mich ganz wohl befinde , “ rief Max noch lauter , „ und daß von Lebensgefahr überhaupt gar nicht die Rede ist . Ich bin ein entschiedener Gegner dieser Behandlungsart ; ich halte sie für nutzlos , ja für schädlich . Sie können Gott danken , daß meine kräftige Natur diese Experimente ausgehalten hat , sonst hätten Sie den Tod eines Collegen auf dem Gewissen . “ Doctor Berndt wurde purpurroth vor Entrüstung . „ Es ist die Behandlungsart des Herrn Medicinalraths , die ich anwende . Der Herr Medicinalrath ist eine Autorität allerersten Ranges ; er nimmt die bedeutendste Stellung an der hiesigen Universität ein und hat die großartigsten Erfolge . “ Dabei erhob der kleine Arzt seine sanfte Stimme so laut und schrill , wie er nur konnte , aber es war vergebens , denn Max mit seiner kräftigen Lunge überschrie ihn . „ Der Herr Medicinalrath geht mich gar nichts an . Wir haben an unserer Universität in Z. noch viel bedeutendere Autoritäten und viel großartigere Erfolge . Aber wir stecken nicht mehr in der Tradition , wie die Herren hier in dem patriarchalischen R. – “ Die beiden Mediciner geriethen in einen Berufsstreit , der so heftig wurde , daß Frau Christine erschrocken aus dem Nebenzimmer herbeistürzte , aber sie blieb starr vor Verwunderung auf der Schwelle stehen bei dem Anblicke , der sich ihr darbot . Doctor Brunnow , der von Rechtswegen auf dem Sterbebette liegen sollte , saß aufrecht im Bette und überschüttete in höchst energischer Ausdrucksweise seinen Collegen mit einer wahren Fluth von medicinischen Behauptungen , Gründen und Beweisführungen . Der Herr College aber , der vor kaum zehn Minuten förmlich in das Zimmer geschwebt war , um den Todtkranken nicht zu stören , stand in höchster Aufgeregtheit vor demselben und focht mit beiden Armen in der Luft herum , während er vergebens versuchte , zu Worte zu kommen . Als ihm dies durchaus nicht gelingen wollte , ergriff er endlich seinen Hut und rief wüthend : „ Wenn Sie denn doch Alles besser wissen , Herr College , so behandeln Sie sich gefälligst selbst ! Ich soll dem Gouverneur Nachricht von Ihrem Befinden bringen ; ich werde Seiner Excellenz aber sagen , daß mir solch ein Patient noch nicht vorgekommen ist , der gestern noch für todt daliegt und heute mir und der ganzen hiesigen Facultät die größten Grobheiten an den Kopf wirft . Sie haben ganz Recht , eine Natur wie die Ihrige existirt nicht zum zweiten Male . Sie machen ja jede Diagnose zu Schanden – ich empfehle mich Ihnen ! “ Damit verließ er das Zimmer . Frau Christine , die nicht ein Wort von der ganzen Sache begriff , sah ihm verwundert nach und näherte sich dann dem Kranken . „ Aber was ist denn vorgefallen ? Der Herr Doctor läuft in voller Wuth fort und Sie – ? “ „ Lassen Sie ihn nur laufen ! “ sagte Max , sich ruhig zurücklehnend . „ Dieser Mensch und College will durchaus einen Todescandidaten aus mir machen und hätte mich beinahe umgebracht mit seinen unsinnigen Anordnungen . Jetzt werde ich meine Behandlung in die Hand nehmen und gleich damit den Anfang machen . – Beste Frau Christine , ich bitte Sie dringend und freundschaftlichst , bringen Sie mir irgend etwas zu essen ! “ – Es mochte eine Stunde später sein , als Agnes Moser nach einer kurzen und nur allzu nothwendigen Ruhe sich anschickte , ihren Platz am Krankenbette , von dem sie während der letzten Tage kaum gewichen war , wieder einzunehmen . Doctor