Er ist halb offen . Ein älterer Herr , eine verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde . Sie beugen sich vor . Die Dame ist jung ... sehr jung ... sie schlägt den Schleier zurück ... es ist noch ein Mädchen . Anna kann nicht genauer forschen , der Wagen wendet rasch und hält vor ' m Thore ... Der Herr steigt aus . Groß und stattlich seine Gestalt ; das Antlitz bleich . Seine Hände zittern , als er den Schlag hält und dem jungen Mädchen den Arm zum Aussteigen bietet ... Diese hüpft von dem Fußtritt zur Erde nieder ... ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor ... Der Besuch nähert sich dem Thore ... An der Pforte zu klingeln ist nicht nöthig ... Anna öffnet schon selbst ... Die hohe Dame von vornehmer Haltung , in schwarzem Seidenkleide , die reiche Spitzenhaube auf dem Haupte , blickt fragend ... Der Herr hatte den Hut schon in der Hand , als er ausstieg ; das junge Mädchen zieht den ihrigen , da die Schleife losgegangen , mit einer einzigen Handbewegung herab ... die prächtigsten braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab , der freudestrahlend und mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen , aus ihr ein unendlich Liebes herauszufinden scheint ... Anna , zum Tode erschrocken , hält sich an dem Gitter der geöffneten Thür ... Die alten Diener nähern sich ... ein leises Ach ! das Anna ' s Brust entfährt , ein fragender Blick auf einen der Diener , der ihre Tochter kannte ... eine Ahnung , ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin , der stumm und ruhig auf dies Mädchen , wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt ... Anna versteht , besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre , die ihr entfallen schienen bei dem ersten Gedanken , Das ist ja dein Kind , deine Selma ! Selma ' s Tochter ? ruft sie . Rodewald ? Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht : Selma ' s Erbschaft an ihre Mutter ... Thränen füllten sein Auge ... Olga hebt den Hut des Mädchens von der Erde und muß nach Anna greifen , der Großmutter , die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend zusammenbricht . Fünftes Capitel Don Juan und Faust Der Erntesegen war ja eingetrieben . Jubelnde Menschen , von hochaufgethürmten Kornwägen herab mit geschwungenen , bebänderten Hüten grüßend , hatten ja in die Scheuern des Ullagrundes , von Randhartingen , Schönau , Plessen die ersten Erfolge eingefahren , die Ackermann für seine Betriebsamkeit lohnten ... Die Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf gesetzt , um ein überraschendes Resultat zu erzielen . Ein neuer Geist wehte über diese Landstrecken hin , die so viel pflegende Hände , so viel wartende und hütende Augen nie gekannt hatten . Von der ersten Ernte der ölbringenden Rapssaat bis zur Kartoffelfrucht , die den Schluß der Einsammlung machte , hatte sich Ceres in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt . Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel in die Hand gedrückt zu haben . Zwar noch nicht am Ziele seiner Wünsche war Heinrich Rodewald angelangt , doch steuerte er ihnen mit glücklichem Winde nach . Zuviel Sternennächte , wo er im Abendwinde hätte träumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken können , fand er nicht ; er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der Natur , die ihre Tribute verlangte . Es war ihm ja bei jedem Gang durch ' s Feld , bei jedem Liedchen , das er pfiff , bei jedem Gruße Selma ' s , bei jedem Handschlag eines jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel , gelbem Sommerhut , bartlosem Kinn , eines halben Feld- , halben