alledem und alledem ihm noch angehörte , und wenn er das Recht auf ihren Besitz verwirkt hatte , so durfte ihr wenigstens kein Anderer nahen . Und nun mußte er hören , daß ein Anderer bereits die Hand nach dem Preise ausstreckte und Alles daran setzte , ihn zu erringen . Die Worte des Bruders deckten ihm schonungslos den Beweggrund auf , dem allein er es verdankte , daß Ella auf seine Flucht nicht mit dem Scheidungsantrage geantwortet hatte . Nur um des Kindes willen hieß sie noch seine Gattin , nicht weil noch eine Spur von Neigung für ihn in ihrem Inneren lebte . Und wenn sie nun endlich dennoch den einst vermiedenen Schritt that , wenn sie auch ihrerseits die Kette abstreifte , jetzt wo ein Cesario ihr die Hand bot , wer konnte sie hindern , wer durfte die Frau tadeln , [ WS 3 ] die nach Jahren endlich in einer besseren , reineren Liebe Ersatz suchte für den Verrath , den der Gatte an ihr geübt ? Die Gefahr lag nicht darin , daß Marchese Tortoni , der schön , reich und aus einem der edelsten Geschlechter das Ziel so mancher Bestrebungen war , seine Gemahlin zu einer glänzenden Stellung erheben konnte ; das konnte höchstens bei Erlau in Betracht kommen , aber Reinhold wußte , daß Cesario mit seinem edlen und durchaus reinen Charakter , mit seinem glühenden Enthusiasmus für alles Schöne und Ideale , wohl auch das Herz einer Eleonore gewinnen konnte , ja gewinnen mußte , wenn dieses Herz noch frei war , und diese Ueberzeugung raubte ihm jede Fassung . Es hatte einst eine Stunde gegeben , wo die junge Frau verzweiflungsvoll an der Wiege ihres Kindes auf den Knieen lag , mit dem vernichtenden Bewußtsein , daß ihr Gatte in diesem Augenblicke sie , das Kind und die Heimath verließ , um einer Anderen willen – die Stunde rächte sich jetzt an dem , der sie verschuldet , rächte sich in den Worten , die wie mit Flammenschrift vor seiner Seele standen : „ Du hast damit auch sie frei gemacht – vielleicht für einen Anderen . “ [ 571 ] Im Opernhause donnerte der Beifallssturm , und der Vorhang hatte sich noch nicht einmal gehoben . Es galt der Ouverture , deren letzte Töne soeben verhallten . Das Theater war überfüllt in all ’ seinen Plätzen mit alleiniger Ausnahme einer der kleinen Prosceniumslogen zunächst der Bühne ; dort befand sich nur ein einziger älterer Herr , vermuthlich irgend ein reicher Sonderling , dem es Vergnügen machte , den Alleinbesitz einer Loge an solchem Abende mit Gold aufzuwiegen , denn anders würde er schwerlich dazu gelangt sein . Im Uebrigen boten die blendend erhellten Räume und die Logenreihen mit ihrem reichen Damenflore ein glänzendes und vielgestaltiges Bild dar . Die Künstlerwelt wie die Aristokratie war vollständig vertreten . Alles , was die Stadt nur an Schönheiten , Berühmtheiten und Personen von Stand aufzuweisen hatte , war erschienen , um dem gefeierten Lieblinge der Gesellschaft einen erneuten Triumph zu bereiten , denn nur um einen solchen handelte es sich . Hier gab kein junger Künstler zaghaft sein Werk dem Beifalle oder dem Mißfallen des Publicums preis ; eine anerkannte und unbestrittene Größe im Reiche der Musik trat mit einer neuen Offenbarung ihres Talents vor die Welt hin , um damit einen neuen Sieg zu erringen . Diese Gewißheit lag sehr deutlich , wenn auch in ziemlich mißgünstiger Form , auf dem Gesichte des Maestro Gianelli ausgeprägt , der das Orchester leitete . Gleichwohl wagte er nicht , es an Eifer oder Aufmerksamkeit fehlen zu lassen . Er wußte zu gut , daß , wenn er versuchte , hier , wo doch immerhin ein Theil des Gelingens in seine Hand gelegt war , gegen den allmächtigen