Brunnow war inzwischen seiner ersten eigenen Verordnung mit einer Pünktlichkeit nachgekommen , die nichts zu wünschen übrig ließ , zur großen Freude der Frau Christine , welche fand , daß der Doctor sich ganz ausgezeichnet behandle . Sie redete ihm indeß vergebens zu , jetzt wieder zu schlafen ; Max behauptete , daß dies gar nicht nöthig sei , und unterhielt sich ausschließlich damit , die Thür anzusehen , durch welche Agnes eintreten mußte . Er gab dabei sehr unzweideutige Zeichen von Ungeduld , und als er sich beikommen ließ , in einer Viertelstunde drei Mal zu fragen , wo denn seine Pflegerin eigentlich bleibe , wurde auch Christine ungeduldig . Sie faßte den Patienten scharf in ’ s Auge und fragte ohne alle Umschweife : „ Herr Doctor , was ist das eigentlich mit Ihnen und Fräulein Agnes ? Die Sache ist nicht richtig – das habe ich längst gemerkt . “ Max zog es vor , gar keine Antwort zu geben , aber das half ihm wenig ; die Sprechende fuhr in ihrer derben Weise fort : „ Geben Sie sich nur keine Mühe , mir etwas weiß zu machen ! Ich bin nicht umsonst hier im Krankenzimmer ab- und zugegangen und habe es mit angesehen , wie das arme Kind sich fast zu Tode ängstigte , und wie Sie sich benahmen , sobald Agnes nur in Ihre Nähe kam . Ich weiß Bescheid , ganz genau Bescheid – das versichere ich Ihnen . “ „ Frau Christine , Sie sind eine äußerst kluge Frau , “ sagte der junge Arzt . „ Sie erzählen mir da Dinge , von denen ich selbst bis vor drei Tagen noch nicht das Geringste wußte und Fräulein Agnes ebenso wenig . Aber Sie haben leider Recht ; die Nemesis hat mich ereilt – ich bin hoffnungslos verliebt . “ Christine nickte . „ Das habe ich längst gewußt . Aber was denn nun ? Ich habe bisher noch nicht viel über die Sache nachgedacht , da Doctor Berndt Ihnen so entschieden das Leben abgesprochen hatte . Dann wäre ja doch Alles zu Ende gewesen . Da aber , wie es jetzt scheint , vom Sterben vorläufig noch keine Rede ist – “ „ Gar keine Rede ! “ schaltete der Patient ein . [ 390 ] „ So möchte ich Sie doch fragen , was denn nun eigentlich aus Ihnen und dem Fräulein werden soll ? “ „ Ein Ehepaar ! “ versetzte Max lakonisch . „ Was denn sonst ? “ Wider Erwarten entsetzte sich Frau Christine gar nicht über diese Antwort . Sie war , wie der Hofrath ihr oft genug vorwarf , ein Freigeist . Obgleich selbst Katholikin , war sie doch die Wittwe eines Protestanten und hatte im Laufe ihrer Ehe verschiedene ketzerische Grundsätze eingesogen , wozu unter Anderem auch eine entschiedene Abneigung gegen das Klosterleben gehörte . Sie hatte jenen Entschluß des jungen Mädchens nie mit günstigen Augen betrachtet und zog es unbedingt vor , ihr Fräulein im Myrthenkranze statt im Nonnenschleier zu sehen . Das Vorhaben des Doctor Brunnow , der ihr vom Anfang an gefallen hatte , erfreute sich also durchaus ihres Beifalls , dennoch schüttelte sie bedenklich den Kopf . „ Aber das geht nun und nimmermehr . Vergessen Sie denn ganz , daß Fräulein Agnes in ’ s Kloster gehen will ? “ „ Daraus wird nichts , “ entschied Max . „ Sie ist noch nicht drinnen , und ich werde schon dafür sorgen , daß sie nicht hinein kommt . Vor allen Dingen sagen Sie dem Fräulein noch nicht , daß ich mich besser befinde , und verschweigen Sie ihr auch den Streit mit meinem Herrn Collegen und den vortrefflichen Appetit , den ich vorhin entwickelt habe ! Ich werde ihr das selbst erzählen . “ Christine stutzte ein wenig bei dieser Weisung . „ Herr Doctor , Sie werden doch nicht so gewissenlos sein , und denn armen Kinde eine Komödie vorspielen ? “ fragte sie . „ Ich bin in solchen Dingen schrecklich gewissenlos , “ erklärte der Herr Doctor mit Seelenruhe . „ Uebrigens verlange ich Ihr Schweigen nur so lange , bis ich Fräulein Agnes selbst gesprochen habe , dann wird sich das Weitere schon finden . “ Das geforderte Versprechen konnte nicht mehr gegeben werden , denn Agnes trat in diesem Augenblicke ein . Sie sah in der That sehr blaß aus , und der trübe fragende Blick , den sie auf Christine richtete , verrieth ihre ganze Hoffnungslosigkeit . Mit leisem Schritt trat sie an das Bett des Kranken , beugte sich über ihn und fragte mit bebender Stimme , wie er sich befinde . Herr Doctor Brunnow hütete sich wohlweislich , die frischen Lebensgeister zu zeigen , die sich vorhin bei dem medicinischen Streite in ebenso überraschender , wie erfreulicher Weise geregt hatten . Er fand für gut , statt aller Antwort dem jungen Mädchen nur mit einer matten Bewegung die Hand entgegen zu strecken . Max wußte sehr genau , welchen mächtigen Bundesgenossen er in der vermeintlichen Todesgefahr hatte , und da er seinem eigenen Geständnisse nach „ schrecklich gewissenlos “ war , so besann er sich keinen Augenblick , die Situation praktisch auszunützen . Frau Christine fand allerdings , daß der Doctor ein ganz abscheulicher Mensch sei , aber sie war viel zu sehr mit dem Endzwecke dieser Abscheulichkeit einverstanden , um sich dagegen aufzulehnen . Sie berichtete daher nur , daß der Arzt dagewesen sei , aber keine neuen Verordnungen getroffen habe , und ergriff dann die erste Gelegenheit , das junge Paar allein zu lassen . Agnes hatte ihr Amt am Krankenbette wieder angetreten . „ Nehmen Sie die Arznei ! “ bat sie . „ Doctor Berndt hat mir die größte Pünktlichkeit darin anempfohlen ; er hat erst gestern diese neue Verordnung getroffen . “ „ Doctor Berndt giebt mich ja doch so wie so auf , “ entgegnete Max . „ Also ist es ganz unnöthig , daß ich seine Arznei nehme . “ „ Nein , nein , gewiß nicht ! “ beschwichtigte Agnes , deren angstvolle Züge freilich ihre Worte Lügen straften . „ Er sprach nur von einer Gefahr , die möglicher Weise eintreten könnte – “ „ Ich habe ihn heute Morgen selbst gesprochen , “ unterbrach sie der junge Arzt , „ und aus seinem eigenen Munde sein Urtheil gehört . Er hält meine Wunde für tödtlich . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 25 , S. 405 – 408 Fortsetzungsroman – Teil 17 [ 405 ] Agnes setzte die Arzneitasche nieder und verbarg das Gesicht in den Händen ; man hörte ein halbersticktes Schluchzen . „ Agnes – würde es Ihnen wehe thun , wenn ich stürbe ? “ Die Frage kam mit einer ganz eigenthümlichen Weichheit von den Lippen des Doctor Brunnow , zu dessen Eigenschaften die Weichheit sonst durchaus nicht gehörte . Er erhielt keine Antwort , aber das Schluchzen wurde heftiger und leidenschaftlicher ; jetzt ergriff er die Hände des jungen Mädchens und zog sie von dem thränenüberarömten Antlitze , während er fortfuhr : „ Ich fürchte , ich habe Ihnen bereits so viel verrathen , daß Sie sich nicht scheuen dürfen , mir einzugestehen , wem diese Thränen gelten . Freilich weiß ich erst seit den letzten drei Tagen unter Ihrer Pflege , wie es eigentlich um mich steht , oder darf ich sagen – um uns Beide ? “ Das