : » Nieder mit den Pfaffen ! Nieder mit den Fremden ! « empfangen wurden ; aber das Drama der Befreiung Italiens von äußern und innern Feinden hatte ausgespielt ... Die Vertheidiger Roms hatten den Versuch gemacht , sich nordwärts durchzuschlagen ... Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen ... Man erstaunte , wie Garibaldi die Trümmer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino führen konnte , wo dann alles sich auflöste und wohin irgend möglich zu entkommen suchte ... Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherrschaft wurden oft besprochen ... Die flüchtigen Jesuiten , hörte man , waren im Al-Gesú wieder eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte » Diario « ... Auch Gräfin Sarzana , las man , kam nach Rom ... In den Todtenlisten , die allmählich bekannt wurden , befand sich ihr Gatte als Gefallener ... Eines Abends wurde unter den Verwundeten auch Cäsar von Montalto genannt ... Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages , an dem in erster Morgenfrühe der Graf , Armgart und Paula nach Coni reisen wollten , im großen Speisesaal , als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde ... Das Gespräch war bunt durcheinandergegangen ... Einigen Gutsbesitzern der Umgegend , die von Monika ' s Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten und von Hoffnungen sprachen , die man noch auf Se . Heiligkeit und dessen persönlichen guten Willen setzen dürfte , hatte diese geradezu erwidert : Solche Menschen sollen erst noch geboren werden , die , wenn sie von Natur eitel sind , ertragen , daß man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen entzieht ... Solche Naturen schmollen ewig , wie die Koketten , die uns ein Wort über ihren Teint nicht vergeben können ... Von Dem erwarten Sie nichts mehr ... Paula war wegen Benno ' s aufgestanden ... Armgart erblaßte sogleich und saß still in sich versunken ... Graf Hugo nahm die Zeitungen , aus denen Baldasseroni vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz : Also - Cäsar Montalto - verwundet ... Der Vater , die Mutter sahen auf Armgart ... Paula wollte sich der Freundin hülfreich erweisen ; denn langsam erhob sich jetzt Armgart ... Man konnte zum Glück hinter der Theilnahme für eine Störung , die dem Grafen wurde , die Betroffenheit verbergen ... Diesem hatte man eben einen Brief überbracht , mit dem Hinzufügen , auf der Terrasse draußen harre der betreffende Herr , der ihn abgegeben , und wünsche den Grafen selbst zu sprechen ... Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder überflogen und stand halb auf dem Sprunge , zu gehen , halb kämpfte er mit sich zu bleiben - ob aus Theilnahme für Benno , ob aus Interesse für Armgart , ob vor Erstaunen über den Brief , ließ sich nicht unterscheiden ... Erst auf Paula ' s an ihn gerichtete Frage , wer so spät ihn noch zu sprechen käme , faßte er einen Entschluß ... Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort ... Wie abwesend verließ er den Saal ... Die übrige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen ... Angeregt plauderte man durcheinander , auch nachdem Paula und Armgart sich entfernt hatten ... Stumm , doch innig theilnehmend hatten ihnen die Aeltern nachgeblickt , blieben aber um so mehr im Saale , als jetzt auch der Graf fehlte ... Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten , um auf eine Altane zu treten , von der sich in den Garten blicken ließ ... Es war ein milder Juliabend , der nach brennender Hitze des Tags die sanfteste Kühlung brachte ... Der Mond , dessen vollen Strahl Paula noch immer vermied , war im abnehmenden Licht ... Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten , wie sie so dicht auf der Höhe der Seealpen lagen , Sehnsucht in die Ferne , Sehnsucht nach dem großen jenseitigen Meer ... Die Terrasse , auf die Graf Hugo hinausgerufen , lag unter der Altane zur Seite und stieß an ein offenes Gewächshaus , in das man eintreten konnte , um sich , wenn man wollte , dort auf Ruhebänken behaglich niederzulassen ... Benno verwundet - ! