“ Ach so — natürlich ! Ich vergaß — junge Damen reisen ja nicht allein . ” Er sah sie schalkhaft von der Seite an . Die Stelle seiner früheren Herbheit nahm nun eine lächelnde Ironie ein , welche Agathe sehr gut gefiel . “ Ja — also , denke Dir : Ich komme von meinem Spaziergang zurück , da sagt mir die Kellnerin , eine Gesellschaft warte auf mich , und eine junge Dame wäre mir entgegen gegangen ! ” “ Aber — keine Rede . . . . Ich bin Dir nicht entgegen gegangen , ” rief Agathe . “ Was — keine Rede . . . . Und ich stehe hier und vergehe vor Neugierde , wer die schöne junge Dame sein kann , die mich suchen will ! — Da mögt ihr am Ende gar nichts von mir wissen ? ” “ O doch — vorhin haben uns ein paar Herren gesagt , Du hättest so ein bedeutendes Buch geschrieben ? ” Martin Greffinger lachte hell auf . “ Und Ihr dachtet , ich säße irgendwo im Zuchthaus ? Das ist ja ausgezeichnet ! — Wer waren die Herren ? ” “ Professor Bürkner aus Zürich . ” “ So — ja ! Der hat mein “ Buch der Freiheit ” besprochen . — Ist er noch hier ? ” “ Ja — er hat sich mit Papa angefreundet . Sage nur , Martin — bleibst Du heut Abend ? ” “ Heut Abend ? ” rief Greffinger vergnügt , “ ich habe mich vorhin für eine Woche hier in Pension gegeben . ” “ Ach , das ist hübsch ! ” “ Ihr wohnt auch hier im Haus ? ” “ Ja . ” Ein Schatten ging über Greffingers charaktervolles Gesicht . Seine Augen blickten nachdenklich zu Boden . Und als sie dann wieder auf seiner Cousine weilten , war die Freude und der Glanz aus ihnen verschwunden . Das Urteil des schweizer Professors über Greffinger blieb nicht ohne Einfluß auf den Ton , in dem der Regierungsrat Heidling seinen Neffen begrüßte . Martin schien sich ja doch aus seinen früheren Verirrungen herausgearbeitet zu haben ! Man befand sich zudem im Ausland , und an der Carriere war nichts mehr zu verderben . Der Regierungsrat unternahm es , die Herren mit Greffinger bekannt zu machen . Bei dem schwankenden Schein der Windlichter verlebte man einen vergnügten Abend unter der Edelkastanie des Hotelgartens . Goldenen Asti im Glase , stieß Greffinger mit Agathe an , auf ihr Wiedersehen in der freien Schweiz . Eine Fülle von Kindheitserinnerungen überkamen den Heimatlosen — ein Gedenken an die ersten beklemmenden süßen Gefühle , an den ersten Sinnenrausch , den das Mädchen da neben ihm geweckt . . . . Was hatte er empfunden , als sie miteinander den Herwegh deklamierten im sommerheißen Parke von Bornau ! Er fand plötzlich wieder Interesse für alle die Menschen , an die er jahrelang nicht gedacht . “ Wie geht es Eugenie ? ” “ Drei Kinder — und Walter wird demnächst Hauptmann . ” “ Mimi ? — Diakonissin ? Wenn es sie glücklich macht . Der Geschmack ist verschieden ! ” “ Und Du , Agathe , wie lebst Du ? ” “ Wie ' s so geht . . . . Onkel Gustav war krank , ein halbes Jahr , dann Mama ein Vierteljahr . ” “ Du hast es schwer gehabt . ” Es antwortete ihm kein Blick . Ihre Augen senkten sich , und ihr verblühtes Antlitz wurde noch dürftiger und spitzer . “ Agathe , soll ich Dich morgen auf dem See rudern ? ” “ Ach Martin , willst Du wirklich ? ” Sie fuhren auf dem Wasser , oder sie saßen in der Veranda der kleinen Wirtschaft unten am See und sprachen mancherlei . Agathe war dem Professor Bürkner unendlich dankbar , daß er ihren Vater zu weiten Ausflügen