Rinaldo zu intriguiren , dies ihn seine Stellung , vielleicht seine ganze Zukunft kosten konnte , denn die Ungnade des Publicums war ihm in diesem Falle gewiß . So that er denn im vollsten Maße seine Schuldigkeit , und die Ouverture ging in vorzüglicher Ausführung zu Ende . Der Vorhang rauschte auf , und man huldigte bereits im Voraus dem Componisten durch ein erwartungsvolles Stillschweigen . Noch war der erste Act nicht zur Hälfte vorüber – und es war nicht Einer unter den Zuhörern , der Rinaldo nicht bereits die Tyrannei verziehen , mit der dieser über alle ihm zu Gebote stehenden Mittel verfügt und rücksichtslos seinen Ansichten Geltung verschafft hatte . Die Darstellung war eine in jeder Hinsicht vollendete , die Scenirung eine meisterhafte . Man fühlte es , daß eine andere Hand als die des gewöhnlichen Regisseurs hier gewaltet und den bloßen Theatereffect überall zu künstlerischer Schönheit veredelt hatte ; aber all ’ diese äußerlichen Vorzüge verschwanden vor der Gewalt , mit der das Werk an sich zu fesseln wußte . Es war vielleicht das Vollendetste , was Rinaldo in der ihm nun einmal eigenthümlichen Richtung je geschaffen hatte , einer Richtung , die von so Vielen bewundert und vergöttert und von so Manchem beklagt ward . Jedenfalls hatte er diesmal das Höchste geleistet auf jener Bahn , auf die ihn der Einfluß Beatricens gerissen ; ob es das Höchste war , was er überhaupt leisten konnte – diese Frage ging vorläufig noch unter in dem jubelnden Beifalle , mit dem das Publicum diese neue Schöpfung seines Lieblings begrüßte . War es doch auch hier wieder Rinaldo mit dem ganzen Feuergeiste seines Genies , von dem man nie recht wußte , ob es droben auf der Höhe des Ideals oder drunten in der Tiefe der Leidenschaft heimisch war , und der wieder alle Empfindungen des Menschenherzens aufwühlte , die zwischen diesen beiden Polen lagen . Der Sturm brauste über die nordischen Haiden hin , und die Brandung donnerte gegen die Küste . Wie die Nebel an den Uferhöhen hinziehen , so wogten und wallten die Töne chaotisch durcheinander , bis endlich aus ihnen eine traumhaft schöne Melodie emportauchte . Aber sie schwebte nur wie ein flüchtiges Nebelbild über dem Ganzen , nie vollendet , nie klar und voll austönend , und bald genug ging sie unter in anderen Klängen , die , nicht so rein und süß wie jene , doch mit fremdartig seltsamem Reize zu fesseln wußten . Die Nebel zerrissen , und aus ihnen hervor trat die dämonisch schöne Gestalt , welche die Hauptträgerin und der Mittelpunkt der ganzen Oper war . Ein lauter Beifall begrüßte das Erscheinen Signora Biancona ’ s auf der Bühne . Beatrice zeigte es heute , daß sie noch schön zu sein verstand , so schön , wie nur jemals im Beginne ihrer Laufbahn . Was die Kunst vielleicht dazu gethan hatte , kam ja hier nicht in Betracht , genug , die Erscheinung , die jetzt vor dem Publicum stand , war vollendet in jeder Hinsicht . Das halb phantastische , halb classische Costüm zeigte die Gestalt in ihrem ganzen Reize ; die dunkeln Locken wallten gelöst über die Schultern , und die Augen brannten in der alten verzehrenden Gluth . Und jetzt erhob sich diese Stimme , welche die Bewunderung fast ganz Europas gewesen war , voll und mächtig , den weiten Raum erfüllend – die Sängerin stand noch im Zenith ihrer Schönheit und ihrer künstlerischen Kraft . Glühender , feuriger rauschten die Melodien auf , und vor dem Publicum entrollte sich ein Tongemälde , das seine Farben [ 572 ] bald dem hellsten Sonnenlichte und bald der lodernden Gluth eines Kraters zu entlehnen schien . Es malte ein heißes , wildes