Stubenarbeiters , in dem wir Dankmar Wildungen wiederfinden , gegenwärtig , was ihn daher geführt hatte , die Hunderte von Meilen zurück , durch die er wie jener Knabe im Märchen , um den Weg wieder zu finden , wenn er zurück wollte , doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte , als was die Vögel - wegnaschen konnten . Dachte er an Wiederkehr ? ... Ein jugendlicher Heros , rüstig an geistiger und körperlicher Kraft , war seine Entwickelung in jene Zeit gefallen , wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte , die Begeisterung für die Musen die geheime Waffenübung halten für den einst hervorbrechenden Angriff auf die französische Usurpation des Vaterlandes . Er hatte sein Elternhaus , die Wohnung eines kleinen Stadtrichters am Fuße des Harzes , einst als Schüler verlassen , später einer schönen Schwester , die mit den Eltern in Leipzig und Halle , wo er studirte , ihn besuchte , unter einer großen Zahl von Freiern den Faden der Ariadne in die Hand gegeben , sie von solchen seiner Genossen wie Gelbsattel entfernt , aber auch vor dem kränklichen träumerischen Wildungen sie gewarnt , den sie dann doch wählte , um mit ihm ein in damaliger Überschwänglichkeit nicht geahntes Leben voller Mühen zu theilen . Von Halle folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen , als die Rückkehr Napoleon ' s von Elba einen neuen Kampf der Völker in Aussicht stellte . Die Schlacht bei Belle Alliance war die einzige , an der er Theil nehmen konnte . Bis in das Jahr 1816 blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem Entlassungspatente als Offizier zurück an den Heerd der Musen . Aber diesen Heerd fand er nicht so still , wie ihn die Eule Minervens liebt . Das aufgeregte Kampfblut wallte stürmisch in den Adern der damaligen Jugend . Auch ein neues Volksleben , eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkämpft haben . Rodewald , Offizier , mit einem Ehrenzeichen geschmückt , fügte sich nicht den engen Schranken , die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den Akademieen stecken wollte . Er studirte Philosophie und die Rechte . Er trieb sein Studium in der damaligen weltstürmenden Titanenhaftigkeit , zugleich aber doch als Forscher ; er zielte auf einen Lehrstuhl . Der Gegenwart entzog sich dabei sein freier unerschrockner Sinn um so weniger , als ihn , wie alle Edlen damals , der Drang beseelte , die gewonnenen Ergebnisse des Wissens in die offnen Furchen des mit Blut gedüngten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen . Wenn eine Zeit günstig war , den Völkern Freiheit und Einheit zu geben , war es nicht diese ? Heinrich Rodewald beendete seine Studien mit einer sehr ehrenvollen , durch bizarre , damals beliebte Paradoxen auffallenden Promotion . Er war der Liebling , ja der Beherrscher Halles , er war der mit Jubel empfangene Gast in Jena geworden ; ja in Würzburg , Gießen , Marburg holten ihn Komitate der Studentenschaft ein , wenn er die Kreise des neu erwachten höheren Jugendlebens besuchte , wo man in die jungen politischen Doktrinen die Sätze Hegel ' s , Steffens ' , Schelling ' s , Baader ' s mischte . Bald aber verwandelten sich diese Olympischen Kränze in prosaische Dornen . Die bekannten Verfolgungen begannen . Schon stand Rodewald als Gelehrter den kleinen Quälereien der Jugend entrückt , doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilität der damaligen meist neueingesetzten Behörden mit ihrem gefährlichen Hic niger est ! Rodewald lebte jetzt in der Hauptstadt . Seine erste Schrift über einen Gegenstand des römischen Rechtes im Mittelalter erregte Aufsehen . Man bemühte sich , ihn für jene bald um sich greifende absolutistisch mystische Theorie zu gewinnen , die von obenher so begünstigt , so reich mit Auszeichnungen belohnt wurde , diese Philosophie vom objektiven Gedanken , diese beflissene Wiedererweckung der alten Kunst und Literatur , diesen neuen Kultus vor den großen Genien der vergangenen Literaturepoche , besonders dem weltbezwingenden , aber höfischen Goethe , in dessen west-östlichem Divan auch Rodewald ebenso schwelgte , wie ihn Faust und Tasso umstrickten . Der junge , schöne , hochgewachsene Gelehrte mit dem feurigen Auge , dem braungelockten Haare , den feinen , weltmännischen Manieren , der gewaltigen einschmeichelnden Rede wurde fast gegen seinen Willen vom politischen Makel befreit , in die genialkünstlerischen Cirkel gezogen , den Räthen der Krone vorgestellt . Rodewald gewann eine Professur , wie man dem wilden Rosse der ungarischen Ebene eine Schlinge über den Kopf wirft . Andre sah er zurückgesetzt , ihn den nicht mehr Verdächtigen hob man . Andre wurden verfolgt , ihn , den vom burschenschaftlichen Standpunkt auf den philosophisch-ästhetischen Übergesprungenen zog man hervor . Rodewald gerieth in Widersprüche mit seinen Freunden , mit seinem eignen Schwager Wildungen , in dessen Hause er nie mehr genannt werden durfte , er gerieth in Widersprüche mit sich selbst . Die Verhaftungen , die Absetzungen - erschreckten ihn endlich . Er sann ernster über die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem System der konstitutionellen Politik zu finden , deren Lehre damals neu war . Aber nun kam er wieder in Konflikte mit den Ministern und Räthen , die ihm seiner wissenschaftlichen Richtung wegen so wohlwollten . Um ein gefährliches Element zu entfernen , gab man ihm auf drei Jahre die Mittel , in Italien zu reisen , Handschriften zu vergleichen , Klöster und Abteien zu durchstöbern , den Wandelungen des alten Rechts in den italienischen Municipalinstitutionen nachzuforschen . Rodewald , einen Bruch ahnend , nahm diesen Vorschlag an . Die Frauenwelt , die Lust , das Leben ergriffen ihn . Auf der Reise an den Ufern des Oberrheins , im Kanton Graubündten , im Abteigarten von Ragaz , an dem Sturz der von Pfäffers herabschäumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried , eine leidende , aber interessante und sehr reiche junge Wittwe , eine geborne von Marschalk , kennen . Die Rosen- und Epheukränze , mit denen sich Faust schmücken wollte , als ihm das Studirzimmer zu eng wurde , wand ihm die Hand einer poetisch gestimmten , bizarren Frau . Drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen , leidenschaftlichen , in Allem excentrischen Pauline in Italien , bald in Rom , bald in Florenz , bald in Neapel wohnend . Charlotte Ludmer sorgte für die großartigste Bequemlichkeit , die das liebende Paar mit Poesie und Schwärmerei genoß . Rodewald konnte sich sagen , daß er damals ein Wesen unendlich glücklich machte , Pauline hätte erwidern müssen , daß sie es nicht immer verdiente . Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau , die in einem Augenblick zu sterben fürchtet und im andern eine Lebenslust zeigt , die sie zum Trotz , zur Eitelkeit , zu hundert kleinen Konflikten mit der Gesellschaft hinriß . Es ist ein unverwüstlicher Trieb vieler Frauen , die bedeutendere Natur der Männer sich gleich zu machen , die allzuhohen Thürme und Dächer in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des gegenseitigen Baues zu nivelliren , wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgeschoß zu verweisen . Sie ruhen nicht , bis derselbe Mann , den sie zu lieben vorgeben , klein , endlich , geringfügig vor ihnen steht . Sie ruhen nicht , bis es nicht den Anschein hat , daß ein Mann mit all seinen irdischen oder geistigen Vorzügen , mit allen seinen Erfahrungen und seinem gereifteren Wissen doch ihrer als tief-bedürftig und vor ihnen pygmäenhaft klein erscheint . Dasselbe Gefühl , das hochherzige Frauen treibt , den Mann ihrer Liebe zu schmücken , ihn zu erheben , sein Wesen zu verschönern , ihn bedeutend selbst im Kleinen , liebenswürdig selbst in Schwächen zu finden , wird bei Andern durch das Streben ersetzt , die Gegenstände ihrer Liebe hülflos , arm , pedantisch , komisch , kleinlich darzustellen ... bis dann endlich die Vergleichung eintritt , bis der Schleier der Selbstlüge fällt und erkannt wird , was man verlor , vergleicht , was man besitzt und besaß , bejammert , daß man sich den schönen Traum des Glückes , das Ideal der möglichen Vollkommenheit , muthwillig zerstörte ... Pauline kehrte nach drei Jahren mit Rodewald in den Norden zurück . Der Erfolg dieses Wiedersehens des vaterländischen Bodens und seiner Verhältnisse war kein glücklicher . Heinrich Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrschenden Thatsachen nichts , was ihm wohlthun konnte ; doch versuchte er eine Anknüpfung an seinen alten Lebensberuf , der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war . Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen , sah seinen Fleiß sogar mit Neid an . Während sie an Brustkrämpfen auf ihrem Sopha , im innersten Athem zusammengeschnürt , lag und stöhnte , litt sie noch qualvoller an der Vorstellung : Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft , wird bewundert , verehrt , hervorgezogen in jener ! Sie konnte nicht hören , daß man seinen Geist , seine Schönheit rühmte . Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen , die ihr den Tod geschworen hatten . Sie fesselte Niemanden , sie war nie schön . Nur ihre Gestalt hob sie und ihr Reichthum ; und da sie kränkelte , konnte sie weder jene , noch diese geltend machen . So endete die Krisis damit , daß die Ärzte ihr einen dauernden Aufenthalt im Süden vorschrieben . Von Heinrich Rodewald wurde stillschweigend vorausgesetzt , daß er sie begleite . Als er zögerte , welche Scenen ! Welche Thränen , welche Kämpfe ! Er widerstand diesem Jammer nicht . Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religiösen Lebens sich zurechtfindend , folgte er Paulinen willenlos . Welche qualvollen vier Jahre ! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majestätischen Schauspiels der Natur , dann Eifersucht , physische Leiden , lange Reisepausen in kleinen elenden Städten , um nur Paulinen Ruhe zu gönnen , bis sich ihre unverwüstliche Natur erholt hatte . Er war in Paris , in Spanien sogar , in der Schweiz , in Italien und Griechenland mit dieser Frau , die ihn nicht heirathete , eingestandenermaßen , um ihrem Adel nicht zu entsagen . Es folgten ihnen immer zwei Fourgons mit Geräthschaften , zwei Bediente , zwei Kammerzofen außer der Ludmer und einem Kurier . Es war die Zeit der großen Reisen . Die Friedensepoche , der Sturz und Tod Napoleon ' s hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze Erdreich lebendig gemacht . Es wimmelte von Anmaßungen , Verschwendungen , Tollheiten und dazwischen stand Absolution ertheilend eine Religion , die den unbedingten Glauben lehrte , und eine Philosophie , die , Austern und Gänseleberpasteten verzehrend , vor Geheimrathspolitik sich beugend , behauptete : » Alles was ist , ist vernünftig . « Zu Paulinen ' s Eigenthümlichkeiten gehörte ein ausgedehnter Briefwechsel . Sie hatte große Befriedigung davon , mit