sie geführt wird , auch ihn treffen muß ? Er ist der Herr des Schlosses ; man macht ihn verantwortlich für alles , was dort geschieht . « » Und das mit vollem Rechte ! « rief Gretchen hitzig werdend . » Warum reist er fort und läßt den Umtrieben Thür und Thor offen ? Warum ist er mit seinen Verwandten einverstanden ? « » Er ist es nicht , « beteuerte Fabian , » im Gegenteil , er setzt sich mit aller Entschiedenheit dagegen ; seine Reise hat ja nur den Zweck – mein Gott , zwingen Sie mich doch nicht , von Dingen zu reden , von denen ich gar nicht weiß , ob ich sie Ihnen verraten darf ! Aber das weiß ich , daß Waldemar alles daran liegt , Mutter und Bruder zu schonen . Er hat mir bei der Abreise das Versprechen abgenommen , ich solle nichts hören und sehen wollen von dem , was im Schlosse vorgeht , und Ihrem Vater hat er ähnliche Weisungen gegeben . Ich hörte es , wie er zu ihm sagte : › Ich mache Sie verantwortlich dafür , daß die Fürstin inzwischen unbehelligt bleibt ; ich nehme alles auf mich . ‹ Aber jetzt ist er fort ; Herr Frank ist fort , und nun führt ein unglücklicher Zufall gerade jetzt diesen Assessor Hubert her , der um jeden Preis etwas entdecken will und auch entdecken wird , wenn man ihm freie Hand läßt . Ich bin ganz ratlos . « » Das kommt davon , wenn man mir etwas verschweigt , « sagte Gretchen strafend . » Hätte man mich ins Vertrauen gezogen , so hätte ich mich rechtzeitig mit dem Assessor gezankt , und dann wäre er fürs erste nicht hierhergekommen . Jetzt soll ich Rat schaffen . « » Ach ja , thun Sie das ! « bat der Doktor . » Sie vermögen ja alles über den Assessor . Halten Sie ihn zurück ! Er darf heute durchaus nicht in den Umkreis des Schlosses kommen . « Fräulein Margarete schüttelte bedenklich den Kopf . » Da kennen Sie Hubert nicht ; den hält kein Mensch zurück , wenn er erst einmal eine Spur gefunden hat , und finden wird er sie , wenn er überhaupt in Wilicza bleibt , denn er fragt regelmäßig den Inspektor aus ; also darf er gar nicht hier bleiben . – Ich weiß ein Mittel . Ich lasse mir von ihm eine Erklärung machen – er setzt jedesmal dazu an ; ich lasse ihn nur nie so weit kommen – und dann gebe ich ihm einen Korb . Darüber wird er so wütend werden , daß er Hals über Kopf nach L. zurückfährt . « » Das gebe ich unter keiner Bedingung zu , « widersprach der Doktor . » Was auch kommen mag , Ihr Lebensglück darf nicht das Opfer werden . « » Glauben Sie etwa , daß mein Lebensglück von Herrn Assessor Hubert abhängt ? « fragte Gretchen mit verächtlich aufgeworfenen Lippen . Fabian glaubte das allerdings . Er wußte ja aus Huberts eigenem Munde , daß dieser » sicher auf ein Ja rechnen durfte « , aber eine sehr begreifliche Scheu hielt ihn zurück , diesen Punkt näher zu berühren . » Mit solchen Dingen darf man niemals Scherz treiben , « sagte er vorwurfsvoll . » Der Assessor würde früher oder später die Wahrheit erfahren , und das würde ihn tief verletzen , ihn vielleicht auf ewig von Ihnen entfernen – niemals ! « Gretchen sah etwas betroffen aus ; sie begriff zwar durchaus nicht , wie man einen Korb so ernst nehmen könne , und machte sich herzlich wenig aus der ewigen Entfernung des Assessors , aber der Vorwurf traf doch ihr Gewissen . » Dann bleibt nichts andres übrig , als ihn von der richtigen Fährte weg und auf eine falsche zu