Leben , dem der Becher bis an den Rand gefüllt war , und das ihn bis auf die Neige auskostete . Dieses Stürmen über alles Maß und Ziel hinaus , diese vulcanische Gluth der Empfindungen , dieses dämonische Spiel mit den Tönen riß die Zuhörer widerstandslos mit hinaus auf das tobende Meer der Leidenschaften , um sie dort zwischen Grauen und Entzücken , zwischen Himmel und Hölle ruhelos umherzuschleudern . Wohl klang es bisweilen daraus hervor wie Jubel und Triumph , aber dazwischen zuckten auch grelle Dissonanzen , und dann wieder wehten verlorene Klänge jener ersten Melodie herüber , die wie eine leise tiefschmerzliche Sehnsuchtsklage durch die ganze Oper ging . Wie ein Traum von Liebe und Glück durch die Seele des Menschen zieht , ohne je zur Wirklichkeit herabzusteigen , so verwehten und erstarben diese Töne in der Ferne , im Vordergrunde aber stand immer und immer wieder die eine Gestalt , die Rinaldo mit der höchsten dramatischen Gewalt ausgestattet hatte , in der er Meister war wie kein Anderer , die er mit dem ganzen Zauber seiner Melodien umgeben hatte , deren sinnlich bestrickender Reiz sich wie ein Bann auf die Seelen der Zuhörer legte . Und wenn irgend Eine , so war Beatrice dazu geschaffen , gerade diese Musik in ihrem innersten Sein und Wesen zu erfassen und zur Geltung zu bringen , sie , deren eigentlichstes Element die Leidenschaft war , die selbst als Künstlerin nur darin ihre Triumphe gesucht und gefunden hatte . Sie klang aus jedem Tone ihres Gesanges , bebte aus jeder Regung ihres Spiels , das sich zu einer dramatischen Höhe erhob , wie nie zuvor , während sie Haß und Liebe , Hingebung und Verzweiflung , Wuth und Rache mit ergreifender Wahrheit zeichnete . Es war , als ob ein Gluthstrom von dieser Frau ausgehe und sich dem Publicum mittheile , das halb entzückt , halb beängstigt ihrer Darstellung folgte . Noch nie war die Sängerin so eins mit ihrer Aufgabe gewesen , noch nie hatte sie diese so vollendet gelöst , wie diesmal . Freilich , es ahnte ja Niemand , um welchen Preis sie kämpfte , was sie antrieb , ihre beste Kraft einzusetzen . Galt es doch den zurückzugewinnen , den sie schon mehr als halb verloren hatte ! Er hatte die Künstlerin bewundert , ehe er die Frau lieben lernte , und die Künstlerin rief jetzt alle Macht ihres Talentes zu Hülfe , um die der Frau zu behaupten . Zum ersten Male war ihr der Beifallssturm gleichgültig , der jeder ihrer Scenen folgte ; zum ersten Male lag ihr nichts an den Huldigungen der Menge , sie wartete nur auf den einen Blick leidenschaftlichen Entzückens , der ihr so oft gedankt hatte an solchen Abenden – heute wartete sie vergebens . „ Signora Biancona übertrifft sich heute selber , “ sagte Marchese Tortoni begeistert zu dem Capitain Almbach , der sich in seiner Loge befand . „ So oft ich sie auch schon bewundert habe , so habe ich sie noch nie gesehen . “ „ Ich auch nicht , “ entgegnete Hugo einsilbig . Cesario blickte ihn mit unverhehltem Erstaunen an . „ Das klingt sehr kühl , Signor Capitano . Haben Sie keinen anderen Ausdruck der Bewunderung für diese Frau , die Ihrem Bruder so nahe steht ? “ Hugo ’ s Miene war in der That so kühl , wie sein Ton , als er ruhig antwortete : „ Das ist eben Reinhold ’ s Geschmack . Wir gehen bisweilen in unseren Ansichten sehr weit auseinander . Uebrigens wäre es ungerecht , Signora Biancona heute nicht unbedingt zu bewundern , und ich thue das gleichfalls , das heißt , vom Zuschauerraume aus . In der Nähe wäre mir eine solche über alles Maß hinausgehende Leidenschaft , die gar keine Grenze zu kennen scheint , doch etwas