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene Freundin an die Brust ... Alles geht hin - ! Was bleibt übrig ! ... hauchte Armgart leise und schien gefaßt ... Wird er sterben ? ... lehnte Paula ab ... Ich begrub ihn längst - erwiderte Armgart , mit sich kämpfend , um nicht , wie sie sagte , - » thöricht « zu erscheinen ... Eine Thräne aber perlte an ihrem Auge ... Die Freundin küßte ihre Stirn ... So lagen sie eine Zeit lang aneinander ... Vom Saale herüber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft ... Wie wird dir ' s wohl thun , begann Armgart , um mit Gewalt die Gedanken an Benno zu verscheuchen , wenn du wieder in deinem Hause in Coni bist ! ... Ich glaube nicht , daß dir für immer die hiesige Welt behagen könnte ... Der Graf und ich , erwiderte Paula im Gegentheil , wären dennoch lieber hier ... Aber müssen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen ? ... Oft ist uns , als könnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erlöschen ... Nenne sie nicht beide zusammen ! ... fiel Armgart ein ... Dann schwieg sie lange und sagte entschuldigend : Benno liebte fast zu sehr seine Mutter ... In ihr liebte er Italien ... Italien ist ein Gift ... O diese Mutter ! ... Sie trägt die Schuld an allem ... Sie hat ihn auch jetzt getödtet ... Paula hörte , was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden ... Sie kannte die Mutter Benno ' s nur aus den Schilderungen , die Bonaventura und Lucinde von ihr gegeben ... Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig vortheilhaft für die Herzogin von Amarillas - auch Angiolinens , ihres Kindes Schicksal hinderte den Grafen , mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen ... Alles das waren schmerzliche Erinnerungen , wehmüthige Vorstellungen für beide ... Armgart bekämpfte sich , schwieg und setzte sich , ihr Haupt aufstützend , auf einen der gußeisernen Sessel , die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem Zeuge standen ... Nach einer Weile fragte sie : Wer mag den Grafen so spät noch abgerufen haben ? ... Man entdeckte den Grafen nicht ... Vielleicht war er weiter hinaus in den Garten gegangen , der offen , in nächtlicher Stille und mit seinem berauschenden Dufte vor ihnen lag ... Paula sagte , sie brauchten wol über das Verbleiben des Grafen keine Besorgniß zu hegen ; sie setzte sich zu Armgart , die es beklagte , dem Erzbischof zu morgen kein würdiges Geschenk bringen zu können ... Wol mochte sie inzwischen an den Aschenbecher gedacht haben , den sie einst Benno gegeben ... Paula sagte : Dich selbst wieder zu sehen , wird ihm die liebste Gabe sein ... Wie fürcht ' ich seine Begegnung mit meinen Aeltern ! ... fuhr Armgart fort ... Paula bestätigte diese Furcht , wenn sie sagte : Oft spricht der Freund : Auch wenn zwei dasselbe sagen , ist es darum noch nicht dasselbe ! ... Sie deutete damit den verschiedenen Grund an , auf welchem von beiden Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte , setzte aber begütigend hinzu : Aber auch mein Glaube ist schon längst , daß alles , was wir zu sehen und zu begreifen wähnen , eine Täuschung ist ... Ist das ein Haus ? Sind das Berge ? Wir nennen es so ... Das mein ' ich nicht ! widersprach Armgart ... Die Verstandeskräfte , die uns nun einmal gegeben sind , sind unsere sichern Wegweiser ... Wir haben gar kein Recht , ihnen zu mistrauen ... Für uns ist wahr , was sie sagen ... Gibt es eine andere Wahrheit , so kommt sie uns gar nicht zu ... Waren es die gewöhnlichen Sinne , die mich einst bei wachem Auge schlafen und wachen ließen bei geschossenem ? entgegnete Paula ... Damals als dem heiligen Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein Zustand verurtheilt wurde , glücklicherweise ohne Nachtheil für Bonaventura , hab ' ich ein Heft in die Hand bekommen , wo vieles verzeichnet stand , was ich gesprochen haben soll ... Als ich alles das las , war mir ' s doch wie einem Menschen , der sich an den Glauben gewöhnen soll , schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben ... Das glauben freilich auch viele und trauen dem Schöpfer die Armuth zu , den Stoff , aus dem er Menschen bildete , so sparsam aufbewahren , so vorsichtig verwerthen zu müssen ... Armgart gedachte lächelnd des Dechanten , dem sie Gleiches gesagt , als er sie in einen Vogel verwandelt prophezeite ... Ich las damals , fuhr Paula fort , daß aus mir heraus eine Macht gesprochen hätte , die Frau von Sicking die des Teufels nannte ... Meine angebliche Wunderkraft , die Kraft des Gebets verlor sich in der That ; schlimme Sagen wurden über mich verbreitet ; als ich gar den lutherischen Grafen ins Land