bringen , « erklärte sie nach kurzem Besinnen . » Aber , Herr Doktor , damit nehmen wir doch eigentlich eine schwere Verantwortung auf uns . Es verschwört sich zwar alles hier in Wilicza , so daß ich nicht einsehe , weshalb wir beide es nicht auch einmal thun sollen , aber wir machen , streng genommen , doch ein Komplott gegen unsre eigene Regierung , wenn mir ihren Vertreter abhalten , seine Pflicht zu thun . « » Der Assessor hat keinen Auftrag , « rief der Doktor , der auf einmal ganz heldenmäßig geworden war , » er folgt nur seinen eigenen ehrgeizigen Ideen , wenn er hier herumspürt . Mein Fräulein , ich gebe Ihnen mein Wort darauf , die geheimen Umtriebe haben die längste Zeit gewährt . Es wird ihnen ein für allemal ein Ende gemacht – ich weiß es aus Waldemars eigenem Munde , und er ist der Mann danach , sein Wort zu halten . Wir verschulden nichts gegen unsre Landsleute , wenn wir ein ganz nutzloses Unglück verhüten , das der übertriebene Eifer eines Beamten heraufbeschwört , den man in L. vielleicht gar nicht einmal gern sieht . « » Gut , also machen wir ein Komplott ! « sagte Gretchen entschlossen . » Der Assessor muß fort , und zwar noch in der ersten Viertelstunde , sonst geht er gleich wieder auf die Verschwörungsjagd . Da kommt er schon über den Hof . Ueberlassen Sie mir alles , stimmen Sie nur zu – und jetzt wollen wir das Buch wieder vornehmen . « Als Assessor Hubert einige Minuten später eintrat , hörte er in der That die dritte Strophe des französischen Gedichtes und war sehr erfreut , daß Doktor Fabian Wort gehalten hatte und daß die künftige Frau Regierungsrätin sich so eifrig in der höheren Bildung übte , die für ihre dereinstige Stellung unerläßlich war . Er begrüßte beide , erkundigte sich nach dem Herrn Administrator und nahm dann den angebotenen Platz ein , um die jüngsten Neuigkeiten aus L. zu erzählen . » Ihr ehemaliger Zögling hat uns eine große Ueberraschung bereitet , « sagte er verbindlich zu Fabian . » Wissen Sie denn davon , daß Herr Nordeck , als er auf seiner Reise unsre Stadt passierte , bei dem Herrn Präsidenten vorgefahren ist und ihm einen anscheinend ganz offiziellen Besuch gemacht hat ? « » Jawohl , es war die Rede davon , « erwiderte der Doktor . » Seine Excellenz waren sehr angenehm dadurch berührt , « fuhr Hubert fort . » Offen gestanden , man hatte bereits die Hoffnung auf eine Annäherung von dieser Seite aufgegeben . Herr Nordeck soll äußerst liebenswürdig gewesen sein ; er erbat sich sogar die Zusage des Herrn Präsidenten , der nächsten Jagd in Wilicza beizuwohnen , und ließ etwas von andern Einladungen fallen , die nicht minder überraschen werden . « » Hat denn der Präsident angenommen ? « fragte Gretchen . » Gewiß ! Seine Excellenz meinten , die Sache sähe fast aus wie eine Stellungnahme des jungen Gutsherrn , und fühlten sich verpflichtet , ihn darin zu unterstützen . Wirklich , Herr Doktor , Sie würden uns sehr verbinden , wenn Sie uns irgend einen Aufschluß über die eigentliche Stellung des Herrn Nordeck – « » Von Doktor Fabian erfahren Sie gar nichts ; er ist noch verschlossener als der junge Herr selbst , « fiel Gretchen ein , die sich veranlaßt fühlte , ihrem Mitverschworenen zu Hilfe zu kommen , denn sie sah bereits , daß er sich durchaus nicht in seine Rolle finden konnte . Er wurde fast erdrückt von seinem