beredete , an welchen Damen nicht teilnehmen konnten . Auch Martin hielt sich zurück . Er hatte zu arbeiten . Dann kam er später und holte Agathe ab . Der Gerichtsrätin ältliche Tochter sah ihnen neidisch nach . Greffinger behandelte Agathe wie eine alte Freundin , der man Vertrauen schenken konnte . Und sie war nicht verliebt in ihn — Gott sei Dank ! Aber was er ihr von seinem Leben , seinem Streben und Denken sagte , interessierte sie brennend und regte sie beinahe ebenso auf , als machte er ihr den Hof . Es war ihr alles so neu , so überraschend , so ganz verschieden von dem , was sie sich vorgestellt hatte . Die Parteibande der Sozialdemokratie hatte er schon längst durchbrochen . “ Das ist auch ein Wahn und eine Form der Tyrannei , die die arme Menschheit erst gründlich durchkosten und dann überwinden muß . . . ” — Warum er Agathe so tief in sein absonderliches Grübeln hineinsehen ließ ? Das fragte sie sich mit Verwunderung . Sie konnte ihm selten antworten , sie redete nicht seine Sprache . Sie verstand seine Ausdrücke oft nicht einmal und stellte sich etwas anderes unter seinen Worten vor , als er meinte . Und doch erfüllte seine Freundschaft sie mit tiefer , heißer Befriedigung . . . . . Nein , sie liebte Martin nicht , Gott sei Dank . Darum konnte sie ihm auch viel von dem sagen , was sie bedrückte . Nicht alles . Aber von dem Verhältnis zu ihrem Vater sprach sie , und er hörte den angesammelten Zorn in ihrer Stimme klingen . “ Der alte Mann wird Dich stets an allem hindern , womit Du Dir helfen willst . Wenn er seinen Bücherschrank vor Dir abschließt , und wenn er Dir das Leben abschließt . . . . Du mußt Dich von ihm frei machen ! Geh ' von ihm fort und suche Dir Arbeit und Freude , die Dich befriedigt . ” “ O Martin ! Das ist ganz unmöglich . ” “ Ja — Du fühlst Dich doch unglücklich bei ihm . Man sieht es Dir an . Dein Dasein ist unerträglich . Gut — so ändere es . ” “ Aber lieber Martin , sei doch nur vernünftig . Wie soll ich denn plötzlich meinen Vater allein lassen — ohne Geld und ohne Kenntnisse in die weite Welt hineinlaufen ? Er braucht mich . Wer soll ihn erheitern und pflegen ? Da draußen in der Fremde , da braucht mich niemand . ” “ Nein ! ” antwortete Martin sehr ernst , “ da braucht Dich niemand , und Du wirst Zeit bekommen , Dich endlich einmal auf Dich selbst zu besinnen — Dich wiederzufinden — die Du Dich ganz verloren hast ! ” “ Damit fänd ' ich auch was Rechtes ! ” klagte Agathe kleinlaut . “ Kannst Du noch gar nicht wissen ! Glaube mir , es ist sehr überraschend , sich selbst kennen zu lernen . ” — Sie wollte ihm doch zeigen , daß es wert sei , sich um ihr Wohl zu sorgen . Ging er , müde und abgearbeitet , nur schweigend neben ihr , so begann sie , ihm vorzuplaudern . Die kleinen Künste wendete sie auf , mit denen sie ihren Vater unterhielt . Das war nun ein Gebiet , auf dem sie Übung besaß . Sie konnte mit harmlos-drolligen Bemerkungen auch Martin oft zum Lachen reizen und seine düstern Stimmungen verscheuchen . Der Regierungsrat sah den Umgang seiner Tochter mit Martin nicht ungern . Es war ihm eine tiefe Kränkung gewesen , daß der Sohn seiner einzigen Schwester sich so ganz seinem Einfluß entzog . Vielleicht war er jetzt durch die Tochter wiederzugewinnen . “ Diesen jungen Männern , die toll ins Leben stürmen , thut