junge Mädchen war an dem Bette auf die Kniee gesunken und drückte das Gesicht in die Kissen . Statt zu antworten , weinte sie nur immer trostloser und verzweiflungsvoller , aber sie ließ es ruhig geschehen , daß der Kranke den Arm um sie legte und sie leise an sich zog . Und jetzt geschah das Unerhörte – Max Brunnow erging sich , mit schnödester Verleugnung seines Programms und seiner sämmtlichen Paragraphen , in einer Liebeserklärung , die von Wärme und Innigkeit überströmte und nur den einen Fehler hatte , daß sie in dieser Form und Lebendigkeit unmöglich aus dem Munde eines Todtkranken kommen konnte . Die arme Agnes freilich war viel zu erregt , um darüber auch nur nachzudenken , und überdies hatte Doctor Berndt ihr die Hoffnungslosigkeit des Falles so nachdrücklich eingeprägt , daß sie gar nicht mehr wagte , dem Gedanken an Hoffnung Raum zu geben . Sie hielt die Lebhaftigkeit des Patienten für fieberhafte Aufregung und glaubte gleichfalls nur ein letztes Aufflackern der Lebenskraft vor dem Erlöschen zu sehen . „ Ich werde Sie nie vergessen , “ schluchzte sie . „ Was ich Ihnen im Leben nie eingestehen durfte , das darf ich jetzt im Angesichte des Todes bekennen , eine ewige , unaussprechliche Liebe über das Grab hinaus . Es ist ja keine Sünde , an einen Abgeschiedenen zu denken und mit den Gebeten auch die Grüße in das Jenseits hinüberzusenden – und das werde ich Tag für Tag thun , wenn die stillen Klostermauern mich umfangen . “ So innig und rührend dieses Geständniß auch klang , so wenig zufrieden war Max damit . Es lag durchaus nicht in seinen Wünschen , blos als abgeschiedener Geist geliebt zu werden , und die Grüße und Beziehungen in das Jenseits hinüber waren nun vollends nicht nach seinem Geschmacke . „ Das wäre für den Fall meines Todes , “ sagte er . „ Wie nun aber , wenn ich am Leben bliebe ? “ Agnes hob die dunklen thränenvollen Augen mit dem Ausdrucke der höchsten Betroffenheit zu ihm empor . Sie hatte offenbar an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht . „ Ich glaube , das wäre Ihnen gar nicht einmal recht , “ rief Max ärgerlich . „ Mir ? – o mein Gott ! “ brach das junge Mädchen aus . „ Ich würde ja gern mein eigenes Leben hingeben , um das Ihrige zu retten , wenn es möglich wäre . “ „ Das Leben hinzugeben ist gar nicht nöthig , “ erklärte Max , dem jetzt doch das Gewissen schlug , als er den Schmerz des armen Mädchens gewahrte . „ Sie sollen nur eine thörichte , unsinnige Idee aufgeben , die uns Beide unglücklich machen wird , wenn Sie darauf beharren . Agnes , Sie täuschen sich , wenn Sie meinen Zustand für hoffnungslos halten . Er ist kaum jemals gefährlich gewesen , und seit heute Morgen ist nun vollends jedes Bedenken geschwunden . Wenn ich Sie noch eine Viertelstunde lang in Ihrem Irrthume ließ , so geschah es , weil ich um jeden Preis das Geständniß Ihrer Gegenliebe haben wollte . Der Genesende hätte es nie erhalten – das wußte ich . Er hat es aber nun einmal gehört und hält Sie fest bei Ihrem Worte . Es nützt Ihnen gar nichts , wenn Sie jetzt zurücknehmen und widerrufen wollen . Sagen Sie mir zehnmal Nein , es hilft Ihnen nichts – Sie werden doch meine Frau . “ Agnes fuhr erschrocken auf . „ Niemals ! Davon kann nie die Rede sein . Ich gehöre ja dem Kloster an ; ich werde in Kurzem dahin zurückkehren . “ „ Das werde ich mir verbitten , “ fiel der junge Arzt ein . „ Das Kloster hat gar