unheimlich . Ich kann mich nie ganz des Gedankens erwehren , daß Donna Beatrice einmal dieses allerdings meisterhafte Spiel in die Wirklichkeit übertragen und auch dort eine Art Medea sein könnte , die nur Tod und Verderben sprüht . Daß sie das kann , sieht man an ihren Augen , und – wenn ich auch sonst nicht gerade zu den Furchtsamen gehöre – zu lieben vermöchte ich eine solche Frau nicht . “ „ Und doch fordern gerade Rinaldo ’ s Werke diese flammende Darstellung , “ sagte der Marchese vorwurfsvoll , „ und dessen ist nur eine Biancona fähig . “ „ Ja wohl , sie ist von jeher sein Verhängniß gewesen , “ murmelte Hugo . „ Und er wird nie frei werden , so lange dieses Verhängniß über ihm waltet . “ Die beiden Herren hatten längst in der gegenüberliegenden Prosceniumsloge den Consul Erlau bemerkt , auch einen Gruß mit ihm ausgetauscht . Daß er nicht allein sei , davon ahnten sie so wenig , wie sonst Jemand aus dem Publicum , denn die Dame , welche sich in seiner Begleitung befand , saß tief im Hintergrunde der Loge , gänzlich verborgen hinter den Falten des zur Hälfte herabgelassenen Vorhanges , aber doch so , daß sie die Bühne vollständig überblicken konnte , und ihr Begleiter gebrauchte die Vorsicht , jedesmal , wenn er mit ihr sprach , aufzustehen und gleichfalls zurückzutreten . Sie wollte augenscheinlich das Gesehenwerden überhaupt und wohl auch einen Besuch der beiden Herren in ihrer Loge vermeiden . Ella hatte in der That die Erfüllung ihres Wunsches von Seiten des Pflegevaters erreicht . Sie kannte bisher nur Weniges und Unbedeutendes von den Compositionen ihres Mannes , einige Lieder und Phantasieen , sonst nichts . Das eigentliche Feld seines Schaffens und seiner Erfolge , die Oper , war ihr fremd geblieben . Im Gefühle der tödtlichen ihr widerfahrenen Kränkung hatte sie es nie über sich gewinnen können , Zeugin der Triumphe zu sein , die Rinaldo ’ s Opern auch in ihrer Vaterstadt feierten , jener Triumphe , die sich auf den Trümmern ihres Lebensglückes aufbauten , und was sie durch die Zeitungen oder durch Fremde , denen ihre nahen Beziehungen zu dem gefeierten Componisten nicht bekannt waren , davon erfuhr , senkte den Stachel nur noch tiefer in ihre Seele . Jetzt zum ersten Male trat ihr der Tondichter Rinaldo in dem genialsten seiner Werke entgegen ; jetzt lernte auch sie die Macht dieser Töne kennen , die so oft schon Freund und Feind bezwungen hatten und selbst die Gegner zur Bewunderung hinrissen , und der Eindruck war überwältigend . Halb vorgebeugt , in athemlosem Lauschen folgte die junge Frau jedem Tone der Musik ; war sie jetzt doch fähig , neben all den Schönheiten , welche sich ihr entschleierten , auch in die dunkeln Tiefen zu blicken , die sich darin aufthaten . Zum ersten Male verstand sie ganz und voll den Charakter ihres Gatten , diese glühende Künstlernatur mit all ihren Widersprüchen , mit ihrem Stürmen , Wogen und Drängen ; zum ersten Male begriff sie , was die tiefverletzte Frau bisher nicht hatte begreifen wollen , die innere Naturnothwendigkeit , die Reinhold zwang , sich aus den beengenden Fesseln des kleinbürgerlichen Alltagslebens loszureißen und dem Rufe seines Genius zu folgen , die diese Katastrophe für ihn zu einem Kampfe um Leben und Tod machte . Daß er dabei auch feste Bande zerriß , die ihm unter allen Umständen hätten heilig bleiben sollen , daß er der freien berechtigten Selbstbestimmung des Mannes die Schuld des Gatten und Vaters hinzufügte , der die Seinigen verließ , davon freilich sprach ihn auch der Genius nicht frei ; aber in dem Innern Ella ’ s tauchte jetzt leise mahnend