Schuldbewußtsein , und die beste Absicht half ihm nicht über den Gedanken hinweg , daß der Assessor betrogen werden sollte , und daß er dabei mithalf . Fräulein Margarete dagegen nahm die Sache weit leichter : sie ging geradeswegs auf das Ziel los . » Werden wir Sie denn heute zum Abendessen haben , Herr Assessor ? « warf sie hin , » Sie haben doch jedenfalls drüben in Janowo zu thun ? « » Daß ich nicht wüßte ! « erwiderte Hubert . » Weshalb gerade dort ? « » Nun , ich meinte nur – man hört so manches von drüben – besonders seit den letzten Tagen , Ich dachte , Sie hätten Auftrag , dort zu recherchieren . « Der Assessor wurde aufmerksam . » Was hört man ? Bitte , mein Fräulein , verbergen Sie mir nichts ! Janowo ist auch einer von den Orten , auf die man jetzt fortwährend ein Auge haben muß . Was wissen Sie davon ? « Der Doktor schob unmerklich seinen Stuhl etwas weiter zurück ; er kam sich vor wie der schwärzeste aller Verräter , Gretchen dagegen bewies ein wahrhaft erschreckendes Talent für die Intrigue . Sie erzählte nichts , aber sie ließ sich ausfragen und brachte so nach und nach mit der unschuldigsten Miene von der Welt all die Beobachtungen zum Vorschein , die sie in den letzten Tagen hier gemacht hatte , nur mit dem Unterschiede , daß sie den Schauplatz nach Janowo verlegte , dem großen Nachbargute , das unmittelbar an Wilicza grenzte , und ihr Plan gelang über Erwarten . Der Assessor biß auf den Köder an mit einem Eifer , der nichts zu wünschen übrigließ . Er las die Worte förmlich von den Lippen des jungen Mädchens ab ; er geriet in fieberhafte Aufregung und sprang endlich auf . » Entschuldigen Sie , Fräulein Margarete , wenn ich die Ankunft des Herrn Frank jetzt nicht abwarte ! Ich muß unverzüglich nach E. zurück – « » Aber doch nicht zu Fuß ? Es ist eine halbe Stunde Wegs dorthin . « » Nur kein Aufsehen ! « flüsterte Hubert geheimnisvoll , » Mein Wagen bleibt jedenfalls hier ; es ist besser , man glaubt mich noch bei Ihnen . Ich bitte , beim Abendessen nicht auf mich zu rechnen . Leben Sie wohl , mein Fräulein ! « und mit kurzem , hastigem Gruße eilte er davon und schritt gleich darauf über den Hof . » Jetzt geht er nach E. , « sagte Gleichen triumphierend zu dem Doktor , » um sich die beiden dort stationierten Gendarmen zu holen , und läuft mit ihnen geradeswegs nach Janowo – und da werden sie wohl alle drei herumlaufen bis in die Nacht hinein . Wilicza ist sicher vor ihnen . « Sie hatte sich in ihren Voraussetzungen nicht getauscht . Erst spät in der Nacht kehrte der Assessor von seinem Streifzuge zurück , den er richtig mit den beiden Gendarmen aus E. unternommen hatte , natürlich ohne jedes Ergebnis . Er war sehr verstimmt , sehr niedergeschlagen und vollständig erkältet . In der ungewohnten Nachtluft hatte er sich einen furchtbaren Schnupfen zugezogen und befand sich am nächsten Tage so unwohl , daß sogar Gretchen ein menschliches Rühren empfand . In reuevoller Aufwallung kochte sie ihm Thee und pflegte ihn den ganzen Tag hindurch mit einer Sorgfalt , die Hubert alles ausgestandene Ungemach vergessen ließ . Leider setzte sich dadurch aber bei ihm die nunmehr unumstößliche Ueberzeugung fest , daß er über alle Maßen geliebt werde . Auch Doktor Fabian kam im Laufe des Tages herüber , um nach dem Patienten zu sehen , und zeigte eine so