es am Ende doch wohl , einmal wieder mit gebildeten Frauen zu verkehren , ” setzte er Agathe auseinander . “ Du hast da eine schöne Aufgabe zu erfüllen , mein Kind . Es würde mich freuen , wenn es Dir gelänge , Martin wieder mehr in unsere Kreise zu ziehen . ” So arbeiteten in dem stillen Bergasyl zwei Welten daran , sich gegenseitig zu retten . — Zuweilen wollte es Agathe scheinen , als verfolge Martin einen heimlichen Plan . Im Gespräch versank er oft in Nachdenken oder blickte sie lange forschend an . Manches andere Mädchen würde sich auf seine Freundschaft viel eingebildet haben . Ging er nicht durch den Garten , stieg über den Zaun und kam herauf in den Wald , wo sie saß und las , während der Professor aus Zürich vorn in der Veranda auf ihn wartete , um sich mit ihm zu unterhalten ? Nun — Gott sei Dank — sie war nicht verliebt in ihn . Sie sah gern auf seine Hände , wenn er die Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen begleitete . Es freute sie , daß er gutgepflegte weiße Hände besaß , die dabei kräftig und männlich waren . Aber das konnte man doch nicht Verliebtheit nennen . Sie prüfte sich ehrlich . Ganz gewiß nicht ? Unter keinen Umständen ? — Sie war doch noch widerstandsfähig ! Glücklicherweise . Es handelte sich jetzt auch um ganz andere Dinge als um Liebe . Wie sich die Beziehungen zu Martin durch ihr ganzes Leben zogen . Das erste kindische Wohlgefallen und Sehnen , es hatte ihm gegolten , wenn sie es sich auch damals nicht zugestand . Die erste Prüfung ihrer jungen , spröden Tugend — von ihm . Die große Leidenschaft hatte sie auseinandergerissen — zur selben Zeit die gleichen Schmerzen ihnen beiden . Und dann der einsame Kampf , sich aufrecht zu halten : er draußen in wilden Wettern und Stürmen die Seele geweitet und befreit — sie daheim im engen Raum die Seele wundgestoßen und zermürbt . O — es war etwas weit Höheres als Liebe , das sie jetzt zusammenführte . Nichts von alledem , was sie von Martin erwartet und gefürchtet , war aus ihm geworden . Kein Volksverführer und Aufwiegler zu wilden Thaten — kein Verschwörer und Bombenwerfer — und auch kein feige und vorsichtig zum Alten Zurückkriechender — kein müder Entsager . Nur ein freier Mensch war er geworden . Weiter nichts . Und was das heißen wollte — ein freier Mensch . Welche Kluft zwischen einer ganz auf sich gestellten Persönlichkeit , die nach eigenem Gesetz und eigener Wahl das eigene Leben führt , und den Kreisen ihrer Gesellschaft ! An solchem Maß gemessen — besaß jede That , jeder Gedanke ihres Daseins überhaupt noch Wert ? Das ahnte sie nun erst . Es war ein schauderndes Aufwachen mit ungeduldigem Flügelschlagen ihrer Seele . Wie reif und fest und ruhig er geworden , fiel Agathe besonders auf , wenn sie ihn im Verkehr mit dem Vater beobachtete . Nichts mehr von dem zornigen Auftrumpfen . Zwar suchte Martin kein längeres Zusammensein mit dem Onkel . Und der Frohsinn , die Jugendlichkeit seines Wesens traten nur hervor , sobald er allein mit Agathe in die Berge wanderte . Aber er wußte ungefährliche Gesprächsstoffe zu finden . Er verstand auch zu schweigen bei den sentenziösen Ausfällen des Regierungsrats gegen die Immoralität und die mangelnde Idealität der jungen Generation . “ Du mußt es mir hoch anrechnen , daß ich hierbleibe , ” sagte er einmal zu Agathe . “ Aber ich habe noch viel zu thun , bis ich alle Raupen aus diesem dummen , kleinen Mädchenkopf heraushabe . Ich Raupentöter ! — Wenn Du nur ernstlich wolltest ! ” “ Ich will ja , Martin . ” “ Willst Du wirklich ? Ach — ich gebe mir ganz umsonst Mühe mit Dir . Schließlich bist Du auch wie die andern alle . ” “ Wenn Du das glaubst , warum giebst Du Dir da Mühe ? ” “ Ja , das frage ich mich selbst ! Eines Morgens gehe ich doch auf und davon . ” Endlich machte er ihr den Vorschlag , den Vater allein heimreisen zu lassen und in der Schweiz zu bleiben — bei ihm in Zürich . Sie solle sich dort ein Zimmer nehmen . Er habe eine Arbeit , bei der sie ihm helfen könne . Das heißt , wenn es ihr zusagte . Denn falls sie ihre Kräfte allein erproben wolle , so stehe ihr das natürlich frei . Nur keinen Zwang — keine gegenseitigen Rücksichten : Bestürzt saß Agathe ihm gegenüber , die Augen gesenkt , ihre Handarbeit im Schoße ruhend , die Finger gegeneinander gepreßt , mit einem innern Erzittern . Was meinte er ? — Was bedeutete sein Anerbieten ? Er brachte es mit einer so ruhigen Stimme vor . — Wußte er nicht , daß er ihr etwas Ungeheures zumutete ? Er hatte nachgedacht . Das ging aus der Sicherheit hervor , in der er auch auf die praktische Seite zu reden kam . Er wisse ein Restaurant mit guter Hausmannskost . Dort verkehrten viele Studentinnen , tüchtige Mädchen , die das Leben ernst nahmen , von denen die eine oder die andere ihr gefallen würde . — Was ihr Unterhalt zu Haus kostete , würde ihr Vater ihr doch nicht verweigern ? “ O Martin — das würde er auf jeden Fall . Er würde ja außer sich sein ! ” “ Ja — ohne Kämpfe geht so ein Schritt nicht ab . Sieht er , daß Dein Entschluß unerschütterlich fest steht , wird er schon nachgeben . Sprich vorläufig nur von einem Jahr , meinetwegen nur von einem Winter ! ” Agathe schwieg . . . . . Ohne Unterhalt würde ihr Vater sie am Ende nicht lassen . Er nahm zu viel Rücksicht auf das Urteil der Menschen und war gewohnt , harte Thatsachen zu verschleiern . — — Aber fühlte Martin nicht , daß er selbst — seine Gegenwart in Zürich den größten Anstoß erregen mußte ? Wie merkwürdig , daß er ' s nicht fühlte . . . . Sie konnte ihn doch unmöglich darauf hinweisen ? Der Schritt war ein Bruch mit allem Vorhergegangenen . War er gethan , so gab es keine Rückkehr nach Haus — wenigstens keine innere Rückkehr . Wollte sie denn überhaupt Rückkehr ? Sicher nicht . “ Dein Vater ist ja nicht krank . Würdest Du heiraten , müßte er sich auch behelfen ! ” “ Darin hast Du Recht ! ” “ Du brauchst Dich in dieser Stunde nicht zu entscheiden . Aber thue es bald . Und dann schnell gehandelt ! Nicht erst noch zurück in die alten Verhältnisse . ” Er war doch stark erregt . Sie sah es , als er aufstand von der Bank , auf der er an langem Brettertisch ihr gegenüber gesessen und die Wirtin rief , um Wein und Brot zu bezahlen . Schweigend kehrten sie heim , einen weiten Weg über fahlgrüne , schwerduftende Matten , auf denen der Sonnenglanz flimmerte . Martins Augen waren tief ernst , sein Blick in sich gekehrt , sein Antlitz ohne Freundlichkeit . Zuweilen hob Agathe den Kopf und befragte stumm sein Profil . Aber er ging schweigend voran . Er hatte gesprochen — sie mußte wählen . Nur noch einen aufmunternden , überredenden Blick ! Sie fürchtete sich vor