aller Welt in Verbindung zu stehen . Da sie wußte , daß das beste Mittel , Briefe zu ernten , Das ist , Briefe zu säen , so war Rodewald froh , sie sich doch am Schreibtisch sammeln , da sich bilden und beruhigen zu sehen . Ihre Nerven bedurften der Schonung . Ihr Leben war nicht ohne Gefahr . Sie befand sich in jenen Krisen eines Körpers , der lange mit drohenden Übeln kämpft , bis die Natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen Störungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurückläßt . Aus diesen Briefen ergab sich eine sehr zärtliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury , einer jungen , schönen Adligen , die das Glück hatte , man nannte es Glück , den Liebling der damaligen Monarchenwelt , den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg , zu fesseln und seine Gemahlin zu werden . Wir kennen jenes Glück ! Die junge Gräfin hatte einige Jahre der Qual durchgelitten , als sie es bei den für sie immer beschränkten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte , eine Schweizerreise mit einem Aufenthalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin , Pauline von Ried , dort wieder zu sehen . Wir kennen die Geschichte dieses Wiedersehens ... Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen . Was ihm unter einer deutschen Eiche zu fassen , zu empfinden unmöglich ist , weht ihm die Luft unter einem italienischen Orangenbaume zu . Heinrich Rodewald lernte eine vornehme , aber gedemüthigte , mishandelte , ihre Hand hülfeflehend nach Schutz und Rettung ausstreckende junge Frau kennen ; ein gutes , sanftes , schwärmerisches Herz , aber einen wenig gebildeten Geist . Ihm that diese Mischung wohl , er liebte Amanda von Hohenberg . Pauline wurde getäuscht . Sie hatte das Recht , in ihrer Sprache von Dolchen zu sprechen , sie dachte an Gift , Mord und Verrath und doch glaubte sie nicht . Sie war zu stolz dafür , anzunehmen , daß in vier Wochen , während ihr das Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde , sich ein so folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Gräfin Hohenberg , die in dem stolzen Manne einen Unglücklichen , einen nach Erlösung von sich selbst Schmachtenden antraf . Es stand zwischen ihnen fest , daß sie das damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance aufführen wollten . Und bald sollte Das geschehen , in kürzester Frist , mit offnem Geständniß aller dabei nothwendigen Rücksichten . Amanda reiste ab . Der erste Brief schon kommt verspätet : der Graf - ist ein Millionär geworden ! Der zweite kommt noch verspäteter : der Graf - ist Fürst geworden ! Pauline ahnte ... triumphirte ... Rodewald bekämpfte seinen Schmerz und brütete über einen Entschluß . Schon jetzt hätt ' er ihn ausgeführt , schon jetzt sich losgewunden , aber Pauline war krank , wurde bedenklicher , mußte nach Haus zurück , glaubte zu sterben . Die Entdeckung , die sie über Landeck machte , stieß ihr das Herz ab . Das Verlangen nach Rache zerwühlte die Eingeweide . Sie sah , daß die Fürstin Amanda sich mit Rodewald verständigen , nach ihrem möglichen Tode oder selbst wenn sie noch siechte , mit dem Vater ihres Kindes sich aussöhnen und sich die Anlehnung an eine bedeutende ihr so nahestehende Persönlichkeit nicht würde entgehen lassen . Da fiel sie auf den Gedanken , ein junges Mädchen , das zu ihrer Pflege nach Ems gekommen war , das von ihrem Leben , ihrem Vermögen abhing , die Nichte ihrer armen Schwester , einer Wittwe des jung verstorbenen Landraths von Harder , zu Rodewald ' s Frau zu machen . Dieser in solchen äußersten Lagen oft vorgekommene Plan gelang ihr . Dem