: Wenn alle untreu werden , So bleib ' ich dir doch treu , Daß Dankbarkeit auf Erden Nicht ausgestorben sei - ... Wieder trat eine Pause ein - jene Stille , die man den Engel nennt , der durchs Zimmer geht ... Die Kleine verscheuchte ihn ... Da sie den Ernst der Scene störte , so duldete jetzt die Leidende , daß Armgart und Porzia das Kind den Dienern im Nebenzimmer zuführte ... Die Sterbende starrte wie tief innenwärts und hörte nur ihre Glocken ... Sie war so abwesend , daß man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose fortnehmen konnte , ohne daß sie es bemerkte ... Ein großes Wasser - sprach sie dann in abgerissenen Sätzen , wird gehen und ein Donner wird ertönen - lass ' - die Glocke unberührt - Zum Gericht - des Herrn - Schwöre mir ' s , mein Sohn , auch - wenn - du dem Thiere folgst - ... Mutter - ! rief der Graf voll äußersten Schmerzes - und vielleicht weniger über den Verdacht , daß er seinen Glauben ändern könnte , als über die Sorgen , von denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen ließ ... Die Hochaufgerichtete fühlte den Stachel ihrer Worte in - Paula ' s Herzen nach ... Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne ... Jetzt zog sie ihr Gatte näher und Paula kniete nieder ... Die Mutter gab ihr ein Zeichen versöhnlicher Gesinnung durch eine Aeußerung , die nur der Graf und die näher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten ... Sie tastete nach dem Buche , das man weggenommen ... Als Baldasseroni es ihr wiedergeben wollte , sagte sie : No ! No ! Signore ! ... La Nobla - Leyçon ... Der » Barbe « ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines Pergamentbändchen , in welchem er blätterte ... Sie - ! ... sprach die Gräfin und deutete auf ihre Schwiegertochter ... Mit erstickter Stimme , vor der Sterbenden knieend , las Paula in einer seltsamen Sprache aus diesem Buche vor ... Es war kein Italienisch und kein Französisch , doch eine wohllautende Sprache ... Man hörte Reime ... Monika , Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen ... Paula las allmählich mit Begeisterung ... Sie nur und Graf Hugo begriffen , wie die Mutter gerade in dieser Zumuthung , ihr aus der Nobla Leyçon vorzulesen , eine Versöhnung mit Bonaventura aussprach , den die Mutter mit unausrottbaren Gefühlen des Mistrauens verfolgte - trotz der damals alles für seine Stellung aufs Spiel setzenden Verwendung desselben für den in Neapel verschollenen Frâ Federigo , trotz seines zehnjährigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen Leben um ihn her - sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner Gattin festhalten , deren Kinderlosigkeit , die unmoralischen Consequenzen im römischen Priesterleben , endlich die mögliche Gefahr , daß ihr Sohn nach ihrem Tode übertrat und den mystischen Bund , der hier zwischen drei Personen waltete , immer noch enger und enger schließen half ... Die Nobla Leyçon ist das älteste in provençalischer Sprache geschriebene Gedicht der Waldenser ... Niemand verstand einst die provençalische Sprache so vollkommen und so rein und wußte den umwohnenden Waldensern ihre alten , sämmtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu übersetzen und zu erläutern wie Federigo , der diese Sprache kannte , noch ehe er von der Sekte der Waldenser wußte ... Auch Bonaventura , immer von den Erinnerungen und Sorgen um seinen Vater geleitet , auch in seinem Interesse für die Blüten der alten Kirchenpoesie , kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni ihm zu Liebe ... Daß nun die Mutter im Stande war , sich von ihr noch zum letzten mal aus diesem Buche , einem für Paula allerdings ketzerischen , vorlesen zu lassen , war ein Act der Liebe , der Versöhnung , ein Gruß an den Erzbischof ... Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen ... Sie las so laut die schönen wohlklingenden Verse , als wollte sie sagen : Im Geist rufst du nun ja auch noch Bonaventura an dein Lager und versöhnst dich mit dem edelsten der Menschen ! ... Als Paula bis zu den Worten gekommen war : » Intrate in la sancta maison ! « blickte sie auf ... Die Mutter schien entschlummert ... Paula erhob sich ... Aber auch die Sterbende hob die Augen , sah eine Weile , als wäre sie abwesend , starr um sich und sprach : » Ich bin - der Weg - die Wahrheit und das Leben - niemand kommt - zum Vater , denn durch mich ! « ... Das sahen alle , sie verweilte in den Erinnerungen an die Hütte jenes Einsiedlers , den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit seiner Entweichung nichts mehr vernommen , als , in einem einzigen Abschiedsbriefe für dies Leben , die Bitte an jeden , der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen wollte , nie , aber auch nie mehr nach ihm zu forschen ... Intrate in la sancta maison ! ... wiederholte sie mit einem Aufblick gen Himmel ... Monika und Armgart , die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten , gingen hin und wieder ... Immer stiller wurde es - still wie schon im Grabe ... Jeder hielt den Athem zurück ... Da noch einmal streckte die Sterbende die Hände aus und flüsterte mit dem Hohenliede , sicher in Anregung ihres Gedächtnisses durch Armgart ' s Abbildung der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen : » Hätt ' - ich - Taubenflügel ! « ... Mit diesen Worten sank sie , von Schmerzen überwältigt und nach Erlösung ringend , zurück ... Lange noch wehrte sie Bilder ab , die sie beängstigten ... Ihre Stimme blieb erstickt ... Ihre Hände sanken erstarrt ... An ihrem geöffnet stehenbleibenden Munde traten kleine Schaumbläschen hervor ... Sie war noch nicht ganz todt , aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge , die unsern Gesichtszügen der Tod verleiht ... Der Arzt , der Geistliche traten eilends näher ... Leise begab sich alles aus dem Zimmer und trat in den Saal zurück , während die Sterbende auf ihrem Lehnsessel von Dienern unter Hugo ' s Leitung sanft zurückgerollt wurde in die dunkleren Nebenzimmer ... » Ach , hätt ' ich Taubenflügel ! « ... wiederholte Hedemann ... Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach Erlösung von den Schmerzen , die auf seiner kranken Brust lasteten ... Im Saale , in welchen alle zurückkehrten , brach die Theilnahme in ihrer ganzen bisher zurückgehaltenen Macht aus ... Die Frauen schluchzten ... Auch die Männer traten bei Seite ... Monika trat bald zum Gatten , bald zu Hedemann , der am Fenster saß und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte ... Es war dann ein Trauermahl , das in dem schönen Raume genommen wurde ... Unsere menschliche Natur erscheint uns nie geringer , wird nie von uns unlieber befriedigt , als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern möchte vor Schmerz und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhängnisses steht ... Noch ehe das Mahl , dessen stärkende Wirkung alle bedurften , zu Ende war , wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft überbracht , die ihn bestimmte , sofort aufzuspringen und sich zu entfernen ... Alle folgten ihm erschreckt ... Der Bote sagte , die Gräfin hätte vollendet ... Bebend folgte man dem Grafen ... Paula vor allen , deren Brust von so vielen Schmerzen durchwühlt wurde , deren Gründe sich von den Andern wol ahnen ließen ... In ernsten Krisen erkannte sie , wie sehr der Graf zu lieben war ... Der Arzt und der Geistliche lüfteten die Vorhänge des Schlafzimmers ... Der schöne sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Züge der Entschlafenen ... Sie hatte , hörte man , noch versucht , die Worte nachzusprechen , die über ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg geschrieben waren : » Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben , So ist auch Seines ewig dein ! « ... Da stockte die Zunge wie gelähmt ... Sie hatte ausgehaucht ... Nun läuteten in der That fernher die Glocken ... Die ehernen Zungen eines andern Bekenntnisses waren es ... Auch Gesänge mischten sich ein , dicht in der Nähe ... Diese galten der Entschlafenen ... Ein Chor von Kindern stimmte ein geistliches Lied unter ihren Fenstern an ... Regelmäßig an jedem Nachmittag hatte sich die Gräfin von den Kindern der Waldensergemeinde , die vom Gebirg herunterkamen , diese Erquickung erbeten - der Pfarrer erklärte dies den Hörern ... Jetzt kam auch ein Herr Giorgio , der sogenannte Moderatore oder Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift , die die Gräfin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten , sie erst ihrem Sohne zu zeigen , unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen hätte ... Der Graf erbrach das unversehrte Siegel , las und theilte die Wünsche der Mutter den Umstehenden mit ... Sie hatte befohlen , erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt , dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schloßkirche begraben zu werden ... Der Graf erkannte , daß dieser Bitte die Voraussetzung zum Grunde lag , er würde Castellungo nicht behalten ... Aufregungen , wie sie mit dem Aussprechen und Erörtern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten , hatten sie jedenfalls bestimmt , ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen ... Porzia ließ sich nicht nehmen , die Leiche zu entkleiden , Hedemann nicht , den Katafalk zu ordnen , dem noch für denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder nahen durfte , der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte ... Es kamen ihrer von nah und fern ... Der Betsaal drückte die ganze Geschichte und Richtung der Gräfin aus - schon an den Bildern , die rings an den Wänden hingen ... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht ... Bischof Scipione Ricci , der die Souveränetät der Concilien gelehrt hat und vom römischen Stuhl als Lutheraner verdammt wurde ... Graf Guicciardini , der kürzlich in Florenz Protestant geworden ... Der Engländer Oberst Beckwith , der sein ganzes Vermögen den Waldensern schenkte ... Der mächtigste Beistand der Gräfin , Friedrich Wilhelm III. von Preußen , hatte unter den Porträts den ersten Platz ... Die Reisenden richteten sich inzwischen in den für sie vorbereiteten Zimmern ein ... Mit einer eigenthümlich bedingten Theilnahme beobachteten sie , wie eifrig Graf Hugo bemüht war , den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends über das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntniß zu setzen ... Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fügte noch die mehrmalige Aeußerung um die Glocke jenes Eremiten hinzu , um den sich Bonaventura so verdient gemacht ... Ueber Paula ' s Lesen aus der Nobla Leyçon hatte schon Graf Hugo geschrieben ... Paula schien in der That erkräftigt und gesund ... Sie ertrug den lange und voll Rührung auf ihr ruhenden Blick und die unmittelbare Nähe des Obersten , ohne die Befürchtungen zu bestätigen , die man so lange Jahre über diese Wiederbegegnung gehegt hatte ... Monika sagte : Fast scheint es , als wäre eine Kraft über sie gekommen , die sie früher nicht gekannt hat - die Kraft des Willens ... Armgart trauerte ... Ob darüber , daß unter denen , auf deren Leben ein letzter Segen und eine letzte versöhnte Erinnerung hier zurückgeblieben war , ein einziger ausgestoßen und unberücksichtigt blieb - Benno von Asselyn ? ... Oder über ein unausgesprochenes , ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin , ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni - ein Leid , das schon mit gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatürliches verworfen wurde ? ... Oder endlich über den Heimgang ihres » Großmütterchens « nur allein ? ... Der Aufenthalt in Castellungo hatte jedenfalls erschütternd und bedeutungsvoll begonnen ... 5. Nach Beisetzung der Gräfin in der von ihr selbst erbauten , oberhalb Castellungo ' s in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser , einer Feierlichkeit , zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Thals auch die Rechtgläubigen , Jung und Alt , herbeiströmten , aus den Thälern von Saluzzo und Pignerol , wo die Waldenser in Masse wohnen , von allen Gemeinden die » Barben « , » Evangelisten « , » Moderatoren « - nach diesem Tage hätten nun ruhigere Stunden eintreten können , wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch Hedemann ' s Abschied vom Leben sich genähert hätte ... Die Freude am Tod war bei diesem wieder bereits eine solche , daß er sich in seinen Gebeten Vorwürfe machte , ihn zu eifrig zu wünschen ... Rom war inzwischen gefallen ... Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt ... Die ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an , die in drei Jahren wieder die Kerker nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen füllen sollte1 ... Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder außer dem geistlichen ... Staat und Kirche gehörten ganz den zurückkehrenden Jesuiten ... Auch in der kirchlichen Sphäre der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr des Alten ... Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begünstigtes Collegium besessen , das sie freilich nicht wieder beziehen durften , da Sardiniens Verfassung sie verbannte ... Aber schon war in Schule , Staat und Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluß bald wieder ersichtlich ... Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze , die ausdrücklich schon lange durch Männer besetzt wurden , die dem deutschen Eindringling , dem Erzbischof von Coni , wo sie nur konnten , wehren sollten2 ... Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses seiner Mutter , in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Thäler hier und drüben am Fuß des Monte Viso behülflich sein ... Der Graf war es , der am meisten darauf drängte , daß Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zurück sollte ... Armgart wollte sie begleiten ... Wohl , sprach sie ihr dringendstes Bedürfniß aus , den Erzbischof zu begrüßen , der sich , seiner Stellung gemäß , vom Leichenbegängniß der Gräfin hatte entfernt halten müssen ... Monika , die zwar zu Paula ' s Heirath dringend gerathen hatte , empfand und tadelte doch , was sie das Anstößige dieser Beziehung nannte , im höchsten Grade ... Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn über das Meiste entschuldigt , was sich seinen jungen Jahren vorwerfen ließ , so erklärte sie vollends mit ihm Mitleid zu fühlen , seitdem sich jenes mystische Dreiblatt gebildet hatte , dem womöglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schloß Bex gelobt hatte ... Nun sah sie dies Verhältniß einer » Standesehe « in nächster Nähe ... Und das sei denn die rechte Höhe , sprach sie schon eines Tages in Paula ' s Gegenwart , Opfer über Opfer anzunehmen , nur deshalb , weil man wisse , sie würden von schwachen Menschen ohne Murren gebracht ... Ja sie sagte schon zu ihrem Gatten : Der Graf leidet , weil er Paula liebt - und zu Armgart : Auch Paula , scheint es , ringt mit ihrem Herzen , weil sie den Grafen mehr als achten muß ... Daß Paula und Armgart zum nächstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen wollten , konnte Monika nicht hindern ... Doch bekam es Armgart bitter zu hören , warum sie gerade diesen Tag wählen wollten ... Die Mutter sagte , daß sie den Doctor Seraphicus , wie Sanct-Bonaventura in der Vätergeschichte heißt , nicht im mindesten zu jenen Bekennern und Märtyrern zählen könne , die allenfalls auch die Freude evangelischen Sinnes sein dürften ... Ich schätze den heiligen Bonaventura noch höher , entgegnete Armgart , als die andern Märtyrer , die nur zufällig in den Tod gingen und der Nachwelt nichts von ihrem Leben hinterlassen haben ... Von ihrem Leben ? entgegnete aufwallend die Mutter ... Dieser Johannes von Fidanza ist ja das Prototyp aller katholischen Schwärmer ! Dieser heilige Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemüth alles verklären und verschönern wollen , woran wir noch heute leiden ... Was nur immer Gregor und Innocenz aus weltlichen Rücksichten für die Kirche erfunden haben , umgab dieser Italiener mit dem Schein beinahe der Philosophie ... Mariendienst , Cölibat , Entziehung des Kelches - alles , alles , was das Tridentinische Concil später in die todesstarren Formeln gezwängt hat , brachte dieser heilige Bonaventura als Gemüthssehnsucht in Curs , gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sünde geboren sein sollenden Mutter Gottes geschieht ... Mir ein Räthsel , wie euer Erzbischof zu den Freisinnigen zählen kann , schon in Deutschland unter den Anfechtungen der Fanatiker leiden mußte und immer noch seine Krone , immer noch seinen Krummstab trägt ... Wären solche Männer vor einigen Jahren wahr gewesen und in den Zeiten der Bedrängniß zu uns übergetreten , wie anders stünde es mit der Sache des Lichts und des Evangeliums ! ... Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Nämliche ... Armgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurtheilen , seitdem sie für ihre frühere Behauptung , daß Bonaventura seine Erhöhung weder Lucinden noch Olympien verdankte , kürzlich Recht erhalten hatte . Ihr richtet und richtet , wie ihr ' s eben versteht ! sprach sie damals und verwies auf bessere Erkenntniß der wahren Sachlagen , wenn sie auch leider meist im Leben zu spät käme ... Hier in Castellungo wurde für bestimmt eine schon früher von Paula brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt , daß der aus Robillante gebürtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche Freund und Fürsprecher Bonaventura ' s gewesen ... Armgart verwies auch jetzt die Ankläger auf die Siege , deren sie sich ja täglich rühmten ... War nicht vor kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien über die römischen Theologen als Examinator gesetzte de Sanctis , Professor der Theologie , Parochus an Maddalena , Beichtvater in den Gefängnissen der römischen Inquisition , von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt , gefangen gesetzt worden , entflohen und in Malta zum Protestantismus übergetreten - ? 3 ... Wisset ihr , sagte sie mit Ironie , was in Bonaventura ' s Innern vorgeht und was euch alles vielleicht noch von ihm werden kann ? ... Die hinterlassene Bibliothek der Gräfin war eine Fundgrube der interessantesten Anregungen für Monika , den Obersten und Hedemann ... Auch Baldasseroni und Giorgio waren Männer , die auf Kosten der Gräfin in Genf , Tübingen und Berlin studirt hatten ... Ihr Ton gab sich milde und rücksichtsvoll - sie wußten , was bei ihrer jetzigen Schloßherrschaft zu schonen und zu achten war ... Auch sie gaben dem Erzbischof das Zeugniß , daß allein schon sein persönliches Erscheinen in Rom alle Intriguen hätte entwaffnen müssen und daß er noch täglich diese Macht der Beschämung über seine Gegner übe ... Ein Glück , daß Armgart ' s Vater die Schroffheiten der Mutter milderte ... Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise , sich zur Religion zu verhalten , sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Alterthümer und beim Anblick einer kleinen Schaale , die wie eine Tasse aussah , aus der einst Huß den Wein beim Abendmahl dargereicht haben sollte , find ' ich in dem Schicksal des Kelches ... Das Trinken aus einem und demselben Gefäß ist vielleicht in der That nur einer Gemeinde möglich , wo sich alles so persönlich nahe steht , wie zur Zeit der Apostel und der ersten Bekenner ... Wo noch der Liebeskuß als Gruß der Verbundenen möglich war , war auch die Ertheilung des Kelches möglich ... Als jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde , als ganze Völker im nächsten besten Flusse getauft werden mußten , mußte vieles von den ersten Satzungen des Glaubens verloren gehen ... Welcher Reiche gab da noch seine Reichthümer hin und warf sie , statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde , in das weite , wüste Meer , des Proletariats ! ... Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gefäß , aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des Aussatzes tranken ! ... Man hat das Christenthum eine Weltreligion genannt ; sie ist es auch dem Geiste nach , nicht nach dem Buchstaben ... Wer den apostolischen Anfängen nachgehen will , muß die Freiheit Amerikas wünschen , wo sich jede Form , Gott zu dienen , auf eigene Art befestigen kann ... Geschieht es dort würdelos , so ist nur der Mangel an Bildung schuld ... Unsere Gotteshäuser und die Priester , die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten , sollten , wie ich von Ihnen höre - er wandte sich an Baldasseroni - nach dem Ausdruck des Bruders Federigo nur noch Hüter und Wächter des Christenthums sein , gleichsam die Sänger , die Dichter , die Historiker der Kirche - ohne sich den mindesten Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu dürfen ... Solcher Streitigkeiten gab es viele ... Sie konnten zu tagelangen Verstimmungen führen - namentlich wenn Armgart sagte : Ein Einzelner gewonnen ist nichts - Könige , die ohne ihre Krone kommen , sind vollends nichts ; die müssen gleich ihre Reiche mitbringen ... ... Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula ' s Eintreten ... Schon hatte Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern , hussitischen Kelchen , den alten Bibeln , Luther- und Zinzendorf-Ringen gesagt : Ihr habt doch auch eure Reliquien ! ... Zu einer Erwiderung kam es nicht , da Paula allerlei Geschäfte mitbrachte , die sich auf die sittlichen Zustände der Gegend bezogen ... Seit dieser langen Reihe von Jahren hatte Graf Hugo für sich und Paula den Weg der Zerstreuung eingeschlagen ... Nicht nur beschäftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen Pflege der hier so reizenden und reichen Natur , sondern auch mit den Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen , mit Aufgaben der Wohlthätigkeit ... Der gute Wille , nützlich sein zu wollen , ist bei gebildeten und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast ängstliches Verlangen hinzu , durch solche äußere Werkthätigkeit aus dem Versenken in zu große Innerlichkeit entfliehen zu können ... Monika mußte freilich schon wieder lächeln , wenn sie sah , mit welcher emsigen Umständlichkeit und mit welchem offenbaren Nichtberuf für praktische Bewährungen die junge Schloßherrin , nun die souveräne Gebieterin von Castellungo , die an Glücksgütern gesegnete Herrin von Westerhof , von Schloß Salem , Besitzerin eines Palastes in Coni , ihre unerschöpfliche Wohlthätigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht gespendeten zu machen sich mühte , wie sie in die Hütten der Armen trat , momentane Hülfe , aber selten , nach Monika ' s Meinung , den rechten Rath und die rechte Warnung brachte ... Sie weiß nicht , sagte sie , wie sie sich schon mit ihrer Krone am Giebel der Eingangsthür in solche Hütten den Kopf stößt , vollends , wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr Aufsehen und Schrecken , als Freude , wenn nicht gar Schlimmeres , zuweilen Spott , hinterläßt ... Sie spricht mit diesen Menschen wie ein Buch ... Sie werden sie alle zu Gevatter bitten - Das pflegt noch die nützlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein ... Da nach dem Wunsch des Grafen , dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht erspart wurden und der dann oft träumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen Labyrinthen sprach , der Oberst fürs erste hier als Verwalter wohnen bleiben sollte - auch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewässer sollten Brücken und Wehre gebaut werden - so sammelte auf dem Schlosse schon allabendlich Monika die hervorragenderen Persönlichkeiten der Umgegend zu einem behaglichen Kreise und hatte für diese sichere und feste Einwohnung ganz den Beifall sowol des Grafen wie der gütigen Paula , deren weicher Sinn keiner ihrer Schroffheiten aufbieten konnte ... Die italienische Sitte kennt nicht die deutsche Unterscheidung zwischen den Ständen ... Der größte Theil des umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaft - die Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen über ihre Felder und sprangen nicht selten ab , um bei den Arbeiten mit anzugreifen ... Aeltere Diener gehörten mit zur Familie ... Gemeindevorsteher , Forstwarte , Recheneibeamte sammelten sich allabendlich in den unteren Räumen des Schlosses und selbst der Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmähten nicht den Trunk aus gemeinschaftlichem Krug ... Einige reiche Seidenweber , die zu den Waldensern gehörten , hatten sich sonst allabendlich auf dem Schlosse im engern Kreise der verstorbenen Gräfin eingefunden ; sie blieben auch jetzt nicht aus ; um so weniger , als in der That das Benehmen des Grafen die Besorgniß erwecken durfte , die Mutter hätte in seiner Seele recht gelesen . Man sah ihm eine große Unruhe an ; man fürchtete allgemein den Verkauf Castellungos , ja sogar seinen Religionsübertritt ... Wenigstens schiene ihm , sagte man , daran zu liegen , nicht allein nach Oesterreich zurückzukehren , sondern nur mit Paula , für die es dann , so offen lag allen das bekannte Verhältniß mit Coni , eine letzte große Entscheidung geben müßte ... Des österreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof hätte dem letztern in den Augen der Italiener schaden müssen , wenn nicht die alte Gräfin so beliebt gewesen wäre und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller Freigesinnten ... Schon mit dem Hirtenstab des Bisthums