ihm . Oft hatte das Harte , Herrische in seinem Wesen sie abgestoßen , nun empfand sie es wieder . — Um seinetwillen . . . . ? — Nein — nicht um seinetwillen — was geschah , sollte sie für sich selbst thun . Konnte sie das nicht aufnehmen , ihr Denken und Fühlen davon durchdringen lassen ? Sie vergaß es immer wieder , und die Gewohnheit der früheren Anschauungsweise behielt ihr Recht . Was man nicht um eines anderen willen that , war verwerflich . Um ihrer Selbst willen . . . — — Wie dachte er sich das Zusammenarbeiten ? Wußte er nicht , wofür ein jeder sie halten würde ? Das war ihm wohl ganz gleichgültig , auf das Urteil der Welt hatte er niemals viel gegeben . Dort in Zürich mochte auch der Verkehr von jungen Männern und Mädchen freier sein , als bei ihnen . Und sie war ja auch nicht mehr jung . Hielt er sie für so ganz ungefährlich ? — Aber wie würde man in der Heimat über sie urteilen ? Immer hatte sie geglaubt , der große Mensch , der heroische Entschlüsse fähig sei , schlafe nur in ihr . Jetzt rief Martin ihn mit starker Stimme an . Nun mußte es sich zeigen , ob er überhaupt noch da war — nicht längst verschrumpft und verdorrt . Es war schauerlich aufregend und anziehend , sich das vorzustellen : Alle Welt hielt sie für eine Gefallene — nur sie selbst trug das Bewußtsein ihrer kühlen Reinheit in sich . Und Martin , der hatte natürlich eine unbegrenzte Hochachtung vor der stillen Kraft , mit der sie , allen Verläumdungen zum Trotz , den gewählten Weg weiter schritt . Solche Frau war ihm denn doch noch nicht vorgekommen . — — Er bat sie um Liebe — bat sie immer wieder — flehte — wurde leidenschaftlich . . . . . Sie sah ihn vor sich wie nach Eugeniens Trauung , den Kopf in die Gardine gepreßt — schluchzend , durchschüttelt von wildem Verlangen . . . Aber in eine bürgerliche und nun gar in eine kirchliche Trauung würde er wohl niemals einwilligen . Gott sei Dank — sie liebte ihn nicht . . . . Nur irgendwie kam ihr der Wunsch , ihre Wange gegen seine Hand zu lehnen , sich von dieser kräftigen weißen Hand über Stirn und Brauen streichen zu lassen . — Von solchen weiblichen Schwächen durfte sie nicht träumen , wenn sie es wagen wollte , ihren Plan auszuführen . — — — Nun war es mit dem Schlaf in der Nacht überhaupt zu Ende . “ Die Mädchen mit Talent sind doch zu beneiden , ” klagte Agathe ihrem Vetter . “ Jedermann findet begreiflich , daß sie es ausbilden . Sogar die arme steife Frau von Henning hat ihre Tochter nach Paris gehen lassen . Fragt mich mein Vater , was in aller Welt ich in Zürich thun will — ich habe eigentlich keine Antwort . Und wer weiß , ob ich mich dort nicht noch überflüssiger fühle als zu Haus . Zwar — es ist schon wunderschön , einmal sein eigener Herr zu sein ! ” “ Das wollt ' ich meinen , ” rief Greffinger und lachte herzlich . Agathe war ungefähr in der Stimmung , in der sie als Kind auf den Ketten am Kasernenplatz gesessen und mit den Beinen gebaumelt hatte — ein wenig ängstlich , ein wenig beklommen , aber doch so heimlich frech und froh . Sie saß neben Martin auf dem Deck des Dampfers . Durch das blau aufschäumende Gewässer rauschte ihr Fahrzeug dem jenseitigen Seeufer entgegen . Agathe wollte mit ihrem Vetter das Hörnli besteigen . Man sollte von dem Felsplateau schon auf mäßiger Höhe einen herrlichen Rundblick genießen . Längst war die Partie geplant . Aber mit Papa und Martin und Gerichtsrats — nein , von der Zusammensetzung versprach Agathe sich nicht viel Vergnügen . Nun hatte Papa einen zweitägigen Ausflug mit dem Professor und ein paar anderen Herren unternommen . Martin lockte Agathe auf ihrem Morgenspaziergang weiter und weiter , bis zum Ufer . Dort lag der Dampfer bereit . Und Agathe hatte ihm selbst den Vorschlag gemacht , mit ihr hinüber zu fahren . “ Du fängst ja schon an , Dich zu emanzipieren , ” rief er fröhlich . Agathe bedauerte , daß das Dampfschiff nicht gleich bis nach Zürich fuhr . Heut wäre es ihr leicht geworden , ihrer ganzen Vergangenheit , Vater und Freunden und solidem Ruf und allem Lebewohl zu sagen . Sie waren beide sehr vergnügt und schwatzten lustige Thorheiten . Martin richtete die verfängliche Frage an Agathe , warum sie nicht geheiratet — sie hätte doch gewiß viel Körbe ausgeteilt . Agathe schüttelte den Kopf . — Sie wäre gewiß immer zu abweisend gegen die Männer gewesen ? Er erzählte ihr von einem Gymnasiasten , der sich die Buchstaben A. H. mit einer Stecknadel und blauer Tinte auf die Brust tätowiert habe . Agathe plagte ihn um den Namen . Er verriet ihn nicht , fügte nur hinzu : “ Ich war es aber nicht . ” Agathe glaubte doch , daß er es gewesen . Martin versprach ihr , wenn sie auf dem Hörnli wären , sollte sie Asti zu trinken bekommen . Er betrug sich heut überhaupt recht wie ein junger Mann , dem der Kopf voll Tollheiten steckt . Oben auf dem Hörnli schrieb er ins Fremdenbuch des Gasthauses : Mark Anton Grausiger , Wäschefabrikant und Gattin . Darüber geriet Agathe ins Kichern wie ein Schulmädchen . Vor ihnen lag in Totenstille und Mittagsduft die Kette der schneebedeckten Gebirge , der ungeheuren Felsenmassen , deren Farben im Lichtglanz aufgelöst waren . Tief im Thal reckten dunkle Wälder sich zum Wasser nieder , und in fahlem Blau schlummerte der glatte See . Nußbäume gaben Schatten über ihren Köpfen , und die Waldrebe kletterte an den Stämmen empor , rankte ihre zierlichen Klammerzweige mit den weißen Blüten von Ast zu Ast . Aus einem dunklen Gestrüpp von Lärchen und Tannen , durch das der Weg sich emporwand , hauchte es zuweilen wie ein kühler , duftender Atemzug über sie hin . Dort blühten Alpenveilchen im Moose . Es war heiß , und sie wurden müde und schweigsam im Ruhen und Schauen . Martin hatte den Hut abgenommen , sein Gesicht glühte , und er trocknete sich die Stirn mit dem Tuch . Eine kleine Kellnerin brachte ihnen das Essen und bediente sie . Das frische Ding , rund , weiß und rot wie ein Borsdorfer Äpfelchen , war appetitlich anzusehen in ihrem schwarzen Sammetmieder und der hellen Schürze . Agathe und Martin beobachteten , daß ein plumper , fettglänzender Mann mit einem großen Siegelring am Zeigefinger , der seine Mahlzeit schon beendet hatte , die niedliche Kleine zu sich winkte , einen Stuhl herbeizog und sie zudringlich nötigte , sich neben ihn zu setzen und ein Glas Wein mit ihm zu trinken . Sie antwortete ungeduldig ; man konnte sehen , es war nicht das erste Mal , daß sie sich gegen ihn zu wehren hatte . Er versuchte , sie am Rock festzuhalten , sie befreite sich unwirsch , schalt derb auf ihn ein und lief davon . Agathe wandte die Blicke ab . Die Natur und ihre eigene frohe Stimmung waren ihr