jungen sechszehnjährigen Kinde wurde Rodewald als das Ideal eines Mannes geschildert , als eine in menschlicher Gestalt auf Erden wandelnde Gottheit ... Rodewald , erschöpft und lebensüberdrüssig , zwischen Faust und Don Juan schwankend , ließ sich die Liebe dieses reinen Kindes gefallen ... Egon von Hohenberg wurde inzwischen geboren . Pauline sah Rodewald ' s Bewegung , zitterte vor seiner Unruhe , die Ludmer entdeckte Briefe der Fürstin , er schien ihnen verloren für sie und ihre maßlosen Bedürfnisse ... er grübelte so verdächtig , er brütete so wehmüthig , er schloß sich so oft ein , er sah so ernst auf Karten , die vor ihm ausgebreitet lagen ... Wenn er sich mit Amanda wiederfände ? Nein ! Selma von Harder mußte ihn umschweben wie ein neckender Luftgeist , der ihn in heitre Regionen zog . Er sah des Kindes Verehrung , des Mädchens reine Liebe . Selma erkannte , daß dieser Mann von acht und zwanzig Jahren wie ein hohes Standbild unter dem gemeinen Gestrüpp der Alltäglichkeit emporragte . Sie liebte den Mann , den auch ihre Tante - so hoch verehrte . Der Einspruch ihrer Mutter , die in der Ferne von diesen Wirren erfuhr , war der entschiedenste . Selma wurde zurückgefodert , aber von Paulinen nicht gegeben . Anna kam selbst . Sie verrieth ihren tiefsten Abscheu vor Rodewald , einen Abscheu , den er unter Umständen bis zur Vernichtung begründet erkannte . Aber Selma blieb von ihm bezaubert . Festgebannt von seinem Auge , von seinem Ernst , von seinem ganzen Wesen gebunden , blieb sie in der Residenz nur bei Paulinen . Anna hatte alle Mutterrechte verloren . Damals jünger , eifriger , noch nicht gebrochen wie jetzt , noch nicht geknickt in ihren Aufflügen zu einem freien eignen Willen , benutzte Anna alle Mittel ihrer natürlichen Autorität . Sie verfehlten aber ihren Zweck . Die Verbindung zwischen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfaßt , sich diesen Mann auf immer zu sichern , ihn wenigstens nicht Denen preiszugeben , die sie betrogen hatten . Die Fürstin von Hohenberg , noch nicht wiedergeboren , noch nicht versöhnt mit ihrem Erlöser , lechzte nach Aussöhnung mit dem Vater Egon ' s. Sie schrieb , sie bat , endlich war der Augenblick einer Wahl über die Zukunft seines Herzens so dringend vor seinen nächsten Willen gestellt , daß er tief über sich selbst erschaudernd den Entschluß faßte , diesem Elend ein Ende zu machen , sich zu einem neuen Leben zu sammeln , mit Selma von Harder über die Meere in einen neuen Welttheil zu ziehen . Das reine , hingegebene Herz hatte keinen andern Willen als den des geliebten , angebeteten Mannes . Sie entfloh mit ihm . Anna , ihre Mutter , glaubte die Spur in Frankreich suchen zu müssen , sie verlor sie und konnte sich nur trösten in der Ergebung an das Unabänderliche . In Amerika begann der Vater Egon ' s von Hohenberg jene Läuterung , zu der empor sich nur Derjenige schwingen kann , der einst nicht aus Armuth , sondern aus Überfülle des Herzens fehlte . Ein karges Gemüth , eine leere Phantasie kann nie anders als nur einmal leben . Ein reicher glühender Geist setzt wie der Baum Ring an Ring und baut auf Trümmer neue Welten . Rodewald war ein Sieger , wo er auftrat . In seinem alten Sinne wollte er nicht mehr siegen , er wollte kämpfen und sah im Siege nur den Lohn der Mühe . Menschenfeindlich war allerdings sein Herz geworden ; Das mußt ' er sich zum Vorwurf machen und an diesem Übel krankte er lange . Er suchte die Einsamkeit , er floh die Menschen , er haßte sie . Amerika bot ihm die Fülle neuen Lebens , aber den Egoismus sah er grade hier in seiner vollsten Blüthe und so erfüllt von Poesie und Romantik