die Frage auf : was sie selbst denn damals ihrem Gatten gewesen sei , um zu verlangen , er solle der Versuchung Stand halten , die in Gestalt einer Beatrice Biancona vor ihn hintrat , und was sie bieten konnte gegen eine Leidenschaft , deren glühende Romantik von jeher viel mehr den Künstler als den Mann beherrscht hatte . Die ihm angetraute Frau stand damals noch viel zu sehr unter dem Drucke ihrer Erziehung und Umgebung , um sich auch nur einigermaßen zu seiner Höhe erheben zu können ; – statt ihrer stand eine Andere da , im vollsten Glanze ihrer Schönheit und ihres Talentes , und diese Andere zeigte dem jungen Künstler die Bahn der Freiheit und des Ruhms – er war unterlegen ! Ella aber fühlte tief im innersten Herzen , daß er es nicht wäre , hätte sie ihm damals sein können , was sie heute war . Zum letzten Male hob sich der Vorhang , und bis zur letzten Note zeigte Rinaldo , daß er sich treu geblieben war . Der Schluß stand durchaus auf der Höhe des Ganzen und war von hinreißender Wirkung . Und dennoch fehlte dem Werke das Eine , Höchste , das all diese flammenden Blitze des Genies nicht zu ersetzen vermochten , die Versöhnung mit sich selber . Es hatte keinen Frieden und weckte keinen in der Seele der Zuhörer . Der Componist schien den Conflict , der ungelöst in seinem eigenen Inneren lag , auch auf seine Schöpfung übertragen zu haben ; es war doch schließlich nur ein Verzweifeln an dem Leben , an dem Glücke , an sich selber . Wenn die Sturmnacht ausgetobt hatte , schimmerte kein verklärendes Morgenroth , das einen neuen , besseren Tag verhieß ; auf der weiten öden Wasserwüste trieben nur die Trümmer umher , und an sie geklammert , erreicht der [ 573 ] Schiffbrüchige endlich wieder die Heimathküste – zu spät zur Rettung . Und wie er todesmüde und todeswund dort niedersinkt , da klingt noch einmal , wie mit Geisterlauten , aus weiter , unnahbarer Ferne jene Traummelodie zu ihm hernieder , zum ersten Male vollendet , zum ersten Male voll und ganz austönend – im Tode . Und die Klänge verwehen und ersterben leise , wie das Leben sich verblutet . Die Aufnahme der Oper von Seiten der Zuhörer ließ Alles hinter sich zurück , was Rinaldo je an Erfolgen errungen hatte . Bei einem Publicum des Südens freilich waren diese Musik und diese Darstellung des Triumphes sicher . Da zündete jeder Funke ; da flammte ein Feuer in das andere . Man hätte meinen sollen , der Beifall müsse sich doch endlich einmal erschöpfen , der Jubel sich endlich einmal mäßigen , aber heute schien selbst der glühendste Enthusiasmus noch einer Steigerung fähig zu sein . Nach jedem Actschlusse , nach jeder Scene brach er von Neuem hervor und endete schließlich in einem wahren Aufstande , mit dem das ganze Haus stürmisch das Erscheinen des Componisten forderte . Signor Rinaldo ließ lange auf sich warten , ehe er diesem Verlangen Folge leistete ; er ließ , trotz all der stürmischen Rufe , die ihm galten , Signora Biancona immer wieder allein vortreten . Erst am Schlusse der Oper , als das Rufen in ein Toben ausartete und der Ansturm der Begeisterung nicht länger zu bändigen war , erst da zeigte er sich und wurde nun vom Publicum in einer Weise begrüßt , die selbst den maßlosesten Ehrgeiz befriedigt hätte . Stolz und ruhig trat Rinaldo auf die Bühne ; fast unbewegt stand er inmitten all der begeisterten Huldigungen . Er hatte es längst gelernt , Triumphe als etwas ihm Gebührendes hinzunehmen , und so ungemessen der heutige war , er raubte ihm nicht einen Moment lang die Fassung . Seine dunklen Augen glitten langsam an den Logenreihen hin , plötzlich aber