, weil er sie nur für den Knaben nehmen wollte und sie , sie nahm ihn für ein Wunder ; denn Egon , der Verfolger seiner Freunde , konnte ja nicht der Verfolgte selber sein , es war ein Wildungen , Dankmar , der Sohn der eignen Schwester des Vaters , Dankmar , des Vaters Neffe ! Der Flüchtling wurde auf die leichteste Art verborgen gehalten . Der entfernte Bart , die gestutzten Haare , eine sommerliche ländliche Tracht , ein großer , breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Ansehen , das Niemanden an den im vorigen Sommer hier so räthselhaft aufgetauchten Doppelgänger des Fürsten erinnern konnte . Die Zahl der Menschen , die vom Generalpächter zu seinen Unternehmungen verwandt wurden , war über Hundert gewachsen . Unter ihnen verlor sich Dankmar um so mehr , als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte , sondern in dem entlegeneren Randhartingen , wo er für einen jungen Ökonomen galt , der sich besonders im Schreiberfach dem Generalpächter nützlich erwies . Glücklicherweise hatte Dankmar eine Wohnung gefunden , die ihm gestattete , fast in allen seinen Bedürfnissen für sich selbst zu sorgen . Mehr , als er wünschen konnte , fühlte er sich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt . Allein ohnehin lag es schon in der nothwendigen Rücksicht auf den Vater begründet , daß zwischen ihnen , gleichfalls still und verborgen , mehr die verwandtschaftlichen Bande , als die der Liebe geltend gemacht wurden . Rodewald hatte die Freude , als er sich Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen gegeben hatte , in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu dürfen , als in dem leidenschaftlichen Charakter eines die Andern ausschließenden zärtlichen Besitzes . Es ist ein so wehmüthiges Gefühl für einen Vater , der seines Gemüthes einzige Befriedigung in der Liebe seines Kindes fand , diese plötzlich mit einem Eroberer theilen , ja wol ganz an ihn verlieren zu sollen . Ein Vater , der einzige Schutz und Hort seines Kindes , sieht , ist dies Kind ein Sohn , diesen plötzlich nur für das Wohl und Wehe einer fremden Familie , deren schönstes Kleinod er liebt , erglühen , oder es geschieht , daß seine einzige Tochter , das Pfand der Liebe eines dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend , ihm an einen Mann verloren geht , der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen , die nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten , mit seiner Leidenschaft bestürmt . Manche Väter , manche Mütter wissen oft nicht , daß das Gefühl , das sie gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen läßt , eine in ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist . Dankmar , mit dem in allen Dingen ihm innewohnenden Takt , erkannte dies Gefühl . Wo ihn nicht Ort und Stunde begünstigten , verlangte er für seine heiße Liebe nie die Linderung durch sichtbare Zärtlichkeit . Und weil Rodewald diese Schonung fühlte , wurde ihm der wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerther und mit wahrer Freundschaft schloß er ihn in sein Herz . Es gibt auch wenig so gefällige Verhältnisse im Leben , als in dem mystischen Bunde , dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewürdigten Schwieger- und Schwäherbunde , Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung . Rodewald hatte die Freude , in Dankmar einen Sohn zu gewinnen , der neben ihm stand wie das jüngere Abbild seiner selbst . So fast nahm er selbst einst das Leben , ehe seine Bahn von Andern durchkreuzt wurde . So fast ging , stand , hielt er sich , wie Dankmar ! Welche