ängstliche Teilnahme , ein so tiefes Bedauern über die Erkältung , daß der Assessor sehr gerührt und vollständig getröstet war . Er wußte ja nicht , daß er all diese Aufmerksamkeit nur den Gewissensbissen der beiden gegen ihn Verschworenen zu danken hatte , und fuhr schließlich noch mit dem Schnupfen , aber in sehr gehobener Stimmung , nach L. zurück . – – Im Schlosse hatte man natürlich keine Ahnung davon , wem eigentlich der Dank dafür gebührte , daß Schloß , Park und Umgebung auch an diesem Abend unbehelligt blieben . Ungefähr zu derselben Zeit , als Doktor Fabian und Fräulein Margarete ihr Komplott anstifteten , fand in den Zimmern der Fürstin Baratowska eine Familienzusammenkunft statt , die ein sehr ernstes Aussehen hatte . Graf Morynski und Leo waren in voller Reisekleidung ; ihre Mäntel lagen draußen im Vorzimmer , und der Wagen , der vor einer halben Stunde den Grafen und seine Tochter herübergebracht hatte , stand noch angespannt im Hofe . Leo und Wanda hatten sich in die tiefe Nische des Mittelfensters zurückgezogen und redeten leise und angelegentlich miteinander , während die Fürstin mit ihrem Bruder ein gleichfalls halblautes Gespräch führte . » Wie die Sache einmal liegt , halte ich es für ein Glück , daß die Verhältnisse eure schleunigste Abreise verlangen , « sagte sie , » schon um Leos willen , der den Aufenthalt in Wilicza nicht mehr ertragen würde , wenn Waldemar den Herrn herauskehrt . Er vermag sich nun einmal nicht zu beherrschen ; die Art , wie er meine Eröffnungen aufnahm , zeigte mir , daß es geradezu ein Unglück herbeirufen hieße , wollte ich ihn jetzt zu einem längeren Zusammensein mit seinem Bruder zwingen . Auf diese Weise begegnen sie sich vorläufig gar nicht , und das ist das beste . « » Und du selbst willst wirklich hier aushalten , Jadwiga ? « fragte der Graf . » Ich muß , « entgegnete sie . » Es ist das einzige , was ich jetzt noch für euch thun kann . Ich bin deinen Gründen gewichen , die mir den offenen Kampf mit Waldemar als nutzlos und gefährlich zeigten . Wir haben Wilicza als Mittelpunkt unsrer Pläne aufgegeben , wenigstens vorderhand , aber für dich und Leo bleibt es immer der Ort , wohin ihr eure Botschaften sendet und von wo euch Nachrichten zugehen ; die Freiheit wenigstens werde ich zu behaupten wissen . Im schlimmsten Falle bleibt das Schloß eure Zuflucht , wenn ihr genötigt sein solltet , euch wieder über die Grenze zu werfen ; auf diesseitigem Gebiete wird die Ruhe für diesmal ja nicht gestört . Wann gedenkt ihr die Grenze zu passieren ? « » Wahrscheinlich diese Nacht noch . Wir werden auf der letzten Försterei abwarten , wann und wie es möglich ist ; dorthin folgt uns heute abend auch der letzte Waffentransport , um vorläufig in der Obhut des Försters zu bleiben . Ich hielt die Vorsicht doch für geboten . Wer weiß , ob dein Sohn sich nicht einfallen läßt , übermorgen bei seiner Rückkehr das ganze Schloß zu durchsuchen . « » Er wird es rein finden , wie « – die Hand der Fürstin ballte sich in verhaltenem Ingrimme und ihre Lippen zuckten – » wie er es befohlen , aber ich schwöre es dir , Bronislaw , er soll diesen Befehl und seine Tyrannei gegen uns büßen . Ich habe die Vergeltung in Händen und auch die Zügel , wenn er etwa versuchen sollte , noch weiter zu gehen . « » Du machtest mir schon einmal eine solche