Gegnerin , die plötzlich den Gegenstand fallen ließ und ganz unvermittelt fragte : » Herr Professor , haben Sie einen Garten bei Ihrer Wohnung ? « » Ich ? Nein , ich wohne ja mitten in der Stadt , « sagte Normann verwundert über diese Frage . » Wir haben einen großen schönen Garten in Heidelberg . Er liegt am Bergeshang , und man sieht weit hinaus in das Neckarthal . Der letzte Winter war sehr hart , und bei dem strengen Frost sind so manche von unseren Blumen und Gesträuchen zu Grunde gegangen . Sie lagen ausgerodet auf einem Haufen und sollten gerade fortgeschafft werden , als ich eines Morgens herunterkam . Da gewahrte ich mitten unter all dem dürren Gestrüpp ein paar dürftige grüne Blättchen . Es war ein kleiner Rosenstrauch , der so traurig hervorlugte aus den vertrockneten Reisern , wo er nun auch verkommen sollte . Ich zog ihn hervor und brachte ihn unserem alten Gärtner , der gerade die Rosengebüsche umpflanzte ; doch der lachte mich aus und meinte , das Ding sei ganz erfroren und blühe nicht mehr , ich solle es nur in den Kehricht werfen . Aber mir that das arme Ding leid , das sich so gemüht hatte , auch ein paar armselige Blättchen zu treiben im ersten Frühlingssonnenschein und das nun doch vertrocknen und verderben sollte , während all seine Kameraden so lustig grünten . Ich pflanzte es selbst an den sonnigsten Platz und begoß es täglich . Es kränkelte wohl noch wochenlang und wollte nicht gedeihen , doch auf einmal fing es an zu treiben und grünte und wuchs , und zur Blütezeit stand es über und über voll Rosen . « Die sonst so helle Stimme des jungen Mädchens klang jetzt weich und verschleiert und die klaren braunen Augen blickten eigentümlich ernst in die des Professors , der keine Silbe erwiderte , aber sie unverwandt ansah . Nach einem minutenlangen Schweigen fuhr Dora leise fort : » Wenn ich in die hübschen blauen Augen des Friedel sehe , wie sie aufleuchten , sobald er nur irgend etwas vom Malen sieht oder hört , dann muß ich immer an meinen kleinen Pflegling denken mit seinen ersten dürftigen Trieben und seiner Rosenpracht . « Es trat wieder eine Pause ein , dann sagte Normann mit merkwürdig verändertem Tone : » Hm ! Ich werde mir die Geschichte überlegen . « Dora stand auf und nahm ihre Skizzenmappe . » Thun Sie das , Herr Professor ! Ich habe heute ein sehr , sehr grimmiges » Punktum « in Empfang genommen , ich will durchaus morgen ein ebenso grimmiges » Ja « mit auf die Reise nehmen – gute Nacht ! « Und nun erklang es wieder , das frische , übermütige Lachen , das den Professor so oft geärgert hatte und dem er doch lauschte wie einer Musik , und ohne eine Antwort abzuwarten , eilte das Mädchen davon und verschwand im Hause . Normann sah ihr einige Minuten lang unbeweglich nach , dann fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare , sonst seine Lieblingsbewegung , die ihm aber diesmal ein merkliches Unbehagen verursachte . » Ob ich denn wirklich so aussehe , wie der verwünschte Junge mich abkonterfeit hat ? « murmelte er . » Und zum Dank dafür soll ich ihm gar noch Unterricht geben lassen ? Wie sie das erzählte , die Geschichte von dem Rosenstrauch ! Man hätte das Mädchen beim Kopf nehmen mögen und « – hier hielt er inne , ganz entsetzt von dem ungeheuerlichen Gedanken , der ihm plötzlich aufstieg . Aber die schlimmen Gedanken haben es leider an sich , daß sie immer wieder kommen ; so ging es auch dem