ruhige Erörterung mit ihm über die nächste und entferntere Zukunft ! Welches Maß in der richtigen Abschätzung des Möglichen ! Welche besonnenen Zumuthungen an das Leben , welche richtigen Voraussetzungen über die Charaktere , ihren Egoismus , ihre Schwächen , wenn es sich um Personen handelte ! Dankmar war durch Natur , durch Studium und frühe Lebenserfahrung der Philosoph , der sein Oheim erst durch die bittersten Prüfungen und jene läuternde edle Reue wurde , die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte , da er , was er begann , immer besonnen überdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt hatte . Es ist ein Himmelssegen für einen Mann in den Jahren Rodewald ' s , sein Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen , wie Dankmar Wildungen war . Wol gab es auch zwischen ihnen manche Differenz . Die noch jugendliche Auffassung mancher Dinge , besonders der Gefahr , der lebendigere Farbensinn für das Kolorit und die Poesie des Lebens , die Pläne über den Abschluß einer Verbindung mit Selma gaben noch Gelegenheit zu manchem Widerspruch . Doch hoben diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens . Einer verstand den andern ; beide lebten sich wie in eine Seele ein . Selbst der Prozeß , selbst die Sache des Bundes gab keinen Anlaß zu einem Scheidewege . Dankmar sprach über beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prüfung aller Möglichkeiten . Die Entgegnungen Rodewald ' s widerlegte er nicht durch einen blinden , den Thatbestand übersehenden Enthusiasmus , sondern ließ Das , was unwiderleglich war , gelten und gestand es zu , wenn sein Suchen nach Abhülfe vergeblich gewesen war . Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles , was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte . Der Prozeß schwebte nun in dritter Instanz beim Obertribunal . Ein räthselhaftes Dunkel umspann eine Angelegenheit , die um so verwickelter wurde , seit Dankmar und sein Bruder Flüchtige , Verfolgte waren . Doch wußten Beide , daß darum eine civilrechtliche Frage nicht stocken konnte . War sie doch aus dem trüben Sumpf der ersten Gerechtigkeitsstadien , wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Themis nur zu oft die Gewichte zu verfälschen sucht , glücklicherweise herausgetreten zu einer Region , wo man ein Europäisches Aufsehen wol fühlen mußte und eine Entscheidung zu geben hatte , ähnlich der , wie über die bekannte Mühle bei Sanssouci ! Bedenklicher konnte die Anwendung scheinen , die Dankmar einem möglichen Gewinne bestimmt hatte . Es war die Überzeugung in den Brüdern fest , daß mit Ehren diese Güter nur zum Besten einer Idee verwandt werden konnten und diese Idee , wie war sie gewachsen , wieviel Blüthen und Früchte trieb sie nicht schon , wie konnte sie sich entfalten , wenn das Erbtheil des Komthurs Hugo von Wildungen in den Bund zurückfloß , der sich an die Ritter vom Grabe zu Jerusalem anschließen sollte ! Aber Rodewald folgte auch diesem Labyrinthe von Träumen und gefährlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltagsüberlegung , die hier unbedingt gesagt haben würde : Ihr seid Thoren ! Er dachte sich in den Zusammenhang der Ideen Dankmar ' s hinein , staunte , daß er selbst die Veranlassung gegeben , diese Gedankenreihe einst anzuspinnen , bewunderte , wie weit schon ein nur so flüchtig in einige Gemüther geworfener Funke gezündet hatte ... War ihnen Beiden doch geschehen , daß sie bei einem kleinen Ausfluge in nahegelegene Ortschaften Spuren entdeckten , daß der Bund der Ritter vom Geiste da lebte und wirkte , wo