Robillante hatte er gewagt , den Neuerungen Fefelotti ' s die Spitze zu bieten ... Als er dann zur Verantwortung für die Vorwürfe , die er den Dominicanern wegen Frâ Federigo zu machen gewagt hatte , nach Rom gefordert wurde und statt dort verurtheilt zu werden als Nachfolger Fefelotti ' s heimkehrte , hatte er den muthigsten Kampf begonnen , den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte ... Dem Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche , auf die die Patres Jesuiten , damals noch nicht verbannt , Ansprüche machten - er setzte bei den Stadtbehörden durch , daß diese ihn in seiner Weigerung unterstützten ... Ein gewöhnliches Hülfsmittel der Jesuiten , das sie bei neuen Niederlassungen , um sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen , anwenden , besteht in dem Schein bitterster Armuth , den sie sich geben . Plötzlich erschallt dann durch die Stadt die ängstliche Kunde , die unglücklichen Väter verhungerten hinter ihren Mauern . Nun rennen fanatische Sammler durch die Häuser und rufen um Hülfe . Man bricht fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde , den Speisen , den Kleidungsstücken in das Colleg ein und findet auch in der That die armen Väter beim Gebet - verschmachtet , abgezehrt , vom gezwungenen Fasten fast leblos4 ... Bonaventura bewies jedoch dem Rector Pater Speziano , der dieselbe Komödie aufführte , und dem Magistrat der Stadt , daß das Colleg aus dem Profeßhause in Genua eine regelmäßige Einnahme bezog , die weit über die Einkünfte der sämmtlichen andern Klöster der Stadt zusammengenommen ging ... Den Bischof von Pignerol zwang er , ein höchst gehässiges Institut zu schließen . Man entzog unter allerlei Vorwänden den Waldensern ihre Armenkinder , besonders ihre Waisen , taufte sie schnell nach römischem Ritus und gab sie nicht wieder her ... Jedes uneheliche Kind der Waldenser gehörte an sich schon diesem » Ospizio dei Catecumeni « ... Als vorgekommen war , daß eine Gefallene , um ihr Kind zu behalten , sich auf die höchsten Spitzen des Monte Viso vor den Gensdarmen geflüchtet hatte und Kind und Mutter im Schnee elend umgekommen waren5 , wallte Bonaventura ' s Zorn so auf , daß er nicht eher ruhte , bis jenes Ospizio geschlossen wurde ... Das Verkommen im Schnee - - gehörte ohnehin zu den erschütterndsten Vorstellungen seines Gemüths und zumal , da seines Freundes , des Cardinals Vincente Ambrosi , Vater , Professor der Mathematik in Robillante ( er erfuhr dies zu seiner höchsten Ueberraschung in Rom ) , eines solchen Todes im Alpenschnee wirklich verstorben war ... Von Genua aus , wohin sich Gräfin Sarzana begeben hatte , als sie wagte , wieder aus Tageslicht zu kommen von den » Lebendigbegrabenen « , in deren Kloster sie sich geflüchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf Ceccone , wurde der Kampf mit den freisinnigen Richtungen Italiens um so erbitterter geführt , als Genua auch für die Pforte der Mazzini ' schen Einflüsse und des englischen Ketzerthums galt ... Fefelotti bot alles auf , die weibliche Bundsgenossenschaft der Jesuiten gerade in Genua zu mehren und zu kräftigen ... Ein Orden , der sich offen » Jesuitessen « nannte , » Töchter Loyola ' s « , gestiftet vor zwei Jahrhunderten , hatte sich nicht erhalten können ; Papst Urban VIII. schaffte ihn schon 1631 ab ... Aber unsere Zeit hat diesen Orden erneuert - vorzugsweise in den Damen vom Heiligen Herzen Jesu ( Sacré Coeur ) ... Sie leiten , schaarenweise von Frankreich kommend , die Erziehung der vornehmen Stände und halten auch außerhalb ihrer Klöster Schulen für die ärmere Klasse ; sie sind in weiblicher Sphäre das , was die Väter der Gesellschaft Jesu für die Erziehung in männlicher ... Wo diese Heiligen Schwestern vorangehen , folgen ihnen in noch nicht einer Generation ihre Brüder , die Jesuiten , nach ... Sie bereiten ihnen den Weg ; sie wecken in den Familien , bei allen Müttern , Vätern , Kindern , eine solche Sehnsucht nach diesen Rathgebern nicht nur der Seele für ihre jenseitige Bestimmung , sondern des ganzen auch diesseitigen Lebens , daß die Berufung der Väter nicht lange ausbleibt ... Umwälzungen folgen dann in den Familien , in der Gesellschaft ... Der süße Ton der Andacht , verbunden mit