armen Professor , er kam nicht los davon , bis er sie endlich mit einem förmlichen Ingrimm abschüttelte . » Unsinn ! Wenn ich im Frühjahr nach Heidelberg komme , ist sie längst verlobt . Soll ich vielleicht die Herrlichkeit mit ansehen und meinen ergebensten Glückwunsch dazu abstatten ? Die Studenten machen ihr ja sämtlich den Hof , und die Herren Dozenten thun das auch , » mit ernsteren Absichten « – ich möchte der ganzen Gesellschaft den Hals umdrehen ! « schloß er wütend , mit einer entsprechenden Handbewegung , so daß Friedel , der eben in die Laube trat , erschrocken zurückprallte . » Herr Professor – ? « » Nun , dich meine ich nicht damit , brauchst dich nicht so zu fürchten , « brummte dieser . » Ich fürchte mich auch gar nicht mehr , « versicherte der Knabe treuherzig , allein sein Herr und Meister nahm das gewaltig übel . » So , also du hast gar keinen Respekt mehr vor mir , und das sagst du mir auch noch ins Gesicht ? Der Junge fürchtet sich nicht einmal mehr ! Das werde ich ihm doch wieder beibringen . Friedel , du kommst hierher ! « Friedel gehorchte , aber er guckte mit seinen blauen Augen ganz furchtlos den Professor an , der nichts Geringeres beabsichtigte , als ihm eine donnernde Strafpredigt wegen des lieblichen Bildes zu halten ; da kam ihm auf einmal wieder die Geschichte mit dem Rosenstrauch in das Gedächtnis und das Strafgericht verwandelte sich in einen ganz einfachen Auftrag . » Friedel , morgen reisen der Herr Professor und das Fräulein ab , da gehst du auf der Stelle und besorgst mir – « » Einen Blumenstrauß ! « fiel Friedel verständnisvoll ein . » Naseweis ! Was soll ich denn mit einem Blumenstrauß anfangen ? « fuhr ihn Normann an , » Mußt du denn immer darauf losschwatzen ? Eine Flasche Haaröl sollst du mir kaufen . « » Haar – öl ? « wiederholte Friedel , starr vor Verwunderung . » Nun ja – oder gibt es etwa nicht dergleichen in dem Neste hier ? « » Ich glaube wohl , beim › Kramer ‹ . « » So geh zum › Kramer ‹ ! « Friedel konnte sich noch immer nicht in den unglaublichen Auftrag finden . » Soll es eine kleine oder eine große Flasche sein ? « fragte er endlich . » Die größte , die zu haben ist , und nun mach , daß du fortkommst . – Halt , was hast du da in deiner Joppe ? « Der Knabe wurde dunkelrot und griff hastig nach seiner Joppe , aus der ein gewisses blaues Etwas hervorlugte , das er zu verbergen suchte , aber der Professor merkte diese Absicht und nahm es ihm fort . » Was soll denn das heißen ? Das ist ja der Schleier von Fräulein Doras Reisehut , den du vorhin erst in das Haus getragen hast ? Wie kommst du dazu ? « Die argwöhnische Frage brachte den Knaben noch mehr in Verwirrung ; er senkte schuldbewußt die Augen und stotterte : » Das Fräulein reist doch morgen ab , und da dachte ich – da wollte ich – « » Was wolltest du ? « fragte Normann hartnäckig , und nun gewann Friedel auf einmal Mut und fing ganz vergnüglich an zu schwatzen . » Fräulein Dora ist so gut zu mir gewesen , so gut , und hat gesagt , sie werde mich auch in Heidelberg nicht vergessen ; aber Heidelberg ist so weit und sie vergißt ' s gewiß , und da dacht ' ich an das , was der Sepp uns erzählt hat , damals auf der Alm , von dem Jäger , der den Schleier stahl . Der Sepp sagt , das geschieht noch heutzutage , man sollt ' es nur probieren , aber gestohlen müßt ' es halt sein – und da – hab ' ich ihn gestohlen . « » O du dummer Junge ! « fuhr