nichts dareinzureden . Noch sind Sie zum Glücke vollkommen frei . Sie haben noch kein Gelübde abgelegt . “ „ Ich habe es mir selbst abgelegt . Ich habe es der Aebtissin und meinem Beichtvater versprochen , und dieses Versprechen bindet mich so fest , wie nur irgend ein Schwur am Altare . “ „ Ich bin ganz damit einverstanden , daß ein Schwur am Altare geleistet wird , “ versetzte Max , „ aber ich muß dabeisein und ich schwöre mit , wie das bei Traungen üblich ist . Wenn die Frau Aebtissin und der Herr Beichtvater dazwischen kommen wollen , so haben sie es mit mir zu thun . Ich werde schon [ 406 ] mit ihnen fertig werden ; ich fahre zwischen die ganze geistliche Gesellschaft , daß – “ „ Um Gottes willen werden Sie nicht so heftig ! “ bat das junge Mädchen mit einer wahren Herzensangst . „ Die Aufregung kann Ihnen ja gefährlich , tödtlich werden . Werden Sie ruhiger ! Ich beschwöre Sie . “ „ Erst müssen wir im Klaren mit einander sein , “ erklärte Doctor Brunnow in seiner alten dictatorischen Weise , und nun drang er auf Agnes mit ebenso viel Behauptungen und Gründen ein , wie vorhin auf seinen Collegen , und bewies ihr so sonnenklar , sie sei seine Braut und müsse unter allen Umständen seine Frau werden , daß das arme Mädchen , ganz verwirrt und betäubt , schließlich anfing zu glauben , er habe Recht , und die Sache verhalte sich wirklich so . Es hätte auch einer energischeren Natur bedurft , um hier Widerstand zu leisten , wo der vermeintlich Sterbende , von dem man eben erst Abschied für das Leben genommeu und mit dem man höchstens noch Beziehungen im Jenseits unterhalten wollte , urplötzlich mit einem höchst irdischen Heirathsantrage herausrückte und einen wahren Sturmlauf auf das Jawort unternahm , das man ihm versagen wollte . Agnes weinte zwar noch immer ; sie blieb bei ihrem Nein und bei der Erklärung , daß sie in ’ s Kloster gehen wolle , als Max sich aber nicht im Mindesten daran kehrte , sondern sie in seine Arme zog und küßte , ließ sie sich das ganz geduldig gefallen , und Max selbst schien überhaupt gar keinen Zweifel mehr an seinem Siege zu hegen , denn er sagte halblaut mit einem tiefen Athemzuge : „ Das wäre glücklich durchgesetzt . Gesegnet sei die Dummheit meines Herrn Collegen ! “ Doctor Brunnow sollte leider bald genug die Erfahrung machen , daß diese gepriesene Eigenschaft des Herrn Collegen auch zu ernsteren Verwickelungen führen konnte . Der Tag verging vollkommen ruhig , und der Patient befand sich trotz aller vorhergegangenen Aufregung so vortrefflich , daß auch Agnes anfing , an die noch immer bezweifelte Thatsache seiner Rettung zu glauben . Es war gegen Abend und draußen dunkelte es bereits , als das junge Mädchen mit einer Lampe , deren Licht sorgfältig gedämpft war , in das Zimmer trat und Max benachrichtigte , es sei soeben ein älterer Herr , ein gewisser Doctor Franz erschienen , der sich angelegentlich nach seinem Befinden erkundige und ihn zu sehen verlange . Er komme im Auftrage eines Collegen und wolle sich unter allen Umständen persönlich von dem Zustande des Doctor Brunnow überzeugen , dem er hier einige Worte sende . Max nahm die übersandte Karte , die nur wenige , mit Bleistift geschriebene Worte enthielt , und sagte gleichgültig : „ Doctor Franz ? Ich glaube , mein verehrter College kann den unerhörten Fall von heute Morgen nach immer nicht begreifen und läßt ein förmliches Protokoll darüber