Andeutung , « sagte der Graf , » aber ich begreife wirklich nicht , womit du eine solche Natur noch zähmen willst . Nach der Art , wie Wanda mir die Scene zwischen dir und Waldemar geschildert hat , glaube ich nicht mehr , daß er noch irgend einem Zügel gehorcht . « Die Fürstin schwieg . Sie schien nicht antworten zu wollen und wurde auch dessen überhoben , denn in diesem Augenblick trat das junge Paar aus der Fensternische zu ihnen . » Es ist unmöglich , Mama , Wanda umzustimmen , « sagte Leo zu seiner Mutter . » Sie weigert sich entschieden , nach Wilicza zu kommen , und will Rakowicz nicht verlassen . « Die Fürstin wandte sich mit strengem Ausdruck zu ihrer Nichte . » Das ist eine Thorheit , Wanda . Es ist seit Monaten bestimmt , daß du zu mir kommst , wenn diese längst vorhergesehene Abwesenheit deines Vaters eintritt . Du kannst und sollst nicht allein in Rakowicz bleiben . Ich bin dein natürlicher Schutz , und du wirst ihn aufsuchen . « » Verzeihung , liebe Tante , aber das werde ich nicht , « erwiderte die junge Gräfin . » Ich will nicht Gast eines Hauses sein , dessen Herr uns in solcher Weise gegenübersteht . Ich ertrage das so wenig , wie Leo . « » Glaubst du , daß es deiner Tante leicht wird , hier standzuhalten ? « fragte der Graf vorwurfsvoll . » Sie bringt uns das Opfer , weil sie uns Wilicza für den äußersten Fall sichern will , weil es überhaupt nicht aufgegeben werden darf , wenigstens für die Dauer nicht , und mit ihrem Fortgehen ist es uns verloren . Ich kann von dir wohl die gleiche Selbstüberwindung fordern . « » Aber weshalb ist denn gerade meine Gegenwart so unumgänglich notwendig ? « rief Wanda mit kaum unterdrückter Heftigkeit . » Die Rücksichten , denen sich die Tante beugt , gelten doch für mich nicht – laß mich zu Hause , Papa ! « » Gib nach , Wanda , « bat Leo , » bleibe bei meiner Mutter ! Wilicza liegt der Grenze um so vieles näher , ist um so vieles leichter zu erreichen ; wir können besser in Verbindung miteinander bleiben . Vielleicht mache ich es möglich , dich einmal zu sehen . Ich hasse Waldemar gewiß nicht weniger als du , seit er sich offen als unser Feind erklärt hat , aber um meinetwillen bezwinge dich und ertrage seine Nähe ! « Er hatte ihre Hand ergriffen . Wanda entzog sie ihm mit einer stürmischen Bewegung . » Laß mich , Leo ! Wenn du wüßtest , warum mich deine Mutter durchaus in ihrer Nähe haben will , du wärest der erste , der sich dagegen setzte . « Die Fürstin runzelte die Stirn , und ihrer Nichte rasch das Wort abschneidend , wandte sie sich zu dem Grafen : » So zeige endlich einmal die väterliche Autorität , Bronislaw , und befiehl ihr zu bleiben ! Sie muß in Wilicza bleiben . « Die junge Gräfin fuhr auf bei diesen mit voller Härte ausgesprochenen Worten , die sie augenscheinlich zum Aeußersten brachten . » Nun denn , wenn du mich dazu zwingen willst , so mögen mein Vater und Leo auch den Grund erfahren . Ich habe deine dunkeln Worte neulich nicht begriffen – jetzt verstehe ich sie . Ich soll der Schild sein , mit dem du dich deinem Sohne gegenüber deckst . Du glaubst , daß ich die einzige bin , die Waldemar nicht opfert , die einzige , die ihn zurückhalten kann . Ich glaube das nicht , denn ich kenne ihn besser als du , aber gleichviel , wer von uns recht hat – ich will die Probe nicht machen . « » Und