der Professor in voller Entrüstung auf . » Bist doch ein Stadtkind und glaubst an solch hirnverrücktes Zeug ! Aber so seid ihr alle . Vernunft , die begreift ihr nicht ; doch wenn man euch mit dem krassesten Aberglauben kommt , darauf schwört ihr . Es ist ganz vergeblich , euch auf einen höheren Standpunkt heben zu wollen , ihr bleibt in eurer Dummheit . Du gehst jetzt sogleich und bringst Fräulein Dora den Schleier zurück – oder nein , ich werde das thun und ihr dabei erzählen , wie albern du dich dabei benommen hast . « Friedel ließ den Kopf hängen bei dieser Strafpredigt , er warf noch einen schmerzlichen Blick auf das seiner Meinung nach so wunderthätige Gewebe und schlich dann beschämt davon . Die Sonne war längst gesunken und auch das letzte Abendrot verblaßt . Leise kam die Dämmerung geschlichen und hüllte die Landschaft in ihre kühlen , grauen Schatten ; jetzt tauchte langsam hinter den Bergen der Mond auf , und tiefe Abendstille und Abendruhe umfing die Erde . Professor Normann saß noch immer in der Laube und ärgerte sich über den krassen Aberglauben des Volkes im allgemeinen und über den seines Friedel im besonderen , aber dabei hatte er immer noch den blauen Schleier in der Hand . Ganz recht , der alte Sepp hatte den Unsinn erzählt , damals auf der Alm . Normann erinnerte sich sogar noch deutlich der Worte : » So geht ' s noch heutzutag , wenn ein Bub was Liebes hat , dann muß er ihm den Schleier stehlen – ein Fürtuch thut ' s auch , wenn ' s ein Mädel aus den Bergen ist – dann vergißt ' s ihn nimmer . Er liegt ihm im Sinn Tag und Nacht und es kommt nimmer los von ihm – aber gestohlen muß es halt sein . « Der dumme Junge , der Friedel ! Als wenn das für einen vierzehnjährigen Burschen paßte , das hatte doch nur Sinn , wenn » was Liebes « ins Spiel kam ! Der Professor blickte noch immer unverwandt nieder auf das luftige Gewebe in seiner Hand . Er hatte es so oft gesehen auf den Bergwanderungen , wenn es die braunen Flechten und das rosige Antlitz umflatterte , nun war das zu Ende . Morgen war es verstummt , das helle , übermütige Lachen , und das rosige Gesicht verschwunden . Nun fing in Heidelberg das vergnügte Leben an in dem gastfreien Herwigschen Hause , dann kamen all die Studenten und mit den ernsteren Absichten die Dozenten , die der Tochter des Hauses den Hof machten , und dann kam der Winter mit den Gesellschaften und Bällen – da wurde die Reise , und was sonst mit ihr zusammenhing , natürlich vergessen – natürlich ! Der Mond warf jetzt seine ersten Strahlen durch das Blätterdach der Laube , er sah es allein , wie Professor Julius Normann , diese Leuchte der Wissenschaft , dieser erhabene Freigeist , stufenweise herabsank von seinem höheren Standpunkte , immer tiefer , bis zu dem vielgeschmähten krassen Aberglauben , Und dann kam ein Augenblick , wo der Mond eigentlich sein Antlitz hätte verhüllen müssen , um nicht zu sehen , was er doch sah . Besagter Professor blickte sich scheu um , faltete dann folgsam den blauen Schleier zusammen und barg ihn auf seiner Brust . Er schämte sich zwar vor sich selbst und seinem höheren Standpunkte noch viel mehr , als sich der Friedel vor ihm geschämt hatte , aber dabei hielt er die Hand fest auf die Brust gepreßt , um seinen Talisman zu hüten . Er hätte ihn nicht hergegeben , um keinen Preis der Welt , Der nächste Tag war sonnenhell angebrochen , die Gebirgskette zeigte sich in