aufnehmen . Ich werde den Herrn “ – er hielt plötzlich inne . In dem Moment , wo sein Auge auf die Handschrift fiel , zuckte er zusammen und der Ausdruck eines tödtlichen Schreckens prägte sich in seinen Zügen aus , während er die Karte krampfhaft in der Hand zusammendrückte . Agnes , die soeben den Schirm von der Lampe gehoben hatte , um das Lesen zu ermöglichen , und ihn jetzt wieder senkte , wurde aufmerksam . „ Was ist denn ? “ fragte sie unbefangen . „ Kennst Du diesen Doctor Franz ? “ Man war nämlich trotz aller Klosterideen doch im Laufe des Tages glücklich bei dem Du angelangt . „ Ja ! Ich kenne ihn von früher her , “ erklärte Max , sich gewaltsam fassend , aber es gelang ihm nicht , seiner Stimme die gewohnte Festigkeit zu geben . „ Ich will ihn jedenfalls sprechen , augenblicklich , aber – noch eine Bitte , Agnes ! Laß uns allein , so lange er bei mir ist , und sorge dafür , daß wir nicht gestört werden ! “ Agnes sah etwas betreten aus . Max hatte sie während des ganzen Tages kaum eine Minute von seiner Seite lassen wollen und jetzt sandte er sie fort . Zum Glück war das Licht im Zimmer zu gedämpft , als daß sie die mühsam verhaltene Aufregung des jungen Mannes hätte wahrnehmen können ; sie beruhigte sich daher bei dem Gedanken , daß es sich hier jedenfalls um eine ärztliche Besprechung handele , und ging hinaus , um dem Ankömmlinge mitzutheilen , daß er erwartet werde . Gleich darauf trat der Fremde ein , eine hagere , etwas gebeugte Gestalt mit grauem Haare . Er schloß rasch die Thür hinter sich und eilte dann mit einer fast stürmischen Bewegung auf den Kranken zu , der sich aufgerichtet hatte und ihm beide Hände entgegenstreckte . „ Papa ! Um Gotteswillen , wo kommst Du her ? Wie konntest Du ein solches Wagniß unternehmen ! “ Doctor Rudolph Brunnow legte statt aller Antwort den Arm um die Schulter seines Sohnes und musterte mit angstvollem Forschen dessen Züge . „ Es geht Dir wieder besser ? Ich hörte es schon draußen – Gott sei Dank ! “ „ Aber woher weißt Du denn von meiner Verwundung ? “ fiel Max ein . „ Du solltest ja überhaupt nichts davon erfahren , bis Alles glücklich vorüber war . Ich wollte Dich nicht nutzlos ängstigen . “ „ Ich erhielt gestern ein Telegramm Deines Arztes . Er theilte mir mit , Du seiest schwer verwundet , Dein Zustand höchst bedenklich ; ich müsse mich auf das Schlimmste gefaßt machen – eine Stunde darauf war ich unterwegs und bin mit dem nächsten Courierzuge hierher geeilt . “ „ Dieser verwünschte College ! “ fuhr Max wüthend auf . „ Ist es nicht genug , daß er mich und meine ganze Umgebung mit diesem Unsinn gequält hat , muß er auch Dich noch damit hierherjagen ? Hätte ich nur heute Morgen eine Ahnung davon gehabt , ich hätte ihn noch ganz anders in ’ s Gebet genommen . “ Doctor Brunnow sah seinen Sohn mit sprachlosem Erstaunen an , dann aber athmete er tief und freudig auf . „ Nun , wenn Du noch so losbrechen kannst , dann wird es hoffentlich nicht allzu schlimm stehen . Ich fürchtete , Dich ganz anders zu finden . Ist denn die Gefahr so schnell beseitigt worden ? “ „ Es ist ja gar keine Gefahr dagewesen . Ein etwas heftiges Wundfieber , einige Schwäche in Folge des Blutverlustes – das war das Ganze . Jetzt aber sage mir , Papa – “ „ Später ! Erst will ich Deine Wunde untersuchen , “ unterbrach ihn der Vater , noch immer in sichtbarer Aufregung . „ Ich bin nicht eher ruhig , bis ich