sie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten ! Es ist damit , sagte Rodewald , wie mit dem Entstehen von Wäldern an Orten , wo sie Niemand säete . Die Vögel tragen den Saamen durch die Luft ! Eine eigenthümliche auf das vierblättrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide , Rodewald und Dankmar , schon mit Begegnungen in Verbindung gebracht , die sonst die flüchtigsten gewesen wären . Sonst stumm und kaum grüßend an ihnen vorübergegangene Menschen waren ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden . Man sprach allgemein von einem weitverzweigten Bunde , dessen Obere Niemand kannte , dessen Statuten noch ungeschrieben waren , der aber mächtiger hervortreten würde , wenn eine gewisse Hoffnung , über die verschiedene Versionen liefen , sich erfüllen würde . Nicht einmal , daß diese Hoffnung der Prozeß der Gebrüder Wildungen war , ja nicht einmal , daß Dankmar Wildungen für den Stifter des neuen Templerordens gelten mußte , war Jedem außer der forschenden Regierung bekannt . Dennoch blieben die Pflichten des Bundes kein Geheimniß . Die Theilnehmer wußten Alle , daß er auf den Grundsatz geschlossen war : Du sollst Gott mehr dienen , als den Menschen ! Du sollst die grade Straße deiner Überzeugung gehen , nicht Noth , nicht Überfall und Gewaltthat auf ihr fürchten , sondern in jedem Loose auf die Hülfe warten , die dir zur rechten Stunde von Denen wird , die über dir wachen ! Rodewald , seit lange schon so wenig Idealist , wie es ein auf Erde , Regen und Sonnenschein angewiesener Arbeiter nur sein kann , Rodewald ging in seiner Übereinstimmung mit Dankmar so weit , daß er gradezu von unsrer Zeit zugab , sie wäre reif zu einer neuen Messiasoffenbarung . Was würden denn die Mächtigen der Erde beginnen mit einer Persönlichkeit , die alle Bedingungen eines großen Propheten trüge ? Sei er nur rein in seinen Anfängen , achtbar in seiner Bildung , begabt mit der Macht der Rede , sei er nur tief in seinen Studien , um vor dem Dünkel der Gelehrsamkeit nicht erschrecken zu dürfen , sei er nur sittenrein in seinem Wandel , enthaltsam , bescheiden , feßle er den Menschen durch eine gewinnende Persönlichkeit und sei er ein großer Dichter des Lebens , der würdig ist , sein eigner Gegenstand zu sein , wer wollte ihn dann in Banden halten , fesseln , vernichten , mürbe machen durch die kleine Quälerei unsrer Civilisation ? Er würde nur zu lehren brauchen : Ich komme als ein andrer Christus , der Das der Welt sein muß , was dieser den Juden war ! Ich komme als ein Richter und Strafredner über den Pharisäismus dieser Tage , der mit den Unterdrückern des geistigen Lebens buhlt , statt die Menschen von der Geschichte zu befreien , das Individuum von der Gesellschaft , die Gesellschaft vom Staate , den Staat von den Personen und den Vorrechten der Geburt ! Was würde man ihm denn Höheres thun können als sein Leben nehmen ? Würde dieser Tod , freudig ertragen nicht grade zu den Merkmalen gehören , die ein neuer Erlöser der Menschen tragen müßte ? Es ist eine Stille in den Seelen der Menschen eingetreten , die das Ohr schärft , das Wehen und Nahen der Gottheit zu vernehmen . Und wenn Dankmar fortfuhr , daß jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das vermöchte , was ein Märtyrer vor zweitausend Jahren , sondern daß sich wol der rein und klar herausgestellte Begriff der Menschheit an sich selber zum Befreier würde , so widersprach Rodewald nicht , sondern dachte nur darüber nach , wie man den Bund der streitenden Brüder vom Geiste zum möglichen Abbild der reinen Menschheit , zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der Geschichte erheben und man nach Abzug der endlichen Bedingungen , die allerdings jede irdische Unternehmung verkürzen , mit der Zeit diejenigen Wohlthaten segnend über die Jahrhunderte ausgießen könnte , die nicht mehr in der Macht eines einzelnen Messias liegen würden . Die stillen Abendstunden und der Sonntag wurden dem Austausch von Gedanken und Vorschlägen für diesen Zweck gewidmet . Die Erfahrungen der Politik , der Theologie , der Seelenlehre , des Rechtslebens wurden zwischen ihnen ausgetauscht . Dankmar , der für den Schreiber des Generalpächters galt , las und schrieb genug , aber es waren Studien über die Gesellschaft . Was er von Büchern brauchte , verschaffte Rodewald aus Bibliotheken , selbst entfernten . Er entlieh für sich , was für Dankmar bestimmt war . Auch der Briefwechsel , den Dankmar zu führen hatte , nahm seine Zeit in Anspruch . Auf Umwegen , mit schützenden Adressen kamen ihm Nachrichten von den Freunden , vom Bruder zu . Die Rettung Leidenfrost ' s und des Majors von Werdeck , herbeigeführt durch Jagellona , die auf der Veste Bielau einen greisen Invaliden entdeckt hatte , Max Brüning , den Vater Leidenfrost ' s , jenen Bayer , der nach französischer Gefangenschaft und langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloster zum Herzen Jesu niedergelegten Kinder , jenes auf den Eisfeldern Rußlands dem sterbenden Stanislaus Kaminski abgenommenen Mädchens und seines eignen ihm von seinem in Gnesen gestorbenen Weibe hinterlassenen Sohnes , nach Polen hin verloren hatte und für eine Befreiung des Majors leicht zu gewinnen war , nachdem sie selbst mit Hülfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Leidenfrost ' s Fesseln zu sprengen gewußt hatte , diese fernweilenden Menschen vergrößerten den Kreis Derer , mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte . Man drängte in ihn , jetzt ihnen nachzufolgen , man fand sein längeres Verweilen auf einem Boden , den der reaktionäre Terrorismus Egon ' s von Hohenberg so gefährlich gemacht hatte , für Vermessenheit . Er schrieb den Freunden , er fände schwerlich im Auslande die Muße , so im Zusammenhänge der Aufgabe zu bleiben , die er sich zunächst hätte stellen müssen , die Vorarbeiten zu zeitigen zum ersten großen Bundestag , den er auf den September des nächsten Jahres ansetzte . Rodewald freilich hatte einen andern Grund , Dankmar ' n oft an die Nothwendigkeit , nun doch in ' s Ausland zu gehen , zu erinnern . Die Zeit rückte heran , wo er über Selma einen Entschluß fassen mußte . Er fühlte , daß an seiner einmal festgehaltenen Absicht , sein Kind zu Anna von Harder zu führen , nichts geändert werden durfte . Auch entging seiner Erinnerung an die Sitten und die Bildung der großen Welt keineswegs , wie sehr Selma noch die nachhelfende Hand einer höhern weiblichen Erziehung bedurfte . Zwar sagte Dankmar auf solche bang ' ihn erschreckenden Worte : Du wirst mir den Blüthenstaub von meinem Mädchen streifen ! Du wirst ihr nehmen , was grade ihr schönster Schmuck ist ! Aber bei aller Freude an der Selma eignen , heitern kindlichen Naivetät schüttelte der Vater das Haupt und blieb dabei , sie hätte erst noch eine Prüfungszeit zu überstehen unter den Augen ihrer Großmutter , wenn sie sie annehmen will . Es ist das Haus , wo ich um ein lateinisches Wort : propinqui equites den Prozeß verliere ! sagte Dankmar . Und Rodewald erwiderte : Wenn sie Selma wie ihr Kind begrüßt und mir vergibt , so laß ' es uns ein gutes Zeichen sein , daß wir beweisen : Hugo von Wildungen trat