voller Klarheit , und der Garten lag taufunkelnd im Morgensonnenschein , es war ein herrliches Reisewetter . In dem Hause , das Herwig mit seiner Tochter bewohnte , war man mit den letzten Reisevorbereitungen beschäftigt ; es zeigte sich niemand am Fenster oder in der Thür , im Garten dagegen wandelte eine hohe Gestalt mit langsamen Schlitten auf und ab . Es lag sonst gar nicht in der Art des Professors Normann , so feierlich und würdevoll einherzuschreiten , er war im Gegenteil meist hastig und formlos in seinen Bewegungen , heute aber schien ihm diese feierliche Haltung eine Ehrensache zu sein , bei der Veränderung , die er mit seinem äußeren Menschen vorgenommen hatte . Er hatte in der That das Erstaunlichste geleistet , die » Urwaldmähne « war mit Hilfe des Haaröls gebändigt , nur hatte Norman , der ganz unbekannt mit diesem Verschönerungsmittel war , leider einen allzu ausgiebigen Gebrauch davon gemacht . Auf seinem Haupte glänzte es wie der Tau ringsum auf den Gebüschen , der sonst so starr emporstrebende Haarwuchs lag jetzt glattfromm gescheitelt über der Stirn und klebte förmlich an den Schlafen . Der Professor war kaum wiederzuerkennen , und es war nicht zu leugnen , daß sein Aussehen bedeutend an Grimmigkeit verloren hatte ; aber vorläufig fühlte er sich noch sehr unbehaglich in seiner nagelneuen » Menschlichkeit « . Friedel befand sich gleichfalls im Garten mit einem riesigen Blumenstrauß . Er wußte besser als sein Herr , was mit den Blumen anzufangen sei , wenn eine junge Dame abreiste , und hatte das Gärtchen seiner Wirtin nachdrücklich geplündert . Uebrigens war auch er in einer ungewöhnlichen Verfassung . Da der Herr Professor fast die ganze Flasche Oel verbraucht hatte zur Bändigung seines Haarwuchses , so hatte Friede ! die Erlaubnis erbeten und erhalten , sich nun seinerseits mit dem Reste zu verschönern . Auch seine blonden Haare glänzten , wenn auch in bescheidenerem Maße , und er kam sich wundervoll dabei vor . Da öffnete sich die Thür des Hauses , und Dora , schon im vollen Reiseanzuge , trat heraus . Sie nickte freundlich ihrem Schützlinge zu , den sie zuerst erblickte , und wollte eben seinen Morgengruß erwidern , als plötzlich Professor Normann vor ihr auftauchte und mit einer gewissen Feierlichkeit sagte : » Guten Morgen , Fräulein Dora ! « Dora wandte sich um , sah ihn an , stand einen Augenblick starr vor Verwunderung und brach dann in einen förmlichen Lachkrampf aus . » Aber mein Fräulein ! « Normann richtete sich tief beleidigt empor , er hatte eine ganz andere Wirkung seiner Erscheinung erwartet . » Entschuldigen Sie , Herr Professor – « die junge Dame bemühte sich vergebens , ihre stürmische Heiterkeit zu mäßigen . » Ich wollte Sie gewiß nicht – aber – o , das ist köstlich ! « Und sie erstickte fast vor Lachen . » Fräulein Dora , lachen Sie mich nicht wieder aus ! « rief der Professor drohend und wollte sich seiner Gewohnheit nach mit beiden Händen in die Haare fahren , besann sich aber noch rechtzeitig , daß das in seiner jetzigen Verfassung nicht angehe . Er preßte die Hände krampfhaft an den Körper und fuhr in einem beinahe wehmütigen Tone fort : » Sie haben es mir doch angeraten , das Haaröl , fast eine ganze Flasche davon habe ich verbraucht , und der Friedel hat den Rest genommen . « » Ja , der sieht auch aus wie ein Oelgötze ! « rief Dora und gab sich von neuem einer unbändigen Heiterkeit hin . Das