mich selbst überzeugt habe . “ Er löste den Verband und begann die Wunde zu besichtigen . Während der Untersuchung hellte sich seine Stirn immer mehr auf , und endlich schüttelte er leise den Kopf . „ Du hast Recht . Die Wunde ist ziemlich tief und mag im Anfange einige bedenkliche Erscheinungen gezeigt haben ; lebensgefährlich ist sie nicht . Ich begreife Deinen Arzt nicht . “ „ Gnade Gott den Patienten , die dem in die Hände fallen ! “ sagte Max nachdrücklich . „ Aber ich begreife nicht , wie Du Dich trotz dieses unglückseligen Telegramms zum Kommen entschließen konntest . Du weißt ja doch , daß Du hier geächtet bist , daß die damalige Verurtheilung noch in voller Kraft besteht . Sobald man Dich erkennt , wirst Du verhaftet und wieder auf die Festung gebracht . “ „ So beruhige Dich doch nur ! “ beschwichtigte Brunnow . „ Es ist durchaus keine Entdeckung zu fürchten ; ich habe die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen . Ich bin als Doctor Franz in einem Gasthofe der Vorstadt abgestiegen und bin überdies ganz fremd hier in der Stadt . Es kennt mich Niemand persönlich , ausgenommen – “ sein Antlitz verfinsterte sich , „ ausgenommen der Gouverneur , und mit dem werde ich schwerlich zusammentreffen . Wir haben alle Ursache uns zu meiden . “ „ Gleichviel ! Mit jeder Stunde , die Du hier zubringst , setzest Du Deine Freiheit , Deine ganze Existenz auf das Spiel . Hast Du denn gar nicht daran gedacht , als Du diese Reise wagtest ? “ „ Nein ! “ entgegnete Brunnow , dessen Stimme in tiefer , innerer Bewegung bebte . „ Ich hörte , daß mein einziger Sohn dem Tode nahe sei , und sagte mir als Arzt , daß ich vielleicht noch eine Möglichkeit finden würde , ihn zu retten – da hatte ich keine Zeit an meine eigene Sicherheit zu denken . “ Max schloß die Hand des Vaters feat in die seinige , und in seinen Augen schimmerte es feucht , als er antwortete : „ Ich glaubte nicht , daß ich Dir so viel gelte . Verzeih , Papa ! Aber ich zweifelte bisweilen an Deiner Liebe zu mir und habe es nicht um Dich verdient , daß Du Dich so aufopferst . Ich habe Dir Sorge und Aerger genug gemacht mit meinem Starrkopfe , der sich der väterlichen Autorität längst nicht mehr beugen wollte . “ Der Vater machte eine abwehrende Bewegung . „ Laß das ruhen , Max ! Wir wollen vergessen , was bisher zwischen uns lag . [ 407 ] Mir haben diese letzten vierundzwanzig Stunden mit ihrer Todesangst gezeigt , was es heißt , das Einzige zu verlieren , was mir von allen Lebenshoffnungen und Lebensfreuden noch übrig geblieben ist . Klage Dich nicht an ! Auch ich bin oft ungerecht gegen Dich gewesen und habe es nie begreifen wollen , daß Deine Natur so ganz anders geartet ist , als die meinige . Ich denke aber , diese Stunde hat Dir trotz alledem gezeigt , was Du Deinem Vater bist . – Werde mir nur gesund , dann ist ja Alles gut . “ Er beugte sich nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn des Sohnes , eine Zärtlichkeit , die seit langer , sehr langer Zeit nicht mehr zwischen ihnen üblich war . Max hatte seit seinen Knabenjahren kaum jemals eine Liebkosung des Vaters empfangen , und er erwiderte sie jetzt mit der wärmsten Herzlichkeit . „ Du sollst in Zukunft nicht mehr über den Starrkopf , den Realisten zu klagen haben , “ sagte er leise . „ Ich vergesse es nie , Papa , was Du um meinetwillen gewagt hast . Jetzt aber versprich mir , auf der Stelle