die Erbschaft seiner ganzen Familie und nicht den im Orden befindlichen Verwandten ab , die du in den Verzeichnissen von Angerode nicht hast entdecken können , falls in der That die Equites geistliche Ritter sein sollen und nicht vielmehr Adlige und Ritterbürtige überhaupt , denen allein die Erbfolge in großen Lehnen gestattet sein konnte ... So mischte sich auch der alte Sachsen- und Schwabenspiegel in die Idylle des Herzens . Selma sah mit Bangen den Tag heranrücken , wo sie vom Vater und Geliebten zugleich scheiden sollte . Jenen konnte sie doch wiedersehen ! Dieser aber , auf die Verborgenheit angewiesen , verbannt in die Ferne , verschwand ihr , wie die rettende Hand einem Ertrinkenden verschwinden mag , sie glaubte ohne ihn vergehen zu müssen . Dankmar ! Dankmar ! So bebend , so jammernd konnte sie diesen Namen rufen , als wenn sie sich auf ewig nun von ihm hätte trennen sollen und sie jener Königstochter gliche , die , von den Göttern als Opfer für die glückliche Fahrt der Griechen gefordert , von den herzlosen Eltern auch auf den Altar der Diana hingegeben wurde ! Ihre Seele war in dem letzten trüben Winter zu schwer belastet gewesen . Es waren Klänge durch ihr Herz gezogen , wunderbar traurige Klänge , die das Glück der Täuschung , des wunderbaren Entdeckens eines ihr verwandten , sie liebenden Mannes wol mit leichten Melodieen verdeckte ; nun aber brachen sie melancholisch , klagend genug wieder hervor und oft sagte sie zum Vater : Laß uns ewig Ackermann heißen , laß uns bleiben , was wir sind , die Mutter segnet das Glück ihrer Tochter ! Nur du , nur Dankmar haben Ansprüche auf mich ! ... Es war ein ernstes Sinnen , das nach diesem im Spätsommer fast täglich wiederholten Drängen seines Kindes den Vater überfiel , aber immer entschied für die alte Verabredung das Gelöbniß an die sterbende Mutter , der Hinblick auf Selma ' s nicht ausreichende Bildung und ein Ahnen , das der Vater in den Worten aussprach : Ich weiß nicht , was mich in die verschwiegene Behausung zieht , die Anna von Harder vor den Thoren der Residenz bewohnt ! Wir fuhren zwei Mal an ihr vorüber . Weißt du , einmal mit jenem unheimlichen Begleiter , dem Nachtwandler , der uns den Namen Tempelheide und die Bewohner nannte und dann , als wir von der Maschinenfabrik kamen , von der rauschenden Musik des wilden Balles ? Jedes Mal klang ein melodischer Lufthauch von dem dunklen Gehöfte her . Du schliefst . Aber mir war ' s , als mahnten mich die Töne , die ich hörte , als riefen sie : Du gehst hier vorüber , richtest nicht die Grüße deines sterbenden Weibes aus ? Hörst sie nicht , wie sie dich mahnt ? Es muß sein , Selma ! Die Liebe wird sich bewähren . Es hindert mich nichts , nichts , Rodewald zu heißen . Dankmar wird in zwei Jahren dich heimführen in eine Welt , die bis dahin in tausend Dingen kann eine andere und unendlich bessere Gestalt gewonnen haben . So blieb es bei der Trennung . Sie konnte nichts auflockern , was zwischen den Liebenden feststand . Selma war Dankmar ' n gleich anfangs als das Abbild jener Weiblichkeit erschienen , die dem starken und gesunden Mannesgeist allein genügen kann . Fern von jeder grellen , berechnenden Gefallsucht hatte sie ihr gut Theil Evanatur , wie alle aus der Rippe Adam ' s Gebornen . Sie sah weit lieber , daß sie gefiel , als daß sie abstieß oder gleichgültig ließ . Aber sie eroberte ihren Beifall nicht durch unerlaubte Mittel . Sie gab sich kein Air von Empfindungen , die ihr fremd waren . Sie schlug die Augen nicht auf , um schwärmerisch zu erscheinen , sie lächelte nicht süß , um ihre