war noch sein Herz , daß er sich in die neuen Formen des Staates , der Gesellschaft , der Sitten hier nicht finden konnte . Die Schauer der Natur suchte er , die hoben ihn . Dem Urgeist sich nahend , der in den Wäldern , an den wallenden Strömen rauschte , beugte er sein Knie und sein Haß milderte sich , da er Manchen sah , den es wie ihn getrieben hatte , sich in diese Uranfänge des Lebens zu flüchten . Manches Jahr blieb seine Ehe kinderlos . Dann wurde ihm Selma geboren , er nannte sie wie die Mutter . Er sagte sich : Du bist zuweilen noch zornig , zuweilen noch aufbrausend , du willst dein Kind nennen wie die Mutter ; so wirst du erschrecken , wenn du mit dem Kinde sanfter sprichst wie mit deinem Weibe , oder sanfter mit deinem Weibe wie mit deinem Kinde ; also ein Ton für Beide ! ... Rodewald kaufte nach manchem gescheiterten Experiment , nach mancher harten Erfahrung eine Niederlassung am Missouri . Diese erweiterte sich . Hier begünstigte ihn das Glück . Er fand gute Nachbarn , die ihm Geschäftsgenossen wurden . Es bildete sich eine Kolonie von Freunden , die das Glück in guter Laune erhielt ... Auch die Herzen trüben sich so , wenn der Himmel trübe wird . Diesen Genossen blieb er heiter . Sie verkauften Bauholz , Getreide , Thierhäute ; sie erwarben Alle . Es war ein Landstrich von einigen Meilen ; zwischen jeder Niederlassung ein Stück Wald und Feld ; aber meilenweit machte der ganze Bund sich verständlich . Sie hatten Zeichen , die immer den Zusammenhang sicherten . Viele Bürger der Union , viele Reisende besuchten Missouri-Garden , wie die Kolonie sich nannte , und Meister Harry war der Gärtner dieses Gartens oder in ihm die majestätische Baumkrone . Hier war es , wo Otto von Dystra zuweilen vorsprach , zuweilen jener Morton aus Newyork , in dem sich ein Deutscher vermuthen ließ , ohne daß der doch gleichfalls deutsche Farmer Harry forschte . Harry erwarb , wurde wohlhabend , für den Kontinent vermögend . Aber Selma starb und mit ihrem Tode bedrängte den Vater der Gedanke an die Zukunft seines Kindes . Er hatte dem Chaos der eignen Brust genug gethan . Mit dem Tode der Frau , die er sich durch eine Umwälzung der Seele gewonnen , war ein alter Ring seines Lebensbaumes abgesetzt , ein neuer drängte . Er wollte zurück um seines Kindes willen . Er hatte der Mutter versprochen , sich mit Anna von Harder auszusöhnen und ihr Selma zu bringen , falls sie sie besitzen , die Enkelin anerkennen wollte . Er rechnete auf eine harte Prüfung . Er wollte sie tragen . Amanda ' s Tod hatte Rodewald erfahren , auch Paulinen ' s neue Heirath mit Anna ' s Schwager . Diese Verbindung schien bedenklich . Er beschloß , erst unter dem Namen Ackermann den Kontinent wiederzusehen . Der Pächter Harry verpachtete seine Niederlassung in Missouri-Garden , nahm nicht für immer von dort Abschied , erhielt mancherlei Aufträge für Europa , auch jenen von dem unglücklichen Morton und kehrte auf den Boden der Heimat zurück mit seinem Kinde , das ihn als Knabe begleitete . Er sah die Residenz später als Schloß Hohenberg . Er war in Plessen , betrachtete das Denkmal der heimgegangenen Fürstin ; wir sahen seine Rührung . Er erfuhr die Wendung aller der Verhältnisse , die einst hier geherrscht hatten , er entdeckte Irrthümer , Wahn , Verblendung , Elend sogar und Armuth da , wo sein Herz so betheiligt schlug . Er lernt Dankmar Wildungen kennen . Der junge Mann fesselt ihn ; er fesselt sein Kind . Sie liebt ihn schon , als er mit bebendem Entsetzen erfährt , damals am gelben Hirsch erfährt , dies wäre Prinz Egon . Fast besinnungslos folgt er dem Zuge , der vom Schlosse in die Residenz