blieben sie gefesselt an einem Punkte haften . Es war , als ob ein elektrischer Schlag auf einmal das ganze Wesen des Mannes durchzucke , so schreckte er empor , und jetzt flammte sein Blick auf – jener Blick leidenschaftlichen Entzückens , für den Beatrice heute vergebens alle Macht ihres Talentes eingesetzt hatte – und wenn das blonde Haupt , das nur einen Augenblick sichtbar geworden war , auch im nächsten schon wieder verschwand , er wußte jetzt doch , wer sich hinter den Vorhängen jener Loge barg , wer Zeuge seines Triumphes wurde . „ Eleonore , das war unvorsichtig ! “ sagte Erlau , der gleichfalls von der Brüstung zurücktrat . „ Du beugtest Dich zu weit vor . Du bist gesehen worden . “ Die junge Frau gab keine Antwort ; sie stand aufrecht , mit beiden Händen die Lehne des Sessels umfassend , von dem sie sich in völliger Selbstvergessenheit erhoben hatte . Die großen , thränenvollen Augen waren noch unverwandt auf die Bühne gerichtet , wo Reinhold soeben nochmals vortrat , um dem Publicum zu danken , dieser jubelnden stürmisch erregten Menge , deren einziger Mittelpunkt er jetzt war . All diese tausend Augen waren auf ihn allein gerichtet ; all diese Lippen und Hände verkündeten ihm seinen Sieg , und während Lorbeerkränze und Lorbeerzweige zu seinen Füßen sanken , hallte sein Name , wie von einer brausenden Woge hoch emporgetragen , in tausendfachem Echo zurück . Bei dem – schen Gesandten fand eine große Soirée statt , die erste derartige Festlichkeit in der Saison . Durch die weiten und prachtvollen Räume des Gesandtschaftshôtels wogte eine zahlreiche Gesellschaft . In den lichtstrahlenden , blumendurchdufteten Salons rauschten die Schleppen und blitzten die Uniformen ; neben reizenden Frauengesichtern und vornehmen Ordensträgern sah man aber auch manche ernste bedeutende Männergestalt in einfacher Civiltracht , und unter all diesen längst bekannten Gestalten und Namen tauchten so manche fremde auf , die , je nach ihrer Erscheinung und ihrem Klange , eine größere oder geringere Aufmerksamkeit beanspruchten , um sich schließlich unter der Menge der Gäste zu verlieren . Auch Reinhold und Capitain Almbach befanden sich unter den Eingeladenen , und der erstere war auch hier wieder der Gegenstand allseitiger Huldigungen , wenn diese sich auch weniger ungestüm kundgaben , als neulich im Theater . Rinaldo galt längst in der Gesellschaft als eine Berühmtheit ersten Ranges . Seine neue Oper machte ihn vollends zum Löwen der Saison , und er konnte sich nicht zeigen , ohne sogleich von allen Seiten umringt und beglückwünscht zu werden . Mit ihm theilte die geniale Darstellerin seiner Schöpfung , Signora Biancona , die allgemeine Aufmerksamkeit . Leider kam man diesmal nicht in den Fall , den Ausdruck der Bewunderung beiden gemeinschaftlich darzubringen , denn sie schienen sich eher zu meiden als zu suchen . Aufmerksame Beobachter wollten behaupten , daß so etwas wie ein Zerwürfniß zwischen Beiden stattgefunden haben müsse , denn sie waren zu verschiedenen Zeiten gekommen und näherten sich fast gar nicht einander . Nichtsdestoweniger war auch die Künstlerin fortwährend von Huldigungen umgeben , an denen ihre Schönheit vielleicht einen nicht geringen Antheil hatte . Beatrice verstand es meisterhaft , sich zu „ drapiren “ , für den Salon nicht weniger wie für die Bühne , und wenn ihre Toilette auch gewöhnlich etwas Phantastisches zeigte , so entsprach dies so durchaus der Eigenart ihrer Erscheinung , daß sie nur um so hinreißender erschien . Die Sängerin trug , wie so viele ihrer Landsmänninnen , mit Vorliebe schwarze Kleidung , und hatte diese auch heute gewählt , aber die aus Sammet , Atlas und Spitzen zusammengesetzte Robe war dennoch von einer verschwenderischen Pracht , und auf dem dunklen Grunde funkelte ein reicher Juwelenschmuck . Einzelne purpurrothe Blüthen , scheinbar regellos hier und da in die Locken gestreut , schienen den schwarzen Spitzenschleier zu halten , und damit bildete der dunkle Teint der Italienerin und die lodernde Gluth ihrer Augen ein Ganzes , das , wenn es auf den Effect berechnet war , wenigstens diese Wirkung im vollsten Maße erreichte . „ Ah , Mr. Almbach , finde ich Sie hier ? “ fragte Lord Elton , der , glücklich endlich Jemand zu finden , mit dem er Englisch sprechen konnte , auf den Capitain zutrat . „ Ich wollte Sie bereits in diesen Tagen aufsuchen . Die neue Oper Ihres Bruders – “ „ Um Gotteswillen , Mylord , fangen Sie mir nicht auch noch davon an ! “ unterbrach ihn Hugo mit einer Geberde des Entsetzens . „ Seit dem Tage der Aufführung werde auch ich halb todt gequält mit dieser Oper meines Bruders ; alle Welt fühlt sich verpflichtet mich gleichfalls zu beglückwünschen . Wie oft habe ich schon eine Revolution , ein Erdbeben oder doch mindestens einen kleinen Vesuvausbruch herbeigewünscht , nur damit endlich einmal in der Gesellschaft von etwas Anderem gesprochen werde ! “ Der Lord schüttelte halb lachend , halb mißbilligend den Kopf . „ Mr. Almbach , Sie sollten das nicht so unumwunden aussprechen . Wenn ein Fremder Sie hörte , es könnte gemißdeutet werden . “ „ O , ich habe mir bereits verschiedene Male das Vergnügen gemacht , mir einige der ärgsten Bewunderer mit solchen Aeußerungen vom Leibe zu halten , “ versicherte Hugo ganz unbekümmert . „ Ich fühle mich durchaus nicht verpflichtet , als Opferlamm für die Popularität meines Bruders Jedem Rede zu stehen . Wie Reinhold diesen Triumph auf die Dauer aushält , begreife ich nicht . Künstlernaturen müssen in dieser Hinsicht wohl ganz absonderlich organisirt sein , meine Seemannsnerven wären längst unterlegen . “ Lord Elton schien auch heute wieder Vergnügen an der Laune des Capitains zu finden , denn er blieb beharrlich an dessen Seite und war ein zwar schweigsamer , aber sehr aufmerksamer Zuhörer bei all den Bemerkungen , die Hugo wie gewöhnlich schonungslos über alles Bekannte und Nichtbekannte ergoß . „ Wenn ich nur wüßte , weshalb Marchese Tortoni auf einmal in solch einer Kometenbahn durch den Saal bricht , “ spöttelte er . „ Die Thür drüben scheint der Magnet zu sein , der ihn unwiderstehlich anzieht – ah so ! Ja freilich , nun kann ich mir diesen Sturmlauf erklären . “ Die letzten Worte klangen in so unverkennbarem Aerger , daß auch der Lord aufmerksam nach dem Eingange blickte . Dort erschien jetzt Consul Erlau , der Ella am Arme führte ; Marchese Tortoni befand sich bereits an ihrer Seite , und alle Drei traten soeben über die Schwelle . Die junge Frau war in weißer , scheinbar sehr einfacher Toilette , aber man sah es , daß Erlau auch in Bezug auf seine Pflegetochter es liebte , sich als Millionär zu zeigen . Dieses weiße Spitzenkleid , das so duftig Ella ’ s zarte Gestalt umwogte , ließ die meisten jener schweren Sammet- und Atlasroben , welche durch den Saal rauschten , an Kostbarkeit weit hinter sich zurück , und die Perlenschnur , die den Hals Ella ’ s schmückte , war von einem so ungeheuren Werthe , daß [ 574 ] viele der funkelnden Juwelen davor verschwanden . Das Haupt der jungen Frau trug einzig seinen natürlichen Schmuck ; kein Diamant , nicht einmal eine Blume zierte die reichen blonden Flechten , deren matter Goldglanz so eigenthümlich