blendenden Zähne zu zeigen , sie kämpfte ihre Wallungen , ihre Meinungen , ihre kleinen Reizungen sogar nicht nieder , sondern gab sich , wie sie dachte und wie sie oft nur zu natürlich empfand . Da fehlte es an Thorheiten gar nicht , besonnener Zuspruch fand bei ihr immer zu thun . Nur kam es auf den Redner an , auf seinen Ton , seine Lehre , seine Absicht . Selma sprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erstickte sie mit Küssen und Thränen . Wie flogen da die braunen Locken , wie glänzten die dunkelblauen Augen , wie lieblich klangen die Schmeichelworte und wie konnte sie dann bitten , sie nur ja nicht an Dankmar zu verrathen ! Grade verrathen ! Grade , weil du den Freund täuschen willst ! sagte dann Rodewald . Nein Vater , weil er schon soviel selbst an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abscheu vor mir einflößen will ; sprach sie . Aber Dankmar duldete und trug gar nicht , wie sie fürchtete . Wenn er in seinem kurzen Sommerrock und unter seinem breitrandigen Strohhut so spät Abends mit ihr die Ulla hinauf schritt , dem stilleren Waldrücken zu , und die Cigarre weggeworfen hatte , um am Duft seiner Lippen nicht unwürdig zu erscheinen einer flüchtig erhaschten Zärtlichkeit , lächelte er nur . Er hatte eine Ruhe Selma gegenüber , die sie oft Phlegma nannte und wegen der sie ihn durch tausend kleine Neckereien in Harnisch zu bringen suchte . Es gelang ihr aber nicht . Dankmar setzte allen ihren Seitensprüngen von der geraden Straße der Langenweile und Monotonie , an der die sogenannten gediegenen Frauennaturen oft bis zum Nichts zu Grunde gehen , nur ein ruhiges ergebenes Lächeln entgegen , nicht etwa das träge Lachen des Phlegma , sondern ein Lächeln , von dem Selma einmal in wirklichem Zorn sagte : Und meinem glühendsten Behagen streckst du die kalte Teufelsfaust entgegen ! ( Sie hatte eben Göthe ' s Faust zum ersten Male kennen gelernt ; ) aber der Vater nannte dies Lächeln der Überlegenheit den höchsten Sieg , den die Majestät der Leidenschaft , die Löwenhoheit einer bedeutenden Natur , über sich selbst gewinnen könnte . Da zerfloß sie denn in Liebe und schmiegsame Anmuth . Dankmar besaß in Selma eine Natur . Von der Lüge der Salons , von der Prüderie der üblichen Erziehung war ihr nichts angeweht . Sie stand im unmittelbarsten Verkehr mit den Dingen , wie sie sind . Und viele hüteten sich vor ihr ; die Schlechten , die Trägen , die Lügner gewiß . Gewisse Mittlere schwankten noch . Aber die Guten trugen sie auf den Händen , nannten sie einen Engel und priesen Den glücklich , der sie einst gewinnen würde . Daß dies schon des Generalpächters hübscher Schreiber war , sah man nicht . Das Glück dieser stillen , verschwiegenen Liebe und eines süßen , heimlichen Trostes für manche grobe äußere Mühe , der sich Dankmar des Scheines wegen unterziehen mußte , wurde nur gestört durch den Hinblick auf die Zeit und Egon ' s Art sie zu lenken . Verschiedenartig wirkte diese schmerzliche Erfahrung . In Dankmar war es der beleidigte getäuschte Freund , der die Möglichkeit eines solchen Irrthums , solcher trügerischen Voraussetzungen , wie sie bei dem Fürsten Egon stattgefunden , in einem Menschen kaum begreifen konnte . In Rodewald dagegen war es noch ein herberer Schmerz . Er konnte wohl zu Dankmar sagen : Sieh da die Macht der Umstände , den furchtbaren Zwang der Stellungen ! Aber was er selbst innerlich fühlte , war noch ein Anderes . Egon von Hohenberg stand ihm durch die dunkelsten Verirrungen seines Lebens so nahe ! Er bereute jene Tage nicht , in denen diesem jetzt gereiften jungen