ich würde das auch nun und nimmermehr dulden , « brauste Leo auf . » Wenn das der Grund war , so bleibt Wanda in Rakowicz und setzt keinen Fuß nach Wilicza . Ich habe geglaubt , Waldemars einstige Neigung sei längst begraben und vergessen ; ist sie es nicht – und sie kann es nicht sein , sonst wäre der Plan nicht gefaßt worden – so lasse ich dich auch nicht einen Tag in seiner Nähe . « » Sei ruhig ! « sagte Wanda , aber ihre eigene Stimme war nichts weniger als ruhig . » Ich lasse mich nicht wieder als bloßes Werkzeug gebrauchen , wie damals in C. Einmal habe ich mit diesem Manne und seiner Liebe gespielt ; zum zweitenmal thue ich es nicht . Er hat mich seine Verachtung fühlen lassen – ich weiß , wie das lastet , und doch handelte es sich damals nur um die Laune eines unbesonnenen Kindes . Wenn er jetzt einen Plan , eine Berechnung entdeckte und ich müßte das eines Tages in seinen Augen lesen – eher sterben als das ertragen ! « Sie hatte sich von ihrer Heftigkeit so weit fortreißen lassen , daß sie ihre ganze Umgebung darüber vergaß . Hochaufgerichtet , mit glühenden Wangen und flammenden Augen schleuderte sie die Worte so leidenschaftlich heraus , daß der Graf sie befremdet und die Fürstin bestürzt anblickte . Leo dagegen , der dicht an ihrer Seite stand , wich zurück ; er war bleich geworden , und in seinen Augen , die starr und fragend auf ihrem Antlitz hafteten , stand mehr als bloße Befremdung oder Bestürzung . » Eher sterben ! « wiederholte er . » Liegt dir so viel an Waldemars Achtung ? Verstehst du es so gut , in seinen Augen zu lesen ? Das ist doch seltsam . « Eine heiße Röte ergoß sich urplötzlich über Wandas Gesicht , sie mochte es wohl selbst nicht wissen , denn sie warf dem jungen Fürsten einen Blick ungekünstelter Entrüstung zu und wollte ihm antworten , als ihr Vater dazwischen trat . » Nur jetzt keine von deinen Eifersuchtsscenen , Leo ! « sagte er ernst . » Willst du uns den Abschied stören und Wanda noch in der letzten Minute beleidigen ? Da du jetzt auch darauf bestehst , so mag sie in Rakowicz bleiben ; meine Schwester wird euch in diesem Punkte nachgeben , aber nun kränke Wanda nicht länger mit einem solchen Verdachte ! Die Zeit drängt – wir müssen lebewohl sagen . « Er zog die Tochter an sich , und jetzt im Augenblicke der Trennung brach wieder die ganze Zärtlichkeit des ernsten , düsteren Mannes für sein einziges Kind hervor , das er mit tiefer , schmerzlicher Bewegung in die Arme schloß . Die Fürstin dagegen wartete umsonst auf die Annäherung ihres Sohnes ; er stand noch immer mit tiefverfinstertem Gesicht da , das Auge am Boden , und biß sich auf die Lippen , daß sie bluteten . » Nun , Leo , « mahnte die Mutter endlich , » willst du mir nicht lebewohl sagen ? « Er schreckte aus seinem Brüten empor . » Noch nicht , Mama ! Ich folge dem Onkel erst später ; er braucht mich fürs erste nicht . Ich will noch einige Tage hier bleiben . « » Leo ! « rief der Graf zürnend , während Wanda sich mit dem gleichen Ausdrucke aus seinen Armen emporrichtete , aber das schien den jungen Fürsten in seinem Trotze nur noch zu bestärken . » Ich bleibe , « beharrte er , » auf zwei oder drei Tage kann es unmöglich ankommen . Erst will ich Wanda selbst nach Rakowicz zurückgeleiten und die Gewißheit haben , daß sie dort bleibt , vor allen Dingen aber will