war nun vollends eine Beleidigung , allein über den Professor schien mit jener Salbung eine ganz merkwürdige Sanftmut gekommen zu sein , denn anstatt aufzufahren , sagte er im Tone des tiefsten Vorwurfs : » Sie spotten – und ich habe es doch nur Ihretwegen gethan . « » Meinetwegen ? « – Dora wurde plötzlich ernst , ihr Auge begegnete dem seinigen und dann streckte sie ihm die Hand hin und erwiderte leise : » Dann will ich nicht mehr lachen . « Friedel hatte seinen Blumenstrauß , den er erst beim Abschied überreichen wollte , einstweilen in der Laube untergebracht und wunderte sich nur , daß der Herr Professor die kleine Hand , die in der seinigen lag , so lange festhielt . Dieser schien überhaupt heute morgen sehr friedlich gestimmt zu sein , denn er begann im eifrigen Gespräch mit dem Fräulein auf und ab zu gehen . Dem Knaben klopfte das Herz , jetzt kam gewiß die Geschichte mit dem Schleier zur Sprache – ob Fräulein Dora das wohl übelnahm ? Es war jedoch vorläufig weder von dem Schleier noch von dem Friedel die Rede in jenem Gespräch , denn Dora erwiderte soeben auf eine Bemerkung ihres Begleiters : » Papa meint , es hänge ja nur von Ihnen ab , ob Sie nach Heidelberg kommen wollen , und er werde sich freuen , wenn es geschehe . « » Ja , Kollege Herwig ! « sagte Normann mit etwas unsicherer Stimme . » Aber andere würden sich darüber nicht freuen , Ihnen zum Beispiel wäre es wohl gar nicht recht ? « » O gewiß , wenn Sie mir den Friedel mitbringen ! « » Schon wieder der dumme Junge ! « fuhr der Professor auf . » Der liegt Ihnen allein am Herzen . « » Seine Zukunft liegt mir am Herzen . Haben Sie sich die Geschichte überlegt ? « » Welche Geschichte ? « » Nun , ich zeigte Ihnen doch gestern das Bild , das Ihnen so wenig schmeichelhaft vorkam und das doch so charakteristisch ist in jeder Linie . Jetzt freilich hat die Ähnlichkeit bedeutend gelitten . « Es zuckte wieder verräterisch um die Lippen der jungen Dame , als sie einen Blick auf das gesalbte Haupt ihres Begleiters warf ; diesen aber schien die Erwähnung des Bildes sehr ungnädig zu stimmen , er nahm wieder die alte griesgrämige Miene an , als er entgegnete : » Es fällt mir gar nicht ein , dem Jungen die künstlerischen Mucken in den Kopf zu setzen , er ist schon übermütig genug geworden , der bleibt bei seiner Stiefelbürste . Reden Sie mir nicht darein , mein Fräulein , es bleibt dabei ! « » Punktum ! « ergänzte Dora . » Soll ich Ihnen einmal sagen , Herr Professor , was Sie zunächst thun werden , wenn Sie nach der Stadt kommen ? « » Wissen Sie das so genau ? « » Ganz genau . Sie werden schleunigst zu irgend einem namhaften Künstler gehen und das Talent des Friedel prüfen lassen , dann werden Sie ihn in die Zeichenschule bringen , werden aufs freigebigste für alles sorgen , was er braucht , und mir hierauf mit bekannter Grobheit melden , die Sache sei in Ordnung , sie gehe mich gar nichts mehr an und ich brauche mich überhaupt nicht mehr darum zu kümmern , – Was sagen Sie zu meiner Hellseherei ? « Normann sagte gar nichts . Es grenzte in der That an Hellseherei , daß man ihm seine geheimsten Gedanken und Absichten so ins Gesicht sagte , er war völlig verblüfft darüber . » Versuchen Sie nur nicht , es mir abzuleugnen , « fuhr Dora triumphierend fort . » Als wir damals den Aufstieg von der Alm aus unternahmen , hielten Sie mir eine lange Vorlesung darüber , daß es sehr erfreulich und