Manne das Leben gegeben wurde ; sie waren ihm nur von Wehmuthsschleiern überwoben . Könnten diese Schleier je sich heben ! hatte er gedacht , könnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit bescheinen und an den Tag bringen , wer du diesem jungen , so rauh über die Erde fahrenden Staatenlenker sein könntest ! Er dachte sich , wenn du nun einst einmal vor ihn hinträtest ! Wenn er dich empfangen wird , hier im Schlosse oder in der Residenz , falls er deine Gegenwart wünscht , und nun steht er gnädiglächelnd , leidlich wohlwollend , vielleicht aber auch gereizt , vielleicht streng vor dir ? Wenn er wüßte , daß du Dankmar Wildungen bei dir aufnahmst ? Wenn er wüßte , warum du dich jetzt Rodewald nennst und wie du auf diese Wandelungen deines Wesens gekommen bist ? Pauline von Harder , ( die einzige , deren Leben Rodewald fürchtete ) diese dir jetzt so Verbundene , sie wird nie , nie sagen , daß du mein Sohn bist , aus Haß gegen die Mutter nicht ! Und sonst kennt keine Seele die Tage von Landeck vor dreißig Jahren . Ich und du ! Du und ich ! Wir Beide durch ein Geheimniß verbunden ! Wenn ich es ausspräche , wenn ich im Zorn über deinen Stolz , deinen Hochmuth , deinen Dünkel , deine Unsittlichkeit , deine Herzlosigkeit , deine männliche Schwäche , die eine Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg erheben konnte - und diese That kommt nicht aus meinem Blute , nicht aus dem Blute des Plebejers , der mehr Stolz hat als du - wenn ich mich hinreißen ließe und Vaterrechte geltend machen wollte , wenn auch nur unter vier Augen ... Und dann ? dann ? ... Wenn dieser junge Tyrann dich von seinen Dienern zur Thüre hinauswerfen ließe ... ha , und du griffest in deine Brusttasche und zögest die Papiere hervor , die deine Behauptung beweisen , die Briefe der Fürstin ... Und dann ? dann ? ... Wenn er die Säcke Geldes nähme , die du für ihn erwarbst , in hingebender , nur vom Himmel erkannter Liebe und Aufopferung für ihn sammeltest , um der innersten Pflicht zu gehorchen , und er dies Geld vor dir hinschüttete und riefe : Da behalte , Elender , aber schweige ! Schweige oder meine Rache ist gränzenlos ... Diese Gedankenreihe , furchtbar peinigend für seinen Stolz und für sein Herz , verließ Rodewald nicht mehr , steigerte sich sogar , als der Herbst nahte , alle seine Pläne reiften , gesegnete Früchte sanken und Egon ihm schrieb , er würde bald selbst auf seinem Schlosse erscheinen , sich eine Weile von seinen Mühen ausruhen und ihm für » die guten Geschäfte , « die er mache , danken ... Rodewald kannte bei allen diesen Voraussetzungen die Natur Egon ' s , die ohne Zweifel tiefe und bedeutsame Entwickelung auch dieses Charakters noch nicht . Aber des Fürsten eisernes Walten war nicht hinwegzuläugnen . In nächster Nähe ja sah Rodewald die traurigsten Spuren davon . Sein Nachbar , der Bauer Sandrart , der Reiche , Überzufriedene , Stolze , der auf seinen Sohn so stolze Vater , wie schlich der Ärmste , zum Tod gebeugt , an einem Stabe von Haus zum Bach , vom Bach zum Hause , und blickte kaum auf , wenn man ihn grüßte : Vater Sandrart , wie geht ' s ? Was macht die Ernte ? Thut Euch der Sonnenschein gut ? Ihm that nur gut , wenn er sich die Augen wischen und Niemanden sehen konnte , als zwei Menschen , die ihm nun die liebsten auf dieser Erde geworden waren , den Jäger Heunisch und Franziska , des Jägers Nichte . Der Dritte von Denen , die er liebte , auf die er alle seine Sehnsucht nach dem einzigen , unglücklichen , unwiederbringlich geopferten Sohn übertragen hatte , der Vikar Oleander , war nicht