entweiht . “ Dem Kerl möcht ' ich die Wahrheit sagen , ” grollte Martin zornig . “ Was solch armes Mädel zu ertragen hat ! ” Der dicke alte Philister ging , nachdem sein Versuch , einmal über die Stränge zu schlagen , mißglückt war , verdrießlich schnaufend fort . Wie schön ! Nun waren sie allein und konnten unbefangen schwatzen . Agathe hörte es gern , wenn Martin in Eifer geriet und ihr auseinandersetzte : sie müsse vor allen Dingen das Leben kennen lernen , wie es wirklich sei , nicht wie es wohlerzogenen Regierungsratstöchtern vorgemalt werde . Dann würde das Interesse an dem vielgestaltigen , grausig mächtigen und herrlichen Ungeheuer so stark in ihr werden , daß sie es wieder lieben lerne in seinen Abgründen und Tiefen und schroffen , schrecklichen Höhen , und daß sie gesund und froh werden würde an der Luft der Erkenntnis . “ Bist Du nicht weitergekommen in diesen vierzehn Tagen ? ” fragte er . “ Haben wir nicht schöne Stunden miteinander gehabt ? War das nicht besser , als Deine Gesellschaften und Deine Referendare und Lieutenants ? ” Agathe bejahte mit einem tiefen , leuchtenden Blick ihrer braunen Augen . Herrlich sprach er ! Welch ein Glück , daß sie ihn wiedergefunden ! Es war ja schon fast am Ende gewesen mit ihr . Diese elende , in lauter kleine Leiden und Sorgen und unnötige Arbeiten zerfaserte Existenz der letzten Jahre . Sie sprach ihm davon . Nie hätte sie geglaubt , so offen reden zu können , und mit einem Manne noch dazu — einem jungen Manne . Aber hier war nicht mehr Mann und Mädchen , hier waren zwei gute Kameraden , die einander helfen wollten in Treue und redlicher Gesinnung . “ Was Du mir sagst , ist sehr interessant , Agathe , ” rief Martin . “ Schreibe es auf — mit denselben Worten , wie Du es mir eben erzählt hast . ” “ Ach , Martin , ich bin ja keine Schriftstellerin . ” “ Ich meine nicht , daß Du damit ein Kunstwerk schaffen wirst . Das ist nur die Sache von ein paar Begnadeten . ” Er sprach langsam weiter . “ Ich weiß überhaupt nicht , ob es heute darauf ankommt , Kunstwerke zu schaffen . . . . . Wir leben alle so sehr im Kampf ! — — Kümmere Dich nicht um die Form ! Sag ' Deinen lieben Mitschwestern nur ehrlich und deutlich , wie ihr Leben in Wahrheit beschaffen ist . Vielleicht bekommen sie dann Mut , es selbst in die Hand zu nehmen , statt sich von ihren Eltern und der Gesellschaft vorschreiben zu lassen , wie sie leben sollen , und dabei kranke , traurige , hysterische Frauenzimmer zu werden , die man mit dreißig Jahren am liebsten alle miteinander totschlüge ! — Na — lockt Dich das nicht ? mitzuarbeiten für das Recht der Persönlichkeit ? — Komm , stoß an — es lebe die Freiheit ! ” Er rief es mit starker Stimme . Sein sonnenverbranntes Gesicht strahlte in freudiger Bewegung . Agathe hob ihr Glas ihm entgegen . Ein feiner , schriller Klang zitterte durch die Mittagsstille . Dem Mädchen war es , als höre sie im Nachhall ihr eigen Herz und ihre Nerven klingen , so gespannt war alles in ihr zu begeisterter Hingabe an das Werk , das er ihr zeigte . Langsam schlürfte Greffinger den hellen Wein . Agathe sah halb unbewußt , daß sein Blick über das Glas hinweg auf die kleine Kellnerin ging , die sich nicht weit von ihnen mit einer Häkelarbeit beschäftigte . Sie nahm es wahr , während ihre Gedanken ganz erfüllt waren von dem