zog , erlosch an mich der Glaube ganz ... Nun sah ich , was mein Traumreden war ; es war die stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urtheilen und die für sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes , der seine Eindrücke wider Willen aussprach ... Ich sah einen neue Himmel und eine neue Erde ; warum ? Weil ich eine Welt haben wollte für mich und Bonaventura ... Ich sah die Kirchenväter ; sie schlugen andere Bücher auf , als die wir kennen , lesen und befolgen sollen ... Ich sprach , zumal aus der Seele deines Vaters , Dinge , die ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verkünden zu können - freilich fehlt mir der Trieb dazu ... Die Sprache , die deine Mutter redet , ist die nicht , die ich dann wählen möchte ... Doch glaube mir , Armgart , auch der Erzbischof denkt wie deine Aeltern ; oft verheißt er Zeiten der größten Umgestaltung - nur müsse die Kraft , die sich dann bewähre , eine gesammelte und vorbereitete sein ... Rüste dich , manches an ihm zu entdecken , was dich überraschen wird - ... Dem Gedanken , meine Aeltern zu versöhnen , sagte Armgart , hab ' ich meine Jugend geopfert und es scheint , mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen ... Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gütigen Sinn des Vaters und dieser wieder hat alles in der Mutter , was ihm sein Leben noch zur Freude macht ... Was ihn sonst an ihr verletzte , gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden ... Beide seh ' ich treuverbunden und darum trag ' ich alles und murre nicht und durch Schweigen helf ' ich mir oft mehr , als durch Worte ... So hoff ' ich , komm ' ich auch mit dem Erzbischof aus , der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr streng als nachsichtig war ... Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und umarmte sie ... Beide standen schön und schlank im Abendlicht ... Paula schien jetzt kleiner - doch war die Höhe der Freundinnen gleich ... Paula küßte Armgart ' s Stirn ... Wie vieles von dem , was ich in meiner Krankheit sah , ist eingetroffen , sagte sie , und nur das eine - eine Bild , wo ich dich und Benno immer nur verbunden erblickte , traf nicht zu ... Du sahst mich mit ihm auf Felsen , entgegnete Armgart , sahst mich mit ihm am Ufer des Meeres ... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite ... Ist das nicht alles eingetroffen ? Jetzt - bin ich auch bei ihm und bald - - bald - ... Armgart - ! unterbrach Paula die düstere Erwartung und zog die Freundin an sich , der ein Strom von Thränen entquoll ... Dann entwand sich Armgart mit stürmischer Geberde und trat an den Rand der Altane , ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend ... Eine Weile dauerte Paula ' s beruhigendes Streicheln der Stirn , der Wangen und der Hände der Freundin ... Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch würziger die Düfte der Rosen und Orangen ... Nun wandte sich Armgart und erinnerte , daß sie schon in aller Frühe aufbrechen müßten ... Sie wollten zur Ruhe gehen ... Da ist der Graf ... unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den Garten ... Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses , heraustretend aus einem Boskett von Lorberbüschen , die mit hochstämmigen Camellien durchzogen waren , den Grafen mit einem Begleiter ... Kaum hatte sie hingeblickt , so stieß sie einen unterdrückten Schreckensruf aus und sagte : Das ist ja - Terschka ! ... Paula hatte Terschka ' s Bild im Gedächtniß fast verloren und lehnte die Richtigkeit der Erkennung ab ... Armgart versicherte aber : Er ist es ... Verlaß dich ... Das ist sein Gang ... Das seine Art , so mit den Händen zu fechten ... Der Dämon seines Lebens - ! sprach Paula dumpf und mit einer Theilnahme für den Grafen , die die Macht der Gewöhnung über ihr Herz verrieth ... Sie konnte nicht liebevoller von einer Gefahr für Bonaventura sprechen , als jetzt von einer für den Gatten ... Der nächste Gedanke an eine für den Grafen zu befürchtende persönliche Gefahr konnte nicht lange anhalten ... Der Graf ging ruhig ... Nur der dunkle kleine Schatten neben ihm schwankte - ... Jetzt standen die Wandelnden still ... Armgart fuhr von einigen hohen Cactustöpfen der Balustrade zurück , die sie verbargen - erbebend vor dem Blick , den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf sie herüberwarf ... Was kann er wollen ? ... fragte Paula ängstlicherregt ... Die Freundschaft , die sie für ihren Gatten empfand , ließ sie mit einem einzigen Blick die Gefahren übersehen , die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten ... Daß Terschka zu den Jesuiten zurückgekehrt war und vielleicht in Freiburg , wo noch vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden , streng , doch mit offenen Armen , vorläufig - als Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde , hatte oft Graf Hugo selbst gesagt ... Unmittelbar nach Terschka ' s vorausgesetzter Rückkehr zum Orden brachen die Ereignisse an , die die Jesuiten von Freiburg verjagten ... Paula kannte jetzt alles , was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag des Al-Gesú hatte sein sollen ; gerade diese Gedankengänge hatten so oft Veranlassung gegeben , im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu unterscheiden und Bonaventura ' s Entrüstung über die seelenmörderische Thätigkeit der Jesuiten zu theilen ... ... Paula wußte , daß die verführerischen Plane des Paters an ihres Gatten gesundkräftiger Natur und Terschka ' s Mangel an Selbständigkeit scheiterten ... Was er wäre , hatte oft der Graf zu Paula gesagt , verdankte er dem Leben und - dem Tode Angiolinens , dann freilich vorzugsweise dem einen Tage , den Bonaventura mit ihm auf Schloß Salem zugebracht ... Verließ sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte , so war doch schon lange ein trüber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten ... Die unerwiderte Zärtlichkeit für seine Gattin , sein mannichfach getheiltes Herz , die jetzige Erfüllung aller seiner äußern Wünsche hatten einen Zustand der Muthlosigkeit hervorgerufen , aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien ... Der Tod der Mutter , die Ankunft des Obersten schien Pläne zu erleichtern , deren Ausführung nun vielleicht in die Hand - Terschka ' s gerieth ? ... Paula gerieth in die heftigste Erregung ... Armgart , aus natürlichen Ursachen selbst erbebend , konnte nicht alles übersehen , was sich so in Paula ' s Seele an Angstgedanken jagen konnte ... Aber sie fühlte die Hand der Freundin erkalten , fühlte , daß in Paula ' s Brust eine Theilnahme für den Gatten zitterte , die ihr schon lange viel mehr , als nur die Folge der Gewöhnung an ihn schien ... Staunend und ihres eigenen Schreckens nicht achtend sagte sie : Beruhige dich ! Sieh , wie friedlich beide nebeneinander gehen ... Ausgesöhnt ! ... Und - dem Walde zu ! ... sprach Paula voll Bangen ... Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben Weg dem Walde zu ... Im untern Schlosse wurde es lebendig ; die Gesellschaft trennte sich , Diener waren in Bewegung ... Armgart glaubte , daß man Paula ' s Befürchtungen nicht zu theilen brauchte ... Sie stockte eine Weile , ob sie den Aeltern von Terschka ' s Nähe sprechen sollte , unterließ es aber , aus Besorgniß , daß ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt würde ... Zu Paula ' s Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen , die sie beauftragte , in einiger Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen ... Der Abendwind wurde frischer ; sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mäntel nachtragen ... Armgart zog die Freundin in ihr Schlafgemach , dessen Thüren auf die Altane hinausgingen ... So lange wollte sie bei ihr bleiben , bis der Graf zurück wäre ... Schon allein das Bedürfniß , sich über die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen , hielt sie inzwischen beide wach ... In der That hatte sich Armgart nicht geirrt ... Terschka war es - und in leichtem , unpriesterlichem Reisekleide ... Er hatte den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draußen auf der Terrasse begrüßt ... Die Ruhe , die die Frauen am Grafen beobachtet hatten , kam von einer innersten Erkältung her , mit der er dem enthusiastischen Gruß und der beredsamen Darstellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage seiner Abreise nach Amerika an bis zum gegenwärtigen Augenblick gefolgt war ... Damals als ich Ihnen rieth : Greifen Sie die Urkunde an ! Sie ist falsch ! Lassen Sie jene Lucinde verhaften ! konnte alles noch anders werden ; aber Sie folgten mir nicht ! hatte Terschka , an den durch die Abreise nach Amerika unterbrochenen Briefwechsel anknüpfend , offen ausgesprochen und angedeutet , um wie viel weniger grausam ihn dann die Schläge des Misgeschicks getroffen haben würden ... Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur , daß er sich sogar gegen das Zweideutige und Schlechte nicht mit sofort aufwallender Entrüstung , nur mit einer Art naiver Ironie , ja einer scheinbaren Toleranz verhielt , die jedoch tief erkältend und alles Ungebührliche von sich ablehnend wirkte ... Ein sich immer gleiches entwaffnendes Lächeln lag dann auf seinen Gesichtszügen , sein wienerisch gemüthlicher Accent bekam eine ironische Schärfe , die verwirrte ... So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor : Wirklich , mein alter guter Terschka , wenn ich Ihnen dienen kann , so sagen Sie es offen ! ... Ich bin ja reich ... Mama starb vor kurzem ... Verfügen Sie über mich ! ... Terschka kannte diese Manier , fürchtete sie und erwiderte nach einer Weile : Graf , das ist alles zu spät ! ... Was ich brauche , brauchen darf , das hab ' ich ja ... Ich muß arm bleiben , wie mein unseliges Gelübde befiehlt ... Ja , ja , Graf , ich kann nicht mehr zurück - bleibe , was ich war und - wieder bin ... O , diese Kämpfe - diese Martern ! ... Aber Graf - - Wenn Sie - Sie wollten - ... Ich ? ... Was soll ich wollen ? ... sagte der Graf ... Mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes stockte Terschka und sah sich um , ob niemand ihnen folgte ... Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorglosigkeit , wenn auch scharf aufhorchend , mehreremal : Sie sind also wieder Katholik , Priester , Jesuit - haben in dieser wilden Zeit - wo ? - in Tirol gelebt ? ... Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Söhne eines Grafen von Wallis in Steiermark ... Versteckten sich bei den Gemsen und auf den Eisfeldern der Tauern ... Hören Sie , da thaten Sie recht ... Ich hörte , daß Ihre alten Freunde in London einige Dolche für Sie geschliffen hatten , die Ihnen - den Tod der Brüder Bandiera heimzahlen sollten ... Sprechen auch Sie diese Verleumdung nach ? ... wallte Terschka auf und begleitete seine Rede mit den heftigsten Gesticulationen ... Durch wen sollte die Erhebung von Porto d ' Ascoli zu einer Espèce Räuberfeldzug werden ? ... entgegnete der Graf mit Schärfe und wiederholte , was durch Bonaventura und Benno ' s frühere Briefe ihm erinnerlich war ... Durch einen gewissen Boccheciampo und Jan Picard , den man aus London nach Korfu geschickt hatte , um an jener Expedition teilzunehmen ... Das Experiment misglückte ... Der Einfall fand in Calabrien statt ... Aber doch ereilte die Nemesis einen Ihrer Abgeordneten durch den Bruder Hubertus , der Ihnen , hör ' ich , schon in Westerhof eine unheimliche Erinnerung gewesen sein soll ... Was hatten Sie gegen den Mönch mit dem Todtenkopf , den » Bruder Abtödter « ? ... Ihren Sendling soll er wie den Grizzifalcone in Rom bedient haben ... Daß die Italiener doch noch manchmal vor uns Deutschen Respect bekommen ! ... Alles das schrieb Cäsar Montalto aus London an den Erzbischof ? ... entgegnete Terschka mit funkelnden Augen ... Ich versichere Sie Graf ! Es sind Lügen ... Der Graf hatte die Anklage ausgesprochen , die Terschka seit einigen Jahren verfolgte ; die Anklage , die ihn nach Amerika getrieben ; die Anklage , die ihn , aus Furcht vor den Flüchtlingen in Genf , zuletzt die Pforten des Asyls von Freiburg wieder aufsuchen , ja in den Zeiten der entfesselten Revolution sich ganz in der Welt verbergen ließ ... Der Graf that dabei so , als wenn es ihm gar nicht einfiele , Terschka ' s etwaige , höchst respectable Motive verdächtigen zu wollen ... Man verlangte damals für die Bandiera , begann Terschka , entschlossene und verzweifelte Männer ... Ich schickte einen solchen ... Es war ein Mensch , der mir in London , ich gesteh ' es , unbequem wurde ... Ich habe Ihnen nie ein Hehl gemacht , Graf , daß , ohne meine Schuld , meine erste Jugend abenteuerlich war ... Nun führte mich eine zufällige Begegnung mit einem Menschen zusammen , der sich an mich klettete , mich auspreßte , belästigte in jeder Weise ... Ich wußte ihm nichts zu bieten , als das Handgeld der Verschwörer ... Noch mehr , ich suchte diesen Picard zuerst in Londons Tavernen aus freien Stücken auf ; ich war ihm als Brandstifter von Westerhof auf der Spur ... Zwar leugnete er , vermaß sich hoch und theuer - ich setzte