ich Waldemars Ankunft abwarten und mir auf dem kürzesten Wege Klarheit verschaffen . Ich werde ihn über seine Gefühle für meine Braut zur Rede stellen ; ich werde – « » Fürst Leo Baratowski wird thun , was seine Pflicht ihm befiehlt , und nichts andres , « unterbrach ihn die Fürstin . Ihre kalte , klare Stimme stand im schärfsten Gegensatz zu dem wild erregten Tone des Sohnes . » Er wird seinem Oheim folgen , wie es bestimmt ist , und nicht eine Minute von seiner Seite weichen . « » Ich kann nicht , « rief Leo ungestüm , » Ich kann nicht fort mit diesem Argwohne im Herzen . Ihr habt mir Wandas Hand zugesagt , und doch durfte ich nie ein Recht auf sie geltend machen . Sie selbst hat darin immer kalt und unerbittlich auf eurer Seite gestanden ; sie wollte immer nur der Preis des Kampfes sein , in den wir gehen . Jetzt aber fordere ich , daß sie vorher öffentlich und feierlich sich zu meiner Braut erklärt , hier , in Waldemars Gegenwart , vor seinen Augen . Dann will ich gehen , aber eher weiche ich nicht aus dem Schlosse . Waldemar hat sich ja in einer so überraschenden Weise zum Herrn und Gebieter aufgeworfen , was ihm niemand zutraute ; er könnte sich einmal ebenso plötzlich in einen glühenden Anbeter verwandeln . « » Nein , Leo , « sagte Wanda mit zorniger Verachtung , » aber dein Bruder würde sich beim Beginne eines Kampfes sicher nicht weigern , seiner Pflicht zu folgen , und sollte es ihm auch Glück und Liebe kosten . « Das war das schlimmste , was sie überhaupt hätte aussprechen können , denn das raubte dem jungen Fürsten vollends die Fassung ; er lachte bitter auf . » O , ihm nicht ! Aber mir könnte es leicht beides kosten , wenn ich jetzt ginge und dich deiner schrankenlosen Bewunderung für ihn und sein Pflichtgefühl überließe . – Onkel , ich verlange Aufschub für meine Abreise , nur um drei Tage , und wenn du mir das versagst , so nehme ich ihn mir . Ich weiß , daß in der ersten Zeit noch nichts Entscheidendes geschieht , und zu den Vorbereitungen komme ich noch immer früh genug . « Die Fürstin wollte einschreiten , aber der Graf hielt sie zurück . Mit seiner vollen Autorität trat er vor den Neffen hin . » Darüber habe ich zu entscheiden und nicht du . Ich habe unsre Abreise für heute festgesetzt ; ich halte sie für notwendig , und dabei bleibt es . Wenn ich jeden meiner Befehle erst deiner Prüfung unterbreiten oder ihn von deinen Eifersuchtslaunen abhängig machen soll , so ist es besser , du gehst überhaupt nicht mit mir . Ich fordere jetzt den Gehorsam , den du deinem Führer zugesagt hast . Entweder du folgst mir noch in dieser Stunde , oder – mein Wort darauf ! – ich schließe dich von allem aus , worüber ich zu gebieten habe – du hast die Wahl . « » Er wird folgen , Bronislaw , « sagte die Fürstin mit finsterem Ernste , » oder er wäre mein Sohn nicht mehr . Entscheide , Leo ! Dein Oheim hält Wort . « Leo stand im heftigsten Kampfe da . Die Worte des Oheims , der gebietende Blick der Mutter wären vielleicht machtlos geblieben gegen seine furchtbar aufgereizte Eifersucht , aber er sah , daß auch Wanda sich von ihm abwendete – er wußte , daß sein Bleiben ihm ihre Verachtung eintragen würde , und das entschied . Er stürzte zu ihr und faßte wieder ihre Hand . » Ich – gehe , « stieß er hervor , » aber du gibst mir das Versprechen , während meiner