reizend mit der zartrosigen Färbung des Teints harmonirte . Diese Gestalt bedurfte keiner berechneten Toilettenkünste , um sich schön zu zeigen , sie war es , ohne alle künstliche Unterstützung , und wenn die Blicke der Damen bald genug herausgefunden hatten , welch ein Werth sich hinter dieser anscheinend so einfachen Toilette barg , so hatten die Herren nicht weniger Augen für die Poesie der Erscheinung , die an ihnen vorüber schwebte . Die Drei waren etwa bis in die Mitte des Saales gelangt , als sich zufällig eine der Gruppen , deren Mittelpunkt Reinhold gewesen war , auflöste und dieser selbst hervortrat und fast unmittelbar seiner Frau gegenüberstand . Es war nicht die erste derartige Begegnung zwischen den beiden Gatten , und sie mußten an solchem Orte immerhin auf die Möglichkeit eines Zusammentreffens gefaßt sein . Bei Ella schien dies auch der Fall ; nur einen Moment lang bebte ihr Arm in dem ihres Begleiters , und eine fliegende Röthe kam und ging in ihren Zügen , dann aber glitt das große Auge ruhig weiter , und sie wandte sich zu dem Marchese , der ihr soeben die Namen einiger der Anwesenden nannte . Reinhold dagegen stand so fassungslos , als habe er die ganze Umgebung vergessen . Wenn ihm die jetzige Erscheinung seiner Frau auch nicht mehr fremd war , sie sah doch anders aus bei dem matten Lampenschimmer im Gartensaal der Villa Fiorina , bei dem düsteren Regenlichte der Veranda an jenem Sturmtage , und in dem halbdunklen Hintergrunde der Theaterloge . So hatte er sie noch nie gesehen , wie heute . Im blendenden Lichtmeer des Salons , im duftigen Festgewande und trotz des Ortes und der Umgebung wehte es zu ihm herüber , wie eine Erinnerung an jene traumhaft schöne Morgenstunde in Mirando , wo das Meer so tiefblau um die Terrasse des Schlosses wogte und der Blüthenduft aus den Gärten herüberzog , während die weiße Gestalt drüben an der Marmorbalustrade lehnte – freilich , ihr Antlitz war auch hier abgewandt , aber jetzt wandte sie es einem Anderen zu . Bei dem Anblick Cesario ’ s , der noch immer seinen Platz an ihrer Seite behauptete , zerstob Traum und Erinnerung ; vor Reinhold tauchten die Worte seines Bruders auf , die ihm seit jener Unterredung alle Ruhe raubten . „ Vielleicht für einen Anderen , “ klang es in seinem Inneren . Ein heißer drohender Blick fiel aus Cesario , und mit einer heftigen Bewegung in den kaum verlassenen Kreis zurücktretend , entzog er sich dem Gruße oder der Anrede des jungen Marchese . Dieser sah ihm betroffen nach . Er kannte nicht entfernt den Grund dieses plötzlichen Ausweichens , aber er ahnte längst schon , daß hier mehr zu Grunde lag als nur eine Feindschaft zwischen Rinaldo und Erlau , die er früher angenommen hatte . Es war ihm nicht entgangen , daß irgend eine geheime Beziehung zwischen seinem Freunde und Ella stattfand , und das heutige Zusammentreffen bestätigte nur zu sehr diese Annahme . Cesario war zu stolz , um wie Beatrice seine Zuflucht zum Spioniren zu nehmen , und so ertrug er denn eine Ungewißheit , deren Lösung von Ella oder dem Consul zu verlangen er noch kein Recht hatte , und die Rinaldo ihm nicht lösen wollte . Der deutsche Handelsherr war beinahe fremd in der Gesellschaft , dennoch begann die Erscheinung seiner Begleiterin bereits Aufsehen zu erregen . Erlau hatte allerdings die Stirn gerunzelt bei dem unerwarteten Anblicke Reinhold ’ s ; da er aber sah , daß Ella scheinbar ganz ruhig blieb , so gewährte ihm das Zusammentreffen eher eine Genugthuung . Der Consul war augenscheinlich sehr stolz auf seine schöne Pflegetochter und bemerkte sehr wohl