nützlich für die Menschheit sei , wenn das › Jammerpflänzchen ‹ , der Friedel , so bald als möglich umkomme , und dann trugen Sie ihn eine Stunde lang in der glühenden Sonnenhitze , um ihm so bald als möglich Hilfe zu schaffen . Als er nach Schlehdorf gebracht wurde , und ich ihn pflegen wollte , wurden Sie grob und erklärten , Sie könnten das ganz allein besorgen . Sie haben auch die ganze Nacht an seinem Bette gesessen und ihm Umschläge gemacht . Jetzt bestehen Sie hartnäckig auf der Stiefelbürste , und sobald ich Ihnen den Rücken gewandt habe , bekommt der Friedel doch den Zeichenstift in die Hand . Sehen Sie nicht so grimmig aus , Herr Professor ! Ich glaube Ihnen nichts mehr , kein Wort , Sie haben bei mir verspielt mit Ihrer sogenannten Herzlosigkeit . « Norman hatte allerdings einen Versuch gemacht , die alte Grimmigkeit zu behaupten , aber es gelang ihm nicht , er fühlte das selbst und auf einmal beugte er sich nieder und fragte mit verhaltener Stimme : » Fräulein Dora , werden Sie bisweilen an mich denken ? « Der Ton der Frage war so ernst , daß er keine unbefangene Antwort zuließ , Dora senkte den Blick . » Ich denke , Sie kommen nach Heidelberg ? « » Vielleicht im nächsten Frühjahr . Jedoch bis dahin – haben Sie mich wohl längst vergessen . « » Nein ! « sagte das junge Mädchen leise , aber fest und hob langsam wieder die schönen braunen Augen empor ; sie tauchten tief in die des Fragenden , tief und ernst , und er mußte der Versicherung wohl Glauben schenken , denn seine Hand umschloß plötzlich mit festem leidenschaftlichen Drucke die ihrige . Da öffnete sich die Thür und Professor Herwig erschien . Auch er bemerkte mit dem höchsten Befremden die Oelpracht seines Kollegen , da er aber dessen Empfindlichkeit kannte , so äußerte er nichts darüber , sondern schüttelte ihm die Hand , während Dora in das Haus ging , um Hut und Handschuhe zu holen . Gleich darauf vernahm man drinnen ihre Stimme : » Wenn ich nur wüßte , wo mein Schleier geblieben ist ! Er war doch um den Hut gelegt , und jetzt finde ich ihn nirgends . « Friedel , der mit seinem Blumenstrauß soeben wieder herbeigekommen war , wurde blutrot und schielte ängstlich zu seinem Herrn hinüber . Jetzt mußte dieser doch den vermißten Schleier übergeben , was er bisher wahrscheinlich vergessen hatte , aber seltsamerweise geschah das nicht . Der Professor , der auf einmal auch merkwürdig rot im Gesicht aussah , wandte sich vielmehr zu seinem Kollegen und begann mit krampfhafter Lebhaftigkeit von irgend welchen Moosarten zu sprechen , zur Verwunderung Herwigs , der es etwas sonderbar fand , jetzt , im Augenblick der Abreise , ein wissenschaftliches Thema zu erörtern . Inzwischen war der Wagen vorgefahren , das Gepäck wurde herausgeschafft und aufgeladen , und die Wirtsleute mit ihrer ganzen Familie kamen herbei , um den scheidenden Gästen lebewohl zu sagen . Professor Normann aber war noch immer bei den Moosen , und Dora suchte noch immer ihren Schleier . Jetzt trat sie heraus und fragte : » Friedel , du hast ja meinen Hut gestern abend in das Haus getragen , hast du den Schleier nicht gesehen ? « Der arme Junge wagte nicht zu antworten und senkte schuldbewußt den Kopf ; da kam ihm die Hilfe von einer Seite , von wo er sie am wenigsten erwartet hatte . Sein Herr wandte sich plötzlich um , nahm ihm den Blumenstrauß ohne weiteres aus der Hand und sagte , ihn der jungen Dame überreichend : » Hier , Fräulein Dora , ein Abschiedsgruß von Schlehdorf ! « Das war ein glücklicher Gedanke , denn nun kamen die sämtlichen Hausbewohner mit ihren Blumensträußen gleichfalls herbei und umringten die Scheidenden . Es begann ein allgemeines Abschiednehmen und Händeschütteln , und darüber geriet der fehlende Schleier glücklich in Vergessenheit . Nur Friedel sah tiefgekränkt aus . Er hatte doch die Blumen gepflückt und zusammengebunden , und nun nahm sie ihm der Herr Professor weg und schenkte sie dem Fräulein , und er selbst stand mit leeren Händen da . Er fühlte sich erst einigermaßen getröstet , als Dora ihn herbeirief und aufs freundlichste von ihm Abschied nahm . Jetzt saßen die Reisenden im Wagen , noch ein letztes Winken und Grüßen , dann ging es fort , hinein in den sonnigen Morgen . Dem Friedel liefen die Thränen über die Backen , aber plötzlich fiel es ihm ein , daß der Weg um den ganzen See herum führe und daß man von der kleinen Anhöhe , am Ende des Gartens , den See überblicke . Er eilte spornstreichs dorthin , und der Professor , dem das gleichfalls einleuchtete , folgte ihm mit langen Schritten . Da standen sie nun beide und sahen dem Wagen nach , der in der That noch eine ganze Weile sichtbar war . Friedel schluchzte zum Herzbrechen , und Normann schalt ihn , aber dabei sah er aus , als hätte er mit dem trostlosen Jungen am liebsten ein Duett angestimmt . » Flenne nicht ! « sagte er endlich . » Im Frühjahr siehst du das Fräulein wieder . Wir gehen nach Heidelberg . « Friedels Thränen versiegten plötzlich , seine Augen leuchteten auf , und fast atemlos vor freudiger Ueberraschung fragte er : » Ich auch ? « » Natürlich ! Fräulein Dora würde mir ein schönes Gesicht machen , wenn ich dich nicht mitbringen würde , aber erst hast du gesund zu werden – verstanden ? Solch ein Jammerwesen , wie du jetzt noch bist , will ich nicht mitbringen ; ein dicker , rotbackiger Bube hast du zu werden , damit ich Ehre mit dir einlege , sonst gnade dir Gott ! « » Ich geb ' mir schon alle Mühe dazu , « versicherte der Knabe treuherzig . » Ja , das thut mancher ! « brummte der Professor – er sprach nicht aus , was er dachte : daß es jedenfalls leichter für den Friedel sei , dick und rotbackig , als für ihn selbst , » menschlich « zu werden , wie es von gewisser Seite gefordert wurde und leider mit Recht . Es ging doch nicht an , daß man ein grimmiger Sonderling , ein menschenfeindlicher Einsiedler blieb , wenn man – nun wenn man nach Heidelberg wollte . » Friedel , « sagte er , das Auge noch immer auf den schon weit entfernten Wagen gerichtet . » Wie war doch der Singsang , den du gestern gelernt hast , das Lied von Heidelberg ? Kennst du die Melodie noch ? « Friedel nickte und begann sofort mit seiner schwachen , aber wohllautenden Stimme : » Alt Heidelberg , du feine ! « Er hatte Text und Melodie noch vollkommen im Kopfe und sang ganz richtig die Strophe herunter ; aber als er damit zu Ende war , geschah etwas Unerhörtes , Unglaubliches , Herr Professor Normann fing selbst an zu singen . Ja , er sang wirklich und wahrhaftig , und als der Friedel ihn ganz entsetzt mit offenem Munde anstarrte , sang er allein den letzten Vers noch einmal . In greulich falschen Tönen , jedoch im kräftigsten Baß klang es über den See , dem eben verschwindenden Wagen nach : » Auch mir bist du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut , Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut ! « In seinem Studierzimmer zu Heidelberg ging Professor Herwig ungeduldig und ein wenig ärgerlich auf und ab . Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Uhr und dann trat er wieder an das Fenster , das auf die Straße hinausging . Der Bahnzug war schon vor geraumer Zeit eingetroffen , und die Reisenden , die er gebracht hatte , mußten längst in der Stadt sein , aber noch immer ließ sich kein Wagen vor dem Hause blicken . Man erwartete den Professor Normann , der die Berufung an die Universität Heidelberg nun in der That angenommen hatte und heute eintreffen sollte . Er kam vorläufig nur auf einige Tage , um die Übersiedlung vorzubereiten , die erst im nächsten Monat stattfinden sollte , und hatte für diesen kurzen Aufenthalt die angebotene Gastfreundschaft des Herwigschen Hauses angenommen . Jetzt aber schlug die Uhr zwölf , eine volle Stunde war über die festgesetzte Zeit verstrichen , und es blieb nur die Annahme übrig , daß der Professor aus irgend einem Grunde den Zug versäumt habe . Wahrscheinlich traf im Laufe des Tages eine Nachricht von ihm ein , jedenfalls kam er jetzt nicht mehr . Etwas verstimmt über diese Unpünktlichkeit verließ Herwig endlich das Zimmer , um seiner Tochter , die sich im Garten befand , mitzuteilen , daß der erwartete Gast ausgeblieben sei . Der Professor bewohnte eine der höher gelegenen Villen , und der Garten derselben , der am Bergeshang lag , bot den vollen Ausblick über die Stadt und deren Umgebung . Es war in den ersten Frühlingstagen , ringsum keimte , sproßte und grünte das Frühlingsleben . Die Bäume standen bereits in voller Blüte , überall , in den Gärten , zwischen den Häusern , am Bergeshang leuchteten die weißen oder zartrosigen Schleier , und drüben auf den Höhen schimmerte ein wahres Meer von duftigem Blütenschnee . Blitzend und funkelnd zogen die Wellen des Neckars dahin , im hellen Mittagssonnenschein , weit hinaus in das schöne Neckarthal , und wie in silbernen Duft eingehüllt verschwamm die Ferne . Das Lied hatte wohl recht , der Frühling hielt auf seinem Wege nach dem Norden wirklich hier Rast und webte der Stadt aus seinen Blüten » ein schimmernd Brautgewand « ! Herwigs Blicke schweiften mit stiller Freude über die Landschaft , die ihm so lieb geworden war . Er begriff es nicht , daß man gleichgültig dagegen sein konnte wie Kollege Normann . Ja dieser Sonderling machte ihm und der Universität vielleicht noch mancherlei zu schaffen . So hoch er dessen wissenschaftliche Bedeutung schätzte , so sehr er die Berufung als einen Gewinn ansah , so wenig verhehlte er sich , daß die Schroffheit und Rücksichtslosigkeit des neuen Professors vielfach verletzen werde . Dieser änderte sich schwerlich , wenn er in der neuen Stellung sein altes Einsiedlerleben fortführte und sich wie bisher hartnäckig jeder Geselligkeit verschloß . » Ich werde ihm noch einmal ins Gewissen reden , « sagte Herwig halblaut , » obwohl ich kaum glaube , daß es helfen wird . Ich komme allenfalls noch mit ihm aus , ob das aber auch den anderen möglich sein wird – « Er hielt urplötzlich inne und prallte förmlich zurück bei dem Anblick , der sich ihm bot . Auf einem kleinen rebenumsponnenen Altan , dessen Ranken die ersten zarten Blättchen trieben , stand seine Tochter und neben ihr – der vermißte Kollege , mit dessen Schroffheit und einsiedlerischen Neigungen er sich eben