fuhr , nach dem Heidekrug . Er will seinem Sohne , wenn er es wäre , sich zu nähern suchen . Er kommt zu spät in der Herberge an . Es ist schon Nacht ... es ist Mondschein ... Alles schläft . Daß Egon unter diesen zusammengewürfelten Menschen der Alltäglichkeit , diesen Gläubigern des Fürsten Waldemar , im Incognito lebte , schien ihm so natürlich ! Wie lockte ihn der Familienzug , der in Dankmar Wildungen , seinem Neffen lag , schon mit natürlicher , blutsverwandter Gewalt ! Er kommt in die Lage , Abends , als er Geräusch auf dem Korridor hört , im Mondschein sich Dankmar ' s Schlafzimmer zu nähern , er empfängt von dem schönen , vor dem unheimlichen Störenfried Hackert erschreckenden Mädchen ein Bild , das er bedeutet wird , in jenes Zimmer zu tragen . Sie entschlüpft . Er betrachtet das Bild . Es ist die Fürstin Amanda ! Zitternd nähert er sich dem nun gewiß gefundenen , schlummernden Sohne , legt das mit seinen Küssen bedeckte Bild unter Dankmar ' s Haupt und nimmt eine Locke von seinem Haupte . Diese Locke , wie hielt er sie hoch ! Wie verehrte er sie als das Einzige , was er von Egon besitzen durfte , von Egon , auf den er Dankmar ' s Männlichkeit und Adel übertrug ! Daß er sich entschloß , seine Kenntnisse von der Pflege des Bodens der Rettung seines Kindes zu widmen , war ein Gedanke , der ihn mit blitzschneller Begeisterung ergriff . Da ist mein Geld , da meine Hand , nimm , mein Sohn , dein Vater wird für dich sorgen ! So hätte er sprechen mögen zu dem kranken Prinzen im Schlosse , als er diesen Schlurck fast vor Zorn niederwarf . Aber konnte er so sprechen ? Konnte er sich verrathen , als Louis Armand die Nachricht brachte : Dein Wunsch ist erhört ! Wie glücklich war er in der Werkstatt der Maschinenbauer in jener Nacht , als er bei Willing und Leidenfrost die Hülfsmittel seines ihm liebgewordenen Berufes bestellte ! Wie freudig griff er seine schwere dem früheren idealischen Leben so fremde Aufgabe an , wie ergeben räumte er die sich ihm bald darstellenden Schwierigkeiten aus dem Wege ! Es gilt deinem Sohne , dachte er , deinem Sohne , der dir gehört vor Gott und Amanda ' s unsichtbarem Genius ! Kein Mensch auf Erden kann wissen , welcher innern Mahnung du hier folgst und welches der wahre überschwengliche Lohn deiner Mühen , die gottgefällige Himmelsblüthe deiner Arbeit ist ! Freilich bekümmerte ihn nun Alles , was er von Egon erfuhr . Er erlebte das Verletzendste . Nichts konnte so gefährlich sein als die Entdeckung , die er über Selma und des Mädchens liebende Neigung machte . Schaudervoll ergriff es ihn , als er dies keimende Regen und Wachsen in des Mädchens Brust beobachtete . Die Tragödie der alten Welt , der Fluch des Schicksals schien mit dunkeln Fittichen über ihn niederzuschweben . Welcher Beherrschung bedurfte er damals , als Louis Armand zum Besuche kam , die Anklagen gegen Egon wuchsen und Selma , sein Kind , immer parteiischer , immer gereizter für das Ideal aufloderte , das einmal von ihrem Auge nicht weichen wollte . Ein qualvoller Winter für ihn , der ihn unfähig machte , irgend etwas zu beginnen , was nicht in nächster Verbindung mit seiner Pachtung stand . Er hätte doch nun seinen wahren Namen sagen , Verbindungen mit Anna von Harder anknüpfen , Erkundigungen einziehen müssen ; er war nicht im Stande sich zu sammeln , nicht fähig , den geringsten auf die Lösung dieser Herzensaufgabe bezüglichen Entschluß zu fassen . Dann aber - die Wonne - die Erleichterung der beschwerten Brust ! Dies selige , jauchzende Aufathmen des gepreßten Herzens , als Selma in den Armen eines jungen Mannes lag , der sie zu umarmen den Muth besaß