wieder abzureisen . Du hast Dich ja nun überzeugt , daß für mich keine Gefahr vorhanden ist , aber über Deinem Haupte schwebt sie fortwährend , so lange Du diesseits der Grenze bist . Ich bitte Dich nochmals , kehre zurück , sobald wie möglich ! “ „ Ich reise morgen , erklärte Brunnow , aber ich komme jedenfalls in der Frühe noch einmal , um Dich zu sehen . Keine Einwendungen , Max ! Quäle Dich doch nicht mit nutzlosen Sorgen ! Ich sage Dir ja , daß keine Entdeckung zu fürchten ist . Für jetzt freilich werde ich Dich verlassen . Du bedarfst dringend der Ruhe und hast Dich schon mehr aufgeregt , als für Deinen Zustand gut ist . “ „ Pah , mir schadet das nichts ; ich habe eine ausgezeichnete Natur , “ versetzte Max . Er dachte daran , daß er heute schon ohne allen Schaden eine erbitterte medicinische Fehde und eine Verlobung durchgemacht hatte , zog es aber vor , dem Vater für jetzt noch nicht von seinen Herzesangelegenheiten zu sprechen , und fuhr daher fort : „ Du warst wohl nicht wenig überrascht , mich hier im Regierungsgebäude aufsuchen zu müssen ? “ „ Allerdings , und der Name des Hofrath Moser , der , wie ich höre , ein Beamter der Regierungskanzlei ist , war mir völlig unbekannt . Vermuthlich hast Du während Deines hiesigen Aufenthaltes die Bekanntschaft dieses Herrn gemacht und bist mit ihm befreundet ? “ „ Befreundet sind wir gerade nicht allzusehr , “ meinte der junge Mann in etwas trockenem Tone . „ Dieser Hofrath ist ein wahres Prachtexemplar von Loyalität , das Ideal eines Bureaukraten . Er bekommt schon Nervenzufälle , wenn er nur das Wort ‚ Revolution ‘ hört , und wies mir gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft die Thür , weil ich einen staatsgefährlichen Namen trage . “ „ Um so mehr ist es anzuerkennen , daß er Dich trotzdem in seinem Hause aufnahm . Wir sind ihm Beide tief verpflchtet . Leider kann ich ihm nicht persönlich danken – “ „ Um des Himmels willen nicht ! Er wittert alles Revolutionäre aus zehn Schritt Entfernung , und obgleich er Dich nicht kennt , würde sein Loyalitätsinstinct ihm untrüglich verrathen , daß ein Hochverräther in seiner Nähe ist . “ „ Max , sprich nicht in solchem Tone von dem Manne , der Dir Aufnahme und Pflege gewährte ! “ sagte Brunnow verweisend . „ Du bist und bleibst der Alte . Bei alledem hast Du eine wahre Riesennatur , die wohl auch einen Erfahreneren als Deinen bisherigen Arzt in Erstaunen setzen kann . Wenn Deine Wunde auch nicht gerade das Leben bedroht , so ist sie doch immerhin ernst genug , um jedem andere Patienten die Lust am Sprechen vollständig zu vertreiben , und Du ergehst Dich in Malicen gegen Deinen Gastfreud . “ Max dachte bei sich selber , daß er die Aufnahme wohl anderen Einflüssen verdankte , als dem Willen des Hofraths , sprach das aber nicht aus , sondern trieb mit einer leicht begreiflichen Unruhe den Vater zum Gehen und zur größten Vorsicht . Doctor Brunnow , der selbst einsah , daß sein längeres Bleiben auffallen müsse , gab dem Wunsche nach . Er nahm eine kurze herzlichen Abschied von seinem Sohne und ging dann . Er war soeben im Begriff die Moser ’ sche Wohnung zu verlassen , als ihm draußen im Entréezimmer der Hofrath selbst entgegentrat . Er näherte sich ruhig dem Fremden und sagte dann in fragendem Tone : „ Herr Doctor Franz ? “ Brunnow machte eine bejahende Bewegung . „ Das ist mein Name – und ich habe wohl das Vergnügen , den Herr