Neuen , das in ihr zu wirken begann . Sie stützte den Kopf in die Hand und schaute nach der großen Tiefe , die zum See hinunterging . Schweigend versenkte sie sich in dieses Neue , das ihrer Zukunft etwas Werdendes versprach . Etwas Werdendes — — ! Darin lag die Befreiung . — — Darum hatte das Zusammenleben mit den Eltern sie so unglücklich gemacht , trotz aller Liebe und aller Pflichtreue : es war ohne Hoffnung . Sie sah nichts als Absterben um sich her . Sie war mit frischen Kräften und jungen Säften angeschmiedet worden an Existenzen , die schon Blüte und Frucht getragen hatten und nur noch in Erinnerungen an die Zeit ihrer Wirkungshöhe lebten . Und mit den Erinnerungen , die sie eigentlich gar nichts angingen — mit den Errungenschaften der vorigen Generation hatte sie sich begnügen sollen . Etwas Werdendes . . . Ein Kind — oder ein Werk — meinetwegen ein Wahn , jedenfalls etwas , das Erwartungen erregt und Freude verspricht , mit dem man der Zukunft etwas zu schenken hofft — das braucht der Mensch , und das braucht darum auch die Frau ! Agathe war ganz stolz und glücklich , als sie aus dunklen Empfindungen endlich diesen Kern entwirrt hatte . Sie mußte ihn Martin mitteilen und wendete sich ihm wieder zu . Er sah es nicht . . . — Was war denn vorgegangen ? Er blickte noch immer nach der Kellnerin . Waren das seine Augen , in die sie eben noch geschaut wie in zwei klare Sterne , von denen ihr die Verkündigung einer stolzen , hohen Botschaft kam ? War sie denn verrückt geworden , daß sie Martin plötzlich verwandelt sah ? Dem widerlichen Kerl , nach dessen Verschwinden sie aufgeatmet hatte — dem sah er ähnlich . . . Die halbgeschlossenen , blinzelnden Lider , aus denen ein grünliches Licht nach dem Mädchen drüben züngelte . . . . Das Lächeln um die Lippen — sie sprachen kein Wort — sie lockten und baten doch . . . . Und — er hatte mehr Glück als der Alte . Lautlos war , während sie abgewendet gegrübelt hatte , eine Verbindung hergestellt zwischen ihm und dem jungen Dinge . Sie störte die hin- und widerflirrende Werbung . Martin schenkte sich ein und schwenkte sein Glas mit offener Huldigung gegen die Kleine . “ Fräulein ! ” rief er und trank es leer bis auf den letzten Tropfen . Dann beugte er sich zu Agathe und flüsterte zutraulich : “ Reizendes Mädel — findest Du nicht ? ” Ihr Mund verzog sich seltsam . Er beachtete es nicht , sondern begann sich mit der kleinen Schweizerin zu unterhalten . Fröhliches , dummes , harmloses Zeug , aber es war ein Unterton in seiner Stimme , den Agathe kannte — aus einer lange entschwundenen Zeit . Als sie aufstand , um zu gehen , wunderte sie sich , daß die Sonne noch schien . Wollte Martin sie nur auf die Probe stellen ? — Sich überwinden — ihn ihre ungeheure Enttäuschung und Kränkung nicht fühlen lassen ! Aber alle Selbstbeherrschung war plötzlich von ihr gewichen . Er war ihr widerwärtig geworden , aber noch widerwärtiger war sie sich selbst . Was hatte sie an einem solchen Manne finden können ? Wie war sie zu der Verirrung gekommen , ihn für groß und bedeutend zu halten ? Und warum riß ein so grausamer Schmerz an ihrem Herzen ? Sie quälte sich und ihn mit finsterer Kälte . Am Abend nach dem Essen forderte Martin sie auf , noch ein Stück mit ihm spazieren zu gehen . “ Hier können wir doch kein Wort sprechen ,