mehr in Plessen . Es hieß , er hätte die Stelle eines Gefängnißpredigers in der Residenz übernommen . Der hatte sich recht das Schwerste unter den Ämtern der Diener am Worte auserlesen ... Und nicht , weil es der Sohn so geheißen in seiner letzten Stunde , sondern der innere Drang schon machte , daß der unglückliche , um seine liebsten Hoffnungen betrogene Vater Heunisch , den Guten und Sorglosen , und Fränzchen , die Bewährte , auch beim Nachbar Treuerfundene , wie die Seinigen annahm und erbenlos den Besitz des Sohnes ihnen vermachte . Franziska war zwischen dem Generalpächter und dem Bauer , der sie liebte wie ein Kind seines Kindes , fast so getheilt , wie einst zwischen Louis Armand und Heinrich Sandrart . Jener schrieb zuweilen von der Fremde . Der immer wiederkehrende Schmerzenston seiner Briefe lautete : Ein Meer ist zwischen uns ! Ich darf nicht in das Land , wo Sie weilen , Franziska , und Sie bindet die Pflicht , ja selbst das Glück an ein Unglück , das Sie trösten sollen und Sie mit Schätzen belohnt , die Ihre Flügel schwer macht : Gold ist schwer ... Die reiche Erbin denkt wohl des fernen Freundes nur mit Schonung . O Franziska , diese rauhe Welt ! Diese elenden Götzen der Pflicht , denen zu Liebe man so kalt morden konnte ! Das Bild steht unverwischt vor meinen Augen . Der Gute , der sterben mußte , weil ihn für Andere das Loos traf und ein Beispiel gegeben werden sollte , ein Beispiel der Abschreckung für Menschen ... Menschen ! Alle Bitten an Egon , alle Briefe der Besten blieben unerhört . Das Kriegsrecht hatte seinen Lauf , wie die Kugel ! Ich denke des Tages , wo ich in der Werkstatt bei Märtens mit ihm über den Eid sprach ! Und was muß uns trösten ? Daß das Unglück nicht allein steht , daß es eine täglich wachsende Reihe von Gräbern gibt , eines neben dem andern . Vergeben Sie , Franziska , wenn ich Ihnen , der Reichen , solche Worte schreibe ! Vergessen Sie das Loos der Armen nicht ! - Louis schrieb diesen Brief aus Antwerpen , wo er bei Siegbert verweilte und für die Einrichtung des Schlosses Tempelstein thätig arbeitete . Franziska hielt auf diese Empfindungen , deren zweifelnden Theil sie mit ihrer Feder widerlegte , wie auf ein Evangelium , aber Der , der es lehrte , war jetzt ihr verloren . Im Ullagrunde fesselte sie die ernsteste Pflicht . Das große Hauswesen des Generalpächters hatte aus der kleinen Nähterin ein Verwaltungstalent hervorgelockt , das zwar manche Personen , die um Ackermann festen Fuß zu gewinnen gehofft hatten , sehr verletzte , diesen selbst aber aufs angenehmste überraschte . Fränzchens Herzensgüte im Verkehr mit dem gebrochenen , an sie voll Wehmuth sich anklammernden Sandrart rührte alle Herzen . Und Onkel Heunisch , der taumelte gar wie in der Irre ! Die » gute « Urschel war ihm nun hin , aber seine Hunde waren ihm doch geblieben und es hieß sogar , wenn der Winter käme und er mit einem Burschen , den er sich nahm , im Amt nicht fertig werden könne , sollte ihm Drossel die beste seiner Töchter , das flinke Linchen , geben zur Führung seiner Wirthschaft ! Aber nur Franziska gab ihm rechten Ersatz für eine Lebensgewohnheit , deren Schattenseiten seinem gläubigen Sinne nie eingehen wollten ; ihm scharrte sich nichts aus der Erde heraus , unter der Jakob und Ursula Zeck schliefen , ihm kam der Glaube an den Doppelmord , den Jakob Zeck und Ursula Marzahn an seinen beiden Verlobten begingen , indem sie auf dem Gelben Hirsch Feuer anlegten und an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des Sägemüllers vom Felsen stürzten , nie zu klarem Gemüth . Die