Abwesenheit Wilicza zu meiden und meine Mutter nur in Rakowicz zu sehen , vor allem aber Waldemar fern zu bleiben . « » Das wäre ohnedies geschehen , « entgegnete Wanda in milderem Tone . » Du vergißt , daß nur meine Weigerung , in Wilicza zu bleiben , deine ganz grundlose Eifersucht verschuldet hat . « Leo atmete bei dieser Erinnerung auf . Ja freilich , sie hatte sich mit vollster Heftigkeit geweigert , die Nähe seines Bruders zu ertragen . » Du hättest mich besser überzeugen sollen , « versetzte er ruhiger . » Vielleicht bitte ich dir einst die Kränkung ab , jetzt kann ich ' s noch nicht , Wanda . « Er preßte ihre Hand krampfhaft in der seinigen . » Ich glaube es ja nicht , daß du jemals den Verrat an dir und an uns begehen könntest , diesen Waldemar zu lieben , unsern Feind , unsern Unterdrücker . Aber du sollst auch keine Regung der Achtung , der Bewunderung für ihn haben ; es ist schon schlimm genug , daß er dich liebt , und daß ich dich in seiner Nähe wissen muß . « » Du wirst deine Not haben mit diesem Feuerkopf , « sagte die Fürstin halblaut zu ihrem Bruder . » Er kann nun einmal das Wort › Disziplin ‹ nicht begreifen . « » Er wird es lernen , « erwiderte der Graf mit ruhiger Festigkeit . » Und nun leb wohl , Jadwiga ! Wir müssen fort . « Der Abschied war kurz und weniger herzlich , als er sonst wohl unter diesen Verhältnissen gewesen wäre . Der tiefe Mißklang , den die vorangehende Scene wachgerufen , ging selbst durch den Trennungsaugenblick . Wanda duldete es schweigend , daß Leo sie in die Arme schloß , aber sie erwiderte die Umarmung nicht , während sie sich doch gleich darauf mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit nochmals an die Brust ihres Vaters warf . Auch in den Abschied zwischen Mutter und Sohn drängte sich jener Mißklang . Es war eine Ermahnung , eine Warnung , welche die Fürstin Leo zuflüsterte , und sie klang so ernst , daß er sich rascher als sonst aus ihren Armen wand . Dann reichte der Graf seiner Schwester noch einmal die Hand und ging in Begleitung seines Neffen ; sie nahmen draußen im Vorzimmer die Mäntel um und stiegen in den harrenden Wagen . Noch ein Gruß zu den Fenstern hinauf und von dort hernieder , dann zogen die Pferde an , und bald verklang das Rollen der Räder in der Ferne . Die beiden Frauen waren allein . Wanda hatte sich in das Sofa geworfen und das Gesicht in die Kissen vergraben ; die Fürstin stand noch am Fenster und sah dem Wagen nach , der ihren Liebling davontrug , dem Kampfe , der Gefahr entgegen . Als sie endlich in das Zimmer zurücktrat , sah man es doch , was der Abschied ihr gekostet hatte , – sie behauptete nur mit Mühe die gewohnte äußere Ruhe . » Es war unverzeihlich von dir , Wanda , gerade in einer solchen Stunde an Leos Eifersucht zu appellieren , um mit seiner Hilfe deinen Willen durchzusetzen , « sagte sie mit bitterem Vorwurfe . » Du kennst ihn doch hinlänglich in diesem Punkte . « Die junge Gräfin hob den Kopf . Ihre Wangen zeigten noch die Spuren der eben vergossenen Thränen . » Du selbst zwangst mich dazu , Tante . Mir blieb kein andres Mittel , und überdies konnte ich nicht ahnen , daß Leos Eifersucht auch mir gelten , daß er auch mich mit einem solchen Verdachte beleidigen würde . « Die Fürstin stand vor ihr und sah sie durchbohrend an . » Beleidigte er dich wirklich damit